Das Spiel des Engels (Carlos Ruiz Zafon)

Sonntag, 31.12.2017

Mein Tag begann mit einem Himmel so blau, das musste die Farbe des Glücks sein … 

Auf meinem Arbeitsweg verfinsterte sich der Horizont dann aber in Windes Eile mit regenschwangeren Gewitterwolken. In der Ferne zerschnitten Blitze die Wolkenberge. Dann, von einer Windböe erfaßt, fuhr ich plötzlich wie in eine Wasserwand und es fiel mir schwer meinen Wagen noch in der Spur zu halten. Die anderen Autos, die mit mir auf der Straße waren, konnte ich kaum noch sehen. Angstvoll zog ich bei jedem Donnergrollen den Kopf ein. Gewitter sind wirklich nicht meine Sachen. Endlich eine Ampel und ich konnte mal anhalten. Das Quietschen von Reifen hinter mir, ließ mich zusammen zucken. Ein Blick in den Rückspiegel werfend, sah ich den Wagen hinter mir, mir ausweichend, in den Graben rutschen …. 

Das war gerade nochmal gut gegangen, niemand verletzt. Mein Schutzengel war heute zum Glück hell wach gewesen, hatte seine Hand über mich gehalten. Nicht von Engeln begleitet, eher von einem gefallenen Engel verleitet, davon erzählt diese Geschichte:

Das Spiel des Engels (Carlos Ruiz Zafon)

Als die Straßenbahn kreischend bremste und zwanzig Zentimeter vor dem Gesicht von David zum Stillstand kam, sank er ohnmächtig zu Boden. Die Diagnose danach war vernichtend. In seiner linken Gehirnhälfte hatten die Ärzte eine Wucherung ausgemacht. Man könne vieles tun, um ihm die Schmerzen zu lindern, ihm Ruhe zu geben, aber heilen, heilen könne man das nicht. Alles was er jetzt noch wissen wollte war, werde ich noch schreiben können? Nein, er würde nicht einmal mehr an das Schreiben denken können, so lautete die kühle Erwiderung seines Arztes …

Diese Nacht in der kleinen, verfallenen Villa am Eingang des Park Guel, war von verstörenden Träumen erfüllt. Der Taxifahrer hatte David erst gar nicht aussteigen lassen wollen. Hier wohne doch ewig schon niemand mehr? David war trotzdem mit klopfendem Herzen eingetreten. Nach einer ruhelosen Nacht, empfangen von einem geheimnisvollen Gastgeber, erwachte David allein. Am Morgen war sein geheimnisvoller Gastgeber spurlos verschwunden, nur sein Angebot, „schreibe mir einen Roman und ich kümmere mich um alles Weitere, auch um deine Gesundheit“, klang in David noch nach. Er fühlte sich gekräftigt und voller Tatendrang. Lange sollte seine Hochstimmung nicht währen. Nach dem Verlassen des Hauses stieß er auf eine Nachricht, die eilig unter den Passanten die Runde machte. Der Verlag, an den er, David, mit einem Knebelvertrag gebunden war, war in dieser Nacht bis auf die Grundmauern nieder gebrannt, die Inhaber tot und/ oder schwer verletzt. Die Todesdrohung, die David den beiden Herren gegenüber vor einer Woche im Streit ausgesprochen hatte, holte ihn jetzt ein. Schneller als die Schritte der drei Polizisten, die ihm jetzt folgten und nein, ein Alibi hatte er für die Tatnacht nicht vorzuweisen …

David war den blutigen Fußspuren im Schnee durch den Park gefolgt, sie führten zum See. Dort mitten auf der Eisfläche sah er sie in ihrem dünnen Nachthemd. Das Eis unter ihren Füße hatte bereits Risse. Er warf sich bäuchlings auf die Eisfläche und kroch zu ihr hin. Noch bevor er sie erreichen konnte, hatte sich ein schwarzes Loch unter ihr aufgetan und der See hatte sie verschluckt. Als die Schollen sich über ihrem Körper geschlossen hatten, war dieser unter dem Eis ein Stück weit auf ihn zu getrieben. Ihre ausgestreckte Hand in seine Richtung haltend, waren ihrem Mund schnell, viel zu schnell, die letzten Luftbläschen entwichen …

Carlos Ruiz Zafon. Fast ein Jahr lang stand „Das Spiel des Engels“ auf der Spiegel-Bestseller-Liste. Übersetzt in 30 Sprachen erreichte es ein Millionenpublikum. Auch hier greift Zafon tief in die Trickkiste seiner Formulierkunst, wie wir sie uns schon beim „Schatten des Windes“ der Vorgänger-Geschichte erlesen durften.

In diesem Roman gibt es Barcelona statt. Wie aus der Zeit gefallen, agiert diese magische Stadt hier nicht nur als Kulisse, sondern auch als Stilmittel. Vor Jahren bin ich einmal selbst dort gewesen, die spektakulären Bauten des Architekten Gaudi, die das Stadtbild mit prägen, nicht zuletzt seine unvollendete „Sagrada Familia“, sein „Knochenhaus“, haben mich tief beeindruckt. Ein Spaziergang durch den Parc Guel und die Ruhepause auf Gaudis „Schlangenbank“, der Bummel über die Ramblas, gehören noch immer zu meinen Lieblings-Reise-Erinnerungen. Jetzt Nachts mit Zafon und seinen Figuren durch diese Stadt zu ziehen ist magisch, spult eine wahre Bilderflut vor meinem inneren Auge ab.

Fantasy- oder Detektivgeschichte, Schauerroman oder historischer Krimi. Zafon läßt uns das selbst entscheiden. Ihn macht aus, dass ein Genre allein ihm nie genug ist. Trugbild, Wahnsinn oder Realität? Zafon umgibt uns mit Hexen, unsterblichen Schriftstellern, lebendigen, gefallenen Engeln. Er spart diesmal selbst an Leichen nicht und auch nicht an qualvollen Todesarten. Dort wo „Der Schatten des Windes“ noch deutlich verträumter und melancholischer ist, packt er uns mit dem „Spiel des Engels“ am Kragen. Läßt uns immer wieder verwickelt in Zweikämpfe, die einem James-Bond-Film alle Ehre machen würden, verfolgt durch das alte Barcelona hetzen und immer nur kurz Atem holen. Schwer verletzt hin oder her, wir müssen die Stadt verlassen, heute noch …

Hundert Menschen stehen mit Kerzen in der Hand vor seinem Laden. Die Totenwache für Ihren Lieblings-Buchhändler mussten sie heute halten. Ohne Frage hätte auch ich mich in diese Schlange eingereiht. Wie gerne wäre auch ich hier Kunde gewesen, hätte mit den blitzgescheiten, buchkundigen Semperes gefachsimpelt, philosophiert, mich an einem guten Text, mich an einer wunderbar gearbeiteten Ausgabe erfreut. Hätte die Magie, die hier zwischen den Büchern wohnte beim Betreten des Ladens, tief einatmend in mich aufgesogen. Wäre eingetaucht in die Wortstürme …
Die blitzgescheite Isabella ist diesmal meine Lieblingsfigur. Etwas vorlaut, voller Leidenschaft, kreativ, gut strukturiert und ordnungsliebend. Sicherlich im Sternzeichen Wassermann geboren. Schlagfertig agiert sie in den Dialogen mit David Martin. Sie weiß stets durch uneigennütziges Handeln zu überraschen.

Im zweiten Teil seiner „Friedhof der vergessenen Bücher-Reihe“ wird bereits offenbar, wie meisterhaft er hier die Schicksale der handelnden Personen über die Zeit mit einander verwebt. So endet Band zwei mit der Geburt der Hauptfigur aus Band eins und doch erzählt er nicht einfach nur diese eine Geschichte. Zum Glück und zu meiner Freude warten noch zwei weitere Bände auf mich. Vielleicht werde ich ja eine liebgewonnene Figur sogar wieder treffen? Geschickt macht er das, er hat mich am Haken, der Herr Zafon …

Der Sprecher dieser HörbuchFassung, Gerd Wameling, hat bei mir ein schweres Erbe angetreten. Den Vorgänger-Roman „Der Schatten des Windes“ hatte mir einer meiner erklärten Lieblinge vorgelesen, Uve Teschner. An ihm musste sich Wameling jetzt messen lassen, die Latte hing hoch. Nach den ersten vorgelesenen Silben hatte ich dann auch schon Heimweh, Heimweh nach der Art, wie sich Teschner in eine Geschichte einzubringen vermag. Wamelig liest vor, gut intoniert, verständlich, gleichmütig, braucht nach meinem Gefühl aber zuviel Zeit um sich den Figuren anzunähern es fehlt ihm bisweilen an Empathie für sie. Dieser exzellenten Geschichte kann er damit zwar nicht schaden, dem Lesen würde ich hier aber diesmal eindeutig den Vorzug geben, zumal dieser Teil der Reihe als Hörbuch leider gekürzt ist.

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Winter People (Jennifer McMahon)

Samstag, 18.11.2017

Wer einen Menschen den er geliebt hat verliert, kennt sie, diese Sehnsucht, dieses Gefühl einer offenen Wunde tief im Inneren, die einfach nicht heilen will. Mit der Zeit wird es leichter werden, sagen die Einen, wird der Schmerz blasser. Du mußt das verarbeiten, loslassen sagen die Anderen. Die Indianer glaubten an einen Übergang der Lebenden in eine Geisterwelt, bei vielen Stämmen sollten Feuerbestattungen diesen Weg erleichtern. Sie konnten mit ihren Ahnen in Kontakt treten, Medizinmännern und Schamanen soll es gar gelungen sein Tote zurück zuholen. Was für ein Gedanke! Was wenn diese Möglichkeit bestünde. Viele Geschichten gibt es, die um diese Erweckungen greisen, eine davon habe ich hier für Euch ausgegraben:

Winter People (Jennifer McMahon)

1908, West Hall. Tief in den Wäldern von Vermont liegt die Farm von Martin und seiner Frau Sara. Beide können kaum leben, von dem was der karge Boden abwirft. Auch der sehnlichste Wunsch der beiden, nach einem eigenen Kind will sich nicht erfüllen lassen. Mehrere Fehlgeburten lassen Sara verzweifeln, dann doch –  ein Sohn. Wenige Wochen nach der Geburt aber stirbt auch er. Als Gertie zur Welt kommt, winzig und kraftlos, gibt ihr der Dorfarzt kaum eine Überlebens-Chance. Doch Gertie ist eine Kämpferin, sie saugt sich am Leben fest und wächst zum Sonnenschein der kleinen Familie heran. Die Bindung zu ihrer Mutter Sara ist eine ganz besondere, ohne Worte verstehen sich die beiden, unterhalten sich in ihrer eigenen Sprache, malen sich gegenseitig Wörter in die offenen Handflächen.

An diesem Wintertag, an dem Martin draußen beim Holzfällen der Füchsin begegnet, ist es schneidend kalt. Wütend ist Martin los gestampft durch den frischen Schnee, der in der Nacht gefallen ist, hat doch ein Fuchs wieder zwei seiner Hühner geholt. Er weiß ohnehin nicht, wie er seine Familie durchbringen soll. Jetzt auch noch das. Als er sie dann sieht, die Füchsin, und sein Gewehr zum Schuß hebt, durchströmt ihn Genugtuung. Diesmal wird er sie endlich erwischen …

Gertie, Gertie, Gertie – der verzweifelte Ruf von Sara halt durch den Wald. Vergnügt war die kleine an diesem Morgen aus dem Bett gehüpft um die Eier herein zu holen. Kekse wollte sie mit ihrer Mama backen, diese Sirupkekse die auch der alte Hofhund so gerne aß. Dann ihrem Papa helfen, er war zum Holz sammeln draußen. Doch Martin kommt allein zurück, Gertie hat ihn nie erreicht, schon länger war er im Schuppen und hat den Fuchs gehäutet, den er heute früh erlegt hat. Gerade hat er das Fell der Füchsin an der Scheunentür angeheftet und sich überlegt, dass es wohl eine schöne Mütze für seine Gertie abgeben könnte, da erreicht ihn der Ruf seiner Frau. 

Bis zur völligen Erschöpfung, Hände und Füße blau vor Kälte suchen die beiden nach ihrer Tochter, ohne Erfolg. Als Martin zur Scheune kommt um das Pferd zu satteln und im Ort Hilfe, einen Suchtrupp zu holen, fällt sein Blick auf die Scheunentür. Dort wo eben noch das Fuchsfell hing, hängt jetzt ein abgeschnittener blonder Zopf, der Zopf seiner Tochter …

Die Männer, die in Saras Küche stehen, drehen verlegen und unsicher ihre Mützen in den Händen. Am liebsten würde sie sie anschreien, rauswerfen, es kann nicht sein, es darf nicht sein, alles dreht sich – sie sagen Gertie sei tot.  An allem schuld ist nur ihr Mann, den Ring, den er auf dem Acker an der Teufelshand gefunden hat sollte er doch zurück bringen, zig Mal hat sie ihm das gesagt. Man darf von dort doch nichts mit nehmen …

Gegenwart: West Hall, Vermont. Als Ruthie sich heimlich ins Haus schleicht, wieder einmal ist sie zu spät nach Hause gekommen, ihr Freund hat sie etwas weiter vorm Haus abgesetzt, die letzten Schritte ist sie zu Fuß zum Haus gegangen, brennt noch Licht. Leise betritt sie das Haus, innerlich fluchend, das wird gleich ein Donnerwetter geben. Nach dem Tod des Vaters ist ihre Mutter eher über fürsorglich, was der siebzehnjährigen Ruthie gar nicht behagt. Auf dem Küchentisch eine Tasse Tee, kalt geworden, ein Stück Apfelkuchen, angebissen – wo ist ihre Mutter? Auch am nächsten Morgen bleibt ihre Mutter spurlos verschwunden, ihre kleine Schwester ist völlig verzweifelt. Beide beginnen mit der Suche und finden im Schlafzimmer der Mutter unter den Dielen des Fußbodens eine Pistole und –  ein Tagebuch, das Geheime Tagebuch der Sara Harrison Shea. Warum hat ihre Mutter dieses Tagebuch versteckt? Warum wurden hier Seiten heraus gerissen? Was wollte ihre friedliebende, Gemüse züchtende Mutter mit einer Waffe?  …

1908, West Hall. In die Irrenanstalt einweisen soll er sie lassen, seine Sara? Martin will die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass seine Frau sich wieder erholen wird. Gestern noch erschien sie ihm voller Zuversicht. Sie hatte ihm zu Abend etwas gekocht, war endlich wieder aufgestanden. Aber was ist das? Als Martin in der Nacht wach wird und im Bett nach Sara tastet ist es leer. Sara? In der Ecke vor dem Wandschrank sitzt eine bleiche Gestalt auf dem Fußboden, zusammengekauert, zitternd, flüsternd, eiskalt. Sara? …

Jennifer McMahon, geboren 1968 wuchs in Conneticut bei ihrer Großmutter auf und lebt mittlerweile in Vermont. Ihre erste Kurzgeschichte schrieb sie in der dritten Klasse, ihr erster Roman erschien 2007 in deutscher Sprache. „Winter People“ erschien bereits 2014. 

Die HörbuchFassung wird uns vorgelesen von Elisabeth Günther. Sie ist eine beliebte Synchronsprecherin und viele von uns haben ihre Stimme als die von Cate Blanchet, der schönen Liv Tyler oder von Helena Bonham-Carter im Ohr. Sie paßt wunderbar zu dieser stimmungsvollen, spannenden und leicht gruseligen Geschichte. 

Man nehme einen historischen Roman, eine Prise Thriller, eine Prise Mystery und ein viertel Pfund Gegenwart und vermische es gründlich. Fertig ist  Winter People. Im Untertitel heißt dieser Roman „Wer die Toten weckt“ und das geschieht auch im weiteren Verlauf des Romans, Sara schafft es ihre Gertie zu wecken für sieben Tage. Eindringlich, anrührend und spannend schildert die Autorin den inneren Kampf der Mutter. Setzt sich auseinander mit dem Unmöglichen, oder dem doch Möglichen? Bleibt dabei für mich durchaus glaubwürdig. 

Geschickt sind die zwei Zeitebenen der Geschichte mit einander verwoben, ahnungslos startet man, hangelt sich wie an einem roten Faden immer tiefer hinein, meint Zusammenhänge zu erkennen, liegt dann doch wieder falsch.

Zu husseligem Wetter, jetzt im November, paßt dieses Hörbuch für mich hervorragend. Immer wenn ich in der Dämmerung nach Hause fahre und das Licht an meinem Auto anspringt, kommt mir diese Geschichte wieder ganz nah … 

Die Radleys (Matt Haig)

Halloween, 2017:

Geschichten die in keine Schublade passen? Ja, Bitte! Romane die schräg sind und die Gemüter spalten? Aber gerne! Trockner, vielleicht schwarzer Humor ist auch mit dabei? Super! Autoren die eine eigene Geschichte haben, mit der ich mit fühlen kann? Prima! 

Diese Stoßseufzer der Beigeisterung kennt Ihr ja schon von mir. Gerne entspanne ich zwischendurch mit solch einem „Stöffchen“ … und – 

Matt Haig gehört halt zu meinen Lieblings-Autoren. Die Ideen die er gebiert und seine Sprache – Hut ab. Sein „Ich und die Menschen“ habe ich Euch ja schon vorgestellt. Dieses Schätzchen hier hat er davor veröffentlicht und beide Geschichten haben auf das Herrlichste nix miteinander zu tun …

Die Radleys (Matt Haig)

Bishopthorpe, England, egal wann. Orchard Lane 17.

Dieser Straßenzug gehört zur besseren Gegend des kleinen, beschaulichen Örtchens Bishopthorpe. Hier stehen die Altbau-Villen der Doktoren, der Anwälte und Projektmanager. Hier ist es ruhig und gediegen, hier hat man Stil. Fast gleichen die Häuser einander könnte man meinen, das Eine vielleicht etwas größer als das Andere, aber sonst – und doch. Vor allem Nachts will niemand hier wirklich vorbei spazieren, an der Nr. 17. Dieser Lichtschimmer, der nichts mit den Straßenlaternen zu tun hat, diese Kälte, die nicht von der Nachtluft kommt. Selbst die Natur ist hier stiller als anderswo, kein Zirpen, Quaken oder so …

Hier wohnen die Radleys. Peter Radley ist Arzt, seine Ehefrau Helen mit Leib und Seele Hausfrau und Mutter. Sie engagiert sich im örtlichen Lesezirkel. Die Kinder Rowan und Clara gehen im Ort auf das College. Eine sprichwörtliche Bilderbuch-Familie, in der bislang aber nur die Eltern wissen wer, oder besser was sie eigentlich sind …

Ok, einem guten Beobachter würde vielleicht auffallen, dass die Vögel verstummen, wenn einer der Radleys auf die Türschwelle tritt. Oder dass Rowan selbst im Winter mit Sonnenmilch, mit Sonnenschutzfaktor 60 unterwegs ist. Clara ist überzeugte, fast fanatische Veganerin. Bei den Mädels heutzutage auch keine echte Überraschung. Müßte sie nicht aber bei dieser gesunden Ernährungsweise auch gesünder aussehen? Sie ist so schrecklich blaß!

Clara will heute einfach nur nach Hause. Ihr ist so speiübel, den Schultag hat sie mehr auf der Toilette als im Klassenzimmer verbracht. Harper muss wohl sturzbetrunken sein, als er ihr lallend den Weg verstellt – nein, nicht heute! Bitte! Heute kann sie sich nicht wehren. Er scheint das zu spüren, und bedrängt sie. Wie es dazu kam, keine Ahnung, auf jeden Fall hat sie ihn dann am Ende der Rangelei gebissen, ins Handgelenk und gesaugt. Gesaugt bis kein Tropfen Blut mehr in ihm drin war …

Als der verzweifelte Anruf ihrer Tochter eingeht, ist Helen am Telefon. Sofort rast sie mit ihrem Mann los und ruft IHN von unterwegs aus an. Ihren Schwager, den einzigen noch praktizierenden Vampir in der Familie, obwohl sie geschworen hat niemals wieder Kontakt zu ihm aufzunehmen. Peter, ihr Mann, ist außer sich, aber was? Schließlich hat es eine Leiche gegeben und sie und ihr Mann kennen sich nach Jahren der Abstinenz nicht mehr damit aus, wie man solche Sauereien beseitigt …

Matt Haig hat mit seinen „Radleys“ für mich einen echten Hit gelandet. Wer abseits des Mainstreams mal was ganz und gar anderes braucht, hier ist es. Die Geschichte ist herrlich schräg, zum Schreien komisch, ok – auch blutig, aber vor allem irgendwie auch very british. Auch für junge Erwachsene geeignet, spielen hier die heranwachsenden Kinder der Radleys eine prägende Rolle. Ihre Teenager-Marotten überträgt Haig genial auf „vampirische“ Eigenheiten. Ja, es gibt auch Tote, vom Horror sind wir hier aber noch ein gutes Stück entfernt …

Hörbuch-Fassung:

Dieser Plot ist als Hörbuch, ein Knaller, super vertont. Die Glockeschläge am Kapitelanfang – göttlich. Hier habe ich auch einen meiner Lieblings-Sprecher „hören“ gelernt. Sascha Rotermund. „Die Gestirne“ von Eleanor Catton hat er schon zum Niederknien gelesen, auch diese Geschichte wurde brilliant und mit viel HerzBLUT 😉 von ihm eingelesen. Mittlerweile suche ich schon gezielt,  was es von ihm an Hörbüchern so Neues gibt und fast ist mir dabei dann die Geschichte egal, aber nur fast … Also, happy grusel!

Der Freund der Toten (Jess Kidd)

Sonntag, 30.07.2017

Für phantastische Geschichten hatte ich immer schon etwas übrig. So sind meine Lieblings-Romane häufig von Figuren bevölkert, die besondere Talente, ein Gespür für das Übersinnliche oder auch einfach nur einen „Hau weg“ haben. Den britischen Humor mag ich auch, trocken, schwarz und bissig darf es gerne sein. Wenn sich einige oder gar alle diese Zutaten zwischen zwei Buchdeckeln finden lassen, dann habe ich dieses Teil automatisch auf dem Kieker.  Wenn dann auch noch, wie hier geschehen, beim Reinschnuppern in eine Leseprobe der Prolog bei mir einschlägt wie eine Bombe, hänge ich am sprichwörtlichen Haken. Dieser Romanauftakt hat bei mir den Mund offen stehen lassen. Was hier geschieht könnte grausamer nicht sein. Wie es beschrieben wird könnte schöner nicht sein … Geht so was, oh ja … (und keine Sorge – ich schweige bei den nachfolgenden Sätzen über den Prolog wie ein Grab!)

Der Freund der Toten (Jess Kidd)

Textzitat: „Worte können fliegen. Sie sausen durch Fenster, über Zäune, zwischen Barhockern hindurch und durch Gärten. Sie bewegen sich schnell von Mund zu Ohr, von Ohr zu Mund. Und unterwegs gewinnen Sie an Tempo und Gewicht und Substanz und Schwerkraft. Bis sie mit einem satten Geräusch landen, Wurzeln schlagen und so schnell wachsen wie besonders unzähmbare Bohnenranken.“

Irland, Mulderigg, April 1976
Mahony, hatte eine Gabe, oder auf ihm lastete ein Fluch, wie auch immer, die Wahrheit lag wohl irgendwo dazwischen. Denn Mahony konnte die Toten sehen und die Toten konnten ihn sehen … Es war ihm eine Zeit lang gut gelungen, das bzw. sie zu ignorieren. Wann es wieder angefangen hatte? Gestern vielleicht, oder letzte Woche, letzten Monat – egal, das kleine Mädchen hier, das ihn eben zum Versteck spielen aufgefordert hatte, es war ohne Frage tot – sein Hinterkopf war eigentlich gar nicht mehr vorhanden. Es war hüpfend vor ihm in den Wald gelaufen und hatte ihm dadurch eine ungeschönte Sicht auf seine Todesursache geliefert. Der Wald nahe bei Mulderigg war dunkel und dicht. Alles was nicht pflanzlich war, war hier ganz klar ein Eindringling. Was wollte das kleine Mädchen hier? Schneller als er sich umdrehen konnte, war Mahony ihr tiefer, immer tiefer in den Wald gefolgt …

Shauna, war erst Anfang zwanzig und sie führte das einzige Gästehaus des Ortes allein, seit ihre Mutter sich mit einem Gast abgesetzt hatte. Muderigg war nicht gerade ein Hotspot. Zum Glück für Shauna gab es einen zahlenden Dauergast, der auch für die notwendigen Reparaturen aufkam. Doch dieser bzw. diese, eine alterende Lady und ehemalige Schauspielerin, entwickelte sich mehr und mehr zu einer echten Landplage und – sie schien diesen Hippie Mahony ziemlich schnell fest in ihr kleines, schrumpliges, schwarzes Herz geschlossen zu haben …

Konnte eine tote Katze der Vorbote drohenden Unheils sein? Mrs Cauley jedenfalls war überzeugt davon. Schließlich steckte der Kopf der Katze in einem Weidenkorb mit Naschwerk, die Zunge blau verfärbt und geschwollen, das Tierchen mausetot. Das Gift mußte sehr schnell gewirkt haben und war an mit Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht für die Katze, sondern für Mahony, den Störenfried bestimmt. Die gestrige Befragung der acht Dorfbewohner im Rahmen des Castings der alljährlichen Theatervorführung hatte also gewirkt. Sie hatten wachgerüttelt, aufgescheucht, waren aber bei Licht betrachtet nicht wirklich schlauer geworden. Die Aussagen der acht Dorfbewohner, zum Verschwinden von Orla Sweeny befragt, könnten widersprüchlicher nicht sein. Jeder der Befragten wollte sie zuletzt an einem anderen Ort gesehen haben. Was aber selbst die umtriebige Orla, Mahonys Mutter, nicht ohne einen Klon hingebracht hätte …

TextzitatDer Beichtstuhl in der Kirche St. Patrick hatte Geschichten von Leid und Niedertracht schon immer gierig aufgesaugt. Er weidete sich an Scham und Reue mit stiller, hölzerner Hingabe. Sein satter Glanz war nicht allein Holzpolitur und Altjungfernspucke, sondern auch vergoldetes Schuldgefühl, im Laufe der Jahre zu einem heiligen Schimmer gewienert.“

Das Wohnzimmer des Gemeindepfarrers hatte sich über Nacht in ein Feuchtbiotop verwandelt. Es roch modrig, zahlreiche Frösche, Molche und andere Sumpfbewohner hatten sich schon zwischen den Sitzkissen, in den Sofaritzen und unter den morastigen Teppichen eingerichtet. Und, wie war das nur möglich, eine Quelle entsprang munter vor dem Kamin. Standhaft harrte der Pfarrer in seinem Kaminzimmer aus, empfing seine erschrockenen Besucher fortan mit Gummistiefeln und Regenschirm. Mit Gottes Wegen, wie unergründlich sie auch immer waren, hatte dies hier nichts zu tun. Das hier war ein paranormales Desaster und er hatte da so eine unbestimmte Ahnung wer dahinter steckte …

Jess Kidd wurde 1973 in London geboren, einen Teil ihrer Kindheit hat sie in Westirland verlebt. „Der Freund der Toten“ ist kein klassischer Schauerroman, und doch ist er bisweilen für einen Schauer gut. Frau Kidd mixt munter mehrere Genres, man findet Krimi- bzw. Ermittlerelemente und Mysterybestandteil neben einer klassischen Romanerzählung. Sie würzt ihre Geschichte kräftig mit Magie und einer guten Prise Humor. Diese Mischung macht den Roman für mich zu einem echten Fundstück.

Richtig gut gefallen haben mir ihre Figuren. Die patente Schreckschraube Mrs C. und der lässige, feinfühlige Mahony sind ein tolles Gespann. Zwischen den beiden fliegen die Bälle, das macht richtig Laune! Bis in die Nebenrollen besetzt Jess Kidd mal putzige, mal finstere, mal übellaunige Gestalten. Das verleiht ihrer Geschichte zusätzlichen Charme. Meine Lieblingsszene bleibt ein paranormaler Sturm. Noch nie hatte ich von Kaminen gelesen, die Asche in die Zimmer spuckten. Wie Shauna und die stoische Mrs Cauley dem trotzen, Klasse!

Einen leichten Abzug in der B-Note vergebe ich für Übersetzung und Lektorat. Vielleicht lag das an der E-Book Version? Jess Kidd hat zum einen Sätze und Szenen modeliert die Hängen bleiben und die man auch noch einmal liest, dann wieder fehlt ein Wort im Satz oder der Fall ist nicht richtig. Es schadet dem Gesamteindruck jedoch nicht, hindert mich persönlich aber daran ein „hervorragend“ zu vergeben. Dafür verdient der Roman das Prädikat „besonders“.

Jess Kidd arbeitet an einem zweiten Roman, diesen Veröffentlichungstermin werde ich auf jeden Fall auf meinem Bücher-Radar behalten. Mahony und Mrs C. wieder zu treffen würde mir auf jeden Fall Spaß machen …

Des Teufels Gebetbuch (Markus Heitz)

Karfreitag, 14.04.2017

Klaus Maria Brandauer, sofort habe ich sein weiß geschminktes Gesicht vor meinem geistigen Auge, wenn ich jemanden „Mephisto“ sagen höre. In der grandiosen Verfilmung des gleichnamigen Romans von Klaus Mann, schlüpfte Brandauer 1981 in die Rolle des Schauspielers Hendrik Höfgen. Unvergessen seine Darstellung des „Mephisto“ aus Goethes Faust. Gänsehaut pur, Gestik, Mimik, Intonation – er gab dem ewig Bösen sein Gesicht! In zahlreichen anderen Filmen gab er weiteren Schurken seine Gestalt, als hassenswerter Ehemann der Tanja Blixen in „Jenseits von Afrika“ ebenso, wie als fieser James Bond Gegenspieler. Würde der Roman, den ich Euch heute vorstelle verfilmt werden, wüßte ich genau welche Rolle durch Brandauer zwingend besetzt werden müßte …, schaut mal selbst:

Des Teufels Gebetbuch (Markus Heitz)

Gegenwart; Die Ostsee vor Tallin, eiskalt, aufgewühlt, die ersten heftigen Windböen künden von einem herannahenden Sturm. Der teuerste Champagner der Welt, ein Veuve Cliquot von 1780, dreiundfünfzigtausend Euro die Flasche  – nach heutigen Maßstäben. Geborgen aus dem Frack eines Seglers und die Bergungsmannschaft tot …

Vergangenheit; Leipzig. Bastian Kirchner ist ein junger, außerordentlich begabter Kupferstecher. Er ist mit seiner kleinen Familie nach Leipzig gekommen um hier Arbeit zu finden. In seiner Heimatstadt Altenburg, dem Mekka der Spielkartenmacher, gibt es zuviel Konkurenz und zu wenig Lohn. Heute feiert er. Denn er hat eine Anstellung gefunden, bei einem angesehenen Drucker und das Beste daran ist, er darf hier sogar an seinen geliebten Spielkarten arbeiten. Seinen neuen Dienstherren hat er auf Anhieb überzeugt mit einem selbst gestalteten Kartendeck. Mit Goethe, einem jungen Studiosus hat er sich jetzt verabredet, in Auerbachs Keller.

Dort in feucht fröhlicher Runde fordert man ihn dann auf, sein Erfolgs-Kartenspiel herzuzeigen. Widerstrebend tut er es auch, denn zu schade sind sie ihm eigentlich, seine Karten-Schätze, zu schade um mit Wein- oder Bierflecken verschmutzt zu werden. Kaum wandern die Karten dann aber zwischen den Studiosi von Hand zu Hand, steht plötzlich ein alter Mann in der Gaststube, still beobachtet er zunächst die Kameraden und vor allem Bastian. Als der Mann still an ihren Tisch tritt, ist allen unheimlich zu Mut, die Raumtemperatur scheint zu sinken, sogar in heftigen Streit verfallen sie grundlos miteinander. Einzig der Alte scheint unbeeindruckt von dem Durcheinander. Ruhig stellt er sich Kirchner als Herr Dietrich vor und macht ihm unvermittelt ein Angebot: Für ihn soll er arbeiten, nur ein einziges Kartenspiel will er haben und es soll sein Schaden nicht sein …

Gegenwart; Monte Carlo. Hohe Einsätze sind für ihn kein Problem, sondern ein besonderer Nervenkitzel. Gleichgesinnte zu finden um dies auszuleben, sein ständiges Bestreben. Als der junge Unternehmer aber begreift nach welchen Regeln hier Superieur gespielt wird, ist es schon zu spät für einen Rückzieher. Der Nervenkitzel den er gesucht hat ist längst blanker Angst gewichen und er hofft, dass das Pik Ass, die Todeskarte, nicht am Ende auf seiner Kartenhand landet …

Gegenwart; Avignon. Mindestens achtzig muss Madame Darlons mittlerweile sein. Die Restauratorin gilt als verschroben und ganz Avignon weiß, dass sie Besuch ganz und gar nicht mag. Das Scharren, die Stimmen in ihrem Keller, das Klirren und Rasseln – es klingt als komme es von Ketten. Der Geruch der unter der Gewölbedecke hängt ist feucht und modrig wie in vielen Weinkellern, aber da ist noch etwas anderes, metallisch und schwer hängt es in der Luft. Merkwürdig auch, das die Polizei sich seit kurzem rühmt alle Bettler und Obdachlosen aus der Stadt vertrieben zu haben …

Gegenwart; BadenBaden. Thadeus Boch, dereinst an den Spieltischen der Welt gefürchtet für sein Poker-Talent, dann abgestürzt im Alkohol- und Drogenrausch, überschuldet und spielsüchtig, tritt die Nachtschicht an. Im Spielkasino von Baden-Baden ergänzt er mittlerweile das Sicherheitsteam vortrefflich, denn er kennt sie alle, alle Tricks. Vom Kartenzählen über das Kartenzinken bis hin zu Geheimzeichen jeglicher Art, seinem wachsamen Auge entgeht nichts. Beherrscht, verbindlich und mit der notwendigen Umsicht entfernt er schummelnde Spieler von den Tischen und wenn nötig aus dem Casino. An diesem Abend ruft ihn seine Chefin zu einem ganz besonderen Exemplar der Gattung „überheblicher Überflieger“. Der unleidliche Sprößling eines steinreichen russischen Oligarchen rüpelt sich nach allen Regeln der Kunst durch eine Poker-Runde. Boch gelingt es, den jungen Mann an die Luft zu setzen. Auf dem Weg nach draußen verliert der Oligarchen Sohn eine wertvolle historische Spielkarte auf dem Casino Teppich und nicht Boch findet die Karte, sondern die Karte findet Boch … 

Markus Heitz, habe ich Euch schon mit zweien seiner Romane in meinem Blog vorgestellt. Wenn es um gut gemachte Thriller mit phantastischem Einschlag geht, oder auch um einen wendungsreichen Fantasy-Plot gehört er zu meinen Lieblingen. Mit seinem neuesten Roman „Des Teufels Gebetbuch“ verbindet er gewohnt gut recherchiert historische Fakten mit einem hoch spannenden Plot. „Kartenschicksale und Schicksalskarten“. Er spielt mit Anleihen an Goethes Faust, läßt eine seiner Schlüsselfiguren sogar auf Goethe selbst treffen und verarbeitet auch Auerbachs Keller in Leipzig als wichtige Location. In bester James-Bond Manier jagt er den alternden Ex-Profi-Kartenspieler Thadeus Boch mit einer jungen koreanischen Ärztin in einer blutigen Hatz um den Globus. Exotische Schauplätze wechseln sich mit dem guten alten Europa ab. Filmreif erzählt, mehr als eine Szene erinnert mich dabei an die alten Indiana-Jones-Filme und das meine ich ganz und gar positiv. Sind gute Abenteuergeschichten und Filme doch mittlerweile dünn gesäht. Zarten Gemütern unter den Spannungslesern sei gesagt, bei Heitz wird zumeist blutig gekämpft und gestorben, das gerne auch mal reichlich blutig und auch hier spart er nicht mit dem Vergießen des Lebenssaftes. Ich bewundere seine Kreativiät, seine Akribie in der Recherche, seine Liebe zum Detail (ein Kartenspiel sammt Regeln hat er es sich hier erdacht). Da verzeihe ich ihm auch mal den ein oder anderen tödlichen Messerstich den er für meinen Geschmack zuviel setzt … 

Hörbuch: Wer meinem Blog schon ein bischen länger folgt, dem verrate ich kein Geheimnis wenn ich sage, wie immer habe ich Heitz nicht selbst gelesen, sondern gehört und das mit voller Absicht. Denn wenn Uve Teschner als Sprecher drauf steht, ist auch garantiert Teschner drin. Unfassbar was dieser Mann aus den Geschichten herauszuholen vermag. Meine Augenbrauen schnellen erschrocken nach oben, mein Puls beschleunigt sich, wenn er seine Stimme erhebt – oder flüsternd senkt … Gänsehaut-Garantie!!!  Ein Heitz ohne Teschner – für mich mittlerweile undenkbar.