Unterleuten (Juli Zeh)

Sonntag, 20.08.2017

Welche Blüten der Windkraft-Subventions-Wahn in Rheinland-Pfalz getrieben hat, kann man auf den Höhen des Hunsrücks mittlerweile in unterschiedlichster Ausprägungen live erleben. Ganze Wälder dieser Beton-Kolosse sind auf den Freiflächen der Hochplateaus entstanden, das trotz mieser Energie-Bilanz. Den so gewonnenen Strom kann man immer noch nicht speichern, bei den häufig zu hohen Windlasten stehen die Räder sogar still. Die Tiefe der notwendigen Fundamente lassen den Grundwasser-Spiegel absinken, zerstören das Wurzel-Netzwerk auch weiter entfernter Waldstücke. Zahlreiche Bürger- und Umwelt-Intiativen haben sich gegründet und streiten gegen leere Gemeindekassen an. Die Energiewende in Deutschland – sie hat schon so manche funktionierende Dorfgemeinschaft in unserer Umgebung gesprengt …

Unterleuten (Juli Zeh)

Herzlich willkommen in Unterleuten! In einem Dorf wie viele andere. Mit Bewohnern, wie Sie, wie Du, wie ich. 

Hier treffen Städter auf „Landflucht“ mit Platzhirschen und Großgrundbesitzern zusammen. Entscheidungen zum Wohl und Wehe der Bürger werden nach Gutsherrenart getroffen, frei nach dem Motto „Eine Hand wäscht die andere“. Alte Feindschaften, alte Seilschaften, neue Freundschaften werden gepflegt und die „Alten“ wissen was gut für alle ist. Dumm nur, dass ausgerechnet die Neubürger in der aufkeimenden Windkraftdebatte ständig Ärger machen und alle ach so sorgfältig unter dem Teppich versteckten Häufchen herauszukehren versuchen …

Ehegattinen die Partei ergreifen, werden hier schon mal unter umkippenden Gartenzäune begraben. Schwer verliebte IT-Nerds tun für das Lieblingspferd der Freundin einfach alles, das auch schon mal unter Zuhilfenahme eines Selbsthilfe-Forums für die Partner „pferdeverrückter“ Frauen. Schriftsteller die nur dann schreiben können, wenn sie den ganzen Tag und zwar jeden Tag Rasentraktor gefahren sind, befinden sich in heftigem Zweikampf mit dem Ortsvorsteher. Über-Mütter und Vogelschützer wehren sich erbittert gegen gewissenlose Großbauern, politische Ränke und Intrigen inclusive. 

Touristen auf „Kampfläufer-Safari“. Die Kampfläufer selbst, eine bedrohte Vogelart, treten mit Gelassenheit den kapitalistischen Begierden nach Windkraftanlagen entgegen.

Was den einen Heimat, ist vom LKA gesuchten Verbrechern eine Zuflucht. Im Parzellenpoker um Eignungsgebiete streiten sich die Parteien, dass die Fetzen fliegen. Hierbei heiligt der Zweck die Mittel, ob Dutz-Offensive oder wahre Unsummen, was zugelassen wird ist legitimiert.

Hier hat offenbar jeder mit jedem eine Rechnung offen. Ein Dorf wie im Fieber. Wie D-Züge aus rasender Fahrt prallen die Streithähne aufeinander. Rußschwangere Feuer sorgen für besinnungslosen Zorn auf der einen und für Machtlosigkeit auf der anderen Seite. Neid, Mißgunst und Fanatismus haben sich wie ein Virus ausgebreitet. Der Kitt der bislang Paar-Beziehungen zusammengehalten hat, beginnt unter dem Dauerfeuer des Dorfes zu bröckeln …

Herzlich willkommen in Unterleuten!

Juli Zeh wollte einen Gesellschaftsroman schreiben. Das hat sie geschafft und wie! 2016 veröffentlicht, erzählt sie aus einem fiktiven Dorf, das sie in Brandenburg verortet, von Verbündeten die zu Feinden werden, von Leidenschaft, ja Besessenheit, sitzt dabei quasi im Kopf ihrer Figuren. Aus unterschiedlichen Blickwinkeln erzählt sie ihre Geschichte. Wie unter einem Mikroskop betrachtet sie dabei das Dorfleben. Sie seziert Befindlichkeiten, Eigenheiten, Eigeninteresse und Vorurteile. Beinahe beängstigend lebensecht versammelt sie dabei ein buntes Völkchen in ihrem Unterleuten. Von je her auf dem Dorf wohnend, fand ich mich hier nicht nur einmal wieder. Erschreckende Paralellen drängten sich mir auf. Hut ab auch vor dieser Erzählkunst. Feinhumorig mildert sie die Tragik der Ereignisse. 

Keine menschliche Eigenschaft scheint Juli Zeh fremd zu sein, alle zeichnet sie scharf, präzise auf den Punkt und mit einer für mich sehr schlichten, sachlichen Art. Aus Tätern werden Opfer, aus Schuldigen Unschuldige, ein Verwirrspiel! Die Perspektiven wechseln in rascher Folge, als Leser muss man sich immer wieder selbst neu justieren. Wem ist man bereit Glauben zu schenken, wer hat das eigene Vertrauen mißbraucht?

Was hat mir am Besten gefallen? Ganz klar – das „dicke Ende“, fulminant und zwangsläufig. Im Sterben wie im Leben konsequent, würde ich da mal sagen, Mann oh Mann!

Hörbuch vs. Roman:

Helene Grass macht in der Hörbuchfassung ihre Sache als Vorleserin gut, kann mich aber nicht abholen. Sie schafft es nicht die Eindringlichkeit herzustellen, die das geschriebene Wort erreicht. Nach den ersten gehörten Teilen hätte ich beinahe schon aufgegeben, haderte auch bisweilen mit ihrer Stimmfarbe und Intonation. Bin dann für einige Kapitel zum Lesen gewechselt, bis ich richtig drin war in der Geschichte. Juli Zehs Sätze hallen gelesen im Kopf viel stärker nach. Eine für mich erstaunliche Erfahrung, hatte ich Hören und Lesen bislang nahezu gleich gewichtet, bzw. dem Hören ganz bewußt und ohne Reue den Vorzug gegeben. Konnte doch schon so mancher Vorleser nach meinem Empfinden dem Geschehen noch einen Mehrwert entlocken. Meine Entscheidung, welche Texte ich künftig höre und welche ich lese, werde ich hiernach noch sorgfältiger überlegen …

Und jetzt lass uns tanzen (Karine Lambert)

Samstag, 22.07.2017

Körperlich und geistig fit im Alter ankommen, finanziell sorgenfrei. Vielleicht eine große Reise wagen? Endlich Zeit haben für die geschmiedeten Pläne. Gemeinsame Zeit mit dem Partner verbringen, geteiltes Glück ist doppeltes Glück. 

Für viele sieht die Realität dann anders aus. Der Partner verstirbt auf der Zielgeraden, Krankheit und/oder eine zu kleine Rente stehen dem gemeinsamen Lebensabend im Weg. Welche der Varianten auch immer auf uns wartet, sie will gemeistert werden … 

Henri Delorme, angesehener Notar und Perfektionist ist tot. Sein Leben hatte er klar durch strukturiert und das seiner Frau Maguerite gleich mit. Schon zu Beginn der Ehe war er es, der klar stellte er möchte gerne beim „Sie“ bleiben und seine Frau möge bitte ausschließlich Kleider und ihre Haare in einem Knoten tragen. Maguerite fügte sich, dankbar für die „gute Partie“ und sie kannte ja auch von den Eltern nichts anderes. 

Fünfzehntausend Mal war sie neben ihrem Mann aufgewacht und doch war sie ihm nie wirklich nah gekommen. Wie gerne hatte sie ihn beim wöchentlichen Wannenbad und angelehnter Tür beim Singen belauscht! Nie gab er sonst eine solche Gefühlsregung von sich. Als sie sich ein Herz gefaßt und ihm gestanden hatte, wie schön sie das findet, schließt er fortan die Badezimmertür ab. 

Nach der Geburt des gemeinsamen Sohnes Frederic, hatte Maguerite dann endlich eine Aufgabe. Als der Junge sechs Jahre alt wurde, gab ihn Henri Delorme ins Internat und Maguerite war in der Zweisamkeit wieder allein. Die Wochenendbesuche zu Hause gestaltete dann auch ausschließlich Henri für seinen Sohn und Maguerite wurde in ihrem eigenen Leben wieder Zuschauer.

Jetzt war sie achtundsiebzig und konnte nicht einmal alleine eine Glühbirne wechseln. Das ausgerechnet ihr Frederic genauso stocksteif und verbohrt geworden war wie ihr verstorbener Mann, war dabei nicht gerade hilfreich. Und was nutzte es, wenn ihr die Fernbedienung jetzt allein gehörte, sie aber nicht mit den vielen Knöpfen umgehen konnte?

Nachdem ihm das Meer seine Nora ertränkt hatte, konnte Marcel lange nicht mehr an eben solches reisen. Die Strandtasche mit all ihren Kleinigkeiten hatte er aufbewahrt, alles andere hatte seine Tochter aussortiert, weggeben. Fünfzig Ehejahre, ohne die Zeit, die er mit ihr, seiner Jugendliebe, schon in Algerien verbracht hatte – mit einem Schlag zu Ende. Er konnte sich nicht einmal verabschieden, war nicht dabei als der Herzinfarkt sie beim Schwimmen holte. Dieses elende Scrabble-Tunier!

Der einzige mit dem er über seine Trauer reden konnte war Hector. Schon während seiner aktiven Zeit als Tierpfleger war ihm dieses Nashorn ans Herz gewachsen. Auf der Bank vor Hectors Gehege hatte er jetzt, elf Monate lang nach Noras Tod viel Zeit verbracht.  Ja gut, seine Tochter meinte es gut ihm. Sie wollte ihn zu einer Thalasso-Kur verschicken. Man stelle sich das vor! Als wenn Thalasso nichts mit Meer zu tun hätte. Unter Protest nahm er den Kur-Gutschein dann doch, tauschte ihn aber um – gegen eine Schlamm-Kur in den französichen Alpen. Nicht ahnend, das dieser Tausch seinem Leben eine entscheidende Wendung bringen würde …

Karine Lambert hat uns ein kleines, feines Buch mit viel Herz geschenkt. Augenzwinkernd beleuchtet sie den letzten Lebensabschnitt der beiden „Oldies“ Maguy und Marcel. Sie aus gutem Haus, er ein einfacher Arbeiter, getreu dem Motto Gegensätze ziehen sich an. Madame Lambert wurde für ihren Debütroman 2014 in Belgien ausgezeichnet und er wurde in Frankreich schnelle zum Bestseller. Mit „Und jetzt lass uns tanzen“ erscheint ihr zweiter Roman erstmals auch in Deutsch, man liest ihn weg wie nix und er wärmt wie ein guter Burgunder! Santé! Auf einen schönen Sommer!



Makarionissi (Vea Kaiser)

Samstag, 24.06.2017

Es geht uns gut in Deutschland. Viele wandern zu uns aus, oder haben sich aus anderen Gründen unser Land zum Leben ausgesucht. Um so erstaunlicher ist da doch diese Zahl: 140.000 Deutsche wandern pro Jahr ebenfalls aus. Das Magazin Wirtschaftswoche hat auch erhoben, das wir weltweit auf Platz 5 kommen, bringt man die Länder, aus denen am meisten Einwohner auswandern einmal in eine Rangliste. Auf den Plätzen vor uns rangieren Mexico, Großbritanien, China und Indien. Zahlreiche Fernsehsendungen beschäftigen sich mit Einzelschicksalen von Deutschen, die versuchen im Alltag im Ausland Fuß zu fassen. Viele davon arbeiten am Ende deutlich mehr und haben weniger in der Tasche. Aus der Traum vom Urlaub im Alltag. Sprachbarrieren und bürokratische Hürden erschweren Jobsuche und das Schließen von neuen Freundschaften. Eine Auswanderergeschichte von Italien nach Deutschland habe ich den letzten Wochen schon vorgestellt, Bella Germania von Daniel Speck. Diese hier ist unbedingter Lesestoff für alle „Bella Germania-Fans“ und sie hat absolut nichts mit Makkaronis zu tun, versprochen:

Makarionissi – oder die Insel der Seeligen (Vea Kaiser)
1956, Varitsi, ein kleines Bergdorf irgendwo an der Grenze zwischen Griechenland und Albanien. Von außen betrachtet war hier die Welt noch in Ordnung. Abgeschottet zwischen kahlen Hügeln lag es und es schien, als habe die Zeit diesen Ort vergessen. Großmutter Yiayia Maria führte hier unangefochten das Familien-Regiment, stiftete Ehen und sorgte so für den Fortbestand etlicher Familien im Ort, nicht nur für den der eigenen.

Seit Monaten plagte sie jetzt schon diese eine Sorge. Für ihren geliebten Enkel Lefti war einfach keine junge Frau mehr übrig im Dorf. Wie konnte sie jetzt verhindern, das er am Ende nicht würde leer ausgehen müssen, dass er nicht würde fortgehen müssen um eine Frau zu finden? Fort aus Varitsi, fort von der Familie … Gestern Nacht dann, hatte sie diesen Traum gehabt und endlich auch eine Idee. Diese Idee war im Grunde einfach, wenn auch nicht ohne Risiko. Sie musste eine ihrer Töchter dazu bringen noch einmal schwanger zu werden! Gut, das beste Alter dafür hatten sie schon hinter sich, aber wo ein Wille, da ein Weg. Und tatsächlich gelang es der Yiayia ihre Tochter Pagona und dann gelang es Pagona, mit List und Alkohol ihren Mann Spiro gefügig zu machen. Wollte er doch partout in diesen schwierigen Zeiten keine Kinder mehr in die Welt setzen …

Die Schwangerschaft verlief erfolgreich, das gewünschte Geschlecht kam am Ende auch dabei heraus und man nannte die kleine –  Eleni.

Ein bischen plagte die Yiayia Maria ja das schlechte Gewissen, das Eleni ausschließlich deshalb in die Welt gesetzt worden war um Lefti zu heiraten, und sie sorgte sich um deren Glück. Der Kaffeesatz würde zeigen, ob sie sich wirklich Kummer machen musste. Nach dem Blick auf den Grund der Tasse war sie dann beruhigt. Alles würde gut werden …

Eleni! Als Mädchen lieber Heldin als Prinzessin. Ständig in eine Prügelei verwickelt. Wild und rebellisch, kaum zu bändigen. Auf der strengen Mädchenschule, dort hätte sie eigentlich das Kochen lernen sollen, hatte sie es immerhin drei Jahre ausgehalten, dann war sie erst raus geflogen. Bücher, die hatte sie schon immer geliebt. Als junge Frau wurde ihre Lektüre dann zunehmend politischer und sie schloß sich dann auch noch, während der griechischen Militärdiktatur, einer kommunistischen Oppositionsgruppe an. Gefängnis, na wenn schon! Heiraten, das war eindeutig und unzweifelhaft nichts für sie! Sie war schließlich eine Heldin und Heldinnen brauchten keinen Mann …

Lefti! Er war das genaue Gegenteil von Eleni. Sanft war er und er sehnte sich nach einem ruhigen, einem friedlichen Leben. Politik, das war etwas für die anderen. Die Courage von Eleni bewunderte er schon, aber ihr Wagemut ging ihm deutlich zu weit. Kochen lernen? Das klang nicht nach der schlechtesten Alternative, fand er. Da war für ihn nicht weibisch, sondern einfach nur herrlich!

Warum Eleni und Lefti trotz aller Unterschiedlichkeit dann doch geheiratet haben, das wußte vermutlich nur Yiayia Marias Kaffeesatz. Beide wanderten nach der Heirat und heftigen Turbulenzen, nach Deutschland aus und landeten in Hildesheim. Lefti fand Arbeit, Eleni fand Otto. Einen Hippie und Schlagersänger, unangepaßt, aufsässig, unabhängig. Er schien ihrem Wesen soviel besser zu entsprechen, als Lefti es tat. Vielleicht war am Ende dieses Deutschland doch nicht so schlecht …

Konnte man sich in die deutsche Sprache verlieben? War sie gar erotisch? Mann bzw. Lefti konnte! Gut, das Fräuleinwunder Traudi Haselbacher, seine Sprachlehrerin trug daran eine gewisse Mitschuld. Traudi war aus St. Pölten und mit Abstand die schönste Frau die Lefti je gesehen hatte. Wenn sie das „R“ rollte, war es um ihn geschehen und sie, sie hatte offenbar ebenfalls eine Schwäche für den südländischen Fremden …

Vielleicht hatte die Yiayia ja doch nicht richtig in den Kaffeesatz geschaut, wer konnte das jetzt noch sagen, die Ehe von Eleni und Lefti jedenfalls wurde geschieden. Wie Eleni dann nach Amerika kam und Lefti in St. Pölten landete, stand auf einem anderen Ast der weit verzweigten Familien-Geschichte …

Vea Kaiser wurde 1988 in St. Pölten geboren. Sie hat in Wien Altgriechisch studiert. Makarionissi erschien 2015 und ist ihr zweiter Roman. Ihr Debütroman „Blasmusikpop“ war aus dem Stand ein Erfolgt. Hier verlegt sie die Handlung zum Teil auf eine fiktive griechische Insel und verwebt ihr Familienepos dabei mit der griechischen Sagenwelt. Wer sich dort auskennt, wird immer wieder Paralellen entdecken.

Erzählen kann sie, die Vea Kaiser! Sie trifft immer den richtigen Ton, ist feinsinnig. Ihr Roman ist voll von Wendungen, komplex und verzweigt, trotzdem wird er nie unübersichtlich oder wirkt überladen. Ihre Figuren sind herzlich, nicht schnulzig und auch ihre Nebenrollen sind liebevoll besetzt. Wenn es traurig wird, sorgt ihr feiner Humor für eine Leichtigkeit die man nicht oft findet.

Blut ist dicker als Wasser, es geht um Familie, um Einmischung, Loslassen, Durchhalten, Aushalten. Was in dieser Geschichte geschieht, gibt uns ein Beispiel dafür, was passieren kann, wenn wir nicht lernen aus unseren Fehlern zu lernen …

Burghardt Klaußner, 1949 in Berlin geboren. Vielen bekannt als Bühnen- und Theater-Schauspieler. Er unterstreicht in dieser Hörbuchfassung wunderbar den humorigen Grundton der Autorin. Ich höre ihm so gerne zu, diesmal viel zu kurze zehn Stunden lang! Hoffentlich gibt es bald wieder etwas neu eingelesenes von ihm zu entdecken.

Ein echtes Wohlfühlbuch, Wohfühlhörbuch, mit leichter Feder, entspannt erzählt – genau passend zum Sommer! Punktabzug gibt es bei mir nur für das Cover. Wegen ihm hätte ich die Geschichte selbst nie ausgesucht. Zum Glück gab es für mich die Empfehlung einer Bücherfreundin, Danke Betti, das Du mich auf diese Reise geschickt hast 😉!

So, und jetzt kommst du (Arno Frank)

Samstag, 10.06.2017

Die Welt nochmal durch Kinderaugen sehen! Jeden Tag gibt es Neues zu entdecken, zu erfühlen, neue Helden, neue Freunde kennenzulernen. Sich einfach mal nix bei irgendwas denken, nur erleben. In eine Pfütze springen, ohne sich zu fragen wie später die Flecken wieder raus gehen. Arglos zu sein und vorbehaltlos Vertrauen verfassen, wie ging das nochmal?

Und wer hat eigentlich behauptet, dass nur die großen Figuren der Weltgeschichte spannendes zu erzählen haben? Sind es nicht vielmehr die Geschichten der Nebenfiguren, von denen wir zumeist gar nichts hören oder erfahren, die mindestens ebenso faszinierend sein können?

So, und jetzt kommt du (Arno Frank)

Dieser Abend im Keller, als er seinem Vater hinterher geschlichen war, dieser Abend an dem er seinen Daumen verlor. Neugierig war er gewesen, wie meist, neugierig auf das was sein Vater tat, wenn es vor seinen Augen verborgen war. Schließlich war er erst sechs Jahre alt, da durfte man neugierig sein! Diesmal saß sein Vater auf dem aufgebockten Fahrrad und strampelte wie wild. Komisch so eilig zu strampeln, wenn man dabei nicht von der Stelle kam. Er kauerte im Schatten hinter dem Hinterrad, von seinem Vater unbemerkt und bewunderte das Glitzern der Speichen. Sirrend und unglaublich schnell drehten sie sich. Wie es sich wohl anfühlte sie anzufassen? Wenn er sich nur ein wenig vorbeugte, konnte er sie locker erreichen …

Seine kleine Schwester Jeany hatte eindeutig eine Macke! Ständig stopfte sie Essensreste, Erde und was sonst noch, das wollte er gar nicht wissen, in Gläser schraubte sie zu und ließ vergammeln was vergammeln wollte. Sie hatte eine Heidenfreude dabei zu beobachten, wie diese grünen Fäden darauf wuchsen. Waren sie nicht wunderschön? Gerade eben hatte er unter seinem Bett wieder einen Teller mit altem Hundefutter gefunden. Eklig. So! Er rufe jetzt die Polizei, hatte er ihr erbost gedroht. Das diese fast schon im gleichen Atemzug dann tatsächlich in der Einfahrt stand, konnte doch unmöglich mit den Essen-Experimenten seiner Schwester zu tun haben, obwohl sie das tatsächlich zu glauben schien …

So war die Flucht in dieser Nacht dann eigentlich keine Flucht für ihn, sondern vielmehr die Einlösung eines längst überfälligen Versprechens. Was hatte sein Vater schon vor Monaten immer wieder gesagt? Sie würden bald aufbrechen in ein neues Leben, in ein besseres und endlich würden sie genug Geld haben. Die Ankunft in Südfrankreich und die ersten Wochen fühlten sich dann auch an, wie immerwährende Ferien. Der Papa mietete eine Villa mit Pool! Jeany und Arno wurden in eine teuere Privatschule eingeschult. Jeany fand praktisch sofort eine neue beste Freundin, Susan, eine stinkreiche kleine Engländerin, mit eigenem Pferd und allem drum und dran. Arno, jetzt dreizehn, tat sich schwer neue Freundschaften zu schließen, er bekam zum Ausgleich ein Moped und knatterte mit wehenden Haaren und einem unbändigen Gefühl von Freiheit im Bauch täglich damit zur Schule. Die Mutter verfiel in einen regelrechten Kaufrausch und stopfte das neue Haus mit allerhand Nippes voll. Zwei Hunde gab es auch neu und einen blauen Renault Alpine, einen Sportflitzer für den Papa, mehrmals die Woche Essen im Restaurant am Hafen. Die Kinder wurden für den Segelschein angemeldet. Was für ein Leben! Es ging ihnen super!

Als Oma anrief, war er zuerst am Telefon. Er freute sich riesig, genauso wie sie. Seine Mutter aber verhielt sich irgendwie komisch, sie riss ihm den Hörer aus der Hand und reagierte einsilbig und unwillig auf die Fragen der Oma. Frank kamen erstmals Zweifel, besonders als die Mutter das Wort „Bullerei“ benutzte, dass der überstürzte Aufbruch aus der alten Heimat vielleicht doch nicht ganz in Ordnung ging. Jeany rätselte mittlerweile ja auch, wann denn wohl das Geld alle sei und als dann Werner aus Deutschland noch überraschend zu Besuch kam und so ganz nebenbei fragte: „Was weißt Du eigentlich über deinen Vater?“, da begann auch an seinem Heldenstandbild „Papa“ der Putz zu bröckeln …

Nizza, Cannes, Monte Carlo. Teure Yachten tanzten schaukelnd auf den Wellen, blitzsaubere Decks spiegelten sich in der Sonne. Die Welt der Reichen und der Schönen – und ihnen hatte man eine Tür aufgestoßen, einen Spalt breit stand sie offen und sie wollten nicht nur einen Blick hineinwerfen, sondern eintreten und bleiben. Sein Vater saß neben ihm auf dem Fahrersitz des blitzblauen Renault Alpine und ließ ihn durch die Kurven triften auf dem Weg hinauf nach Grasse. Sein dunkler Anzug lag gefaltet auf der Rückbank, an seinem Handgelenk funkelte die goldene Uhr. Er riskierte einen Seitenblick, wie fokusiert er war, wie selbstsicher. Er konnte ihn sich gut vorstellen, wie er wirken musste wenn er nachts in den Casinos an den Spieltischen das Glück jagte. Es ging Ihnen gut hier, sehr gut und langsam begannen die Grenzen zu verschwimmen, die Grenzen zwischen gut und schlecht, zwischen richtig und falsch, zwischen Helden, Tätern und Opfern, alles schien so einfach – was zugelassen wurde war legitimiert und jeden Tag stand ein Dummer auf …

Diesmal war es eine Flucht gewesen und es hatte sich auch genauso angefühlt. Alles hatte mit diesem Polizisten angefangen und damit, dass sein Vater sich im Wandschrank versteckt und sein Mutter den Polizisten irgendwie abgewimmelt hatte. Papa war anschließend aus dem Schrank getreten, hatte sich still auf’s Sofa gesetzt und zu weinen begonnen. Er hatte seinen Papa noch nie weinen sehen und was war eigentlich dieses Interpol …

Textzitat:“ Solange der Ford Escort aber fährt, existieren wir in einem verzauberten Reich, wo alles reine Richtung und Erwartung ist. Dort sind wir alle beisammen in einer bergenden Glocke aus Blech, zwischen allen Orten. Und alles wird besser, weil es schlechter nicht werden kann. Wird es dann aber doch …“

Portugal: Kaum etwas hatten sie mitnehmen können, jetzt stand die ganze Familie um eine Regentonne und putzte Zähne. Die Nacht in dem Rohbau war naß und zugig gewesen. Alle hatten Hunger, der kleine Fabian quengelte lautstark. Die Hunde hatten schon seit Tagen nichts mehr gefressen, was schleppten sie denn jetzt an? Etwas weißes, stinkendes hatten sie fast triumphierend vor sich her getragen. Als sie es auseinander rissen und ihnen die Scheiße wortwörtlich um die Ohren flog, realisierten alle, dass es Fabians Windeln waren, die sie gierig verschlangen …

Arno Frank, geboren 1971 in Kaiserslautern, ist Publizist und freier Journalist, arbeitet für die taz. Mit diesem Roman hat er sich seine Lebensgeschichte und die seiner Familie von der Seele geschrieben und schreiben kann er! Brilliant balanciert er zwischen Tragik und Komik. Hier noch eine Kostprobe:

Textzitat: „Aus der Gegenrichtung führt der Fluss Nebel, eine flugunfähige Wolkenbank. Als unendlich weiches Hochwasser verschluckt dieser Nebel ganze Stadtviertel, bis nur noch die Spitzen der Hügel inselgleich über das Gewölk herausragen. Tief und lang rollen mit ozeanischer Überfülle die Seufzer der Schiffshörner über das Wasser und laufen klagend aus zwischen den feuchten Mauern der Stadt.“

Frank eröffnet den Roman mit einem Paukenschlag und entwickelt dann entspannt, fast behutsam Figuren und Geschichte. Eine Geschichte von Werten, von Entwurzelung nicht Freiheit, von Vertrauen, Verlust. Dann plötzlich rast er mit uns los, spielt dabei geschickt mit unseren Vorahnungen und treibt uns so weiter voran, Kilometer um Kilometer, Seite umd Seite. Ich will gar nicht wissen, wieviel von dieser Geschichte Fiktion, wieviel dichterische Freiheit und wieviel Wahrheit ist, sie reißt an meinem Herzen bis es wund ist, so grausam, so schön ist sie. Welche Gefühle da in mir streiten weiß ich bisweilen auch nicht, ich hab ständig Gänsehaut und laufe schon blau an, weil ich wieder mal die Luft angehalten habe – das kann doch jetzt nicht wahr sein …

Sollten Eltern nicht Halt, Richtung, Führung und Werte geben, moralisches Verhalten lehren? Wie entwickelt sich denn eigentlich Moral? Kinder handeln zunächst nur um Bestrafung zu vermeiden. Dann lernen sie Kompromisse einzugehen, zu ihrem eigenen Vorteil. Als Jugendliche orientieren sie sich dann oft an den Werten und Normen von „Kumpels“ und der Clique, man lernt von den anderen. Als Erwachsene beginnen sie geltende Regeln und Gesetze der Gesellschaft zu hinterfragen. Bisweilen mit dem Ergebnis moralisch ist, was mir gut tut und danach handle ich. Wenn der Staat, oder die Gesellschaft bestimmen was Eigentum, was Besitz ist, so ist das deren Problem, nicht das Meine. Vater Frank scheint genau das verinnerlicht zu haben.

Sein Satz „So, und jetzt kommst Du“, den ich als ich den Titel las, als Aufforderung verstanden hatte, ist gar keine. Der Vater beendet mit diesem Satz häufig die Schilderungen seiner Großtaten und Ideen und gibt mit diesem Satzfetzen seinem Sohn dann zu verstehen, das er da erst mal hinkommen muss, das das ja wohl nicht zu toppen ist …

Ich bin heilfroh für Arno Frank, dass er gut durch diese Kindheit durchgekommen ist und einen festen Stand in seinem Leben gefunden hat. Sehr mutig diese Geschichte so ungeschönt nieder zu schreiben und zu veröffentlichen. Wie ihm das gelungen ist, zu keiner Zeit gefühlsduselig, ja fast als sachlicher,  immer präziser Beobachter in der eigenen Vergangenheit unterwegs zu sein – alle Achtung! Das Cover ist wunderbar klar und so real wie die Geschichte selbst. Tolle Verpackung für ein unglaubliches Thema.

So, und was kommt jetzt? Die letzte Seite ist umgeblättert und ich muß mich jetzt erstmal sammeln. Schnell ist mir klar, das ist eines dieser Bücher, eines nachdem es schwer ist, dem nächsten eine Chance zu geben. Ich werde wohl ein paar Tage Abstand brauchen – fast platt klingt es da, zu sagen – das Leben schreibt die besten Geschichten … Danke, Arno Frank!

Nachtzug nach Lissabon (Pascal Mercier)

Sonntag, 04.06.2017

„Einmal verrückt sein und aus allen Zwängen fliehen …“. Gerade eben bin ich wieder einmal heftig im Termindruck und echt urlaubsreif. Wenn mir keine Zeit zum Luftholen bleibt, schießt mir häufig dieser Liedtext von Udo Jürgens in den Kopf. Das wär’s jetzt, einfach raus und weg. Alles hinter sich lassen, neu anfangen …
Als wenn das so einfach wär, aus seinem eigenen „Verhaltensgefängnis“ kann man nicht so leicht ausbrechen und  „ohne Moos, ist auch nix los“ … Ganz klar zuviele Bedenken … 
Vielleicht muss es ja aber gar kein so radikaler Schnitt sein? Warum nicht im Kleinen anfangen? Da fällt mir prombt eine weitere Liedtextzeile ein, diesmal von Xavier Naidoo, sie lautet  „Ich schreib Dir Zeilen aus Gold … weil Du dich nicht auseinander setzt, mit dem was DU willst“.  Jep, wie oft lassen wir uns eigentlich fremdsteuern? Jemand drückt das sprichwörtliche Knöpfchen und wir funktionieren und reagieren genauso wie der andere es will. Wie oft ist mir das schon passiert … 

Von radikalen Brüchen, vom Mut zur Veränderung, davon das Leben in die eigene Hand zu nehmen und von der Liebe zum geschriebenen Wort, handelt auch der Roman, den ich immer mal wieder zur Hand nehme, wenn es mir zu bunt wird. Er bringt mich dann an ein Ziel, das zudem noch ganz weit oben auf meiner Reisewunschliste steht:

Nachtzug nach Lissabon (Pascal Mercier)

War es nicht meist genau so? Tage an denen sich das Leben radikal veränderte, begannen wie jeder andere auch. Harmlos und mit der üblichen Routine. Auch bei Raimund Gregorius war das so. Gregorius war Lehrer am Gymnasium in Bern, verläßlich und präzise wie ein Schweizer Uhrwerk. Seine Schüler nannten ihn Mundus. Er war Altphilologe und unterrichtete Griechisch, Latein, Hebräisch, das ohne Fehl und Tadel.

Täglich um Viertel vor acht passierte er die Brücke, die vom Stadtkern zum Gymnasium führte. Heute war es stürmisch und es regnete heftig. Der Wind hatte ihm den Schirm schon umgedreht und er war im Nu tropfnaß. Die junge Frau, die mitten auf der Brücke ans Geländer gelehnt stand und sich schon so soweit aus den Schuhen gedrückt hatte, das es aussah als wollte sie über ebensolches steigen, ließ Gregorius plötzlich schneller gehen. Im Laufen rutschte seine Aktentaschen und schlug auf, ihr Inhalt verteilte sich am Boden. Sie würde doch nicht ewas springen wollen?

Dieses Aufeinandertreffen, diese namenlose Portugiesin hatte etwas tief in ihm aufgerührt. Ihre leise Wut und Verzweiflung … Er selbst war jetzt siebenundfünfzig und er hatte auch nicht das Gefühl, dass er auf seinem Lebensschiff wirklich der Kapitän war und selbst das Steuerrad in der Hand hielt. Ziellos wanderte er nach dieser Begegnung umher, kehrte ein um einen Kaffee zu trinken. Ließ ihn kalt werden, stand auf und ging wieder. Draußen fiel sein Blick auf die spanische Buchhandlung gegenüber. Hier war er lange nicht gewesen. Als er eintrat umfing in sofort ein vertrauter Geruch, der Staub alter Bücher und Leder, das Leder kostbarer Einbände. Eine junge Frau war mit ihm Raum und bevor sie ging, legte sie beinahe zärtlich ein Buch beiseite. Diese Geste weckte seine Neugier und er nahm das gleiche Buch ebenfalls zur Hand. Der alte Buchhändler war unbemerkt hinter ihn getreten und das Schicksal begann die Seiten seiner Geschichte neu zu schreiben … 

Gregorius hörte den Titel des Buches aus dem Mund des Buchhändlers und als dieser begann leise daraus vorzulesen, war es ihm so vorgekommen, als seien diese Sätze nur für ihn geschrieben worden. Der Buchhändler machte ihm diesen Schatz zum Geschenk, nicht ahnend, dass es der Grund und der Anlaß für den Lehrer sein würde, sein altes Leben abzustreifen wie eine zu groß gewordene Jacke. 

Er hatte es tatsächlich getan! Er saß im Zug, im Nachtzug und war auf dem Weg nach Lissabon. Mitten im Unterricht war er gegangen, er der berechenbare, war unberechenbar gewesen! Die Briefe, die er an seinen Chef den Rektor und an seinen Kollegen geschrieben hatte, würden seinen Abschied erklären, oder vielleicht auch nicht. Er aber war sich sicher, so sicher wie nie vorher, er musste diesen Autor finden, diesen „Goldschmied der Worte“. Er konnte nicht diese Sätze gelesen haben und einfach so weiter machen wie zuvor. Ein bischen ängstlich war er schon, irgendwie, aber es gab kein zurück, nicht jetzt wo er soweit gekommen war, das hier, das war sein Abenteuer …

Peter Bieri wurde 1944 in Bern geboren. Unter dem Pseudonym Pascal Mercier schrieb er seinen Erfolgsroman Nachtzug nach Lissabon, der 2004 erschien und 2013 verfilmt wurde. Er ist Schriftsteller und Philosoph.

Mein Eindruck, damals wie heute – man hält eine komplett zeitlose Geschichte in der Hand. In den Roman eingebettet ist in Auzügen ein zweiter, nämlich der des portugisieschen Autors, der unseren Helden so sehr begeistert, dass dieser für eine Spurensuche alles buchstäblich stehen und liegen läßt. Gregorius unternimmt eine Reise die nicht nur in Kilometern gemessen eine weite ist, er taucht auch tief ein in sein Innerstes. Dabei wird ihm der Autor dem er folgt zum Wegweiser. Der Roman ist wunderbar abenteuerlich, spannend und auch eine Reise in die politische Geschichte Portugals. Er erzählt von Bindungen und Freundschaften, von notwendigen und schmerzhaften Veränderungen. Intelligent, mit einem Tiefgang der mich sehr berührt hat und ich wiederhole mich, damals wie heute. „Einmal verrückt sein und aus allen Zwängen fliehen …“

Altes Land (Dörte Hansen)

Samstag, 13.05.2017

Ja, diesmal habe ich es getan. Während ich wie jedes Jahr auf der Lauer liege und unseren Apfelbaum auf Blütenansätze absuche, habe ich ihm gedroht. Gedroht er komme auf den Kompost, wenn er in dieser Saison nicht wenigstens einen Apfel trage. Im letzten Jahr haben wir unseren Cox-Orange an den Krebs verloren. Unermüdlich trug er bis zuletzt schwer an der Last seiner reifen Früchte. Eigentlich als Nachfolger gedacht, die Krankheit meines Lieblings-Apfels zeichnete sich da schon ab, pflanzten wir einen James-Grieve. Diesmal ein Halbstamm, die Krone schon schön erkennbar, streckte er gut gelaunt seine Äste über mein Frauenmantel-Beet. Alles gut und schön, bis auf die Äpfel, die fehlen bislang. Gießen, düngen, schneiden, gutes Zureden – alles half nicht. Da habe ich mich jetzt auf’s Drohen verlegt – ich würde mal sagen, Fortsetzung folgt, im Herbst wissen wir mehr 😉. In einem meiner Lieblingsbücher der letzten Jahre spielen Obst-Bäume auch eine große Rolle, hier sind es die Kirsch-Bäume.

Altes Land (Dörte Hansen)

Es ist Frühling im alten Land. Ida Eckhoff, Obstbäuerin, hat 1945 kein Verständnis für das was da passiert. Aus Ostpreußen kommen immer mehr von ihnen, immer mehr Flüchtlinge. „Polacken“ schimpft sie sie wütend. Als auf ihrem Hof Hildegard von Kamcke mit ihrer kleinen Tochter Vera einquartiert wird, bringt sie sie in der Knechtekammer unter. Auf gar keinen Fall dürfen die beiden auf ihrer weißen Hochzeitsbank sitzen, Verbote gibt es fortan reichlich. Verbote, die Hildegard von Kamcke kalt lassen, dass muß sie, stammt sie doch aus gutem Hause, sich nicht geben. Sie zieht weiter, allerdings ohne ihre Tochter Vera. Die läßt sie zurück bei der Eckhoff, zurück in diesem großen, kalten Haus …

Hinni Lürs ist schon ziemlich lange der Nachbar von Vera Eckhoff und er ist ein Freund, obwohl beide unterschiedlicher nicht sein könnten. Die raubeinige Zahnärztin, die Haus und Hof so gar nicht in Ordnung hält und der fast pedantische „Unkrautvernichter“ Heinrich paßen im Grunde nicht zusammen. Und doch verbringen beide ganze Nächte beim Kartenspiel in Veras Küche, stehen einander bei, wenn es darauf ankommt. Auch als vor Veras Tür dann zwei „Flüchtlinge“ stranden. Ihre Nichte Anne mit ihrem kleinen Sohn. Annes Mann hat sich gerade eine andere gesucht, ihren gemeinsamen Sohn kann er dabei nicht brauchen. Ja, und Flötenlehrerin, das ist auch nicht gerade Annes Traumberuf. Es scheint Zeit für einen Neuanfang, aber ausgerechnet bei der „Einsiedlerin“ Vera?

Das alte Haus von Vera Eckhoff hat eine Renovierung bitter nötig. Mit Malern ist es hier längst nicht mehr getan, stellt Anne fest. Fenster, Türen, Dach alles marod, warum nur wurde hier solange nichts getan? Am fehlenden Geld kann es doch nicht liegen? Anne hat eher wenig Verständnis für die strikte Verweigerungshaltung ihrer Tante. Die behauptet steif und fest, nicht sie, das Haus sei dagegen und sie übernehme keine Garantie für das was geschieht, wenn hier einer Hand an legt …

Dörte Hansen hat mit „Altes Land“ ihren ersten Roman veröffentlicht. Sie arbeitet als Autorin für den Hörfunk und hat einige Jahre für den NDR als Redakteurin gearbeitet. Das „Alte Land“ wurde zum Überraschungserfolg in der gebundenen Ausgabe und stürmte die Bestseller-Liste bis auf Platz 1. Ich war da erstmal skeptisch, finde ich mich mit meinem Lesegeschmack bei vielen Titeln mit Spitzenplatzierungen dann doch am Ende nicht wieder. Hier war das anders, diese Geschichte ist auch für mich ein Volltreffer. Pointiert, der Humor nordisch trocken, die Figuren authentisch, griffig und liebenswert.

Als Hörbuch (leider gekürzt) vorgelesen von der großartigen Hannelore Hoger. Ihr Plattdeutsch ist unglaublich, es fließt so selbstverständlich ein, dass es eine Freude ist. Für mich ist hier die Symbiose zwischen Sprecher und Geschichte vollkommen. Mal knarzt ihre Stimme fast wie die Dielen in dem alten Haus, das ein Eigenleben zu haben scheint. Mal ist sie gefühlvoll bei den beiden Frauen oder bei Idas kriegsversehrtem Sohn. Mein Opa mütterlicherseits wurde nach dem Krieg aus Ostpreußen vertrieben. Wie oft hat er von seiner Marienburg erzählt. Es schien mir, als sei die verlorene Heimat für ihn wie eine offene Wunde, die nicht heilen will … Diese Geschichte hier hat mir das Schicksal der Vertriebenen wieder ins Gedächtnis gerufen. Auch die Freundschaft im Buch zwischen den Nachbarn Hinni Lürs und Vera Eckhoff hat mir besonders gefallen, zeigt sie doch, dass es auch erlaubt ist sich mal zu reiben, ohne sich gleich aufzugeben …

Kürzlich erst als Taschenbuch erschienen, bin ich mir sicher, wird das „Alte Land“ seinen Siegeszug weiter fortsetzen und noch mehr Fans gewinnen! Ich gehöre immer noch dazu, uneingeschränkte Lese- und Hörempfehlung! 

Die Sehnsucht des Vorlesers (Jean-Paul Didierlaurent)

Sonntag, 23.04.2017

Was passiert da eigentlich? Wie kommt es, dass der Funke für die Lesebegeisterung bei dem Einen zündet und bei dem Anderen nicht? Selbst bei Geschwistern steckt der „Lesevirus“ meist nicht alle gleichermaßen an. In meiner Familie war das auch so, meine Schwester war da eher resistent, mich hat es dagegen voll erwischt. Die Spätfolgen dieser Infektion kann man bis heute an mir ablesen 😉. In meiner Kindheit unterstützten auch Fernsehsendungen die Lesewut, erinnert Ihr Euch noch an „Lemmi und die Schmöker“? Wenn die kleinen Waggons mit den Geschichten über die Deckenschiene rollten, lag ich bäuchlings auf einem künstlichen Schafffell vor dem Fernseher und war wie paralysiert. Richtiggehend in die Geschichte eintauchen war hier möglich, das wollte ich auch immer können, mittendrin sein – aber wenn es brenzlig wird auch jederzeit wieder raus hüpfen … Bequem aus dem Sessel heraus überall hin reisen, ohne lästiges Koffer packen und Koffer schleppen. Oder sich vorlesen lassen, das habe ich eigentlich jetzt erst richtig entdeckt, seit ich eine längere Strecke zur Arbeit überbrücken muß und ch möchte es nicht mehr missen …

Die Sehnsucht des Vorlesers (Jean-Paul Didierlaurent)

6 Uhr 27 – im Regionalzug nach Paris sitzt Guylain Vignolles auf dem schmalen orangenen Klappsitz rechts neben der Tür. Wie jeden Morgen auf dem Weg zu seiner Arbeit entnimmt er seiner ledernen Aktentasche eine Sammelmappe und daraus ein einzelnes Blatt Papier. Im Waggon wird es allmählich still und Guylain beginnt wie an jedem Morgen zuvor laut vorzulesen …

Die Pendler in seinem Zug kennen ihn bereits, den komischen Spinner, den liebenswerten Kauz. Sie lieben dieses Ritual, niemanden stört es, dass die Texte die er vorliest so wie sie aufeinander folgen überhaupt keinen Sinn ergeben. Auf ein Kochrezept folgt eine Krimi-Passage oder eine Seite aus einem Liebesroman. Guy liebt Bücher und er liebt das Vorlesen, magisch sind diese Momente im Zug, wenn alle um ihn herum verstummen …

Dann ist es soweit, Guy muß aussteigen, wie so oft beginnt er zu zittern, der Weg zu seinem Arbeitsplatz eine einzige Überwindung, oft packt ihn gar körperliche Übelkeit, denn auch heute wird sie wieder auf ihn warten – die Bestie …

Endlich Mittagspause! Im Wachhäuschen bei Yvon Grimbert verbringt Guylain sie am liebsten. Yvon ißt nie zu Mittag, stattdessen rezitiert er leidenschaftlich klassische Verse, schweigt dann oft wieder minutenlang. Guy ist ihm dann Stichwortgeber und Projektionsfläche – die beiden ein eingeschworenes Team, verstehen sich wortlos. 

Für LKW Fahrer die ungeduldig während dieser Pausen in ihrem 38 Tonner mit den Hufen scharren und Einlaß begehren, kennt Yvon keine Gnade. Er tritt aus seinem Häuschen, mittlerweile ein Meister des Deklamierens, besser als die meisten Theaterschauspieler, zieht einen Vers und trifft sie völlig unvorbereitet mitten in den Solarplexus, denn „ein guter Vers ist scharf wie ein Degen!“ Auch diesmal klappt es, der Fahrer der hier zum ersten Mal vorfährt steht am Ende der Tirade wie unter Schock, er kurbelt sein Fenster hoch und verschwindet eiligst in einer Abgaswolke als ihm Yvon endlich den Weg frei gibt. Für Guy sind solche Auftritte jedesmal ein Fest! 

Dieser Tag im Zug aber ist anders, direkt vor seinem orangeroten Klappsitz liegt etwas. Guy bückt sich und hebt es auf, es ist ein USB Stick und er nimmt ihn nicht nur an sich, er nimmt ihn mit sich und klar, liest er zu Hause was sich in seinem Inneren verbirgt …

Jean-Paul Didierlaurent wurde 1962 in La Bresse im Elsass geboren. Mit der „Sehnsucht des Vorlesers“ hat er seinen ersten Roman veröffentlicht und die Geschichte ist innerhab der ersten vier Wochen bereits in 26 Länder verkauft worden. Kein Wunder das! Für mich ist sie eine der liebenswertesten, grausamsten, romantischsten, bezaubernsten Geschichten, die ich je gelesen habe. Man fliegt über die Seiten, sitzt früh mit Guy im Zug, hört ihm zu. Das geht, denn der Autor hat die Vorlese-Schnippsel mit abgedruckt! Die Figuren, der Handlungsstrang – wunderbar … Ich will auf keinen Fall zu viel verraten, jedes weitere Wort könnte eines zu viel sein und den Zauber der Geschichte schon vorweg nehmen … Psst, genießt es!

Gut zu wissen: Die Geschichte ist gerade im Taschenbuch erschienen!

Der Schnee, das Feuer, die Schuld und der Tod (Gerhard Jäger)

Sonntag, 09.04.2017

So schnell geht das und schon hat man einen neuen Kollegen, Nachbarn oder den Postboten in eine Schublade gesteckt. Es gibt keine zweite Chance für den ersten Eindruck, sagt man doch auch. 

Der ist aber arrogant, die ist vielleicht nett und er so hilfsbereit. Einmal einsortiert, kommt die oder derjenige aus ihrer/seiner Schublade auch nicht mehr so schnell raus. Ist die Schublade eine „gute“ sind wir bereit vieles zu verzeihen, bevor wir um- oder aussortieren. Ist die Schublade eine „schlechte“ wird es auch schon mal eng. In der gar nicht mal so fernen Vergangenheit wurde es vor allem für heilkundige Frauen schon mal richtig eng. Konnte man sich deren Erfolg nicht erklären, waren sie meist aus Sicht der anderen mit dem Teufel im Bunde und war die Schublade „Hexe“ erst mal geöffnet, nahm dies für die betroffenen Frauen oft ein tödliches Ende …

Herbst, 1950. Max Schreiber, 25 Jahre alt, ist geflohen in die Berge um zu schreiben. Geflohen vor seinem alten Leben in Wien, wo ihm seine Freundin unlängst eröffnet hat, dass sie lieber mit einem Gärtner lebt, als mit ihm dem studierten Historiker. Max trifft das wie ein Schlag, gut seine Leidenschaft für die Hexenverfolgung hat sie immer belächelt, aber Trennung? Was hat dieser Gärtner ihr schon zu bieten, er dagegen, als Studierter … 

Hier wird er Ruhe finden, die Ruhe die er braucht um diese Geschichte aufzuschreiben, diese eine Geschichte. Direkt am Ort des Geschehens will er recherchieren, mit denen sprechen die sich noch erinnern. Gibt es vielleicht sogar noch lebende Nachfahren unter den Dorfbewohnern? 

Lange bevor der Bus die Bergstraße herauf rumpelt und ihn an der einzigen Haltestelle im Dorf auspuckt, hat es in dem kleinen Örtchen die Runde gemacht, tuschelt man hinter vor gehaltener Hand. Er kommt um in der Vergangenheit zu wühlen, um die Katharina geht es, um die Schwarzmann. Warum kann er sie nicht ruhen lassen, sie und die Vergangenheit? Was haben sie schließlich heute noch damit zu schaffen? Fast ein Jahrhundert ist es her …

Wie eine Wand schlägt Max Schreiber das Mißtrauen entgegen, als er in dem kleinen Bergdorf in so malerischer Kulisse Quartier bezieht. Ruhe wollte er hier finden, Abstand gewinnen, stattdessen trifft er auf eisiges Schweigen, Ablehnung und ja, teils offene Feindseligkeit. Endlose Spaziergänge unternimmt er, unerfahren mit den Unbillen, die die Berge und das Wetter hier oft mit sich bringen. Bis an den Rand sein Kraft, körperlich und geistig führen ihn dieses Dorf und seine Bewohner. 

05. Januar 1856. In dieser Nacht, als der Hof von Katharina Schwarzmann brennt sind alle im Dorf auf den Beinen. Aufgereiht stehen sie vor davor, mit Schaufeln und Harken in den Händen. Als endlich eine Frau aus den Flammen über den Türrahmen ins Freie tritt, stehen die Männer drei oder vier Meter vor ihr, einer hält eine Mistgabel in den Händen. Katharina wird klar, diese Männer sind nicht zum Helfen gekommen! Sie weicht zurück, zurück in das brennende Haus, bis sie selbst brennt. Wie eine Fackel. Die Hex!

Dieses Grollen kommt nicht aus der Tiefe, aber es ist nicht minder bedrohlich. Dicht zusammengedrängt in der kleinen Dorfkirche hält man gemeinsam den Atem an, harrt aus über Tage, betet. Seit Wochen hat es geschneit. Die Alten im Dorf sagen so viel Schnee hat es noch nie gegeben. Schon längst sind alle vom Schaufeln entkräftet, liegen die Schneewände am Rand der Hauptstraße über mannshoch, zu den meisten Hauseingängen ist nur noch ein schmaler Pfad frei, die Straße ins Unterdorf längt unpassierbar. Abgeschnitten von der Außenwelt harren sie aus, in ständiger Furcht vor ihr. Der Lantobel-Lawine. Jährlich geht sie ab, bahnt sich ihren zerstörrerischen Weg ins Tal. Doch in diesem Winter, im Jänner 1951 wird es nicht nur eine Lawine sein. Dreißig Abgänge zählt man im Nachgang in der Dorfumgebung, sieben davon treffen das Dorf …

Gerhard Jäger, geboren 1966 in Dornbirn. Veröffentlicht mit „Der Schnee …“ seinen ersten Roman. Was für eine Geschichte! Auf keinen Fall will ich mehr verraten! Ich habe ihn heute früh zu Ende gelesen und sitze jetzt hier und bin mich am Sortieren. Vom ersten Satz an steckte ich mittendrin, feinfühlig und schicksalhaft verbindet Jäger zwei Zeitebenen.

Sprachlich außergewöhnlich, fast wie Mantras wiederholt er Satzteile, schafft so eine Eindringlichkeit die mich tief beeindruckt hat. Von Beginn an, war ich seiner Hauptfigur ganz nah, fassungslos habe ich mit ihr gelitten und gehofft. Den Aufbau des Romans, Wendungen und Auflösung finde ich meisterhaft. Erst habe ich mich über den langen Buchtitel gewundert,  jetzt zum Ende hin ist er klar, als die logische Konsequenz …

Wer wie ich nicht in und mit den Bergen lebt, hört zwar mal von abgehenden Lawinen im Wetterbericht, davon körperlich bedroht zu sein, um sein Leben zu fürchten, davon macht man sich aber keinen Begriff. 

Online habe ich einen Artikel des Spiegels vom 07.02.1951 gefunden. Eine außergewöhnliche Wetterlage hatte bereits im November 1950 zu unglaublichen Schneemengen in den Alpen geführt. Die Anzahl der Schadlawinen, die dann im Januar abgingen, war so hoch wie sie in den 2000jährigen Wetteraufzeichnungen bislang nicht verzeichnet wurde. Auf schweizer Seite gab es die größten Schäden, starben die meisten Menschen. Von einem Einzelschicksal, dem des Bauern Wimpissinger mit seiner Familie, wohnhaft auf der Nauz-Alp in einem Bergdorf auf 1.400m Höhe, ist in dem Artikel die Rede. Ein Schicksal, das auch Jäger in seinem Roman nachgezeichnet hat und das ihn noch authentischer macht.

Die Atmosphäre in dem kleinen Bergdorf beschwört Jäger so anschaulich herauf, dass auch mir die Nasenhaare gefroren sind und die Nackenhaare aufrecht standen … Er nimmt uns mit in eine Welt, die wie aus der Zeit gefallen scheint. Hier glaubt man noch an den bösen Blick, an Vorsehung. Er verwebt den Lawinenwinter 1951 in seiner Dramatik mit dem Schicksal von Max Schreiber und mit einem Mordfall so geschickt, dass ein ganz besonderer Spannungsbogen entsteht. 

Was für ein großartiger Roman! Wie soll ich jetzt bloß die nächsten Tage ohne Max Schreiber bestreiten? So sehr hatte ich mich daran gewöhnt mit ihm in den Bergen unterwegs zu sein …

Die Spuren meiner Mutter (Jodi Picoult)

Donnerstag, 16.03.2017

Die Big Five! Nahezu jeder Südafrika Tourist stellt Ihnen auf Safari, bewaffnet mit Fernglas, Kamera und Sitzfleisch nach. Verharrt im Gebüsch, auf unbequemen Jeep-Sitzen, ruckelt durch Schlaglöcher und bibbert des Nächtens und vor Sonnenaufgang auf der Pirsch. Elefant, Nashorn, Büffel, Löwe und Leopard einmal aus der Nähe sehen und als Erinnerungs-Foto mit nach Hause nehmen. Das wärˋs, dachten auch mein Mann und ich vor einigen Jahren und brachen auf von Frankfurt nach Kapstadt.

In den großen Krüger Park haben wir uns der Malaria wegen nicht getraut, um so erstaunter waren wir wie gut man auch in kleinen, teils privaten Reservaten große Tiere aus nächster Nähe beobachten kann. Gänsehaut hatte ich dann bei einer Nacht-Safari. Lange bevor wir etwas sehen konnten, war da dieses Geräusch. Ein leises „Zerreissen“ in der nächtlichen Stille und schon waren mitten unter einer Elefantenherde die friedlich graste. Ein für mich winziger Elefant, er hätte in eine Reisetasche gepaßt, wurde sofort von seinen großen Artgenossen behutsam in deren Mitte genommen und nach allen Seiten abgeschirmt. Wie achtsam, und umsichtig diese großen Tiere miteinander umgingen! Wie leise sie wieder in der Nacht verschwanden.

Einige Tage später, führte uns eine Tour in die offene Savanne zu einem Wasserloch. Dort tobte ein anderer kleiner Elefant quietsch vergnügt, mit wehenden Ohren, wie ein junger Hund durch die Pfützen. Die umstehenden Dickhäuter schienen ihm ebenso belustigt zuzuschauen wie wir …

Die Spuren meiner Mutter (Jodi Picoult)

Serenity ist ein Medium und Wahrsagerin. Gleich zwei „Geister“, Lucinda und Desmond, führen Sie. Ihr Spezialgebiet ist das Auffinden vermißter Personen, sogar die Polizei arbeitet mir ihr zusammen. Ihre Erfolgsquote ist beachtlich, sie ist gern gesehener Gast in Talkshows und oft letzter Ausweg für verzweifelte Angehörige … Bis zu diesem einen Fall: Es geht um den Sohn von Senator McCoy, er wurde mitten im Wahlkampft entführt und die Polizei sucht fieberhaft nach ihm. Es ist ungewiß ob er noch lebt. Serenity wird aktiv. Im entscheidenden Moment aber, stehen ihr ihre beiden Geistführer plötzlich nicht mehr zur Verfügung und sie greift zu einen folgenschweren Lüge vor laufenden Fernsehkameras …

Virgil Stanhope ist abgestürzt. So nennt man das wohl, wenn man mehr Alkohol trinkt als einem gut tut. Seinen Job als Polizist hat er verloren, hält sich mit Gelegenheitsermittlungen als Privatdetektiv über Wasser, und an allem ist nur dieser eine Fall schuld, diese eine Nacht …

Jenna ist jetzt dreizehn und sie ist besessen. Besessen von der Idee ihre Mutter wiederzufinden die, da war Jenna gerade mal drei Jahre alt, verschwunden ist. Spurlos wie man so sagt. Eine Spur findet die hartnäckige Jenna dann aber doch, allen Widerständen zum Trotz und gegen den Willen ihrer Großmutter, bei der sie jetzt aufwächst …

Die großen Spuren im Leben von Jennas Mutter, der Elefantenforscherin Alice, aber haben keine Menschen hinterlassen, sondern IHRE Elefanten. Geliebt hat sie diese starken, klugen, sensiblen Tiere. Gekämpft hat sie für sie, unermüdlich und mit all ihrer Kraft. Bis zu dieser einen schicksalhaften Nacht im Reservat. Der Nacht, in der sie verschwand und die der Schlüssel zu allem zu sein scheint …

Jodi Picoult ist mit diesem Roman ein großer Wurf gelungen. Nie habe ich auf kurzweilige, spannende und humorvolle Art soviel gelernt –  über Elefanten! Über ihr Wesen, ihr Sozial-und Trauerverhalten, aber auch über Wilderei und über Macht und Ohnmacht im Umgang mit ihr. Die eigentlichen Helden in dieser Geschichte sind dann auch die Elefanten, mit ihnen beginnt alles und sie führen alle Fäden zusammen. In Rückblenden auf das Leben der Forscherin Alice erzählt Picoult und führt diese Geschichte zu einem wirklich krönenden Abschluß. Ich muss sagen, so bin ich im Finale eines Romans selten überrascht worden. Faszinierend und herzerfrischend anders. Für alle Vielleser eine schöne Abwechslung.

Gut zu wissen: Alle Taschenbuch-Fans müssen sich noch etwas gedulden, der Erstverkaufstag, nach der bereits erschienenen gebundenen Ausgabe, ist für den 09.10.2017 angekündigt.

Konklave (Robert Harris)

Donnerstag, 09.03.2017

Ewiges Rom! Jeder Stein dieser Stadt atmet Geschichte. Selbst als Tourist im 21.Jahrhundert hatte ich dieses Gefühl. Ganz gleich ob im Trubel am Kolosseum oder beim Spaziergang durch das Forum Romanum. Geisterhafte Schatten, Geflüster, fast mit Händen greifbar erschien mir die Vergangenheit. Am Rand des Circus Maxismus stehen und das Hufgetrappel der Pferde, die Rufe der Streitwagen- Lenker hören – all das geht hier.

Dann der Peters Dom, Kuppel und Gewölbe, Michelangelos Pieta, die Krypta der Päbste, gleich wie man zu seinem Glauben steht – dieser Ort hat eine große, gegenwärtige spirituelle Kraft. Die Kunstgegenstände, das Licht und die vatikanischen Mussen. Landkarten entdecken, auf denen die Welt wie wir sie heute kennen noch unvollständigt ist.

Ehrfürchtig in der sixtinischen Kapelle stehen, mit Genickstarre zur Decke aufschauen – die Größe und die Kunstfertigkeit der Fresken bestaunen. Leise frage ich mich dann, wie wäre es, könnte man einen Blick durch’s Schlüsselloch werfen, wenn hier ein neuer Pabst gewählt wird. Wenn die Kardinäle hier eingeschlossen sind still Mäuschen spielen …

Konklave (Robert Harris)

Die Nacht liegt dunkel und schwer über dem Vatikan und doch herrscht hektische Betriebssamkeit in den Gemächern des heiligen Vaters. Um kurz vor zwei Uhr morgens, als Kardinal Lomeli geweckt und zu seinem Pabst gerufen wird, ist es schon zu spät. Die Leibärzte können nur noch seinen Tod feststellen. Herzkrank ist er gewesen, verwirrt ist er in den letzten Wochen seinen engsten Vertrauten vorgekommen und doch kommt sein Tod überraschend. Für Trauer bleibt Dekan Lomeli keine Zeit, ist es doch an ihm das heilige Konklave zu organisieren und zu leiten, um die heilige Mutter Kirche möglichst nicht lange ohne Führung zu lassen …

Gerade sollte die Casa Santa Marta, das Gästehaus der Kardinäle für die Zeit des Konklave geschlossen werden. Kein Kontakt mehr zur Außenwelt für die Wahlberechtigten bis der heilige Geist Ihnen den Namen des neuen Pabstes eingegeben hat. Da eilt über den Vorplatz ein schlanker, eher unscheinbarer Mann in einfacher Sutane und ohne Gepäck (!) herbei und begehrt Einlaß. Auch er gehöre zu den Kardinälen. Eine eilige Überprüfung der Person ergibt, es stimmt. In aller Heimlichkeit, in pectore, hatte der verstorbene Pabst den Erzbischof von Bagdad (!) erst kürzlich zum Kardinal erhoben. Ein Procedere das zwar ungewöhnlich, aber doch den Statuten entsprechend war. So musste Kardinal Lomeli, wenn auch widerstrebend und quasi „Last Minute“, einen weiteren Kandidaten und wahlberechtigten Kollegen zum Konklave zulassen. Bald schon gerät Lomeli in heftige Gewissenskonflikte, schwankt zwischen Macht und Ohnmacht. Wie soll er mit Informationen umgehen, von denen er weiß, dass sie den Lauf und den Ausgang des Konklaves maßgeblich beeinflußen können? Wie reagieren, wenn diese Informationen von außen kommen, wo doch absolute Abschottung geboten ist?

Robert Harris hat bereits zahlreiche historische Romane um Rom und die römische Geschichte veröffentlich. Mit „Konklave“ gewährt er uns einen Einblick hinter die Kulissen einer Welt die normal Steblichen nicht zugänglich ist – den Vatikan. Was wie ein Kammerspiel beginnt, entwickelt sich zu einem spannenden Wahlkrimi, Ränke, Intrigen,irdischer Ehrgeiz und Scheinheiligkeit inklusive. Die Geschichte steigert sich in eine ganz eigene Dynamik, die einen schnell einsaugt und der man sich nicht mehr entziehen kann. An vielen Stellen hat sie mich an einen alten Film mit dem großartigen Antony Quinn erinnert – „In den Schuhen des Fischers“.

Frank Arnolds Stimme als Sprecher der Hörbuch-Fassung trägt uns durch die Stimm-Auszählungen und die Gebete der Kardinäle. Mitgezählt habe ich gebannt ob mein Kandidat vorne liegt, den Kopf geschüttelt wenn nicht und auf ein Wunder gehofft, möge der Richtige die Schlüssel Petri’s erhalten …