Winter im Tessin (Hermann Hesse)

Noch ducken sie sich im Garten, sind ihre Köpfe teils verborgen unter kleinen Erdhäuflein oder Schneehauben, nur unsere Zaubernuß strahlt schon seit Wochen hellgelb über den Schneewehen im hinteren Teil des Gartens, verkürzt mir so die Wartezeit auf den Frühling.

Ich liege auf der Lauer, beobachte die Ecken, wo ich im vergangenen Jahr neue Zwiebeln vergraben habe. Werden Sie es schaffen? Was hatte ich nochmal genau wohin gelegt? Jedes Mal nehme ich mir vor, beim nächsten Auspflanzen Schildchen zu stecken. Aber dann, wäre sie ja dahin, die Überraschung, und ich könnte mir nicht mehr ab Mitte Februar erwartungsfroh die Nase an der Scheibe plattdrücken, während mir unser Kamin im Wohnzimer den Rücken wärmt …

1920 schrieb „Ihr wisst schon wer“, diese Zeilen und sie passen so schön zu meiner Sehnsucht nach dem nahen Frühling:

Winter im Tessin

(Quelle: Hermann Hesse, Die Gedichte, Insel TB S. 775)

  • Seit der Wald sich ganz gelichtet,
  • wie verwandelt ist die Welt.
  • Hier geweitet, da verdichtet,
  • alles neu und blaß durchhellt!
  • Berge tragen lila Schleier,
  • glasig leuchtet ferner Schnee:
  • Alle Linien spielen freier,
  • näher, größer scheint der See.
  • Und am Südhang im Geklüfte
  • warme Sonne, lauer Wind,
  • und die Erde atmet Düfte,
  • die schon voll von Frühling sind.

Bleibt neugierig, egal worauf! Eure Petra.

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Das Glück liegt in den kleinen Dingen …

… oder in einem Augenblick, so sagt man.

Man kann es jagen, finden und verlieren, genießen oder auch zerstören. Ganz gleich, was Ihr Euch für dieses Jahr vorgenommen habt, ob Ihr Glücksritter oder Glückskind seid, ich wünsche Euch einen ganz Sack voll Glück, Zufriedenheit, Liebe und Gesundheit.

Ich freue mich auf ein weiteres Jahr mit Euch, es gibt noch so viele schöne Geschichten zu entdecken. Möge auch in Ihnen eine Prise Glück für uns stecken, eine Prise Leseglück  …

Nachdem Fontane mir den guten Vorsatz für dieses Jahr geliefert hat, möchte ich mit Hermann Hesse dieses Jahr beginnen, denn er hat von Beginn an, mit seinen Versen einen festen Platz in meiner „Apotheke“:

Glück     (Hermann Hesse) ausDie Gedichte„, InselTaschenbuch, Seite 286

  • Solang du nach dem Glücke jagst,
  • Bist du nicht reif zum Glücklichsein,
  • Und wäre alles Liebste dein.
  • Solang du um Verlornes klagst
  • Und Ziele hast und rastlos bist,
  • Weißt du noch nicht, was Friede ist.
  • Erst wenn du jedem Wunsch entsagst,
  • Nicht Ziel mehr noch Begehren kennst,
  • Das Glück nicht mehr beim Namen nennst,
  • Dann reicht dir des Geschehens Flut
  • Nicht mehr ans Herz, und deine Seele ruht …

    Bleibt neugierig!

    Von Herzen, Eure Petra

    Am Weihnachtsabend …

    … kommen wir zur Ruhe, oder zur Besinnung? Wir blicken nach vorne oder auch zurück. Ob im Kreise von Familie, Freunden oder alleine – dieses Fest einmal im Jahr ist immer auch eine Herausforderung. Will genossen oder gemeistert werden. Ein Stuhl bleibt in diesem Jahr an unserem Tisch erstmals leer.

    Wir werden still, nachdenklich oder wehmütig. Singen in der Kirche oder unterm Weihnachtsbaum laut und falsch. Essen viel zu viel, machen eine Schneeballschlacht oder ducken uns im Regen unter unseren Schirmen weg, freuen uns auf das was vor uns liegt. Bescherung!

    Fühlt Euch gedrückt von mir, genießt die Zeit! Denkt daran, in jeder Minute, auch in der allein verbrachten, wohnt ein Zauber, den wir nur vielleicht, eventuell, gegebenenfalls noch nicht entdeckt haben …

    Weihnachtsabend (Hermann Hesse) aus „Die Gedichte“, Insel Taschenbuch, Seite 752

    • Am dunklen Fenster stand ich lang
    • Und schaute auf die weiße Stadt
    • Und horchte auf den Glockenklang,
    • Bis nun auch er versungen hat.
    • Nun blickt die stille reine Nacht
    • Traumhaft im kühlen Winterschein,
    • vom bleichen Silbermond bewacht,
    • In meine Einsamkeit hinein.
    • Weihnacht! – Ein tiefes Heimweh schreit
    • Aus meiner Brust und denkt mit Gram
    • An jene ferne, stille Zeit,
    • Da auch für mich die Weihnacht kam.
    • Seither voll dunkler Leidenschaft
    • Lief ich auf Erden kreuz und quer
    • In ruheloser Wanderschaft
    • Nach Weisheit, Gold und Glück umher.
    • Nun rast‘ ich müde und besiegt
    • An meines letzten Weges Saum,
    • Und in der blauen Ferne liegt
    • Heimat und Jugend wie ein Traum.

    Eine Frohe Weihnacht Euch! 

    Von Herzen, Eure Petra

    Der Knabe im Moor (Annette von Droste-Hülshoff)

    Kurz noch einmal innehalten, bevor mich beruflich der Weihnachts-Streß einholt. Privat hab‘ ich ihn längst abgeschafft, verblüfft es mich Jahr für Jahr aber immer noch ungebremst, wie überraschend für viele doch Weihnachten kommt. Der Kühlschrank noch leer, es fehlt gar das Geschenk für die Ehefrau noch am Heiligabend – so manch einer scheint diesen Druck gar zu brauchen – wer weiß? 

    Es ist schon ein paar Jährchen her, da verschlug es uns erstmals Ende November zum Durchatmen in’s Biospärenreservat Hoch-Rhön und bald schon schlurften wir bei einem Spaziergang unsicher im Nebel über einen aus Block-Bohlen ausgelegten Weg. Eiskalt, feucht, rutschig und ich durchaus angstvoll. Es raschelte und knisterte allenthalben, unsere Fotos sahen danach aus, als hätten wir sie aus einem alten Edgar Wallace Film rausgeschnitten. Diese Stimmung, bang, gruselig und magisch zugleich fängt ein Gedicht wunderbar ein – hört mal: 

    Der Knabe im Moor (Annette von Droste-Hülshoff

    • O schaurig ist’s übers Moor zu gehn,
    • Wenn es wimmelt vom Heiderauche,
    • Sich wie Phantome die Dünste drehn
    • und die Ranke häkelt am Strauche,
    • Unter jedem Tritt ein Quellchen springt,
    • Wenn es aus der Spalte zischt und singt! – 
    • O schaurig ist’s übers Moor zu gehn,
    • Wenn der Röhricht knistert im Hauche!
    • Fest hält die Fibel das zitternde Kind
    • Und rennt, als ob man es jage;
    • Hohl über die Fläche sauset der Wind –
    • Was raschelt drüben im Hage?
    • Das ist der gespenstische Gräberknecht,
    • der dem Meister die besten Torfe verzecht;
    • Hu, hu, es bricht wie ein irres Rind!
    • Hinducket das Knäblein sich zage.
    • Vom Ufer starret Gestumpf hervor,
    • Unheimlich nicket die Föhre,
    • Der Knabe rennt, gespannt das Ohr,
    • Durch Riesenhalme wie Speere;
    • Und wie es rieselt und knistert darin!
    • Das ist die unselige Spinnerin,
    • Das ist die gebannte Spinnenlenor‘,
    • Die den Haspel dreht im Geröhre!
    • Voran, voran! Nur immer im Lauf,
    • Voran, als woll‘ es ihn holen!
    • Vor seinem Fuße brodelt es auf,
    • es pfeift ihm unter den Sohlen,
    • Wie eine gespenstische Melodei;
    • Das ist der Geigemann ungetreu,
    • Das ist der diebische Fiedler Knauf,
    • Der den Hochzeitsheller gestohlen!
    • Da birst das Moor, ein Seufzer geht!
    • Hervor aus der klaffenden Höhle;
    • Weh, weh, da ruft die verdammte Margret:
    • „Ho, ho, meine arme Seele!“
    • Der Knabe springt wie ein wundes Reh;
    • Wär’n nicht Schutzengel in seiner Näh‘,
    • Seine bleichenden Knöchelchen fände spät
    • Ein Gräber im Moorgeschwehle.
    • Da mählich gründet der Boden sich,
    • Und drüben, neben der Weide,
    • Die Lampe flimmert so heimatlich,
    • Der Knabe steht an der Scheide.
    • Tief atmet er auf, zum Moor zurück
    • Noch immer wirft er den scheuen Blick:
    • Ja, im Geröhr war’s fürchterlich,
    • O schaurig war’s in der Heide!

                                                                               (Bildquelle: Pixabay)

        Novembertag

        Donnerstag, 09.11.2017

        Regennaß und kalt, diesig, neblig, stürmisch. November. Zu diesem Monat fallen mir spontan meist solche Begriffe ein. Der goldene Oktober liegt jetzt hinter uns, der Dezember, die Adventszeit mit ihren strahlenden Lichtern noch vor uns. 

        Im November greift die erste winterliche Melancholie nach mir, grad wo ich mich im Garten von den letzten Blüten verabschiedet, die letzten Laubhaufen zusammen gefegt habe. Bang könnt einem werden, gäbe es da nicht diese guten Geschichten, die im Haus jetzt auf mich warten. Mit einer dampfenden Tasse auf dem Sofa oder im Lieblingssessel eingekuschelt, abtauchen in ferne Welten und spannende Abenteuer. Mitfiebern mit tapferen Heldinnen und Helden, Tränen mit ihnen vergießen oder laut auflachen, erleichtert mit heiler Haut noch einmal davon gekommen zu sein.

        Also – genießt mit mir auch die trübsten Tage, denn wir haben das schönste Hobby der Welt! 

        Zum kurz mal aufatmen hab ich hier noch was für Euch nachgeschlagen in meinem Lieblings-Gedicht-Band:

        Nächtlicher Weg (Hermann Hesse) aus „Die Gedichte“, Insel Taschenbuch, Seite 481

        • Schuh um Schuh im Finstern setz ich,
        • Nacht umgibt micht sanft und groß,
        • An betauter Mauer netz ich
        • Hand und Stirn im feuchten Moos.
        • Dunkel gegen Luft und Sterne
        • Wiegt sich der Akazienbaum,
        • Lichter blitzen in der Ferne,
        • Doch die Nähe ahn ich kaum.
        • Liebe zieht am Zauberfaden
        • Alle Ferne mir ans Herz,
        • Pol-Stern rufen und Plejaden
        • Ihren Bruder himmelwärts.
        • Aller Welt bin ich verbunden,
        • Allem Leben aufgetan,
        • Habe neu die Bahn gefunden,
        • Die mich hält im Weltenplan.

        Ach ja …

        Ich fragte dich (Hermann Hesse)

        Petras Bücher-Apotheke – heute mal romantisch und ohne weitere Worte, weil er stets die besseren findet:

        Ich fragte dich 

        (Auszug aus Die GedichteHermann HesseInsel Taschenbuch S. 61)

        • Ich fragte dich, warum dein Auge gern
        • in meinem Auge ruht,
        • so wie ein reiner Himmelsstern 
        • in einer dunklen Flut.
        • Du sahest lang mich an, 
        • wie man ein Kind mit Blicken mißt,
        • und sagtest freundlich dann:
        • Ich bin dir gut, weil du so traurig bist.

        ….

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        Herbstbeginn (Hermann Hesse)

        Einverstanden! Denn keine Jahreszeit zaubert so ein schönes Licht wie der Herbst. Die Falten der Natur zeichnet er mit Dunstschleiern weich, der erste Rauhreif überzuckert früh die Wiesen, pastellfarben liegt der Abendhauch über den Dächern …

        .
        Auszug aus Herbstbeginn (Die Gedichte, Hermann Hesse, Insel Taschenbuch, S. 285)

        • Der Herbst streut weiße Nebel aus, 
        • es kann nicht immer Sommer sein!
        • Der Abend lockt mit Lampenschein, 
        • mich aus der Kühle früh ins Haus.
        • Bald stehen Baum und Garten leer, 
        • dann glüht nur noch der wilde Wein,
        • ums Haus und bald vergüht auch der, 
        • es kann nicht immer Sommer sein …

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        Gärtner träumt (Hermann Hesse)

        Der Herbst ist nicht mehr weit, in unserem Garten wirbelt der frische Wind schon die ersten Blätter von Bäumen und Sträuchern in die Ecken. Jetzt träumt mein Gärtner-Herz vom Blütenrausch des Sommers und vom Farbenrausch des Herbstes. Ja, und es gibt da einen, der diese Stimmung mit den richtigen Worten einfängt. Meinen Lieblings-Dichter Hermann Hesse kennt Ihr ja schon:


        Gärtner träumt (aus Hermann Hesse, Die Gedichte, S. 779, Insel Taschenbuch)

        • Was hat die Traumfee in der Wunderbüchse? 
        • Vor allem ein Gebirg von bestem Mist! 
        • Dann einen Weg, auf dem kein Unkraut wüchse. 
        • Ein Katzenpaar, das keinen Vogeln frißt.
        • Ein Pulver auch, mit dem bestreut alsbald Blättläuse 
        • sich in Rosenflor verwandeln
        • Robinien jedoch zum Palmenwald
        • mit dessen Ernte wir gewinnreich handeln.
        • O Fee, und mache daß uns Wasser flösse
        • an jedem Ort, den wir bepflanzt, besät; 
        • gib uns Spinat, der nie in Blüten schösse 
        • und einen Schubkarrn, der von selber geht!
        • Und Eines noch: ein sicheres Mäusegift, 
        • den Wetterzauber gegen Hageltücken, 
        • vom Stall zum Haus einen kleinen Lift, 
        • und jeden Abend einen neuen Rücken.


        Das mit dem Rücken unterschreibe ich sofort ;-). Euch allen einen bunten Start in den Herbst!

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        Die Gedichte (Hermann Hesse)

        Fronleichnahm, 15.06.2017

        Dieses kleine dicke Büchlein, ganz abgegriffen ist es mittlerweile. Man sieht ihm deutlich an, es wird geliebt. 

        Mein Mann und ich, haben es wohl schon unzählige Male durchgeblättert, jeder von uns hat hier seine Lieblingsstellen, manche mögen wir auch beide gleichermaßen, lesen sie uns auch gegenseitig vor. Andreas kann seine Herzenspassagen sogar auswendig.

        Zeitlos, alterslos, egal ob lang, ob kurz, ob traurig, nachdenklich oder heiter, zwischen diesen Seiten, zwischen diesen Zeilen findet man die ganze Welt.

        Ja, ich mag auch seine Erzählungen, seine Essays, seinen Peter Camenzind, oder Verrückt in die verliebte Welt. Aber seine Gedichte sind für mich das wahrhaft große Kino. Wie dieser Mann mit dem Versmaß ringt und diese herrliche Melancholie … Eine Handvoll seiner Worte lassen in meinem Kopf ganze Landschaften, oder auch Gemälde entstehen. Er hatte wohl ein wundes Herz, leck geschlagen durch den Krieg, durch dort Erlebtes und doch scheint immer auch das Licht durch seine Worte hindurch.

        Wer kennt nicht seine „Stufen“, die Passage „jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“ ist schon fast ein geflügeltes Wort geworden.

        Wie schafft man es nur, mit so wenigen Silben, so wenigen Zeilen so viel auszudrücken? Da ich mich selbst nie kurz fassen kann, verneige ich mich hier in Ehrfurcht …

        In diesem Beitrag hinterlasse ich einmal zwei seiner Gedichte, ein weiteres von ihm findet ihr in einem separaten Post, den ich im Blog schon veröffentlicht habe.

        Vielleicht kann ich Euch ja anstecken, anstecken mit dem „Hesse-Virus“ …

        Bücher (von Hermann Hesse)

        • Alle Bücher dieser Welt – bringen dir kein Glück, 
        • doch weisen sie dich geheim in dich selbst zurück.
        • Dort ist alles, was du brauchst – Sonne, Stern und Mond,
        • denn das Licht, danach du frugst, in dir selber wohnt.
        • Weisheit, die du lang gesucht, in den Büchereien,
        • leuchtet jetzt aus jedem Blatt – denn nun ist sie dein …


        Wolken (von Hermann Hesse)

        • Wolken, leise Schiffe fahren, 
        • über mir und rühren mich,
        • mit den zarten, wunderbaren Farbenschleiern wunderlich.
        • Aus der blauen Luft entquollen, 
        • eine farbig schöne Welt,
        • die mich mit geheimnisvollen Reizen oft gefangen hält.
        • Leichte, lichte, klare Schäume, 
        • alles Irdischen befreit,
        • ob ihr schönen Heimwehträume der befleckten Erde seid?

        Seufz 💕!!!

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        Verliebt in die verrückte Welt …

        Sonntag, 23.04.2017

        …  zum Welttag des Buches gibt es heute in meiner Apotheke eine Dosis Lyrik vom Meister …

        Gestutzte Eiche (Hermann Hesse, Die Gedichte, Insel Taschenbuch, S. 472)

        • Wie haben sie dich, Baum, verschnitten,
        • Wie stehst du fremd und sonderbar!
        • Wie hast du hundertmal gelitten,
        • bis nichts in dir als Trotz und Wille war!
        • Ich bin wie du, mit dem verschnittenen,
        • gequälten Leben brach ich nicht
        • und tauche täglich aus durchlittenen
        • Roheiten neu die Stirn ins Licht.
        • Was in mir weich und zart gewesen,
        • hat mir die Welt zu Tod gehöhnt,
        • doch unzerstörbar ist mein Wesen,
        • ich bin zufrieden, bin versöhnt.
        • Geduldig neue Blätter treib ich
        • aus Ästen hundertmal zerspellt,
        • und allem Weh zu Trotze bleib ich
        • verliebt in die verrückte Welt.

        ….

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