Das Böse es bleibt (Luca D’Andrea)

Sonntag, 20.05.2018

Nein, meine Heimat sind nicht die Berge, wie die, in die Luca D’Andrea hineingeboren wurde. Ich bin gebürtig aus Idar-Oberstein, der Stadt der Edelsteine und des Schmucks. Bereits im 15. Jahrhundert wurden hier an der Nahe, an ihren Nebenflüssen und Bächen in über 183 Schleifen Edelsteine verarbeitet. Als sich die heimischen Achat-Vorkommen erschöpften, viele Arbeiter ihr Einkommen verloren, setzte damals eine regelrechte Auswanderer-Welle in Richtung Brasilien ein, dort gab es noch Vorkommen und versierte Handwerker waren rar. So verschwanden in den ersten drei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts nach und nach die Schleifen aus dem Landschaftsbild in meiner Heimat.

Das Handwerk der Edelsteinschleifer, Lapidäre und Goldschmiede, ist jedoch bis heute für die Stadt und ihre Industrie prägend. 1974 wurde im Stadtteil Idar die weltweit erste und bis heute auch einzige Misch-Börse für Diamant-und Farbedelsteine gegründet. Die funkelnden, kostbaren Steine werden hier gehandelt, in den Betrieben der Stadt von kundigen Händen geschliffen und in alle Welt vertrieben. Räuberpistolen um die glitzernden Kostbarkeiten werden sich da natürlich auch erzählt. Sie handeln von Einbruch, Diebstahl, Raub und Überfällen. Ob auch Ehefrauen unter den Tätern sind, wie in diesem Krimi wurde mir bislang nicht überliefert, aber wer weiß …

Das Böse es bleibt

Der kleine Samtbeutel mit den Saphiren lag weich in ihrer Hand, als sie den Tresor wieder schloß und das Bild wieder schützend davor gleiten ließ. Der Inhalt dieses Beutels würde ihre Eintrittskarte sein in ein neues Leben. Es war Zeit dieser Welt aus Schutzgeld-Erpressung und Hehlerei, der ihr Mann vorstand, zu entkommen. Mit klopfendem Herzen entschied sie sich zur Flucht, wohl wissend, das ihr Mann seine Augen und Ohren überall hatte und ihr nicht viel Zeit bleiben würde.

Durch das sich schnell verdichtende Schneegestöber floh sie jetzt in die Nacht, verfolgt von den Schatten ihrer Vergangenheit und, da war sie sich sicher, sehr bald schon von den Häschern ihres Mannes. Am Ende der Serpentinenstrecke dann die folgenschwere Entscheidung, sollte sie nach links oder rechts abbiegen? Als ihr Wagen ins Schlingern geriet und die Bäume in nicht enden wollender Zahl auf sie zu rasten wußte sie – sie hatte sich falsch entschieden. Der kleine Fiat und Marlene kamen in dieser Winternacht 1974 von der Straße ab und überschlugen sich …

Luca D’Andrea, der italienische Schriftsteller und Oberschulprofesser aus Bozen hatte bereits in seinem ersten Roman, „Der Tod so kalt“, der sich wochenlang auf den Bestenlisten hielt, die Stimmung der Südtiroler Bergwelt grandios eingefangen.

Diesmal erzählt er, ebenfalls vor der Kulisse seiner Heimat Südtirol, von Killern, Opfern und Gaunern. Die Geschichte nimmt mit einem Autounfall ihren Anfang und verlagert sich dann größtenteils auf einen einsamen Berghof zwischen Schweine, Schnee und Eis. Ein Hof, in dessen Keller man eher nicht hinabsteigen will. Tut man es, stößt man auf Schädel, Knochen und auf einen Berg alter, handgeschriebener Familienbibeln.

„Auge um Auge – Zahn um Zahn“ …

Eine Geschichte von Befehl und Gehorsam, von Denunzianten, Spionen und Kollaborateuren, Schuld und Rache. Von der Mafia, ihren Bossen und Opfern. Von Schmuggel und Bestechung. Das organisierte Verbrechen hält seine Hand über alles und alle. Zieht an den Fäden seiner Marionetten und läßt sie tanzen, töten und taumeln.

„Knusper, knusper, Knäuschen. Wer knuspert an meinem Häuschen?“ Märchenhafte Metaphern verwendet D’Andrea diesmal um dem ewig Bösen Gestalt zu geben. Er läßt uns buchstäblich dem schwarzen Mann im Wald begegnen.

Klein, bösartig und grausam. Marlene läßt er von Kobolden träumen. Aus der Erde kamen sie, in Höhlen hausten sie. In ihren Träumen peinigten sie sie, schickten ihr Erinnerungen an Herrn Wegener, ihren Ehemann, dessen Deckname in der Welt der Syndikate bezeichnenderweise „Kobold“ ist.

Waren seine Monster in „Der Tod so kalt“ noch prähistorisch, sind sie hier eher nach grimmschem Vorbild gestaltet. Aus liebenswerten Wichteln werden bei D’Andrea abgezehrte Kindersklaven, die in asiatischen Minen nach Edelsteinen schürfen um skrupellose Verbrecher reich zu machen.

Blut klebt an deren Händen, das Blut der Kinder die sie mit Gewehrkolbenschlägen zum Schuften antreiben bis zur völligen Erschöpfung. Die Mafiosi agieren in diesem Kontext als gewissenlose Kobolde, die Terror, Macht und Zwang ausüben.

Unschuldige, klapperdürre Brüder müssen tatenlos mit ansehen, wie der eigenen Schwester durch den Vater Gewalt widerfährt. Tatenlos, schutzlos und machtlos. Sie fallen dem Wahnsinn anheim, werden zum Verräter am eigenen Vater, der einst Vorbild und Leitfigur war. Die Beziehung zur kleinen Schwester bleibt indes prägend für sie, ihre Stimme bleibt in ihnen präsent. Halluzinationen verschmelzen mit der Realität. Auftragskiller konkurieren mit Serienmördern.

„Der Tod so kalt“ war ein Ausnahmekrimi für mich, deshalb hatte ich mir diesen hier, seinen zweiten, schon zeitig vorgemerkt. Meine Erwartungen waren hoch, der Autor selbst hatte die Messlatte auf diese Höhe gelegt. An den Spannungsaufbau, das Sagenhafte, das Geheimnisvolle seines ersten Romans reicht „Das Böse es bleibt“ für mich leider nicht heran. Die famose Grundstimmung seines Erstlings, die ihn mehr als einen Krimi sein ließ und in mir auch heute noch, beim Gedanken daran, eine seltsame Beklemmung auslöst, kann er hier nicht erzeugen. Der Handlungsstrang war mir bisweilen etwas zu verworren, die Motive unklar. Wohl wissend, dass es auf Gottes Erde genug Verrückte gibt, deren Tun und Handeln wir Übrigen nie werden nachvollziehen können …

Matthias Köberlin – Schon gut, ich gestehe! Gestehe, dass ich mich in seine Stimme, seine Art des Vortrages verliebt habe. Hoffnungslos und rettungslos.

Bereits bei den ersten Tönen dieses Hörbuchs kriecht mir eine Gänsehaut an meinen Armen entlang aufwärts, die diesmal allein seiner Stimme geschuldet ist. Als Sprecher hält er uns die Steigbügel und hebt uns hinein in die Handlung. Laut und polternd kann er uns zusammenfalten, schwenkt kurz darauf wieder um und betont mit einer Sanftheit, die uns das Blut stocken läßt, die Konsequenzen die unser Handeln haben wird, und wir wissen, das wir da gerade auf ganz dünnem Eis balancieren …

Köberlin ist für mich ein absoluter Mehrwert für jede Geschichte. Er liest klassische Romanstoffe à la Donna Tartt ebenso souverän wie einen solchen Krimi, aus dem er alles heraus holt. Bravo!

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Der Tod in den stillen Winkeln des Lebens (Oliver Bottini)

Sonntag, 29.04.2018

Der Wald und ich, wir haben da eine ganz besondere Bindung. Als Kind und als Jugendliche war ich fast jeden Tag hier, auch schon mal „mit ohne“ Schuhe, den weichen Waldboden unter den Fußsohlen abtastend. Als Erwachsene und in meinem Alltag schaffe ich es mittlerweile viel zu selten zwischen dichten Bäumen zu stehen, den Kopf im Nacken und dem Rauschen in den Kronen zu lauschen. Nur hier bricht sich das Licht auf diese besondere Weise, knistert es geheimnisvoll im trockenen Laub. Riecht es so wunderbar erdig, feucht und fruchtbar. Selbst wenn er dicht und dunkel, und mir ein bisschen bang wird, mein Herz bis zum Hals schlägt bei dem Gedanken es könne gleich ein Wildschein um die Ecke biegen und mich überrennen, genieße ich es. Tanke auf. Meinen Wohnort habe ich stets danach entschieden, ob ich fußläufig in einen Wald kommen kann. Hier bin ich bei mir, staune und kann durchatmen …

Wenn ihr diese Sätze lest, glaubt ihr mir wahrscheinlich sofort, dass das Lesen dieses Romans für mich zunächst eine Cover-Entscheidung war. Dann kam die Neugier dazu, schließlich hat er den deutschen Krimipreis 2017 gewonnen. Und ja, stille Winkel hat es auch in meinem Leben schon gegeben und den Tod leider auch. Die Großeltern, den Schwiegervater, Vater, Kollegen, Mitarbeiter und auch einen Chef habe ich schon beerdigen müssen. Still wurde es dann immer, um mich herum und in mir drin.

Was steckt wohl für Oliver Bottini hinter diesem Satz? Schon sein Prolog lädt ein, das herauszufinden, ist kraftvoll und verstörend zugleich:

Der Tod in den stillen Winkeln des Lebens

2011 – auf dem Weg nach Dänemark. Plötzlich war da dieser Sand. Überall. Mitten in Mecklenburg-Vorpommern?! Die Windböen peitschten die feinen Körner so heftig über die Autobahn, das die Sicht gegen Null ging. Er bremste scharf ab, trat das Pedal ganz durch, als die roten Rücklichter der vor ihm fahrenden Autos rasend schnell auf ihn zukamen. Die Airbags waren nach dem Aufprall so schnell wieder in sich zusammen gefallen, wie sie sich geöffnet hatten. Die Kinder auf dem Rücksitz schrien im Schock. Die kleine Emmy griff nach dem Türgriff – Nein, nur nicht aussteigen! Verzweifelt kämpfte er sich aus dem Fahrersitz, die feinen Körnchen nahmen ihm sofort nicht nur die Sicht, sondern auch den Atem. Es schmeckte nach Erde und er begriff, das war kein Sand, das war feiner Ackerboden. Als er den Schatten wahrnahm, die LKW Hupe hörte, laut und anhaltend, presste er sich die Hände fest auf die Ohren. Der Sturz erwischte ihn rücklings, nur mühsam kam er hinter der Leitplanke auf dem Mittelstreifen wieder auf die Beine, wo war sein Wagen? Die Kinder, Claudia? Die Sandwand war undurchdringlich. Erst spürte er eine dumpfe Explosion, dann sah er die Flammen …

2014 – Temeswar/Rumänien. Von ihrem alten Handel, dass er keine Mordermittlungen mehr leiten würde, wollte sein Chef heute nichts mehr wissen. Er brauche ihn, ihn seine Erfahrung, seine Besonnenheit und – seine Deutschkenntnisse, war nicht seine Mutter eine Deutsche? Die Tote eben auch, erst achtzehn war sie, die Tochter eines Großgrundbesitzers, offenbar in blinder Wut niedergemetzelt von zahlreichen Messerstichen. Nackt hatte man sie in der Nähe eines Flusses gefunden, wo sie offenbar hatte schwimmen wollen. Cozma solle sich zusammenreißen, seinen trunksüchtigen Partner Cippo einsammeln und endlich losmachen!

Ioan Cozma, Kripo-Kommissar gehorcht widerstrebend und bricht mit dem alten, klapprigen Dienst-Kadett zum Tatort auf, seinen fluchenden Partner im Schlepptau …

Oliver Bottini – viermal hat er bereits den deutschen Krimipreis gewonnen. 2017 erhielt er ihn erneut für „Der Tod in den stillen Winkeln des Lebens“.

Dies ist mein erster Bottini, aber sicher nicht mein letzter. Denn dieser Krimi hat den „Blues“ und genau das mag ich. Von der ersten bis zur letzten Zeile hält dieses Gefühl in mir an. Trist, hoffnungs- und perspektivlos. Übervorteilt, verwundet und vernarbt präsentiert Bottini ein Bild des modernen Rumänien, das nachdenklich macht.

Rumänien als Speisekammer der arabischen Welt? Mit dieser Fragestellung hatte ich mich noch überhaupt nicht beschäftigt. Kopfschüttelnd erlese ich mir hier Machenschaften, von denen ich nicht das Geringste geahnt habe, tauche ein in ein Land, dass von seinen politischen Wirren schwer gezeichnet ist.

Kleinbauern und diejenigen, für die die Erde und das was sie hervorbringt sinnstiftend ist, werden durch Korruption, Gewinnsucht und Spekulanten um Hab und Gut gebracht. Der Boden ausgelaugt durch Monokulturen und exzessive Bewirtschaftung. Riesige Flächen erbarmungslos ausgebeutet, erodiert, lassen Sandstürme mit verheerenden Folgen entstehen.

Seinen Kriminalfall baut er raffiniert auf, schickt uns als Leser auf eine Fährte, der alle gleich folgen, weil sie ja so auf der Hand liegt. Läßt uns rätseln und ermitteln, zweifeln und verzweifeln auf der Suche nach der Wahrheit …

Die Zerissenheit seiner Figuren, ihre Dämonen, inneren Kämpfe und die Erkenntnis, dass man in allen entscheidenden Momenten des Lebens meist allein ist, wirken nachhaltig in mir, wühlen mich auf.

Müde und erfüllt von einer tiefen Sehnsucht nach Zuwendung und innerem Frieden zeichnet er seinen Helden Ioan. Ich trauere und hadere mit Bottinis Charakteren, allen voran Maik Winter, der seine kleine Familie bei einem Unfall verliert. Mit Ana stehe ich am Rand von Massengräbern, um Fassung ringend und mir die Frage stellend, ist es diesmal ihre Familie die wir auf dem Grund der Grube finden werden? Ich verliere einen Freund an eine skrupellose Organisation, vor meinen Augen haben sie ihn barfuss an ein Auto gebunden, und durch die Straßen gezerrt, bis er nur noch ein blutiges Bündel war.

Selbst bei einer Demo, wie Don Quichote im Kampf gegen Windmühlen, versuche ich gemeinsam mit Anett die Übermacht der Agrar-Gauner aufzuhalten. Lerne dafür sogar das Traktor fahren.

Mit Maiks Vater schwimme ich, all meine Kleider am Leib im See, stehe triefend bei seiner Christel in der Küche, bis sich Wasserpfützen um meine nackten Füße bilden. Auch diesmal ist es uns nicht gelungen den Kummer zu ersäufen, die Schuldgefühle abzuwaschen, das Vermissen zu ertränken …

Sprachlich präzise, aber nie kalt, sondern sachlich, klar und klarstellend erzählt Bottini. Bei allem „Blues“ – Hoffnungsfunken und ein unerschütterlicher Glaube an das was menschlich und gut ist, der Glaube an Zusammenhalt und Freundschaft, keimen selbst auf diesen ausgelaugten Böden, zwischen seinen geschundenen Helden, wenn auch als kleines zartes Pflänzchen.

Meine Einstiegsfrage, ob Oliver Bottini und ich die gleichen Gedanken im Sinn hatten bei der Betrachtung des Titels, würde ich mir nach dem Umblättern der letzten Seite seines Romans so beantworten: Seine Figuren und mich eint ein Gefühl der Einsamkeit, das einen immer dann befällt, wenn man lebensverändernde oder wegweisende Entscheidungen zu treffen hat. Das und die Kraft, die es braucht Rückschläge, Schicksalsschläge zu meistern in den stillen Winkeln unseres Lebens …

Moabit (Volker Kutscher)

Donnerstag, 22.03.2018

Wie ein Tanz auf dem Vulkan. Ein Ausflug in’s Sündenbabel. Gleich drei Regisseure u.a. Tom Tykwer haben sich der erfolgreichen Krimi-Reihe von Volker Kutscher um seinen Kölner Kommissar Gereon Rath angenommen, den es in’s Berlin der 1920er Jahre verschlägt. In legendären Tanzlokalen vergißt man dort Hunger, Not und Alltagssorgen, während die Macht der Nazionalsozialisten erstarkt.

Der erste Band der Gereon-Rath-Reihe, „Der nasse Fisch“ ging beim Privatsender Netflix in Serie, in 2018 soll diese jetzt auch im öffentlich-rechtlichen Fernsehen ausgestrahlt werden. Sie wird als Highlight beworben und das völlig zurecht! Man kriecht hier durch’s Schlüsselloch mitten hinein in den legendären Berliner Tanztempel Moka Efti, in die armseligen Hinterhöfe und Wohnzimmer der einfachen Leute. Ist sofort von dieser besonderen Stimmung gefangen. Der Soundtrack ist magisch, erinnert an Zarah Leander und die Dietrich.

Diese Verfilmung hat mich neugierig gemacht auf die Kutscher Krimis,von seinen Figuren wollte ich mehr erfahren. Desöfteren war ich schon über diesen Titel hier gestolpert, Gereon Rath 0.5, dem Titel nach also eine Vorgeschichte. Mit der Hörbuch-Fassung, die, obwohl sie nur knappe zwei Stunden umfasst, aber gleich von drei Sprechern eingelesen wird, kann man doch nichts falsch machen, oder?

Moabit (Volker Kutscher)

Die Berolina war ein sauberer Ringverein. Einbrüche, ein bisschen Schutzgeld hier und da, keiner drehte hier Dinger mit Koks oder Huren.

„DEN Schränker“ nannten sie ihn, weil er jeden Geldschrank knacken konnte. Dafür stand er, auch wenn jetzt hier einsaß, ihr Boss, Adolf Winkler alias Addi. Als ungekrönter König von Moabit zog er auch aus dem Gefängnis heraus noch immer die Strippen, hatte er eben seinem zweiten Mann im Besuchsraum noch den Kopf zurecht gerückt, dann die Nerven verloren: Dieser Holzkopf hatte einfach von der Geschäftsführung keine Ahnung. Durchatmen, nur ruhig Blut -. Anderthalb Wochen waren es heute noch bis zu seiner Entlassung. Auf dem Weg zurück in seinen Zellenblock, sein Wärter hatte es plötzlich eilig auf’s Häuschen zu kommen und ihn vertrauensvoll auf dem Flur allein stehen lassen, sah er sich einem Mitgefangenen gegenüber. Dieser war ebenfalls allein und noch bevor Addi überlegen konnte wo der andere hergekommen war, blitzte eine Klinge in dessen Hand auf und er lag am Boden, verwickelt in einen Kampf auf Leben und Tod …

Volker Kutscher lebt in Köln. Der gelernte Journalist hat in seiner Reihe um den Kölner Kommissar und sein Wirken im Berlin zur Zeit der Weimarer Republik und im aufkeimenden Nationalsozialismus, bislang sechs Fälle und diese Kurzgeschichte veröffentlicht. Sein erster Berlin-Krimi erschien bereits 2008.

An seiner Geschichte Moabit gefällt mir besonders, dass er seine Figuren auch sprachlich wunderbar unterschiedlich heraus arbeitet. Sein Bandenchef kommt eher schnodderig daher, ist sich seiner Befehlsgewalt dabei aber mehr als bewußt. Sein Gefängnisaufseher Ritter ist ein Ehrenmann, gradlinig und korrekt, verantwortungsvoll und pflichtbewußt. Charlotte mit ihrer Zielstrebigkeit und ihrem unbändigen Lebenshunger, so quirlig, neugierig und lebendig, und ein kleines bisschen vorlaut. Das Abitur in der Tasche, der Weg zum Studium offen, ein vorgezeichneter Weg? Wir erleben wie aus der „Knast-Lotte“ so ihr Spitzname, Nachts „Charlie“ wird.

Dieser kleine aber feine Geschichtsfetzten macht definitiv Lust auf mehr, er ist spannend, schillernd und kurzweilig und mündet in einem tragischen Finale. Gleich ob lesend, hörend oder in Bildern erzählt – Kutschers Kriminalromane sind wie lebendig gewordene Geschichtsbücher. In diesem Falle gibt es das Innenleben einer preußischen Haftanstalt inklusive.

Es kämpfen Lebensretter mit ihren Idealen und auch Gangster mit ihren Wertvorstellungen. Die Polizei steht dazwischen, während alle miteinander ringen. Von Vätern und Töchtern, Gewissensbissen, Fallenstellern und Nachtschwärmern. Zum Glück eine Geschichte mit Fortsetzung …

Hörbuch-Fassung:

Drei Kapitel, drei Perspektiven, drei Sprecher = eine tolle Idee.

Marc Hosemann, Schauspieler, hat im Hörspiel „Die Säulen der Erde“ für den WDR 1999 schon als Sprecher mitgewirkt. Er ist in Moabit als Erster dran. Er liest seinen Part herrlich kratzig und verraucht, als hätte er eine Nacht lang durch gesoffen. So passt er wie Faust auf Auge zu seiner Figur, dem Unterwelt-Boss Addi.

David Nathan, der vorlesend in die Rolle des Gefängniswärters Ritters geschlüpft ist, interpretiert diesen Charakter wohltönend und integer. Nathan ist ein echter Profi, man kennt ihn von zahlreichen Hörbuch-Produktionen, als eine echte Bank. Als Synchron-Sprecher ist er die deutsche Stimme von Johnny Depp und Christian Bale, aber auch Leonardo DiCaprio hat schon durch ihn zu uns gesprochen.

Karoline Herfurth, preisgekrönt als Schauspielerin, vielen bekannt aus Fuck u Göthe, im Hörbuch eher selten präsent, liest die Charlotte Ritter. Gibt sie mal quirlig und putzmunter, mal nachdenklich und versonnen. Die Nachtschwärmerin und brave Tochter am Tag, paßt ebenfalls sehr gut zu ihrer Stimme.

Dieses Sprecher-Trio ist für mich eine echte Bereicherung für Kutschers Erzählung und ich werde defintiv mal schauen, wer seine übrigen Fälle eingelesen hat und mich dann entscheiden – weiter lesen oder doch lieber hören?

Auf nach Berlin, um im Champagner zu baden und eine Nacht lang durch zu tanzen, will ich auf jeden Fall nochmal …

Commissaire Le Floch (Jean-Francois Parot)

Sonntag, 04.03.2018

Wer hat’s erfunden? Nein, diesmal waren es wohl eher nicht die Schweizer. Obwohl der Begriff „Polizei, abgeleitet wird vom griechischen „Polis“(= die Institution), haben ihm die Franzosen eine maßgebliche Prägung gegeben. Das bereits in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhundert, welches aufgrund der Spannungen zwischen Monarchie und dem nach Gleichberechtigung strebenden Bürgertum nach einer ordnenden Hand verlangte. Der französische Verwaltungsapparat durfte damals bis in die Privatsphäre seiner Bürger greifen, der Begriff Polizeistaat war geboren. Quasi als frühe Aus-und Weiterbildungsmaßnahme wurden damals auch britische Polizisten nach Frankreich geschickt, wo man schon die Forensik als Ermittlungstechnik nutzte. Vielleicht erinnern sich einige von Euch noch an meine Rezension zu David Morells „Opium Mörder“, den dieses Zusammenspiel und die Polizeiarbeit in ihren Anfängen aus britischer Sicht beschäftigt hat.

In diesem historischen Kontext spielt auch der Kriminalroman, den ich Euch heute vorstellen möchte. Eine Behörde erhält Struktur und Mandat, mit Leben erfüllt von Menschen wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten, Ehrgeiz, Korruption und Königstreue inklusive. Laßt uns beiseite treten und Platz machen für einen neuen Ermittler auf dieser Bühne …

Commissaire Le Floch & das Geheimnis der Weißmäntel

Paris, 1761. Wie tief man doch sinken konnte. Einst war sie die Lieblingshure hochgestellter Herren gewesen, jetzt vegetierte sie im Dreck. In mehreren Schichten legten sich die abgetragenen Kleider zerfetzt und vor Schmutz starrend um ihre ärmliche Gestalt. Eine Suppenküche für solche wie sie, hielt sie gerade eben so über Wasser. Hier in diesem Stadtviertel, wo die Abdecker die Überreste ihrer Arbeit abwarfen, suchte sie nach Zutaten. Den Gestank, der hier in der Luft stand wie eine Wand, nahm sie schon lange nicht mehr wahr. Man durfte nicht wählerisch sein, blieben einem nur noch wenige Optionen und es musste ja niemand wissen, woher sie ihr Fleisch nahm. Gerade wollte sich sich mit dem Messer in der Hand über den Pferdekadaver vor ihr beugen, um ein noch brauchbares Stück aus den Knochen zu lösen, da hörte sie zwei Männerstimmen miteinander zanken. In den Schatten verborgen beobachtete sie, wie die beiden das was sie zwischen sich trugen ablegten. Sie duckte sich, wie ein Tierkadaver sah dieses gut verschnürte Bündel nicht aus. Als die beiden Männer sich entfernt hatten, trat sie langsam näher und ihr stockte der Atem …

Inspektor Lardin war verschwunden. Seine Frau außer sich, sein Chef nicht minder. Auch wenn Lardin für sein Umtriebe berüchtigt und gerade Karneval war, war dieses lange Fernbleiben eindeutig ein Grund zur Sorge. Nicolas le Floch, erst seit kurzem in Paris und eigentlich noch in der Ausbildung zur Verbrechensaufklärung, traute seinen Ohren nicht. Sein Chef beauftrage ihn, den Neuen mit der Suche nach dem verschwundenen Kollegen? Er dürfe über alle Mittel verfügen die er brauche und auch einen Assistenten wählen? Aber diskret müsse er sein. Mit Feuereifer stürzte er sich in die Arbeit. Das würde schon werden, er verlief sich immer weniger in den Straßen von Paris und auch seine erste Befragung war durchaus fruchtbar, wenn auch im Ergebnis nicht erfreulich gewesen. Denn der verschwundene Kommissar schien nicht gerade eine weiße Weste zu haben, das Wort korrupt wollte Le Floch jedoch lieber noch nicht in den Mund nehmen …

Ein prall ausgestattetes Sittengemälde mit Kriminalfall, ein Muß für alle Paris-Fans. So läßt sich der erste Band der historischen Krimi-Reihe um Commissaire Nicholas le Floch für mich am Besten beschreiben. In Frankreich hat die Reihe bereits eine Riesen-Erfolgswelle ausgelöst und diese ist jetzt auch nach Deutschland geschwappt.

Der französiche Autor Jean-Francois Parot, kennt sich aus im 18. Jahrhundert. Er studierte Geschichte und Ethnologie, ist ausgebildeter Ägytptologe und spezialisiert auf dieses Zeitalter. Das spürt man in jedem Kapitel. Dem über vierhundertfünfzig Seiten starken Krimi ist dann auch ein ausführliches Glossar angefügt und ein Verzeichnis mit allen im Kontext vorkommenden historischen Persönlichkeiten, die er kurz vorstellt.

Wem das an „Futter“ noch nicht genügt: Es gibt auch eine kostenlose E-Book Zugabe über das Schaffen von Parot und mit noch mehr Hintergrundinformationen zu Paris in dieser Epoche. Das nenne ich gründlich und ausführlich! Ergänzend ist die Klappenbroschur von Band 1 zusätzlich mit einem Stadtplan von Paris, datierend auf 1761 ausgestattet, Cover und Rückumschlag sind ausklappbar (sehr ansprechend!). Das hat mir, die Handlungsorte gerne visualisiert, bei der Orientierung in der Geschichte sehr geholfen.

Hier feiern wir Karneval im Winter 1761, derb und frech, begeben uns auf eine Zeitreise mitten in den Dreck. Henker fungieren als forensische Berater, verblüffen mit ihren anatomischen Kenntnissen. Geheimgänge im Untergrund, bevölkert von Hunderten von Ratten, ihre Augen funkeln rot in den Schatten, quiekend und Zähne bleckend lassen sie von ihren Opfern nur widerstrebend ab, wenn wir uns mit festem Schritt nähern.

Die Bastille – das ehrfurchtgebietende, feuchte, modrige Staatsgefängnis. Jede Mauerritze schwitzt hier Salpeter und andere Salze aus. Die Luft ist schwer und dicht, nicht gerade eine fünf Sterne-Unterkunft und dennoch zahlt man als Gefangener hier für Essen, Laken und Nachttopf. Immer noch besser als im Chatelet zu landen, wo es Zellen gibt in denen man nur im Wasser steht, sich nicht niederlegen oder aufrecht stehen kann.

Wir erleben das Pro und Contra der „peinlichen Befragung“, abgeleitet von „Pein“ – heute sagen wir dazu schlicht Folter.

Es wird gefochten wie bei den drei Musketieren und Nicolas muss sein Können in einem Kampf auf Leben und Tod unter Beweis stellen. Herrlich, ich liebe solche Mantel und Degen-Szenen!

Gut gekleidet, wir kommen vom besten Schneider der Stadt, die Perücke sitzt und ist gepudert, werden wir unserem König vorgestellt! Man stelle sich vor, weil ER das so wünschte! Uns stockt der Atem, als unsere Kutsche vor Versailles hält, wir halten uns am Riechsalzfläschen fest.

In der Auflösung seines Falls kommt der Gute Le Floch dann irgendwie herrlich „missmarpelig“ daher. Führt alle noch losen Fäden zusammen, verblüfft mit seinen Schlussfolgerungen in einem Schluss-Pladoyer für das er alle Beteiligten versammelt. Ist er in diesem ersten Band noch ermittelnder Aussenseiter, wird man ihn beim nächsten Mal auf dem Schirm haben müssen. Ihr Gauner im guten alten Paris aufgepaßt, there ist a new sheriff in town!

Die Prinzessin von Arborio (Bettina Balàka)

Sonntag, 11.02.2018

Wem sind sie nicht schon begegnet, diese geschickten, eloquenten Manipulatoren. Ehe man es sich versieht, steht man mit ihrer Meinung nach einem Gespräch vor der Tür, fühlt sich instrumentalisiert und fremd gesteuert in eine Richtung, in die man selbst niemals aufgebrochen wäre.

Wird dabei mit den sprichwörtlichen Reizen einer Frau gekämpft, kann es für die Herren der Schöpfung schon mal ganz schön eng werden. Gleich ob privat oder im Beruf.

„Männermordend“ hört man da schon mal, wörtlich ist das zum Glück meist nicht zu nehmen. Es sei denn man heißt Elisabetta Zorzi und wohnt zwischen den Seiten eines Romans. Wer hinter diesem Titel hier einen Traum in pink mit Krönchen erwartet, der sei gewarnt. Romantisch geht es hier eher nicht zu, denn wer mit einem solchen Satz eine Geschichte einleitet, der hat anderes mit uns vor …

Die Prinzessin von Arborio (Bettina Balàka)

Textzitat:“ Für die einen war das Töten undenkbar, für die anderen war es machbar.“

Wer sich Arnold Körber das erste Mal gegenüber sah, hätte die Berufsschublade „Profiler“ sicher nicht für ihn geöffnet. Körbers bis zum Hals tätowierte, durchtrainierte Gestalt und sein Faible für bisweilen verstörende Death-Metal-T-Shirts ließen eher den Schluß zu, er stehe auf der anderen Seite des Gesetzes. Im Fernsehen war der Polizei-Psychologe aber wohl genau deshalb ein gern gesehener Gast, überzeugend in der Rede und äußerlich der „Bad-Guy“, lag das Publikum ihm stets zu Füßen …

Für die einen war sie ein beneidenswertes Mitglied der Wiener Schickeria, für die anderen war sie ein Mistück. Für ihre Mitarbeiter und ihre Männer war sie schlicht die „Zorzi“.

Elisabetta Zorzi, von Abstammung her Italienierin, dreißig Lenze alt, zierlich, gut gebaut und dank zahlreicher von ihrem aktuellen Freund spendierter Schönheitsoperationen, bildschön, hatte sich in Wien mit Fleiß, Intelligenz (sie hatte einen Bachelor in Tourism und Hospitality Management) und mit Hilfe männlichen Sponsorings, ein im Wortsinn ausgezeichnetes Restaurant aufgebaut. Die Reichen, Schönen und ganz schön Reichen tafelten mittlerweile regelmäßig hier. Ihr neuer Koch Massimo komponierte derweil Risotti, die von ihren Gästen geliebt wurden und seiner Chefin den Spitznamen „Prinzessin von Arborio“ eintrugen. Der Reissorte wegen halt. Sie als raffiniert zu bezeichnen, oder als berechnend wäre viel zu kurz gesprungen. Die Presse fand rund zehn Monate nach ihrer Verhaftung eine Vokabel für sie, die alles zu erklären schien „schwarze Witwe“ …

Die Warnung seiner allseits gehassten Kollegin Anneliese Strass, Gerichtspsychiaterin, hatte Körber in den Wind geschlagen: „Passen Sie auf sich auf …“, hatte sie gesagt. Als er jetzt über den Gefängnishof eilte, den Blick fest auf den bevorstehenden Besuch bei Frau Zorzi gerichtet, wehten diese Worte leise hinter ihm her …

Bettina Baláka, wurde 1966 in Salzburg geboren, sie lebt als freie Schriftstellerin in Wien, schreibt Büher, ebenso wie Theaterstücke und Hörspiele, wurde vielfach ausgezeichnet.

Ihre Prinzessin von Arborio ist mit leichter Hand geschrieben, der Wiener Schmäh blitzt durch die Seiten, die Sprache ist launig und durchaus humorig. Trotz dieses unterhaltsamen Grundtons schafft es die Autorin aber auch nachdenklich zu machen. Sie gewährt uns Einblicke in die Routinen eines Frauengefängnisses in einem historischen Gemäuer und in das Innenleben ihrer Figuren. Sie erzählt von Abhängigkeiten und Zwangsläufigkeiten, von der Sehnsucht nach einer Partnerschaft, die von Dauer sein möge.

Mich beschäftigen nach ihrem Roman da so einige Fragen. Man liest häufig über das „Stockholm-Syndrom“. Wenn sich Entführungsopfer in ihre Entführer verlieben, wird spekuliert was da im Kopf passiert. Kann es denn auch einen studierten, erfahrenen Psychologen treffen? Wer, wenn nicht er weiß es doch besser, wie man Abhängigkeiten umgeht, sich vor Manipulation verschließt, oder? Liebe macht blind, sagt man ja auch, kann man dabei aber einen Mehrfachmord ausblenden? Wie subtil kann jemand vorgehen, wenn er den Hebel beim Anderen erkennt um ihn genau in die Richtung zu bewegen, in die er ihn haben will?

Eine Geschichte die „locker vom Hocker“ daher kommt und es dabei faustdick hinter den Ohren hat. Zum Ende hin habe ich mich gefragt, wo soll das denn nur hinführen? Als ich mir die Antwort schon gegeben hatte, kam es dann ganz anders …

Der Tod so kalt (Luca D’Andrea)

Sonntag, 28.01.2017

Bewölkt war es gewesen und es hatte leicht genieselt, an diesem Morgen, als Andreas und ich vor einigen Jahren beschlossen hatten im Urlaub doch, dem Wetter zum Trotz, an diesem Tag in die Breitach-Klamm aufzubrechen. Das erste Stück des Weges vom Besucherparkplatz aus führte harmlos über Wiesen an einem Wildbach entlang, der klar und munter über die Steine im Bachbett sprang. Nach einer kurzen Wegstrecke umschloß uns plötzlich ein Waldstück, es wurde dunkler und kühl, das Tal verengte sich und die ersten Felswände tauchten vor uns auf.

Dunkel, glitschig und regennaß waren jetzt die Steine unter unseren Füßen. Zwischen den engen Felsspalten hindurch war das Tosen des Wassers zu hören, feine Wasser-Tröpfchen glitzerten in der Luft, als sich die Sonne kurz durch einen Spalt zwängte. Die Aussichten von den Holzbohlenstegen aus in die Tiefe spektakulär, beinahe wie in den großen amerikanischen Canyons. Hinter jeder Biegung meinte man in den ausgewaschenen Steinen Fratzen und Gesichter zu erkennen. Platzangst durfte man hier, wo Stahlseile und Haken über Engstellen halfen, keine haben, trittsicher und schwindelfrei musste man sein.

Das Foto im Einstieg und diese beiden im Text hier eingebetteten habe ich damals geschossen, und sie jetzt nach dem Genuß dieser Geschichte noch einmal heraus gekramt:

Der Tod so kalt (Luca D’Andrea)

15. September 2015. Die Lawine hatte sich Manni geholt, und mit ihm den Helikopter. Alles war so rasend schnell gegangen. Der Pilot hatte nicht mehr rechtzeitig das Seil kappen können, an dessen Ende er hing um zu Salinger und der verletzten Frau in die Gletscherspalte abzusteigen. An der Bergflanke war er zerschellt, der rote Hubschrauber der Bergrettung, als wäre er ein Spielzeug aus Plastik. In der Folge war für die Dorfbewohner von Siebenhoch glasklar, wer an diesem Drama die Schuld trug – Salinger. Der eigensinnige Dokumentarfilmer, der darauf bestanden hatte auf den Grund der Spalte mit abgeseilt zu werden, um diese Rettungsaktion auch ja intensiv genug einfangen zu können. Nein, man war nicht bereit ihm das zu verzeihen und auch nicht, das er, der Schuldige, überlebt hatte …

28. April 1985 – Schwergewitter waren in den Dolomiten nicht selten. Dieses hier aber, „die Mutter aller Schwergewitter“ wütete nicht wie sonst ein bis drei Stunden, sondern sechs Tage lang mit Orkanstärke. Jeremiah Salingers Schwiegervater Werner war damals im Einsatz gewesen, in dieser verhängnisvollen Nacht in der Bletterbach-Schlucht, wo das Gewitter am schlimmsten tobte und wo Evi, Klaus und Marcus vermisst wurden. Einige tausend Blitze waren in der Stunde niedergegangen, sindflutartige Regenfälle lösten Schlamm- und Geröll-Lawinen. In dieser Hölle aus Blitzen, Wasser und Schlamm, in dieser Schlucht, die eine so offene Feindseligkeit ausstrahlte, hatten vier erfahrene Bergretter nach den drei jungen Leuten gesucht. Die Angst war ihnen in die Knochen gekrochen. Von ihrer Erschöpfung befeuert, versuchten sie die Stimmen in ihren Köpfen zu ignorieren, die ihnen eingegeben hatte die Suche endlich aufzugeben.

Ein Schrei hatte die Luft zerschnitten. Er war aus Hannes, aus einem der Retter, heraus gebrochen. Markerschütternd, waidwund. Allen hatten sich die Nackenhaare aufgestellt. Keiner von ihnen war mehr fähig gewesen auch nur noch einen Finger zu rühren, als sie dieses Anblicks gewahr wurden. Arme und Beine fehlten den Opfern, die Zeltwände zerschlitzt und Evis Körper fehlte der Kopf …
Fast eine Woche lang war danach das kleine Örtchen Siebenhoch von der Außenwelt abgeschnitten. Kein Strom, kein Telefon …

Luca D’Andrea – der erste Thriller des Südtiroler Lehrers wurde aus dem Stand zur Buchbranchen-Sensation, kann man bei seinem Verlag nachlesen. Die Rechte daran wurden in 35 Länder verkauft, niedergeschrieben hat D’Andrea ihn nach Recherche und Idee in nur 28 Tagen.

Die Südtiroler Bergwelt seiner Heimat in aller Schönheit, Rauheit und mit ihren Legenden und Mythen um verschollene Volksstämme, ausgestorbene Arten, zurückgezogene Dörfler, einen alten Streit zwischen Deutschen und Italienern wählt D’Andrea als Schauplatz.

Die Bletterbachschlucht wird so zum Hauptdarsteller mit einem Eigenleben. UNESCO Weltkultur-Erbe, der „Grand-Canyon Südtirols“ mit 8km Länge und 400m Tiefe, 60.000 Besucher pro Jahr, Freilicht-Fossilien-Museum. Erdgeschichtlich einzigartig, rauh, geheimnisoll und Jahrmillionen alt, ein geologisches Lehrbuch zum Anfassen. Am liebsten wäre ich sofort dorthin aufgebrochen, so sehr haben mich Neugier und Faszination gepackt!

Die Anfänge der Bergrettung Dolomiten 1965 inklusive – alle Einsätze wurden damals noch zu Fuß absolviert, Verletzte und/oder Tote wurden auf dem Buckel ins Tal geschleppt.

Wer viel liest, weiß es besonders zu schätzen, wenn eine Geschichte noch überraschen kann. Mir ist es hier so ergangen. Dem Titel nach ein „normaler“ Thriller, der Klappentext verspricht Mystery-Elemente, Genre-Schublade auf und rein damit. Aber weit gefehlt! Dieser Autor kann mehr, er erzeugt eine Grundstimmung, die von Beginn an zu fesseln versteht, einen Satz um Satz weiter treibt, mit bösen Vorahnungen im Nacken. Geschickt wird die reale Kulisse des Bletterbachs mit einer fiktiven Geschichte verwoben, die so hätte durchaus passiert sein können. Was war tatsächlich passiert in dieser Gewitternacht am Bletterbach? Auch dreißig Jahre danach liegt diese Bluttat im Dunkeln.

Grandios spannend baut D’Andrea seine Geschichte Stein um Stein auf. Läßt uns dabei immer mit seinem Helden Jeremiah Salinger auf Augenhöhe sein, wenn es um den Erhalt von weiteren Mosaiksteinchen, um den Erhalt von Informationsfundstücken geht, ähnlich einer Ausgrabung. Aber auch am inneren Kampf von Salinger, am Ringen mit seinen Dämonen läßt er uns teilhaben. Wir fiebern und leiden mit ihm, werden hin und her geworfen zwischen der Verpflichtung die er seiner Familie gegenüber empfindet und dem was für sein eigenes Seelenheil überlebenswichtig ist, während ein ganzes Dorf schweigt, den Blick auf Fremde schwarz weiß eingefärbt.

Dramatisch spitzt sich die Handlung zu, zeigt der Plot auf, wie aus einer Spontanentscheidung großes Unheil erwachsen kann. Man im Nachhinein damit leben muss, in aller Konsequenz und mit aller Kraft.

D’Andrea zieht in der Dramaturgie alle Register, stützt wendungsreich seinen Spannungsbogen, macht uns traurig, wehmütig, läßt uns schlittenfahrend aufjauchzen um uns dann, kurz darauf wieder ins nächste Höllental zu schicken. Dabei immer mit der Stablampe menschliche Abgründe, Vorurteile und Feindseligkeiten, aber auch Familie, Liebe, Freundschaft und Zusammenhalt ausleuchtend. Und über all dem – das ewig Böse?

In dieser Geschichte kann man eine blitzgescheite, liebenswerte fünfjährige an die Hand nehmen, durch ihre Augen unverstellt die Welt entdecken. Aber auch geduckt und verletzt in einer Gletscherspalte kauern, unterhalb schimmernder Oberflächen, umfangen von plötzlicher Dunkelheit Naturgewalten hautnah miterleben, sich klein und unbedeutend fühlen, Wahnsinnigen begegnen, absteigen in der Zeit und in die Höhlen unter der Bletterbach-Schlucht im Winter. Der Schluchtgrund vereist, darunter grummelnd ein Bach …

Ein neuer Roman von ihm wird im zeitigen Frühjahr diesen Jahres veröffentlicht – wenn das kein Grund zur Vorfreude ist! Auf meiner Merkliste hat er einen Spitzenplatz eingenommen! Das auf jeden Fall wieder als Hörbuch und zwar wegen ihm:

Matthias Köberlin – atemlos lausche ich ihm hier, Satz für Satz, Kapitel um Kapitel. Er haucht und poltert, jagt mir Schauder über den Rücken, treibt mir die Tränen in die Augen, läßt die Bletterbach-Schlucht vor meinem geistigen Auge auferstehen. Das ist Kopfkino pur! Donna Tartts „Distelfink“ hatte ich mir schon von ihm vorlesen lassen, ein ganz ein anderer Stoff, den er auch erstklassig interpretiert. Ja, hier beweist er, er kann auch Thriller und das auf eine ganz besonders tiefgründige, unter die Haut kriechende Art und Weise. Ich fürchte ja, seine Stimme hat Widerhaken, denn ich kriege sie gerade nicht mehr aus dem Ohr – im positivsten aller Sinne!

13 Stufen (Kazuaki Takano)

Sonntag, 07.01.2018

Ob Good Wife, Suits, Ally McBeal – für gut gemachte Anwaltsserien hatte ich schon immer eine Schwäche. Im Zweifel für den Angeklagten, aus Mangel an Beweisen, berechtigte Zweifel. Wie eloquent, bisweilen spitzfindig sich hier die Anwälte und Richter mit Worten duellieren, auch schon mal um Kopf und Kragen reden. Wie gewiefte Ermittler Tatsachen an’s Licht befördern und Zusammenhänge herstellen, das hat für mich eine ganz eigene Spannung. Das amerikanische Rechtssystem lernt man in diesen Storys ganz gut kennen, mit dem japanischen hatte ich mich bislang noch überhaupt nicht beschäftigt. Auch nicht damit, das noch heute in Japan die Todesstrafe verhängt und vollstreckt wird. 

Wenn dann in einer Geschichte auch noch im Wettlauf gegen die Uhr ermittelt wird, um die etwaige Unschuld eines Todeskandidaten zu beweisen, was sollte mich da denn noch zurückhalten? Schaut mal …

13 Stufen (Kazuaki Takano)

Er lauschte angespannt auf die Schritte, die sich auf dem Flur näherten. Würden sie heute vor seiner Zellentür anhalten? Seit über sieben Jahres saß Kihara jetzt hier ein, in einer Zelle, im Todestrakt der Justizvollzugsanstalt Tokio, auf rund drei Quadratmetern und wartete. Wartete, dass sie ihn holen kamen. Viermal hatten sie in diesen sieben Jahren seine Revisionsanträge abgelehnt. Er selbst konnte sich weder an die Tat noch an den Tathergang erinnern. Auf der Straße, schwer verletzt, neben seinem Motorad liegend, hatte man ihn damals gefunden. Schädelbasisbruch, retrograde Amnesie. Dieser Gedächtnisverlust hatte ihm am Ende die Todesstrafe eingebracht. Denn seinem Anwalt war es nicht gelungen mit Hilfe seiner Erinnerungen die Tatvorwürfe der Gegenseite zu entkräften. Wie lange würden sie ihn noch warten lassen? Wie lange, würde er diese Angst noch aushalten können?

Dreizehn Instanzen waren notwendig um ein richterlich verhängtes Todesurteil zur Vollstreckung zu bringen. Analog den dreizehn Stufen, die historisch hinauf zum Galgen führten. Ohne das Kihara es selbst wahrnehmen konnte, hatte er jetzt nach sieben Jahres die fünfte Stufe erreicht. Acht Instanzen trennten Kihara jetzt noch vom Galgen. In Zeit gemessen, entsprachen diese acht Stufen in etwa drei Monaten …

Als der Dienstälteste der sieben Vollzugsbeamten den Lichtschalter betätigte und die Neonröhren den Exekutionsraum in flackerndes Licht tauchten, fiel Herrn Nangos Blick sofort auf die drei Taster. Einer dieser Taster würde morgen die Falltüre öffnen, die dem Delinquenten den Boden unter den Füßen wegzog. Drei Taster für drei Beamte waren es deshalb, damit am Ende keiner von den dreien wußte, durch wessen Knopfdruck der Häftling getötet worden war. Seine Aufgabe am morgigen Tag sollte es sein, dem Verurteilten die Füße zu binden und die Schlinge um den Hals zu legen. Dies war seine erste Hinrichtung. Morgen also war es soweit, nach fünf Jahren im Dienst, würden morgen seine beiden Hände einem Menschen den Tod bringen. Morgen also, würde er vom Beamten zum Henker werden …

Juni’chi Mikami hatte seine Familie rouiniert. Die Kneipenschlägerei, die mit dem Tod seines Gegners geendet hatte und für die er zwei Jahre ins Gefängnis gewandert war, hatte seinen Vater die Existenz gekostet. Sein Bruder hatte nicht mehr weiter zur Schule gehen können. Einen Mörder in der Familie zu haben, war ein Makel, den sie nicht hatten überdecken können. Jetzt, auf Bewährung entlassen, konfrontiert mit dem Elend der Eltern, die dies auch noch klaglos schulterten, begriff Juni’chi das Ausmaß dieses verhängnisvollen Abends vor zwei Jahren erst vollumfänglich. 

Dieses Jobangebot, es kam unvermutet, das in Aussicht gestellte Erfolgshonorar war schier unglaublich. Warum gerade er, ein Ex-Häftling? Wie sollte er es als ermittelnder Assistent einer Anwaltskanzlei schaffen einen Todeskandidaten vor dem Galgen zu bewahren?

Kazuaki Takano – geboren 1964 in der Präfektur Tokio, ist japanischer Schriftsteller und Drehbuchautor. „13 Stufen“ erschien in Japan bereits 2001 und ist sein erster Roman. In der deutschen Übersetzung und Hörbuchfassung ist er erst in diesem Jahr 2017 erschienen. Sein zweites Buch „Extinction“ wurde in Deutschland 2015 zuerst veröffentlicht und kletterte bis auf Platz 4 der Spiegel-Bestenliste.

Takano konfrontiert uns in den „13 Stufen“ mit seiner Sicht auf das japanische Rechtssystem inklusive der Todesstrafe. Gleich ob Notwehr oder Totschlag, Schuld, Reue oder Güte. Aufopferung, Rachedurst oder flammender Zorn. Meine eigene Einstellung zur Todesstrafe in einer modernen Gesellschaft kommt hier gleich mit auf den Prüfstand. Was ist mit all den Fällen, die eben nicht glasklar und eindeutig sind? Erlöst man durch einen schnellen Tod nicht sogar einen Täter von seiner Schuld? Wäre es nicht gerechter, ihn diese Last im Verlauf einer lebenslangen Gefängnisstrafe  ertragen, ja aushalten zu lassen? Was aber, wenn ein Täter gar keine Schuld, oder gar Reue empfindet? 

Interpretiert man Kant tatsächlich richtig, indem man in einem Rechtssystem die Todesstrafe installiert? Sagt dieser doch, das nur die absolute Vergeltung Gerechtigkeit schaffen kann? Wenn Gott Sündern vergeben kann, warum können wir Menschen das nicht auch? Wieviel politisches Kalkül steckt in einer Vollstreckung? Wie sonst kann es sein, dass bei dem System der dreizehn Instanzen in Japan, immer dann die meisten Hinrichtungen vollzogen werden, wenn die Regierung wechselt? 

Reue? Kann das glaubhafte Versichern von Reue den Opfern, den Hinterbliebenen jemals genug sein? Ist der Ruf nach Vergeltung nicht zwingend, notwendig und mehr als legitim? 

Darf man als Täter überhaupt auf Vergebung hoffen? Wie kann es gelingen, die Last einer Schuld zu tragen? Wird man, darf man als Täter jemals wieder Ruhe finden? War die Tat wirklich unausweichlich gewesen? Irgendwie heißt es für alle mit dem Alltag weiter machen, gleich ob Opfer oder Täter, Vollstrecker oder Helfer …

Dadurch, das und wie sehr Takano mich hier ins Grübeln und Wanken bringt, geht sein „13 Stufen“ für mich weit über einen normalen Krimi hinaus.

Der Wechsel der Blickwinkel und das sich dieser Roman immer eher mit der Sicht der Täter beschäftigt und hierbei deren Empathie für die Opfer nicht ausschließt, das hat man nicht häufig. Die Idee gar einen Täter zum Ermittler zu machen, ist noch ungewöhnlicher und für mich ein gelungener Kunstgriff. 

Durch die Kombination von Korrektheit, Disziplin und die japanischen Traditionen, die sich bis heute in deren Umgangsformen hinein getragen haben, erhält dieser Kriminalfall eine ganz eigene Note. 

Wir durchleben eine Schnitzeljagd, unter enormem Zeitdruck, bis alle Puzzlesteine an ihren Platz gefallen sind. Unterwegs warten so einige spannende Wendungen, und wir sind bisweilen auch mal auf falschen Fährten unterwegs. In einer versunkenen Tempelstadt gehen wir auf die Suche nach den letzten belastenden Beweisen, begeben wir uns mit den Ermittern in Lebensgefahr. Der Roman gipfelt in einem Katz und Maus-Spiel, einem variantenreichen Show-Down, bei dem auch Buddha seinen Beitrag zur Aufklärung leistet …

Wie Takano die Details der Hinrichtungen beschreibt, die mit einer Akribie vorbereitet und geprobt werden, machte mir eine Gänsehaut. Besonders, wenn man sich vor Augen hält, was es mit denen macht, die zum Henker ernannt, zum Vollstrecker bestimmt werden. Vor allem dann, wenn der Verurteilte bis zum letzten Atemzug um Gnade fleht, um sein Leben bettelt und beteuert, die Tat nicht begangen zu haben.

Was es mit denen macht, die Nacht für Nacht die Schreie der Delinquenten in ihren Träumen hören. Die Geräusche des reibenden Seils, des erstickenden Atems, das Brechen der Knochen nicht mehr verstummen wollen. Was es mit denen macht, die sich daran erinnern, dass es sechzehn Minuten gedauert hat, bis das Herz des Hingerichteten tatsächlich stillgestanden hat und er dann noch weitere fünfzehn Minuten im Seil hängen musste. Was es mit denen macht, die als dessen Henker, den Leichnam auch vom Seil abnehmen, reinigen und mit dem Totenhemd bekleiden müssen …

Hörbuch-Fassung, gelesen von Sascha Rotermund

Profi durch und durch. Zwei Hörbücher habe ich schon von ihm geniessen dürfen. Sprachlich und inhaltlich unterscheiden sich diese komplett von den „13 Stufen“. Rotermund beweist für mich, wie wandelbar er sich auf solche Unterschiedlichkeit einstellen kann. Glaubwürdig, klar und flüssig liest Rotermund diesen Text. Den japanischen Grundton transportiert er ganz wunderbar, sanft, schlicht und reduziert. Besonders sein Vortrag der Hinrichtungsszenen ist mir dabei wirklich unter die Haut gekrochen …

Das Parfüm (Patrick Süsskind)

Freitag, 05.01.2018

In der Musik nennt man sie Evergreens, in der Literatur Klassiker, in der Belletristik gibt es sie auch – Geschichten ohne Alter, Kultbücher. Letztens beim Aufräumen meines Bücherregals, bin ich auf ein solches Exemplar gestoßen. Der Schutzumschlag war mir über die Jahre verloren gegangen, unscheinbar, seltsam entblößt, kommt der rote Leineneinband daher. Rot, rot wie Blut, wie Leid und Verderben … Als ich es in die Hand nahm überlief mich ein Schauer. So war es mir damals auch ergangen. Wie lange ist das letzte Mal lesen eigentlich her? Irgendwann Ende der Achtziger mußte es gewesen sein. Als ich aufbrach, in meiner Leseentwicklung, vom Teenager zur Erwachsenen. Da gab es bei mir eine echte „Horrorphase“. Alle Bücher von Stephen King habe ich förmlich inhaliert, damals lag auch „Der Exorzist“ auf meinem Nachttisch und dieses Exemplar hier:

Das Parfüm (Patrick Süsskind)

17. Juli 1738. Es war einer der heißesten Tage des Jahres an dem Jean-Baptiste Grenouille geboren wurde. Seine Mutter, Mitte zwanzig, hochschwanger tat ihren Dienst an einer Fischbude auf dem Markt als die Wehen einsetzten. Es war ihre fünfte Niederkunft, allesamt Totgeburten, warum also sollte es diesmal anders sein? Auch heute würde das Neugeborene unter dem Tisch bei den Fischabfällen landen und von dort aus entsorgt werden, eine bewährte Methode. Aber heute war es anders, heute fing das blutige Bündel unter dem Tisch an markerschütternd zu schreien. Die Umstehenden waren entsetzt, als sie des Fundes gewahr wurden. Die junge Frau wurde verhaftet, abgeführt. Als sie dann auch noch unumwunden zugab, dass sie sich nicht weiter um das Neugeborene hätte kümmern wollen und es auch nicht der erste „Abgang“ sei, wurde ihr kurzer Hand wegen mehrfachem Kindsmord der Prozeß gemacht und sie verlor nur ein paar Wochen später bei einer öffentlichen Hinrichtung den Kopf.

Jean-Baptiste kam daraufhin zu einer Amme, aber diese Amme und auch die nächste und übernächste wollten den Säugling nicht länger als ein paar Tage behalten. Er sauge zu gierig, für die anderen Stillkinder ließe er nichts mehr übrig und es war eigentümlich, achtete man einmal genau, dieses Kind hatte irgendwie keinen Eigengeruch …

Herum gestoßen und ungeliebt wuchs Jean auf, ging als er alt genug war bei einem Gerber in die Lehre. Was für ein Gestank! Besonders für ihn. Schon früh bemerkte er, dass er mit einer besonderen Gabe ausgestattet war. Sein Geruchssinn war nicht nur bemerkenswert, sondern einzigartig. Das ihn sein weiterer Berufsweg dann nach Grasse in die Stadt der Parfümeure führte, war also nur konsequent. Dort komponierte und schuf er schon bald außergewöhnliche Düfte. Keine normalen Zutaten wollte er verarbeiten, nein, es mußte doch gehen auch Gegenständen ihren Duft zu entlocken, Metall, Glas – welches Verfahren konnte das? Die normale Destillation stieß hier an ihre Grenzen.

Dieser Abend in den Gassen von Grasse sollte sein Leben nicht prägen, nein er würde es auf den Kopf stellen. Der Duft dem er folgte war betörend und unvergleichlich. Als ihm bewußt wurde, zu wem er gehörte, hatte er sich der wunderschönen, rothaarigen jungen Frau auch schon von hinten genähert und sie erwürgt. Jetzt musste es ihm nur noch gelingen ihren Duft zu extrahieren und zu konservieren …

Patrick Süskind gilt als scheu, über die Entstehungsgeschichte seines Erfolgsromans ist daher bis heute nicht viel bekannt. „Das Parfüm“ erschien 1985 wurde in 48 Sprachen übersetzt, und bis heute weltweit über 20 Millionen mal verkauft. Damit gilt der Roman als einer der größten deutschsprachigen Bucherfolge des 20. Jahrhunderts. Neun !! Jahre lang behauptete er sich auf der Spiegel-Bestsellerliste und neun Jahre dauerte es auch, bis der Diogenes Verlag erstmals eine Taschenbuch-Ausgabe verlegte. 2001 verkaufte Süskind die Filmrechte an seinen Freund Bernd Eichinger. Fünf Jahre später feierte die Verfilmung dann Premiere.

Seine Geschichte und sein Mörder sind rein fiktiv, Recherche über Destillation und Parfümherstellung jedoch sind fundiert und historisch genau recherchiert, wie auch viele andere Inhalte des Romans. Meisterhaft verwoben hat Süskind Fiktion und Fakten, so habe ich erst geglaubt Grenouille ist als Serienmörder ebenso real wie „Jack the Ripper“. 

Sprachlich immer noch jung, eine eigenartige Faszination, ja Hassliebe verbindet mich mit seiner Hauptfigur. Fürwahr ein Klassiker, einer der besten Thriller, die mir je zwischen die Augen gekommen ist. Nein, eigentlich paßt diese Einordnung nicht, dieser Roman ist Sittengemälde, Krimi, Parabel, historische Erzählung und Lehrbuch gleichermaßen. Neben spannender Unterhaltung lernt man eine Menge über Parfüm, Ingredenzien, Herstellungsverfahren. Ein guter Duft ist mindestens genauso verlockend wie ein gutes Buch. Kein Wunder also, dass diese Kombination eine außergewöhnlich gute Geschichte ergab …

Sakari lernt, durch Wände zu gehen (Jan Costin Wagner)

Sonntag, 10.12.2017

Hörgenuß voraus!

Wie es sich anfühlt, einen Menschen zu verlieren, der einem das Lebenslicht gewesen ist, haben viele von uns schon erleben müssen.

Wie muss es sich anfühlen, das Lebenslicht eines Menschen auszulöschen, unabsichtlich, den eigenen Fehler vielleicht  einsehend? Wie unfassbar erschreckend allein diese Frage ist. 

Unsere Nachrichten sind täglich voll von Gewalttaten, die Berichterstattung oft reißerisch und plakativ, bleibt an der Oberfläche. Wir sehen Bilder die uns erstarren lassen – nicht nur in den Nachrichten, sondern auch in den sozialen Netzwerken. Die immer gleichen Sequenzen werden dann gezeigt, zerpflückt und diskutiert. Die Gefühlswelt der Betroffenen, gleich auf welcher Seite der Tat sie stehen, können wir dabei bestenfalls erahnen. Wollen sie auch so manches Mal gar nicht verstehen, uns kein Bild machen, so unfassbar, so unmenschlich erscheint uns das Geschehene. 

Eine Tat, eine Geschichte hat immer viele Facetten. Der Roman, den ich heute besprechen möchte, steht im Dezember auf Platz 1 der Krimi-Bestenliste der FAZ. Das Genre „Krimi“ ist hier allerdings aus meiner Sicht viel zu kurz gegriffen, auch wenn der Plott eine Tat und ihre Umstände beleuchtet, und mit einem Toten beginnt …

Textzitat, Kapitel 1: 

Die Fee des frühen Morgens – Der Sommer in dem Marissa den Mond vermessen möchte, betritt Kimmo Joentaa den Raum, indem das Meer zu Hause ist. Sanna schwimmt im Sonnensee, Petri läuft zwischen Bäumen auf der Flucht vor sich selbst. David löscht die Sonne aus. Magnus und Stefan spielen Leben. Aune und Walteri stehen Hand in Hand. Lena tanzt mit dem Tod. Sakari lernt durch Wände zu gehen …

Turku, Finnland.

Vor aller Augen, in einem Brunnen vor dem Einkaufszentrum, saß hinter einem Schleier aus Wasser ein nackter Mann mit einem Messer. Sorgfältig hatte er zuvor seine Kleidung gefaltet, zu seinem ordentlichen Stapel aufgeschichtet und am Brunnenrand abgelegt, zusammen mit einem Paar blank geputzter Schuhe. Nur schemenhaft, schattenhaft, hatte der junge Mann, hinter der dünnen Wand aus Wasser, in die die Sonne kleine Regenbogen schickte, sein unfreiwilliges Publikum wahrgenommen, als er begonnen hatte, sich mit dem mitgebrachten Messer die ersten Verletzungen beizubringen …

Erste Blutstropfen begannen sich mit dem Brunnenwasser zu vermischen, als sich der Schuß aus der Dienstwaffe des Polizisten Petri Grönholm löste. Die Zeit schien still zu stehen, als Petri rannte, nachdem der zweite und der dritte Schuß gefallen waren. Fort, nur fort von dem Mann, der jetzt nackt vor dem Brunnen in einer Blutlache lag …

Ungläubig, hilflos, Lena konnte nicht mehr atmen. Wie ein Blitzschlag drängt das Unheil erneut ins Leben von Lena Nystad. Als sie wach wurde, war alles voller Rauch. Feuer! Eric, David – rief sie in Gedanken, gerade eben hatte sie sie doch noch gerügt, als sie mit nassen Badehosen den Teppich voll getropft hatten um in ihre Zimmer hinauf zu laufen. Den fremden Mann, der ihr aus dem brennenden Haus geholfen hatte, hatte sie nicht fragen können wo ihre beide Söhne waren, keinen Ton hatte sie aus ihrem Mund herauspressen können. Atmen, dachte sie, wie ging das noch, bevor sie das Bewußtsein verlor … 

Textzitat, Kapitel 40: 

Die gelebten Momente sind vergangen, die versäumten Momente auch.

Hinter dem Jungen öffnet sich der Raum, an dessen Wänden Schatten tanzen. Joentaa folgt dem Blick des Jungen. Jeder Schatten scheint mit einer Flamme zu verschmelzen und am Fenster steht ein kleines Bett in dem ein Affe liegt. Neben dem Affen ein schlafendes Kind …

Jan Costin Wagner – deutscher Schriftsteller, geb. 1972 in Hessen, lebt teils in Frankfurt, teils in Finnland in der Heimat seiner Frau. Mein erster Roman von ihm, Mann oh Mann, er hat wirklich eine ganz eigene Stimme! 

Die emotionale Feinheit in Wagner Sprache hält er durch bis zur letzten Silbe, dem letzten Buchstaben. Poetisch, mit intensivem Nachhall erobert er sich so für mich ein absolutes Alleinstellungsmerkmal in der Buchwelt.

Meine erste Assoziation nach dem Lesen des Titels war „Japan“. Sakari klang für mich so japanisch, und dort hatte man doch auch Wände aus Papier, oder? Aber weit gefehlt – mitten hinein geworfen hat mich Wagner in die Hitze dieses finnischen Sommers. Dieser Sommer, der nicht nur eine intensive Wärme abstrahlt, sondern eine bittersüße Melancholie, die mich sofort erfaßt und bis heute, nicht mehr losgelassen hat.

Seine Eröffnungs-Szene am Brunnen ist so unfassbar, so unfassbar gut, dass man meint, da kann doch gar nicht mehr viel kommen. Oh, doch – es kann und es kommt. Man sitzt hier förmlich im Kopf von Sakari und im Kopf des Polizisten, erlebt das Geschehen so nah, dass man meint mit Händen danach greifen zu können. 

Bunte Holzhäuser vor einem blauen Himmel, die Wiesen voll mit Sommerblumen. Mit nackten Beinen auf einem Bootssteeg am See sitzen, die Füße ins kühle Wasser baumeln lassen, lachen bis der Bauch weh tut, Eis essen soviel man schafft, in der Nacht mit dem Geodreieck den Mond vermessen, Nudeln mit Tomatensoße kochen und die Küche dabei einsauen … 

Die Unbeschwertheit eines Sommers prallt hier zusammen mit Leid, Schuld und Tod. Diese szenische Mischung macht Wagners Plott einzigartig. Hebt ihn für mich in den Roman-Olymp. Tiefgründig und klar, wie die Seen in Finnland.

Trauer, Verlust und Beherrschtheit, ein verhängnisvolles Unglück bindet hier zwei Familien aus der Nachbarschaft auf tragische Weise für immer aneinander und spaltet sie zugleich zutiefst. Ein jeder hier schultert sein Päckchen so gut wie er es vermag. Man wird Zeuge, wie eine Kurzschlußreaktion den Leben einen Stoß gibt, wie ein Kö einer Billardkugel. 

Kimmo Joentaa als feinfühliger Ermittler, mit ruhiger Hand agierend, in sich ruhend, integer und so sympatisch – ich bin sofort sein Fan geworden. Seine Intuition, sein Mitgefühl, wie er mit seiner Tochter umgeht, hat soviel Seele. Wagner schafft es mit viel Empathie Figuren zu zeichnen, mit denen man von Anfang an mitfühlt, denen man beistehen, die man umarmen, anschreien oder zum Freund haben möchte. 

Nachdem ich Mariana Lekys „Was man von hier aus sehen kann“ in diesem Jahr schon als mein Lieblings-Hörbuch gekürt hatte, war ich sicher – da kann so schnell nichts ran reichen. Wie man sich doch irren kann! Zum Glück!

Dieser Roman hat mich sehr bewegt und angerührt auf eine Weise, die mich als Nordland-Fan jetzt sagen läßt: Ihr Norweger und Isländer, die ihr schon einen festen Platz in meinem Herzen habt, müsst jetzt zusammenrücken – die Finnen kommen! Sakari, Waltari, Sanna, Petri, Kimmo und all die anderen – vielleicht gibt es ja ein Wiedersehen?

Hörbuch-Fassung:

Bewußt, obwohl gekürzt habe ich diese Geschichte als Hörbuch ausgewählt, wegen ihm, Matthias Brandt, dem „Bücherflüsterer“. Denn er könnte aus dem Telefonbuch vorlesen und ich würde mit offenem Mund und großen Augen vor ihm auf dem Boden sitzen. 

Und? Das hier ist wahrhaft großes Kino für die Ohren!

Gekonnt bespielt Brandt diese akustische Leinwand, wie es kein anderer vermocht hätte. Ich liebe es wie er liest. So herrlich unaufgeregt und eindringlich zugleich haucht er den Figuren Leben und Tiefgang ein. Wie kaum ein zweiter Vorleser ist er ihnen zugewandt. Was für eine wunderbare Wehmut, die Brandt mit seiner Stimme durch die Geschichte bis zu mir trägt. Unvergleichlich! 

Das letzte Wort ist noch nicht verklungen – da fehlen mir Kimmo und diese kleine Schicksalsgemeinschaft schon. Seit Tagen renne ich mit hängenden Ohren rum und frage mich, was ich jetzt bloß als nächstes hören soll. Was kann hier gegen jetzt bestehen? Über diesen Fall muss für mich ein wenig Gras wachsen …

Der Gentleman (Forrest Leo)

Sonntag, 03.12.2017

Stöbern in einer meiner Lieblingsbuchhandlungen, viel zu selten habe ich dazu noch die Gelegenheit. 

Danach erschöpft aber glücklich mit meiner „Beute“ in ein Café in der Nähe einkehren und sich hier ein kleines Buffet an Minitörtchen mit meinem Mann teilen. Die Schätze auspacken, her zeigen, losplaudern, diskutieren und sich stolz über da „Geschossene“ freuen ;-).

Wie sehr ich es genieße, mich mit einem belesenem Gegenüber auszutauschen. Besonders wenn ich gerade zuvor im Laden, mal alleine durch den Blätterwald gestapft bin.

Sehr nett finde ich auch die Idee, ergänzend zur persönlichen Beratung, Empfehlungen des Buchhändlers mittels handgeschriebener, kleiner Kärtchen in die Ansichtsexemplare zu stecken. Genau diese erregen jedes Mal meine Aufmerksamkeit. Aus diesem bunt schillernden Exemplar hier, ragte auch eines dieser Kärtchen und schwups war es in meinen Einkaufsbeutel gehüpft … 

Vorhang auf für:

Der Gentleman (Forrest Leo)

EpilogZitat: 

Ein wahrer Bericht, die Gefahren der Liebe, die Ehe, Duelle, die Poesie, Erfinder, die Familie, Anarchisten, Luftschiffe, die Begegnung mit dem Teufel, die Unterkleider der Damen, Malen nach der Natur, die Geschichte der Entdeckungen betreffend. – Niedergeschrieben von Mr. Lionel Savage & herausgegeben mit Einwänden von Mr. Hubert Lancaster

London, 1850. 

Lionel „Nellie“ Savage, Dichter, Schriftsteller, zweiundzwanzig, war Pleite. Pleite?! Unverblümt und unumwunden hatte ihm dies sein Butler Simmons soeben ins Gesicht gesagt. 

Nun gut, er hatte zwar als Autor eine gewisse Berühmtheit erlangt, aber irgendwie konnten seine Einkünfte offenbar nicht mit seinem Lebenswandel Schritt halten. Nach kurzer aber intensiver Überlegung war er jetzt zu dem Entschluß gekommen, dass eine Heirat in eine vermögende Familie einen durchaus akzeptablen Ausweg aus seiner Misere darstellen könne.

Nie hätte er jedoch gedacht, dass seine Brautschau so schnell von Erfolg gekrönt sein würde. Seine überhastete Entscheidung für die Ehe im Allgemeinen und für Vivien im Besonderen hatte ihm jedoch schnell ein weit größeres Problem beschert als seine Geldsorgen. Kaum verheiratet, konnte er nicht mehr schreiben! Kein einziges Wort mehr hatte er seither zu Papier gebracht. Er war verzweifelt, unangemessen, über die Maßen, dachte gar an Selbstmord und wünschte seine Frau, die fraglos an all dem die Schuld trug, zum Teufel! 

Ohne Pech, Schwefel und Pferdefuß war ihm dieser dann auch höchst selbst erschienen, als wahrer Gentleman, und am Ende dieses äußerst seltsam verlaufenen Zwiegesprächs war sie verschwunden – seine Frau. 

Zweifellos, spurlos und wie durch ein Wunder hatte sie sich danach auch in Luft aufgelöst – Lionels Schreibblockade …

Verwegen, berühmt, verrehrt, extrem gutaussehend = Ashley Lancaster, der Bruder seiner Frau. Eben noch auf Krakatau, oder war es der Dschungel von Borneo? Jetzt zurück in London war dieser, als er vom rätselhaften Verschwinden seiner Schwester hört, nicht etwa geschockt, nein er hatte sogleich ein neues Abenteuer gewittert – und ehe er sich versah, war unser blutleerer Dichter darin verstrickt gewesen. Bis über beide Ohren, Duell inbegriffen …

Textzitat S. 209: 

Hampstead Head im Morgengrauen ist ein Ort des Nebels, des Vogelgezwitschers und des Ehrenhandels. Es ist nicht unüblich, dass die morgendliche Stille von Pistolenschüssen zerissen wird oder das frühe Passanten das Klirren von Degenklingen vernehmen, die gedämpften Rufe verwundeter Männer und gelegentlich den Aufschrei einer Frau …

Forrest Leo, über ihn erfährt man im Klappentext nur soviel. Geboren 1990 in Alaska, dort auch aufgewachsen, ohne fließendes Wasser. Seinen Schulweg legte er mit dem Hundeschlitten zurück, er hat einen Bachelor in Schauspiel von der New York University und hat als Zimmermann gearbeitet. 

Was für eine Geschichte! Trickreich kombiniert, witzig und mit einer Wendung, die mir richtig Spaß gemacht hat. 

Was für eine charmante Idee! Liebevoll und herrlich schräg ausgestattet.

Leo wählt für seinen Roman, Pardon für die Geschichte aus der Feder von Lionel Savage, den er hier als Ich-Erzähler einsetzt, einen herrlich empört „britischen“ Ton, sprühend vor Wortwitz liefern sich seine Figuren wahre Satzduelle. Vorsicht beim Lesen in der Gegenwart anderer, hier ist ein amüsiertes Dauergrinsen, albernes Kichern oder gar lautes Auflachen nicht auszuschließen :-).

Bühnenreif, hab ich an vielen Stellen gedacht, am Ende dann in der Danksagung von Leo gelesen, dass es diesen Stoff tatsächlich zunächst als Theaterstück gegeben hat. Wie gerne hätte ich ihn inszeniert gesehen. Allein Kostüme und Bühnenbild dieser Zeit! Gut besetzt, muss das ein Kracher gewesen sein, die Dialoge wie Ballspiele, jede Pointe sitzt.

Seinem Übersetzer ins Deutsche, Cornelius Reiber, hat Leo es sicher nicht ganz einfach gemacht. Mit zahlreichen Fussnoten ist der Text gespickt, damit ist er auch für den geneigten Leser eine Herausforderung. Für mich als Gleitsichtbrillen-Glas-Trägerin ist das Kleingedruckte schon schwierig, ich hätte auch geflucht, oder sie überlesen, wären die treffsicher gesetzten Einwände, des Herausgebers von Lionel Savage, hinter den *Sternchen nicht so lohnend und die Idee so cool. Wunderbar leicht trifft das Team Leo/Reiber den etwas gesteltzten Ton dieser Zeit, verpassen sie Savage einen Snob-Touch der Laune macht und sein Butler ist zum Niederknien, schlagfertig, für jedes Problem eine Lösung zur Hand. So einen hätte ich auch gern an meiner Seite …

Ja, und das Cover des Aufbau-Verlages gibt wirklich alles. Was die Einen abschrecken mag, so bunt, so wirr, zieht die Anderen, wie mich geradezu magisch an. Alle Facetten dieses exzentrischen, viktorianischen Abenteuers will es einfangen, den Teufel rückt es dabei ins Zentrum. Er ist auch tatsächlich irgendwie der Dreh- und Angelpunkt der Geschichte, aber auf eine Art und Weise die überrascht und mich am Schluß die Brauen bis unter’s Pony hochziehen läßt! Chapeau!