13 Stufen (Kazuaki Takano)

Sonntag, 07.01.2018

Ob Good Wife, Suits, Ally McBeal – für gut gemachte Anwaltsserien hatte ich schon immer eine Schwäche. Im Zweifel für den Angeklagten, aus Mangel an Beweisen, berechtigte Zweifel. Wie eloquent, bisweilen spitzfindig sich hier die Anwälte und Richter mit Worten duellieren, auch schon mal um Kopf und Kragen reden. Wie gewiefte Ermittler Tatsachen an’s Licht befördern und Zusammenhänge herstellen, das hat für mich eine ganz eigene Spannung. Das amerikanische Rechtssystem lernt man in diesen Storys ganz gut kennen, mit dem japanischen hatte ich mich bislang noch überhaupt nicht beschäftigt. Auch nicht damit, das noch heute in Japan die Todesstrafe verhängt und vollstreckt wird. 

Wenn dann in einer Geschichte auch noch im Wettlauf gegen die Uhr ermittelt wird, um die etwaige Unschuld eines Todeskandidaten zu beweisen, was sollte mich da denn noch zurückhalten? Schaut mal …

13 Stufen (Kazuaki Takano)

Er lauschte angespannt auf die Schritte, die sich auf dem Flur näherten. Würden sie heute vor seiner Zellentür anhalten? Seit über sieben Jahres saß Kihara jetzt hier ein, in einer Zelle, im Todestrakt der Justizvollzugsanstalt Tokio, auf rund drei Quadratmetern und wartete. Wartete, dass sie ihn holen kamen. Viermal hatten sie in diesen sieben Jahren seine Revisionsanträge abgelehnt. Er selbst konnte sich weder an die Tat noch an den Tathergang erinnern. Auf der Straße, schwer verletzt, neben seinem Motorad liegend, hatte man ihn damals gefunden. Schädelbasisbruch, retrograde Amnesie. Dieser Gedächtnisverlust hatte ihm am Ende die Todesstrafe eingebracht. Denn seinem Anwalt war es nicht gelungen mit Hilfe seiner Erinnerungen die Tatvorwürfe der Gegenseite zu entkräften. Wie lange würden sie ihn noch warten lassen? Wie lange, würde er diese Angst noch aushalten können?

Dreizehn Instanzen waren notwendig um ein richterlich verhängtes Todesurteil zur Vollstreckung zu bringen. Analog den dreizehn Stufen, die historisch hinauf zum Galgen führten. Ohne das Kihara es selbst wahrnehmen konnte, hatte er jetzt nach sieben Jahres die fünfte Stufe erreicht. Acht Instanzen trennten Kihara jetzt noch vom Galgen. In Zeit gemessen, entsprachen diese acht Stufen in etwa drei Monaten …

Als der Dienstälteste der sieben Vollzugsbeamten den Lichtschalter betätigte und die Neonröhren den Exekutionsraum in flackerndes Licht tauchten, fiel Herrn Nangos Blick sofort auf die drei Taster. Einer dieser Taster würde morgen die Falltüre öffnen, die dem Delinquenten den Boden unter den Füßen wegzog. Drei Taster für drei Beamte waren es deshalb, damit am Ende keiner von den dreien wußte, durch wessen Knopfdruck der Häftling getötet worden war. Seine Aufgabe am morgigen Tag sollte es sein, dem Verurteilten die Füße zu binden und die Schlinge um den Hals zu legen. Dies war seine erste Hinrichtung. Morgen also war es soweit, nach fünf Jahren im Dienst, würden morgen seine beiden Hände einem Menschen den Tod bringen. Morgen also, würde er vom Beamten zum Henker werden …

Juni’chi Mikami hatte seine Familie rouiniert. Die Kneipenschlägerei, die mit dem Tod seines Gegners geendet hatte und für die er zwei Jahre ins Gefängnis gewandert war, hatte seinen Vater die Existenz gekostet. Sein Bruder hatte nicht mehr weiter zur Schule gehen können. Einen Mörder in der Familie zu haben, war ein Makel, den sie nicht hatten überdecken können. Jetzt, auf Bewährung entlassen, konfrontiert mit dem Elend der Eltern, die dies auch noch klaglos schulterten, begriff Juni’chi das Ausmaß dieses verhängnisvollen Abends vor zwei Jahren erst vollumfänglich. 

Dieses Jobangebot, es kam unvermutet, das in Aussicht gestellte Erfolgshonorar war schier unglaublich. Warum gerade er, ein Ex-Häftling? Wie sollte er es als ermittelnder Assistent einer Anwaltskanzlei schaffen einen Todeskandidaten vor dem Galgen zu bewahren?

Kazuaki Takano – geboren 1964 in der Präfektur Tokio, ist japanischer Schriftsteller und Drehbuchautor. „13 Stufen“ erschien in Japan bereits 2001 und ist sein erster Roman. In der deutschen Übersetzung und Hörbuchfassung ist er erst in diesem Jahr 2017 erschienen. Sein zweites Buch „Extinction“ wurde in Deutschland 2015 zuerst veröffentlicht und kletterte bis auf Platz 4 der Spiegel-Bestenliste.

Takano konfrontiert uns in den „13 Stufen“ mit seiner Sicht auf das japanische Rechtssystem inklusive der Todesstrafe. Gleich ob Notwehr oder Totschlag, Schuld, Reue oder Güte. Aufopferung, Rachedurst oder flammender Zorn. Meine eigene Einstellung zur Todesstrafe in einer modernen Gesellschaft kommt hier gleich mit auf den Prüfstand. Was ist mit all den Fällen, die eben nicht glasklar und eindeutig sind? Erlöst man durch einen schnellen Tod nicht sogar einen Täter von seiner Schuld? Wäre es nicht gerechter, ihn diese Last im Verlauf einer lebenslangen Gefängnisstrafe  ertragen, ja aushalten zu lassen? Was aber, wenn ein Täter gar keine Schuld, oder gar Reue empfindet? 

Interpretiert man Kant tatsächlich richtig, indem man in einem Rechtssystem die Todesstrafe installiert? Sagt dieser doch, das nur die absolute Vergeltung Gerechtigkeit schaffen kann? Wenn Gott Sündern vergeben kann, warum können wir Menschen das nicht auch? Wieviel politisches Kalkül steckt in einer Vollstreckung? Wie sonst kann es sein, dass bei dem System der dreizehn Instanzen in Japan, immer dann die meisten Hinrichtungen vollzogen werden, wenn die Regierung wechselt? 

Reue? Kann das glaubhafte Versichern von Reue den Opfern, den Hinterbliebenen jemals genug sein? Ist der Ruf nach Vergeltung nicht zwingend, notwendig und mehr als legitim? 

Darf man als Täter überhaupt auf Vergebung hoffen? Wie kann es gelingen, die Last einer Schuld zu tragen? Wird man, darf man als Täter jemals wieder Ruhe finden? War die Tat wirklich unausweichlich gewesen? Irgendwie heißt es für alle mit dem Alltag weiter machen, gleich ob Opfer oder Täter, Vollstrecker oder Helfer …

Dadurch, das und wie sehr Takano mich hier ins Grübeln und Wanken bringt, geht sein „13 Stufen“ für mich weit über einen normalen Krimi hinaus.

Der Wechsel der Blickwinkel und das sich dieser Roman immer eher mit der Sicht der Täter beschäftigt und hierbei deren Empathie für die Opfer nicht ausschließt, das hat man nicht häufig. Die Idee gar einen Täter zum Ermittler zu machen, ist noch ungewöhnlicher und für mich ein gelungener Kunstgriff. 

Durch die Kombination von Korrektheit, Disziplin und die japanischen Traditionen, die sich bis heute in deren Umgangsformen hinein getragen haben, erhält dieser Kriminalfall eine ganz eigene Note. 

Wir durchleben eine Schnitzeljagd, unter enormem Zeitdruck, bis alle Puzzlesteine an ihren Platz gefallen sind. Unterwegs warten so einige spannende Wendungen, und wir sind bisweilen auch mal auf falschen Fährten unterwegs. In einer versunkenen Tempelstadt gehen wir auf die Suche nach den letzten belastenden Beweisen, begeben wir uns mit den Ermittern in Lebensgefahr. Der Roman gipfelt in einem Katz und Maus-Spiel, einem variantenreichen Show-Down, bei dem auch Buddha seinen Beitrag zur Aufklärung leistet …

Wie Takano die Details der Hinrichtungen beschreibt, die mit einer Akribie vorbereitet und geprobt werden, machte mir eine Gänsehaut. Besonders, wenn man sich vor Augen hält, was es mit denen macht, die zum Henker ernannt, zum Vollstrecker bestimmt werden. Vor allem dann, wenn der Verurteilte bis zum letzten Atemzug um Gnade fleht, um sein Leben bettelt und beteuert, die Tat nicht begangen zu haben.

Was es mit denen macht, die Nacht für Nacht die Schreie der Delinquenten in ihren Träumen hören. Die Geräusche des reibenden Seils, des erstickenden Atems, das Brechen der Knochen nicht mehr verstummen wollen. Was es mit denen macht, die sich daran erinnern, dass es sechzehn Minuten gedauert hat, bis das Herz des Hingerichteten tatsächlich stillgestanden hat und er dann noch weitere fünfzehn Minuten im Seil hängen musste. Was es mit denen macht, die als dessen Henker, den Leichnam auch vom Seil abnehmen, reinigen und mit dem Totenhemd bekleiden müssen …

Hörbuch-Fassung, gelesen von Sascha Rotermund

Profi durch und durch. Zwei Hörbücher habe ich schon von ihm geniessen dürfen. Sprachlich und inhaltlich unterscheiden sich diese komplett von den „13 Stufen“. Rotermund beweist für mich, wie wandelbar er sich auf solche Unterschiedlichkeit einstellen kann. Glaubwürdig, klar und flüssig liest Rotermund diesen Text. Den japanischen Grundton transportiert er ganz wunderbar, sanft, schlicht und reduziert. Besonders sein Vortrag der Hinrichtungsszenen ist mir dabei wirklich unter die Haut gekrochen …

Advertisements

Das Parfüm (Patrick Süsskind)

Freitag, 05.01.2018

In der Musik nennt man sie Evergreens, in der Literatur Klassiker, in der Belletristik gibt es sie auch – Geschichten ohne Alter, Kultbücher. Letztens beim Aufräumen meines Bücherregals, bin ich auf ein solches Exemplar gestoßen. Der Schutzumschlag war mir über die Jahre verloren gegangen, unscheinbar, seltsam entblößt, kommt der rote Leineneinband daher. Rot, rot wie Blut, wie Leid und Verderben … Als ich es in die Hand nahm überlief mich ein Schauer. So war es mir damals auch ergangen. Wie lange ist das letzte Mal lesen eigentlich her? Irgendwann Ende der Achtziger mußte es gewesen sein. Als ich aufbrach, in meiner Leseentwicklung, vom Teenager zur Erwachsenen. Da gab es bei mir eine echte „Horrorphase“. Alle Bücher von Stephen King habe ich förmlich inhaliert, damals lag auch „Der Exorzist“ auf meinem Nachttisch und dieses Exemplar hier:

Das Parfüm (Patrick Süsskind)

17. Juli 1738. Es war einer der heißesten Tage des Jahres an dem Jean-Baptiste Grenouille geboren wurde. Seine Mutter, Mitte zwanzig, hochschwanger tat ihren Dienst an einer Fischbude auf dem Markt als die Wehen einsetzten. Es war ihre fünfte Niederkunft, allesamt Totgeburten, warum also sollte es diesmal anders sein? Auch heute würde das Neugeborene unter dem Tisch bei den Fischabfällen landen und von dort aus entsorgt werden, eine bewährte Methode. Aber heute war es anders, heute fing das blutige Bündel unter dem Tisch an markerschütternd zu schreien. Die Umstehenden waren entsetzt, als sie des Fundes gewahr wurden. Die junge Frau wurde verhaftet, abgeführt. Als sie dann auch noch unumwunden zugab, dass sie sich nicht weiter um das Neugeborene hätte kümmern wollen und es auch nicht der erste „Abgang“ sei, wurde ihr kurzer Hand wegen mehrfachem Kindsmord der Prozeß gemacht und sie verlor nur ein paar Wochen später bei einer öffentlichen Hinrichtung den Kopf.

Jean-Baptiste kam daraufhin zu einer Amme, aber diese Amme und auch die nächste und übernächste wollten den Säugling nicht länger als ein paar Tage behalten. Er sauge zu gierig, für die anderen Stillkinder ließe er nichts mehr übrig und es war eigentümlich, achtete man einmal genau, dieses Kind hatte irgendwie keinen Eigengeruch …

Herum gestoßen und ungeliebt wuchs Jean auf, ging als er alt genug war bei einem Gerber in die Lehre. Was für ein Gestank! Besonders für ihn. Schon früh bemerkte er, dass er mit einer besonderen Gabe ausgestattet war. Sein Geruchssinn war nicht nur bemerkenswert, sondern einzigartig. Das ihn sein weiterer Berufsweg dann nach Grasse in die Stadt der Parfümeure führte, war also nur konsequent. Dort komponierte und schuf er schon bald außergewöhnliche Düfte. Keine normalen Zutaten wollte er verarbeiten, nein, es mußte doch gehen auch Gegenständen ihren Duft zu entlocken, Metall, Glas – welches Verfahren konnte das? Die normale Destillation stieß hier an ihre Grenzen.

Dieser Abend in den Gassen von Grasse sollte sein Leben nicht prägen, nein er würde es auf den Kopf stellen. Der Duft dem er folgte war betörend und unvergleichlich. Als ihm bewußt wurde, zu wem er gehörte, hatte er sich der wunderschönen, rothaarigen jungen Frau auch schon von hinten genähert und sie erwürgt. Jetzt musste es ihm nur noch gelingen ihren Duft zu extrahieren und zu konservieren …

Patrick Süskind gilt als scheu, über die Entstehungsgeschichte seines Erfolgsromans ist daher bis heute nicht viel bekannt. „Das Parfüm“ erschien 1985 wurde in 48 Sprachen übersetzt, und bis heute weltweit über 20 Millionen mal verkauft. Damit gilt der Roman als einer der größten deutschsprachigen Bucherfolge des 20. Jahrhunderts. Neun !! Jahre lang behauptete er sich auf der Spiegel-Bestsellerliste und neun Jahre dauerte es auch, bis der Diogenes Verlag erstmals eine Taschenbuch-Ausgabe verlegte. 2001 verkaufte Süskind die Filmrechte an seinen Freund Bernd Eichinger. Fünf Jahre später feierte die Verfilmung dann Premiere.

Seine Geschichte und sein Mörder sind rein fiktiv, Recherche über Destillation und Parfümherstellung jedoch sind fundiert und historisch genau recherchiert, wie auch viele andere Inhalte des Romans. Meisterhaft verwoben hat Süskind Fiktion und Fakten, so habe ich erst geglaubt Grenouille ist als Serienmörder ebenso real wie „Jack the Ripper“. 

Sprachlich immer noch jung, eine eigenartige Faszination, ja Hassliebe verbindet mich mit seiner Hauptfigur. Fürwahr ein Klassiker, einer der besten Thriller, die mir je zwischen die Augen gekommen ist. Nein, eigentlich paßt diese Einordnung nicht, dieser Roman ist Sittengemälde, Krimi, Parabel, historische Erzählung und Lehrbuch gleichermaßen. Neben spannender Unterhaltung lernt man eine Menge über Parfüm, Ingredenzien, Herstellungsverfahren. Ein guter Duft ist mindestens genauso verlockend wie ein gutes Buch. Kein Wunder also, dass diese Kombination eine außergewöhnlich gute Geschichte ergab …

Sakari lernt, durch Wände zu gehen (Jan Costin Wagner)

Sonntag, 10.12.2017

Hörgenuß voraus!

Wie es sich anfühlt, einen Menschen zu verlieren, der einem das Lebenslicht gewesen ist, haben viele von uns schon erleben müssen.

Wie muss es sich anfühlen, das Lebenslicht eines Menschen auszulöschen, unabsichtlich, den eigenen Fehler vielleicht  einsehend? Wie unfassbar erschreckend allein diese Frage ist. 

Unsere Nachrichten sind täglich voll von Gewalttaten, die Berichterstattung oft reißerisch und plakativ, bleibt an der Oberfläche. Wir sehen Bilder die uns erstarren lassen – nicht nur in den Nachrichten, sondern auch in den sozialen Netzwerken. Die immer gleichen Sequenzen werden dann gezeigt, zerpflückt und diskutiert. Die Gefühlswelt der Betroffenen, gleich auf welcher Seite der Tat sie stehen, können wir dabei bestenfalls erahnen. Wollen sie auch so manches Mal gar nicht verstehen, uns kein Bild machen, so unfassbar, so unmenschlich erscheint uns das Geschehene. 

Eine Tat, eine Geschichte hat immer viele Facetten. Der Roman, den ich heute besprechen möchte, steht im Dezember auf Platz 1 der Krimi-Bestenliste der FAZ. Das Genre „Krimi“ ist hier allerdings aus meiner Sicht viel zu kurz gegriffen, auch wenn der Plott eine Tat und ihre Umstände beleuchtet, und mit einem Toten beginnt …

Textzitat, Kapitel 1: 

Die Fee des frühen Morgens – Der Sommer in dem Marissa den Mond vermessen möchte, betritt Kimmo Joentaa den Raum, indem das Meer zu Hause ist. Sanna schwimmt im Sonnensee, Petri läuft zwischen Bäumen auf der Flucht vor sich selbst. David löscht die Sonne aus. Magnus und Stefan spielen Leben. Aune und Walteri stehen Hand in Hand. Lena tanzt mit dem Tod. Sakari lernt durch Wände zu gehen …

Turku, Finnland.

Vor aller Augen, in einem Brunnen vor dem Einkaufszentrum, saß hinter einem Schleier aus Wasser ein nackter Mann mit einem Messer. Sorgfältig hatte er zuvor seine Kleidung gefaltet, zu seinem ordentlichen Stapel aufgeschichtet und am Brunnenrand abgelegt, zusammen mit einem Paar blank geputzter Schuhe. Nur schemenhaft, schattenhaft, hatte der junge Mann, hinter der dünnen Wand aus Wasser, in die die Sonne kleine Regenbogen schickte, sein unfreiwilliges Publikum wahrgenommen, als er begonnen hatte, sich mit dem mitgebrachten Messer die ersten Verletzungen beizubringen …

Erste Blutstropfen begannen sich mit dem Brunnenwasser zu vermischen, als sich der Schuß aus der Dienstwaffe des Polizisten Petri Grönholm löste. Die Zeit schien still zu stehen, als Petri rannte, nachdem der zweite und der dritte Schuß gefallen waren. Fort, nur fort von dem Mann, der jetzt nackt vor dem Brunnen in einer Blutlache lag …

Ungläubig, hilflos, Lena konnte nicht mehr atmen. Wie ein Blitzschlag drängt das Unheil erneut ins Leben von Lena Nystad. Als sie wach wurde, war alles voller Rauch. Feuer! Eric, David – rief sie in Gedanken, gerade eben hatte sie sie doch noch gerügt, als sie mit nassen Badehosen den Teppich voll getropft hatten um in ihre Zimmer hinauf zu laufen. Den fremden Mann, der ihr aus dem brennenden Haus geholfen hatte, hatte sie nicht fragen können wo ihre beide Söhne waren, keinen Ton hatte sie aus ihrem Mund herauspressen können. Atmen, dachte sie, wie ging das noch, bevor sie das Bewußtsein verlor … 

Textzitat, Kapitel 40: 

Die gelebten Momente sind vergangen, die versäumten Momente auch.

Hinter dem Jungen öffnet sich der Raum, an dessen Wänden Schatten tanzen. Joentaa folgt dem Blick des Jungen. Jeder Schatten scheint mit einer Flamme zu verschmelzen und am Fenster steht ein kleines Bett in dem ein Affe liegt. Neben dem Affen ein schlafendes Kind …

Jan Costin Wagner – deutscher Schriftsteller, geb. 1972 in Hessen, lebt teils in Frankfurt, teils in Finnland in der Heimat seiner Frau. Mein erster Roman von ihm, Mann oh Mann, er hat wirklich eine ganz eigene Stimme! 

Die emotionale Feinheit in Wagner Sprache hält er durch bis zur letzten Silbe, dem letzten Buchstaben. Poetisch, mit intensivem Nachhall erobert er sich so für mich ein absolutes Alleinstellungsmerkmal in der Buchwelt.

Meine erste Assoziation nach dem Lesen des Titels war „Japan“. Sakari klang für mich so japanisch, und dort hatte man doch auch Wände aus Papier, oder? Aber weit gefehlt – mitten hinein geworfen hat mich Wagner in die Hitze dieses finnischen Sommers. Dieser Sommer, der nicht nur eine intensive Wärme abstrahlt, sondern eine bittersüße Melancholie, die mich sofort erfaßt und bis heute, nicht mehr losgelassen hat.

Seine Eröffnungs-Szene am Brunnen ist so unfassbar, so unfassbar gut, dass man meint, da kann doch gar nicht mehr viel kommen. Oh, doch – es kann und es kommt. Man sitzt hier förmlich im Kopf von Sakari und im Kopf des Polizisten, erlebt das Geschehen so nah, dass man meint mit Händen danach greifen zu können. 

Bunte Holzhäuser vor einem blauen Himmel, die Wiesen voll mit Sommerblumen. Mit nackten Beinen auf einem Bootssteeg am See sitzen, die Füße ins kühle Wasser baumeln lassen, lachen bis der Bauch weh tut, Eis essen soviel man schafft, in der Nacht mit dem Geodreieck den Mond vermessen, Nudeln mit Tomatensoße kochen und die Küche dabei einsauen … 

Die Unbeschwertheit eines Sommers prallt hier zusammen mit Leid, Schuld und Tod. Diese szenische Mischung macht Wagners Plott einzigartig. Hebt ihn für mich in den Roman-Olymp. Tiefgründig und klar, wie die Seen in Finnland.

Trauer, Verlust und Beherrschtheit, ein verhängnisvolles Unglück bindet hier zwei Familien aus der Nachbarschaft auf tragische Weise für immer aneinander und spaltet sie zugleich zutiefst. Ein jeder hier schultert sein Päckchen so gut wie er es vermag. Man wird Zeuge, wie eine Kurzschlußreaktion den Leben einen Stoß gibt, wie ein Kö einer Billardkugel. 

Kimmo Joentaa als feinfühliger Ermittler, mit ruhiger Hand agierend, in sich ruhend, integer und so sympatisch – ich bin sofort sein Fan geworden. Seine Intuition, sein Mitgefühl, wie er mit seiner Tochter umgeht, hat soviel Seele. Wagner schafft es mit viel Empathie Figuren zu zeichnen, mit denen man von Anfang an mitfühlt, denen man beistehen, die man umarmen, anschreien oder zum Freund haben möchte. 

Nachdem ich Mariana Lekys „Was man von hier aus sehen kann“ in diesem Jahr schon als mein Lieblings-Hörbuch gekürt hatte, war ich sicher – da kann so schnell nichts ran reichen. Wie man sich doch irren kann! Zum Glück!

Dieser Roman hat mich sehr bewegt und angerührt auf eine Weise, die mich als Nordland-Fan jetzt sagen läßt: Ihr Norweger und Isländer, die ihr schon einen festen Platz in meinem Herzen habt, müsst jetzt zusammenrücken – die Finnen kommen! Sakari, Waltari, Sanna, Petri, Kimmo und all die anderen – vielleicht gibt es ja ein Wiedersehen?

Hörbuch-Fassung:

Bewußt, obwohl gekürzt habe ich diese Geschichte als Hörbuch ausgewählt, wegen ihm, Matthias Brandt, dem „Bücherflüsterer“. Denn er könnte aus dem Telefonbuch vorlesen und ich würde mit offenem Mund und großen Augen vor ihm auf dem Boden sitzen. 

Und? Das hier ist wahrhaft großes Kino für die Ohren!

Gekonnt bespielt Brandt diese akustische Leinwand, wie es kein anderer vermocht hätte. Ich liebe es wie er liest. So herrlich unaufgeregt und eindringlich zugleich haucht er den Figuren Leben und Tiefgang ein. Wie kaum ein zweiter Vorleser ist er ihnen zugewandt. Was für eine wunderbare Wehmut, die Brandt mit seiner Stimme durch die Geschichte bis zu mir trägt. Unvergleichlich! 

Das letzte Wort ist noch nicht verklungen – da fehlen mir Kimmo und diese kleine Schicksalsgemeinschaft schon. Seit Tagen renne ich mit hängenden Ohren rum und frage mich, was ich jetzt bloß als nächstes hören soll. Was kann hier gegen jetzt bestehen? Über diesen Fall muss für mich ein wenig Gras wachsen …

Der Gentleman (Forrest Leo)

Sonntag, 03.12.2017

Stöbern in einer meiner Lieblingsbuchhandlungen, viel zu selten habe ich dazu noch die Gelegenheit. 

Danach erschöpft aber glücklich mit meiner „Beute“ in ein Café in der Nähe einkehren und sich hier ein kleines Buffet an Minitörtchen mit meinem Mann teilen. Die Schätze auspacken, her zeigen, losplaudern, diskutieren und sich stolz über da „Geschossene“ freuen ;-).

Wie sehr ich es genieße, mich mit einem belesenem Gegenüber auszutauschen. Besonders wenn ich gerade zuvor im Laden, mal alleine durch den Blätterwald gestapft bin.

Sehr nett finde ich auch die Idee, ergänzend zur persönlichen Beratung, Empfehlungen des Buchhändlers mittels handgeschriebener, kleiner Kärtchen in die Ansichtsexemplare zu stecken. Genau diese erregen jedes Mal meine Aufmerksamkeit. Aus diesem bunt schillernden Exemplar hier, ragte auch eines dieser Kärtchen und schwups war es in meinen Einkaufsbeutel gehüpft … 

Vorhang auf für:

Der Gentleman (Forrest Leo)

EpilogZitat: 

Ein wahrer Bericht, die Gefahren der Liebe, die Ehe, Duelle, die Poesie, Erfinder, die Familie, Anarchisten, Luftschiffe, die Begegnung mit dem Teufel, die Unterkleider der Damen, Malen nach der Natur, die Geschichte der Entdeckungen betreffend. – Niedergeschrieben von Mr. Lionel Savage & herausgegeben mit Einwänden von Mr. Hubert Lancaster

London, 1850. 

Lionel „Nellie“ Savage, Dichter, Schriftsteller, zweiundzwanzig, war Pleite. Pleite?! Unverblümt und unumwunden hatte ihm dies sein Butler Simmons soeben ins Gesicht gesagt. 

Nun gut, er hatte zwar als Autor eine gewisse Berühmtheit erlangt, aber irgendwie konnten seine Einkünfte offenbar nicht mit seinem Lebenswandel Schritt halten. Nach kurzer aber intensiver Überlegung war er jetzt zu dem Entschluß gekommen, dass eine Heirat in eine vermögende Familie einen durchaus akzeptablen Ausweg aus seiner Misere darstellen könne.

Nie hätte er jedoch gedacht, dass seine Brautschau so schnell von Erfolg gekrönt sein würde. Seine überhastete Entscheidung für die Ehe im Allgemeinen und für Vivien im Besonderen hatte ihm jedoch schnell ein weit größeres Problem beschert als seine Geldsorgen. Kaum verheiratet, konnte er nicht mehr schreiben! Kein einziges Wort mehr hatte er seither zu Papier gebracht. Er war verzweifelt, unangemessen, über die Maßen, dachte gar an Selbstmord und wünschte seine Frau, die fraglos an all dem die Schuld trug, zum Teufel! 

Ohne Pech, Schwefel und Pferdefuß war ihm dieser dann auch höchst selbst erschienen, als wahrer Gentleman, und am Ende dieses äußerst seltsam verlaufenen Zwiegesprächs war sie verschwunden – seine Frau. 

Zweifellos, spurlos und wie durch ein Wunder hatte sie sich danach auch in Luft aufgelöst – Lionels Schreibblockade …

Verwegen, berühmt, verrehrt, extrem gutaussehend = Ashley Lancaster, der Bruder seiner Frau. Eben noch auf Krakatau, oder war es der Dschungel von Borneo? Jetzt zurück in London war dieser, als er vom rätselhaften Verschwinden seiner Schwester hört, nicht etwa geschockt, nein er hatte sogleich ein neues Abenteuer gewittert – und ehe er sich versah, war unser blutleerer Dichter darin verstrickt gewesen. Bis über beide Ohren, Duell inbegriffen …

Textzitat S. 209: 

Hampstead Head im Morgengrauen ist ein Ort des Nebels, des Vogelgezwitschers und des Ehrenhandels. Es ist nicht unüblich, dass die morgendliche Stille von Pistolenschüssen zerissen wird oder das frühe Passanten das Klirren von Degenklingen vernehmen, die gedämpften Rufe verwundeter Männer und gelegentlich den Aufschrei einer Frau …

Forrest Leo, über ihn erfährt man im Klappentext nur soviel. Geboren 1990 in Alaska, dort auch aufgewachsen, ohne fließendes Wasser. Seinen Schulweg legte er mit dem Hundeschlitten zurück, er hat einen Bachelor in Schauspiel von der New York University und hat als Zimmermann gearbeitet. 

Was für eine Geschichte! Trickreich kombiniert, witzig und mit einer Wendung, die mir richtig Spaß gemacht hat. 

Was für eine charmante Idee! Liebevoll und herrlich schräg ausgestattet.

Leo wählt für seinen Roman, Pardon für die Geschichte aus der Feder von Lionel Savage, den er hier als Ich-Erzähler einsetzt, einen herrlich empört „britischen“ Ton, sprühend vor Wortwitz liefern sich seine Figuren wahre Satzduelle. Vorsicht beim Lesen in der Gegenwart anderer, hier ist ein amüsiertes Dauergrinsen, albernes Kichern oder gar lautes Auflachen nicht auszuschließen :-).

Bühnenreif, hab ich an vielen Stellen gedacht, am Ende dann in der Danksagung von Leo gelesen, dass es diesen Stoff tatsächlich zunächst als Theaterstück gegeben hat. Wie gerne hätte ich ihn inszeniert gesehen. Allein Kostüme und Bühnenbild dieser Zeit! Gut besetzt, muss das ein Kracher gewesen sein, die Dialoge wie Ballspiele, jede Pointe sitzt.

Seinem Übersetzer ins Deutsche, Cornelius Reiber, hat Leo es sicher nicht ganz einfach gemacht. Mit zahlreichen Fussnoten ist der Text gespickt, damit ist er auch für den geneigten Leser eine Herausforderung. Für mich als Gleitsichtbrillen-Glas-Trägerin ist das Kleingedruckte schon schwierig, ich hätte auch geflucht, oder sie überlesen, wären die treffsicher gesetzten Einwände, des Herausgebers von Lionel Savage, hinter den *Sternchen nicht so lohnend und die Idee so cool. Wunderbar leicht trifft das Team Leo/Reiber den etwas gesteltzten Ton dieser Zeit, verpassen sie Savage einen Snob-Touch der Laune macht und sein Butler ist zum Niederknien, schlagfertig, für jedes Problem eine Lösung zur Hand. So einen hätte ich auch gern an meiner Seite …

Ja, und das Cover des Aufbau-Verlages gibt wirklich alles. Was die Einen abschrecken mag, so bunt, so wirr, zieht die Anderen, wie mich geradezu magisch an. Alle Facetten dieses exzentrischen, viktorianischen Abenteuers will es einfangen, den Teufel rückt es dabei ins Zentrum. Er ist auch tatsächlich irgendwie der Dreh- und Angelpunkt der Geschichte, aber auf eine Art und Weise die überrascht und mich am Schluß die Brauen bis unter’s Pony hochziehen läßt! Chapeau!

Origin (Dan Brown)

Samstag, 28.10.2017

Unser Spaziergang ist beinahe zu Ende. Wir haben das Pferd quasi von hinten aufgezäumt. Sind am Ausgang des Park Güell in Barcelona zu unserer Wanderung aufgebrochen. Immer wieder haben wir einen wunderbaren Rundumblick genossen, jetzt nehmen wir Platz auf den sonnenwarmen Fliesen der vielleicht schönsten Ruhebank der Welt. „Der Schlangenbank“ gestaltet von Antoni Gaudí. Überall findet man in Barcelona steinerne Zeugen seines kreativen Schaffens, unfassbar visionär und modern, damals wie heute, unglaublich märchenhaft. An den „Krieg der Sterne“ denkt man wahrscheinlich zuletzt, wenn man über Gaudí spricht und doch hat er den Regisseur George Lucas inspiriert. Nämlich mit den Schornsteinen die er auf seine Casa Milà gezaubert hat. Die auf die Abzüge gestülpten Hauben standen Pate für die Helme der Stormtroopers

Auf den ersten Blick verzaubert Gaudís Verspieltheit, erst auf den zweiten Blick entdeckt man seine Liebe zur Natur, die ihm Vorbild für viele Gestaltungselemente gewesen ist und nicht nur das. Das Dach seiner großartigen unvollendeten Basilika, seiner Sagrada Familia, stützt ein ganzer Wald aus steinernen Bäumen. Das Licht hier ist magisch! Immer noch wird an ihr gebaut, 2026 zu Gaudís hunderstem Todestag soll die Sagrada Familia vollendet sein. Hier, in ihrer Krypta, ist ihr Architekt auch begraben.

Wie auf den dritten Blick bemerkt man als Laie Gaudís Genialität als Baumeister. Auf meisterhafte Art und Weise verbindet er das Praktische, das Nützliche mit dem Anmutigen, das und eine Formensprache die fasziniert, kann man in den Wohnhäusern bestaunen die er entworfen hat. Man nehme nur die kiemenartigen Durchlüftungsmechanismen auf den Wäschetrockenböden der Casa Batlló, seines „Knochenhauses“. Unverwechselbar ist seine Handschrift, dafür und wie prägend seine Kunst für das Stadtbild von Barcelona bis heute ist, verehre ich ihn. Kein Wunder also, das ich mit diesen Bildern im Kopf in den neuen Robert Langdon Roman gestartet bin, kaum hatte ich auf dem Cover die Sagrada Familia erkannt und im Klappentext Barcelona gelesen.

Origin (Dan Brown)

Textzitat: „Wir müssen bereit sein, uns von dem Leben zu lösen das wir geplant haben, um das Leben führen zu können, das uns erwartet“. Joseph Campell

Bilbao. Mit wehenden Frackschössen war Robert Langdon auf das Guggenheim Museum zugeeilt. Eine kryptische Einladung von einem seiner ehemaligen Studenten, Edmond Kirsch, hatte ihn hergeführt. Obwohl kein Freund moderner Kunst und Architektur musste Langdon dem eindrucksvollen Bauwerk dann doch seinen Respekt zollen. Wie er vor ihm aus der Dunkelheit auftauchte, dieser riesige Baukörper, von Flammensäulen umzuckt, beinahe geisterhaft schwebend, auf einer dünnen Nebelschicht, die sich jetzt langsam verzog. Eine japanische Künstlerin hatte die Intitialen des Architekten F.O.G. aufgegriffen und mit ihrer Nebelskulptur das Gebäude mit einem ätherisch schönen Effekt in Szene gesetzt. Gespannt was im Inneren auf ihn wartete, verschluckte der Eingang des Museums, schwarz und weit geöffnet unseren zügig voran schreitenden Professor …

Als das Event endlich startete wurden alle dreihundert Besucher aus den lichten Ausstellungsräumen, durch einen dunklen Tunnel, auf eine Wiese geleitet. Allen händigte man eine Decke mit einem eingenähten Kissen aus. Ein schier endloser Sternenhimmel überspannte die Fläche, auf der jetzt alle Platz nahmen. Langdon brauchte eine Weile, bis ihm aufging, das er hier gar nicht im Freien war, sogar der Duft nach frischem Gras war eine perfekte Illusion. Auf dem Rücken liegend staunte er kurze Zeit später nicht schlecht, denn er sah sich am Himmel selbst dozieren?!

Edmond Kirsch benutzte die Aufzeichnung einer seiner Vorlesungen um seine heutige Präsentation zu untermauern. Auf die drängensten Fragen der Menschheit wollte Kirsch heute Abend eine Antwort geben, so zumindest war es jetzt eben aus den Lautsprechern zu vernehmen. „Woher kommen wir?“ und „Wohin gehen wir?“ … 

Erstmal sollte es diese Antwort aber dann doch nicht geben, denn ein Schluß hallte durch die atemlose Stille im Auditorium und der Redner und Gastgeber Edmond Kirsch sank tödlich getroffen in sich zusammen …

Textzitat: „Gott ist tot, Gott bleibt tot und wir haben ihn getötet. Wir die Mörder aller Mörder“. Friedrich Nietzsche.

Dan Brown – Sänger, Liedermacher, Englischlehrer, Schriftsteller – beeindruckende Stationen eines kreativen Geistes. Als Sohn eines Mathematikprofessors und einer Kirchenmusikerin lernte er, so kann man es bei Wikipedia nachlesen, das Religion und Wissenschaft keine Gegensätze darstellen. Mit dem Da Vinci Code landete er einen Welterfolg, der aufgrund seiner gewagten Thesen insbesondere von der katholischen Kirche scharf kritisiert wurde. Auch in dieser Geschichte agiert sein Harvard-Professor für Symbologie Robert Langdon.

Meine Pros und Contras:

Wenn es einer schafft, dass ich sofort, unmittelbar und dringend meine Koffer packen und los ziehen will, dann ist es Dan Brown. Diesmal hat er das Guggenheim Museum in Bilbao und das Kloster Montserrat auf meiner Reise-Wunsch-Liste ganz nach oben katapultiert. Bildhaft, ja anmutig kann er Schauplätze zeichen, Sehnsüchte nach ihnen wecken. In Origin bleibt er sich diesbezüglich treu. Von den Shakespeare Gardens, von denen es weltweit 33 geben soll, habe ich in Origin erstmals gehört. Ob es den in Barcelona wirklich gibt? Ich krieg das noch raus, so ganz kann man Dan Brown nie trauen, kann man sich nie sicher sein, wo er seine dichterische Freiheit auch mal zu Lasten realer Schauplätze auslebt. Man erfährt in Origin auch, das es eine Hitliste des National Geographic gibt, die die zwanzig gefährlichsten Treppen der Welt aufzeigt und das die Wendeltreppe der Sagrada Familia hier auf Platz drei rangiert. Als seine Leser sind wir in der Sagrada sogar Nachts unterwegs …

Vermisst habe ich seine sonst leidenschaftlich und geschickt verwobenen, atemlos spannenden Verschwörungstheorien. Robert Langdon, den ich als Figur sehr mag, weil er leicht verschroben eher als Anti-Held daher kommt, agiert in diesem fünften Band eher als Nebenfigur, wirkt wie von einer künstlichen Intelligenz ferngesteuert. Schade, obwohl es im Gesamt-Kontext dann doch auch wieder Sinn macht. Bei seinen anderen Figuren bleibt Brown sehr an der Oberfläche, seine Dialoge geraten bisweilen sogar platt und er bedient das Klischee – eine schöne, kluge Frau braucht jeder Held um selbst gut auszusehen. Was auch immer hier ihre Aufgabe war, sie hört auf den Namen Ambra, in der sicher anstehenden Verfilmung wird sie gut besetzt eine Top-Figur machen. Das war böse jetzt, ich weiß ;-).

Die Antwort auf die groß angekündigten Fragen „Woher kommen wir?“ – „Wohin gehen wir“ – gibt er uns auf nachvollziehbare und für mich nicht aus der Luft gegriffene Art und Weise. Dabei treffen Gotteskrieger auf IT-Nerds und künstliche Intelligenz. Todkranke Könige, taktierende Bischöfe, die rechten Krallen der Franco-Ära die bis ins heutige Spanien hinein greifen. Seinen Spannungsbogen opfert er dafür (für mich leider) der Wissenschaft, und das obwohl er den Haupthandlungsstrang auf eine einzige Nacht verdichtet. Das Zeitmomentum kann diesem Band in Sachen Spannung nicht wirklich helfen. Sehr viele Details, sehr viel zitierte Quellen. Gut, Quantenphysik ist auch nicht gerade mein Lieblingsthema, daran mag es vielleicht auch gelegen haben, das mich diese Mischung aus darwinistischen Theorien und Zukunftsvisionen a la Westworld nicht so richtig abholen konnte. Inwieweit sich Theorien unter Zuhilfennahme von Super-Computern beweisen lassen, kann ich nicht beurteilen. Mein Kopf ist dafür eindeutig zu klein.

Der Vorgänger Inferno hatte mich richtig gepackt, auch bei Illuminati war ich voll dabei. Sogar auf sich anschließender eigener Spurensuche mit einem Führer in Rom. Das war Klasse, zu sehen wie sehr Dan Brown sich in die Örtlichkeiten hineindenkt. Meine Erwartungs-Messlatte lag also hoch, vielleicht bin ich auch deshalb nach beenden dieses Teils dann eher enttäuscht.

HörbuchFassung: Sehr gut gefallen hat mir die musikalische Untermalung. Häufig inszeniert Lübbe Audio auf diese Art eingelesene Bücher. Die Musik an den Kapitelanfängen wechselt hier mit der Stimmung im Roman, ragt dabei nie in den Text. Ein toller Effekt.

Wolfgang Pampel, erfahrener Hörbuch-Interpret und Synchronstimme, u.a. für Harrison Ford ist eine Idealbesetzung für die Langdon Romane. Das ich immer „Indiana Jones“ vor mir sehe, wenn ich seine Stimme höre, daran ist er allein Schuld, im aller positivsten Sinne. In Origin gibt er wieder Vollgas, haucht gar der künstlichen, körperlosen Intelligenz „Winston“ Charakter und Persönlichkeit ein. Klasse!

Die Wölfe kommen (Jérémy Fel)

Sonntag, 27.08.2017

Angst – jeder kennt sie, jeder hat sie, dann und wann. Die Angst etwa vor, Veränderungen, vor engen Räumen, vor Dunkelheit, vor großen Höhen, vor Spinnen, vor körperlichen Schmerzen oder die Angst davor einen geliebten Menschen zu verlieren …

Die Angst vor dem bösen Wolf, kaum ein Märchen kommt ohne sie, respektive ihn aus. Der Mythos Werwolf – aus der Fantasy nicht wegzudenken … 

Im Kino erorberte Kevin Costner mit seinem Indianer-Epos „Der mit dem Wolf tanzt“ die Herzen von Millionen Zuschauern. Auch mir ist dieser Film unvergessen. Der Wolf – Unheilsbringer oder Gefährte? Wie kein anderes Tier polarisiert er. Steht er für die einen als Sinnbild für das Böse, so fasziniert er die anderen.

Als die ersten Mitteilungen laut wurden, die Wölfe seien zurück in deutschen Wäldern ging zunächst die Angst unter den Spaziergängern um. Aufklärung tat Not.

Bei uns im nahen Wildfreigehege ist vor gut einem Jahr ein Wolfsrudel eingezogen. Handaufzuchten, anfangs putzig, machen sie uns jetzt regelmäßig mit ihrem Heulen in Vollmondnächsten Gänsehaut. Eine Urangst rührt sich, wird man dieser Töne gewahr …

Der Autor, den ich Euch heute vorstellen möchte, macht sich genau das zu nutze. Er scheint sie alle zu kennen, unsere Ängste, spielt mit uns, stellt uns an den Abgrund und läßt uns tief hinein blicken, in den Schlund unserer Angst. 

Schaut selbst:

Die Wölfe kommen (Jérémy Fel)

Wie von Sinnen hatte er auf seinen Sohn eingeprügelt. Loretta hatte verängstigt zugesehen. Wie immer, wie immer hatte sie ihrem siebzehnjährigen Sohn Daryl nicht beigestanden. So war auch der Blick, den er ihr jetzt zu warf, ein einziger stummer Vorwurf und er traf sie damit bis ins Mark. Das Essen, dass sie ihm später vor die Tür seines Zimmers auf den Boden stellte hatte er nicht angerührt und am Morgen danach war er verschwunden. Ohne Nachricht, ein paar Sachen fehlten aus seinem Zimmer. Vielleicht brauchte er nur etwas Abstand. Morgen würde sie nach ihm suchen, Morgen würde man weitersehen …

Rastlos war sie in der Nacht nach Daryls Verschwinden durch’s Haus gewandert. Ruhelos, sorgenvoll und verängstigt. Jeder Schatten hatte sie aufgeschreckt. Sie zwang sich wieder ins Bett und fand in einen unruhigen Schlaf. Der Rauch, der sie aufgeweckt hatte, kroch unter der Tür in ihr Schlafzimmer, leckte an der Tapete. In Panik weckte sie ihren Mann, der noch immer wie in Baby schlief. Feuer! 

Es hatte sich im Wohnzimmer schon über die Vorhänge hergemacht. Die verzweifelten Löschversuche ihres Mannes, der brennende Teppich, die kleinen Flämmchen, die sich nach den Hosenbeinen seiner Pyjama-Hose streckten. Als sie ihren Mann brennen sah, floh sie zurück ins Schlafzimmer. Hustend, sich einen Weg an’s Fenster bahnend. Ihr Blick nach draußen, die Gewißheit des heran nahenden Todes die wie Eiswasser in sie einsickerte, war nichts gegen das was sie dort unten sah. Daryl, ihr Daryl stand dort! Lässig an einen Geländewagen gelehnt, rauchend vor dem Haus und blickte auf die Flammen die sein Elternhaus verschlangen, einen Benzinkanister in der Hand …

In den Sagen der nordamerikanischen Indianer lebte er weiter, der Wendigo. Ein grausamer Menschenfresser der tief in den Wäldern verborgen lebte und der diejenigen ebenfalls zum Monster machte, die er in ihren Träumen rief. Zum ersten Mal ohne die Eltern in die Ferien, das klang nach einem guten Plan. Ein Feriencamp irgendwo im Wald, Zelten, Wandern, an der frischen Luft was gegen seine Aggressionen tun, das sollte er. Damien saß in dieser Nacht mit den anderen am Lagerfeuer, als ihr Betreuer die Sage des Wendigos erzählte. Das waren doch nur Gruselgeschichten für die Kleinen dachten alle. Zumindest bis Damien in der Nacht auf dem Boots-Steeg diese Flecken sah und die dunkle Silouette, die sich über ein am Boden kauerndes Bündel am Ende des Steegs erhob …

Jérémy Fel hat nach seinem Literatur- und Philosophiestudium als Buchhändler gearbeitet, lebt heute in Rouen und schreibt als Fan amerikanischer TV-Serien überwiegend Drehbücher. Sein Debüt-Roman „Dielfe kommen“ ging im Herbst 2015 nach seinem Erscheinen in Frankreich durch die Decke. Die deutsche Übersetzung ist beinahe noch druckfrisch aus dem Juli 2017. Man handelt ihn als geistigen Erben von Stephen King. Das sind große Galoschen, die man ihm da hinstellt – entscheidet selbst, ob sie ihm passen …

Er läßt uns mit den ersten Kapiteln seines Roman, die an eine Kurzgeschichten-Sammlung erinnern, noch im Ungewißen, wiegt uns in Sicherheit – so schlimm kann es gar nicht werden. Erwartet man doch nach Klappentext und Cover gleich ein „böses Erwachen“. Unheilverheißend glimmt der auf dem Cover aufgeprägte Blitz neonfarben im Dunkeln. Es könnten auch Adern sein, im schwarz bedruckten Seitenschnitt setzen sie sich fort. 

Die ersten zweihundert Seiten knüpfen wir mit Fel lose Enden zusammen, bis der rote Faden sichtbar wird und wir merken hinter WEM wir da eigentlich her sind …

Dieser Roman ist grausam! Grausam und fasziniernd. Die Erzählform in Episoden ist es, die diesen Thriller spannend macht. Wie im Rausch liest man weiter, auch dann, wenn man mehr eigentlich gar nicht mehr wissen, mehr nicht mehr ertragen will. Verwirrend, verstörende Puzzleteile legt Fel vor uns aus. Er bleibt eher an der Oberfläche seiner Täter, thematisiert weniger deren Motive, als das Handeln und die Konsequenzen. Welche Maske trägt das ewig Böse? Niemals hat es das gleiche Gesicht.

Triebhaft, brutal und gewalttätig sind seine Figuren. Blutige Opfer gibt es reichlich. Gewalt gegen Kinder, gegen Frauen, gegen arglose Nachbarn. Monster verbergen sich in den Schatten. Sind sie nur Geister, Aberglaube oder doch Realität? Fel hetzt uns als Leser bis wir das Alphatier erkennen und selbst Teil der Meute werden. Atemlos erwacht man am Ende schweißnass, wie aus einem Angst-Traum. Augenreibend und erleichtert, wieder heil in seinem eigenen Leben angekommen zu sein …

Die Wölfe kommen! Auch noch im letzten Kapitel macht Fel uns deutlich, sie werden immer unter uns sein …

Der Opiummörder (David Morrell)

Samstag, 05.08.2017

Nebel – was für eine besondere Naturerscheinung. Im Frühling und im Herbst zaubert er beinahe romantische Stimmungen. Je näher der Winter kommt und auch an verregneten Tagen wechseln die Nebelbilder schnell zu melancholisch, oder gar düster und geheimnisvoll. Wer selbst schon versucht hat, im dichten Nebel sein Fahrzeug auf der Straße zu halten, weiß wie schwierig und anstrengend es ist, in einer milchig weißen Suppe zu navigieren. Nebel, ein besonderer Stoff – der gerne in Büchern, Gedichten und Filmen als Stilelement verwendet wird. Kein Wunder, dass er auch in diesem Roman für die richtige Stimmung sorgt …

Der Opiummörder (David Morrell)

1829, London, rund drei Millionen Einwohner, ein Moloch ohne Abwassersystem, mit Straßen voll von Exkremten, mit rußschwangerer Luft und vollgepackt mit unzähligen Einwandern. Viele davon ohne Arbeit. Der Opiumhandel blühte.

Wie so oft hing ein dichter Nebel über der Stadt. Man heizte mit Kohle und unzählige Schornsteine spieen Asche aus, die stetig auf Dächer, Mauerkronen, Gehwege und Straßen rieselte. Asche, die sich mit dem aufziehenden Nebel zu einer undurchsichtigen Masse vermischte. Laternen spendeten nur diffuses Licht, beleuchteten spärlich die Müllberge mit ihren Ratten, wieder war eine neue Cholera-Welle durch die Stadt gezogen. Hinter den Häusern wurden Schweine und Kühe gehalten. Besonders die Schweine waren begehrt und leisteten gute Dienste. Konnte man doch nicht nur ihr Fleisch verwerten, sie fraßen ja auch die Abfälle, die sonst nur wieder auf der Straße gelandet wären.

Oh, nein! Constable Becker würde keinen Zentimeter weichen! Dies hier war sein Tatort und die Fußabdrücke, die sich im weichen Morast abzeichneten würde er notfalls mit seinem Leben verteidigen. Verteidigen gegen diese beiden, gegen ihn anrennenden Schweine. Detective Inspektor Ryan hatte ihm beigebracht wie wichtig solche Spuren für die Aufklärung eines Verbrechens sein konnten – und für die Aufklärung eben jener Greueltat, wegen der sie beide hergerufen worden waren, würde er alles tun. Gleich fünf Leichen hatten Sie in dem kleinen Laden vorgefunden, auf’s Übelste zugerichtet. Während ihrer Arbeit in Londons Straßen hatten die beiden Polizisten schon viel gesehen, das hier übertraf an Grausamkeit und Brutalität jedoch bei weitem alles bisherige. Der Constable zog seinen Knüppel, erbittert kämpfte er gegen die beiden angreifenden Schweine. Sie verbissen sich in seine Beinen, zogen ihn am Ärmel und er fiel, fiel in den Dreck. In diesen undefinierbaren stinkenden Dreck und alles voran er denken konnte, als er eine Körperdrehung vollführte war – nicht auf die Abdrücke fallen! Nur nicht auf die Abdrücke …

Das sah nach großem Kino aus! Die Meute, die sich vor dem Laden versammelt hatte, reckte die Hälse und drängelte, wollte unbedingt in den Laden. Jeder wollte sehen was hier passiert war. Grauenvolle Schreie hatte man gehört. Zahlreiche Polizisten waren jetzt vor Ort. Es hatte einen Mord gegeben wurde gemunkelt. Einen? Nein, alle seien tot. Alle, der Ladenbesitzer, seine Frau, das Hausmädchen, die siebenjährige Tochter und – das Baby!

Der schwer verletzte Mann hatte sich mit letzter Kraft auf die Mitte der Straßenkreuzung geschleppt. Die Menge die ihm folgte vervielfachte sich rasch. Die unwirkliche Szenerie wurde beleuchtet von den Laternen zahlreicher Polizisten, die den Mann umstellten. So viele Jahre, so viele Tote, so viel Schuld. Endlich, standen seine Häscher still, die Zeit stand still …

David Morell – geboren 1943 hat bereits 28 Spannungs-Romane veröffentlicht. Sein Roman „First Blood“ war die Vorlage für einen Hollywood-Blockbuster . Er erschuf die Figur des „John Rambo“, die Sylvester Stallone berühmt machte. „Der Opium-Mörder“ erschein am 01.12.2015 in der deutschen Taschenbuchausgabe und hat mit „Rambo“ allerdings nicht viel gemein, sieht man einmal von ein paar aktiongeladenden Szenen ab.

Morell zeichnet ein mehr als stimmungsvolles Bild des viktorianischen Englands. Er erschafft eine schummrige, ja düster, schaurige Atmossphäre mit Figuren denen man alles zutraut. Zugezogene Vorhänge werden zum Sinnbild für die Sittsamkeit, die Zugeknöpftheit der damaligen Lebensweise. Als Ermittler setzt er auch schon mal ein Heer von Huren und Bettlern ein, die von einem opiumsüchtigen Schriftsteller geführt werden.

Glaubwürdig, spannend, ein Sittengemälde prall voll mit historischen Fakten über Medizin, Drogistik, Kriminalistik und Geschichte, die Morell perfekt einsprenkelt. Er erzählt von der Gründung der Polizei als Behörde, von Madame Tussaud’s Wachsfiguren-Kabinett, den Machenschaften der britischen Ost-Indien-Kompanie, den Opiumkriegen, dem nahezu sorglose Umgang mit Laudanum, einem Opiumderivat als Allheilmittel. So wird der Thriller zum Historienroman und der Krimi zum Lehrbuch. Einzig für die ganz zart besaiteten sind die doch recht drastisch geschilderten Mordsequenzen vielleicht nicht geeignet. 

Meine Lieblingsfigur ist Emily, die Tochter des Roman-Autor Thomas De Quincey. Sie ist ein echter Freigeist in Hosen. Sieht es nicht ein, täglich Reifrock, Korsett und damit über siebenundreißig Pfund Kleidergewicht zu tragen. Unerschrocken, kämpferisch, abgeklärt und mit dem Herz am rechten Fleck, zeigt sie so manches Mal dem starken Geschlecht wo es lang geht 😉

HörbuchFassung: Erich Räuker – ist ein Profi, keine Frage. Er liest gekonnt, lebhaft, fesselnd – bei jedem Handgemenge habe ich den Kopf eingezogen. Für den richtigen Grusel hat er gesorgt, wenn ich mit den Ermittlern allein auf Londons Straßen unterwegs war. Häufig leiht er seine Stimme auch Hollywoodgrößen. Rätselte ich zu Beginn erst noch vorher ich seine angenehmene, sonore Stimmes kenne, fiel es mir alsbald wie wie Schuppen von den Ohren. Er synchronisiert die Figur des Saul Berensen, in einer meiner Lieblingsserien: Homeland. Sehr gerne mehr von Ihnen, Herr Räuker!