Herz auf Eis (Isabell Autissier)

Samstag, 12.05.2018

Nicht wehren konnte ich mich gegen diese Bilderflut. Der Lektüre dieses außergewöhnlichen Romans verdanke ich sie. Wie aus dem Nichts, und in null komma nix, ist sie in mir aufgestiegen, wie perlendes Wasser …

Bereits über das Beitragsbild habt ihr mit mir diese Welt betreten, über den Anleger von Pyramiden, einer Geisterstadt umgeben von Gletschern, gute tausend Kilometer vom Nordpol entfernt. Dem Verfall preisgegeben, unwirklich, empörend und faszinierend gleichermaßen. Springt ab auf meinen Blog und staunt mit mir über meine Fotos von damals. Wer Lust hat, findet die fünf Logbücher meiner Reise und einen ausführlichen Bericht über unsere Wanderung durch Pyramiden dort ebenfalls.

Alle anderen entführe ich derweil an den Rand der Antarktis, wo sich Königspinguin und Robbe „Gute Nacht“ sagen:

Foto Pyramiden, Quelle: Petras Bücher-Apotheke, Logbuch 2017

Herz auf Eis

Die Diät aus ranzigem Fisch, Vogel- und Robbenfleisch, Muscheln, Schnecken und Algen, die ihnen diese Insel aufzwang, ließ allmählich ihre Kräfte schwinden, ihre Muskeln vergehen. Für die Finanzbeamtin und Hobby-Bergsteigerin und den Eventmanager hätte dieses Sabbatjahr das Abenteuer ihres Lebens werden sollen. Welch Ironie!

Ludovics Hunger nach mehr Leben war es, der Luise aus Furcht ihn zu verlieren, schließlich hatte mitziehen lassen. Verliebt wie sie war. Dumm genug, wie sie jetzt fand. Fast ein Jahr lang hatten sie den Trip geplant, ein Boot gekauft, ihre Jason, segeln wollten sie von Frankreich über die Antillen, dann Patagonien, Kap Horn, Kapstadt. Frei sein. Hier wollten sie dann entscheiden, ob und wie es weiter gehen würde, wieder nach Hause in ihr altes Leben oder weiter mit der Jason Richtung Indien.

Alles war glatt gelaufen, sie fühlten sich leicht und unbeschwert, ohne die Zwänge der Neuzeit. Ihr Handy hatte man ihnen geklaut und sie hatten keines mehr gekauft. Ohne GPS-Sender mit dem man sie hätte tracken können waren sie tatsächlich grenzenlos frei. Alles war glatt gelaufen, bis heute. Bis zu diesem Ausflug auf die verbotene Insel Stromness. Das zu England gehörende, gebirgige Naturschutzgebiet und Tierparadies in der Antarktis war dereinst eine betriebsame Walfängersiedlung gewesen. Heute wurde es ausschließlich in der warmen Jahreszeit noch von Forschern angelaufen, Touristen und Besuchern war der Zutritt untersagt. In den 1950er Jahren hatte man die kleine Stadt aufgegeben, das grausige Schlachten erst beendet, nachdem die Wal-und Robbenbestände nahezu ausgerottet waren.

Ihre Jason lag draußen auf dem Meer vor Anker, ihr Beiboot hatte sie mühelos an den Strand getragen, an diesem klaren, herrlichen Januartag, einem Sommertag auf dieser Erdhalbkugel. Sie waren auf den Gletscher gestiegen, staunend wie die Kinder, die erhabene Schönheit dieses Ortes am Ende der Welt betrachtend. Als der Sturm aufkam schafften sie es nicht mehr zurück zur Jason zu rudern. Die Brandung warf sie immer wieder an Land. So hatten sie Schutz gesucht in den maroden Behausungen der einstigen Walfängersiedlung und waren erst am nächsten Morgen wieder ins Freie getreten. Der blitzblanke Ozean hatte vor ihnen gelegen, als sei nichts geschehen, mit einer Ausnahme – ihr Schiff war nicht mehr da …

Isabelle Autissier geb. 1956 in Paris – gehörte zu den nomminierten Autoren für den Prix Concourt 2017 mit ihrem Herz auf Eis. Pressestimmen vermelden man erobere sich hier lesend eine Extremerfahrung und dem stimme ich zu!

Befragt man Wikipedia, erfährt man dort, dass Autissier 1991 von sich reden machte, als sie als erste Frau im Rahmen einer Regatta allein die Welt umsegelte. Davor hatte sie bereits 1986 einhand den Atlantik in ihrer Segelyacht überquert.

Ihr Roman Herz auf Eis ist getragen von einer Authentizität, die ich mir nur so erklären kann, dass diese Frau genau weiß was Einsamkeit bedeutet. Auf sich allein gestellt bei einer Weltumsegelung, tagelang, wochenlang, den Naturgewalten ausgesetzt.

Von jetzt auf gleich schneidet sie die beiden Hauptfiguren in ihrem Roman von jeglicher Zivilisation ab. Sie kappt ihnen die Verbindung zu elektrischem Licht, Wärme, zu fließendem Wasser. Zur Kommunikation läßt sie ihnen nur noch einen Gesprächspartner, den eigenen Lebensgefährten. Sie wirft sie auf sich selbst zurück, wenn dieser zusammenbricht, hilflos und machtlos, den Naturgewalten ausgeliefert, am anderen Ende der Welt.

Die Tage erhalten eine völlig andere Struktur, die Nahrungsbeschaffung rückt in das Zentrum des Tagesablaufs, nimmt ihn nahezu gänzlich ein. Man tötet was man ißt, mit den eigenen Händen. Lebensmittel die bis gestern jederzeit verfügbar waren, sind allesamt gestrichen. Die Ratio wird ausgeschaltet, die Instinkte und der pure Überlebenswille übernehmen. Er tritt an die Stelle aller Gefühle, schafft sich Raum. Die Scham, die aufflammt, betrachtet man das eigene Handeln, die blutigen Hände, wird von diesem Willen im Keim erstickt.

Kälte, Mangelernährung und Einsamkeit – auf den ersten Blick ist es schwer vorstellbar, wie die Beiden da heutzutage so stranden können, ausgeliefert ohne Satelitten-Telefon und GPS in unserer so modernen, aufgeklärten Zeit. Selbstüberschätzung, Ignoranz, oder einfach nur Dummheit? Was hat sie in diese Lage gebracht? Das zu bewerten überläßt die Autorin uns, ihren Lesern. Sie zeigt nur auf, was geschieht. Mit den Beiden, die die Schuldfrage ihrer Robinsonade offen und laut diskutieren. Die bei ihrem Kampf ihre Liebe verlieren, sich mitleidig aneinander klammern.

Wie schnell wir oftmals schon, und das in unserem wohlgeregelten Alltag, die Geduld miteinander verlieren. Was würde da eine solche Ausnahmesituation mit uns anstellen? Nicht nur einmal habe ich mir diese Frage gestellt. Wie ich selbst wohl gehandelt hätte? Nicht das man das je erleben will. Bewahre!

Was die einen zerbricht, läßt die anderen erstarken, über sich selbst hinauswachsen. Was ist da in uns angelegt? In wem von uns schlummert was?

Autissier zitiert zum Ende ihres Romans George Orwell aus seinem Roman 1984 und läßt einen Satz zum Schlüssel für ihre Hauptfigur werden. Lange habe ich darüber gegrübelt, auch wie ich meinen Beitrag hier beende. Ich lasse diese Sätze daher einfach mal so stehen:

  • Der Weg ist schwer, der Weg ist weit,
  • Doch kann ich nicht zurück;
  • Wer einmal dein ist, Einsamkeit,
  • Dem bist du Tod und Glück ….

Quelle: Hermann Hesse, Die Gedichte, Insel-TB S. 763, Einsamkeit

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Nordwasser (Ian McGuire)

Sonntag, 06.05.2018

Eine Mischung aus Floss der Medusa und Moby Dick? Oder eher eine Story à la Meuterei auf der Bounty im Nordland? Was erwartet mich wohl hier?

Derzeit bin ich irgendwie auf Seefahrer-Geschichten abonniert, vielleicht auch, weil mich in den letzten Wochen wieder das Fernweh gepackt hat, und ich mit Wehmut an unsere Schiffs-Reise im letzten Sommer von Norwegen über Spitzbergen nach Island zurückdenke.

Damals hat mich auf Höhe der Insel Jan Mayen früh am Morgen der Staubsauger des Kabinen-Stewarts geweckt und ich konnte so, noch vor dem Frühstück, einen traumhaft schönen Ausblick auf dieses beeindruckende Eiland werfen. Bequem vom Balkon eines Kreuzfahrtschiffes aus, bei stahlblauem Himmel und strahlendem Sonnenschein, ist dieses heutige Naturschutzgebiet und Tierparadies eine wahre Augenweide:

Eingefügt: Foto Jan Mayen, Quelle Petras Bücher-Apotheke, Reise-Logbuch 2017.

Im heute hier vorgestellten Abenteuer passiert der Walfänger Volunteer nach zehn Tagen Sturm, bleiernem Himmel und Eisregen, auf seinem Weg nach Grönland, ebenfalls Jan Mayen.

(Da hatte ich doch eindeutig die besseren Bedingungen!)

Nordwasser von Ian McGuire

1859 nordwestlich von England, im Eismeer. Als der Wind nachließ, das Schiff endlich aufhörte zu schlingern, zu rollen und sich nicht mehr gegen die Wellenberge stemmen musste, fragte sich der frisch gebackene Schiffsarzt Patrick Sumner, der beinahe die ganze Zeit nach dem Ablegen kotzend unter Deck verbracht hatte, was er sich da wirklich eingebrockt hatte. War er doch davon ausgegangen, dass diese Reise für ihn eine Ferienfahrt werden würde. Die Anwesenheit eines Arztes auf einem Walfänger sei ja lediglich eine formaljuristische Angelegenheit, so ging jedenfalls die Rede. Gerade erst dem Militärdienst in Indien, wo er die Truppen ihrer Majestät zusammengeflickt hatte entkommen, wollte er jetzt mit Hilfe seiner Reise-Ration Opium, sowie der nordischen Landschaft Ruhe und Abstand gewinnen.

Soweit sein Plan, der jedoch bereits bei seinem ersten Landgang eine Delle bekam, wurde er doch in eine Kneipenschlägerei verwickelt und auf’s Heftigste „demoliert“. Ein gewisser Henry Drax und der erste Offizier halfen ihm danach in seine Kajüte, legten ihn in seine Koje und – spionierten zwischen seinen Sachen. Schon bald pfiffen die beiden Teufelsbraten durch die Zähne, entdeckten sie doch am Grund von Dr. Sumners Schiffskiste seine Armee-Entlassungspapiere mit dem Vermerk „unehrenhaft“ und einen riesigen, mit kostbaren Edelsteinen besetzten Ring …

In einem Dunst aus Fürzen und verschüttetem Bier waren wir Henry Drax in einer Taverne zum ersten Mal begegnet. Seine letzte Nacht an Land hatte er mit Huren, Schnaps und dem Mord an einem Shetlander verbracht. Was ihn kalt ließ, denn wenn sie sein Opfer mit eingeschlagenem Schädel in diesem Kohlenkeller finden würden, wäre er längst weg, mit der Geldbörse des Saufkumpans in seiner Tasche, auf dem Walfänger Volounteer unterwegs in Richtung Grönland…

Als sie ihn zwischen den Packeis-Schollen fanden, sah er aus, als wäre er bereits tot. Blass war er, jeder Tropfen Blut schien aus ihm gewichen. Wie lange er wohl im Wasser gelegen hatte? Sumner hatte nach seinem Sturz in die eiskalte Brühe schnell das Bewußtsein verloren. Ein jeder der an Bord war und ein Messer halten konnte, hatte an diesem Tag mit in die Boote gemußt. Robbenjagd war angesagt. An Land hatten sie Dutzende der Tiere erschlagen. Auch er hatte ein zerfetztes Bündel Leiber hinter sich her zurück in Richtung Boot geschleift, bevor er zu Fall gekommen war …

Unheilvoll nimmt die Geschichte jetzt Fahrt auf. Das Unheil selbst nähert sich dabei aber nicht von außen, sondern es ist längst an Bord, kauert in Lauerstellung, geduckt unter den Männern. Als einer der Schiffsjungen mit Bauchschmerzen zum Schiffsarzt kommt und dieser eine Vergewaltigung diagnostiziert, verläßt das Unheil seine Deckung. Nur wenige Tage danach findet die Mannschaft den verstörten Jungen tot auf, erwürgt. Der Verdacht fällt schnell auf einen Seemann, der sich offenkundig an anderen Ufern wohler fühlt und das Unheil? Es nimmt seinen Lauf …

Wir segeln derweil mit der Volunteer und ihren neundreißig Mann Besatzung, einem bunt zusammengewürfelten Haufen weiter nordwestwärts. Der eiskalte Nieselregen legt einen siebzig Zentimenter dicken Panzer auf ihren Rumpf, den die Mannschaft immer wieder abschlagen muss. Sumner reist in seinen Fieberträumen zurück nach Indien und wir mit ihm. Wir betreten mit ihm ein Feldlazaret, stehen zwischen den entstellten Männerkörpern, hören die Knochensäge, die ohne Unterlaß ihren Dienst tut. Dieser üble Geruch, der von denen, die die Schlacht nicht überlebt haben und von ihren amputierten Gliedmaßen ausgeht, der Schmutz, die Schmerzen und diese unsägliche schwüle Hitze, zweitausend Tote in zehn Stunden sind eine Qual …

Ian McGuire, geboren 1964 ist britischer Schriftsteller und Literaturwissenschaftler. In seinem 2016 für den Man Booker Prize nominierten Roman Nordwasser spielt er Schiffe versenken im Packeis, zwischen knirschenden Schollen, rauh und brutal wie das Nordmeer an einem stürmischen Tag. Er nimmt dabei kein Blatt vor den Mund, erschafft mit kraftvoller Sprache ein historisches Gemälde, drastisch, dramatisch und ungeschönt.

Als 1859 die Volunteer aufbricht liegt der Walfang bereits im Sterben und eine ganze Industrie stirbt mit ihm, denn man erleuchtet sich jetzt lieber mit Petroleum als mit Tran. Die Männer sind Rauhbeine, teils roh, wie so manches was hier verzehrt wird. Unfassbar, was man alles essen kann. Augäpfel von Robben, Haferbrei mit Nieren – was für ein Frühstück!

Wie vom Klabautermann zusammengetrommelt und vereint zu einer Schicksalsgemeinschaft bevölkern Abenteurer, Mörder, Versicherungsbetrüger, Sodomiten, Ehrgeizlinge, Eskimos, missionierende Priester, habgierige Reeder und einfache Seeleute diesen großartigen Roman, der vor der ehrfurchtgebietenden Kulisse der Arktis verortet ist.

Die Landschaft hier ist eine Schönheit aus glitzerndem Eis und Schnee. Die Kälte ist ein Ungeheuer. Wie aus einem Alptraum krallt sie sich an die Männer, läßt ihr Blut dicker werden, sie in der Bewegungslosigkeit erstarren. Hier wo sogar der Schweiß auf der Stirn, am Körper und die Atemluft auf den Gesichtern gefriert, das Nordlicht funkelnd und strahlend am Himmel die unwirkliche Szenerie beleuchtet, läßt McGuire uns Blinddarmoperationen auf einfachen Holztischen erleben. Als wolle er uns zwischendurch mal aufzuwärmen läßt er uns durch Dr. Sumners laudanumgetränkte Fieberträume einen anderen Kontinent betreten: Indien.

Für zarte Gemüter, sind seine schockiernd bildhaften Beschreibungen eher nicht geeignet. Man schluckt hart und trocken, wenn das Kopfkino sich mit blutigen Bildern eines grausamen Schlachtens bei Minus achtzehn Grad füllt. Geerntet werden stinkende Haut, Felle und Tran. In ihrer Verzweiflung am Ende mit halb leerem Frachtraum heimkehren zu müssen, balgen sich die tapferen Männer mit zahlreichen Haien sogar um einen halb verwesten Walkadaver. Retten sich vor dem Gestank beim Hieven und zerlegen in die Wanken …

Was für ein Roman! Ein echtes Fundstück, ein großes Abenteuer. Kein Wunder das die New York Times ihn 2016 zu einem der zehn besten Bücher des Jahres gekürt hat. Was für eine Freude, dass er jetzt zwei Jahre danach, in einer wunderbaren deutschen Übersetzung erhältlich ist und als nicht minder beeindruckende –

Hörbuch-Fassung, mit 9h und 45 Min.:

– in der unheimliche Klänge die Kapitelanfänge untermalen. Walgesang oder U-Boot-Sonar? Auf jeden Fall unheilverkündend, umfangen einen diese Töne.

Wolfgang Koch als Vorleser zu besetzten – da kann nix schief gehen! Ihn kenne ich bereits als Sprecher der Joona-Linna-Romane des Autoren-Duos Lars Keppler. Im Spannungsbereich ist er mit seiner Art des Vortrages eine Bank. Kaum einer kann wie er Sätze so in der Luft hängen lassen, dass man den Atem wie gebannt anhält. Seine kunstvollen Pausen wirken auch in diesem historischen Abenteuer wie ein Verstärker für die Spannung. Einzelne Charaktere hebt er stimmlich perfekt hervor ohne dabei clownesk zu werden. Dafür gibt es von mir eine unbedingte Hörempfehlung! Schnallt Euch an, das wird ein wilder Ritt …

Der Tod in den stillen Winkeln des Lebens (Oliver Bottini)

Sonntag, 29.04.2018

Der Wald und ich, wir haben da eine ganz besondere Bindung. Als Kind und als Jugendliche war ich fast jeden Tag hier, auch schon mal „mit ohne“ Schuhe, den weichen Waldboden unter den Fußsohlen abtastend. Als Erwachsene und in meinem Alltag schaffe ich es mittlerweile viel zu selten zwischen dichten Bäumen zu stehen, den Kopf im Nacken und dem Rauschen in den Kronen zu lauschen. Nur hier bricht sich das Licht auf diese besondere Weise, knistert es geheimnisvoll im trockenen Laub. Riecht es so wunderbar erdig, feucht und fruchtbar. Selbst wenn er dicht und dunkel, und mir ein bisschen bang wird, mein Herz bis zum Hals schlägt bei dem Gedanken es könne gleich ein Wildschein um die Ecke biegen und mich überrennen, genieße ich es. Tanke auf. Meinen Wohnort habe ich stets danach entschieden, ob ich fußläufig in einen Wald kommen kann. Hier bin ich bei mir, staune und kann durchatmen …

Wenn ihr diese Sätze lest, glaubt ihr mir wahrscheinlich sofort, dass das Lesen dieses Romans für mich zunächst eine Cover-Entscheidung war. Dann kam die Neugier dazu, schließlich hat er den deutschen Krimipreis 2017 gewonnen. Und ja, stille Winkel hat es auch in meinem Leben schon gegeben und den Tod leider auch. Die Großeltern, den Schwiegervater, Vater, Kollegen, Mitarbeiter und auch einen Chef habe ich schon beerdigen müssen. Still wurde es dann immer, um mich herum und in mir drin.

Was steckt wohl für Oliver Bottini hinter diesem Satz? Schon sein Prolog lädt ein, das herauszufinden, ist kraftvoll und verstörend zugleich:

Der Tod in den stillen Winkeln des Lebens

2011 – auf dem Weg nach Dänemark. Plötzlich war da dieser Sand. Überall. Mitten in Mecklenburg-Vorpommern?! Die Windböen peitschten die feinen Körner so heftig über die Autobahn, das die Sicht gegen Null ging. Er bremste scharf ab, trat das Pedal ganz durch, als die roten Rücklichter der vor ihm fahrenden Autos rasend schnell auf ihn zukamen. Die Airbags waren nach dem Aufprall so schnell wieder in sich zusammen gefallen, wie sie sich geöffnet hatten. Die Kinder auf dem Rücksitz schrien im Schock. Die kleine Emmy griff nach dem Türgriff – Nein, nur nicht aussteigen! Verzweifelt kämpfte er sich aus dem Fahrersitz, die feinen Körnchen nahmen ihm sofort nicht nur die Sicht, sondern auch den Atem. Es schmeckte nach Erde und er begriff, das war kein Sand, das war feiner Ackerboden. Als er den Schatten wahrnahm, die LKW Hupe hörte, laut und anhaltend, presste er sich die Hände fest auf die Ohren. Der Sturz erwischte ihn rücklings, nur mühsam kam er hinter der Leitplanke auf dem Mittelstreifen wieder auf die Beine, wo war sein Wagen? Die Kinder, Claudia? Die Sandwand war undurchdringlich. Erst spürte er eine dumpfe Explosion, dann sah er die Flammen …

2014 – Temeswar/Rumänien. Von ihrem alten Handel, dass er keine Mordermittlungen mehr leiten würde, wollte sein Chef heute nichts mehr wissen. Er brauche ihn, ihn seine Erfahrung, seine Besonnenheit und – seine Deutschkenntnisse, war nicht seine Mutter eine Deutsche? Die Tote eben auch, erst achtzehn war sie, die Tochter eines Großgrundbesitzers, offenbar in blinder Wut niedergemetzelt von zahlreichen Messerstichen. Nackt hatte man sie in der Nähe eines Flusses gefunden, wo sie offenbar hatte schwimmen wollen. Cozma solle sich zusammenreißen, seinen trunksüchtigen Partner Cippo einsammeln und endlich losmachen!

Ioan Cozma, Kripo-Kommissar gehorcht widerstrebend und bricht mit dem alten, klapprigen Dienst-Kadett zum Tatort auf, seinen fluchenden Partner im Schlepptau …

Oliver Bottini – viermal hat er bereits den deutschen Krimipreis gewonnen. 2017 erhielt er ihn erneut für „Der Tod in den stillen Winkeln des Lebens“.

Dies ist mein erster Bottini, aber sicher nicht mein letzter. Denn dieser Krimi hat den „Blues“ und genau das mag ich. Von der ersten bis zur letzten Zeile hält dieses Gefühl in mir an. Trist, hoffnungs- und perspektivlos. Übervorteilt, verwundet und vernarbt präsentiert Bottini ein Bild des modernen Rumänien, das nachdenklich macht.

Rumänien als Speisekammer der arabischen Welt? Mit dieser Fragestellung hatte ich mich noch überhaupt nicht beschäftigt. Kopfschüttelnd erlese ich mir hier Machenschaften, von denen ich nicht das Geringste geahnt habe, tauche ein in ein Land, dass von seinen politischen Wirren schwer gezeichnet ist.

Kleinbauern und diejenigen, für die die Erde und das was sie hervorbringt sinnstiftend ist, werden durch Korruption, Gewinnsucht und Spekulanten um Hab und Gut gebracht. Der Boden ausgelaugt durch Monokulturen und exzessive Bewirtschaftung. Riesige Flächen erbarmungslos ausgebeutet, erodiert, lassen Sandstürme mit verheerenden Folgen entstehen.

Seinen Kriminalfall baut er raffiniert auf, schickt uns als Leser auf eine Fährte, der alle gleich folgen, weil sie ja so auf der Hand liegt. Läßt uns rätseln und ermitteln, zweifeln und verzweifeln auf der Suche nach der Wahrheit …

Die Zerissenheit seiner Figuren, ihre Dämonen, inneren Kämpfe und die Erkenntnis, dass man in allen entscheidenden Momenten des Lebens meist allein ist, wirken nachhaltig in mir, wühlen mich auf.

Müde und erfüllt von einer tiefen Sehnsucht nach Zuwendung und innerem Frieden zeichnet er seinen Helden Ioan. Ich trauere und hadere mit Bottinis Charakteren, allen voran Maik Winter, der seine kleine Familie bei einem Unfall verliert. Mit Ana stehe ich am Rand von Massengräbern, um Fassung ringend und mir die Frage stellend, ist es diesmal ihre Familie die wir auf dem Grund der Grube finden werden? Ich verliere einen Freund an eine skrupellose Organisation, vor meinen Augen haben sie ihn barfuss an ein Auto gebunden, und durch die Straßen gezerrt, bis er nur noch ein blutiges Bündel war.

Selbst bei einer Demo, wie Don Quichote im Kampf gegen Windmühlen, versuche ich gemeinsam mit Anett die Übermacht der Agrar-Gauner aufzuhalten. Lerne dafür sogar das Traktor fahren.

Mit Maiks Vater schwimme ich, all meine Kleider am Leib im See, stehe triefend bei seiner Christel in der Küche, bis sich Wasserpfützen um meine nackten Füße bilden. Auch diesmal ist es uns nicht gelungen den Kummer zu ersäufen, die Schuldgefühle abzuwaschen, das Vermissen zu ertränken …

Sprachlich präzise, aber nie kalt, sondern sachlich, klar und klarstellend erzählt Bottini. Bei allem „Blues“ – Hoffnungsfunken und ein unerschütterlicher Glaube an das was menschlich und gut ist, der Glaube an Zusammenhalt und Freundschaft, keimen selbst auf diesen ausgelaugten Böden, zwischen seinen geschundenen Helden, wenn auch als kleines zartes Pflänzchen.

Meine Einstiegsfrage, ob Oliver Bottini und ich die gleichen Gedanken im Sinn hatten bei der Betrachtung des Titels, würde ich mir nach dem Umblättern der letzten Seite seines Romans so beantworten: Seine Figuren und mich eint ein Gefühl der Einsamkeit, das einen immer dann befällt, wenn man lebensverändernde oder wegweisende Entscheidungen zu treffen hat. Das und die Kraft, die es braucht Rückschläge, Schicksalsschläge zu meistern in den stillen Winkeln unseres Lebens …

Dunkelgrün fast schwarz (Mareike Fallwickl)

Sonntag, 22.04.2018

„Arschlochkind“ was für ein Wort ist das denn? Schließen sich nicht die beiden Wortbestandteile schon gegenseitig aus? Mit Kind verbinden wir niedlich, vielleicht auch arglos und mit Arschloch genau das eben nicht – und doch, bei genauerem Hinsehen sind wir ihnen sehr wahrscheinlich alle schon einmal begegnet, solchen Kindern.

Was läßt die Einen zum Schläger werden und die Anderen zum Vermittler? Was läßt sie ihren Eltern entgleiten, oder hatten diese es nie in der Hand?

Erinnerungssplitter wirbeln in mir auf, an den „Schulhofprügler“, den „Taschengelderpresser“ die „Lieblings-Füllerdiebin“ meiner Grundschulzeit. An das Herzklopfen beim Zurückstehlen des teuren Füllers, wie hätte ich meinen Eltern auch erklären können, dass er fort war, ohne entweder Ärger zu bekommen oder ihre Einmischung zu provozieren, die alles nur noch schlimmer gemacht hätte …

Kinder können gemein sein, grausam, wie es nur Kinder sein können? Oh, ja. Was macht sie dazu? Was bringt Sie soweit?

Wutkinder“. Im Supermarkt wälzen sie sich am Boden, schreiend, trampelnd, die Eltern stehen hilflos, beschämt und gedemütigt oder voller Zorn daneben. Später spazieren die Kleinen, ein Eis leckend vorbei, ein siegessicheres Grinsen auf den Lippen. Bilder aus meinem Alltag …

Auch Mareike Fallwickl hat eine Alltagsbeobachtung gemacht, die sie zu diesem Roman inspiriert hat, erzählt sie in einem Interview. Auf einem Spielplatz rutscht ein Junge mit voller Absicht in ein kleineres, am Boden liegendes Kind hinein. Blickt ihr dann offen lächelnd in der Gewißheit ins Gesicht, dass Sie nichts sagen wird …

In ihrem Debütroman stellt sie uns neben Marie, Johanna und Raffael, Moritz vor. Schon mit drei Jahren kann er die Farben, die Auren, der anderen sehen, ihre Stimmungen, sogar die Atmosphäre in Räumen, Häusern, seiner Umgebung nimmt er farblich war. Das ängstigt ihn als Kind, macht ihn später, als er es nicht mehr verleugnet, zum intensiven Beobachter und treibt ihn hin zu Raffael, der so wunderschön hellgrün strahlt …

Dunkelgrün fast schwarz

Was wollte er hier? Mitten in der Nacht? Ausgerechnet heute, jetzt, nach all der Zeit? Jetzt, wo Moritz sich in seinem Leben eingerichtet hatte, seine Frau schwanger und er was, glücklich war?

Als Raffael nach über sechzehn Jahren Funkstille regenfeucht vor ihm steht und ihn entwaffnend angrinst, läßt Moritz ihn rein. Zögernd, mißtrauisch, von einem unguten Gefühl durchdrungen. Er brauche eine Schlafstatt, nur für diese eine Nacht, alle Hotels seien ausgebucht. Eigentlich habe er ja vorher anrufen wollen, so Raffaels lahme Entschuldigung. Sie kennen sich seit sie drei Jahre als sind. Haben ihre Kindheit zusammen verbracht, sind Blutsbrüder – so landet Raffael auf seiner Couch und Moritz schiebt seine Bedenken zur Seite, auch seine Wahrnehmung. Denn die einst limonengrüne, helle Aura seines Freundes hat sich verdunkelt, ist zu einem dunkelgrün, ja fast schwarz geworden …

Er war fort und Johanna sich nicht sicher, ob sie das Katz und Mausspiel nicht mehr leid war, als sie es liebte. Sie vermisste ihn, und hatte diesmal keine Ahnung wohin er verschwunden sein könnte. Zwischen dem was er zurückgelassen hatte fand sich kein Hinweis, akribisch hatte sie alles durchsucht, selbst seine Schmutzwäsche die noch hier war und den Inhalt des Papierkorbs. Seit vierzehn Jahren ließ er sie jetzt immer wieder zurück, seit vierzehn Jahren wartete sie auf ihn, immer wieder. Erst schickte er ein Zeichen, einen Hinweis, dem sie folgen konnte, wie bei den ausgestreuten Brotkrumen in einem Märchen. Nie hatte er aber vorher alles ausgelöscht so wie diesmal, auch alle digtalen Spuren verwischt …

Mareike Fallwickl – geboren 1983 in Hallein, lebt im Salzburger Land und macht hier ihre Heimat zum Schauplatz ihres Debüt-Romans. Seit 2009 pflegt Fallwickl einen Literaturblog, arbeitet als freie Texterin und Lektorin.

Ihr Roman ist trotz Moritzes Fähigkeit Auren zu lesen alles andere als esoterisch. Mit forschenden Augen blickt dieser in die Welt, durchdringt sie und die Personen um ihn herum. In seiner Zugewandheit und mit einer Fürsorglichkeit, die rührend ist, sucht er seinen Platz im Leben, sucht nach Anerkennung. Seiner Sandkastenfreundschaft mit Raffael, dem Bad Guy, der an Gemeinheit schon im Kindergarten nicht zu überbieten war, mit seinem nach außen hin perfekten Elternhaus, ist er mir Haut und Haaren verfallen, genauso wie Johanna. Die Dritte im Bunde, als Teenager verliert sie beide Eltern und kommt bei einer Tante unter, die nichts mit ihr anfangen kann. Das Band zwischen den beiden Buben ist ihr gleich aufgefallen und wenn sie eines will, dann zu diesen beiden Unzertrennlichen gehören …

Marie, die Mutter von Moritz, übernimmt eine weitere Schlüsselrolle. Ungewollt und viel zu früh schwanger, von den Schwiegereltern abgelehnt, der Ehemann im Medizinstudium, ist sie viel zu viel allein. Wie hineingeschoßen wird sie in dieses kleinstädtische, ja dörfliche Leben in der Nähe von Salzburg. Hier, wo hinter vorgezogenen Gardinen ein prüfender, argwöhnischer Blick auf die Fremde, die Zugezogene geworfen und getuschelt wird, man sie auf der Straße aber weder offen ansieht noch anspricht. Mir, die auch eine Zugezogene auf dem Dorf ist, kommt das alles sehr bekannt vor …

Ja, man zieht schnell als Leser den Kopf ein, denn man sieht das Unheil kommen, schon bevor die ersten hundert Seiten gelesen sind. Schüttelt den Gedanken dann wieder ab, versucht wie Moritz das Licht zu sehen, bei stetig wachsenden Zweifeln.

Plakativ schildert Fallwickl Verletzungen, verbale und körperliche, innere und äußere, zeigt auf, wie leicht diese zufügbar sind, besonders dann, wenn man sich gut kennt. Sie baut erotische Szenen ein, ohne pornografisch zu werden, verstärkt so Abhängigkeiten zwischen ihren Figuren. Zerissene Manipulatoren, die nach außen hin unbeugsam erscheinen, einsame, sensible Helden gestaltet sie dabei ebenso glaubwürdig aus, wie verzweifelte Mütter und vernachlässigte Ehefrauen.

Über die Gefühle Ihrer Figuren erzählt sie uns viel, beschreibt sie mit einer Körperlichkeit, die drastisch und eindringlich ist. Läßt uns Wut schmecken, Galle spucken, aber auch Leidenschaft und Sehnen kosten. Fallwickl bedient sich dabei einer sehr bildhaften, unverstellten Sprache. Wie kunstvoll geschmiedete Pfeile sind ihre Sätze, mal sirren sie noch rotglühend und roh los, mal suchen sie zischend, glatt poliert und schimmernd ihr Ziel. Immer treffen sie ins Schwarze, punktgenau, verletzen, verhöhnen oder versöhnen. Nie wirken sie bemüht oder angestrengt. Hut ab, davor!

Seitenweise hätte ich Markierungen machen können, mit Formulierungen die mich innehalten und nachdenken ließen, die ich mehrfach gelesen habe, so muß ein Roman sein, an den ich lange zurückdenke, der sich in mein Herz gräbt. Fallwickl erzeugt durch Rückblenden und Perspektivwechsel eine Grundstimmung, die packt und spannend ist bis zu letzten Zeile, einen voran treibt, weil man endlich erfahren will, was sich abgespielt hat, damals und zwischen den Dreien.

Und, ja, das Leben ist lebensgefährlich und verhängnisvoll, und unausweichlich und schicksalhaft, und wir alle begegnen ihnen auch als Erwachsene, gleich ob wir sie schon als Kinder kannten oder nicht, Menschen, die dunkelgrün fast schwarz sind …

Das Labyrinth der Lichter (Carlos Ruiz Zafon)

Ostermontag, 02.04.2018

Wie sehr uns doch die Hoffnung antreibt. Hoffentlich geht es mir morgen wieder besser. Hoffentlich ist das Wetter bald wieder schöner. Hoffentlich ist er, oder sie mir nicht mehr böse. Hoffentlich geht das gut. Sätze ohne Zahl beginnen wir mit dieser Formel. Ich sitze gerade hier und überlege, wo mich dieser Beitragsanfang hinführen wird und denke, hoffentlich kriege ich die Kurve zu dem, was ich im Folgenden sagen will.

Merkt Ihr was? Mir scheint die Hoffnung ist tatsächlich die alles entscheidende Triebfeder, zumindest in meinem Leben. Was wäre es finster ohne diesen Schimmer am Horizont. Auch wenn man sich die Brille schon mal gründlich putzen muss um es zu sehen: Das Licht am Ende des Tunnels. In seinen Romanen, geht es immer um die Hoffnung, aber auch um die vielen Gesichter mit denen sich die Wahrheit maskiert.

Mit hohen Erwartungen und ja, mit der Hoffnung, dieser vierte Teil seiner Barcelona-Reihe möchte an die Wortgewalt und die Gefühlswelt der Vorgängerbände anknüpfen, bin ich in dieses Hör-Abenteuer gestartet:

Das Labyrinth der Lichter (Carlos Ruiz Zafon)

Barcelona, 1938. In der Dunkelheit eines Schiffsbauches erwacht ein blinder Passagier. Allerlei Kuriositäten türmen sich um ihn herum auf. Alte Schaufensterpuppen, eine Kutsche, Requisiten aus einer anderen Welt. Er hält sich in den Schatten verborgen, horcht auf die Geräusche des Schiffes und der Mannschaft mit angehaltenem Atem. Vor zwei Nächten hatte er sich in Valencia an Bord geschlichen und hier versteckt, in einer Gewehrkiste. Jetzt legte das Schiff an, und er, Fermin Romero de Torres, war fast am Ziel, zurück in Barcelona. Plötzlich näherten sich Schritte und diese Stimme, die laut bellend Befehle erteilte, ließ ihm das Blut gefrieren, denn sie gehörte eindeutig zu Inspektor Fumero! Der grausame Häscher der Staatspolizei höchst persönlich suchte in jeder Ritze des Schiffes und er fand was er suchte …

Der Schuß durchbohrte Fermins Waffensarg und verfehlte seinen Kopf nur um Haaresbreite. Die Nägel die anschließend durch den Kistendeckel getrieben wurden sperrten ihn für immer hier ein. Er fühlte, wie er mitsamt seines Gefängnisses in die Luft gehoben wurde, es folgten ein Fall ins Leere, dann der Aufprall und das durch die Spalten eindringende Hafenwasser wurde stetig und schnell mehr …

In seine eigene Hölle hatten sie ihn geführt. Er betrachtete seine verletzte Hand als gehöre sie nicht zu ihm. Dunkel hattte sich bereits das Fleisch an ihr verfärbt. Er wußte, dass er sterben würde, am Wundbrand, an der Sepsis, in diesem Loch hier, festgesetzt und vergessen, wenn er nicht handelte. Das Paket, das ihm in die Zelle geworfen worden war lag jetzt vor seinen Füßen. Er öffnete es ungelenk mit seiner gesunden Hand und förderte eine einfache Holzsäge zutage. Die Worte die sein Entführer ihm bei der Übergabe des Päckchens entgegen geschleudert hattte, klangen in ihm nach, (^der Tot ist zu gut für dich^), als er das Werkzeug an seinem fauligen Handgelenk ansetzte und zu sägen begann …

Textzitat: „Gewissheiten flößen Mut ein, aber lernen tut man nur mit dem Zweifel“.

Carlos Ruiz Zafon – der spanische Erfolgsautor öffnet mit diesem Roman zum letzten Mal knarrend das Tor zum Friedhof der vergessenen Bücher und gibt uns den Weg frei. Ganz wehmütig läßt er mich am Ende der Reise zwar auf den Stufen zum Eingang zurück, aber er schenkt mir damit auch eine glückliche Erinnerung an eine wunderbare Roman-Reihe.

Endlich konnte ich wieder die Türschwelle überschreiten und meine Lieblingsbuchhandlung „Sempere & Söhne“ besuchen. Jetzt steht ein Laufstall neben dem Ladentisch und Daniels zweijähriger Sohn spielt zu dessen Füßen. Und auch er ist wieder da! Mein Fermin! Was hab ich ihn vermißt, dieses schwadronierende, liebenswürdige Schlitzohr. Die Sprüche die ihm Zafon in den Mund legt sind wieder göttlich. Er ist ein wahrer Stimmungsaufheller, ihn hätte ich gerne im echten Leben zum Freund, nie ist er um eine Antwort verlegen. Literarischer Berater und bibliografischer Detektiv, so seine selbstgewählte Berufsbezeichnung. Seinen Empfehlungs-Kärtchen, die er heimlich in den Büchern versteckt, damit Bea sie nicht findet, wäre ICH auf jeden Fall gefolgt …

Meisterhaft verbindet Zafon diesmal alle losen Enden seiner drei voran gegangenen Romane, stellt klar und Zusammenhänge her. Wieviele Geschichten es doch innerhalb einer Geschichte zu erzählen gibt! Die Figur der Alicia agiert dabei als Weberin, die aus den zahlreichen Fäden ein reiches Muster webt. An ihrer Seite Vargas, der ihr Vater sein könnte, aber alles andere als das sein will.

Viele alte Bekannte treffen wir wieder, gleich ob geliebt oder gehaßt, so auch Mauricio Valls, den wir bereits in Band drei kennengelernt haben. Damals war er noch der Gefängnisdirektor auf dem Montjuic. Ein grausamer Mann, der vielen Qualen und den Tod gebracht hat. Geprägt von Besessenheit und Fanatismus, hat er sich hochgearbeitet zum Kultur-Minister. Kaum das wir aber auf ihn treffen verschwindet er, offenbar spurlos. Seine Fährte nehmen wir auf mit Alicia Gris, einer Beamtin der Staatspolizei mit eigenem Schicksal. Ein Geschöpf der Nacht, schön, unnahbar und geheimnisvoll, eigenwillig, gerissen und clever. Wir tauchen mit ihr ein in die Nacht auf der Spur eines Rätsels, werden verwickelt in Intrigen, verfolgt von den Schergen des Bösen, die sich wie die Kletten an uns heften, allen voran dieser unsägliche Endaja!

Diese Frau ist mutig bis zur Selbstüberschätzung, selbst dem Teufel würde sie alleine bis vor die sprichwörtliche Küchentür gehen. Bei Filmen halte ich mir immer die Augen zu, wenn ich es nicht mehr aushalten kann, hier hätte ich mir die Ohren zugehalten, wäre ich nicht am Autofahren gewesen. Zum Nägelkauen spannend sind diese eingestreuten Szenen.

Wir gehen auf die Suche nach dem verschollenen neunten Band einer Romanreihe mit dem Titel „Das Labyrinth der Lichter“, die von einem geisterhaften, wahnhaften Barcelona erzählt, wo einen führerlose Straßenbahnen ans Ziel bringen, wenn man denn ein Ziel hat. Finden Freunde dort, wo wir sie nicht vermuten. Erkennen in unserem Gegenüber einen Feind. Dort wo Kindsräuber und Albtraumarchitekten die Leben Unschuldiger zerstören.

Rache und Grausamkeit, bodenloser Hass und Verzweiflung, nisten zwischen diesen Seiten ebenso, wie Freundschaft, Verbundenheit, Poesie und Liebe. Und ja, meine Lieblingsfigur Fermin hat Konkurenz bekommen, Alicia Gris hat mein Herz im Sturm erobert!

Nachdem die letzte Seite dieser wunderbaren Geschichten umgeblättert ist, ziehe ich Bilanz für mich, was ich quasi nebenbei Unglaubliches über Barcelona gelernt habe. Wie sehr diese herrliche Stadt auch von schweren Bombardierungen betroffen war, dass auch sie einst in Flammen stand und was ihre Bewohner in der bleiernen Zeit der Franco-Aera erduldet haben. Ein Bombenhagel hatte Barcelona in nur einer Märznacht 1938 unter sich begraben. Neunhundert Menschen starben, darunter einhundert Kinder.

Diese Mischung macht Zafon nicht nur zu einem begnadeten Erzähler, für mich macht ihn das zu einem mehr als bemerkenswerten Autor. Poetisch im Erzählton, spannend, mystisch und berührend und wie schon zu Beginn meines Beitrags, greift die Hoffnung nach mir, die Hoffnung darauf noch viele weitere Geschichten mit ihm und von ihm entdecken zu dürfen …

Hörbuch-Fassung, ungekürzt, mit kostbaren 27 Stunden und 25 Minuten, vorgelesene Seiten 939, von Uve Teschner.

Der Kreis schließt sich, auch mit und durch ihn. Mit ihm als Vorleser bin ich in mein erstes Zafon-Barcelona-Abenteuer gestartet, mit ihm beende ich auch den letzten Band der Reihe. Ich lehne mich zurück, höre ihm zu, halte mich an seiner Stimme fest, wenn die Geschichte mich mitreißt. Er ist es, dessen Ton für mich untrennbar mit „Dem Friedhof der vergessenen Bücher“ verbunden bleiben wird. Der mich an der Tür empfängt und sagt ^Willkommen zu Hause^ in den Geschichten von Zafon!

Mal sanft, mal ruhelos, mal eifersüchtig, mal durchtrieben. Er holt alle Figuren stets dort ab, wo sie stehen. Seine Interpretation des üblen Folterers Endaja treibt mir den Angstschweiß auf die Stirn. Schlangengleich verhört dieser seine Opfer. Wie festgenagelt folgt man der Szene, sieht man sich selbst diesem Unhold gegenüber sitzen. Herrlich naiv dagegen legt er den jungen Fernando an, kratzig und kraftvoll Alicias Beschützer Vargas und er schafft es auch, dass sich Fermin tatsächlich älter anhört, vertraut und doch anders.

Danke für dieses Hörerlebnis, es war mir ein Fest!

Mein Dankeschön geht an dieser Stelle auch an den Übersetzer der Barcelona-Reihe, an Herrn Peter Schwaar. Er ist es, der den spanischen Erzählton Zafons so grandios, so klangvoll, ins Deutsche übertragen hat, die Sätze in einer neuen Sprache noch einmal ausbalanciert. Merci dafür!

Sieben Lichter (Alexander Pechmann)

Einer der sonderbarsten Kriminalfälle des 19. Jahrhunderts? Eine vergessene Geschichte? Dazu ein traumhafter Bucheinband in Halbleinen. Das klingt doch nach einem wahrhaften Schatz, findet Ihr nicht? In einer meiner Lieblingsbuchhandlungen habe ich ihn entdeckt.

Bei meinem letzten Besuch dort war ich in dieser einen Stimmung. Hatte das Gefühl mein Leben schlägt mit mir Purzelbäume und ich war noch schwindlig von den vielen Rollen vorwärts. Wußte nicht so recht in welche Richtung es gerade mit mir will – dann brauche ich erst einmal Abstand, lesend eine Auszeit. Ganz automatisch, fast wie ferngesteuert, lande ich dann bei solchen oder ähnlichen Geschichten, lese mich weg in ferne Zeiten, oder auch in ferne Welten. Wenn ich dann zwischen den Seiten wieder auftauche, sehe ich klarer, bin ruhig, kann entscheiden …

Sieben Lichter (Alexander Pechmann)

Zitat: Purpurne See weissagt der Sonne Nahn – Eh sie emporsteigt sei die Tat getan! Lord Byron

Im Sommer 1828.

Eigentlich sollte es ein harmloser Besuch bei Cousine Elisabeth werden. Als Reverend Scoresby, noch in den Flitterwochen, und sein Schwager, Colonel Fitzgerald im Hafen aus ihrer Kutsche stiegen und auf dieses Schiff stießen. Die Brigg Mary Russell lag hier vor Anker und stand unter Bewachung. Einen grausamen Fund habe man gemacht, so lautete die Auskunft. Die Mannschaft der Brigg, alle bis auf wenige Überlebende sei tot. Gefesselt, geschunden, massakriert im Bauch des Schiffes gefunden worden, der Kapitän verschwunden, die Überlebenden verstört. Das alles war offenbar auf hoher See passiert. Die Mary Russell war auf dem Rückweg von Barbados gewesen, hatte braunen Zucker und Leder geladen, war kurz vor der irischen Küste von einem anderen Schiff gesichtet worden, führerlos, das Steuerrad mit einem Seil fixiert …

Dem ersten Offizier Smith fehlte ein Auge, sein Gesicht war blutverkrustet und entstellt. Seinen Körper zierten zahlreiche Stichwunden, entkräftet und zitternd duckte er sich jetzt unter die rauhe Wolldecke, wiegte seinen Oberkörper vor und zurück, vor und zurück, als er schließlich stockend zu erzählen beginnt, was sich auf der Mary Russell zugetragen hat …

Der Wiener Autor und Herausgeber Alexander Pechmann arbeitete bereits als Übersetzer für die ganz großen Namen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Die Romane von Melville, W.B. Yeats, Mark Twain, Mary Shelly, H.P. Lovecraft, um nur einige zu nennen, hat er uns in deutscher Sprache geschenkt. Er ist Jäger und Sammler, hat eine Vorliebe für verlorene Texte und vergessene Geschichten. In seinem ersten eigenen Roman „Sieben Lichter“ erzählt er uns genaus so eine, eine vergessene Geschichte. Vielmehr sein Ich-Erzähler Fitzgerald tut es für ihn und für uns.

Der Fall scheint klar, glasklar. Die Aussagen der Überlebenden, ihre Verletzungen, sprechen ja eine deutliche Sprache. Allen voran die drei Schiffsjungen, Kinder waren sie ja noch, wirken glaubwürdig. Der einzig in Frage kommende Täter war der Kapitän der Mary Russell. Er musste mit dem Teufel im Bunde gewesen sein, einen Pakt mit ihm geschlossen haben, zum Preis von sieben Seelen. Sieben Männer seiner Crew hatte er dafür kaltblütig erschlagen. Da spielte es keine Rolle, das der Kapitän, Stewart der Name, zuvor als ein integerer, gottesfürchtiger, unbescholtener Mann gegolten hatte. Auf See war man in Gottes Hand und wer sich gegen ihn stellte, dem war der Wahnsinn sicher! Pappalapap Meuterei! Wer sollte denn da gegen ihn gemeutert haben und aus welchem Grund? Die Volksseele kochte.

Wo war dieser Schuft jetzt? Man hatte ihn über Bord gehen sehen und zu einem Ruderboot schwimmen, das längsseits gegangen war. Seiner Ehefrau legten besorgte Nachbarn mittlerweile den Wegzug nahe. Wenn der Fall erst vor Gericht ging und ihr Mann des Mehrfachmordes angeklagt wurde, war sie hier nicht mehr sicher. Sie und ihre vier Kinder, mit dem fünften war sie hochschwanger …

Fragen über Fragen häufen das ungleiche Ermittlerpaar Reverend Scoresby und Colonel Fitzgerald an, die offiziell überhaupt nicht mit der Aufklärung betraut sind. Sie gehen auf eigene Faust Ungereimtheiten nach und lassen nicht locker. Wer dabei wohl eher wen mitzieht? Fitzgerald erweist sich als besonders aktiver Zuhörer, Scoresby als der aufmerksame Beobachter. Wessen Wahrheit betrachten wir da gerade?

Spannend und atmosphärisch erzählt, rätselt man von Anfang an mit. Erlebt mit, wie sich die beiden Scoresby und Fitzgerald einander annähern, sind sie sich am Anfang ja so gar nicht grün. Vielmehr kann eigentlich Fitzgerald mit seinem neuen Schwager, dem ehemaligen, erfolgreichen Kapitän zur See, Scoresby, nichts anfangen. Ja, er neidet ihm gar sein Ansehen, seine Berühmtheit, die er nach zwanzig Jahren Dienst auf einem Walfänger in der Arktis erlangt hat. Angeblich hatte er nach dem Tod seiner ersten Frau in der Eiswildnis der Arktis zu Gott gefunden, seine Teerjacke an den Haken gehängt und Theologie studiert. Jetzt war seine Basis die Floating Chapel, ein zur Kirche umgebautes Schiff im Hafen von Liverpool und er dort Reverend. Mit einer unverwüstlichen Zuversicht predigte er jetzt dort für die Seeleute, versuchte sie vom Schnaps und den Huren fern zu halten. Seine Seefahrervergangenheit war ihm dabei ein Türöffner, ja er wurde geradezu verehrt, schien ihm doch nichts menschliches fremd.

Es wird klassisch ermittelt und ich wage an dieser Stelle mal einen Vergleich mit Franzobels Roman „Das Floss der Medusa“, der seine Version eines historischen Schiffsunglücks mit epischer Wucht, und mittels eines polarisierenden Erzählstils verpackt hat. Pechmann schlägt in den Sieben Lichtern eher die leisen Töne an, die Brutaliät der Geschehnisse rückt er nicht in den Vordergrund. Vielmehr zeigt er das Rechtsverständnis der damaligen Zeit auf, arbeitet Unterschiede zwischen Glauben und Aberglauben heraus. In dem er einem Mann des Glaubens, der viel vom Leben gesehen und eigene Grenzerfahrungen gemacht hat, den Ermittlerstab übergibt, ihn mit einem „Otto-Normal-Denker“ in den Gedankenaustausch schickt, entstehen wunderbare, fast philosophische Dialoge. Was macht uns Menschen menschlich, der Glaube oder vielmehr der Zweifel …?

Mit beiden Herren bin ich gerne durch die Docks gestreift, habe aufmerksam den Antworten gelauscht, die sie eingesammelt haben. Mich an eine eigene Reise nach Liverpool erinnert, die mich auch in das mittlerweile restaurierte, einst verrufene Viertel der Docks geführt hat. Auch wenn heute dort die Beatles präsenter sind als die großen Segler vergangener Tage, dieser Hafen hat etwas ganz und gar einzigartiges an sich, jeder Stein atmet hier Seefahrer-Geschichte. Die Mischung aus hochmoderner Architektur und dem bewahrten Erbe hat mich sehr beeindruckt, schaut mal auf diesen Schnappschuss, den ich damals gemacht habe:

Mein Fazit: Ein kleiner, feiner Roman, der gekonnt Fakten und Fiktion mischt. Das Leben und Wirken des heute fast vergessenen Seefahrers Scoresbys sind belegbar verbrieft. Seine im Roman dargestellten Ermittlungen basieren auf Augenzeugenberichten die 1850 veröffentlicht wurden und auf seinen eigenen Publikationen. Wer nach diesem Roman Lust auf noch mehr Informationen über Scoresby und diesen Fall hat, der findet diese auch in einem historischen Sachbuch, das 2010 erschien. In „The Ship of Seven Murders“ versuchen zwei Autorinnen die Geschehnisse mithilfe moderner Psychologie aufzuklären. Interessanter Ansatz!

Löwen wecken (Ayelet Gundar-Goshen)

Sonntag, 25.03.2018

Egal wie und ob das Leben mit uns Schlitten fährt, die Welt dreht sich weiter. Während wir uns nach dem Faustschlag des Schicksals in die Magengrube noch krümmen, scheint auch sie munter weiter, die Sonne. Flanieren plaudernd Menschen an uns vorbei, zwitschern die Vögel, fließt der Verkehr ungehindert.

In einen Unfall verwickelt zu werden, bei dem ein Mensch stirbt, ist eine Horrorvorstellung. Ist man gar selbst derjenige, der diesen Tod verschuldet hat, lernt man sich und andere erst richtig kennen.

In dem Roman Löwen wecken von Ayelet Gundar-Goshen werden wir Zeuge eines solch schicksalhaften Ereignisses und seiner Folgen …

Der Mond war in dieser klaren Nacht beeindruckend schön gewesen. Daran erinnerte er sich noch. In der Nacht, in der Etan Grien, Arzt am Soroka-Krankenhaus in Beer Scheva diesen Mann umgefahren hatte. Nach neunzehn Stunden Dienst hatte er um zwei Uhr morgens müde und mit schmerzenden Muskeln das Krankenhaus verlassen. Einem plötzlichen Impuls folgend, steuerte er dann aber seinen eigens für sein Leben in der Wüstenstadt angeschafften Mercedes Jeep nicht nach Hause, sondern an den Rand der Wüste auf eine anspruchsvolle Strecke. Hier hatte er sein Auto ausfahren und damit den in der Schicht angestauten Frust abbauen wollen.

Nachdem er für das über die Straße stolzierende Stachelschwein angehalten und wieder beschleunigt hatte, war es passiert. Der dunkelhäutige Mann mußte aus dem Straßengraben aufgetaucht sein und lag jetzt, mit einem Loch in seinem Schädel aus dem schon die Gehirnmasse austrat, vor der Stoßstange von Griens Jeep. Etan kniete neben dem Mann im Staub und ihm wurde klar, das er ihn würde nicht mehr retten können. Er dreht sich um, stieg wieder in seinen Wagen und – floh …

Nach einem tiefen, traumlosen Schlaf erwachte Etan am Morgen danach und machte sich in der leeren, blitzblanken Küche, die seine Familie schon verlassen hatte einen Kaffee, als es an der Haustür klopfte. Als er öffnete stand sie vor ihm, diese dunkle, großgewachsene, schöne Frau und hielt ihm etwas entgegen. Er erkannte sein Portemonnaie in ihrer Hand sofort und sein Herz setzte aus – verdammt, gab es etwa doch einen Unfallzeugen …

Der Mann, der auf dem rostigen Metalltisch in der stillgelegten Autowerkstatt am Rand der Stadt lag, stöhnte leise und unter Schmerzen. Auf seinem Unterarm zeichnete sich bereits ein Muster von verfärbten Blutgefäßen ab, eine schwere Infektion fraß sich durch sein Fleisch. Etan trat näher. Warum hatte sie ihn hierher bestellt? Die Frau, die am Tag nach der Fahrerflucht an seiner Tür aufgetaucht war, sah ihn unterdessen ruhig an …

Ayelet Gundar-Goshen – die 1982 geborene Autorin lebt und arbeitet als Schriftstellerin und Psychologin in Tel Aviv. Ihr erster Roman, der 2013 erschien, wird derzeit von der BBC verfilmt.

Auch diese Geschichte hier würde sich hervorragend für eine spannende Mini-Serie eignen. Man klebt förmlich an den Seiten. Vom vielen Kopfschütteln habe ich immer noch Nackenschmerzen. Erst schwankt man zwischen Wut, Unverständnis und Empathie für den Protagonisten. Dann kommt sie aus der Deckung, diese Frage – wie hätte man selbst in einer solchen oder vergleichbaren Situation gehandelt? Die Antwort darauf erschreckt und rüttelt ganz schön auf …

Dieser Plot ist wie ein Albtraum, ein wahr gewordener Albtraum. Die Monster, die hier zwischen den Seiten hausen, sind keine Orks oder Wehrwölfe, sie heißen Vorurteil, Schuld und Reue, Feigheit und Verlangen. Mich hat er gepackt, dieser Roman, von der ersten Seite an. Sprachlich sehr direkt, radikal und schonungslos entwickelt er seine Sogwirkung. In voller Fahrt rasen wir auf den Abgrund zu, ungebremst, das Steuer fest in der Hand.

Goshen wählt einen Erzählstil, der fast ohne wörtliche Rede auskommt und doch bleibt nichts unausgesprochen. Brilliant übersetzt entstehen so Sätze wie mit dem Skalpell ausgeschnitten, präzise, klar und auch schon mal schmerzhaft.

Ein Roman über eine verhängnisvolle Entscheidung, eine schicksalhafte Begegnung und einen unglaublichen Handel. Wir werden Zeuge wie das Leben von Etan Grien, angesehener Neurochirurg, zwei Söhne, verheiratet mit einer Frau die bei der Kriminalpolizei ihren Mann steht, aus den Fugen gerät. Werden Zeuge von Entfremdung und Annäherung und davon, wie sehr man die Augen vor dem Unvermeidlichen verschließen und doch der Zwangsläufigkeit der Ereignisse nicht ausweichen kann.

Die Angst von Dr. Etan Grien, sein schlechtes Gewissen, seine Reue kollidieren mit der Empörung und dem Ehrgeiz seiner Ehefrau diesen Fall von Fahrerflucht zu knacken, den ihr Chef aufgrund der Ethnie des Opfers schon zu den Akten legen wollte. Kollidieren mit den Interessen der geheimnisvollen Zeugin, der er mehr und mehr verfällt. Hexe, undurchschaubare Sphinx …

Mutig, ja schonungslos, zeichnet uns Gundar-Goshen auch ein Bild vom Israel dieser Tage. Hält ihr Licht auf die Spaltung zwischen Arabern und Juden, zeigt sie anhand einfacher Geschehnisse auf, Ehrenmord und Drogenhandel inbegriffen. Auch hier gibt es Flüchtlinge. Sie kommen aus Eritreer, dem Sudan, zu Fuß, von Schleppern verschoben, entkräftet und krank an. Viele sterben, gibt es doch einen eklatanten Mangel an Medikamenten und ärztlicher Versorgung.

Sie zieht uns, ihre Leser, mit hinein in das Dilemma ihrer Figuren. Die Entscheidung wer hierbei Vergebung verdient überläßt sie aber uns, sie selbst wertet nicht. Wer ist hier Täter und wer Opfer? Die Grenzen verschwimmen … Auch wenn die letzte Seite umgeblättert ist, denkt man noch nach, über diese Hausaufgabe, die uns die Autorin zwischen ihren Zeilen stellt und die nicht leicht zu erledigen ist.

Wie oder auch was, bemisst den Wert eines Menschenlebens? Nicht nur in Bezug auf das Leben an sich, sondern auch darauf, wieviel Anstrengung und auch Kosten man für dessen Erhalt aufzuwenden bereit ist. Denkt man einmal hierbei auch an die moderne Medizin in Europa oder Amerika im Vergleich zu den Verhältnissen in den Entwicklungsländer, wo selbst eine Tetanusimpfung einem Luxusgut gleich kommt …

Unter der Drachenwand (Arno Geiger)

Samstag, 17.03.2018

Wir stehen morgens auf, beginnen unser Tagwerk, müssen uns keine Sorgen machen, ob wir genug zu essen haben. Rätseln höchstens darüber wie es funktionieren kann, sich gesund zu ernähren. Müssen uns nicht im Keller vor Bomben verstecken, vor Übergriffen auf der Straße Angst haben, können laut und frei die eigene Meinung äußern. Wir leben schon lange in einer Zeit anhaltenden Friedens in Deutschland. Dabei sind die Entbehrungen, Trümmer und die Angst in Kriegszeiten für viele von uns nur eine Armlänge entfernt, dann wenn wir Großeltern haben oder hatten, die ihn, einen der großen Kriege, selbst erlebt haben.

Mein Großvater Wilhelm durfte nach dem zweiten Weltkrieg aus russischer Gefangenschaft heimgekehren, auf seinen eigenen zwei Beinen. Nach der ersten Nacht zu Hause hatte sich sein Haar schneeweiß gefärbt. Über das was er dort in der Eiseskälte bei Stalingrad und sonst wo erlebt hatte, hat er mit uns Kindern nie gesprochen. Einzig, dass er niemanden, zum Schneiden seiner Zehennägel an seine Füße ließ, war für uns auffällig und wenn ich, sein „Jockel“ wie er mich nannte, ihn an den Füßen kitzelte, wenn er auf dem Chaiselounge in der Küche seinen Mittagsschlaf hielt, wurde er streng. Er hatte kein wirkliches Gefühl mehr in ihnen, seinen Zehen, sie waren ihm erfroren in diesem Kriegswinter und er versteckte sie stets, ob Sommer oder Winter in dicken Wollstrümpfen …

Unter der Drachenwand (Arno Geiger)

Diesmal hatte er kein Glück gehabt, er war in einen Hagel aus Granaten-Splittern geraten. An der Wange, im Oberschenkel unter seinem Schulterblatt waren sie eingedrungen. Dem Blut, dass aus ihm herauslief, hatte er ungläubig nachgeschaut. Wie ein Bächlein wollte das Leben aus ihm entweichen, aber noch war er am Leben. Irgendwie war er in dieses Lazaret gekommen, nach fünf dunklen Jahre als Soldat im Feld und nach dieser Verletzung stand ihm jetzt ein Genesungsurlaub zu.

Freuen hätte er sich doch müssen, endlich wieder zu Hause sein, bei den Eltern. Gut meinten sie es doch mit ihm. Die Eltern wollten erfahren, wie es ihm ergangen war. Für ihn aber war es wie eine Strafe, denn sie erwarteten das, was er nicht wollte, nicht konnte, dass er erzählte. Er blieb verstockt, wollte nicht reden, nicht rühren an dem Erlebten, und sie, sie bedrängten ihn.

Der Vater mit seiner politischen Überzeugung und seinem schier grenzenlosen Optimismus, dass sie Teil eines großen Plans, einer großen Erneuerung sein würden. In seinen Frontbriefen war das schon schwer auszuhalten gewesen, jetzt hier im persönlichen Gegenüber schnürte es Veit die Luft ab. Wieviel Zeit er verloren hatte! Danach fragte der Vater nicht. Ein Studium hätte er beginnen und abschließen, im Beruf stehen, unabhängig von den Eltern sein können. Von seinem Vater, der ihm unablässig gute Ratschläge wie Schläge erteilte …

Er musste hier raus, hier konnte er nicht genesen. Ein Ausweg tat sich auf. Ein Onkel wohnte doch am Mondsee, war dort Ordnungshüter, würde er nicht bei ihm unterkommen können? Am Fuß der Drachenwand Ruhe und Erholung finden? Wurden nicht auch dorthin die Kinder aus den Städten verschickt, die unter stetem Bombenhagel lagen?

Zeitungspapier zum Warmhalten unter den Socken. Aus Konservendosen Kartoffelreiben basteln. Der ständige Mangel an allem, gleich ob Draht, Dachpappe, Nahrung oder Brennstoff machte aus allen Meister der Improvisation. Auch hier am Mondsee, obwohl dort die Zeit still zu stehen schien. In diesem Frühling, als Veit „die Darmstätterin“ kennenlernte …

Hörbuch-Fassung:

Torben Kessler – geb. 1975 in Bielefeld, Fernseh- und Theaterschauspieler, arbeit auch als Synchron- und Hörbuchsprecher. 2016 wurde er für den Deutschen Hörbuchpreis nominiert.

Er agiert als Hauptsprecher in dieser Fassung, übernimmt den überwiegenden Part. Einfühlsam verleiht er dieser schweren Zeit mit angemessenem Ton Tiefe und eine Traurigkeit, die berührt. Seine Stimme klingt jung, jung und verletzlich, er gibt damit einen Veit Kolbe zum Anfassen.

Die eingestreuten Briefe werden jeweils von anderen Sprechern gelesen und verleihen dem Roman so eine sehr persönliche Note. Man meint den Briefschreiber, die Briefschreiberin durch das Vorlesen selbst zu hören. Besonders Cornelia Niemann fand ich in ihrer Rolle als Mutter der Darmstätterin Margot sehr authentisch.

Aber auch Michael Quast und Torsten Flessing als Kurt sind ein Gewinn für diesen Roman.

Der österreichische Autor Arno Geiger wurde 1969 in Bregenz geboren. Von den Bestseller-Listen kennen wir ihn auch in Deutschland. Mit seinem Roman „Der alte König in seinem Exil“ hatte er sich hier 2011 einen Spitzen-Platz erobert. Als Sohn schrieb er damals über die Demenz-Erkrankung seines Vaters.

Ein Autor, der das schriftstellerische Handwerk par exellence beherrscht und mich sprachlich und inhaltlich komplett abgeholt hat.

Seinen Roman läßt Arno Geiger 1944 beginnen und wir, seine Leser, begleiten Veit Kolbe in seinen Genesungsurlaub an den Mondsee, zu Füßen der Drachenwand. Erleben seine Albträume mit, lernen mit ihm den „Brasilianer“, Margot und Nanni kennen. Stellen uns mit ihm den Bildern und Geistern, die seine Zeit im Feld ihm beigebracht haben.

Darf man auch in solchen Zeiten verliebt sein? Dem Alltag ein kleines bisschen Glück abtrotzen? Dann wenn der Himmel Feuer fängt, man die Luft vor Ruß und Staub nicht mehr atmen kann. Übermüdet und vor Hunger entkräftet.

Kinderverschickung, was für ein Wort! In Sicherheit wollte man sie wissen, riss Familien damit auseinander, ersetzte Nestwärme durch Drill und Gleichschritt.

Erschüttert erfährt man, dass nach langen Bombennächten eine ganze Hausgemeinschaft von siebzehn Menschen am Ende in einen Sarg paßt. Ist dabei wenn aus Nachbarn Kellermenschen mit Leichenhänden werden. Verpfuschte Leben und das Verbot der freien Rede, Drückeberger die als solche beschimpft und abgestempelt werden. Angespuckt und verstoßen, verhöhnt und gequält.

Eingeflochtene Briefe. Wie Weidenruten in einem Korb, geben sie Geigers Geschichte ein verbindendes Gerüst. Briefe aus dem Krieg in den Krieg, Briefe einer Mutter an ihre Tochter, Briefe an eine erste große Liebe, Briefe jüdischer Väter an Verwandte über Enteignung, Verzweiflung und den Wunsch nach Flucht. Alle Facetten decken Sie ab, diese Einzelschicksale rühren zu Tränen, zu Tränen der Trauer und der Wut. Phasenweise habe ich eine Pause gebraucht, so nah kamen die Schilderungen an mich heran. Vermissen und vermisst sein, ausweglos, trostlos, hoffnunglos, für diese Briefwechsel, diese Geschichten braucht man Kraft.

Ein Roman gegen das Vergessen und für das Leben, der eigene Erinnerungen weckt, an das, was dieser Krieg auch in der eigenen Familie angerichtet und hinterlassen hat …

Traurigkeit (aus Hermann Hesse, Die Gedichte, Insel-TB S.693)

  • Die mir noch gestern glühten,
  • sind heut dem Tod geweiht,
  • Blüten fallen um Blüten
  • vom Baum der Traurigkeit.
  • Ich seh sie fallen, fallen
  • wie Schnee auf meinen Pfad,
  • die Schritte nicht mehr hallen,
  • das lange Schweigen naht ….

Luftschiff (Stefan aus dem Siepen)

Samstag, 10.03.2018

Also, ich wär‘ dann soweit. Lange habe ich überlegt, ob ich für diesen Anlaß auch das Richtige eingepackt habe. Ich habe Reisefieber. Drei Tage soll die Fahrt mit dem Luftschiff „Berlin“ quer über den Atlantik von Berlin nach New York dauern. In dem Kino in meinem Kopf waren bei dem Gedanken an diese „Zeppelin-Fahrt“ sofort die Lichter angegangen. Schwerlos, geräuschlos schwebend, dort oben, wo die Freiheit laut Reinhard Mey grenzenlos sein muss. Die Haustür fällt hinter mir in’s Schloß. Die Zeit drängt. „Über den Wolken“ von Mey, vor mich hin summend eile ich zum Flugplatz. Gedanklich richte ich mich schon in meiner Kabine ein. Wasche mir in meinem Belle Epoque-Waschbecken vor dem Essen die Hände, lege meinen Schmuck an, richte meine Frisur. Was ist mit Euch, seid Ihr dabei?

Luftschiff (Stefan aus dem Siepen)

An sechs langen Tauen ist die Berlin fest gemacht, ihr Namensschriftzug, mit Buchstaben so hoch wie ein Haus, schimmert durch den leichten Nieselregen. Auf dem Rollfeld wird noch Gepäck verladen, dass ein Traktor schnaubend herbei bringt. Viele Passagiere fehlen nicht mehr, einige wenige Nachzügler bahnen sich noch ihren Weg durch die Schaulustigen, die sich wie bei jedem Start versammelt habenen um mit weißen Taschentüchern hinter der Berlin herzuwinken. Oberregierungsrat Neise ist unter den letzten die an Bord gehen werden. Er darf endlich in die ersehnten Ferien aufbrechen. Amerika wartet auf ihn. Seinem monotonen, gleichförmigen Alltag eine Weile entfliehen, das ist der Plan. Was wäre dazu besser geeignet, als eine Reise mit dem Zeppelin? Dieses luxuriöse Luftschiff, dass so mondän wie das Grandhotel und so schnell wie ein Expresszug war, hatte seine Begeisterung schnell geweckt. Gediegen, mit einem Hauch Extravaganz, eingerichtet nach dem Vorbild der großen Luxusliner, so die Werbung – das klang doch verheißungsvoll. Die Reisedauer nicht zu vergessen, in nur drei Tagen von Berlin nach New York!

Textzitat S. 30: „Draußen war es schwarzer Abend geworden. Die Wolken flanierten noch immer vorüber, verbargen sich aber als Schemen in der Dunkelheit und wirkten dadurch umso neugieriger. Das Salonleben spiegelte sich mit makelloser Schärfe in den Scheiben, sodass der Eindruck entstand, auch im Himmel werde geplaudert, Karten gespielt und musiziert. Von der Decke hingen kugelförmige Lampen aus Milchglas, die eine dreifache Existenz führten: Sie verbreiteten im Salon ihr festliches Licht, spiegelten sich in den Fenstern und zogen als Monde durch die Nacht.“ …

Er fühlte sich krank, ihn schwindelte, sein Magen war unruhig und in seinem Kopf fuhren die Gedanken Karusell. Die Landung hätte vor nunmehr vier Stunden sein sollen. Diese Verspätung schien aber außer ihm keinen der anderen Fahrgäste zu beunruhigen. Auch als weitere Stunden verstrichen und wie immer das Abendessen serviert wurde, blieben alle ruhig, gingen nach der allabendlichen Unterhaltung auf ihre Kabinen und zu Bett. Er hatte schon alles eingepackt, war bereit zur Landung gewesen, umständlich zerrte er jetzt Pyjama und Zahnbürste aus dem Koffer, putzte nachdenklich seine Zähne. In der Nacht schreckte er auf aus einem unruhigen Schlaf …

Textzitat S. 83: „Der Flur vor den Kabinen war unheimlich. Die Deckenlampen, die während der Nachtstunden herabgedreht wurden, verbreiteten ein schwächliches Licht, das nicht heller leuchtete als ein paar Teefunzeln, die bald verflackern würden. Die Stille war auch hier vollkommen. Beim Gehen trat er fest mit dem Fuß auf, ließ die Sohlen über den Boden schleifen, um sich gegen die bedrängende Lautlosigkeit zu wehren. Warum hörte er die Motoren nicht?“ …

Stefan aus dem Siepen arbeitet für das Auswärtige Amt in Berlin und hat schon einige Romane veröffentlicht. Dieses ist mein erster von ihm. Seine geschliffene Sprache, die hier wunderbar den Ton der zwanziger Jahre trifft, ist beeindruckend. Diese Rede die er führt, unglaublich! Seine Worte erschuffen vor meinen Augen eine Opulenz die Staunen macht. Er beschreibt die Ausstattung des Zeppelins Berlin so liebevoll und detailliert, dass ich mich selbst als Fahrgast an Bord wähnte. Das Ablegemanöver spektakulär, die Mahlzeiten köstlich, der Kabinenservice excellent und in nur drei!! Tagen war man in New York. Was für eine katapultartige Geschwindigkeit! Man legt bei bedecktem Himmel in Berlin ab, mitten in der Nacht reissen dann pünktlich über Paris die Wolken auf und man drückt sich mit den Fahrgästen gemeinsam die Nase am Fenster platt, bestaunt die Lichter der Großstadt aus der Vogelperspektive. Herrlich!

Ein kleiner feiner Roman, der mich sehr gut unterhalten hat und mich schnell den Entschluß hat fassen lassen, das dies nicht die letzte Geschichte ist, die ich von aus dem Siepen lesen möchte!

Der Gefangene des Himmels (Carlos Ruiz Zafon)

Sonntag, 25.02.2018

Als hätte er Widerhaken, so hat er sich festgekrallt, dreht sich mit mir im Kreis, bis ich Kopfschmerzen habe. Den Schlaf hat er mir schon geraubt in der letzten Nacht, hat mich erschöpft, mich ruhelos gemacht.

Was für eine Macht er hat. Er macht mich rastlos, zehrt meine Konzentration auf. Ganz gleich, was ich heute auch anfange. Immer, immer wieder komme ich zu ihm zurück. Zu diesem einen Gedanken. Er fährt mit mir Karusell, ohne Anfang, ohne Ende, immer schneller. Er läßt mich wütend werden, wütend darüber ihn nicht abschütteln zu können.

Schließlich fasse ich Mut, plane die Flucht, lege mir eine Taktik zurecht, gehe eine Seilschaft ein, ergreife die Hand eines Herzensmenschen und breche aus, aus meinem Gedanken-Gefängnis …

Mit Gefängnissen und dem Gefangensein scheint er sich bestens auszukennen. Von echten und mentalen Ausbrüchen erzählt uns Carlos Ruiz Zafon, hier in seinem dritten Barcelona Roman, fesselnd und eindringlich:

Der Gefangene des Himmels

1939. Castello Montjuic, Barcelona.

In dieser pechschwarzen Nacht sickerte der Regen aus den Mauerspalten des Castellos in feinen Rinnsalen wie Tränen herab. Das stets hungrige Gefängnis auf dem Felssporn hoch über Barcelona, wurde auch heute im Schutz der Dunkelheit mit neuen Mietern gefüttert. Die politischen Gefangenen, die hier eingeliefert wurden wussten, dass sie diese Mauern nicht mehr lebend verlassen würden. Zitternd, frierend und völlig durchnäßt stand der neue Gefangene und künftige Insasse von Zelle Nr. 13 jetzt vor seinem Ankläger, dem gefürchteten Direktor auf dem Montjuic. Aus kühlen blauen Augen musterte dieser das unscheinbare, schlotterte Männlein, das sich nackt und verwundet vor ihm duckte …

Ein feuchtes Loch, in dem die Geräuche in vollkommener Dunkelheit widerhallten. Auf allen Vieren kroch unser Gefangener näher an einen schattenhaften Umriß in der hinteren Zellenecke heran. Dort war ein Sack aus grobem Segeltuch auszumachen, dem ein fürchterlicher Gestank entströmte. In der Hoffnung Kleidung, oder eine wärmende Decke zu finden, öffnete er den Sack und sah sich einem Mann gegenüber, der ihn mit toten, offenen Augen aus den Falten des schäbigen Seesacks heraus anstarrte …

Die Tage seit sie ihn in das Gefängnis auf dem Montjuic verschleppt hatten, waren für sie zäh wie Sirup vertropft, ohne jegliche Aussicht darauf ihm von außen irgendwie helfen zu können. Dann war überraschend diese Einladung gekommen, so spät in der Nacht war Isabella dieser nur widerwillig gefolgt. Jetzt saß sie ihm hier wieder gegenüber, diesem Widerling von einem Gefängnis-Direktor, der tatsächlich die Dreistigkeit besaß, ihr einen Kamillentee mit Honig anzubieten, als sei dies hier ein Tanz-Tee zu später Stunder. Schon nachdem sie die ersten Schlucke getrunken hatte, war ihr nicht gut gewesen, schwankend hatte sie es mit letzter Kraft noch nach Hause geschafft, von Krämpfen geschüttelt. In den folgenden Tagen, hustete sie Blut, wurde immer schwächer und schwarze Flecken begannen ihren Körper zu überziehen …

Textzitat, Kapitel 75: „Ich suchte nach dem Mann, der meine Mutter umgebracht hatte, um die Scham vor seinem wahren selbst zu verbergen, das offensichtlich auch sonst niemand aufzudecken in der Lage war. An diesen einsamen Abenden, in der alten Athenäus Bibliothek, lernte ich zu hassen. An einem Ort, wo vor nicht allzu langer Zeit meine Sehnsüchte reineren Dingen gegolten hatten …“

Carlos Ruiz Zafon, erfolgreicher Geschichten-Erzähler aus Spanien. Seine Satz-Architektur folgt einer ganz eigenen, wunderbaren Melodie. Schon die beiden vorangegangenen Bände „Der Schatten des Windes“, sowie „Das Spiel des Engels“ haben mich zu seinem Fan werden lassen. Dieser dritte Teil seiner Barcelona-Reihe aber hat es mir, zugegeben, besonders angetan.

Zafon erzählt uns von verlorenen Seelen, enger Bindung, tiefer Freundschaft, von politischen Ränkespielen, Emporkömmlingen und Machtspielen. In seinem dritten Barcelona Abenteuer erleben wir Erschießungskommandos, Massengräber und dem Wahnsinn anheim gefallene Schriftsteller ebenso, wie rauschende Hochzeitsfeste und Eifersuchtsdramen.

Auch hier werden Daniel Sempere und Fermin wieder Detektive in ihren eigenen Leben.

Die finsteren Gefängnisszenen blieben mir dabei beklemmend nachdrücklich im Gedächtnis. Fassungslos angesichts des geschilderten Martyriums der Gefangenen, macht man sich klar, dass diese Ereignisse nicht nur der dichterischen Freiheit eines Autors entsprungen sind, sondern sich so, oder ähnlich in einem menschenverachtenden Regime, mitten in Europa abgespielt haben.

Das Wiedersehen mit Fermin Romero del Torres war mir ein echtes Fest. Dieser unerschütterliche, humorvolle Freigeist war schon meine Lieblings-Figur im Schatten des Windes. In dieser Geschichte wird er von der Neben- zur Hauptfigur, hier erfahren wir endlich mehr über seine bewegte Vergangenheit, deren Schatten noch immer nach ihm greifen. Trotz aller Tragik ist wegen seines Humors dieser Teil einmal weniger melancholisch geraten, er wirkt leichter, pointenreicher. Die Sprüche die Zafon seinem Fermin in den Mund legt sind einfach nur genial. Der Schalk, der ihm im Nacken sitzt macht Laune. Fermin schwadroniert sich unverdrossen um Kopf und Kragen, bleibt dabei aber immer echt und sehr eigen. Beschützer, Freund und schlagfertiger Windhund, ausgestattet mit einem großen Herzen und einer mehr als ausgeprägten Leidensfähigkeit.

Was Alexandre Dumas „Der Graf von Monte Christo“ mit all dem zu tun hat, und auf welches Schloß der Schlüssel zur Zukunft wohl paßt? Und ja, mit der Entscheidung, wer Isaac Montfort als Wächter des „Friedhofs der vergessenen Bücher“ nachfolgt, kann ich sehr gut leben und ich freue mich wie ein Schnitzel auf Teil vier der Reihe, der jetzt noch unentdeckt vor mir liegt …

Textzitat, Kapitel 88: „Wir streiften durch die Gassen des Viertels und hämmerten uns wie immer die Welt zurecht, bis sich der Himmel zaghaft purpurn färbte. Zeit, dass der Bräutigam und sein Trautzeuge, also ich, sich auf den Wellenbrecher setzten um einmal mehr, vor der größten Fatamorgana der Welt die Morgendämmerung zu begrüßen. Vor dem Barcelona, dass sich vor dem Aufwachen im Hafenwasser spiegelte …“.

Hörbuch-Fassung:

Andreas Pietschmann, geb. 1969, Theater- und Fernsehschauspieler, Lebensgefährte von Jasmin Tabatabei, ist der dritte Sprecher für den dritten Teil der Hörbuch-Reihe des Argon Verlages. Nach Uve Teschner und Gerd Wameling, liest er hier einfühlsam und stimmlich angenehm. Er weiß die einzelnen Charaktere zu betonen, liest dabei den Gefängnisdirektor schlangengleich, einschmeichelnd, leutseelig und verschlagen. Unseren Fermin hingegen pfiffig, witzig und hinreissend parlavrierend. So wird dieses Hörbuch zu einer runden Sache!