Stadt aus Rauch (Svealena Kutschke)

Sonntag, 21.01.2018

Wie lebt man ein Leben, wenn der eigene Geburtstag gleichzeitig der Todestag der Mutter ist? Ist das Kind dem Tod abgerungen dann Fluch oder Segen in dieser Familie? Kinder, die ein Leben lang schwer an einer Schuld tragen, für die es sich so anfühlt, als seien sie der „Mörder“ der eigenen Mutter. Eine Mutter, die sie nie kennengelernt haben, aber dennoch vermissen, eine Bindung spüren, die in die Leere verläuft. Väter, die in ihrem Kind das Abbild der geliebten Partnerin erkennen, sich an ihm festhalten, nach Wesenszügen suchen, die die verlorene Frau einst ausmachten.

Was, wenn ein solches Kind, der verstorbenen Gefährtin aber so gar nicht gleicht? Sich auf immer verloren fühlt, verloren geht, sich nie erden kann? Nie die Fähigkeit entwickelt selbst stabil Beziehungen einzugehen? Dem Vater fremd bleibt?

In diesem Roman treffen wir auf eine Autorin, die mehr Fragen in uns hinterläßt, als sie uns Antworten gibt. Auf das Vortrefflichste spielt sie mit unseren Gedanken und Empfindungen, Ihre Figuren behält sie dabei fest im Blick:

Stadt aus Rauch (Svealena Kutschke)

Und seit Jahr und Tag wartet der Wind vor der Marienkirche auf den Teufel der nie erscheint. Er muß die Sünder in die Hölle bringen“. (Mündliche Überlieferung).

Wer zwischen den Toten aufwächst, hat es zwischen den Lebenden schwer. Jessy, die Tochter eines Leichenbestatters und einer Säuglingsschwester, war anders. Die Klassenkameraden in ihrer Grundschule sparten nicht mit Spott und mieden sie. Freunde brauchte sie nicht, aber einen auf den sie sich verlassen konnte, den brauchte es und den hatte sie in Bjarne, bis sie zwölf war. Bis zu diesem einen Morgen, an dem sie ihn zur Schule abholen wollte. Auf Zehenspitzen spähte sie durch Bjarnes Fenster in eine leere Wohnung. An diesem Tag ging auch Jessy nicht zur Schule und sie hörte, mit einhundertzweiundsechzig Zentimetern, mit dem Wachsen auf. Als Teenager wurde sie in den 1970ziger Jahren groß, mit Clint Eastwood, den ihr Vater so sehr liebte und mit ihrem Spitznamen, Jessy James. Stets waren ihre Jeans zerschlissen, und sie ungeschminkt um diese merkwürdig blauen Augen. Mit diesen Augen, mit denen schon ihre Großmutter in die Welt und in andere hinein geschaut hatte, trotzte sie dem Leben ihren Anteil ab …

Der Winter 1863/64 in Lübeck an der Trave. Jessys Urgroßvater Johann war ein stattlicher Offizier, nur leider ohne Krieg und noch immer ohne eine Frau. Die Österreicher waren gegen die Dänen gezogen und der Soldat aus dem Montafon, der ihm jetzt im Gasthaus gegenüber saß, war durch diesen Krieg zu Ruhm und Ehre gelangt. Hier an diesem Abend fand Johann einen Freund, er reiste nach Österreich, verliebte sich unsterblich in die Frau seines besten Freundes. Alles ging gut, bis 1866 die Preußen den Österreichern den Krieg erklärten und er mit seinem Regiment gegen seinen Freund ziehen sollte. Zum Glück?! wa Johann mit seinen Soldaten zu spät gekommen. Die entscheidende Schlacht war geschlagen und seinen Freund Gottfried hatte eine preußische Kugel in den Kopf getroffen. Die Kugel blieb drin und er am Leben, aber Gottfried konnte fortan weder sprechen, noch denken, noch sich bewegen und seine schöne Frau war doch jetzt quasi irgendwie allein …

1915, Hansestadt Lübeck.

Ein Raum, zwei Tote, das Mädchen und der Teufel.

Gift. Fräulein Hedwig und Fräulein Lisbeth hatten sich mit ihren besten Kleidern zum Sterben hingelegt. Lucie stand am Fußende des Bettes und betrachtete die beiden Frauen schweigend, die sie schützend aufgenommen hatten, als ihr Vater, der Maler, in den Krieg hatte ziehen müssen. Jetzt war er zurück, aus dem Lazaret, aus der Welt, in die man (Textzitat) „nur um den Preis eines Körperteils eintreten durfte“.

Lucie weinte nicht, sie ging die Sache praktisch an, wusch Hedwig und Lisbeth, richtete sie wieder her. Der Teufel war beeindruckt. Das Mädchen hatte ihn bislang noch nie enttäuscht und er erwartete noch so einiges von ihr. Seit Lucies Geburt war der Teufel im Stande durch ihre Augen die Welt zu sehen. Einen Brief hielt sie jetzt in den Händen, im Bett der Frauen hatte sie ihn entdeckt und sie las konzentriert. Es war ein Abschiedsbrief von Hedwig und Lisbeth, der ihr und dem Vater, die sie so arm wie die Kirchenmäuse waren, ein ansehnliches Erbe zusprach …

Svealena Kutschke, geboren 1977 in Lübeck, lebt heute in Berlin. Ihren Roman „Stadt aus Rauch“ läßt sie überwiegend in ihrer Geburtstadt spielen. Dieser Roman ist ihr dritter. Wild und wunderbar, ein literarisches Wagnis – das steht im Klappentext zu lesen und machte mich neugierig.

Von Sagengestalten und Mythen ist diese außergewöhnliche Geschichte ebenso bevölkert wie von Menschen aus Fleisch und Blut. Unwirkliche Gestalten, die aber nicht als Randfiguren agieren, sondern gegenwärtig sind. So ist zum Beispiel der Teufel in Person häufig beteiligt, schaut nicht nur den Menschen über die Schulter. Dennoch bringt er nicht das Böse, sondern das Besondere in die Welt, wird wie eine Metapher dafür eingesetzt und damit sehr wirkungsvoll zu einem genialen Kunstgriff.

Ein Generationenroman, der sich wie eine Zeitreise auf den Spuren der Ahnen unserer Protagonisten anfühlt. In geschickt verwobenen Rückblenden, die etwas Konzentration erfordern, führt uns Kutschke wie ein Hypnotiseur weit zurück in der Zeit. Springt mit uns hin und her. Die Zerrissenheit ihrer Figuren, ihrer Jessy, ihrer Lucie, ihrer Freya, hinterlassen in mir ein wundes Herz.

Hier, wo die eigenen Spiegelbilder die Augen schließen. Man bei einem Maler verlorene Träume kaufen kann, Kinder kennenlernt, die unter dem eisblauen Blick des Teufels geboren werden und seine Augen ins Leben tragen.

Soldaten ohne Krieg, Pfarrer, Bestatter und Krankenschwestern, versteinerte Kriegsveteranen, Burgherren und rebellische Töchter geben sich ein Stelldichein. Wir ziehen aber auch mit Punks durch die Stadt, schlafen anschließend im Bauwagen unseren Rausch aus. Erleben das bohemianische Berlin ebenso wie Lübeck in der Zeit Thomas Manns mit seinen Buddenbrocks.

Wir lieben und hassen, verzweifeln und verzagen in den Wirren des zweiten Weltkrieges mit seinen Massengräbern, Vernichtungslagern und ausgeweideten Gebäuden. Wir erleben Antisemiten, gewaltätig in ihrem Element, schämen uns fremd. Kutschke kommentiert und bewertet nicht, sie läßt uns diese Zeiten mit ihren Figuren von innen heraus erleben, spürt ihnen und ihren Motiven nach. Nicht selten habe ich mir dabei die Frage gestellt, ob ich angesichts solcher Taten nicht selbst auch weggesehen hätte, ob ich denn mutiger gewesen wäre …

Von großen und kleinen Dramen, bei Beerdigungen und Festen in der Familie, von politischen Wirren erzählt sie. Diese Frau schreibt da legt man die Ohren an!

Als hätte ich des Morgens oder am Abend auf dem Heimweg in der Dunkelheit ein Märchenbuch aufgeschlagen, hat mich diese Geschichte mit Haut und Haaren verschluckt. Fremd und doch vertraut, faszinierend und wohltuend anders. Wie aus einem Traum bin ich blinzelnd aufgewacht, wenn ich das Ziel am Beginn meines Arbeitstages oder die Garage zu Hause an seinem Ende erreicht hatte. Die Fahrtzeit war mir im Nu verflogen.

Sanft und doch kraftvoll, mal märchenhaft, mal brutal, lebenstrunken und mystisch, mit fein ausbalancierten Sätzen, die nie angestrengt wirken. Ein Roman der sich nicht festlegt, sich nicht in die Ecke stellen läßt – welchem Genre er nun angehört ist nicht wichtig.

Sein Erzählstil, der jederzeit der Situation angepaßt ist, mal jugendlich forsch, mal poetisch antiquiert. Seine kunstvoll verschachtelte Handlung, hat mich oft an einen meiner Lieblings-Romane „Die Gestirne“ von Eleanor Catton errinnert, und doch ist er ein Roman mit absolutem Alleinstellungsmerkmal.

Für solche Geschichten lasse ich alles stehen und liegen! Wild und wunderbar, fürwahr!

HörbuchFassung, gelesen von Sascha Icks, geboren 1967 in Düsseldorf. Theaterschauspielerin und mehrfach platziert auf der hr2 Hörbuch-Bestenliste als Sprecherin, lieferte mir im noch jungen 2018 gleich ein „Hörlight“. So kann es gerne weitergehen!

Punktgenau intoniert, äußerst sympatisch und charmant, mal schmeichelnd, mal drohend, verzeifelt und trauernd, dabei stets authentisch liest sie, wirft ihr ganzes Herz in den Text.

Ob Zungenbrecher oder nordisches „Plattdütsch“ – sie meistert jede Klippe. Sehr gerne wieder, liebe Frau Icks!

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Die geheimen Schwestern (Anne Fortier)

Freitag, 19.01.2018

Was für eine grausige Idee! Die rechte Brust amputiert oder ausgebrannt, damit der Bogen besser zu handhaben war – so kann man es über die Amazonen nachlesen. Maza = Brust, heißt es im altgriechischen und so stecken damit fraglos diese beiden Silben drin, im Namen der kriegerischsten Frauenstamms der Geschichte. Die ersten echten Emanzen, furchtlos, grausam und in ihrer Gesellschaftsform sogar ganz ohne Männer auskommend, männergleich kämpfend. Aber hat es sie auch wirklich gegeben, oder sind sie nur der Dichtkunst der alten Griechen entsprungen? Konnte es verbriefte, körperliche Hinweise auf ihre Existenz geben? Als Fan von Archäologie-Geschichten war das genau mein Stichwort im Klappentext  …

Die geheimen Schwestern (Anne Fortier)

„Wie soll ich, ach, mein König und Herr, wie weinen um dich? In der Liebe zu dir wie sprechen? Da liegst du verstrickt in der Spinne Geweb, tot da, gottlos du erschlagen! Ach weh! Weh! So unwürdige Ruhe dir! Von der doppelscharfen Axt, du mit der Hand wie ein Knecht erschlagen!“ (Quelle dieses Zitats: Aischylos, Agamemnon).

An diesem Tag im Oktober, an dem alles begann, stürmte Diana Morgan aufgebracht aus dem Hörsaal. Warum wurde eigentlich immer nur ihr die Redezeit beschnitten? Ihre Mentorin ging ihr gehörig auf die Nerven und sie hatte nicht übel Lust im Schnupperkurs des Fechtclubs gleich ein paar imaginäre Feinde nieder zu stechen. Auf dem Campus rannte sie fast hinein in den Fremden, der sich ihr entschuldigend als John Ludwig vorstellte und unumwunden eine Offerte machte. Sie glaubte sich verhört zu haben, als er eine Entdeckung andeutete, die eine Neuschreibung der Geschichte zur Folge haben würde und ihr ein Flugticket erster Klasse für den kommenden Tag in die Hand drückte. Was war das denn bitte für ein Spinner, an diesem Tag wäre sie wohl wirklich besser im Bett geblieben …

Lautlos waren die Schiffe durch den Nebel und über den Sand an Land geglitten. Kein Umgebungsgeräusch hatte den nächtlichen Angriff verraten, nichts hatte die Frauen im Tempel gewarnt. Keiner der Hunde hatte angeschlagen. Die Männer hasteten verborgen in den Schatten an Land. Hier wartete fette Beute und die Frauen? Na ja, die Besten würde man ja aussortieren können. Mit der hier, sie hatten ihre knabenhafte, schlanke Gestalt verlacht war wohl eher nichts anzufangen. Sie hatten sie in den Dreck gestoßen. Myriana hatte versucht in einem unbeobachteten Moment davon zukriechen. Sie war nicht weit gekommen, als sie einen heftigen Schmerz im Rücken gespürt und aus den Augenwinkeln gesehen hatte, wie der Mann einen Speer aus ihr herauszog …

Anne Fortier geboren in Dänemark, lehrte laut Klappentext in Amerika an verschiedenen Universitäten Philosophie und Europäische Geschichte und fühlt sich heute auf beiden Seiten des Atlantiks wohl und zu Hause. Durch ihren Roman „Julia“ bin ich vor Jahren auf sie aufmerksam geworden. Für „Julia“ hat sie Shakespeares Tragödie als Steilvorlage genutzt und die Geschichte des wohl berühmtesten Liebespaares gekonnt in einen neuen Kontext gerückt. Kurzweilig und unterhaltsam hatte ich diesen Roman in Erinnerung, auf der Spiegelbesten-Liste hatte dieser sich wochenlang eingenistet.

Für „Die geheimen Schwestern“ diente ihr hier Homers „Ilias“ als Vorlage und der Mythos der Amazonen. Auf zwei Zeitebenen erzählt uns Fortier dieses archäologische Abenteuer:

Zum Einen –  in der Gegenwart, mit der jungen Oxford-Dozentin für antike Geschichte Diana Morgan, die von Kindesbeinen an vom Mythos der Amazonen fasziniert ist. In Oxford nimmt man sie mit ihrem „Amazonen-Tick“ nicht ernst, bis zu dem Tag, an dem ihr ein Fremder das Foto einer antiken Inschrift in die Hände spielt und sie für die Arbeit im Rahmen einer Stiftung anwirbt, die ihr nach neun Jahren Forschungsarbeit auf diesem Gebiet, für ein ansehnliches Monatsgehalt die Gelegenheit bietet die tatsächliche Existenz der Amazonen zu beweisen. Das ist der Köder für Diana und sie schluckt ihn – gemeinsam mit Nick Barran dem Ausgrabungsleiter steigt sie buchstäblich ab in die Tiefe auf der Suche nach dem legendären Schatz, den die Amazonen beim Fall von Troja hatten retten können … 

Zum Anderen – in der Vergangenheit, mit der ersten Amazonen Königin Myriana und dem Schicksal ihres Gefolges, das untrennbar verwoben ist mit dem Trojanischen Krieg. Angereichert mit griechischer Mythologie und wunderbaren historischen Zitaten an den Kapitelanfängen.

Wie es sich für jede anständige Schatzsuche gehört, sucht man nicht allein – auch unsere Heldin im gegenwärtigen Handlungsstrang des Romans ruft zahlreiche Häscher auf den Plan und die Spurensuche wird so rasch zu einem Wettlauf durch halb Europa, der nichts Gutes verheißt …

Auch der historische Teil der Geschichte spitzt sich zusehens zu und mündet in der Schlacht um Troja. Liebe und Leidenschaft inklusive, dies sehr kitschfrei verpackt.

Süffig entführt dieser Roman in eine Epoche von der man  allzuoft liest, es sei denn man hat ein Faible für die griechischen Mythen und ist hier schon beschlagen. Für mich als geschichtliche „Normalo“-Leserin eine sehr willkommene, sehr unterhaltsame Abwechslung. In den Achtzigern habe ich im Stapel die Ägypten-Romane von Pauline Gedge verschlungen, an diese fühlte ich mich hier wohlig erinnert und zurück versetzt in die Anfänge meiner Lesebesessenheit. Ausgrabung eines Bücherschatzes gelungen ;-).

Everland (Rebecca Hunt)

Sonntag, 14.01.2018

Kleine Eisbröckchen hüpfen auf unserem Dachfenster auf und ab. Ich sitze im warmen Zimmer und schaue ihnen zu, wie sie am Glas herab rutschen, sich in den Spalten der Dachziegel verlieren. Meine Gedanken wandern zurück an einen Tag im Juli des vergangenen Jahres. An dem ich, dick verpackt mit Mütze, Schal und Stiefeln an einem Bootsanleger in Spitzbergen stand, wo kleine Eisgraupel auf meiner Kapuze Purzelbäume schlugen, während ich auf ein Fährschiff wartete. 

Der Permafrostboden unter meinen Füßen hatte sich seltsam federnd angefühlt, der Wind suchte bohrend nach Spalten in meiner Kleidung und verpaßte mir eine rote Nase. Froh war ich für eine Weile in der gut geheizten Passagierkabine des Katamarans unterzukommen um mich noch einmal aufzuwärmen, bevor wir den großen Gletscher erreichen würden, auf den ich schon so gespannt war. Als wir dort dann, quer zur Strömung kreuzten und die vielen Blautöne der Bruchkanten mit ehrfürchtigem Staunen betrachteten, war der eisige Wind sofort zurück, um uns verweichlichten Mitteleuropäern zu zeigen, was das Wort Kälte wirklich bedeutet. Hier – rund 1.300 km vom Nordpol entfernt.

Meine Finger, die zitternd mein Handy festhielten um möglichst viele Bilder einzufangen, waren in Null-Komma-Nix klamm und krebsrot. Später, schützend in meine Handschuhe gesteckt, würden sie pochend wieder auftauen und eine ganze Weile noch schmerzen. Kaum vorstellbar, wie es sich anfühlen muss, wenn ein Körperteil tatsächlich tiefgefroren ist und dann wieder auftaut …

Everland (Rebecca Hunt)

1913, Antarktis.

Vier Stunden sollte die Überfahrt für die kleine Mannschaft in dem von der Kismet ausgesetzten Beiboot dauern. Vier Stunden, bis Everland. Vier Stunden, aus denen im eisigen Sturm sechs lange Tage wurden. Sechs Tage, nach denen die drei Männer völlig entkräftet dann doch noch auf Everland anlandeten.

Textauszug, S. 87: „Lawrence erlebte das Desaster von Everland wie einen glühenden Schmerz im Magen. Es brannte den ganzen Tag Löcher in sein Inneres, die es ihm unmöglich machten, sich zu konzentrieren, und nachts zog es Schwärme von fleischfressenden Gedanken an, die ihm den Schlaf raubten. So lag Lawrence nun mit offenen Augen bis zum Morgengrauen in der Dunkelheit. Er versuchte, einen Weg aus dem Labyrinth voller Ungeheuer zu finden, die die Namen Verpflichtung und Niederlage, Unfähigkeit und Scheitern trugen.“

2012, Antarktis.

Die glitzernde Schönheit dieser einsamen Welt – wie schnell sie die Gefahren, die hier lauerten vergessen machen konnte. Die Kälte war dabei ein weit größerer Feind, als jedes nur denkbare Raubtier, den Menschen eingeschlossen … 

Textauszug S. 347: „Was er als Druckkopfschmerz diagnostiziert hatte, manifestierte sich als wogende weiße Masse, die den Horizont verschleierte. Mit langsamen, mechanischen Bewegungen, starr vor Schreck, ließ er den Rucksack zu Boden gleiten und sah zu, wie der Sturm so rasend schnell auf Everland vorrückte, dass man ihm dabei zusehen konnte.“

Sie war wie in Zeitlupe gerutscht, ihr verletzter Fuß war unter ihr eingeknickt und sie fiel, landete in einer eiskalten, schlammigen Pfütze, auf allen Vieren. Alles schien er plötzlich zu beherrschen, dieser Schmerz – von fern hörte sie ein Rufen, ihren Namen. Sie war ausser sich und ausser Stande zu antworten, kein Ton wollte aus ihrem trocknen Hals kommen …

Textauszug S. 354: „Alles hatte sich in eine Serie von Zahlen aufgelöst. Er war vierundfünzig. Der Temperaturunterschied zwischen einem gesunden und einem kaum noch funktionstüchtigen Körper betrug sieben Grad. Die Quads waren ungefähr vierhundert Meter entfernt. Er hatte ein Leben. Es blieben ihm noch fünfzehn oder sechzehn Minuten.“

Rebecca Hunt wurde 1979 in Coventry geboren. Sie ist Malerin und lebt in London. Everland ist ihr zweiter Roman, im englischen Original 2014 erschienen. In ihrem ersten Roman Mr. Chartwell setzte sie sich intensiv mit dem Thema Depression auseinander und ließ Winston Churchill eine zentrale Rolle einnehmen.

In Everland schickt Hunt uns als Leser gleich zweimal auf Expedition auf eine antarktische Insel. Einmal 1913 und dann einhundert Jahre danach, ein zweites Mal, diesmal mit modernster Ausrüstung.

Angesichts der hier geschilderten Unwirtlichkeit der antarktischen Landschaft, wird man gewahr wie winzig sich der einzelne Mensch doch ausnimmt. Gleich in welchem Jahrhundert man hier unterwegs ist, Leichtsinn und falsch verstandener Ehrgeiz können hier immer noch rasch und unabwendbar zum Tod führen. 

Wie weit geht der Einzelne um sein eigenes Leben zu retten? Dort wo es in Schneestürmen Eisplitter regnet, die sich in die Haut ritzen und einen erblinden lassen. Dort wo Wunden angesichts der Minusgrade nicht heilen, sondern bestenfalls konserviert werden. Dort wo eine einmal ausgebrochene Infektion meist nicht mehr aufzuhalten ist. Wenn einem der eigene Verstand nicht mehr gehorcht, Halluzinationen und Hunger das Denken beherrschen.

Beinahe feindselig, ja bösartig kommen die Naturgewalten uns hier vor, – 60 Grad Celsius und Windstärken bis 11 Beaufort, im Winter bei absoluter Dunkelheit, mag ich mir gar nicht vorstellen. Was war der Treibstoff, der die Abenteuerer dies auf sich nehmen ließ? Entdeckergeist, oder der pure Ehrgeiz sich in einer solchen Umgebung behaupten zu können? 

Das legendäre Wettrennen von Scott und Amundsen 1910/12 zum Südpol, aufsehenerregend damals wie heute. 

Mein Fazit fällt trotz der vorgenannten Pluspunkte durchwachsen aus. Hunt konnte mit ihrem Roman, meine vielleicht zu hohen Erwartungen an ihre Geschichte, nicht erfüllen. Erst im letzten Drittel läßt sie für mich die Antarktis wirklich zum Hauptdarsteller werden, hier hatte ich mir mehr erhofft. Bis dorthin plätschert mir die Handlung etwas zu sehr dahin. Die Dramaturgie und die von ihr gewählte Erzählweise auf zwei Zeitebenen, die sie stets hintereinander abwickelt, ist mir etwas zu vorhersehbar geraten. Zuviele Paralellen gibt es im Handlungsverlauf von damals und heute. Versöhnt verlasse ich den Roman trotzdem, sind ihr doch die Figuren nahbar und griffig gelungen. Bildhaft läßt sie sowohl deren innere Kämpfe als auch die äußeren Rahmenbedingungen Gestalt annehmen.

Reise zwischen Nacht und Morgen (Rafik Schami)

Donnerstag, 11.01.2018

Was für ein Zirkus!

Kennt Ihr das? Eine Ballustrade mit einem Zirkusbanner mitten im Industriegebiet, schon habe ich den Kopf voller Bilder. Was wäre wenn? Wenn man einfach aufbrechen könnte? Jetzt gleich, durchbrennen mit dem Zirkus.

Vielleicht Arabien? In ein Märchen aus Tausend und einer Nacht. Wenn man doch nur nicht so feige wäre … Arabisch kann man nicht und tief im Osten herrschen Tod, Terror, Krieg und Verderben. Sich die Welt malen wie man sie aus Erzählungen kennt. Einmal nur ausblenden dürfen, was nicht sein soll, sein darf … 

Vielleicht bin ich genau deshalb an dieser Geschichte hängengeblieben, die bereits 2008 als Hörbuch erschien. Zum Glück! So konnte ich Bedenkenträger, bequem zu Hause vom Sofa aus, Valentin den Zirkusdirektor und Pia die Postbotin kennenlernen und den abgebranten Zirkus Samani wieder spielen sehen. Aber immer der Reihe nach …

Reise zwischen Nacht und Morgen (Rafik Schami)

Alles fing mit einem Brief an, einem Brief von Nabil, seinem Freund aus Kindertagen. Valentin Samani, mittlerweile in den Sechzigern und pleite, traute seinen Augen nicht, als er das las. Nabil war krank, todkrank und er bot ihm Geld, viel Geld, wenn er ihn und seinen Zirkus doch nur noch einmal würde spielen sehen können, bei ihm zu Hause, in Arabien.

Valentin zögerte nur kurz, dann rief er seinen alten Freund an. Denn die Zeit drängte, das war ihm bald klar, denn die Lebenskörner rieselten schnell durch Nabils Sanduhr. Soviel gab es noch zu tun, bevor er aufbrechen konnte, eine logistische Meisterleistung war da nötig. Unerwartete Hilfe erhielt er indes von Pia, seiner neuen Postbotin. Sie um einiges jünger als unser Valentin, steckte voller Tagendrang und machte ihm Mut. Sie sah hinter seiner abgewetzten Kleidung noch den Glanz früherer Tage und den Wagemut eines Mannes, der immer unterwegs, eine ganz besondere Gabe hatte – denen die beladen waren, Freude zu bringen. 

Nabil erwartete indes seinen alten Freund voller Ungeduld, er wußte ja nicht, das von Valentins einst so umjubeltem Zirkus nur noch ein paar unbezahlte Artisten und entkräftete Tiere übrig geblieben waren. Endlich war es soweit, von Mainz bis Triest in Lastwagen, dann nach Ulania mit einem alten Frachtschiff – das Abenteuer konnte beginnen …

Rafik Schami, geboren 1946 in Damaskus. In Deutschland lebt er seit 1971, mittlerweile in München, wurde mehrfach preisausgezeichntet, unter anderem mit dem Hermann-Hesse-Preis. Er hat in Deutschland studiert und promoviert, aber nicht Literatur sondern Chemie, und er zählt mittlerweile zu den meistverkauften deutschsprachigen Autoren. Seine „Formel“ für eine erfolgreiche Geschichte: ein märchenhafter Erzählton, herrlich entspannt und kurzweilig. Ihm könnte Aladin die Wunderlampe gehalten haben. So üppig, leicht blumig und mit dem Blick auf das Positive geht er diesen Stoff an. Läßt er eine Figuren alle Hürden nehmen, ihr Schicksal meistern. Uns läßt er Zirkusluft schnuppern und dabei sein, wenn zwei alte Freunde sich wieder finden. Er läßt uns erleben, dass wahre Liebe kein Alter kennt und so oft viel mehr möglich ist als es scheint. Durch jede Satzritze strahlt hier die Hoffnung. Das ich Schami nach einer Empfehlung erst so spät für mich entdeckt habe, ist kaum zu glauben – das Gute daran, so habe viele schöne Geschichten von ihm noch vor mir …

In der Hörbuch-Fassung, liest Schami selbst den Prolog und übergibt dann das Staffelholz an Markus Hoffmann. Dieser übernimmt souverän und führt ohne Stolperer und anmutig durch diese Geschichte. Hoffmann hat für zwei seiner Lesungen goldene Schallplatten bekommen, ist nicht nur Hörbuch- sondern auch Rundfunksprecher und paßt wunderbar zu Schamis Ton. Eine runde Sache! 

Das Spiel des Engels (Carlos Ruiz Zafon)

Sonntag, 31.12.2017

Mein Tag begann mit einem Himmel so blau, das musste die Farbe des Glücks sein … 

Auf meinem Arbeitsweg verfinsterte sich der Horizont dann aber in Windes Eile mit regenschwangeren Gewitterwolken. In der Ferne zerschnitten Blitze die Wolkenberge. Dann, von einer Windböe erfaßt, fuhr ich plötzlich wie in eine Wasserwand und es fiel mir schwer meinen Wagen noch in der Spur zu halten. Die anderen Autos, die mit mir auf der Straße waren, konnte ich kaum noch sehen. Angstvoll zog ich bei jedem Donnergrollen den Kopf ein. Gewitter sind wirklich nicht meine Sachen. Endlich eine Ampel und ich konnte mal anhalten. Das Quietschen von Reifen hinter mir, ließ mich zusammen zucken. Ein Blick in den Rückspiegel werfend, sah ich den Wagen hinter mir, mir ausweichend, in den Graben rutschen …. 

Das war gerade nochmal gut gegangen, niemand verletzt. Mein Schutzengel war heute zum Glück hell wach gewesen, hatte seine Hand über mich gehalten. Nicht von Engeln begleitet, eher von einem gefallenen Engel verleitet, davon erzählt diese Geschichte:

Das Spiel des Engels (Carlos Ruiz Zafon)

Als die Straßenbahn kreischend bremste und zwanzig Zentimeter vor dem Gesicht von David zum Stillstand kam, sank er ohnmächtig zu Boden. Die Diagnose danach war vernichtend. In seiner linken Gehirnhälfte hatten die Ärzte eine Wucherung ausgemacht. Man könne vieles tun, um ihm die Schmerzen zu lindern, ihm Ruhe zu geben, aber heilen, heilen könne man das nicht. Alles was er jetzt noch wissen wollte war, werde ich noch schreiben können? Nein, er würde nicht einmal mehr an das Schreiben denken können, so lautete die kühle Erwiderung seines Arztes …

Diese Nacht in der kleinen, verfallenen Villa am Eingang des Park Guel, war von verstörenden Träumen erfüllt. Der Taxifahrer hatte David erst gar nicht aussteigen lassen wollen. Hier wohne doch ewig schon niemand mehr? David war trotzdem mit klopfendem Herzen eingetreten. Nach einer ruhelosen Nacht, empfangen von einem geheimnisvollen Gastgeber, erwachte David allein. Am Morgen war sein geheimnisvoller Gastgeber spurlos verschwunden, nur sein Angebot, „schreibe mir einen Roman und ich kümmere mich um alles Weitere, auch um deine Gesundheit“, klang in David noch nach. Er fühlte sich gekräftigt und voller Tatendrang. Lange sollte seine Hochstimmung nicht währen. Nach dem Verlassen des Hauses stieß er auf eine Nachricht, die eilig unter den Passanten die Runde machte. Der Verlag, an den er, David, mit einem Knebelvertrag gebunden war, war in dieser Nacht bis auf die Grundmauern nieder gebrannt, die Inhaber tot und/ oder schwer verletzt. Die Todesdrohung, die David den beiden Herren gegenüber vor einer Woche im Streit ausgesprochen hatte, holte ihn jetzt ein. Schneller als die Schritte der drei Polizisten, die ihm jetzt folgten und nein, ein Alibi hatte er für die Tatnacht nicht vorzuweisen …

David war den blutigen Fußspuren im Schnee durch den Park gefolgt, sie führten zum See. Dort mitten auf der Eisfläche sah er sie in ihrem dünnen Nachthemd. Das Eis unter ihren Füße hatte bereits Risse. Er warf sich bäuchlings auf die Eisfläche und kroch zu ihr hin. Noch bevor er sie erreichen konnte, hatte sich ein schwarzes Loch unter ihr aufgetan und der See hatte sie verschluckt. Als die Schollen sich über ihrem Körper geschlossen hatten, war dieser unter dem Eis ein Stück weit auf ihn zu getrieben. Ihre ausgestreckte Hand in seine Richtung haltend, waren ihrem Mund schnell, viel zu schnell, die letzten Luftbläschen entwichen …

Carlos Ruiz Zafon. Fast ein Jahr lang stand „Das Spiel des Engels“ auf der Spiegel-Bestseller-Liste. Übersetzt in 30 Sprachen erreichte es ein Millionenpublikum. Auch hier greift Zafon tief in die Trickkiste seiner Formulierkunst, wie wir sie uns schon beim „Schatten des Windes“ der Vorgänger-Geschichte erlesen durften.

In diesem Roman gibt es Barcelona statt. Wie aus der Zeit gefallen, agiert diese magische Stadt hier nicht nur als Kulisse, sondern auch als Stilmittel. Vor Jahren bin ich einmal selbst dort gewesen, die spektakulären Bauten des Architekten Gaudi, die das Stadtbild mit prägen, nicht zuletzt seine unvollendete „Sagrada Familia“, sein „Knochenhaus“, haben mich tief beeindruckt. Ein Spaziergang durch den Parc Guel und die Ruhepause auf Gaudis „Schlangenbank“, der Bummel über die Ramblas, gehören noch immer zu meinen Lieblings-Reise-Erinnerungen. Jetzt Nachts mit Zafon und seinen Figuren durch diese Stadt zu ziehen ist magisch, spult eine wahre Bilderflut vor meinem inneren Auge ab.

Fantasy- oder Detektivgeschichte, Schauerroman oder historischer Krimi. Zafon läßt uns das selbst entscheiden. Ihn macht aus, dass ein Genre allein ihm nie genug ist. Trugbild, Wahnsinn oder Realität? Zafon umgibt uns mit Hexen, unsterblichen Schriftstellern, lebendigen, gefallenen Engeln. Er spart diesmal selbst an Leichen nicht und auch nicht an qualvollen Todesarten. Dort wo „Der Schatten des Windes“ noch deutlich verträumter und melancholischer ist, packt er uns mit dem „Spiel des Engels“ am Kragen. Läßt uns immer wieder verwickelt in Zweikämpfe, die einem James-Bond-Film alle Ehre machen würden, verfolgt durch das alte Barcelona hetzen und immer nur kurz Atem holen. Schwer verletzt hin oder her, wir müssen die Stadt verlassen, heute noch …

Hundert Menschen stehen mit Kerzen in der Hand vor seinem Laden. Die Totenwache für Ihren Lieblings-Buchhändler mussten sie heute halten. Ohne Frage hätte auch ich mich in diese Schlange eingereiht. Wie gerne wäre auch ich hier Kunde gewesen, hätte mit den blitzgescheiten, buchkundigen Semperes gefachsimpelt, philosophiert, mich an einem guten Text, mich an einer wunderbar gearbeiteten Ausgabe erfreut. Hätte die Magie, die hier zwischen den Büchern wohnte beim Betreten des Ladens, tief einatmend in mich aufgesogen. Wäre eingetaucht in die Wortstürme …
Die blitzgescheite Isabella ist diesmal meine Lieblingsfigur. Etwas vorlaut, voller Leidenschaft, kreativ, gut strukturiert und ordnungsliebend. Sicherlich im Sternzeichen Wassermann geboren. Schlagfertig agiert sie in den Dialogen mit David Martin. Sie weiß stets durch uneigennütziges Handeln zu überraschen.

Im zweiten Teil seiner „Friedhof der vergessenen Bücher-Reihe“ wird bereits offenbar, wie meisterhaft er hier die Schicksale der handelnden Personen über die Zeit mit einander verwebt. So endet Band zwei mit der Geburt der Hauptfigur aus Band eins und doch erzählt er nicht einfach nur diese eine Geschichte. Zum Glück und zu meiner Freude warten noch zwei weitere Bände auf mich. Vielleicht werde ich ja eine liebgewonnene Figur sogar wieder treffen? Geschickt macht er das, er hat mich am Haken, der Herr Zafon …

Der Sprecher dieser HörbuchFassung, Gerd Wameling, hat bei mir ein schweres Erbe angetreten. Den Vorgänger-Roman „Der Schatten des Windes“ hatte mir einer meiner erklärten Lieblinge vorgelesen, Uve Teschner. An ihm musste sich Wameling jetzt messen lassen, die Latte hing hoch. Nach den ersten vorgelesenen Silben hatte ich dann auch schon Heimweh, Heimweh nach der Art, wie sich Teschner in eine Geschichte einzubringen vermag. Wamelig liest vor, gut intoniert, verständlich, gleichmütig, braucht nach meinem Gefühl aber zuviel Zeit um sich den Figuren anzunähern es fehlt ihm bisweilen an Empathie für sie. Dieser exzellenten Geschichte kann er damit zwar nicht schaden, dem Lesen würde ich hier aber diesmal eindeutig den Vorzug geben, zumal dieser Teil der Reihe als Hörbuch leider gekürzt ist.

Der unerhörte Wunsch des Monsieur Dinsky (Jean-Paul Didierlaurent)

Dienstag, 26.12.2017

Die Liebe zu Märchen, sie wird einem als Kind eingepflanzt. So war es bei mir. Oft geschieht dies durch Vorlesen. Oft hat es mit den Großeltern zu tun. Was gibt es auch schöneres, als wenn einem eine Gute-Nacht-Geschichte vorgelesen wird? Wie spannend es ist in einem Bilderbuch später die ersten Geschichten selbst zu entdecken, die ersten Buchstaben zu Wörtern, zu Sätzen zusammenzusetzen. Eine Geschichte für sich zu erobern. 

Heute sitzt zwar niemand mehr auf meiner Bettkante und liest mir etwas vor. Meine Geschichten erlese ich mir schon lange selbst. Lache und weine mit Figuren, die mir bisweilen so bekannt wie meine Nachbarn vorkommen.

Was ist denn dann eigentlich ein modernes Märchen, wenn keine Fabelwesen oder andere mystische Gestalten darin vorkommen? Was kann daran märchenhaft sein, wenn sich diese Geschichten um Menschen aus Fleisch und Blut drehen, die ihr Leben meistern müssen, so wie wir. Denen das Schicksal in die Parade fährt, denen der Tod begegnet. 

Ich würde mal sagen, ein modernes Märchen braucht eine Zutat ganz bestimmt: Ein Happy End! 

Bereits in Didierlaurents erstem Roman, „Die Sehnsucht des Vorlesers“ steckte eine unerhörte Idee. Wie unerhört würde hier wohl der Wunsch des Monsieur Dinsky sein? Also, meine Neugier war geweckt:

Der unerhörte Wunsch des Monsieur Dinsky (Jean-Paul Didierlaurent)

Thatanopraktiker. Das war also aus dem Sohn des hochdekorierten Mediziners geworden. Ein Einbalsamierer, ein Leichenpräparator! Verächtlich hatte sein Vater ihm diese Worte ins Gesicht gespuckt und ihn hinausgeworfen. Sein Studium hatte eraufgegeben?! In seinen Fußstapfen hatte der Vater ihn gesehen, ein anerkannter Mediziner hätte aus ihm werden sollen, nicht DAS! 

Bei seiner Großmutter fand er Asyl. Sie stellte keine Fragen, konnte nachvollziehen was den knapp zwanzigjährigen antrieb. Sie wusste, sein Vater lag falsch, denn wenn ihrem Enkel eines wichtig war, dann die Würde eines Menschen und diese wollte er bewahren, auch im Tod. Selbst jetzt, nachdem seine Mutter gestorben war, waren Vater und Sohn immer noch ausser Stande ein Wort miteinander zu wechseln, schien es für Ambroise keinen Weg zurück in sein altes Zuhause zu geben  …

Textzitat S. 56: „Am Tag der Beerdigung hatten sich Vater und Sohn am Rand des Grabes gegenübergestanden, aufrecht, aber ganz betäubt, und den Graben zwischen ihnen betrachtet, der viel mehr als die sterblichen Überreste einer Mutter oder Ehefrau enthielt.“

Manelle leerte Nachttöpfe aus, putzte, bügelte, kaufte ein, hörte zu, spielte Scrabble mit ihren Leutchen. Ihr Job in der Seniorenhilfe, den ihre Chefin so sehr auf Effizenz getrimmt hatte, das Manelle ganze 47 Minuten je Besuch blieben, machte ihr trotzdem Freude. Trotz aller Unbill, auch wenn es da einen Monsieur Mauvignier gab, der sie drangsalierte, der täglich einen Fünzig-Euro-Schein an einer anderen Stelle versteckte, der sie so gerne des Diebstahls überführt hätte. Denn zum Ausgleich gab es ihn, Monsieur Dinsky. Der 82jährige brachte die Sonne in ihren Tag. War für sie mittlerweile mehr wie ein Verwandter, denn wie ein Kunde …

Textzitat S. 1:“Sie denken daran, meinen Topf ordentlich zu leeren, Mademoiselle.“ Womit er ihr unterschwellig unterstellte, dass sie seinen Topf normalerweise nicht ordentlich leerte. Dabei dachte Manelle an nichts anderes, wenn sie hierher kam, nur an diesen mit blasslia Blumen verzierten Emailtopf, den sie jeden Morgen vom Schlafzimmer zur Toilette bringen musste, um den Inhalt – das Ergebnis einer Nacht mit prostatischen Störungen – in die Kloschüssel zu kippen.“

Jean-Paul Didierlaurent, geboren 1962 in Bresse, arbeitet bei einem Telekommunikationsunternehmen – so kann man es im Klappentext nachlesen. Vielleicht haben seine Geschichten deshalb immer auch mit der Kommunikation zu tun. Von seinem begeisternden Debüt „Die Sehnsucht des Vorlesers“, in das auch ich mich aus dem Stand verliebt hatte, habe ich Euch auf meinem Blog schon erzählt. Die Wärme, die Unverstelltheit seiner Figuren, die leichte Feder mit der Didierlaurent schreibt, wirkt auch in seinem neuen Roman. Sein Monsieur Dinsky ist ein lebenskluger Schlingel. Seine Manelle schlagfertig, Ambroise sensibel und Großmutter Beth backt einfach die besten Kuchen …

Diese Geschichte hatte sich vierzehn Tage vor Weihnachten, als ich seinen Debütroman kaufte um ihn zu verschenken, im Laden an meine Fersen geheftet. Ganz automatisch war er in meinem Einkaufsbeutel und wie von selbst ganz oben auf meinem SuB gelandet. Als habe er sagen wollen – lies MICH vor Weihnachten. Recht so! Leicht märchenhaft mutet er tatsächlich an, nein keine Angst, da schweben keine Engel rum, oder es wird sonst wie esoterisch. Sein Roman wärmt einfach, ist herrlich optimistisch, vielleicht ein klein wenig kitschig – okay. Aber – das tut jetzt gerade einfach mal nur gut …

Dabei ist das Thema mit dem er einsteigt, alles andere als feengleich. Die Kunst des Einbalsamierens hatte ich für mich ins alte Ägypten verschoben, dass es hier in unserem Nachbarland Frankreich ein Traditionsberuf ist, war mir so gar nicht bewußt. Die Beweggründe Didierlaurents, wie er sie in seiner Danksagung schildert, diesen Beruf einmal aus dem Verborgenen zu lösen, kann ich dagegen sehr gut nachvollziehen. Das ihm dies so überzeugend gelingt, liegt sicher daran, dass er einen Freund hat, der diesen Beruf ausübt und den er dabei begleiten durfte. Das was unser Autor dabei erlebte und empfand gibt er sehr berührend an uns, seine Leser weiter. Er bezeugt diesem Berufsstand einen großen Respekt dem Tod und den Toten gegenüber.

Auch wenn dieser Roman sich für mich nicht ganz mit der „Sehnsucht des Vorlesers“ messen kann, hat er mich bestens unterhalten. Ja, und auch mit einer Träne im Knopfloch die letzte Seite umblättern lassen …

Der Schatten des Windes (Carlos Ruiz-Zafon)

Freitag, 22.12.2017

Textzitat: „Es gibt Dinge, die man nur im Dunkeln sieht“.

Mittlerweile glaube ich, es gibt sie wirklich, diese Geschichten die verborgen in den Regalen einer Buchhandlung, in einer Kiste auf dem Dachboden, an einem Flohmarktstand, oder in einem Antiquariat auf mich warten, auf mich und auf den richtigen Moment. Wie sonst kann es sein, dass alle anderen sie schon gelesen, ihre Begeisterung kundgetan haben, ohne das ich selbst sie wirklich wahrgenommen habe? Urplötzlich kommen sie dann aus dem Schatten, überziehen einen nach den ersten Sätzen mit einer Ganz-Körper-Gänsehaut. Nein, sie gehören nicht zu den Neuerscheinungen, drängeln sich nicht schon im Eingangsbereich großer Länden mit anderen frisch gedruckten Exemplaren um die besten Plätze. 

Diesen Schatz hier aber habe ich in meinem eigenen Bücherregal gehoben. Beim Aufräumen entdeckt, ganz nach hinten unten war er durchgerutscht, außer Sicht, weg gedrängt von immer neuem Hör-und Lesestoff. Vergessen im eigenen Friedhof der ungelesenen, der ungehörten Geschichten  …

Der Schatten des Windes (Carlos Ruiz-Zafon)

Barcelona, 1945. Daniel war jetzt elf und heute wollte sein Vater ihn in ein großes Geheimnis einweihen. Niemandem dürfe er davon erzählen, schärfte der Vater ihm ein. Niemandem außer seiner toten Mutter vielleicht. Mit ihr besprachen sie nach wie vor einfach alles. Daniel war gerade vier gewesen, als er seine Mutter Isabella an die Cholera verloren hatte. Dieser Verlust lastete noch immer schwer auf ihm und dem Vater. Tapfer hielten sie sich, mit den teils mageren Einkünften aus dem kleinen Antiquariat des Vaters, in Barcelona über Wasser … 

Der Friedhof der vergessenen Bücher, verbarg sich in einem alten Gebäude, der Türklopfer schien teuflich zu zwinkern, als sein Vater ihn betätigte. Mit klopfendem Herzen und offenem Mund fand sich Daniel nach dem Übertreten der Türschwelle in einem wahren Labyrinth von Büchern wieder. Jedes Buch hier war einmal jemandes bester Freund gewesen und jeder, Leser oder Leserin hatte zwischen den Seiten unsichtbare Freunde gefunden. Das erklärte ihm sein Vater leise flüsternd. Der, der den Friedhof der vergessenen Bücher zum ersten Mal betrat, dürfe sich ein Buch aussuchen, es aus der Vergessenheit befreien. Daniel sei jetzt alt genug, meinte der Vater, auch ein Buch zu adoptieren. Daniel verschwand zwischen den turmhohen Regalen, vom Vater schon früh mit Buchstaben gefüttert und buchbegeistert wie er war, begann er durch diesen Irrgarten aus Seiten und Buchrücken zu stöbern …

In nur einer Nacht hatte Daniel den Schatten des Windes“ von Julian Carrax verschlungen und die Geschichte ließ ihn fortan nicht mehr los, fast zur Besessenheit wurde sie ihm. Er hütete sie wie einen Schatz, unbedingt wollte er mehr über diesen Autor erfahren …

Wer war dieser Mann, der aus dem Dunkel trat, sein Gesicht in den Schatten verborgen hielt und ihn unverwandt anzuschauen schien? Daniel erschrak. Lässig eine Zigarette rauchend forderte dieser geisterhafte Schatten drohend, ohne weitere Vorankündigung, die Herausgabe des kostbarsten was Daniel besaß – den „Schatten des Windes„. Jeden Preis wollte dieser unheimliche Fremde zahlen und dieser Mann schien alles von ihm zu wissen, auch das er unsterblich in die ätherisch schöne Clara verliebt war. Daniel hatte noch nie solche Angst gehabt, er gab sich großspurig, aber innerlich zitterte er. Die aufleuchtende Glut der Zigarette des Mannes, warf ein schwaches Licht auf dessen Gesicht, oder besser auf kein Gesicht. Denn es war grausam entstellt und nahezu komplett von schrecklichen Brandnarben übersäht. 

Wie von Furien gehetzt floh Daniel, Schutz suchend vor einem herannahenden Gewitter durch das nächtliche Barcelona zu Claras Wohnung. Ihr hatte er den „Schatten des Windes“ geschenkt, und er wurde das Gefühl nicht los, das er sie damit in Gefahr gebracht hatte. Hatte sie ihm nicht auch erzählt, das ein Fremder sie in ihrem Stamm-Cafe angesprochen und sich von ihr, der blinden jungen Frau, das Gesicht hatte betasten lassen um sich bekannt zu machen? Hatte sie ihm nicht geschildert wie verstörend sich dieses Gesicht angefühlt hatte? …

Carlos RuizZafon wurde 1964 in Barcelona geboren. „Der Fürst des Nebels“ war sein erster Roman, für den er 1996 einen Jugendliteraturpreis erhielt. „Der Schatten des Windes“ trug ihn 2003 bis an die Spitze der Bestseller-Listen.

Schicksalhafte Begegnungen, detektivischer Ehrgeiz, wahrhaftige Liebe in Barcelona, Traumstadt am Meer. Kann sich ein Schicksal, kann sich eine Lebensgeschichte wiederholen, obwohl sich die beiden Leben nicht einmal berührt haben?

Eine Diktatur im Herzen von Europa. Willkür, Armut und Elend, Inhaftierungen und Folter waren im Spanien der neunzehnhundertfünfziger Jahre an der Tagesordnung. Die Figuren dieser Geschichte sind eingebunden in dieses düstere Kapitel der spanischen Geschichte.

Zafon versteht es zudem, wie kein zweiter, über die Leidenschaft, die Faszination zu schreiben, die das Lesen ausmacht. Seine Sätze sind wahrhaftig, mal traurig, mal tröstlich, mal humorvoll, einfach magisch. Eine Geschichte voll von Auf’s und Ab’s, voll von Trommelwirbeln. Wenn Zafon beschreibt, das in dem Viertel Barcelonas, in dem der Friedhof der vergessenen Bücher liegt, das 19. Jahrhundert noch nichts von seiner Pensionierung erfahren hat, hier Dinge wie Eile und Armbanduhren nicht stattfinden, könnte ich niederknien.

Der Kreis schließt sich mit einem wunderbaren Epilog, kraftvoll und melancholisch zugleich. Wieder betreten ein Vater und ein Sohn den Friedhof der vergessenen Bücher…

Beim Hören dieser Geschichte breitete sich eine angenehme Wärme in mir aus, ich konnte bei diesen Sätzen tief durchatmen. Es geht mir wohl wie Daniel Sempere – dieser Roman wird immer ein besonderer für mich, und meine Lieblingsfigur Fermin Romero de Torres mit seiner unverwüstlichen Zuversicht bleiben …

HörbuchVersion: Buch oder Hörbuch. Er ist wieder einmal Schuld, das meine Entscheidung hier zu Gunsten des Hörens ausfiel. Was bleibt mir über Uve Teschner noch zu sagen? Alle die, die schon länger bei mir mitlesen wissen, ich bin sein Fan! Egal ob nachdenklich, gruselig, mystisch, liebevoll, streitlustig oder phantasievoll – er kann alles lesen. Er stützt diesen Roman mit seiner Stimme und Ausdruckskraft, verleiht ihr einen Sog, dem man sich nicht entziehen kann. Ach, ich könnte ihm ewig zu hören …