Die Wölfe kommen (Jérémy Fel)

Sonntag, 27.08.2017

Angst – jeder kennt sie, jeder hat sie, dann und wann. Die Angst etwa vor, Veränderungen, vor engen Räumen, vor Dunkelheit, vor großen Höhen, vor Spinnen, vor körperlichen Schmerzen oder die Angst davor einen geliebten Menschen zu verlieren …

Die Angst vor dem bösen Wolf, kaum ein Märchen kommt ohne sie, respektive ihn aus. Der Mythos Werwolf – aus der Fantasy nicht wegzudenken … 

Im Kino erorberte Kevin Costner mit seinem Indianer-Epos „Der mit dem Wolf tanzt“ die Herzen von Millionen Zuschauern. Auch mir ist dieser Film unvergessen. Der Wolf – Unheilsbringer oder Gefährte? Wie kein anderes Tier polarisiert er. Steht er für die einen als Sinnbild für das Böse, so fasziniert er die anderen.

Als die ersten Mitteilungen laut wurden, die Wölfe seien zurück in deutschen Wäldern ging zunächst die Angst unter den Spaziergängern um. Aufklärung tat Not.

Bei uns im nahen Wildfreigehege ist vor gut einem Jahr ein Wolfsrudel eingezogen. Handaufzuchten, anfangs putzig, machen sie uns jetzt regelmäßig mit ihrem Heulen in Vollmondnächsten Gänsehaut. Eine Urangst rührt sich, wird man dieser Töne gewahr …

Der Autor, den ich Euch heute vorstellen möchte, macht sich genau das zu nutze. Er scheint sie alle zu kennen, unsere Ängste, spielt mit uns, stellt uns an den Abgrund und läßt uns tief hinein blicken, in den Schlund unserer Angst. 

Schaut selbst:

Die Wölfe kommen (Jérémy Fel)

Wie von Sinnen hatte er auf seinen Sohn eingeprügelt. Loretta hatte verängstigt zugesehen. Wie immer, wie immer hatte sie ihrem siebzehnjährigen Sohn Daryl nicht beigestanden. So war auch der Blick, den er ihr jetzt zu warf, ein einziger stummer Vorwurf und er traf sie damit bis ins Mark. Das Essen, dass sie ihm später vor die Tür seines Zimmers auf den Boden stellte hatte er nicht angerührt und am Morgen danach war er verschwunden. Ohne Nachricht, ein paar Sachen fehlten aus seinem Zimmer. Vielleicht brauchte er nur etwas Abstand. Morgen würde sie nach ihm suchen, Morgen würde man weitersehen …

Rastlos war sie in der Nacht nach Daryls Verschwinden durch’s Haus gewandert. Ruhelos, sorgenvoll und verängstigt. Jeder Schatten hatte sie aufgeschreckt. Sie zwang sich wieder ins Bett und fand in einen unruhigen Schlaf. Der Rauch, der sie aufgeweckt hatte, kroch unter der Tür in ihr Schlafzimmer, leckte an der Tapete. In Panik weckte sie ihren Mann, der noch immer wie in Baby schlief. Feuer! 

Es hatte sich im Wohnzimmer schon über die Vorhänge hergemacht. Die verzweifelten Löschversuche ihres Mannes, der brennende Teppich, die kleinen Flämmchen, die sich nach den Hosenbeinen seiner Pyjama-Hose streckten. Als sie ihren Mann brennen sah, floh sie zurück ins Schlafzimmer. Hustend, sich einen Weg an’s Fenster bahnend. Ihr Blick nach draußen, die Gewißheit des heran nahenden Todes die wie Eiswasser in sie einsickerte, war nichts gegen das was sie dort unten sah. Daryl, ihr Daryl stand dort! Lässig an einen Geländewagen gelehnt, rauchend vor dem Haus und blickte auf die Flammen die sein Elternhaus verschlangen, einen Benzinkanister in der Hand …

In den Sagen der nordamerikanischen Indianer lebte er weiter, der Wendigo. Ein grausamer Menschenfresser der tief in den Wäldern verborgen lebte und der diejenigen ebenfalls zum Monster machte, die er in ihren Träumen rief. Zum ersten Mal ohne die Eltern in die Ferien, das klang nach einem guten Plan. Ein Feriencamp irgendwo im Wald, Zelten, Wandern, an der frischen Luft was gegen seine Aggressionen tun, das sollte er. Damien saß in dieser Nacht mit den anderen am Lagerfeuer, als ihr Betreuer die Sage des Wendigos erzählte. Das waren doch nur Gruselgeschichten für die Kleinen dachten alle. Zumindest bis Damien in der Nacht auf dem Boots-Steeg diese Flecken sah und die dunkle Silouette, die sich über ein am Boden kauerndes Bündel am Ende des Steegs erhob …

Jérémy Fel hat nach seinem Literatur- und Philosophiestudium als Buchhändler gearbeitet, lebt heute in Rouen und schreibt als Fan amerikanischer TV-Serien überwiegend Drehbücher. Sein Debüt-Roman „Dielfe kommen“ ging im Herbst 2015 nach seinem Erscheinen in Frankreich durch die Decke. Die deutsche Übersetzung ist beinahe noch druckfrisch aus dem Juli 2017. Man handelt ihn als geistigen Erben von Stephen King. Das sind große Galoschen, die man ihm da hinstellt – entscheidet selbst, ob sie ihm passen …

Er läßt uns mit den ersten Kapiteln seines Roman, die an eine Kurzgeschichten-Sammlung erinnern, noch im Ungewißen, wiegt uns in Sicherheit – so schlimm kann es gar nicht werden. Erwartet man doch nach Klappentext und Cover gleich ein „böses Erwachen“. Unheilverheißend glimmt der auf dem Cover aufgeprägte Blitz neonfarben im Dunkeln. Es könnten auch Adern sein, im schwarz bedruckten Seitenschnitt setzen sie sich fort. 

Die ersten zweihundert Seiten knüpfen wir mit Fel lose Enden zusammen, bis der rote Faden sichtbar wird und wir merken hinter WEM wir da eigentlich her sind …

Dieser Roman ist grausam! Grausam und fasziniernd. Die Erzählform in Episoden ist es, die diesen Thriller spannend macht. Wie im Rausch liest man weiter, auch dann, wenn man mehr eigentlich gar nicht mehr wissen, mehr nicht mehr ertragen will. Verwirrend, verstörende Puzzleteile legt Fel vor uns aus. Er bleibt eher an der Oberfläche seiner Täter, thematisiert weniger deren Motive, als das Handeln und die Konsequenzen. Welche Maske trägt das ewig Böse? Niemals hat es das gleiche Gesicht.

Triebhaft, brutal und gewalttätig sind seine Figuren. Blutige Opfer gibt es reichlich. Gewalt gegen Kinder, gegen Frauen, gegen arglose Nachbarn. Monster verbergen sich in den Schatten. Sind sie nur Geister, Aberglaube oder doch Realität? Fel hetzt uns als Leser bis wir das Alphatier erkennen und selbst Teil der Meute werden. Atemlos erwacht man am Ende schweißnass, wie aus einem Angst-Traum. Augenreibend und erleichtert, wieder heil in seinem eigenen Leben angekommen zu sein …

Die Wölfe kommen! Auch noch im letzten Kapitel macht Fel uns deutlich, sie werden immer unter uns sein …

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Der Opiummörder (David Morrell)

Samstag, 05.08.2017

Nebel – was für eine besondere Naturerscheinung. Im Frühling und im Herbst zaubert er beinahe romantische Stimmungen. Je näher der Winter kommt und auch an verregneten Tagen wechseln die Nebelbilder schnell zu melancholisch, oder gar düster und geheimnisvoll. Wer selbst schon versucht hat, im dichten Nebel sein Fahrzeug auf der Straße zu halten, weiß wie schwierig und anstrengend es ist, in einer milchig weißen Suppe zu navigieren. Nebel, ein besonderer Stoff – der gerne in Büchern, Gedichten und Filmen als Stilelement verwendet wird. Kein Wunder, dass er auch in diesem Roman für die richtige Stimmung sorgt …

Der Opiummörder (David Morrell)

1829, London, rund drei Millionen Einwohner, ein Moloch ohne Abwassersystem, mit Straßen voll von Exkremten, mit rußschwangerer Luft und vollgepackt mit unzähligen Einwandern. Viele davon ohne Arbeit. Der Opiumhandel blühte.

Wie so oft hing ein dichter Nebel über der Stadt. Man heizte mit Kohle und unzählige Schornsteine spieen Asche aus, die stetig auf Dächer, Mauerkronen, Gehwege und Straßen rieselte. Asche, die sich mit dem aufziehenden Nebel zu einer undurchsichtigen Masse vermischte. Laternen spendeten nur diffuses Licht, beleuchteten spärlich die Müllberge mit ihren Ratten, wieder war eine neue Cholera-Welle durch die Stadt gezogen. Hinter den Häusern wurden Schweine und Kühe gehalten. Besonders die Schweine waren begehrt und leisteten gute Dienste. Konnte man doch nicht nur ihr Fleisch verwerten, sie fraßen ja auch die Abfälle, die sonst nur wieder auf der Straße gelandet wären.

Oh, nein! Constable Becker würde keinen Zentimeter weichen! Dies hier war sein Tatort und die Fußabdrücke, die sich im weichen Morast abzeichneten würde er notfalls mit seinem Leben verteidigen. Verteidigen gegen diese beiden, gegen ihn anrennenden Schweine. Detective Inspektor Ryan hatte ihm beigebracht wie wichtig solche Spuren für die Aufklärung eines Verbrechens sein konnten – und für die Aufklärung eben jener Greueltat, wegen der sie beide hergerufen worden waren, würde er alles tun. Gleich fünf Leichen hatten Sie in dem kleinen Laden vorgefunden, auf’s Übelste zugerichtet. Während ihrer Arbeit in Londons Straßen hatten die beiden Polizisten schon viel gesehen, das hier übertraf an Grausamkeit und Brutalität jedoch bei weitem alles bisherige. Der Constable zog seinen Knüppel, erbittert kämpfte er gegen die beiden angreifenden Schweine. Sie verbissen sich in seine Beinen, zogen ihn am Ärmel und er fiel, fiel in den Dreck. In diesen undefinierbaren stinkenden Dreck und alles voran er denken konnte, als er eine Körperdrehung vollführte war – nicht auf die Abdrücke fallen! Nur nicht auf die Abdrücke …

Das sah nach großem Kino aus! Die Meute, die sich vor dem Laden versammelt hatte, reckte die Hälse und drängelte, wollte unbedingt in den Laden. Jeder wollte sehen was hier passiert war. Grauenvolle Schreie hatte man gehört. Zahlreiche Polizisten waren jetzt vor Ort. Es hatte einen Mord gegeben wurde gemunkelt. Einen? Nein, alle seien tot. Alle, der Ladenbesitzer, seine Frau, das Hausmädchen, die siebenjährige Tochter und – das Baby!

Der schwer verletzte Mann hatte sich mit letzter Kraft auf die Mitte der Straßenkreuzung geschleppt. Die Menge die ihm folgte vervielfachte sich rasch. Die unwirkliche Szenerie wurde beleuchtet von den Laternen zahlreicher Polizisten, die den Mann umstellten. So viele Jahre, so viele Tote, so viel Schuld. Endlich, standen seine Häscher still, die Zeit stand still …

David Morell – geboren 1943 hat bereits 28 Spannungs-Romane veröffentlicht. Sein Roman „First Blood“ war die Vorlage für einen Hollywood-Blockbuster . Er erschuf die Figur des „John Rambo“, die Sylvester Stallone berühmt machte. „Der Opium-Mörder“ erschein am 01.12.2015 in der deutschen Taschenbuchausgabe und hat mit „Rambo“ allerdings nicht viel gemein, sieht man einmal von ein paar aktiongeladenden Szenen ab.

Morell zeichnet ein mehr als stimmungsvolles Bild des viktorianischen Englands. Er erschafft eine schummrige, ja düster, schaurige Atmossphäre mit Figuren denen man alles zutraut. Zugezogene Vorhänge werden zum Sinnbild für die Sittsamkeit, die Zugeknöpftheit der damaligen Lebensweise. Als Ermittler setzt er auch schon mal ein Heer von Huren und Bettlern ein, die von einem opiumsüchtigen Schriftsteller geführt werden.

Glaubwürdig, spannend, ein Sittengemälde prall voll mit historischen Fakten über Medizin, Drogistik, Kriminalistik und Geschichte, die Morell perfekt einsprenkelt. Er erzählt von der Gründung der Polizei als Behörde, von Madame Tussaud’s Wachsfiguren-Kabinett, den Machenschaften der britischen Ost-Indien-Kompanie, den Opiumkriegen, dem nahezu sorglose Umgang mit Laudanum, einem Opiumderivat als Allheilmittel. So wird der Thriller zum Historienroman und der Krimi zum Lehrbuch. Einzig für die ganz zart besaiteten sind die doch recht drastisch geschilderten Mordsequenzen vielleicht nicht geeignet. 

Meine Lieblingsfigur ist Emily, die Tochter des Roman-Autor Thomas De Quincey. Sie ist ein echter Freigeist in Hosen. Sieht es nicht ein, täglich Reifrock, Korsett und damit über siebenundreißig Pfund Kleidergewicht zu tragen. Unerschrocken, kämpferisch, abgeklärt und mit dem Herz am rechten Fleck, zeigt sie so manches Mal dem starken Geschlecht wo es lang geht 😉

HörbuchFassung: Erich Räuker – ist ein Profi, keine Frage. Er liest gekonnt, lebhaft, fesselnd – bei jedem Handgemenge habe ich den Kopf eingezogen. Für den richtigen Grusel hat er gesorgt, wenn ich mit den Ermittlern allein auf Londons Straßen unterwegs war. Häufig leiht er seine Stimme auch Hollywoodgrößen. Rätselte ich zu Beginn erst noch vorher ich seine angenehmene, sonore Stimmes kenne, fiel es mir alsbald wie wie Schuppen von den Ohren. Er synchronisiert die Figur des Saul Berensen, in einer meiner Lieblingsserien: Homeland. Sehr gerne mehr von Ihnen, Herr Räuker!

Selfies ( Jussi Adler-Olsen)

Sonntag, 18.06.2016

Ein Wiedersehen mit alten Bekannten ist was ganz besonderes. Ist es planbar, so freut man sich schon Wochen vorher. Fragt sich, wie werden sich die anderen verändert haben, man packt schon mal gedanklich gemeinsame Erlebnisse und Erinnerungen aus und poliert sie auf. Trifft man sich zufällig und unverhofft, Überraschung pur! So haben wir auf einer Dorfkirmes vor Jahren einen Bekannten aus unserer Jugendclique wiedergetroffen. Das Haar war bei ihm schon deutlich lichter geworden, aber sein Humor von damals, der war noch da. Trotz zahlreicher Schicksalsschläge hatte er ihn sich bewahrt und wir haben gelacht und gealbert, als wären wir wieder Achtzehn. Ein toller Abend. Wenn wir Reisebekanntschaften auffrischen, kommt in meinem Kopf sofort der Urlaub zurück.

Mit den Charakteren aus meinen Lieblingsgeschichten geht es mir genauso. Es ist wie ein Wiedersehen mit alten Freunden. Deshalb lese ich auch schon mal die ein oder andere Serie. Bei Carl Moerk, Assad und Rose geht es mir zum Beispiel so. Hier habe ich, ich gestehe es ein, den fünften und sechsten Band geschwänzt. Als ich Band 7 dann unter den Hörbuch-Neuerscheinungen sah, packte mich dann aber doch sowas wie Heimweh?!. Was war wohl aus Ihnen geworden? Was hatte ich verpaßt? 

Selfies  (Jussi Adler-Olsen)

Dorit wußte genau, dass Sie Opas Geheimzimmer nicht betreten durfte. Heute, an dem Tag als ihr Vater für immer ging, und als ihre Mama sich so furchtbar laut mit Oma gestritten hatte, das ihr schon Ohren weh taten, wußte sie nicht wgohin mit sich. Die Tür war offen, wie eine Einladung, also trat sie ein. Zunächst sah sie ihren Opa gar nicht, nur eine kleine Rauchsäule die sich zwischen den Regalen empor kringelte. Auf seinem Sessel entdeckte sie ihn dann, eine Zigarette rauchend und Fotos auf dem Tisch sortierend. Neugierig war sie näher getreten. Die Fotos an der Wand zogen sie wie magisch an, sie zeigten Menschen die an Stricken baumelten, Männer die im Schmutz knieten und denen eine Waffe in den Nacken gehalten wurde. Auf allen Fotos stand ihr Großvater daneben, sie versteht nicht … Er war ein fleißiger, braver Soldat gewesen, in diesem Weltkrieg, so hatte er es ihr erklärt und er habe sich nur verteidigt und weg jetzt von diesem Bildern, sie könne sie erst verstehen wenn sie älter sei. Wie eine dunkle Gewitterwolke, stand plötzlich drohend ihre Großmutter in der Tür und jagte sie mit der ihr eigenen Strenge laut schimpfend hinaus …

Denise, wie Dorit sich jetzt nannte, lernte Jasmine und Michelle auf dem Sozialamt im Wartebereich kennen. Die drei hatten sich sofort als Seelenverwandte erkannt, sie waren halt echte „Fashion-Victims“ und was ihnen im Leben wichtig war, das sah man auf einen Blick: Arbeiten war es jedenfalls nicht und die Jobs, die man ihnen hier vermitteln wollte, fanden alle drei gleichermaßen unmöglich bis abstoßend. Wie sollte man es denn als Wäscherin, oder in dem man im Altenheim Leuten den Hintern abwischte zu Reichtum bringen? Das war es was sie suchten, den Durchbruch in einer Casting Show zum Beispiel oder diesen einen finden, diesen einen reichen Mann der ihnen alles ermöglichte was sie sich wünschten. Dafür hatten sie schließlich so einiges zu bieten und prüde waren sie bestimmt nicht. Sie waren nur hier um sich über Wasser zu halten bis ihnen genau das gelang. Wenn nur diese blöde Kuh von einer Sozialamtsangestellten, diese Frau Svensen, das nur endlich mal kapieren wollte. Seit Jahren terrorisierte sie sie mit immer neuen Jobangeboten und Drohungen die Zahlungen einzustellen …

Konnte man als Angestellte im Sozialamt, quasi als Quereinsteiger, zum Autoknacker werden? Dank Internet war das möglich, es gab zahlreiche Tipps zu unterschiedlichen Methoden und ganze Einkaufslisten das notwendige Equipment betreffend. So kam es, das Enneline zu üben begann, in wenig frequentierten Seitenstraßen. Zwischen Theorie und Praxis gab es dann aber doch einen Unterschied und nach dem dritten vergeblichen Einbruchversuch, musste sie sich eingestehen, dass es ihr irgendwie an Fingerfertigkeit mangelte. Aufgeben, war jedoch keine Option, sie mußte es schaffen. Eine bessere Waffe, als ein geklautes Auto, für den perfekten Mord an diesen Schmarotzer-Schlampen konnte sie sich nicht vorstellen und schließlich war es soweit, es gelang und sie fühlte sich gut vorbereitet …

Was war denn jetzt wieder los? Erst versuchte offenbar jemand die Aufklärungsquote des Sonderderznats Q zu manipulieren, dann wollte man sie tatsächlich wegen der vermeintlich schlechten Zahlen weg rationalisieren? Das würde er so nicht hinnehmen, angefeuert von Assad nimmt Carl den Kampf auf. Hier war ein Fälscher am Werk, ganz klar. Und warum sitzt jetzt dann auch noch der Produzent der beliebtesten dänischen Fernsehserie „Station 3“ bei seinem Chef und will ausgerechnet die Arbeit seines Derzernats volle drei Tage lang mit einem kleinen knackigen Kamerateam begleiten? Wie, sein Chef hat schon zugesagt?!! Carl faßte es nicht, die Sendung war ein einziger Schwachsinn, sie beschäftigte sich weniger mit der echten Polizeiarbeit als mit dem sozialen Hintergrund der Täter, mit der ewig gleichen Aussage, der gleichen Rechtfertigung „schwere Kindheit“. Eines stand fest, für Carl würde es nicht einfach werden, sein schlecht gelauntes Gesicht aus den Kamerablickwinkeln herauszuhalten … 

Rose hatte wieder mal einen ihrer Blackouts. Vorhin hatte sie sich noch bevor sie das Haus verließ, das Parfüm ihrer Schwester Vicky aufgetragen und war in deren Haut geschlüpft. Das hatte sie schon immer gekonnt, mit dem Duft einer anderen, ihr vertrauten Person, deren Identität überstreifen, wie eine zweite Haut. Sie war zum Friseur gegangen, ihre Haare waren jetzt ultrakurz. Jetzt fand sie sich zu Hause in ihrem Wohnzimmer wieder, die Hose voll gepinkelt, die teure Bluse hing in Fetzen an ihr herab. Eine namenlose Angst hatte sich in ihr breit gemacht. Diesmal war es schlimmer als sonst, diesmal schien die Dunkelheit in ihr komplett die Oberhand zu gewinnen. Wurde sie wirklich und unumkehrbar verrückt? Auf allen Flächen in ihrer Wohnung waren Gesichter zu erkennen die sie unverwandt anstarrten und wisperten und flüsterten. Sie war aufgestanden, hatte fieberhaft nach ihren Markern gesucht und dann zu schreiben begonnen. Auf die Wände, Schränke, Kacheln, Türen, auf die Innenseite des Kühlschranks bis sie alle Flächen bedeckt hatte mit dem immer gleichen Satz „DU SOLLST NICHT HIER SEIN“ …

Es war kein Zweifel mehr möglich. Wie sie so da saß, auf dem eiskalten Badezimmerboden, an Händen und Füßen gefesselt. In dem Klebeband, das ihren Mund verschloß nur ein kleines Loch, aus dem ihr Atem stoßweise entwich, seit gestern hatte sie in Händen, Armen, Beinen und Füßen bereits kein Gefühlt mehr. Mit einem Strohhalm wurde sie mit lebenswichtiger Flüssigkeit versorgt, wann immer ihre Peiniger daran dachten, das war nicht oft gewesen und die Abstände zwischen den Wassergaben wurden jetzt immer länger – es war klar, sie würden sie hier sterben lassen …

Jussi Adler-Olsen, geboren am 2. August 1950, studierte Medizin, Soziologie, Politische Geschichte und Filmwissenschaft. Musiker ist er auch, spielt in seiner Freizeit seine eigene Musik und er ist der Sohn eines Psychiaters, verbrachte als Kind viel Zeit in der Nervenheilanstalt in der sein Vater gearbeitet hat. Davon hat er sehr anschaulich vor ein paar Jahren in einer Lesung zu seinem „Alphabethaus“ erzählt und es ist kein Wunder warum er sich so gut in die menschliche Psyche hinein versetzen kann. Mit seiner Reihe um den querköpfigen Ermittler Carl Moerk hat er sich auch in Deutschland auf den Bestenlisten ganz nach oben geschrieben. Er hat in der Serie seinem Carl, dem unbequemen Eigenbrötler, kurzerhand ein eigenes Derzernat gegeben, eigentlich aber um ihn kalt zu stellen. Es unterstützen ihn eine Assistentin (Rose) und eine syrische „Putzfrau“ (Assad). Bald schon putzt Assad nicht nur, er mausert sich zu einem vollwertigen Assistenten mit geheimnisvollem Background. Die drei Helden haben mittlerweile Verstärkung bekommen. Gordon hat sich sehr gut integriert und ergänzt das Team mit seiner pragmatischen Art volltrefflich. 

Die Fälle aus Band 7 bilden ein zu Beginn schwer entwirrbares Knäuel und diesmal läßt sich Olsen Zeit. Er verzichtet auf einen „zähnefletschenden“ Prolog und entwickelt seine Geschichte weniger blutig, dafür mehr psychologisch, wie gewohnt mit mehreren Handlungssträngen. Rose ist am Boden, völlig abgestürzt und meine „alten Freunde“ Carl und Assad scheint dies wie ein schweres Gewicht niederzudrücken. Das humorvolle dialogische Bälle werfen, wie in anderen Fällen, ist weniger geworden. Jeder kämpft mit seinen Dämonen, beide versuchen sie Rose zu helfen und sind sichtlich betroffen, wie sehr sie den Zustand der Kollegin unterschätzt, ja gar negiert haben. Das Aufschrecken von alten Schatten in ihren „cold cases“ hat Spuren hinterlassen, bei ihnen allen. Erstaunlich wie gut Olsen das transportiert. Einige der Szenen haben mich an seinen ersten Fall Erbarmen erinnert, klaustrophisch und bedrückend.

Unfassbar auch, was man im Internet so alles finden kann. Die ausführliche Anleitung zum Autoklau ist da noch vergleichsweise harmlos. Was nehmen, wenn man für eine Schußwaffe gerade keinen passenden Schalldämpfer zur Hand hatte. Da tut es doch auch ein Ölfilter …

Der Fall, oder die Fälle starten für mich etwas schwerfällig, das ist aber am Ende leicht zu verzeihen, denn wie Olsen die Kurve und mich dann doch wieder kriegt, ist spannende und gute Unterhaltung vom dänischen Thriller-Meister. Auf Zehenspitzen schleichend, spitzt sich die Gesichte zu, hat romanhafte  Züge. Antisemitismus, ein Toter in einem Stahlwerk, ein Selbstmordversuch, mehrere Todesfälle nach Fahrerflucht, da kommt schon was zusammen. Das Drama um meine alte Freundin „Rose“ und wie ihre Kollegen füreinander kämpfen hat mir dabei am besten gefallen …

Wolfram Koch, mittlerweile Olsens Stamm-Sprecher, ich kenne ihn schon von den Hörbüchern der Keplers mit Kommissar Jona Linna, legt hier eine Coolness im Vortrag hin die mir sehr gut gefällt. Bisher hatte ich 4 Bände der Reihe gelesen und ich war gespannt wie es sich anfühlt sie jetzt zu hören. Ich muß sagen, daran kann ich mich gut gewöhnen. Er kennt seine Figuren mir scheint lange und gut und er mag sie offenbar. Selbst die „Tussen“ bringt Koch glaubhaft rüber, nicht gickelig, aber man merkt genau, die sind nicht die hellsten Kerzen auf der Torte 😉

Gray (Leonie Swann)

Samstag, 27.05.2017

Was weiß ich eigentlich über Papageien? Manche Exemplare können sprechen, Geräusche täuschend echt imitieren, sie können vorlaut sein, sie sind nicht gern alleine und nicht wenige überleben ihre Besitzer. Ein ordentlicher Piratenfilm ohne Kapitän mit Papagei – geht gar nicht und sie essen gerne Nüsse. Mir fallen gleich die bunten Aras ein, Graupapageien oder ein Kakadu.

Dr. Google weiß noch mehr: Graupapageien kommen aus Afrika, sie werden bis zu 450gr. schwer und bis zu 33cm groß. Sie sind überdurchschnittlich intelligent und sprachbegabt, deshalb gehören sie in der Kognitionsforschung zu den bedeutenden Tieren. In Europa werden sie sowohl in Zoos als auch privat gehalten, hier ist ein Höchstalter zwischen 60 und 73 Jahren belegt. Warum erzähl ich das? Ihr werdet schon sehen, denn diese Geschichte hat einen Vogel (Zitat Verlagswerbung)

Gray (Leonie Swann)

Elliot Fairbanks war ein arrogantes „A’Loch“, so sahen ihn zumindest etliche seiner Komilitonen in Cambridge und auch viele seiner Lehrer. Reich, exaltiert, provokant trat er auf, kaum eine Regel über die er sich nicht hinweg setzte. Das Fassadenklettern an den alterwürdigen Mauern der Uni sah man nicht gern, ihn juckte das nicht. Man duldete es, sogar stille Bewunderer gab es, denn er war ein Meister seines Fachs. Wie konnte es da sein, dass er bei einer seiner nächtlichen Klettertouren tödlich verunfallt war? 

Im Wohntrakt war die dritte Tür von links, den Flur hinunter nur angelehnt. Die Reinigungsfrau hattte das Zimmer in aller Hast wieder verlassen und war schnurstracks und völlig außer sich zu Dr. Augustus Huff geeilt. Oblgeich er hier an der Universität in Cambridge den Ruf hatte nicht ganz „normal“ zu sein, schien er in diesem Fall genau die richtige Wahl. In seinem Fachgebiet untersuchte er unter anderem den Umgang mit dem Aberglauben. Der leicht zwanghafte Jung-Doktor, er war noch keine Dreißig, mutete seiner Umwelt mit seinem Verhalten so einiges zu. 

So trat Huff grundsätzlich nur mit dem linken Fuß zuerst über eine Schwelle, dabei würde er auch nur zu gerne beweisen können, das links besser war als rechts und ach ja, die Acht, ganz eindeutig: Keine gute Zahl! Gebrauchte Bücher waren ihm ein Graus, die Intelligenz die diese von ihren zahlreichen Lesern aufgenommen haben mußten erschreckte ihn … 

Aber zurück, zu unserer Putzfrau. Sie beteuerte ihm nun schon zum xten Mal, im Zimmer des toten Studenten gehe ein Geist um. Als Augustus sich dann doch breit schlagen ließ mitzukommen, fiel es ihm auch auf. In dem teuer eingerichteten Zimmer stand mitten auf dem Teppich ein Staubsauger. Dieser war weder eingestöpselt, noch war er angeschaltet, ein Staubsaugergeräusch schwebte aber dennoch laut und vernehmlich im Raum. Und nicht nur das, die Stimme des toten Studenten war ebenfalls zu hören und sie kam eindeutig von ganz oben, von unter der Bettdecke, die unordentlich auf dem Stockbett lag. Augustus schlägt die Decke zurück und sieht sich Auge in Auge mit einem Graupapagei …

Beschattungen mit Papagei? Unauffällig war das nicht zu lösen. In dieser Nacht war Huff daher alleine unterwegs. Er wollte rauf auf’s Dach. Wollte verstehen, was Elliot hier gesucht hatte bevor er abgestürzt war. Wollte er über den Dingen stehen? Wollte er auf die anderen herabsehen? Wollte er jemanden oder etwas von hier aus beobachten? Während er noch nachdachte und still im Dunkeln verharrte, nahm er plötzlich dicht am Kamin hinter sich eine schattenhafte Bewegung wahr. War ihm jemand gefolgt? 

Leonie Swann, ist das Pseudonym einer deutschen, 1975 in Dachau geborenen Krimiautorin. 2006 erhielt sie für ihren Erfolgsroman „Glenkill – ein Schafskrimi“ den Friedrich-Glauser- Preis. Eine Fortsetzung zu Glenkill erschien 2010 unter dem Titel „Garou“. „Gray“ ist Mitte Mai 2017 erschienen und damit quasi noch druck- respektive hörfrisch!

Was für ein Spaß! Dieser Krimi macht eindeutig gute Laune! Ein engstirniger Landlord, eine ätherisch schöne Lady, verschrobene Kollegen und ein toter Student der nicht so war wie er allen erschien, man glaubt sie am Ende alle zu kennen. Dann Dr. Augustus Huff, Ermittler wider Willen, kam mir so vor, als habe man den guten alten Monk zusammen mit Miss Marple in einen Shaker gesteckt und einmal gut geschüttelt. Von Monk hat er die liebenswerte Zwanghaftigkeit, von Miss Marple die Hartnäckigkeit und den Scharfsinn. Der eigentliche Held und gleichzeitig Namensgeber des Buches ist dann aber der Graupapagei Gray. Wie Lassie mit Flügeln ist er mal Mahner, mal Witzbold und seine hinweisgebenden Panickattacken sind nicht zu toppen. ER kann Assistent, Kronzeuge und „dramatitsch“ … Seine Kommentare sind köstlich, mal ironisch, mal vorlaut, schon auch mal hochnotpeinlich. Diese Pointen sind es, die die Geschichte im Schwung halten und sie heraus heben sie aus dem Krimi-Einerlei. Ermittelt wird natürlich auch, der Plott ist wie ein Puzzle gestrickt, es rücken sich nach und nach die Teilchen an Ihren Platz bis zu einem vollständigen Bild. Als Leser oder Hörer fühlt man sich, als sitze man wie Gray auf der Schulter von Dr. Huff, man ist mittendrin statt nur dabei.

Das Hörbuch gelesen von Bjarne Mädel, bekannt durch seine Rolle als „Ernie“ in Stromberg ist für mich ein echter Volltreffer. Mädel liest mal leicht verschnupft näselnd, mal aristokratisch korrekt. Seine Einwürfe in der Rolle des Papageis sind zum Wegschmeißen! Christopher Heisler liest aus dem in die Hauptgeschichte eingebetteten „Tagebuch eines Luftikus“. Er hat mich, besonders auch im Kontrast zu Mädel, sehr begeistert. Die erste Textpassage die er vorlas, nach einem Kapitelwechsel und einer kunstvollen Pause, hat mich regelrecht elektrisiert. Alle meine Nackenhärchen standen! Fast philosophisch kommen diese Passagen daher und sie zeigen eine ganz andere Facette der Autorin, excellent interpretiert.

Eine ganz und gar runde Sache. So ist auch ein Satz, natürlich einer von Gray, zwischen mir und meinem Mann sofor zu einem geflügelten Wort geworden. Immer wenn sich einer von uns beiden mal richtig aufregt, fängt ihn dieser Ausspruch garantiert wieder ein (Zitat: „Nimm’ne Nuss!“) 😉

Mysterium (Federico Axat)

Samstag, 29.04.2017

Das Schachspielen hat mich immer schon fasziniert. Als ich noch ein Mädchen war, hat mein Vater es mir und meiner Schwester beigebracht. Gut darin war ich nie, mir fehlte einfach die Fähigkeit über den nächsten Zug hinaus zudenken. Unfassbar erscheint es mir, wie die Schachweltmeister ganze Partien im Kopf durch spielen, ja durch rechnen können.

Ist das noch normal? Im Weltmeisterschaftskampf 1972 in Reykjavik, zwischen dem Amerikaner Bobby Fischer und dem Russen Boris Spasski, hatte nicht nur Fischer eine Paranoia. Das Schachwunderkind Fischer gewann in dem „Match des Jahrhunderts“ überzeugend nach zahlreichen Querelen und Spielunterbrechungen. So war z.B. Spasski der Meinung, als er zurücklag, man habe um ihn abzuhören etwas in seinen Stuhl eingebracht. Als er sich nicht beruhigen und auch nicht mehr weiter spielen wollte, nahm man seinen Stuhl komplett auseinander. Man fand zwei tote Fliegen …

Bobby Fischer hörte unmittelbar nach seinem Sieg auf mit dem Turnierschach und stürzte komplett ab. Er lebte am Ende fast als Eremit in Island.
„Genie und Wahnsinn …“ Wie es sein muss, so fokussiert zu bleiben, um quasi mit totalem Tunnelblick einen solch mathematischen Kraftakt, wie ein Schachturnier dieser Güte, bewältigen zu können, kann ich mir gar nicht ausmalen. Ist es, wenn man ständig in einem Zustand absoluter Rationalität denkt, überhaupt noch möglich den Schalter für ein „normales“ alltägliches Denkmuster wieder umzulegen. Was wenn man sich selbst darin verliert? Wenn man zum Ermittler in seinem eigenen Denken, seinem eigenen Leben werden muss …

Mysterium (Federico Axat)

Alles ist vorbereitet. Holly ist mit den Mädchen bei den Großeltern in Florida, wahrscheinlich sind sie gerade in Disney World. Ted McKay lächelt bei dem Gedanken.

Die Pistole in seiner Hand ist entsichert. Sie fühlt sich schwer an, jetzt wo sie geladen ist. Dies ist kein impulsiver Entschluß, er hat seinen Selbstmord überlegt geplant, und doch fällt es ihm jetzt schwerer als gedacht. Moment, hat er auch alle Zettel aufgehängt? Die am Kühlschrank und an der Eingangstür zu seinem Arbeitszimmer? Sie sollen Holly davor warnen, gemeinsamn mit den Mädchen einzutreten. Er will auf keinen Fall, dass sie, seine Augensterne, ihn so finden. Mit einer Kugel im Kopf, in einer Blutlache. Holly kann er es nicht ersparen, sie wird es verstehen.

Ted atmet durch und hebt die Waffe an die Schläfe – da klingelt es an der Tür. Ted zögert und senkt die Waffe, der „Klingler“ beginnt jetzt zusätzlich an die Eingangstür zu hämmern und laut vernehmbar nach ihm zu rufen. Gut, dann muss sein Vorhaben noch einen Moment warten, der lästige „Klopfer“ wird sicher gleich wieder verschwinden.

Während Ted wartet, streift sein Blick die Tischplatte des Schreibtischs. Augenblick – dort, wo der Abschiedsbrief an Holly liegen sollte, liegt jetzt ein einfacher Zettel? Ein Zettel mit seiner Handschrift auf dem steht, er solle die Tür aufmachen, dies sei sein letzter Ausweg …

Dr. Marcus Grant ist fassungslos! Was seine Kollegin Dr. Laura Hill hier von ihm verlangt ist nicht nur unverschämt sondern ganz und gar unmöglich. Grant ist Leiter von Trakt C im Lavender Memorial Hospital. Trakt C ist die Hochsicherheitsabteilung der geschlossenen Psychatrie. Für die Einweisung eines Patienten gibt es hier klare Regeln, ohne die Zustimmung der Angehörigen, der medizinischen Kommission und der Klinik-Chefin geht hier gar nichts. Diese Formalitäten dauern meist mehrere Tage. Er kann das Prozedere nicht umgehen und er will es auch nicht, was bildet sich Laura bloß ein? Er hat gute Chancen hier der nächste Klinik-Chef zu werden, das setzt er doch mit einer solchen Aktion nicht auf’s Spiel. Ihr Engagement für den Patienten in allen Ehren, für ihn scheint das aber schon eher eine Obsession zu sein. NEIN! Doch Laura kämpft, zudem hat sie schon Tatsachen geschaffen, ihr Patient ist schon sediert und wartet im Eingangsbereich. Eine Idee wie die Situation zu lösen wäre hat sie auch bei der Hand, wenn sie nur Ted McKay jetzt, jetzt gleich hier unterbringen kann …

Federico Axat, argentinischer Ingenieur legt mit „Mysterium“ seinen ersten Roman vor. Was für ein Debüt, er zieht wirklich alle Register! Einen Thriller solcher Machart habe ich bisher nicht gelesen. Axat verstrickt seine Leser ahnungslos in ein alptraumhaftes Verwirrspiel. Atemlos stolpern wir mit Ted McKay durch ein wahres Dickicht aus Erinnerungssträngen. Ein Opossum wird dabei zum Wegweiser und nur die Psychologin Laura Hill ist uns ein Kompaß in diesem Labyrinth. Einer Achterbahnfahrt gleich, legt sich die Handlung in die Kurve. Immer wenn man als Leser glaubt eine Ahnung zu haben, worauf die Sache hinausläuft gibt es eine Wendung. Kurz, schnell und heftig reißt es einen in die Gurte, freier Fall. Wir schießen mit Ted durch die Loopings und wissen nicht mehr wo oben und wo unten ist. Zahlreiche Kapitel enden mit einem Cliffhanger, gnadenlos treibt Axat seine Leser weiter. Was ist real, was nicht? Unterwegs verliert man jegliches Gefühl für Gut und Böse. Zu welcher Gattung gehört denn eigentlich jetzt die Hauptfigur? Atemlos fliegt man über die Zeilen, schließlich kann die alles entscheidende Entdeckung ja hinter der nächsten Biegung, Pardon Seite, liegen. Brilliant und außergewöhnlich. 

Puh, kurzatmig und staunend, wie schnell 427 Seiten verfliegen können, bin ich glücklicher Weise mit heiler Haut aus der Geschichte wieder raus gekommen! Lesen – und Anschnallen nicht vergessen!

The Dry (Jane Harper)

Samstag, 04.03.2017

Australien! Der Kontinent der Gegensätze ist für viele von uns ein Sehnsuchtsziel. Bis heute ist dieses unglaubliche Land an vielen Stellen sogar noch unberührt. Es gibt neben den pulsierenden Metropolen wie Sydney oder Melbourne, Dschungel, jede Menge giftige Tiere und im Herzen das rote Zentrum mit dem Uluru, dem Ayers Rock. Eine Eingeborenen Kultur die wir teils bis heute nicht verstehen und – hier kann man noch verloren gehen, auch als Tourist. Immer wieder auch verheerende Buschbrände, die die Existenzen der einsam gelegenen Farmen bedrohen oder gar vernichten. Australien als Thriller Schauplatz kommt einem gar nicht mal so häufig unter, dabei bietet es die denkbar spannendsten Voraussetzungen …

The Dry (Jane Harper)

Es ist die größte Dürre seit hundert Jahren, da sind sich mittlerweile Metereologen und Farmer einig. Sie läßt nicht nur das Vieh verdursten, alles was grün und gut ist verdorren, sondern auch die Menschen langsam durchdrehen …

Kiewarra, irgendwo im australischen Nirgendwo. Das Baby schreit auf der Hadler Farm als der Postbote seine übliche Runde dreht. Was zunächst wie ein Routine-Tag in der flirrenden Hitze aussieht entpuppt sich in Windeseile als Albtraum. Der Postbote findet die Haustür der Hadlers angelehnt und nach wenigen Schritten im Flur Sarah Hadler in einer Blutlache. Die Stiegen aufwärts im Kinderzimmer Billy Hadler, acht Jahre alt, erschossen, verborgen hinter einem Wäschekorb. Charlotte, das Baby brüllt verängstigt und aus Leibeskräften. Den Vater, Luke, findet wenig später dann die Polizei, auf der Ladefläche seines Pick Ups. Tot, die Schrotflinte noch im Mund. Die Hitze – ein erweiterter Suizid, der Fall scheint klar …

„Luke hat gelogen, DU hast gelogen, komm zur Trauerfeier“ – dieser Satz fordert den Polizisten Aaron Falk auf zur Beerdigung der jungen Familie Hadler nach Kiewarra zu kommen. Zwanzig Jahre ist es jetzt her, dass Aaron Hals über Kopf mit seinem Vater Kiewarra verlassen hat. Unverholen schlägt ihm nach seiner Rückkehr während des Kirchgangs der Hass der Bewohner entgegen. Wie kann er es wagen, hier einfach so wieder aufzutauchen …

Jane Harper legt mit ihrem Debut „The Dry“ (Die Dürre) einen spannenden Krimi vor, der uns ans andere Ende der Erdkugel mit nimmt. Die Einfachheit des Lebens im australischen Outback, die Einsamkeit und die extremen klimatischen Bedingungen schildert sie anschaulich und eindrücklich. Wie begegnet man seiner eigenen Voreingenommenheit, wenn eines klar ist – seiner Vergangenheit kann niemand entfliehen.

Götz Otto nimmt sich zurück beim Vorlesen. So fühlte es sich für mich als Zuhörer an, als laste die bleischwere Hitze auch auf ihm und nicht nur auf der Geschichte. Die langen Schatten vergangener Tage, die Jane Harper ebenso beschwört wie die Bewohner den Regen, geben der Geschichte, die in geschickten Rückblenden erzählt wird eine ganz eigene Dynamik. Knisternd sprühen im Showdown die Funken …

 

Dr. Siri und seine Toten (Colin Cotterill)

Dienstag, 21.02.2017

Mit Nadeln kenne ICH mich aus, mit Akkupunktur-Nadeln, um genau zu sein. Halten sie mein Yin und Yang doch schon seit Jahren im Gleichgewicht. Irgendwie wirkt das, ob das messbar ist? Keine Ahnung, Fühlen kann ich es aber ganz deutlich, aufgeräumt und hell fühlt es sich nach einer Sitzung in mir an. Ja, und längst überfällig ist es, dass ich Euch den beratenden Arzt in meiner Apotheke vorstelle. Hier kommt er:

Dr. Siri Paiboun, seines Zeichens der erste und amtliche Leichenbeschauer von Laos und zwar von ganz Laos. Gut, werdet Ihr jetzt sagen, so richtig praktiert er dann ja nicht. Hat er aber, weit über siebzig Jahre ist er mittlerweile alt, wollte als Arzt seinen wohlverdienten Ruhestand antreten. Dann jetzt das! Er bekommt einen neuen Chef, Richter Haeng, der ist jung, ehrgeizig und will einen Leichenbeschauer und eine funktionierende Pathologie. Seine Wahl fällt auf Siri, ist der doch der einzige Genosse mit medizinischem Hintergrund. Wehren ist da zwecklos, obwohl wehrhaft und scharfzüngig ist Siri eigentlich, oh ja!

Die Herausforderung könnte größer nicht sein, hat Siri im Laos der 1970er Jahre doch weder Mittel zur Verfügung noch Fachwissen in diesem Bereich. Mit der Unterstützung eines französichen Lehrbuchs von 1948, dem Chemiebaukasten von Lehrerin Oum, sowie mit Hilfe der pummeligen Kranken-Schwester Dtui und Herrn Geung, einem perfektionistischen jungen Mann mit Downsyndrom, muss er sich alsbald schon ans Werk machen.

Auf seinem Tisch landet Frau Nitnoy, die Ehefrau eines wichtigen Parteifunktionärs. Diese ist bei einer Wohltätigkeitsveranstaltung, beim Essen, tot vom Stuhl gefallen. Der politische Druck ist groß, liegt doch ein Anschlag nahe …

Bei diesem einen Fall soll es aber nicht bleiben, doch Siri erweist sich einmal mehr als Querkopf, pardon Querdenker und kommt erstaunlich gut voran. Es scheint seine Ermittlungen stehen unter dem Schutz eines guten Geistes, oder guter Geister?

Colin Cotterill, in London geborener Englischlehrer machte am Ende seiner Ausbildung eine Weltreise und ist nach Etappen in Australien, Japan und Laos in Thailand hängen geblieben. Seine Krimi-Reihe um Dr. Siri Paiboun samt Assistenten hat mich im Sturm erorbert. Ist sie doch weit mehr als eine reine Krimi-Reihe. Ausgestattet mit exotischen Schauplätzen, herrlich gezeichneten Figuren die aus der Masse heraus stechen, pointierten Dialogen, britisch schwarz-humorig. Wer also eine Lesephase erreicht, wo alles schon mal da gewesen zu sein scheint, findet hier entspannte Abwechslung. Wünsche viel Vergnügen!