Wo drei Flüsse sich kreuzen (Hannah Kent)

Samstag, 14.10.2017

Langsam verstummen die Gespräche um mich her, verlaufen sich die übrigen Wanderer zwischen den teils haushohen Lavabergen. Spitz und drohend, verwunden und verwunschen ragen sie vor mir auf, ihre Spitzen scheinen die Wolken zu berühren, die „Dimmuborgir“ die „Dunklen Burgen“, wie sich der isländische Name ins Deutsche übersetzen läßt. Hier so sagen die Isländer,  wohnen sie, die Elfen und Trolle. Fest verwurzelt ist hier in Island der Glaube an die Gegenwärtigkeit dieser Wesen. Ich schleiche mit angehaltenem Atem voran. Da, dieses Wispern, war das wirklich der Wind? Kühler scheint es mir plötzlich zu werden, kaum das ich um diese Ecke bin, mich fröstelt …

Gefallene Engel. Im Gefolge von Luzifer sollen, einer gaelischen Legende nach die „rebellischsten“ Engel den Himmel verlassen haben. Als die Tore des Himmels weit offen standen, verließen ihn aber auch noch andere Engel, solche die Luzifer nicht folgen wollten. Nach der Warnung der Erzengel, der Himmel würde bald entvölkert sein, gehe diese „Flucht“ so weiter, wurden die Himmelstore geschlossen. Für alle, die hinaus gelangt waren, blieben die Tore für immer verschlossen. Die so ausgeschlossenen Engel verblieben so unter uns Menschen und wurden zum Feenvolk …

Wo drei Flüssen sich kreuzen (Hannah Kent)

Irland, 1825

Martin war tot?! Die Männer hatten ihn mit hängenden Köpfen herein und in ihr Schlafzimmer gebracht. Nora hatte stumm daneben gestanden, nur Fragmente von dem, was die Männer ihr erklärten, waren zu ihr durchgedrungen. Herz – Graben – Kreuzung. Dem Brauch gemäß hatten sie bereits nach dem Priester geschickt, kümmerten sich die Nachbarn um die Waschung des Leichnams und organisierten die Totenwache, einen Klagegesang. In dieser ersten Nacht nach Martins Tod versammelten sich alle in der engen Kate von Nora am Feuer, Kerzen brannten, heute wollte sie niemand allein lassen und doch war sie es ab jetzt. Allein mit diesem unseligen, Kind. Diesem Balg, ihrem Enkel, den ihr Martin so geliebt hatte. Das mit seinen mittlerweile vier Jahren noch keinen einzigen Schritt getan hatte, nicht sprach, lieber ständig aus Leibeskräften schreiend rothaarig und milchgesichtig da lag. 

Die Freunde und Nachbarn hatten zu flüstern begonnen, das Wort „Zeichen“ schnappte Nora auf. Die Männer die ihn gefunden hatten verstummten als sie näher trat. Was hatten sie gesehen, hatte etwas auf Martins Tod hingedeutet? 

Ein harter Winter war über das Tal und seine Bewohner gekommen. Den Tod von Martin hatten alle noch nicht verwunden. Kerngesund und kraftstrotzend wie er war, konnte er doch nicht einfach so umfallen und tot sein? Viele Kühe hatten aufgehört Milch zu geben, das was man aus ihren Eutern noch herausquetschte, ließ sich nicht mehr buttern. Eine Niederkunft, die mit einer Totgeburt geendet hatte. All das, in so kurzer Zeit geschehen, wertete man als Zeichen, als Zeichen dafür, dass das Böse längst eingezogen war unter ihren Dächern. Nahezu alle im Tal hielten mittlerweile Noras Enkel für ein „Kuckuckskind“, das ihrer Tochter von den Feen untergeschoben worden war. So missgestaltet, unansehnlich, unausstehlich wie der Kleine war. Den bösen Blick musste ES haben, dieses Wechselbalg. Mit Brennesseln, Digitalis und allerlei anderen Tinkturen rückt man dem Kind fortan zu Leibe. Die Dorf-Heilerin, diese Grenzgängerin zur Anderswelt, die ihre Gabe den Feen verdankt, dann doch eingebunden …

Kronzeugin der Anklage. So richtig war Marie nicht klar, was das zu bedeuten hatte. Verstanden hatte sie aber, dass sie ihren eigenen Hals nur vor dem Galgen bewahren konnte, wenn sie einen Eid schwören und aussagen würde. Ungelenk hatte sie ihre Aussage mit einem Kreuz unterschrieben, so war es nun also besiegelt. Verängstigt und zittert stand sie jetzt auf, den starrenden Blicken der Geschworenen ausgesetzt, man gab ihr eine Bibel in die Hand und ließ sie schwören. Jetzt also würde es beginnen, dabei hatte sie nicht Schicksal spielen wollen, zu keiner Zeit. Dort wo die drei Flüsse sich kreuzten, dort war es gewesen, wo das Unfassbare geschehen war …

Hannah Kent werden einige von ihrem ersten Roman her kennen. „Das Seelenhaus“ wurde 2013 veröffentlicht, davor bereits 2011 in ihrer Heimat Australien ausgezeichnet. Damals hatte sie den Stoff für ihren Roman einem Tatsachenbericht aus Island entnommen. Auch diese Geschichte gründet sie auf einer wahren Begebenheit, was die Tragik, die Verkettung der Ereignisse enorm verstärkt. 

Der neue Priester im Tal, ein religiöser Eiferer, kämpft mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln, gegen den heidnischen, tief verwurzelten Glauben seiner Gemeindemitglieder. Es vermischen sich der heilge Zorn derer, die der alten Heilerin schon immer feindlich gesonnen waren, mit dem derjenigen, die in diesem Winter jede Hoffnung verloren hatten …

Abgebrannt, abgeurteilt, dem Volkszorn hilflos ausgesetzt. Die Atmosphäre in diesem abgelegenen Tal in Irland um 1825 fängt Kent sehr anschaulich ein. Diese heraufbeschworene Stimmung ist es auch, die mir besonders gefallen hat. Das karge Leben, geprägt von Armut, Hunger und Aberglauben meint man mit Händen greifen zu können. Was ist man bereit zu glauben, was war man damals bereit zu glauben? Alles was der Verstand nicht fassen konnte, sich nicht erklären ließ, musste mit der Anderswelt zusammenhängen. 

Wer apathisch war, oder geistig verwirrt, dem wurde schnell Besessenheit unterstellt. Teufelsaustreibungen, die ihre Opfer bis auf’s Blut quälten und an den Rand des Todes brachten waren an der Tagesordnung. Wir, die wir in einer Welt von Röntgenapparaten, MRTs und Laborbefunden leben, sind um einiges aufgeklärter. Als Patienten sind wir mündig und doch suchen auch wir heute vielfach Heilung und Zuflucht bei alternativen Methoden. Nennen es Homöopathie, Akkupunktur, Meditation. Dies soll uns Schmerzen dämpfen, uns mit unserem Ich, unserer Mitte wieder verbinden. 

Im ersten Drittel der Geschichte war ich mir noch sicher, wo das Gute aufhört und das Böse beginnt. Hatte alle Figuren eingeordnet, wußte wer auf welcher Seite stand. Dann nagten die ersten Zweifel an mir. Konnte es sein, was nicht sein durfte? Ich war geneigt, die Seiten zu wechseln. Doch etwas hielt mich zurück. Das hat Frau Kent prima hingekriegt, sie hat mich die Perspektive ihrer Figuren einnehmen lassen, mich dabei ihn ihre Geschichte verstrickt. Ihr „Seelenhaus“ habe ich als Island-Fan jetzt sofort auf meine Wunschliste aufgenommen.

Hörbuch-Fassung:

Vera Teltz, geb. 1971 ist als Synchronsprecherin ein Profi. Ihre Stimme lieh sie bereits Hollywoodgrößen wie Helena Bonham Carter und Maggie Gyllenhaal. In Produktionen wie „Pirates of the Caribean“ und auch in James Bonds „Skyfall“ wirkte sie dabei mit. Im Bereich Hörbuch scheint sie mehr für die eher düsteren geheimnisvollen Stoffe besetzt zu werden. Kein Wunder, flüstert sie doch für uns aus den Schatten. Haucht dieser Geschichte mit wispern Atem ein, erweckt die Szenerie im Irland der 1825er Jahre für uns zum Leben. Sie hat mir in diesem Roman außerordentlich gut gefallen. Ich habe sie auf meinem Zettel, Frau Teltz …

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Die Spuren meiner Mutter (Jodi Picoult)

Beitrag vom 16.03.2017 – DRUCKFRISCH im Taschenbuch erschienen:

Die Big Five! Nahezu jeder Südafrika Tourist stellt Ihnen auf Safari, bewaffnet mit Fernglas, Kamera und Sitzfleisch nach. Verharrt im Gebüsch, auf unbequemen Jeep-Sitzen, ruckelt durch Schlaglöcher und bibbert des Nächtens und vor Sonnenaufgang auf der Pirsch. Elefant, Nashorn, Büffel, Löwe und Leopard einmal aus der Nähe sehen und als Erinnerungs-Foto mit nach Hause nehmen. Das wärˋs, dachten auch mein Mann und ich vor einigen Jahren und brachen auf von Frankfurt nach Kapstadt.

In den großen Krüger Park haben wir uns der Malaria wegen nicht getraut, um so erstaunter waren wir wie gut man auch in kleinen, teils privaten Reservaten große Tiere aus nächster Nähe beobachten kann. Gänsehaut hatte ich dann bei einer Nacht-Safari. Lange bevor wir etwas sehen konnten, war da dieses Geräusch. Ein leises „Zerreissen“ in der nächtlichen Stille und schon waren mitten unter einer Elefantenherde die friedlich graste. Ein für mich winziger Elefant, er hätte in eine Reisetasche gepaßt, wurde sofort von seinen großen Artgenossen behutsam in deren Mitte genommen und nach allen Seiten abgeschirmt. Wie achtsam, und umsichtig diese großen Tiere miteinander umgingen! Wie leise sie wieder in der Nacht verschwanden.

Einige Tage später, führte uns eine Tour in die offene Savanne zu einem Wasserloch. Dort tobte ein anderer kleiner Elefant quietsch vergnügt, mit wehenden Ohren, wie ein junger Hund durch die Pfützen. Die umstehenden Dickhäuter schienen ihm ebenso belustigt zuzuschauen wie wir …

Die Spuren meiner Mutter (Jodi Picoult)

Serenity ist ein Medium und Wahrsagerin. Gleich zwei „Geister“, Lucinda und Desmond, führen Sie. Ihr Spezialgebiet ist das Auffinden vermißter Personen, sogar die Polizei arbeitet mir ihr zusammen. Ihre Erfolgsquote ist beachtlich, sie ist gern gesehener Gast in Talkshows und oft letzter Ausweg für verzweifelte Angehörige … Bis zu diesem einen Fall: Es geht um den Sohn von Senator McCoy, er wurde mitten im Wahlkampft entführt und die Polizei sucht fieberhaft nach ihm. Es ist ungewiß ob er noch lebt. Serenity wird aktiv. Im entscheidenden Moment aber, stehen ihr ihre beiden Geistführer plötzlich nicht mehr zur Verfügung und sie greift zu einen folgenschweren Lüge vor laufenden Fernsehkameras …

Virgil Stanhope ist abgestürzt. So nennt man das wohl, wenn man mehr Alkohol trinkt als einem gut tut. Seinen Job als Polizist hat er verloren, hält sich mit Gelegenheitsermittlungen als Privatdetektiv über Wasser, und an allem ist nur dieser eine Fall schuld, diese eine Nacht …

Jenna ist jetzt dreizehn und sie ist besessen. Besessen von der Idee ihre Mutter wiederzufinden die, da war Jenna gerade mal drei Jahre alt, verschwunden ist. Spurlos wie man so sagt. Eine Spur findet die hartnäckige Jenna dann aber doch, allen Widerständen zum Trotz und gegen den Willen ihrer Großmutter, bei der sie jetzt aufwächst …

Die großen Spuren im Leben von Jennas Mutter, der Elefantenforscherin Alice, aber haben keine Menschen hinterlassen, sondern IHRE Elefanten. Geliebt hat sie diese starken, klugen, sensiblen Tiere. Gekämpft hat sie für sie, unermüdlich und mit all ihrer Kraft. Bis zu dieser einen schicksalhaften Nacht im Reservat. Der Nacht, in der sie verschwand und die der Schlüssel zu allem zu sein scheint …

Jodi Picoult ist mit diesem Roman ein großer Wurf gelungen. Nie habe ich auf kurzweilige, spannende und humorvolle Art soviel gelernt –  über Elefanten! Über ihr Wesen, ihr Sozial-und Trauerverhalten, aber auch über Wilderei und über Macht und Ohnmacht im Umgang mit ihr. Die eigentlichen Helden in dieser Geschichte sind dann auch die Elefanten, mit ihnen beginnt alles und sie führen alle Fäden zusammen. In Rückblenden auf das Leben der Forscherin Alice erzählt Picoult und führt diese Geschichte zu einem wirklich krönenden Abschluß. Ich muss sagen, so bin ich im Finale eines Romans selten überrascht worden. Faszinierend und herzerfrischend anders. Für alle Vielleser eine schöne Abwechslung.

Die Kieferninseln (Marion Poschmann)

Sonntag, 08.10.2017

War es Hape Kerkeling, der vor ein paar Jahren den „Run“ auf den Jakobsweg ausgelöst hat? Stellvertretend für das Gefühl einer ganzen Generation von „Lebens-Entwurf-Hinterfragern“ stand seine Abkehr vom „Show-Biz“. Wie kaum ein anderer, berührte der sympatische Entertainer, mit Humor und Selbsterkenntnis in seinem Bestseller „Ich bin dann mal weg“ die Nation. Viele wollten es ihm gleich tun, sich selbst wieder finden, warum nicht durch Pilgern?

Mir tun ja recht schnell die Füsse weh, weit würde ich nicht gekommen. Der Gedanke aber gefällt mir, wandernd seine innere Mitte, sein Gleichgewicht finden. Der Griff zu diesem Roman war also eine logische Konsequenz und plötzlich war ich unterwegs auf einer Pilgerreise der ganz anderen Art:

Die Kieferninseln (Marion Poschmann)

Gilbert Silvester, Privatdozent und ja, z. Zt. Bartforscher, unterschied die Welt für sich in Tee – und Kaffeeländer. Letztere bereiste er, Erstere nicht. Sie waren im zu mystisch.

Jetzt, im Flugzeug über Sibirien war ihm flau. Seit mehr als dreißig Stunden hatte er nichts mehr gegessen und er war wütend auf seine Frau. Allein ihre Schuld war es, das er jetzt ausgerechnet auf direktem Weg in ein verhasstes Teeland war. Japan! Freiwillig hätte er diese Reise nie angetreten. Sie aber mutete ihm das zu. Er dachte sich schon wieder in Rage!

Wie konnte Sie nur?! Erst ließ sie ihn träumen, sie habe ihn betrogen, dann darauf angesprochen, verhielt sie sich auch noch komisch! Abstand, das war es was er jetzt brauchte, der spontane Entscheid den Flieger nach Tokyo zu nehmen die notwendige Konsequenz.

In dieses Flugzeug zu steigen, war so lächerlich einfach gewesen, hatte so gar keine Umstände gemacht. Los lassen, wenn auch das nur so einfach wäre. Einsam mitten in Japan. So weit weg von zu Hause, wie er es noch nie zuvor gewesen war, betrat er in der Feierabend-Geschäftigkeit Tokyos den Gehsteig vor seinem Hotel …

Textzitat Seite 20: „Er hätte sich gern etwas zu essen gekauft, aber er fühlte sich zu durchlässig, um einen klaren Entschluß zu fassen, ja, er fühlte sich regelrecht transparent, und diese Transparenz hatte nichts mit Leichtigkeit zu tun, sondern war Ausdruck seiner Kraftlosigkeit. Seine Fähigkeit, Raum einzunehmen, Luft zu verdrängen, um mit seinem Körper an ihre Stelle zu treten, schien seltsamn beeinträchtigt.“

Yosa Tamagotchi ordnete umständlich seine Sporttasche. Richtete sich dann auf und war eben dabei über das Absperrgitter zu steigen, um sich vor den nächsten Zug zu werfen, als ihn dieser fremde deutsche Herr ansprach. Yosa erschrak, er stieg vom Gitter und verbeugte sich tief. Murmelte in schlechtem Englisch ein Entschuldigung. Es tue ihm leid, selbst hier zu versagen und seinem Entschluß keine Tat folgen lassen zu können. Bei Gilbert Silvester regte sich ein Gedanke. War es nicht so, dass man Selbstmörder in ein Gespräch verwickeln sollte? Das tat er und nicht nur das, er suggerierte dem jungen Mann, das dieser Ort doch wohl kaum seinem Ansinnen angemessen sei. Langer Rede, kurzer Sinn – die beiden verbrachten die Nacht in Gilbert’s aufgeräumtem Hotelzimmer. Morgen würde man weiter sehen …

Was haben der Wunsch nach Abgewandheit und ein Todeswunsch gemeinsam? Matsushima – der schönste Ort Japans! In der Abgeschiedenheit der Bucht der Kieferninseln gab es eine Klippe. Dieser Ort schien angemessen – fortan hatten Yosa und Gilbert ein Ziel …

Marion Poschmann schenkt uns mit diesen 164 Seiten ein Kleinod. Mit ihrer Pilgerreise auf den Spuren eines ehrwürdigen japanischen Wanderdichters schrieb sie sich auf die Short-List des Deutschen Buchpreises 2017. 

Sie kaligrafiert ihre Sätze präzise, leicht und elegant. Es ist eine Freude sie mehrfach zu lesen, sie hält dabei wunderbar die Balance zwischen Shinto-Weisheiten, Zen-Denkanstößen und ihrer Haupthandlung. Stellt die Unterschiede zwischen Tradition und Moderne im heutigen Japan heraus. Poschmann bringt uns eine Menge über japanische Schwarzkiefern bei, über die Laubfärbung des Zuckerahorns und über das Leben. Schickt uns mit Yosa und Gilbert zu den unterschiedlichsten „Selbst-Mörder-Hotspots“ rund um Tokyo. Wir lernen, dass sich zwischen 1930 und 1937 über zweitausend Menschen in den Trichter des Mihara-Vulkans gestürzt haben und dort in der glühenden Lava ein Ende fanden. Erfahren von Felsen, die so giftige Dämpfe absondern, dass sie nicht von Moos, sondern von toten Vögeln bedeckt sind. Verirren uns nachts in einem Selbstmörder-Wald und uns geht auf, dass der Nachnahme von Yosa, Tamagotchi – hier nicht zufällig gewählt sein kann. In Gilbert Silvester hat er seinen „Kümmerer“ gefunden. Aber wird er ihm auch tatsächlich helfen können?

Ein großer, kleiner Roman in dem mir keine einzige Zeile fehlt und von dem ich doch gerne mehr Seiten genossen hätte. Zu keiner Zeit erschlägt einen Schwermut, eher erfasste mich Demut, beschäftigte mich das, was Marion Poschmann nicht schreibt, zwischen ihren Zeilen …

Dass Floss der Medusa (Franzobel)

Samstag, 30.09.2017

Wo kein Brot da kein Gesetz“ (Text-Zitat)

Einer spontanen Eingebung war Viktor gefolgt. Der Langeweile und der Behütetheit seines Elternhauses hatte er entkommen wollen. Ein Abenteuer erleben! Die Heuer als Kombüsenjunge auf einem Großsegler konnte ja wohl so schwer nicht sein! Als er jetzt aber in die wütend blitzenden Augen des Kochs sah, der sein Handgelenk eisern umklammert hielt und laut schimpfend seine Handfläche auf die glühend heiße Herdplatte drückte, änderte er seine Meinung. Wo war er hier nur hingeraten? Was würde er noch erdulden müssen? Was hatte er sich nur dabei gedacht? Seine Schreie vermischten sich mit dem Zischen von verbrannter Haut und ihm wurde schwarz vor Augen …

Das schlimmste Schiffsunglück des 19. Jahrhunderts. Aufgebrochen war die Fregatte Medusa zusammen mit drei weiteren Schiffen in La Rochelle/Frankreich. Sie sollte der neuen Kolonie im Senegal frisches Blut, frische Soldaten bringen. Am 3. Juli 1816 aber lief die Medusa, vom Kurs abgekommen, auf der berüchtigten Arguin Sandbank, 100 Kilometer vor der Küste Westafrikas, auf Grund und drohte auseinander zu brechen. Die mitgeführten Rettungsboote fassten von den 400 Menschen an Bord nur 250. 147 wurden auf ein provisorisch gezimmertes Floß verfrachtet und sahen sich alsbald sich selbst überlassen. Einige wenige blieben an Bord der gestrandeten Medusa zurück. Auf dem Floß der Medusa überlebten am Ende nur 15 Menschen. Zwei von ihnen, darunter der zweite Schiffsarzt Savigny, schrieben sich danach das Erlebte von der Seele. Die französische Regierung war an diesen Schilderungen aber nicht nur nicht interessiert, sie verbot damals die Veröffentlichung und drängte den Arzt gar zu einem Widerruf. 

Dem jungen französichen Maler Théodore Géricault aber war der Bericht schon in die Hände gefallen. Er verstand es dem „Vorfall“ eine Gestalt zu geben. Er verewigte die Tragödie in einem bis heute berühmten Gemälde, mit einer Wucht und Größe (7,16 x 4,91m), das den sprachlosen Besuchern des Louvre in Paris damals wie heute eine Gänsehaut macht. Es ist also so konsequent wie unausweichlich, dass der Leser von Franzobels Roman heute ebenso auf einen Ausschnitt von Géricaults Gemälde schaut, wenn er das Buch in der Hand hält:

(Quelle eingefügtes Gemälde Wikipedia)

Bereits am Morgen des 3. Tages nach der Havarie der Medusa, wachten auf ihrem eilig gezimmerten Floß nur noch etwa die Hälfte der Menschen auf, die geglaubt hatten hier eine Zuflucht gefunden zu haben. Das Floß, nach der blutigen Meuterei des Vortages jetzt ohne Segel, Ruder und Kompaß, umkreisten zahlreiche Haie, offenbar in Erwartung noch fetterer Beute. So schutzlos ausgeliefert an Wetter, Gezeiten, HUNGER und DURST, brachen sich die niederen Instinkte Bahn. Recht und Ordnung, Moral und Anstand, Rücksicht und Empathie schienen zu einem anderen, einem längst gelebten Leben zu gehören. Hier erfuhr jeder seine eigene Wahrheit, eine Wahrheit jenseits aller Vorstellung …

Ignoranz, Arroganz, ein Ehrgeiz der keine Grenzen kannte und maßlose Selbstüberschätzung hatten zig Menschen in den Abgrund gerissen. Doch der glühende Hass der Überlebenden auf die Verantwortlichen war jeden Tag ein wenig mehr zurückgewichen, setzten sich doch mehr und mehr die vielen Toten in ihren „Brot-Träumen“ fest …

Das Floss der Medusa (Franzobel)

Franzobel, österreichischer Erfolgsautor, hat sich für mich mit diesem Roman völlig verdient auf die Short-List des deutschen Buch-Preises 2017 geschrieben. Gründlich recherchierend, hat er nicht nur die Grundbegriffe historischer Seefahrt gelernt, er reiste in den Senegal, erreichte tatsächlich auch persönlich das Wrack der Medusa. Ich mag mir gar nicht vorstellen, wie es sich anfühlte dort zu stehen …

Ein absolutes Alleinstellungsmerkmal erreicht er mit der von ihm gewählten Erzählweise. Lässig, teils flappsig aber nie despektierlich, setzt er treffsicher Akzente. Ein etwaiges Auflachen bleibt mir als Leser sofort wieder im Hals stecken, vergegenwärtige ich mir, dass das Geschilderte keine Erfindung, sondern historisch von Überlebenden verbrieft  ist. Stilistisch sehr besonders, setzt Franzobel einen Erzähler ein, der polarisiert. Es wird derzeit viel diskutiert, ob dieser Erzähler mit der Modernität seiner Sprache notwendig gewesen sei, oder ob er gar im historischen Kontext störe. Nachdem etwas Zeit zum Leseerlebnis verstrichen ist, bin ich mir mittlerweile sicher, diese Ereignisse konnte man nur von „außen betrachtend“, mit dem nötigen Abstand erzählen. Abstand der so auch durch die Erzählform hergestellt wird. Von „innen berichtend“ kann man es auch heute noch nicht gut aushalten. Darf man aber so unerhört formulieren, so überzeichnen, wenn man über solche Schrecken schreibt? Das muss am Ende jeder Leser für sich selbst entscheiden. Bei mir hat Franzobel damit eine Verstärkung der geschilderten Skrupellosigkeit, eine Verdeutlichung der Charaktereigenschaften der Figuren erreicht, die tief geht. Nach Tagen irrlichtern die Bilder die er erschafft noch in meinem Kopf umher …

Er malt mit Worten eine Kulisse, ebenso satt und von epischer Wucht, wie das Gemälde von Géricault. Er breitet einen Schiffsalltag vor uns aus, eine Zweiklassen-Gesellschaft, der/die erschütternder nicht sein könnte. Erzählt die Geschehnisse aus unterschiedlichen Blickwinkeln, macht so deutlich, es gibt immer mehr als nur eine Wahrheit. Den Schwerpunkt im Handlungsstrang legt er dabei auf die 13 Tage der Floß-Odysee. Die Leidenswege, die andere Überlebende dieses Schiffsunglücks erfahren und die unterschiedlicher nicht sein könnten, erleben wir nur am Rande. Die Schrecken, die teils in ihnen hausen, erahnen wir aber sehr wohl. Gnadenlos hält dabei Franzobel seine Stablampe auf den fratzenhaften Wahnsinn, die Abgründe menschlichen Handelns. Er gönnt uns auch dann als Leser keine Verschnaufpause, wenn wir es nicht mehr gut aushalten können. Auspeitschungen, beinahe Vergewaltigungen, Verwesungsgestank, Leichenfresser, Pissetrinker und Säuberungsaktionen mutet er uns dabei zu. Wie seinen Figuren ergeht es uns, wir müssen da durch und wir wollen es auch! 

Eine unsichtbare Kraft, die Hoffnung als Treibstoff allen Lebens, peitscht die Gestrandeten voran, erhält ihren Lebenswillen, läßt sie Ekel, Grausamkeiten, Demütigungen und körperliche Qualen ertragen.

Als Leser wissen wir schon zu Beginn, was hier geschehen wird und trotzdem oder gerade deshalb, kleben wir wie die Fliegen gebannt an jeder Zeile. Die Frage nach dem WIE es dazu kommen konnte, wo doch diese Tragödie mit Weitblick und Umsicht zu verhindern gewesen wäre, verstärkt zwar die Dramatik, spielt aber schon bald keine Rolle mehr. Andere Fragestellungen drängen sich auf:

Wie weit gehen wir um unser eigenes Überleben zu sichern? Heute wie damals? Der Mensch als Tier? Ist Wahrheit wirklich nur das was nützt?

Zum ersten Mal ist es mir schwer gefallen eine Rezension zu schreiben, X-Mal habe ich sie korrgiert. Ich habe das Gefühl, weder diesem Roman noch den Ereignissen mit meinen Worten gerecht werden zu können. Was ich aber tun kann ist, denen die noch unentschlossen sind, Mut zu machen diese unglaubliche Geschichte selbst zu lesen und zu erleben, was sie mit uns macht …

Der Trick (Emanuel Bergmann)

Sonntag, 24.09.2017

Zaubern können, aber so richtig. Unliebsame Aufgaben auf Arbeit, Hausstaub, Unkraut einfach weg hexen, das wär doch mal was. Gleich ob große Show oder kleine Taschenspieler-Tricks, ich lasse mich davon gerne beschummeln und bezaubern. Der große Houdini, David Copperfield, Siegfried und Roy oder auch ein unbekannter Straßenzauberer mit einem kleinen Karten-Trick, ich bin da stets wie gebannt. Will gar nicht ergründen wie es tatsächlich funktioniert eine Jungfrau zu zersägen oder schweben zu lassen. Sch… auf den doppelten Boden, ich will einfach nur staunen dürfen!

Also Vorhang auf, oder Flash-Back in eine Zeit ohne Farbfernsehen, ohne Internet. Eintauchen in eine Welt aus Magie, Tricks und Sensationen, live und in Farbe … 

Der Trick (Emanuel Bergmann)

Prag, vor dem ersten Weltkrieg

Rabbi Goldenhirsch kreiselte in seinem kleinen Leben. Was ging ihn das denn bitte an? Dieser Krieg war weit weg. Das hatte er selbst dann noch geglaubt, als sich die Straßen von Prag langsam geleert hatten. Geglaubt, bis zu diesem Tag, dem Tag an dem man den Rabbi selbst, mit Uniform und Bajonett einzog. Dieser Krieg war nicht wählerisch …

Dünn und versehrt kehrte er zwar heim, humpelte zurück in sein altes Leben. Aber wie sehr seine Frau ihn auch drängte, das Erlebte wollte nicht über seine Lippen kommen …

1934. Prag. Es war so ein schöner Abend gewesen im Zirkus. In die Manege hatte ihn der Zauberer geholt, als Assistent. Nach der gemeinsamen Verbeugung, dem freudigen Applaus des Publikums hatte er sich in diese Welt verliebt, unsterblich und unwiderruflich. Die schwebende Prinzessin, da war er sich sicher, war der beste Trick, den er je gesehen hatte, wenn es denn überhaupt ein Trick gewesen war …

Sein Vater indes war krank vor Sorge gewesen, als er spät am Abend wieder zu Hause angekommen war. Rasend vor Zorn züchtigte er seinen Sohn, wie er es noch nie zuvor getan hatte. In dieser Nacht konnte Moses nur auf der Seite liegen, so sehr schmerzten ihn Rücken und Gesäß. Schlaflos fasste er einen verzweifelten Entschluß, er musste fortgehen. Fliehen vor der wachsenden Feindseligkeit, vor den Gewaltausbrüchen des Vaters, die nach dem Tod seiner Mutter jeden Tag eine Steigerung erfuhren. Er legte seinen Kaftan ab, kürzte seine Schläfenlocken. Ein anderer wollte er werden, kein Bittsteller, kein Jude mehr sein. Still stand er auf in dieser Nacht, packte ein paar Habseligkeiten und folgte dem Zirkus, der die Stadt bereits verlassen hatte. Hier würde er werden können was immer er wollte, hier war sein neues zu Hause …

Zabattini wurde übel. Das war das falsche Schwert, welches der Halbmond-Mann mit in die Manege genommen hatte. Wenn er es jetzt in den Koffer steckte würde er Julia unweigerlich schwer verletzten. Mit einem Hechtsprung und dem Mut der Verzweiflung warf er sich dem ausgestreckten Schwert entgegen. Eine der Öllampen am Rande der Manege fiel dabei um. In Windes Eile streckten sich die Flammen dem großen Vorhang entgegen, der die Manege begrenzte, setzten ihn in Brand. Die Zuschauer flohen in wilder Panik. Rauch so dicht wie eine Nebelwand versperrte ihnen die Sicht, nahm den Atem, umgestürzte Bänke behinderten den Weg zum Zeltausgang, wie von Sinnen hämmerte Julia von innen gegen die Kofferwände …

Los Angeles. Im Hier und Jetzt. Max war gerade zehn geworden, als seine Eltern ihn am Abend zum Essen ausführten um ihm zu eröffnen, das sie ihn sehr lieb hätten, sich für ihn überhaupt nichts ändern würde, sie sich aber trotzdem scheiden ließen. Max war sich sicher gewesen, alles war nur seine Schuld. Der Streit letztens mit dem Vater, als er den Hasenkäfig nicht sauber machen wollte, weil er so viel lieber ins Kino gegangen wäre. Da hatte sein Vater ihm gedroht, wenn er noch einmal so ein Theater mache, würde er den Hasen weggeben. Max, vollkommen außer sich vor Zorn, hatte sich gewünscht der Vater möge doch einfach verschwinden. Und jetzt, wenn auch zeitverzögert, würde genau das geschehen – sein Vater verschwand. Seine Mutter war da ganz anderer Meinung, sie beruhigte Max und schimpfte andauernd auf eine gewisse „Yoga-Lehrer-Schlampe“ die ganz allein die Schuld dafür trage.

Zum Glück fand Max dann diese alte Schallplatte unter den Sachen seines Vater. Diese Platte mit Zaubersprüchen des „Großen Zabbatini“ und ein alter Plattenspieler mussten ihm helfen die Ehe seiner Eltern wieder zu kitten. Schließlich war ja auch ein Spruch für die „ewige Liebe“ dabei …

Was für ein Murks! Genau an der entscheidenden Stelle hatte diese dumme Vinylscheibe einen Kratzer und versprang, was für eine steinzeitliche Technik. Dieser vermaledeite Kratzer hatte den Liebeszauberspruch ruiniert! Aufgeben, das war nach anfänglicher Verzweiflung keine Option und so lief Max davon. Er musste den großen Zabbatini finden, ihn persönlich nach dem Spruch fragen. Als Max den alten Zauberer tatsächlich in einer Seniorenresidenz fand, hatte dieser gerade den Gashahn aufgedreht und sich zum Sterben nieder gelegt …

Der Besenstiel rauschte durch die Luft und traf den Einbrecher am kahlen Kopf. Das Pfefferspray setzte ihn dann ein für alle Mal ausser Gefecht. Max Mutter starrte ungläubig auf den alten Mann, der jetzt hinten über gekippt in ihrer Badewanne lag. Was machte er hier? Mitten in der Nacht, in ihrem Badezimmer? 

Emanuel Bergmann, geboren 1972 in Saarbrücken, ging nach der Trennung seiner Eltern als zwölfjähriger mit der Mutter in die USA. Er studierte, arbeitete lange in Los Angeles für verschiedene Filmstudios. „Der Trick“ ist sein erster Roman, der 2016 erschien. Bergmann selbst ist der Enkel eines Holocaust Überlebenden.

Wunderbar antiquiert, bunt schillernd, herrlich humorig präsentiert er uns seine Geschichte. Tragik und Komik halten sich hier auf’s Beste die Balance. Wir lernen Tricks oder auch nicht. Schaufeln Pferdeäpfel im Zirkus, begegnen persischen Prinzessinen mit Berliner Schnautze. Besuchen mit einem 88jährigen Zauberer einen Strip-Club, sitzen mit ihm an der Bar, rasen kurz darauf mit einem BMX-Rad durch die Gärten der Nachbarschaft zum Sunset-Boulevard und fühlen uns wie ein Scheidungskind. Werden von einer Psychologin therapiert und wollen uns trotzdem für keine der beiden Seiten entscheiden …

Wir erleben Unausprechliches, begegnen dem zweiten Weltkrieg, dem Holocaust. Sind im Bombenhagel unterwegs, verfolgt von der Waffen-SS, werden eingezwängt in einem Vieh-Waggon abtransportiert. Bergmann erzählt dabei mitfühlend, ohne rührselig zu werden. Bannt uns mit immer neuen Einfällen und Wendungen. Die Dialoge zwischen dem alten Zauberer „Zabattini“ und dem kleinen Max sind herzerfrischend. Diesen Roman nur unterhaltsam zu nennen wäre zu wenig. Er leuchtet hell, wie ein Stern am Himmel eines Zirkus-Zeltes. Einmal ein Clown, immer ein Clown – und wenn der letzte Vorhang fällt, wenn wir durch die Zeit fallen, dann können wir das hoffentlich alle ohne Reue tun und verzeihen …

HörbuchFassung:

Seit meiner ersten Hörbegegnung mit Stefan Kaminski, das war bei T.C. Boyles Wassermusik, bin ich in seine Art zu lesen verliebt. Seine Stimme ist eine Waffe, so souverän, so was von auf den Punkt. Mal einfühlsam, mal verschmitzt, immer ist er bei seinen Figuren. Wir hören anders als wir lesen. So manche Emotion ist ja beim Lesen stärker spürbar – außer man hört Stefan Kaminski zu. Hier liest er mal hinreißend den großen Zabbatini mit böhmisch, jiddischem Akzent. Mal sächsisch oder berlinerisch Zirkusdirektoren und Zirkusprinzessinen. Er verleiht der Traurigkeit von Max eine Stimme und wärmt mir damit das Herz.

Es gibt wenige Geschichten, von denen ich meine, man läßt sie sich besser vorlesen, als selbst zu lesen. Diese hier ist ganz eindeutig eine davon! Kaminski holt hier alles raus, ist ein echter Hauptgewinn!

Die Geschichte der Bienen (Maja Lunde)

Sonntag, 17.09.2017

Bis zum Ende des Sommers habe ich mir diesen Roman aufgehoben. Jetzt, wo die summenden Bewohner in unserem Garten weniger werden, noch einmal lesend genießen wie sie ihr Tagwerk verrichten. Fleißig, unbeirrt und friedlich. Zurück denken an Blüten die rosa riechen und mich auf den frischen Honig freuen …

Mein Großvater war Imker und mein Vater nach ihm. Sein Bienenhaus, angrenzend an unser Wohnhaus im Garten, beherbergte bis zu zwanzig Völker. Ein paar nahmen jedes Jahr Reißaus, wenn die Königinnen wieder einmal in der Überzahl waren, wollten ein eigenes Volk gründen. Mussten dann wieder eingefangen werden, wollte man nicht wertvollen Bestand verlieren. Etliche Male bin ich da mit ausgerückt, teils ängstlich gestochen zu werden. Fanden ja nicht alle Bienen es toll wieder heim geholt zu werden. So manch üblen Stich habe ich mir dabei tatsächlich eingefangen, allergische Reaktionen inklusive. Konnte aber immer auch verzeihen, selbst dann, wenn ich Tage lang humpeln musste, weil meine Fußsohle dick und rund war. Läßt doch eine Biene beim Stich in einen Warmblütler ihr eigenes Leben, hat zuvor Todesangst …

In der Honigzeit mussten alle bei uns mit anpacken. Kalt geschleudert wurden die Waben. Der Honig zunächst in kleine Blecheimer abgefüllt, später dann in Gläser zum Verkauf. Honigschwanger war die Luft im kühlen Keller, der einmal eine Scheue gewesen war. Es summte, teils wütend um uns herum, entrissen wir doch den Bienen ihr Winterfutter, auch wenn es durch eine Zuckerlösung ersetzt werden würde. Untrennbar ist die Erinnerung an diese Zeit, mit der an meinen Großvater verbunden. Seine Bienenpfeife rauchend, vor seinen Völkern auf einem alten Hackklotz sitzend, in einer abgewetzten braunen Cordhose. Ein Schnappschuss, dem die Zeit nichts anhaben kann … Dieses Bild ist bis heute für mich mit dem Duft von Honig verbunden. 

Die schlechte Note, die ausgerechnet ich, seine Enkelin, im Bio-Test für meine mangelhafte Kenntnis über den „Schwänzeltanz“ bekam, empörte meinen Opa so sehr, dass er stundenlang am Küchentisch sitzend, bewaffnet mit Papier und Bleistift, dieses eine Thema mit mir übte. Das konnte doch nicht so schwer sein, zu verstehen, wie die Späher-Bienen im Stock angekommen verständlich machten, wo denn der beste Futterplatz lag. Oh, weh – verzeih mir mein Opa Wilhelm! Ich habe da auch heute noch heftige Wissenslücken …

Die Geschichte der Bienen (Maja Lunde)

1852, England. Dieser Satz seines Chefs und Mentors war ein schwerer Schlag ins Kontor! William eigentlich Biologe, Forscher, durch seine rasch wachsende Familie und die Sorge um deren Unterhalt, aber zur schnöden Arbeit in seiner kleinen Samenhandlung verdammt, verfiel in eine tiefe Melancholie. Heute würden wir ihm wohl einen akuten Burn Out attestieren. War seine Frau zunächst noch bestürzt, versuchte sie alles um ihm zu helfen, wuchs mit der Anzahl der Tage, die es William nicht mehr aus dem Bett schaffte, dann aber doch ihr Zorn. Zusammen reißen sollte er sich gefälligst, seine Familie ernähren wie es seine Pflicht war. Sieben Töchter und ein Sohn. Sein Sohn – er war es schließlich, der es schaffte William seiner Lethargie zu entreissen. Ein Buch, diese Geschichte über die Bienen, war es, die ihm neuen Lebensdurst einhauchte …

2007, Ohio. Journalist! Pah – das konnte doch wohl nicht wahr sein? George hatte jeden Penny zusammen gekratzt, damit sein Sohn zur Uni konnte. Ökonomie sollte er lernen, seinen Hof sollte er doch übernehmen, fortführen was seit Generationen den Unterhalt der Familie sicherte. Diesen Professor der seinem Tom diese Flausen in den Kopf gesetzt hatte würde er am liebsten in der Luft zerreissen! Und seine Frau? Sie wollte nur, dass Tom glücklich war. Pah! Sie dachte doch nur ans Wegziehen, nach Florida wollte sie. Dauernd lag sie ihm damit in den Ohren. Was war denn mit seinem Glück? Die Bienen waren sein Leben! Sein Leben als Imker, die zweihundertjährige Tradition in seiner Familie konnte er doch nicht einfach so aufgeben? Das es ausgerechnet die Bienen sein würden, die ihm seine Entscheidung abnahmen, damit war nicht zu rechnen gewesen …

2098, China. Es musste doch zu schaffen sein! Ihr kleiner Sohn Wei-Wen, alles würde sie tun, damit er diesem Joch entkommen konnte. Wenn er doch nur ein kleines bisschen lieber lernen würde, wenn ihr Mann Kuan sie doch nur ein ein klein wenig mehr dabei unterstützen würde. Heute an diesem ersten freien Tag seit Monaten, an dem sie nicht hoch oben in den Obstbäumen mit einem feinen Pinsel kostbare Blütenpollen aufgetragen hatte, wollten beide wieder nur eines – spielen! Zumindest mit der Idee eines Picknicks unter den Obstbäumen hatte sie sich durchsetzen können. Die Katastrophe überfiel die kleine Familie ohne Vorankündigung. Wie erstarrt betrachtete Tao ihren Sohn, der reglos in Kuans Armen lag. Wie eine Puppe mit verrenkten Gliedern. Blass, schwach atmend und still, so still …

Vergangenheit – Gegenwart – Zukunft. Kann ausgerechnet ein kleines geflügeltes Insekt das Bindeglied sein?

Maja Lunde, lebt in Oslo. Der Roman „Die Geschichte der Bienen“  ist ihr erster für Erwachsene und wurde in Norwegen bereits mit dem Buchhändler-Preis ausgezeichnet.

Sie wählt eine Erzählform die diese Geschichte zu einem echten Pageturner macht. Die kurzen Kapitel, der drei zunächst voneinander unabhängig erzählten Geschichten, trieben mich Seite um Seite voran. Meine Lieblings-Episode ist dabei die von Tao und ihrer kleinen Familie.

Ein düsteres Bild zeichnet Lunde hier von unserer Zukunft. Alle bestäubenden Insekten läßt sie von der Erde verschwinden. Der Mensch muss übernehmen – will er noch Obst und Gemüse auf der Speisekarten haben. Bedenkt man dabei, dass eine Sammelbiene am Tag etwa 200 Blüten bestäubt, ein einziges Bienenvolk damit auf eine Tagesleistung von 200.000 Blüten kommt, wird deutlich was es hier zu bewältigen gilt. Für ein Gramm Nektar benötigt eine Biene 20.000 – 50.000 Blütenbesuche. Das ist eine schier unglaubliche Zahl. Die dreifache Menge an Nektar muß eine Biene für ein Gramm Honig sammeln. In ihrem Bienenleben, sammelt sie dabei „nur“ drei Gramm Honig. (Quelle Wikipedia). Der Wahnsinn!

Wenn wir über den Klimawandel und über dessen Auswirkungen nachdenken, dann haben wir dabei eher nicht diese kleinen wertvollen Insekten im Sinn. Seit einigen Jahren schon zähle ich in unserem Garten immer weniger Bienen, Hummeln und Schmetterlinge. Die fleissigen Tierchen kämpfen mittlerweile nicht nur mit der Leidenschaft der Hobby-Gärtner nach pflegeleichten und damit bienenfeindlichen Bepflanzungen, sondern auch mit überdüngten, Stickstoff ausdünstenden Flächen und landwirtschaftlichen Monokulturen. Die Varroa-Milbe macht der Brut der Bienen schon lange vermehrt den Garaus. Selbst im Bestand meines Vaters vor vielen Jahres war dieser Schädling bereits ein Thema. Mir scheint wir stecken schon mitten drin in einem bienenvernichtenden Prozeß. Maja Lundes Szenerie ist da wohl leider alles andere als an den Haaren herbei gezogen.

Mit einer Sprache, die auf mich nordisch sachlich, nüchtern wirkt, konfrontiert Lunde uns mit dieser Vision. Dabei ist es mehr das, was sie nicht sagt, das mir dabei eine Gänsehaut macht. 

Zwischen diesen Buchdeckeln hatte ich eine ganz andere Geschichte erwartet. In eine summende, friedliche Welt der Bienen wollte ich eintauchen. Gelandet bin ich weit entfernt von friedlich, weit entfernt von nostalgisch. Nein, es ist kein Öko-Thriller, da steckt kein Moral-Apostel zwischen den Zeilen und doch hat mich dieser Roman nachdenklich, ja kämpferisch zurück gelassen. Wir haben ein Erbe zu bewahren, noch ist es nicht zu spät und ich fange in unserem Garten damit an … 

Textzitat Seite 504: „Doch Bienen kann man nicht zähmen. Man kann sie nur pflegen, ihnen Fürsorge geben“.

Der Geist der Madame Chen (Amy Tan)

Freitag, 15.09.2017

Kennt Ihr das? Das Bücherregal platzt aus allen Nähten, zuletzt Gelesenes, neu Erstandenes und alte Schätze drängen sich dicht aneinander. Aufräumen, abstauben angesagt – das ist bei mir immer eine längere Sache. Es gibt da eben diese Wiedersehen die gefeiert werden wollen, alte Bekannte die man begrüßen muss, mit denen man zwangsläufig dann ins Plaudern gerät … Mal eben so Bücher schieben geht halt einfach nicht.
Da sitze ich schon wieder, blättere, schwelge und schwupp ist eine Stunde um, oder sind es schon zwei? Sie treffe ich bei jedem Bummel durch mein Regal und „verquatsche“ mich jedes Mal, gehört sie doch mit Abstand zu meinen Lieblingsfiguren … 

Der Geist der Madame Chen (Amy Tan)

Bibi Chen ist tot. Gefunden hatte man die 63jährige Kunsthändlerin im Schaufenster ihres Ladens „Die Unsterblichen“ (wie passend!) am Union Square. Im Hals der Toten steckte ein kleiner hakenartiger Gegenstand, er würde später als mit Juwelen besetzter Haarkamm identifiziert werden, mit diesem hatte man ihr offenbar die Kehle aufgeschlitzt. Die Tür zum Laden war aufgebrochen worden und blutige Fussabdrücke (Männerschuhe, Größe 46) führten hinaus auf die Straße. Es wurde spekuliert und ermittelt, ermittelt und spekuliert – dann, eine der Zeitung zufolge verblüffend einfache Auflösung. Ein Obdachloser mit psychischen Problemen und den blutigen Schuhen in Größe 46 an den Füßen, wurde in einer Seitengasse von Bibi Chens Laden festgenommen. Der Fall konnte also zu den Akten. Irgendwie paßte dieser Abgang ja auch zu der exentrischen Chinesin, die in ganz San Franzisko bekannt war.

Als am 11. Dezember dann endlich die Beerdigung stattfinden konnte, war Madame Chen bereits zehn Tage tot und ihr Geist hatte ihren atemlosen Körper schon lange verlassen …

Textzitat:“ Als der erste Teil meiner Beerdigung vorbei war, trieb die Menge über die Stufen des De Young-Museums hinaus auf den Tea Garden Drive. Zwei kräftige Jungen auf Stelzen hielten ein als Poster aufgezogenes Bild von mir mit meiner Himalaya-Frisur hoch. Ein Blumenkranz umrahmte mein vergrößertes Gesicht. Meine Güte, es sah aus wie eine Wahlveranstaltung zum Bürgermeister der Unterwelt!“

Diese Reise vorzubereiten hatte sie soviel Mühe gekostet und jetzt sollte sie tot sein? Für Bibi Chen stand fest, sie konnte und würde dafür sorgen, dass ihre zwölf amerikanischen Freunde trotzdem aufbrachen und SIE würde sie begleiten, tot hin oder her! Basta!

Für die kleine Reisegruppe sollte es ein besonderer Weihnachtstag werden. Am 25. Dezember bestiegen sie zwei Langboote um vom See aus den Sonnenaufgang zu beobachten. Walter und ihr Führer hatten eine Überraschung vorbereitet und alle waren gespannt. Der Geist der Madame Chen, saß ganz vorne im Boot, einem blinden Passagier gleich. Ihr war ganz und gar nicht wohl bei dem Ausflug, eine böse Vorahnung hatte sie beschlichen und so versuchte sie das Boot mit der Kraft ihrer Gedanken zur Umkehr zu bewegen. Doch es war zwecklos, tot wie sie nunmal war, war sie ebenso machtlos! Die kleine Gruppe wirkte indessen entspannt, besprühte sich mit Insektenschutzmittel, genoß die vorbeitreibenden Wasserhyazinthen und die Aussicht. Am Anleger angekommen wurden sie auf die Ladefläche eines Lastwagens komplimentiert, dieser „Super-Luxus-Bus“ sollte sie also zu ihrer Weihnachtsüberraschung bringen? Es wurde aufgeregt und fleißig spekuliert. Gab es hier mitten in Myanmar etwa eine versunkene Stadt, änlich Machu Pichu und sie würden sie entdecken? Oder ein Naturvolk vielleicht, was ähnlichen Sitten fröhnte wie die berühmten Frauen mit den Giraffenhälsen? Wer weiß? Die abenteuerliche Fahrt auf der Ladefläche eines alten Lasters durch die grüne Hölle war auf jeden Fall schon mal vielversprechend …

Dies war also der letzte Morgen, an dem die Gruppe gesehen worden war? Die Polizei war ratlos und der burmesiche Dschungel ja nicht gerade übersichtlich. Wie wollte man da ein paar verloren gegangene amerikanische Touristen wieder finden?

Alle richteten sich auf ihre erste Nacht in der Wildnis Burmas ein, noch glaubten sie, es würde ihre einzige bleiben (wie man sich doch irren kann). Man beschloß lieber die Schuhe anzubehalten, falls man in der Nacht nochmal raus musste. Bennie lag stundenlang wach, ihm fehlten seine Medikamente und er machte sich Sorgen, wie sich das auswirken könnte. Wurden Schlangen etwa nachts von Körperwärme angezogen? Marlena träumte von Bäumen voller Affen, von Fallgruben und erwachte wenig später wieder mit klopfendem Herzen. Diese Geräusche überall …

Textzitat: „Das einzig Sichere in Zeiten großer Unsicherheit ist, dass die Menschen große Stärke oder große Schwäche zeigen, dazwischen gibt es nur sehr wenig.“

Amy Tan, als Tochter chinesicher Einwanderer in Oakland, Kalifornien geboren, gehört zu den erfolgreichsten amerikanischen Autorinnen und schrieb sich in die Herzen eines Millionenpublikums. Der Geist der Madame Chen ist bereits 2008 erschienen und gehört bis heute zu den Schätzen in meinem Bücherregal. Wo ich das kleine dicke Taschenbuch damals entdeckt habe, weiß ich gar nicht mehr. An den Spaß, den ich beim Lesen hatte entsinne ich mich aber noch heute. Mittlerweile glaube ich, dieser Roman hat mein Faible für die „schrägen“ Typen geweckt, denn in ihr wimmelt es wunderbar davon. Herrlich wortwitzig, für mich aus der Zeit gefallen und ein einziges großes Abenteuer. Der Schauplatz exotisch, die Figuren so schön griffig und unverstellt gezeichnet. Wie die beiden Kulturen, die der Amerikaner und der Asiaten hier aufeinander prallen, finde ich köstlich. 

Wenn aller Komfort plötzlich verloren geht und alle Errungenschaften der Zivilisation weit weg sind, wie ergeht es uns ach so zivilisierten Menschlein dann? Wollen wir eigentlich allen Ernstes fremde Kulturen wirklich hautnah erleben, oder doch lieber aus sicherer, vollklimatisierter Entfernung? Packt man ein paar der unterschiedlichsten Charaktere zusammen und bringt sie in eine Extremsituation, wer entwickelt sich wie? Zeigt wer wann sein wahres Gesicht? 

Gute Abenteuergeschichten gibt es heute viel zu selten (meine Meinung), deshalb blättere ich immer noch sehr gerne in dieser hier und bei aller Exzentrik, Bibi Chen ist und bleibt mein guter Geist …