Das Böse es bleibt (Luca D’Andrea)

Sonntag, 20.05.2018

Nein, meine Heimat sind nicht die Berge, wie die, in die Luca D’Andrea hineingeboren wurde. Ich bin gebürtig aus Idar-Oberstein, der Stadt der Edelsteine und des Schmucks. Bereits im 15. Jahrhundert wurden hier an der Nahe, an ihren Nebenflüssen und Bächen in über 183 Schleifen Edelsteine verarbeitet. Als sich die heimischen Achat-Vorkommen erschöpften, viele Arbeiter ihr Einkommen verloren, setzte damals eine regelrechte Auswanderer-Welle in Richtung Brasilien ein, dort gab es noch Vorkommen und versierte Handwerker waren rar. So verschwanden in den ersten drei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts nach und nach die Schleifen aus dem Landschaftsbild in meiner Heimat.

Das Handwerk der Edelsteinschleifer, Lapidäre und Goldschmiede, ist jedoch bis heute für die Stadt und ihre Industrie prägend. 1974 wurde im Stadtteil Idar die weltweit erste und bis heute auch einzige Misch-Börse für Diamant-und Farbedelsteine gegründet. Die funkelnden, kostbaren Steine werden hier gehandelt, in den Betrieben der Stadt von kundigen Händen geschliffen und in alle Welt vertrieben. Räuberpistolen um die glitzernden Kostbarkeiten werden sich da natürlich auch erzählt. Sie handeln von Einbruch, Diebstahl, Raub und Überfällen. Ob auch Ehefrauen unter den Tätern sind, wie in diesem Krimi wurde mir bislang nicht überliefert, aber wer weiß …

Das Böse es bleibt

Der kleine Samtbeutel mit den Saphiren lag weich in ihrer Hand, als sie den Tresor wieder schloß und das Bild wieder schützend davor gleiten ließ. Der Inhalt dieses Beutels würde ihre Eintrittskarte sein in ein neues Leben. Es war Zeit dieser Welt aus Schutzgeld-Erpressung und Hehlerei, der ihr Mann vorstand, zu entkommen. Mit klopfendem Herzen entschied sie sich zur Flucht, wohl wissend, das ihr Mann seine Augen und Ohren überall hatte und ihr nicht viel Zeit bleiben würde.

Durch das sich schnell verdichtende Schneegestöber floh sie jetzt in die Nacht, verfolgt von den Schatten ihrer Vergangenheit und, da war sie sich sicher, sehr bald schon von den Häschern ihres Mannes. Am Ende der Serpentinenstrecke dann die folgenschwere Entscheidung, sollte sie nach links oder rechts abbiegen? Als ihr Wagen ins Schlingern geriet und die Bäume in nicht enden wollender Zahl auf sie zu rasten wußte sie – sie hatte sich falsch entschieden. Der kleine Fiat und Marlene kamen in dieser Winternacht 1974 von der Straße ab und überschlugen sich …

Luca D’Andrea, der italienische Schriftsteller und Oberschulprofesser aus Bozen hatte bereits in seinem ersten Roman, „Der Tod so kalt“, der sich wochenlang auf den Bestenlisten hielt, die Stimmung der Südtiroler Bergwelt grandios eingefangen.

Diesmal erzählt er, ebenfalls vor der Kulisse seiner Heimat Südtirol, von Killern, Opfern und Gaunern. Die Geschichte nimmt mit einem Autounfall ihren Anfang und verlagert sich dann größtenteils auf einen einsamen Berghof zwischen Schweine, Schnee und Eis. Ein Hof, in dessen Keller man eher nicht hinabsteigen will. Tut man es, stößt man auf Schädel, Knochen und auf einen Berg alter, handgeschriebener Familienbibeln.

„Auge um Auge – Zahn um Zahn“ …

Eine Geschichte von Befehl und Gehorsam, von Denunzianten, Spionen und Kollaborateuren, Schuld und Rache. Von der Mafia, ihren Bossen und Opfern. Von Schmuggel und Bestechung. Das organisierte Verbrechen hält seine Hand über alles und alle. Zieht an den Fäden seiner Marionetten und läßt sie tanzen, töten und taumeln.

„Knusper, knusper, Knäuschen. Wer knuspert an meinem Häuschen?“ Märchenhafte Metaphern verwendet D’Andrea diesmal um dem ewig Bösen Gestalt zu geben. Er läßt uns buchstäblich dem schwarzen Mann im Wald begegnen.

Klein, bösartig und grausam. Marlene läßt er von Kobolden träumen. Aus der Erde kamen sie, in Höhlen hausten sie. In ihren Träumen peinigten sie sie, schickten ihr Erinnerungen an Herrn Wegener, ihren Ehemann, dessen Deckname in der Welt der Syndikate bezeichnenderweise „Kobold“ ist.

Waren seine Monster in „Der Tod so kalt“ noch prähistorisch, sind sie hier eher nach grimmschem Vorbild gestaltet. Aus liebenswerten Wichteln werden bei D’Andrea abgezehrte Kindersklaven, die in asiatischen Minen nach Edelsteinen schürfen um skrupellose Verbrecher reich zu machen.

Blut klebt an deren Händen, das Blut der Kinder die sie mit Gewehrkolbenschlägen zum Schuften antreiben bis zur völligen Erschöpfung. Die Mafiosi agieren in diesem Kontext als gewissenlose Kobolde, die Terror, Macht und Zwang ausüben.

Unschuldige, klapperdürre Brüder müssen tatenlos mit ansehen, wie der eigenen Schwester durch den Vater Gewalt widerfährt. Tatenlos, schutzlos und machtlos. Sie fallen dem Wahnsinn anheim, werden zum Verräter am eigenen Vater, der einst Vorbild und Leitfigur war. Die Beziehung zur kleinen Schwester bleibt indes prägend für sie, ihre Stimme bleibt in ihnen präsent. Halluzinationen verschmelzen mit der Realität. Auftragskiller konkurieren mit Serienmördern.

„Der Tod so kalt“ war ein Ausnahmekrimi für mich, deshalb hatte ich mir diesen hier, seinen zweiten, schon zeitig vorgemerkt. Meine Erwartungen waren hoch, der Autor selbst hatte die Messlatte auf diese Höhe gelegt. An den Spannungsaufbau, das Sagenhafte, das Geheimnisvolle seines ersten Romans reicht „Das Böse es bleibt“ für mich leider nicht heran. Die famose Grundstimmung seines Erstlings, die ihn mehr als einen Krimi sein ließ und in mir auch heute noch, beim Gedanken daran, eine seltsame Beklemmung auslöst, kann er hier nicht erzeugen. Der Handlungsstrang war mir bisweilen etwas zu verworren, die Motive unklar. Wohl wissend, dass es auf Gottes Erde genug Verrückte gibt, deren Tun und Handeln wir Übrigen nie werden nachvollziehen können …

Matthias Köberlin – Schon gut, ich gestehe! Gestehe, dass ich mich in seine Stimme, seine Art des Vortrages verliebt habe. Hoffnungslos und rettungslos.

Bereits bei den ersten Tönen dieses Hörbuchs kriecht mir eine Gänsehaut an meinen Armen entlang aufwärts, die diesmal allein seiner Stimme geschuldet ist. Als Sprecher hält er uns die Steigbügel und hebt uns hinein in die Handlung. Laut und polternd kann er uns zusammenfalten, schwenkt kurz darauf wieder um und betont mit einer Sanftheit, die uns das Blut stocken läßt, die Konsequenzen die unser Handeln haben wird, und wir wissen, das wir da gerade auf ganz dünnem Eis balancieren …

Köberlin ist für mich ein absoluter Mehrwert für jede Geschichte. Er liest klassische Romanstoffe à la Donna Tartt ebenso souverän wie einen solchen Krimi, aus dem er alles heraus holt. Bravo!

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Artemis (Andy Weir)

Sonntag, 15.04.2018

Was macht eigentlich einen Traumjob aus? Jedem von uns fallen da aus dem Stand Attribute ein, die für ihn persönlich wichtig sind. Aufgaben die mehr als nur Routine bedeuten, gutes Geld, ein attraktives Arbeitsumfeld, mit Menschen zusammen kommen, von denen man Wertschätzung und Anerkennung erfährt. Ein Chef und Kollegen, die man nicht gleich auf den Mond schießen möchte … Apropos Mond. Einen Job auf dem Mond zu haben könnte auch ein Traum sein, oder? Fragen wir doch mal jemanden der sich damit auskennt, darf ich vorstellen: Miss Jazmin Bashara – und Euch allen ein herzliches Willkommen in Artemis, der ersten und einzigen Stadt auf unserem Erdtrabanten, dem Mond. Einwohnerzahl zweitausend, darunter viele Millionäre, Wissenschaftler und auch eine, die mit allen Wassern gewaschen scheint:

Artemis – nicht erbaut auf sieben Hügeln, dafür aus fünf großen Kugeln. Meterdicke Wände aus Metall und Beton, die zur Hälfte unter der Oberfläche eingegraben wurden und durch Tunnel miteinander verbunden sind, bilden das Gerüst der Stadt. Nur vier Kuppeln, die um eine fünfte in ihrer Mitte liegend angeordnet sind, sind von oben betrachtet sichtbar. Es ist teuer hier zu leben und es ist teuer hierher zu kommen. Dabei ist das Leben in Artemis für die meisten alles andere als luxuriös, und ganz und gar nicht so, wie man es bei den Preisen vielleicht erwarten könnte.

Jazmin, oder Jazz wie ihre Freunde sie nennen, arbeitet als Trägerin, wir würden sagen Postzusteller. Na ja gut, Schmugglerin würde auch passen, denn sie verteilt Pakete und nicht jeder von ihr zugestellte Inhalt ist auch legal auf dem Mond, sondern er birgt, im besten Wortsinn, auch schon mal Zündstoff in sich. Nehmen wir z.B. Zigarren, die eingedenk der strengen Brandschutzbestimmungen in Artemis verboten sind. Schließlich kann man ja nicht mal eben so bei Verrauchung ein Fenster zum Lüften öffnen, oder wenn es brennt hinaus spazieren.

Jazz wurde in Saudi Arabien geboren, ist jetzt sechsundzwanzig und lebt auf dem Mond seit sie sechs Jahre als ist. Sie liebt ihre Stadt, fühlt sich als Artemisierin. Das trotz aller Unbillen, die diese für ihre Bewohner bereithält. Der Kaffee schmeckt hier wirklich widerlich, was wenn man bedenkt, dass Wasser hier oben bereits bei einundsechzig Grad kocht, eigentlich auch kein Wunder ist. Will sagen, der Mond kann ja nichts dafür, sondern vielmehr die Gesetze der Physik. Befragte man Jazmin als Kind nach ihren Berufswünschen, formulierte sie schon, reich – immer noch arbeitet sie daran, auch das bisweilen mit nicht ganz legalen Mitteln …

Andy Weir – von Haus aus Programmierer und Softwareentwickler landete mit seinem Debütroman „Der Marsianer“ aus dem Stand einen Bestseller, der auch erfolgreich mit Matt Damon in einer Hauptrolle verfilmt wurde. In seinem neuen Roman hat es ihn nicht ganz so weit in den Weltraum verschlagen und wir landen diesmal mit ihm auf unserem Mond. Science Fiction Fans die jetzt Weltraumschlachten oder Fahrten mit Raumschiffen erwarten werden diese vielleicht vermissen. Mir haben sie nicht gefehlt, mir hat die „geerdete“ Darstellung des Lebens auf dem Mond gefallen und ich habe mich an der spürbaren Schreibfreude Weirs und an seiner Leidenschaft für alles was mit der bemannten Raumfahrt zu tun hat, gefreut. Zwischen wissenschaftlichen Fakten schweben seine Pointen in der Schwerelosigkeit und die sehr griffig geschilderten technischen Einrichtungen vermitteln den Eindruck, man könne Nachts aus dem Fenster auf den Mond schauen und Artemis schon dort oben sehen.

In der gut besuchten Mondstadt begegnen wir stinkreichen Touristen, Weltraumbummlern und Arbeitern in den engen Tunneln. Wir bestaunen die Landezone der Apollo Rakete im Besucherzentrum und unternehmen selbst einen Mondspaziergang hinaus zu den Überresten der „Eagle“. Wir spähen erschrocken in die Kapselunterkünfte, in die man die Arbeiter und auch unsere Heldin gequetscht hat, verstehen auf Anhieb, warum man diese Wohneinheiten ohne eigene Dusche und Toilette umgangssprachlich „Särge“ nennt.

Wir lesen den Briefwechsel oder vielmehr E-Mail-Wechsel zwischen Kelvin und Jazz der bereits in deren Schulzeit beginnt mit, halten so den Kontakt zur Erde. Mit Kel teilt sie ihre Sorgen, er ist ihr Ratgeber und Vertrauter in jeder Lebenslage, und sie, die Hochbegabte löst für ihren Erdenfreund, den sie nicht persönlich kennt, aus der Ferne auch schon mal komplizierte Berechnungsaufgaben, damit er im Raketendesign weiter kommt.

In gekühlten Anzügen rumpeln wir mit Spezialfahrzeugen über die spitzen Steine der Mondoberfläche. Der feine Staub aus spitzen Teilchen gerät dabei überall hin, klebt an uns fest, gerät in die Lunge, zerkratzt die Augen, sobald unser Schutzanzug auch nur den kleinsten Ritz hat.

Die blitzgescheite Jazz nimmt uns an der Hand und erklärt uns diese Mondwelt anschaulich, mit all ihren technischen Details, kurzweilig und sehr unterhaltsam. Sie nimmt sich selbst nicht ganz so ernst und betrachtet die Ereignisse mit einer entspannten Grundhaltung. Okay, ein freches Mundwerk hat sie schon, da darf man nicht ganz so empfindlich sein. Jung, wild, rebellisch, ungebunden, unangepaßt, unerschrocken, vorwitzig und grenzenlos optimistisch – eine arabische Pippi Langstrumpf auf dem Mond, nur ohne Zöpfe. Es macht Laune mit ihr unterwegs zu sein und diese fremde Welt zwischen Glas, Staub und Steinen mit ihr zu erobern.

Etwa ab der Hälfte dieses Zukunftsthrillers zieht dann auch die Spannung an. Als Jazmin, Schmugglerin und Teilzeitkriminelle, einen brenzligen Auftrag ihres besten Kunden annimmt, ahnen wir schon, das hier auf die Gute eine Lawine von Problemen zurollt und wir hoffen, dass ihr am Ende nicht die Deportation zur Erde droht. Im Sabotagegeschäft kennt sie sich ja nun wirklich nicht aus! Einen Mord gibt es schließlich auch aufzuklären und als hätten wir es nicht befürchtet, steckt unsere Miss Bashara plötzlich mitten in einer Verschwörung vom Feinsten und nur ein beherzter Plan, der zugegeben nicht ohne Risiko für Leib und Leben der Beteiligten ist, wird geschmiedet um das Schlimmste noch abzuwenden. Mißlingt er, steht das Wohl und Wehe der gesamten Mond-Stadt auf der Kippe …

Mich hat Andy Weirs Geschichte bestens unterhalten und zugleich den Blick für unseren blauen Planeten, für seine Schönheit und die Dringlichkeit diese zu erhalten neu geöffnet!

Hörbuch-Fassung, gekürzte Lesung mit 9h und 10 Min. Spielzeit:

Gabriele Pietermann – ist die Hauptstimme in dieser gelungenen Hörbuch-Fassung. Als deutsche Synchronsprecherin von Emilia Clarke, alias Daenerys Targaryen aus Game of Thrones und von Emma Watson, alias Hermine aus den Harry Potter Filmen, haben wir sie hier plaudernd im Ohr.

Ihr Vortrag ist sehr lebendig, sie unterstreicht damit die freche, spätpubertäre und vorwitzige Art der Heldin, gibt sie cool, clever und lässig. Fluchen wie ein Kesselflicker, ja, das kann sie auch.

Die Rolle von Kelvin liest Marius Clarén, die deutsche Stimme von Tobey Maguire alias Spiderman und Jake Gyllenhall sehr sympatisch und authentisch ein. Der E-Mail-Chat der beiden vom Mond zur Erde und zurück – ein herrlicher Schlagabtausch.

Das Labyrinth der Lichter (Carlos Ruiz Zafon)

Ostermontag, 02.04.2018

Wie sehr uns doch die Hoffnung antreibt. Hoffentlich geht es mir morgen wieder besser. Hoffentlich ist das Wetter bald wieder schöner. Hoffentlich ist er, oder sie mir nicht mehr böse. Hoffentlich geht das gut. Sätze ohne Zahl beginnen wir mit dieser Formel. Ich sitze gerade hier und überlege, wo mich dieser Beitragsanfang hinführen wird und denke, hoffentlich kriege ich die Kurve zu dem, was ich im Folgenden sagen will.

Merkt Ihr was? Mir scheint die Hoffnung ist tatsächlich die alles entscheidende Triebfeder, zumindest in meinem Leben. Was wäre es finster ohne diesen Schimmer am Horizont. Auch wenn man sich die Brille schon mal gründlich putzen muss um es zu sehen: Das Licht am Ende des Tunnels. In seinen Romanen, geht es immer um die Hoffnung, aber auch um die vielen Gesichter mit denen sich die Wahrheit maskiert.

Mit hohen Erwartungen und ja, mit der Hoffnung, dieser vierte Teil seiner Barcelona-Reihe möchte an die Wortgewalt und die Gefühlswelt der Vorgängerbände anknüpfen, bin ich in dieses Hör-Abenteuer gestartet:

Das Labyrinth der Lichter (Carlos Ruiz Zafon)

Barcelona, 1938. In der Dunkelheit eines Schiffsbauches erwacht ein blinder Passagier. Allerlei Kuriositäten türmen sich um ihn herum auf. Alte Schaufensterpuppen, eine Kutsche, Requisiten aus einer anderen Welt. Er hält sich in den Schatten verborgen, horcht auf die Geräusche des Schiffes und der Mannschaft mit angehaltenem Atem. Vor zwei Nächten hatte er sich in Valencia an Bord geschlichen und hier versteckt, in einer Gewehrkiste. Jetzt legte das Schiff an, und er, Fermin Romero de Torres, war fast am Ziel, zurück in Barcelona. Plötzlich näherten sich Schritte und diese Stimme, die laut bellend Befehle erteilte, ließ ihm das Blut gefrieren, denn sie gehörte eindeutig zu Inspektor Fumero! Der grausame Häscher der Staatspolizei höchst persönlich suchte in jeder Ritze des Schiffes und er fand was er suchte …

Der Schuß durchbohrte Fermins Waffensarg und verfehlte seinen Kopf nur um Haaresbreite. Die Nägel die anschließend durch den Kistendeckel getrieben wurden sperrten ihn für immer hier ein. Er fühlte, wie er mitsamt seines Gefängnisses in die Luft gehoben wurde, es folgten ein Fall ins Leere, dann der Aufprall und das durch die Spalten eindringende Hafenwasser wurde stetig und schnell mehr …

In seine eigene Hölle hatten sie ihn geführt. Er betrachtete seine verletzte Hand als gehöre sie nicht zu ihm. Dunkel hattte sich bereits das Fleisch an ihr verfärbt. Er wußte, dass er sterben würde, am Wundbrand, an der Sepsis, in diesem Loch hier, festgesetzt und vergessen, wenn er nicht handelte. Das Paket, das ihm in die Zelle geworfen worden war lag jetzt vor seinen Füßen. Er öffnete es ungelenk mit seiner gesunden Hand und förderte eine einfache Holzsäge zutage. Die Worte die sein Entführer ihm bei der Übergabe des Päckchens entgegen geschleudert hattte, klangen in ihm nach, (^der Tot ist zu gut für dich^), als er das Werkzeug an seinem fauligen Handgelenk ansetzte und zu sägen begann …

Textzitat: „Gewissheiten flößen Mut ein, aber lernen tut man nur mit dem Zweifel“.

Carlos Ruiz Zafon – der spanische Erfolgsautor öffnet mit diesem Roman zum letzten Mal knarrend das Tor zum Friedhof der vergessenen Bücher und gibt uns den Weg frei. Ganz wehmütig läßt er mich am Ende der Reise zwar auf den Stufen zum Eingang zurück, aber er schenkt mir damit auch eine glückliche Erinnerung an eine wunderbare Roman-Reihe.

Endlich konnte ich wieder die Türschwelle überschreiten und meine Lieblingsbuchhandlung „Sempere & Söhne“ besuchen. Jetzt steht ein Laufstall neben dem Ladentisch und Daniels zweijähriger Sohn spielt zu dessen Füßen. Und auch er ist wieder da! Mein Fermin! Was hab ich ihn vermißt, dieses schwadronierende, liebenswürdige Schlitzohr. Die Sprüche die ihm Zafon in den Mund legt sind wieder göttlich. Er ist ein wahrer Stimmungsaufheller, ihn hätte ich gerne im echten Leben zum Freund, nie ist er um eine Antwort verlegen. Literarischer Berater und bibliografischer Detektiv, so seine selbstgewählte Berufsbezeichnung. Seinen Empfehlungs-Kärtchen, die er heimlich in den Büchern versteckt, damit Bea sie nicht findet, wäre ICH auf jeden Fall gefolgt …

Meisterhaft verbindet Zafon diesmal alle losen Enden seiner drei voran gegangenen Romane, stellt klar und Zusammenhänge her. Wieviele Geschichten es doch innerhalb einer Geschichte zu erzählen gibt! Die Figur der Alicia agiert dabei als Weberin, die aus den zahlreichen Fäden ein reiches Muster webt. An ihrer Seite Vargas, der ihr Vater sein könnte, aber alles andere als das sein will.

Viele alte Bekannte treffen wir wieder, gleich ob geliebt oder gehaßt, so auch Mauricio Valls, den wir bereits in Band drei kennengelernt haben. Damals war er noch der Gefängnisdirektor auf dem Montjuic. Ein grausamer Mann, der vielen Qualen und den Tod gebracht hat. Geprägt von Besessenheit und Fanatismus, hat er sich hochgearbeitet zum Kultur-Minister. Kaum das wir aber auf ihn treffen verschwindet er, offenbar spurlos. Seine Fährte nehmen wir auf mit Alicia Gris, einer Beamtin der Staatspolizei mit eigenem Schicksal. Ein Geschöpf der Nacht, schön, unnahbar und geheimnisvoll, eigenwillig, gerissen und clever. Wir tauchen mit ihr ein in die Nacht auf der Spur eines Rätsels, werden verwickelt in Intrigen, verfolgt von den Schergen des Bösen, die sich wie die Kletten an uns heften, allen voran dieser unsägliche Endaja!

Diese Frau ist mutig bis zur Selbstüberschätzung, selbst dem Teufel würde sie alleine bis vor die sprichwörtliche Küchentür gehen. Bei Filmen halte ich mir immer die Augen zu, wenn ich es nicht mehr aushalten kann, hier hätte ich mir die Ohren zugehalten, wäre ich nicht am Autofahren gewesen. Zum Nägelkauen spannend sind diese eingestreuten Szenen.

Wir gehen auf die Suche nach dem verschollenen neunten Band einer Romanreihe mit dem Titel „Das Labyrinth der Lichter“, die von einem geisterhaften, wahnhaften Barcelona erzählt, wo einen führerlose Straßenbahnen ans Ziel bringen, wenn man denn ein Ziel hat. Finden Freunde dort, wo wir sie nicht vermuten. Erkennen in unserem Gegenüber einen Feind. Dort wo Kindsräuber und Albtraumarchitekten die Leben Unschuldiger zerstören.

Rache und Grausamkeit, bodenloser Hass und Verzweiflung, nisten zwischen diesen Seiten ebenso, wie Freundschaft, Verbundenheit, Poesie und Liebe. Und ja, meine Lieblingsfigur Fermin hat Konkurenz bekommen, Alicia Gris hat mein Herz im Sturm erobert!

Nachdem die letzte Seite dieser wunderbaren Geschichten umgeblättert ist, ziehe ich Bilanz für mich, was ich quasi nebenbei Unglaubliches über Barcelona gelernt habe. Wie sehr diese herrliche Stadt auch von schweren Bombardierungen betroffen war, dass auch sie einst in Flammen stand und was ihre Bewohner in der bleiernen Zeit der Franco-Aera erduldet haben. Ein Bombenhagel hatte Barcelona in nur einer Märznacht 1938 unter sich begraben. Neunhundert Menschen starben, darunter einhundert Kinder.

Diese Mischung macht Zafon nicht nur zu einem begnadeten Erzähler, für mich macht ihn das zu einem mehr als bemerkenswerten Autor. Poetisch im Erzählton, spannend, mystisch und berührend und wie schon zu Beginn meines Beitrags, greift die Hoffnung nach mir, die Hoffnung darauf noch viele weitere Geschichten mit ihm und von ihm entdecken zu dürfen …

Hörbuch-Fassung, ungekürzt, mit kostbaren 27 Stunden und 25 Minuten, vorgelesene Seiten 939, von Uve Teschner.

Der Kreis schließt sich, auch mit und durch ihn. Mit ihm als Vorleser bin ich in mein erstes Zafon-Barcelona-Abenteuer gestartet, mit ihm beende ich auch den letzten Band der Reihe. Ich lehne mich zurück, höre ihm zu, halte mich an seiner Stimme fest, wenn die Geschichte mich mitreißt. Er ist es, dessen Ton für mich untrennbar mit „Dem Friedhof der vergessenen Bücher“ verbunden bleiben wird. Der mich an der Tür empfängt und sagt ^Willkommen zu Hause^ in den Geschichten von Zafon!

Mal sanft, mal ruhelos, mal eifersüchtig, mal durchtrieben. Er holt alle Figuren stets dort ab, wo sie stehen. Seine Interpretation des üblen Folterers Endaja treibt mir den Angstschweiß auf die Stirn. Schlangengleich verhört dieser seine Opfer. Wie festgenagelt folgt man der Szene, sieht man sich selbst diesem Unhold gegenüber sitzen. Herrlich naiv dagegen legt er den jungen Fernando an, kratzig und kraftvoll Alicias Beschützer Vargas und er schafft es auch, dass sich Fermin tatsächlich älter anhört, vertraut und doch anders.

Danke für dieses Hörerlebnis, es war mir ein Fest!

Mein Dankeschön geht an dieser Stelle auch an den Übersetzer der Barcelona-Reihe, an Herrn Peter Schwaar. Er ist es, der den spanischen Erzählton Zafons so grandios, so klangvoll, ins Deutsche übertragen hat, die Sätze in einer neuen Sprache noch einmal ausbalanciert. Merci dafür!

Moabit (Volker Kutscher)

Donnerstag, 22.03.2018

Wie ein Tanz auf dem Vulkan. Ein Ausflug in’s Sündenbabel. Gleich drei Regisseure u.a. Tom Tykwer haben sich der erfolgreichen Krimi-Reihe von Volker Kutscher um seinen Kölner Kommissar Gereon Rath angenommen, den es in’s Berlin der 1920er Jahre verschlägt. In legendären Tanzlokalen vergißt man dort Hunger, Not und Alltagssorgen, während die Macht der Nazionalsozialisten erstarkt.

Der erste Band der Gereon-Rath-Reihe, „Der nasse Fisch“ ging beim Privatsender Netflix in Serie, in 2018 soll diese jetzt auch im öffentlich-rechtlichen Fernsehen ausgestrahlt werden. Sie wird als Highlight beworben und das völlig zurecht! Man kriecht hier durch’s Schlüsselloch mitten hinein in den legendären Berliner Tanztempel Moka Efti, in die armseligen Hinterhöfe und Wohnzimmer der einfachen Leute. Ist sofort von dieser besonderen Stimmung gefangen. Der Soundtrack ist magisch, erinnert an Zarah Leander und die Dietrich.

Diese Verfilmung hat mich neugierig gemacht auf die Kutscher Krimis,von seinen Figuren wollte ich mehr erfahren. Desöfteren war ich schon über diesen Titel hier gestolpert, Gereon Rath 0.5, dem Titel nach also eine Vorgeschichte. Mit der Hörbuch-Fassung, die, obwohl sie nur knappe zwei Stunden umfasst, aber gleich von drei Sprechern eingelesen wird, kann man doch nichts falsch machen, oder?

Moabit (Volker Kutscher)

Die Berolina war ein sauberer Ringverein. Einbrüche, ein bisschen Schutzgeld hier und da, keiner drehte hier Dinger mit Koks oder Huren.

„DEN Schränker“ nannten sie ihn, weil er jeden Geldschrank knacken konnte. Dafür stand er, auch wenn jetzt hier einsaß, ihr Boss, Adolf Winkler alias Addi. Als ungekrönter König von Moabit zog er auch aus dem Gefängnis heraus noch immer die Strippen, hatte er eben seinem zweiten Mann im Besuchsraum noch den Kopf zurecht gerückt, dann die Nerven verloren: Dieser Holzkopf hatte einfach von der Geschäftsführung keine Ahnung. Durchatmen, nur ruhig Blut -. Anderthalb Wochen waren es heute noch bis zu seiner Entlassung. Auf dem Weg zurück in seinen Zellenblock, sein Wärter hatte es plötzlich eilig auf’s Häuschen zu kommen und ihn vertrauensvoll auf dem Flur allein stehen lassen, sah er sich einem Mitgefangenen gegenüber. Dieser war ebenfalls allein und noch bevor Addi überlegen konnte wo der andere hergekommen war, blitzte eine Klinge in dessen Hand auf und er lag am Boden, verwickelt in einen Kampf auf Leben und Tod …

Volker Kutscher lebt in Köln. Der gelernte Journalist hat in seiner Reihe um den Kölner Kommissar und sein Wirken im Berlin zur Zeit der Weimarer Republik und im aufkeimenden Nationalsozialismus, bislang sechs Fälle und diese Kurzgeschichte veröffentlicht. Sein erster Berlin-Krimi erschien bereits 2008.

An seiner Geschichte Moabit gefällt mir besonders, dass er seine Figuren auch sprachlich wunderbar unterschiedlich heraus arbeitet. Sein Bandenchef kommt eher schnodderig daher, ist sich seiner Befehlsgewalt dabei aber mehr als bewußt. Sein Gefängnisaufseher Ritter ist ein Ehrenmann, gradlinig und korrekt, verantwortungsvoll und pflichtbewußt. Charlotte mit ihrer Zielstrebigkeit und ihrem unbändigen Lebenshunger, so quirlig, neugierig und lebendig, und ein kleines bisschen vorlaut. Das Abitur in der Tasche, der Weg zum Studium offen, ein vorgezeichneter Weg? Wir erleben wie aus der „Knast-Lotte“ so ihr Spitzname, Nachts „Charlie“ wird.

Dieser kleine aber feine Geschichtsfetzten macht definitiv Lust auf mehr, er ist spannend, schillernd und kurzweilig und mündet in einem tragischen Finale. Gleich ob lesend, hörend oder in Bildern erzählt – Kutschers Kriminalromane sind wie lebendig gewordene Geschichtsbücher. In diesem Falle gibt es das Innenleben einer preußischen Haftanstalt inklusive.

Es kämpfen Lebensretter mit ihren Idealen und auch Gangster mit ihren Wertvorstellungen. Die Polizei steht dazwischen, während alle miteinander ringen. Von Vätern und Töchtern, Gewissensbissen, Fallenstellern und Nachtschwärmern. Zum Glück eine Geschichte mit Fortsetzung …

Hörbuch-Fassung:

Drei Kapitel, drei Perspektiven, drei Sprecher = eine tolle Idee.

Marc Hosemann, Schauspieler, hat im Hörspiel „Die Säulen der Erde“ für den WDR 1999 schon als Sprecher mitgewirkt. Er ist in Moabit als Erster dran. Er liest seinen Part herrlich kratzig und verraucht, als hätte er eine Nacht lang durch gesoffen. So passt er wie Faust auf Auge zu seiner Figur, dem Unterwelt-Boss Addi.

David Nathan, der vorlesend in die Rolle des Gefängniswärters Ritters geschlüpft ist, interpretiert diesen Charakter wohltönend und integer. Nathan ist ein echter Profi, man kennt ihn von zahlreichen Hörbuch-Produktionen, als eine echte Bank. Als Synchron-Sprecher ist er die deutsche Stimme von Johnny Depp und Christian Bale, aber auch Leonardo DiCaprio hat schon durch ihn zu uns gesprochen.

Karoline Herfurth, preisgekrönt als Schauspielerin, vielen bekannt aus Fuck u Göthe, im Hörbuch eher selten präsent, liest die Charlotte Ritter. Gibt sie mal quirlig und putzmunter, mal nachdenklich und versonnen. Die Nachtschwärmerin und brave Tochter am Tag, paßt ebenfalls sehr gut zu ihrer Stimme.

Dieses Sprecher-Trio ist für mich eine echte Bereicherung für Kutschers Erzählung und ich werde defintiv mal schauen, wer seine übrigen Fälle eingelesen hat und mich dann entscheiden – weiter lesen oder doch lieber hören?

Auf nach Berlin, um im Champagner zu baden und eine Nacht lang durch zu tanzen, will ich auf jeden Fall nochmal …

Unter der Drachenwand (Arno Geiger)

Samstag, 17.03.2018

Wir stehen morgens auf, beginnen unser Tagwerk, müssen uns keine Sorgen machen, ob wir genug zu essen haben. Rätseln höchstens darüber wie es funktionieren kann, sich gesund zu ernähren. Müssen uns nicht im Keller vor Bomben verstecken, vor Übergriffen auf der Straße Angst haben, können laut und frei die eigene Meinung äußern. Wir leben schon lange in einer Zeit anhaltenden Friedens in Deutschland. Dabei sind die Entbehrungen, Trümmer und die Angst in Kriegszeiten für viele von uns nur eine Armlänge entfernt, dann wenn wir Großeltern haben oder hatten, die ihn, einen der großen Kriege, selbst erlebt haben.

Mein Großvater Wilhelm durfte nach dem zweiten Weltkrieg aus russischer Gefangenschaft heimgekehren, auf seinen eigenen zwei Beinen. Nach der ersten Nacht zu Hause hatte sich sein Haar schneeweiß gefärbt. Über das was er dort in der Eiseskälte bei Stalingrad und sonst wo erlebt hatte, hat er mit uns Kindern nie gesprochen. Einzig, dass er niemanden, zum Schneiden seiner Zehennägel an seine Füße ließ, war für uns auffällig und wenn ich, sein „Jockel“ wie er mich nannte, ihn an den Füßen kitzelte, wenn er auf dem Chaiselounge in der Küche seinen Mittagsschlaf hielt, wurde er streng. Er hatte kein wirkliches Gefühl mehr in ihnen, seinen Zehen, sie waren ihm erfroren in diesem Kriegswinter und er versteckte sie stets, ob Sommer oder Winter in dicken Wollstrümpfen …

Unter der Drachenwand (Arno Geiger)

Diesmal hatte er kein Glück gehabt, er war in einen Hagel aus Granaten-Splittern geraten. An der Wange, im Oberschenkel unter seinem Schulterblatt waren sie eingedrungen. Dem Blut, dass aus ihm herauslief, hatte er ungläubig nachgeschaut. Wie ein Bächlein wollte das Leben aus ihm entweichen, aber noch war er am Leben. Irgendwie war er in dieses Lazaret gekommen, nach fünf dunklen Jahre als Soldat im Feld und nach dieser Verletzung stand ihm jetzt ein Genesungsurlaub zu.

Freuen hätte er sich doch müssen, endlich wieder zu Hause sein, bei den Eltern. Gut meinten sie es doch mit ihm. Die Eltern wollten erfahren, wie es ihm ergangen war. Für ihn aber war es wie eine Strafe, denn sie erwarteten das, was er nicht wollte, nicht konnte, dass er erzählte. Er blieb verstockt, wollte nicht reden, nicht rühren an dem Erlebten, und sie, sie bedrängten ihn.

Der Vater mit seiner politischen Überzeugung und seinem schier grenzenlosen Optimismus, dass sie Teil eines großen Plans, einer großen Erneuerung sein würden. In seinen Frontbriefen war das schon schwer auszuhalten gewesen, jetzt hier im persönlichen Gegenüber schnürte es Veit die Luft ab. Wieviel Zeit er verloren hatte! Danach fragte der Vater nicht. Ein Studium hätte er beginnen und abschließen, im Beruf stehen, unabhängig von den Eltern sein können. Von seinem Vater, der ihm unablässig gute Ratschläge wie Schläge erteilte …

Er musste hier raus, hier konnte er nicht genesen. Ein Ausweg tat sich auf. Ein Onkel wohnte doch am Mondsee, war dort Ordnungshüter, würde er nicht bei ihm unterkommen können? Am Fuß der Drachenwand Ruhe und Erholung finden? Wurden nicht auch dorthin die Kinder aus den Städten verschickt, die unter stetem Bombenhagel lagen?

Zeitungspapier zum Warmhalten unter den Socken. Aus Konservendosen Kartoffelreiben basteln. Der ständige Mangel an allem, gleich ob Draht, Dachpappe, Nahrung oder Brennstoff machte aus allen Meister der Improvisation. Auch hier am Mondsee, obwohl dort die Zeit still zu stehen schien. In diesem Frühling, als Veit „die Darmstätterin“ kennenlernte …

Hörbuch-Fassung:

Torben Kessler – geb. 1975 in Bielefeld, Fernseh- und Theaterschauspieler, arbeit auch als Synchron- und Hörbuchsprecher. 2016 wurde er für den Deutschen Hörbuchpreis nominiert.

Er agiert als Hauptsprecher in dieser Fassung, übernimmt den überwiegenden Part. Einfühlsam verleiht er dieser schweren Zeit mit angemessenem Ton Tiefe und eine Traurigkeit, die berührt. Seine Stimme klingt jung, jung und verletzlich, er gibt damit einen Veit Kolbe zum Anfassen.

Die eingestreuten Briefe werden jeweils von anderen Sprechern gelesen und verleihen dem Roman so eine sehr persönliche Note. Man meint den Briefschreiber, die Briefschreiberin durch das Vorlesen selbst zu hören. Besonders Cornelia Niemann fand ich in ihrer Rolle als Mutter der Darmstätterin Margot sehr authentisch.

Aber auch Michael Quast und Torsten Flessing als Kurt sind ein Gewinn für diesen Roman.

Der österreichische Autor Arno Geiger wurde 1969 in Bregenz geboren. Von den Bestseller-Listen kennen wir ihn auch in Deutschland. Mit seinem Roman „Der alte König in seinem Exil“ hatte er sich hier 2011 einen Spitzen-Platz erobert. Als Sohn schrieb er damals über die Demenz-Erkrankung seines Vaters.

Ein Autor, der das schriftstellerische Handwerk par exellence beherrscht und mich sprachlich und inhaltlich komplett abgeholt hat.

Seinen Roman läßt Arno Geiger 1944 beginnen und wir, seine Leser, begleiten Veit Kolbe in seinen Genesungsurlaub an den Mondsee, zu Füßen der Drachenwand. Erleben seine Albträume mit, lernen mit ihm den „Brasilianer“, Margot und Nanni kennen. Stellen uns mit ihm den Bildern und Geistern, die seine Zeit im Feld ihm beigebracht haben.

Darf man auch in solchen Zeiten verliebt sein? Dem Alltag ein kleines bisschen Glück abtrotzen? Dann wenn der Himmel Feuer fängt, man die Luft vor Ruß und Staub nicht mehr atmen kann. Übermüdet und vor Hunger entkräftet.

Kinderverschickung, was für ein Wort! In Sicherheit wollte man sie wissen, riss Familien damit auseinander, ersetzte Nestwärme durch Drill und Gleichschritt.

Erschüttert erfährt man, dass nach langen Bombennächten eine ganze Hausgemeinschaft von siebzehn Menschen am Ende in einen Sarg paßt. Ist dabei wenn aus Nachbarn Kellermenschen mit Leichenhänden werden. Verpfuschte Leben und das Verbot der freien Rede, Drückeberger die als solche beschimpft und abgestempelt werden. Angespuckt und verstoßen, verhöhnt und gequält.

Eingeflochtene Briefe. Wie Weidenruten in einem Korb, geben sie Geigers Geschichte ein verbindendes Gerüst. Briefe aus dem Krieg in den Krieg, Briefe einer Mutter an ihre Tochter, Briefe an eine erste große Liebe, Briefe jüdischer Väter an Verwandte über Enteignung, Verzweiflung und den Wunsch nach Flucht. Alle Facetten decken Sie ab, diese Einzelschicksale rühren zu Tränen, zu Tränen der Trauer und der Wut. Phasenweise habe ich eine Pause gebraucht, so nah kamen die Schilderungen an mich heran. Vermissen und vermisst sein, ausweglos, trostlos, hoffnunglos, für diese Briefwechsel, diese Geschichten braucht man Kraft.

Ein Roman gegen das Vergessen und für das Leben, der eigene Erinnerungen weckt, an das, was dieser Krieg auch in der eigenen Familie angerichtet und hinterlassen hat …

Traurigkeit (aus Hermann Hesse, Die Gedichte, Insel-TB S.693)

  • Die mir noch gestern glühten,
  • sind heut dem Tod geweiht,
  • Blüten fallen um Blüten
  • vom Baum der Traurigkeit.
  • Ich seh sie fallen, fallen
  • wie Schnee auf meinen Pfad,
  • die Schritte nicht mehr hallen,
  • das lange Schweigen naht ….

Der Gefangene des Himmels (Carlos Ruiz Zafon)

Sonntag, 25.02.2018

Als hätte er Widerhaken, so hat er sich festgekrallt, dreht sich mit mir im Kreis, bis ich Kopfschmerzen habe. Den Schlaf hat er mir schon geraubt in der letzten Nacht, hat mich erschöpft, mich ruhelos gemacht.

Was für eine Macht er hat. Er macht mich rastlos, zehrt meine Konzentration auf. Ganz gleich, was ich heute auch anfange. Immer, immer wieder komme ich zu ihm zurück. Zu diesem einen Gedanken. Er fährt mit mir Karusell, ohne Anfang, ohne Ende, immer schneller. Er läßt mich wütend werden, wütend darüber ihn nicht abschütteln zu können.

Schließlich fasse ich Mut, plane die Flucht, lege mir eine Taktik zurecht, gehe eine Seilschaft ein, ergreife die Hand eines Herzensmenschen und breche aus, aus meinem Gedanken-Gefängnis …

Mit Gefängnissen und dem Gefangensein scheint er sich bestens auszukennen. Von echten und mentalen Ausbrüchen erzählt uns Carlos Ruiz Zafon, hier in seinem dritten Barcelona Roman, fesselnd und eindringlich:

Der Gefangene des Himmels

1939. Castello Montjuic, Barcelona.

In dieser pechschwarzen Nacht sickerte der Regen aus den Mauerspalten des Castellos in feinen Rinnsalen wie Tränen herab. Das stets hungrige Gefängnis auf dem Felssporn hoch über Barcelona, wurde auch heute im Schutz der Dunkelheit mit neuen Mietern gefüttert. Die politischen Gefangenen, die hier eingeliefert wurden wussten, dass sie diese Mauern nicht mehr lebend verlassen würden. Zitternd, frierend und völlig durchnäßt stand der neue Gefangene und künftige Insasse von Zelle Nr. 13 jetzt vor seinem Ankläger, dem gefürchteten Direktor auf dem Montjuic. Aus kühlen blauen Augen musterte dieser das unscheinbare, schlotterte Männlein, das sich nackt und verwundet vor ihm duckte …

Ein feuchtes Loch, in dem die Geräuche in vollkommener Dunkelheit widerhallten. Auf allen Vieren kroch unser Gefangener näher an einen schattenhaften Umriß in der hinteren Zellenecke heran. Dort war ein Sack aus grobem Segeltuch auszumachen, dem ein fürchterlicher Gestank entströmte. In der Hoffnung Kleidung, oder eine wärmende Decke zu finden, öffnete er den Sack und sah sich einem Mann gegenüber, der ihn mit toten, offenen Augen aus den Falten des schäbigen Seesacks heraus anstarrte …

Die Tage seit sie ihn in das Gefängnis auf dem Montjuic verschleppt hatten, waren für sie zäh wie Sirup vertropft, ohne jegliche Aussicht darauf ihm von außen irgendwie helfen zu können. Dann war überraschend diese Einladung gekommen, so spät in der Nacht war Isabella dieser nur widerwillig gefolgt. Jetzt saß sie ihm hier wieder gegenüber, diesem Widerling von einem Gefängnis-Direktor, der tatsächlich die Dreistigkeit besaß, ihr einen Kamillentee mit Honig anzubieten, als sei dies hier ein Tanz-Tee zu später Stunder. Schon nachdem sie die ersten Schlucke getrunken hatte, war ihr nicht gut gewesen, schwankend hatte sie es mit letzter Kraft noch nach Hause geschafft, von Krämpfen geschüttelt. In den folgenden Tagen, hustete sie Blut, wurde immer schwächer und schwarze Flecken begannen ihren Körper zu überziehen …

Textzitat, Kapitel 75: „Ich suchte nach dem Mann, der meine Mutter umgebracht hatte, um die Scham vor seinem wahren selbst zu verbergen, das offensichtlich auch sonst niemand aufzudecken in der Lage war. An diesen einsamen Abenden, in der alten Athenäus Bibliothek, lernte ich zu hassen. An einem Ort, wo vor nicht allzu langer Zeit meine Sehnsüchte reineren Dingen gegolten hatten …“

Carlos Ruiz Zafon, erfolgreicher Geschichten-Erzähler aus Spanien. Seine Satz-Architektur folgt einer ganz eigenen, wunderbaren Melodie. Schon die beiden vorangegangenen Bände „Der Schatten des Windes“, sowie „Das Spiel des Engels“ haben mich zu seinem Fan werden lassen. Dieser dritte Teil seiner Barcelona-Reihe aber hat es mir, zugegeben, besonders angetan.

Zafon erzählt uns von verlorenen Seelen, enger Bindung, tiefer Freundschaft, von politischen Ränkespielen, Emporkömmlingen und Machtspielen. In seinem dritten Barcelona Abenteuer erleben wir Erschießungskommandos, Massengräber und dem Wahnsinn anheim gefallene Schriftsteller ebenso, wie rauschende Hochzeitsfeste und Eifersuchtsdramen.

Auch hier werden Daniel Sempere und Fermin wieder Detektive in ihren eigenen Leben.

Die finsteren Gefängnisszenen blieben mir dabei beklemmend nachdrücklich im Gedächtnis. Fassungslos angesichts des geschilderten Martyriums der Gefangenen, macht man sich klar, dass diese Ereignisse nicht nur der dichterischen Freiheit eines Autors entsprungen sind, sondern sich so, oder ähnlich in einem menschenverachtenden Regime, mitten in Europa abgespielt haben.

Das Wiedersehen mit Fermin Romero del Torres war mir ein echtes Fest. Dieser unerschütterliche, humorvolle Freigeist war schon meine Lieblings-Figur im Schatten des Windes. In dieser Geschichte wird er von der Neben- zur Hauptfigur, hier erfahren wir endlich mehr über seine bewegte Vergangenheit, deren Schatten noch immer nach ihm greifen. Trotz aller Tragik ist wegen seines Humors dieser Teil einmal weniger melancholisch geraten, er wirkt leichter, pointenreicher. Die Sprüche die Zafon seinem Fermin in den Mund legt sind einfach nur genial. Der Schalk, der ihm im Nacken sitzt macht Laune. Fermin schwadroniert sich unverdrossen um Kopf und Kragen, bleibt dabei aber immer echt und sehr eigen. Beschützer, Freund und schlagfertiger Windhund, ausgestattet mit einem großen Herzen und einer mehr als ausgeprägten Leidensfähigkeit.

Was Alexandre Dumas „Der Graf von Monte Christo“ mit all dem zu tun hat, und auf welches Schloß der Schlüssel zur Zukunft wohl paßt? Und ja, mit der Entscheidung, wer Isaac Montfort als Wächter des „Friedhofs der vergessenen Bücher“ nachfolgt, kann ich sehr gut leben und ich freue mich wie ein Schnitzel auf Teil vier der Reihe, der jetzt noch unentdeckt vor mir liegt …

Textzitat, Kapitel 88: „Wir streiften durch die Gassen des Viertels und hämmerten uns wie immer die Welt zurecht, bis sich der Himmel zaghaft purpurn färbte. Zeit, dass der Bräutigam und sein Trautzeuge, also ich, sich auf den Wellenbrecher setzten um einmal mehr, vor der größten Fatamorgana der Welt die Morgendämmerung zu begrüßen. Vor dem Barcelona, dass sich vor dem Aufwachen im Hafenwasser spiegelte …“.

Hörbuch-Fassung:

Andreas Pietschmann, geb. 1969, Theater- und Fernsehschauspieler, Lebensgefährte von Jasmin Tabatabei, ist der dritte Sprecher für den dritten Teil der Hörbuch-Reihe des Argon Verlages. Nach Uve Teschner und Gerd Wameling, liest er hier einfühlsam und stimmlich angenehm. Er weiß die einzelnen Charaktere zu betonen, liest dabei den Gefängnisdirektor schlangengleich, einschmeichelnd, leutseelig und verschlagen. Unseren Fermin hingegen pfiffig, witzig und hinreissend parlavrierend. So wird dieses Hörbuch zu einer runden Sache!

Das Päckchen (Franz Hohler)

Montag, 05.02.2018

Wir würden bald dort sein, meinte der Reiseleiter. Es regnete in Strömen und durch den Dunst, der aufgezogen war, konnte man den Straßenverlauf vor uns kaum noch sehen. Schade, so ein Wetter, ausgerechnet heute, dachte ich im Stillen. Nebelverhangen lag die Benediktiner-Abtei, die wir besuchen wollten vor uns am Berg 516 ü.N. Montecassino. Laut Wikipedia hatten hier 250 von 800 Mönche und Zivilpersonen, am Ende des zweiten Weltkrieges, (1944) auf diesem Bergsporn zwischen Rom und Neapel den Tod gefunden.

Ein Bombardement der Allierten, mit fast 500 Tonnen Spreng- und Brandbomben, hatte das Kloster damals, mit Ausnahme der Krypta, zerstört. Die Möglichkeit eines Wiederaufbaus war ausgerechnet dem Raubzug der Nazionalsozialisten zu verdanken, die alle Kunstgegenstände der Abtei, vor diesem Beschuß durch die Amerikaner, nach Rom in die Engelsburg hatten schaffen lassen. Darunter befanden sich damals zum Glück auch die Baupläne der Anlage.

Auf dem Montecassino angekommen waren wir still umher gewandert, durch den Kreuzgang, den Innenhof. Es war überhaupt nicht schade, das es so regnerisch und neblig gewesen war, im Gegenteil. Dieses feine Gespinst aus Wasser beschwörte den Geist vergangener Tage herauf. Dieser Nebel umhüllte die alten Mauern nicht als Schleier des Vergessens, er wirkte wie ein Verstärker für die hier greifbare, traurige Grundstimmung. Beinahe meinte man Stimmen in den Arkaden wispern zu hören, oder war es doch nur der Regen …

Viele Wege führen sprichwörtlich nach Rom, mich hat dieser Roman, völlig unerwartet, ein zweites Mal nach Montecassino geführt:

Das Päckchen (Franz Hohler)

Ernst hatte in der Bahnhofsunterführung gestanden und seine Frau anrufen wollen, als das öffentliche Telefon vor ihm plötzlich geläutet hatte. Einem Automatismus folgend hatte er zum Hörer gegriffen und erstaunt eine weibliche Stimme fragen hören, ob er das sei, der Ernst, sie brauche jetzt seine Hilfe, er solle sofort kommen. Reflexartig hatte er nach der Straße gefragt und war wie an Fäden gezogen zu dieser Adresse gelaufen, sich unterwegs immer wieder fragend, woher die alte Frau am Telefon ihn denn wohl kannte, gewußt hatte, dass ER zum Zeitpunkt ihres Anrufes auch vor genau diesem Telefon stand.

Als er jetzt der fast blinden Dame an ihrem Küchentisch gegenüber saß und sie aus der Schublade desselben ein Päckchen an die Oberfläche beförderte und es ihm aufdrängte, waren seine Fragen nicht weniger, sondern mehr geworden. Ehe sich Ernst versah, hatte er das Päckchen eingesteckt und war wieder auf der Straße gestanden …

Das älteste Buch deutscher Sprache, ein lateinisch – althochdeutsches Wörterbuch, der „Abrogans“, konnte es sein, dass hier er das Original dieser uralten Schrift in Händen hielt? Der rissige Ledereinband und der Geruch gehörten eindeutig in eine vergangene Zeit, aber konnte dieses Büchlein tatsächlich aus dem 8. Jahrhundert stammen?

Franz Hohler – Autor aus der Schweiz, in Biel 1943 geboren, gilt nach Angabe seines dt. Verlages als einer der bedeutendsten Erzähler seines Landes, er wurde mehrfach mit Preisen ausgezeichnet und veröffentlicht nunmehr seit über vierzig Jahren.

Seine Erzählstimme ist einmal herrlich antiquiert und dann wieder charmant schweizerisch im Grundton. Das hat mir sehr gefallen. Dies ist meine erste Geschichte von ihm und ich bin froh ihn jetzt für mich entdeckt zu haben.

Bern – es könnte gestern gewesen sein, oder auch heute passieren: Ein Päckchen mit mysteriösem Inhalt und von unbekannter Herkunft gerät in die Hände eines durchgeplanten, wohlorganisierten Mannes. Ein Gletscher, der nach Jahrzehnten eine Leiche freigibt. Verlorene Seelen und geisterhafte Erscheinungen. Mysteriöse Männer, die eine alte, halb blinde Frau bedrängen. Ein ernsthafter Bibliothekar, der mehr Antiheld als Held, in eine Geschichte hinein stolpert, die ihn an seine Grenzen führt und darüber hinaus. Ganz nach dem Credo „Mit der Wahrheit lügt sich am Besten“ hält er sich bohrende Fragen vom Leib, wird zum Meister-Lügner wider Willen. Eine Ehefrau, die in ihrem Mann alles sieht, aber keinen Abenteurer und Verschwörer.

Federkiele, die kratzend über Pergament geführt werden, Tintenflecke an den Fingern, die Atmosphäre in den Schreibstuben der einzelnen Klöster die Heimo, der Mönch, im 8. Jahrhundert in dieser Geschichte durchwandert sind wunderbar bildhaft beschrieben. Man meint nach den Scryptoren, in ihren groben Kutten, wie sie dort stehen, über ihre Pulte gebeugt, greifen zu können.

Auf der zweiten Zeitebene des Romans finden wir uns wieder in einer Epoche, in der man vom Buchdruck noch nicht einmal etwas ahnte. Eine Zeit, in der Heerschaaren von Schreibern mit dem Kopieren von Büchern beschäftigt waren, alle wurden sie danach handgebunden. Als die Kirche noch die Wissenshoheit inne hatte, lesen und schreiben, ja der uneingeschränkte Konsum von Büchern, den wir heute als selbstverständlich genießen, noch nicht einmal eine Vision war.

Ein Roman wie eine russische Matroschka Puppe. Packt man eine aus, findet man eine zweite. Spannende Gegenwarts-Geschichte und historisches Abenteuer. Bettelarme Mönche, schwangere Stallburschen und couragierte Bibliothekare wetteifern hier um unsere Gunst als Leser.

Als kleinste innere Puppe der Matroschka findet man, den „Codex Abrogans“, das älteste Buch deutscher Sprache, von dem es tatsächlich nur noch drei Abschriften gibt, eine davon in der Stiftsbibliothek von St. Gallen. Er dient Franz Hohler als historisch verbriefter Kern seines Romans. Um ihn herum baut er seine Story auf, die abwechslungsreich, sprachlich auf den Punkt, flüssig, aber nie anspruchslos daher kommt. Das ist beste Unterhaltung auf hohem Niveau.

Wie schon Umberto Eco mit seinem Roman „Der Name der Rose“, gemahnt uns auch Franz Hohler hier an die Macht des geschriebenen Wortes, an die Macht die jener noch immer in Händen hält, der lesen und schreiben kann …

Gerd Heidenreich – selbst Autor, geboren 1944 in Eberswalde, lebt heute in Oberbayern. Seit 1972 ist er auch als Rundfunk- und Hörbuchsprecher tätig, er wurde bereits zweifach mit dem Adolf-Grimme-Preis und dem Deutschen Hörbuchpreis geehrt.

Diesen seinen Vortrag mochte ich sehr. Gern habe ich mich von seiner Stimme in eine längst vergangene Epoche entführen lassen, fühlte mich mit ihm, bei ihm, mehr als wohl. Angenehm unaufgeregt und getragen, sachlich und doch mit Gefühl bei den Figuren, entwirrte er für mich die Handlungsfäden.

Hohler und Heidenreich, beide Namen beginnen mit dem gleichen Buchstaben, als wäre es ein Omen, ein Omen dafür, wie gut beide zusammen passen, und das tun sie tatsächlich. Die 5 Stunden und 18 Minuten Hörzeit waren im Nu abgelauscht, gerne hätte ich sie verlängert!

Der Tod so kalt (Luca D’Andrea)

Sonntag, 28.01.2017

Bewölkt war es gewesen und es hatte leicht genieselt, an diesem Morgen, als Andreas und ich vor einigen Jahren beschlossen hatten im Urlaub doch, dem Wetter zum Trotz, an diesem Tag in die Breitach-Klamm aufzubrechen. Das erste Stück des Weges vom Besucherparkplatz aus führte harmlos über Wiesen an einem Wildbach entlang, der klar und munter über die Steine im Bachbett sprang. Nach einer kurzen Wegstrecke umschloß uns plötzlich ein Waldstück, es wurde dunkler und kühl, das Tal verengte sich und die ersten Felswände tauchten vor uns auf.

Dunkel, glitschig und regennaß waren jetzt die Steine unter unseren Füßen. Zwischen den engen Felsspalten hindurch war das Tosen des Wassers zu hören, feine Wasser-Tröpfchen glitzerten in der Luft, als sich die Sonne kurz durch einen Spalt zwängte. Die Aussichten von den Holzbohlenstegen aus in die Tiefe spektakulär, beinahe wie in den großen amerikanischen Canyons. Hinter jeder Biegung meinte man in den ausgewaschenen Steinen Fratzen und Gesichter zu erkennen. Platzangst durfte man hier, wo Stahlseile und Haken über Engstellen halfen, keine haben, trittsicher und schwindelfrei musste man sein.

Das Foto im Einstieg und diese beiden im Text hier eingebetteten habe ich damals geschossen, und sie jetzt nach dem Genuß dieser Geschichte noch einmal heraus gekramt:

Der Tod so kalt (Luca D’Andrea)

15. September 2015. Die Lawine hatte sich Manni geholt, und mit ihm den Helikopter. Alles war so rasend schnell gegangen. Der Pilot hatte nicht mehr rechtzeitig das Seil kappen können, an dessen Ende er hing um zu Salinger und der verletzten Frau in die Gletscherspalte abzusteigen. An der Bergflanke war er zerschellt, der rote Hubschrauber der Bergrettung, als wäre er ein Spielzeug aus Plastik. In der Folge war für die Dorfbewohner von Siebenhoch glasklar, wer an diesem Drama die Schuld trug – Salinger. Der eigensinnige Dokumentarfilmer, der darauf bestanden hatte auf den Grund der Spalte mit abgeseilt zu werden, um diese Rettungsaktion auch ja intensiv genug einfangen zu können. Nein, man war nicht bereit ihm das zu verzeihen und auch nicht, das er, der Schuldige, überlebt hatte …

28. April 1985 – Schwergewitter waren in den Dolomiten nicht selten. Dieses hier aber, „die Mutter aller Schwergewitter“ wütete nicht wie sonst ein bis drei Stunden, sondern sechs Tage lang mit Orkanstärke. Jeremiah Salingers Schwiegervater Werner war damals im Einsatz gewesen, in dieser verhängnisvollen Nacht in der Bletterbach-Schlucht, wo das Gewitter am schlimmsten tobte und wo Evi, Klaus und Marcus vermisst wurden. Einige tausend Blitze waren in der Stunde niedergegangen, sindflutartige Regenfälle lösten Schlamm- und Geröll-Lawinen. In dieser Hölle aus Blitzen, Wasser und Schlamm, in dieser Schlucht, die eine so offene Feindseligkeit ausstrahlte, hatten vier erfahrene Bergretter nach den drei jungen Leuten gesucht. Die Angst war ihnen in die Knochen gekrochen. Von ihrer Erschöpfung befeuert, versuchten sie die Stimmen in ihren Köpfen zu ignorieren, die ihnen eingegeben hatte die Suche endlich aufzugeben.

Ein Schrei hatte die Luft zerschnitten. Er war aus Hannes, aus einem der Retter, heraus gebrochen. Markerschütternd, waidwund. Allen hatten sich die Nackenhaare aufgestellt. Keiner von ihnen war mehr fähig gewesen auch nur noch einen Finger zu rühren, als sie dieses Anblicks gewahr wurden. Arme und Beine fehlten den Opfern, die Zeltwände zerschlitzt und Evis Körper fehlte der Kopf …
Fast eine Woche lang war danach das kleine Örtchen Siebenhoch von der Außenwelt abgeschnitten. Kein Strom, kein Telefon …

Luca D’Andrea – der erste Thriller des Südtiroler Lehrers wurde aus dem Stand zur Buchbranchen-Sensation, kann man bei seinem Verlag nachlesen. Die Rechte daran wurden in 35 Länder verkauft, niedergeschrieben hat D’Andrea ihn nach Recherche und Idee in nur 28 Tagen.

Die Südtiroler Bergwelt seiner Heimat in aller Schönheit, Rauheit und mit ihren Legenden und Mythen um verschollene Volksstämme, ausgestorbene Arten, zurückgezogene Dörfler, einen alten Streit zwischen Deutschen und Italienern wählt D’Andrea als Schauplatz.

Die Bletterbachschlucht wird so zum Hauptdarsteller mit einem Eigenleben. UNESCO Weltkultur-Erbe, der „Grand-Canyon Südtirols“ mit 8km Länge und 400m Tiefe, 60.000 Besucher pro Jahr, Freilicht-Fossilien-Museum. Erdgeschichtlich einzigartig, rauh, geheimnisoll und Jahrmillionen alt, ein geologisches Lehrbuch zum Anfassen. Am liebsten wäre ich sofort dorthin aufgebrochen, so sehr haben mich Neugier und Faszination gepackt!

Die Anfänge der Bergrettung Dolomiten 1965 inklusive – alle Einsätze wurden damals noch zu Fuß absolviert, Verletzte und/oder Tote wurden auf dem Buckel ins Tal geschleppt.

Wer viel liest, weiß es besonders zu schätzen, wenn eine Geschichte noch überraschen kann. Mir ist es hier so ergangen. Dem Titel nach ein „normaler“ Thriller, der Klappentext verspricht Mystery-Elemente, Genre-Schublade auf und rein damit. Aber weit gefehlt! Dieser Autor kann mehr, er erzeugt eine Grundstimmung, die von Beginn an zu fesseln versteht, einen Satz um Satz weiter treibt, mit bösen Vorahnungen im Nacken. Geschickt wird die reale Kulisse des Bletterbachs mit einer fiktiven Geschichte verwoben, die so hätte durchaus passiert sein können. Was war tatsächlich passiert in dieser Gewitternacht am Bletterbach? Auch dreißig Jahre danach liegt diese Bluttat im Dunkeln.

Grandios spannend baut D’Andrea seine Geschichte Stein um Stein auf. Läßt uns dabei immer mit seinem Helden Jeremiah Salinger auf Augenhöhe sein, wenn es um den Erhalt von weiteren Mosaiksteinchen, um den Erhalt von Informationsfundstücken geht, ähnlich einer Ausgrabung. Aber auch am inneren Kampf von Salinger, am Ringen mit seinen Dämonen läßt er uns teilhaben. Wir fiebern und leiden mit ihm, werden hin und her geworfen zwischen der Verpflichtung die er seiner Familie gegenüber empfindet und dem was für sein eigenes Seelenheil überlebenswichtig ist, während ein ganzes Dorf schweigt, den Blick auf Fremde schwarz weiß eingefärbt.

Dramatisch spitzt sich die Handlung zu, zeigt der Plot auf, wie aus einer Spontanentscheidung großes Unheil erwachsen kann. Man im Nachhinein damit leben muss, in aller Konsequenz und mit aller Kraft.

D’Andrea zieht in der Dramaturgie alle Register, stützt wendungsreich seinen Spannungsbogen, macht uns traurig, wehmütig, läßt uns schlittenfahrend aufjauchzen um uns dann, kurz darauf wieder ins nächste Höllental zu schicken. Dabei immer mit der Stablampe menschliche Abgründe, Vorurteile und Feindseligkeiten, aber auch Familie, Liebe, Freundschaft und Zusammenhalt ausleuchtend. Und über all dem – das ewig Böse?

In dieser Geschichte kann man eine blitzgescheite, liebenswerte fünfjährige an die Hand nehmen, durch ihre Augen unverstellt die Welt entdecken. Aber auch geduckt und verletzt in einer Gletscherspalte kauern, unterhalb schimmernder Oberflächen, umfangen von plötzlicher Dunkelheit Naturgewalten hautnah miterleben, sich klein und unbedeutend fühlen, Wahnsinnigen begegnen, absteigen in der Zeit und in die Höhlen unter der Bletterbach-Schlucht im Winter. Der Schluchtgrund vereist, darunter grummelnd ein Bach …

Ein neuer Roman von ihm wird im zeitigen Frühjahr diesen Jahres veröffentlicht – wenn das kein Grund zur Vorfreude ist! Auf meiner Merkliste hat er einen Spitzenplatz eingenommen! Das auf jeden Fall wieder als Hörbuch und zwar wegen ihm:

Matthias Köberlin – atemlos lausche ich ihm hier, Satz für Satz, Kapitel um Kapitel. Er haucht und poltert, jagt mir Schauder über den Rücken, treibt mir die Tränen in die Augen, läßt die Bletterbach-Schlucht vor meinem geistigen Auge auferstehen. Das ist Kopfkino pur! Donna Tartts „Distelfink“ hatte ich mir schon von ihm vorlesen lassen, ein ganz ein anderer Stoff, den er auch erstklassig interpretiert. Ja, hier beweist er, er kann auch Thriller und das auf eine ganz besonders tiefgründige, unter die Haut kriechende Art und Weise. Ich fürchte ja, seine Stimme hat Widerhaken, denn ich kriege sie gerade nicht mehr aus dem Ohr – im positivsten aller Sinne!

Stadt aus Rauch (Svealena Kutschke)

Sonntag, 21.01.2018

Wie lebt man ein Leben, wenn der eigene Geburtstag gleichzeitig der Todestag der Mutter ist? Ist das Kind dem Tod abgerungen dann Fluch oder Segen in dieser Familie? Kinder, die ein Leben lang schwer an einer Schuld tragen, für die es sich so anfühlt, als seien sie der „Mörder“ der eigenen Mutter. Eine Mutter, die sie nie kennengelernt haben, aber dennoch vermissen, eine Bindung spüren, die in die Leere verläuft. Väter, die in ihrem Kind das Abbild der geliebten Partnerin erkennen, sich an ihm festhalten, nach Wesenszügen suchen, die die verlorene Frau einst ausmachten.

Was, wenn ein solches Kind, der verstorbenen Gefährtin aber so gar nicht gleicht? Sich auf immer verloren fühlt, verloren geht, sich nie erden kann? Nie die Fähigkeit entwickelt selbst stabil Beziehungen einzugehen? Dem Vater fremd bleibt?

In diesem Roman treffen wir auf eine Autorin, die mehr Fragen in uns hinterläßt, als sie uns Antworten gibt. Auf das Vortrefflichste spielt sie mit unseren Gedanken und Empfindungen, Ihre Figuren behält sie dabei fest im Blick:

Stadt aus Rauch (Svealena Kutschke)

Und seit Jahr und Tag wartet der Wind vor der Marienkirche auf den Teufel der nie erscheint. Er muß die Sünder in die Hölle bringen“. (Mündliche Überlieferung).

Wer zwischen den Toten aufwächst, hat es zwischen den Lebenden schwer. Jessy, die Tochter eines Leichenbestatters und einer Säuglingsschwester, war anders. Die Klassenkameraden in ihrer Grundschule sparten nicht mit Spott und mieden sie. Freunde brauchte sie nicht, aber einen auf den sie sich verlassen konnte, den brauchte es und den hatte sie in Bjarne, bis sie zwölf war. Bis zu diesem einen Morgen, an dem sie ihn zur Schule abholen wollte. Auf Zehenspitzen spähte sie durch Bjarnes Fenster in eine leere Wohnung. An diesem Tag ging auch Jessy nicht zur Schule und sie hörte, mit einhundertzweiundsechzig Zentimetern, mit dem Wachsen auf. Als Teenager wurde sie in den 1970ziger Jahren groß, mit Clint Eastwood, den ihr Vater so sehr liebte und mit ihrem Spitznamen, Jessy James. Stets waren ihre Jeans zerschlissen, und sie ungeschminkt um diese merkwürdig blauen Augen. Mit diesen Augen, mit denen schon ihre Großmutter in die Welt und in andere hinein geschaut hatte, trotzte sie dem Leben ihren Anteil ab …

Der Winter 1863/64 in Lübeck an der Trave. Jessys Urgroßvater Johann war ein stattlicher Offizier, nur leider ohne Krieg und noch immer ohne eine Frau. Die Österreicher waren gegen die Dänen gezogen und der Soldat aus dem Montafon, der ihm jetzt im Gasthaus gegenüber saß, war durch diesen Krieg zu Ruhm und Ehre gelangt. Hier an diesem Abend fand Johann einen Freund, er reiste nach Österreich, verliebte sich unsterblich in die Frau seines besten Freundes. Alles ging gut, bis 1866 die Preußen den Österreichern den Krieg erklärten und er mit seinem Regiment gegen seinen Freund ziehen sollte. Zum Glück?! wa Johann mit seinen Soldaten zu spät gekommen. Die entscheidende Schlacht war geschlagen und seinen Freund Gottfried hatte eine preußische Kugel in den Kopf getroffen. Die Kugel blieb drin und er am Leben, aber Gottfried konnte fortan weder sprechen, noch denken, noch sich bewegen und seine schöne Frau war doch jetzt quasi irgendwie allein …

1915, Hansestadt Lübeck.

Ein Raum, zwei Tote, das Mädchen und der Teufel.

Gift. Fräulein Hedwig und Fräulein Lisbeth hatten sich mit ihren besten Kleidern zum Sterben hingelegt. Lucie stand am Fußende des Bettes und betrachtete die beiden Frauen schweigend, die sie schützend aufgenommen hatten, als ihr Vater, der Maler, in den Krieg hatte ziehen müssen. Jetzt war er zurück, aus dem Lazaret, aus der Welt, in die man (Textzitat) „nur um den Preis eines Körperteils eintreten durfte“.

Lucie weinte nicht, sie ging die Sache praktisch an, wusch Hedwig und Lisbeth, richtete sie wieder her. Der Teufel war beeindruckt. Das Mädchen hatte ihn bislang noch nie enttäuscht und er erwartete noch so einiges von ihr. Seit Lucies Geburt war der Teufel im Stande durch ihre Augen die Welt zu sehen. Einen Brief hielt sie jetzt in den Händen, im Bett der Frauen hatte sie ihn entdeckt und sie las konzentriert. Es war ein Abschiedsbrief von Hedwig und Lisbeth, der ihr und dem Vater, die sie so arm wie die Kirchenmäuse waren, ein ansehnliches Erbe zusprach …

Svealena Kutschke, geboren 1977 in Lübeck, lebt heute in Berlin. Ihren Roman „Stadt aus Rauch“ läßt sie überwiegend in ihrer Geburtstadt spielen. Dieser Roman ist ihr dritter. Wild und wunderbar, ein literarisches Wagnis – das steht im Klappentext zu lesen und machte mich neugierig.

Von Sagengestalten und Mythen ist diese außergewöhnliche Geschichte ebenso bevölkert wie von Menschen aus Fleisch und Blut. Unwirkliche Gestalten, die aber nicht als Randfiguren agieren, sondern gegenwärtig sind. So ist zum Beispiel der Teufel in Person häufig beteiligt, schaut nicht nur den Menschen über die Schulter. Dennoch bringt er nicht das Böse, sondern das Besondere in die Welt, wird wie eine Metapher dafür eingesetzt und damit sehr wirkungsvoll zu einem genialen Kunstgriff.

Ein Generationenroman, der sich wie eine Zeitreise auf den Spuren der Ahnen unserer Protagonisten anfühlt. In geschickt verwobenen Rückblenden, die etwas Konzentration erfordern, führt uns Kutschke wie ein Hypnotiseur weit zurück in der Zeit. Springt mit uns hin und her. Die Zerrissenheit ihrer Figuren, ihrer Jessy, ihrer Lucie, ihrer Freya, hinterlassen in mir ein wundes Herz.

Hier, wo die eigenen Spiegelbilder die Augen schließen. Man bei einem Maler verlorene Träume kaufen kann, Kinder kennenlernt, die unter dem eisblauen Blick des Teufels geboren werden und seine Augen ins Leben tragen.

Soldaten ohne Krieg, Pfarrer, Bestatter und Krankenschwestern, versteinerte Kriegsveteranen, Burgherren und rebellische Töchter geben sich ein Stelldichein. Wir ziehen aber auch mit Punks durch die Stadt, schlafen anschließend im Bauwagen unseren Rausch aus. Erleben das bohemianische Berlin ebenso wie Lübeck in der Zeit Thomas Manns mit seinen Buddenbrocks.

Wir lieben und hassen, verzweifeln und verzagen in den Wirren des zweiten Weltkrieges mit seinen Massengräbern, Vernichtungslagern und ausgeweideten Gebäuden. Wir erleben Antisemiten, gewaltätig in ihrem Element, schämen uns fremd. Kutschke kommentiert und bewertet nicht, sie läßt uns diese Zeiten mit ihren Figuren von innen heraus erleben, spürt ihnen und ihren Motiven nach. Nicht selten habe ich mir dabei die Frage gestellt, ob ich angesichts solcher Taten nicht selbst auch weggesehen hätte, ob ich denn mutiger gewesen wäre …

Von großen und kleinen Dramen, bei Beerdigungen und Festen in der Familie, von politischen Wirren erzählt sie. Diese Frau schreibt da legt man die Ohren an!

Als hätte ich des Morgens oder am Abend auf dem Heimweg in der Dunkelheit ein Märchenbuch aufgeschlagen, hat mich diese Geschichte mit Haut und Haaren verschluckt. Fremd und doch vertraut, faszinierend und wohltuend anders. Wie aus einem Traum bin ich blinzelnd aufgewacht, wenn ich das Ziel am Beginn meines Arbeitstages oder die Garage zu Hause an seinem Ende erreicht hatte. Die Fahrtzeit war mir im Nu verflogen.

Sanft und doch kraftvoll, mal märchenhaft, mal brutal, lebenstrunken und mystisch, mit fein ausbalancierten Sätzen, die nie angestrengt wirken. Ein Roman der sich nicht festlegt, sich nicht in die Ecke stellen läßt – welchem Genre er nun angehört ist nicht wichtig.

Sein Erzählstil, der jederzeit der Situation angepaßt ist, mal jugendlich forsch, mal poetisch antiquiert. Seine kunstvoll verschachtelte Handlung, hat mich oft an einen meiner Lieblings-Romane „Die Gestirne“ von Eleanor Catton errinnert, und doch ist er ein Roman mit absolutem Alleinstellungsmerkmal.

Für solche Geschichten lasse ich alles stehen und liegen! Wild und wunderbar, fürwahr!

HörbuchFassung, gelesen von Sascha Icks, geboren 1967 in Düsseldorf. Theaterschauspielerin und mehrfach platziert auf der hr2 Hörbuch-Bestenliste als Sprecherin, lieferte mir im noch jungen 2018 gleich ein „Hörlight“. So kann es gerne weitergehen!

Punktgenau intoniert, äußerst sympatisch und charmant, mal schmeichelnd, mal drohend, verzeifelt und trauernd, dabei stets authentisch liest sie, wirft ihr ganzes Herz in den Text.

Ob Zungenbrecher oder nordisches „Plattdütsch“ – sie meistert jede Klippe. Sehr gerne wieder, liebe Frau Icks!

Reise zwischen Nacht und Morgen (Rafik Schami)

Donnerstag, 11.01.2018

Was für ein Zirkus!

Kennt Ihr das? Eine Ballustrade mit einem Zirkusbanner mitten im Industriegebiet, schon habe ich den Kopf voller Bilder. Was wäre wenn? Wenn man einfach aufbrechen könnte? Jetzt gleich, durchbrennen mit dem Zirkus.

Vielleicht Arabien? In ein Märchen aus Tausend und einer Nacht. Wenn man doch nur nicht so feige wäre … Arabisch kann man nicht und tief im Osten herrschen Tod, Terror, Krieg und Verderben. Sich die Welt malen wie man sie aus Erzählungen kennt. Einmal nur ausblenden dürfen, was nicht sein soll, sein darf … 

Vielleicht bin ich genau deshalb an dieser Geschichte hängengeblieben, die bereits 2008 als Hörbuch erschien. Zum Glück! So konnte ich Bedenkenträger, bequem zu Hause vom Sofa aus, Valentin den Zirkusdirektor und Pia die Postbotin kennenlernen und den abgebranten Zirkus Samani wieder spielen sehen. Aber immer der Reihe nach …

Reise zwischen Nacht und Morgen (Rafik Schami)

Alles fing mit einem Brief an, einem Brief von Nabil, seinem Freund aus Kindertagen. Valentin Samani, mittlerweile in den Sechzigern und pleite, traute seinen Augen nicht, als er das las. Nabil war krank, todkrank und er bot ihm Geld, viel Geld, wenn er ihn und seinen Zirkus doch nur noch einmal würde spielen sehen können, bei ihm zu Hause, in Arabien.

Valentin zögerte nur kurz, dann rief er seinen alten Freund an. Denn die Zeit drängte, das war ihm bald klar, denn die Lebenskörner rieselten schnell durch Nabils Sanduhr. Soviel gab es noch zu tun, bevor er aufbrechen konnte, eine logistische Meisterleistung war da nötig. Unerwartete Hilfe erhielt er indes von Pia, seiner neuen Postbotin. Sie um einiges jünger als unser Valentin, steckte voller Tagendrang und machte ihm Mut. Sie sah hinter seiner abgewetzten Kleidung noch den Glanz früherer Tage und den Wagemut eines Mannes, der immer unterwegs, eine ganz besondere Gabe hatte – denen die beladen waren, Freude zu bringen. 

Nabil erwartete indes seinen alten Freund voller Ungeduld, er wußte ja nicht, das von Valentins einst so umjubeltem Zirkus nur noch ein paar unbezahlte Artisten und entkräftete Tiere übrig geblieben waren. Endlich war es soweit, von Mainz bis Triest in Lastwagen, dann nach Ulania mit einem alten Frachtschiff – das Abenteuer konnte beginnen …

Rafik Schami, geboren 1946 in Damaskus. In Deutschland lebt er seit 1971, mittlerweile in München, wurde mehrfach preisausgezeichntet, unter anderem mit dem Hermann-Hesse-Preis. Er hat in Deutschland studiert und promoviert, aber nicht Literatur sondern Chemie, und er zählt mittlerweile zu den meistverkauften deutschsprachigen Autoren. Seine „Formel“ für eine erfolgreiche Geschichte: ein märchenhafter Erzählton, herrlich entspannt und kurzweilig. Ihm könnte Aladin die Wunderlampe gehalten haben. So üppig, leicht blumig und mit dem Blick auf das Positive geht er diesen Stoff an. Läßt er eine Figuren alle Hürden nehmen, ihr Schicksal meistern. Uns läßt er Zirkusluft schnuppern und dabei sein, wenn zwei alte Freunde sich wieder finden. Er läßt uns erleben, dass wahre Liebe kein Alter kennt und so oft viel mehr möglich ist als es scheint. Durch jede Satzritze strahlt hier die Hoffnung. Das ich Schami nach einer Empfehlung erst so spät für mich entdeckt habe, ist kaum zu glauben – das Gute daran, so habe viele schöne Geschichten von ihm noch vor mir …

In der Hörbuch-Fassung, liest Schami selbst den Prolog und übergibt dann das Staffelholz an Markus Hoffmann. Dieser übernimmt souverän und führt ohne Stolperer und anmutig durch diese Geschichte. Hoffmann hat für zwei seiner Lesungen goldene Schallplatten bekommen, ist nicht nur Hörbuch- sondern auch Rundfunksprecher und paßt wunderbar zu Schamis Ton. Eine runde Sache!