Unterleuten (Juli Zeh)

Sonntag, 20.08.2017

Welche Blüten der Windkraft-Subventions-Wahn in Rheinland-Pfalz getrieben hat, kann man auf den Höhen des Hunsrücks mittlerweile in unterschiedlichster Ausprägungen live erleben. Ganze Wälder dieser Beton-Kolosse sind auf den Freiflächen der Hochplateaus entstanden, das trotz mieser Energie-Bilanz. Den so gewonnenen Strom kann man immer noch nicht speichern, bei den häufig zu hohen Windlasten stehen die Räder sogar still. Die Tiefe der notwendigen Fundamente lassen den Grundwasser-Spiegel absinken, zerstören das Wurzel-Netzwerk auch weiter entfernter Waldstücke. Zahlreiche Bürger- und Umwelt-Intiativen haben sich gegründet und streiten gegen leere Gemeindekassen an. Die Energiewende in Deutschland – sie hat schon so manche funktionierende Dorfgemeinschaft in unserer Umgebung gesprengt …

Unterleuten (Juli Zeh)

Herzlich willkommen in Unterleuten! In einem Dorf wie viele andere. Mit Bewohnern, wie Sie, wie Du, wie ich. 

Hier treffen Städter auf „Landflucht“ mit Platzhirschen und Großgrundbesitzern zusammen. Entscheidungen zum Wohl und Wehe der Bürger werden nach Gutsherrenart getroffen, frei nach dem Motto „Eine Hand wäscht die andere“. Alte Feindschaften, alte Seilschaften, neue Freundschaften werden gepflegt und die „Alten“ wissen was gut für alle ist. Dumm nur, dass ausgerechnet die Neubürger in der aufkeimenden Windkraftdebatte ständig Ärger machen und alle ach so sorgfältig unter dem Teppich versteckten Häufchen herauszukehren versuchen …

Ehegattinen die Partei ergreifen, werden hier schon mal unter umkippenden Gartenzäune begraben. Schwer verliebte IT-Nerds tun für das Lieblingspferd der Freundin einfach alles, das auch schon mal unter Zuhilfenahme eines Selbsthilfe-Forums für die Partner „pferdeverrückter“ Frauen. Schriftsteller die nur dann schreiben können, wenn sie den ganzen Tag und zwar jeden Tag Rasentraktor gefahren sind, befinden sich in heftigem Zweikampf mit dem Ortsvorsteher. Über-Mütter und Vogelschützer wehren sich erbittert gegen gewissenlose Großbauern, politische Ränke und Intrigen inclusive. 

Touristen auf „Kampfläufer-Safari“. Die Kampfläufer selbst, eine bedrohte Vogelart, treten mit Gelassenheit den kapitalistischen Begierden nach Windkraftanlagen entgegen.

Was den einen Heimat, ist vom LKA gesuchten Verbrechern eine Zuflucht. Im Parzellenpoker um Eignungsgebiete streiten sich die Parteien, dass die Fetzen fliegen. Hierbei heiligt der Zweck die Mittel, ob Dutz-Offensive oder wahre Unsummen, was zugelassen wird ist legitimiert.

Hier hat offenbar jeder mit jedem eine Rechnung offen. Ein Dorf wie im Fieber. Wie D-Züge aus rasender Fahrt prallen die Streithähne aufeinander. Rußschwangere Feuer sorgen für besinnungslosen Zorn auf der einen und für Machtlosigkeit auf der anderen Seite. Neid, Mißgunst und Fanatismus haben sich wie ein Virus ausgebreitet. Der Kitt der bislang Paar-Beziehungen zusammengehalten hat, beginnt unter dem Dauerfeuer des Dorfes zu bröckeln …

Herzlich willkommen in Unterleuten!

Juli Zeh wollte einen Gesellschaftsroman schreiben. Das hat sie geschafft und wie! 2016 veröffentlicht, erzählt sie aus einem fiktiven Dorf, das sie in Brandenburg verortet, von Verbündeten die zu Feinden werden, von Leidenschaft, ja Besessenheit, sitzt dabei quasi im Kopf ihrer Figuren. Aus unterschiedlichen Blickwinkeln erzählt sie ihre Geschichte. Wie unter einem Mikroskop betrachtet sie dabei das Dorfleben. Sie seziert Befindlichkeiten, Eigenheiten, Eigeninteresse und Vorurteile. Beinahe beängstigend lebensecht versammelt sie dabei ein buntes Völkchen in ihrem Unterleuten. Von je her auf dem Dorf wohnend, fand ich mich hier nicht nur einmal wieder. Erschreckende Paralellen drängten sich mir auf. Hut ab auch vor dieser Erzählkunst. Feinhumorig mildert sie die Tragik der Ereignisse. 

Keine menschliche Eigenschaft scheint Juli Zeh fremd zu sein, alle zeichnet sie scharf, präzise auf den Punkt und mit einer für mich sehr schlichten, sachlichen Art. Aus Tätern werden Opfer, aus Schuldigen Unschuldige, ein Verwirrspiel! Die Perspektiven wechseln in rascher Folge, als Leser muss man sich immer wieder selbst neu justieren. Wem ist man bereit Glauben zu schenken, wer hat das eigene Vertrauen mißbraucht?

Was hat mir am Besten gefallen? Ganz klar – das „dicke Ende“, fulminant und zwangsläufig. Im Sterben wie im Leben konsequent, würde ich da mal sagen, Mann oh Mann!

Hörbuch vs. Roman:

Helene Grass macht in der Hörbuchfassung ihre Sache als Vorleserin gut, kann mich aber nicht abholen. Sie schafft es nicht die Eindringlichkeit herzustellen, die das geschriebene Wort erreicht. Nach den ersten gehörten Teilen hätte ich beinahe schon aufgegeben, haderte auch bisweilen mit ihrer Stimmfarbe und Intonation. Bin dann für einige Kapitel zum Lesen gewechselt, bis ich richtig drin war in der Geschichte. Juli Zehs Sätze hallen gelesen im Kopf viel stärker nach. Eine für mich erstaunliche Erfahrung, hatte ich Hören und Lesen bislang nahezu gleich gewichtet, bzw. dem Hören ganz bewußt und ohne Reue den Vorzug gegeben. Konnte doch schon so mancher Vorleser nach meinem Empfinden dem Geschehen noch einen Mehrwert entlocken. Meine Entscheidung, welche Texte ich künftig höre und welche ich lese, werde ich hiernach noch sorgfältiger überlegen …

Der Opiummörder (David Morrell)

Samstag, 05.08.2017

Nebel – was für eine besondere Naturerscheinung. Im Frühling und im Herbst zaubert er beinahe romantische Stimmungen. Je näher der Winter kommt und auch an verregneten Tagen wechseln die Nebelbilder schnell zu melancholisch, oder gar düster und geheimnisvoll. Wer selbst schon versucht hat, im dichten Nebel sein Fahrzeug auf der Straße zu halten, weiß wie schwierig und anstrengend es ist, in einer milchig weißen Suppe zu navigieren. Nebel, ein besonderer Stoff – der gerne in Büchern, Gedichten und Filmen als Stilelement verwendet wird. Kein Wunder, dass er auch in diesem Roman für die richtige Stimmung sorgt …

Der Opiummörder (David Morrell)

1829, London, rund drei Millionen Einwohner, ein Moloch ohne Abwassersystem, mit Straßen voll von Exkremten, mit rußschwangerer Luft und vollgepackt mit unzähligen Einwandern. Viele davon ohne Arbeit. Der Opiumhandel blühte.

Wie so oft hing ein dichter Nebel über der Stadt. Man heizte mit Kohle und unzählige Schornsteine spieen Asche aus, die stetig auf Dächer, Mauerkronen, Gehwege und Straßen rieselte. Asche, die sich mit dem aufziehenden Nebel zu einer undurchsichtigen Masse vermischte. Laternen spendeten nur diffuses Licht, beleuchteten spärlich die Müllberge mit ihren Ratten, wieder war eine neue Cholera-Welle durch die Stadt gezogen. Hinter den Häusern wurden Schweine und Kühe gehalten. Besonders die Schweine waren begehrt und leisteten gute Dienste. Konnte man doch nicht nur ihr Fleisch verwerten, sie fraßen ja auch die Abfälle, die sonst nur wieder auf der Straße gelandet wären.

Oh, nein! Constable Becker würde keinen Zentimeter weichen! Dies hier war sein Tatort und die Fußabdrücke, die sich im weichen Morast abzeichneten würde er notfalls mit seinem Leben verteidigen. Verteidigen gegen diese beiden, gegen ihn anrennenden Schweine. Detective Inspektor Ryan hatte ihm beigebracht wie wichtig solche Spuren für die Aufklärung eines Verbrechens sein konnten – und für die Aufklärung eben jener Greueltat, wegen der sie beide hergerufen worden waren, würde er alles tun. Gleich fünf Leichen hatten Sie in dem kleinen Laden vorgefunden, auf’s Übelste zugerichtet. Während ihrer Arbeit in Londons Straßen hatten die beiden Polizisten schon viel gesehen, das hier übertraf an Grausamkeit und Brutalität jedoch bei weitem alles bisherige. Der Constable zog seinen Knüppel, erbittert kämpfte er gegen die beiden angreifenden Schweine. Sie verbissen sich in seine Beinen, zogen ihn am Ärmel und er fiel, fiel in den Dreck. In diesen undefinierbaren stinkenden Dreck und alles voran er denken konnte, als er eine Körperdrehung vollführte war – nicht auf die Abdrücke fallen! Nur nicht auf die Abdrücke …

Das sah nach großem Kino aus! Die Meute, die sich vor dem Laden versammelt hatte, reckte die Hälse und drängelte, wollte unbedingt in den Laden. Jeder wollte sehen was hier passiert war. Grauenvolle Schreie hatte man gehört. Zahlreiche Polizisten waren jetzt vor Ort. Es hatte einen Mord gegeben wurde gemunkelt. Einen? Nein, alle seien tot. Alle, der Ladenbesitzer, seine Frau, das Hausmädchen, die siebenjährige Tochter und – das Baby!

Der schwer verletzte Mann hatte sich mit letzter Kraft auf die Mitte der Straßenkreuzung geschleppt. Die Menge die ihm folgte vervielfachte sich rasch. Die unwirkliche Szenerie wurde beleuchtet von den Laternen zahlreicher Polizisten, die den Mann umstellten. So viele Jahre, so viele Tote, so viel Schuld. Endlich, standen seine Häscher still, die Zeit stand still …

David Morell – geboren 1943 hat bereits 28 Spannungs-Romane veröffentlicht. Sein Roman „First Blood“ war die Vorlage für einen Hollywood-Blockbuster . Er erschuf die Figur des „John Rambo“, die Sylvester Stallone berühmt machte. „Der Opium-Mörder“ erschein am 01.12.2015 in der deutschen Taschenbuchausgabe und hat mit „Rambo“ allerdings nicht viel gemein, sieht man einmal von ein paar aktiongeladenden Szenen ab.

Morell zeichnet ein mehr als stimmungsvolles Bild des viktorianischen Englands. Er erschafft eine schummrige, ja düster, schaurige Atmossphäre mit Figuren denen man alles zutraut. Zugezogene Vorhänge werden zum Sinnbild für die Sittsamkeit, die Zugeknöpftheit der damaligen Lebensweise. Als Ermittler setzt er auch schon mal ein Heer von Huren und Bettlern ein, die von einem opiumsüchtigen Schriftsteller geführt werden.

Glaubwürdig, spannend, ein Sittengemälde prall voll mit historischen Fakten über Medizin, Drogistik, Kriminalistik und Geschichte, die Morell perfekt einsprenkelt. Er erzählt von der Gründung der Polizei als Behörde, von Madame Tussaud’s Wachsfiguren-Kabinett, den Machenschaften der britischen Ost-Indien-Kompanie, den Opiumkriegen, dem nahezu sorglose Umgang mit Laudanum, einem Opiumderivat als Allheilmittel. So wird der Thriller zum Historienroman und der Krimi zum Lehrbuch. Einzig für die ganz zart besaiteten sind die doch recht drastisch geschilderten Mordsequenzen vielleicht nicht geeignet. 

Meine Lieblingsfigur ist Emily, die Tochter des Roman-Autor Thomas De Quincey. Sie ist ein echter Freigeist in Hosen. Sieht es nicht ein, täglich Reifrock, Korsett und damit über siebenundreißig Pfund Kleidergewicht zu tragen. Unerschrocken, kämpferisch, abgeklärt und mit dem Herz am rechten Fleck, zeigt sie so manches Mal dem starken Geschlecht wo es lang geht 😉

HörbuchFassung: Erich Räuker – ist ein Profi, keine Frage. Er liest gekonnt, lebhaft, fesselnd – bei jedem Handgemenge habe ich den Kopf eingezogen. Für den richtigen Grusel hat er gesorgt, wenn ich mit den Ermittlern allein auf Londons Straßen unterwegs war. Häufig leiht er seine Stimme auch Hollywoodgrößen. Rätselte ich zu Beginn erst noch vorher ich seine angenehmene, sonore Stimmes kenne, fiel es mir alsbald wie wie Schuppen von den Ohren. Er synchronisiert die Figur des Saul Berensen, in einer meiner Lieblingsserien: Homeland. Sehr gerne mehr von Ihnen, Herr Räuker!

Makarionissi (Vea Kaiser)

Samstag, 24.06.2017

Es geht uns gut in Deutschland. Viele wandern zu uns aus, oder haben sich aus anderen Gründen unser Land zum Leben ausgesucht. Um so erstaunlicher ist da doch diese Zahl: 140.000 Deutsche wandern pro Jahr ebenfalls aus. Das Magazin Wirtschaftswoche hat auch erhoben, das wir weltweit auf Platz 5 kommen, bringt man die Länder, aus denen am meisten Einwohner auswandern einmal in eine Rangliste. Auf den Plätzen vor uns rangieren Mexico, Großbritanien, China und Indien. Zahlreiche Fernsehsendungen beschäftigen sich mit Einzelschicksalen von Deutschen, die versuchen im Alltag im Ausland Fuß zu fassen. Viele davon arbeiten am Ende deutlich mehr und haben weniger in der Tasche. Aus der Traum vom Urlaub im Alltag. Sprachbarrieren und bürokratische Hürden erschweren Jobsuche und das Schließen von neuen Freundschaften. Eine Auswanderergeschichte von Italien nach Deutschland habe ich den letzten Wochen schon vorgestellt, Bella Germania von Daniel Speck. Diese hier ist unbedingter Lesestoff für alle „Bella Germania-Fans“ und sie hat absolut nichts mit Makkaronis zu tun, versprochen:

Makarionissi – oder die Insel der Seeligen (Vea Kaiser)
1956, Varitsi, ein kleines Bergdorf irgendwo an der Grenze zwischen Griechenland und Albanien. Von außen betrachtet war hier die Welt noch in Ordnung. Abgeschottet zwischen kahlen Hügeln lag es und es schien, als habe die Zeit diesen Ort vergessen. Großmutter Yiayia Maria führte hier unangefochten das Familien-Regiment, stiftete Ehen und sorgte so für den Fortbestand etlicher Familien im Ort, nicht nur für den der eigenen.

Seit Monaten plagte sie jetzt schon diese eine Sorge. Für ihren geliebten Enkel Lefti war einfach keine junge Frau mehr übrig im Dorf. Wie konnte sie jetzt verhindern, das er am Ende nicht würde leer ausgehen müssen, dass er nicht würde fortgehen müssen um eine Frau zu finden? Fort aus Varitsi, fort von der Familie … Gestern Nacht dann, hatte sie diesen Traum gehabt und endlich auch eine Idee. Diese Idee war im Grunde einfach, wenn auch nicht ohne Risiko. Sie musste eine ihrer Töchter dazu bringen noch einmal schwanger zu werden! Gut, das beste Alter dafür hatten sie schon hinter sich, aber wo ein Wille, da ein Weg. Und tatsächlich gelang es der Yiayia ihre Tochter Pagona und dann gelang es Pagona, mit List und Alkohol ihren Mann Spiro gefügig zu machen. Wollte er doch partout in diesen schwierigen Zeiten keine Kinder mehr in die Welt setzen …

Die Schwangerschaft verlief erfolgreich, das gewünschte Geschlecht kam am Ende auch dabei heraus und man nannte die kleine –  Eleni.

Ein bischen plagte die Yiayia Maria ja das schlechte Gewissen, das Eleni ausschließlich deshalb in die Welt gesetzt worden war um Lefti zu heiraten, und sie sorgte sich um deren Glück. Der Kaffeesatz würde zeigen, ob sie sich wirklich Kummer machen musste. Nach dem Blick auf den Grund der Tasse war sie dann beruhigt. Alles würde gut werden …

Eleni! Als Mädchen lieber Heldin als Prinzessin. Ständig in eine Prügelei verwickelt. Wild und rebellisch, kaum zu bändigen. Auf der strengen Mädchenschule, dort hätte sie eigentlich das Kochen lernen sollen, hatte sie es immerhin drei Jahre ausgehalten, dann war sie erst raus geflogen. Bücher, die hatte sie schon immer geliebt. Als junge Frau wurde ihre Lektüre dann zunehmend politischer und sie schloß sich dann auch noch, während der griechischen Militärdiktatur, einer kommunistischen Oppositionsgruppe an. Gefängnis, na wenn schon! Heiraten, das war eindeutig und unzweifelhaft nichts für sie! Sie war schließlich eine Heldin und Heldinnen brauchten keinen Mann …

Lefti! Er war das genaue Gegenteil von Eleni. Sanft war er und er sehnte sich nach einem ruhigen, einem friedlichen Leben. Politik, das war etwas für die anderen. Die Courage von Eleni bewunderte er schon, aber ihr Wagemut ging ihm deutlich zu weit. Kochen lernen? Das klang nicht nach der schlechtesten Alternative, fand er. Da war für ihn nicht weibisch, sondern einfach nur herrlich!

Warum Eleni und Lefti trotz aller Unterschiedlichkeit dann doch geheiratet haben, das wußte vermutlich nur Yiayia Marias Kaffeesatz. Beide wanderten nach der Heirat und heftigen Turbulenzen, nach Deutschland aus und landeten in Hildesheim. Lefti fand Arbeit, Eleni fand Otto. Einen Hippie und Schlagersänger, unangepaßt, aufsässig, unabhängig. Er schien ihrem Wesen soviel besser zu entsprechen, als Lefti es tat. Vielleicht war am Ende dieses Deutschland doch nicht so schlecht …

Konnte man sich in die deutsche Sprache verlieben? War sie gar erotisch? Mann bzw. Lefti konnte! Gut, das Fräuleinwunder Traudi Haselbacher, seine Sprachlehrerin trug daran eine gewisse Mitschuld. Traudi war aus St. Pölten und mit Abstand die schönste Frau die Lefti je gesehen hatte. Wenn sie das „R“ rollte, war es um ihn geschehen und sie, sie hatte offenbar ebenfalls eine Schwäche für den südländischen Fremden …

Vielleicht hatte die Yiayia ja doch nicht richtig in den Kaffeesatz geschaut, wer konnte das jetzt noch sagen, die Ehe von Eleni und Lefti jedenfalls wurde geschieden. Wie Eleni dann nach Amerika kam und Lefti in St. Pölten landete, stand auf einem anderen Ast der weit verzweigten Familien-Geschichte …

Vea Kaiser wurde 1988 in St. Pölten geboren. Sie hat in Wien Altgriechisch studiert. Makarionissi erschien 2015 und ist ihr zweiter Roman. Ihr Debütroman „Blasmusikpop“ war aus dem Stand ein Erfolgt. Hier verlegt sie die Handlung zum Teil auf eine fiktive griechische Insel und verwebt ihr Familienepos dabei mit der griechischen Sagenwelt. Wer sich dort auskennt, wird immer wieder Paralellen entdecken.

Erzählen kann sie, die Vea Kaiser! Sie trifft immer den richtigen Ton, ist feinsinnig. Ihr Roman ist voll von Wendungen, komplex und verzweigt, trotzdem wird er nie unübersichtlich oder wirkt überladen. Ihre Figuren sind herzlich, nicht schnulzig und auch ihre Nebenrollen sind liebevoll besetzt. Wenn es traurig wird, sorgt ihr feiner Humor für eine Leichtigkeit die man nicht oft findet.

Blut ist dicker als Wasser, es geht um Familie, um Einmischung, Loslassen, Durchhalten, Aushalten. Was in dieser Geschichte geschieht, gibt uns ein Beispiel dafür, was passieren kann, wenn wir nicht lernen aus unseren Fehlern zu lernen …

Burghardt Klaußner, 1949 in Berlin geboren. Vielen bekannt als Bühnen- und Theater-Schauspieler. Er unterstreicht in dieser Hörbuchfassung wunderbar den humorigen Grundton der Autorin. Ich höre ihm so gerne zu, diesmal viel zu kurze zehn Stunden lang! Hoffentlich gibt es bald wieder etwas neu eingelesenes von ihm zu entdecken.

Ein echtes Wohlfühlbuch, Wohfühlhörbuch, mit leichter Feder, entspannt erzählt – genau passend zum Sommer! Punktabzug gibt es bei mir nur für das Cover. Wegen ihm hätte ich die Geschichte selbst nie ausgesucht. Zum Glück gab es für mich die Empfehlung einer Bücherfreundin, Danke Betti, das Du mich auf diese Reise geschickt hast 😉!

Selfies ( Jussi Adler-Olsen)

Sonntag, 18.06.2016

Ein Wiedersehen mit alten Bekannten ist was ganz besonderes. Ist es planbar, so freut man sich schon Wochen vorher. Fragt sich, wie werden sich die anderen verändert haben, man packt schon mal gedanklich gemeinsame Erlebnisse und Erinnerungen aus und poliert sie auf. Trifft man sich zufällig und unverhofft, Überraschung pur! So haben wir auf einer Dorfkirmes vor Jahren einen Bekannten aus unserer Jugendclique wiedergetroffen. Das Haar war bei ihm schon deutlich lichter geworden, aber sein Humor von damals, der war noch da. Trotz zahlreicher Schicksalsschläge hatte er ihn sich bewahrt und wir haben gelacht und gealbert, als wären wir wieder Achtzehn. Ein toller Abend. Wenn wir Reisebekanntschaften auffrischen, kommt in meinem Kopf sofort der Urlaub zurück.

Mit den Charakteren aus meinen Lieblingsgeschichten geht es mir genauso. Es ist wie ein Wiedersehen mit alten Freunden. Deshalb lese ich auch schon mal die ein oder andere Serie. Bei Carl Moerk, Assad und Rose geht es mir zum Beispiel so. Hier habe ich, ich gestehe es ein, den fünften und sechsten Band geschwänzt. Als ich Band 7 dann unter den Hörbuch-Neuerscheinungen sah, packte mich dann aber doch sowas wie Heimweh?!. Was war wohl aus Ihnen geworden? Was hatte ich verpaßt? 

Selfies  (Jussi Adler-Olsen)

Dorit wußte genau, dass Sie Opas Geheimzimmer nicht betreten durfte. Heute, an dem Tag als ihr Vater für immer ging, und als ihre Mama sich so furchtbar laut mit Oma gestritten hatte, das ihr schon Ohren weh taten, wußte sie nicht wgohin mit sich. Die Tür war offen, wie eine Einladung, also trat sie ein. Zunächst sah sie ihren Opa gar nicht, nur eine kleine Rauchsäule die sich zwischen den Regalen empor kringelte. Auf seinem Sessel entdeckte sie ihn dann, eine Zigarette rauchend und Fotos auf dem Tisch sortierend. Neugierig war sie näher getreten. Die Fotos an der Wand zogen sie wie magisch an, sie zeigten Menschen die an Stricken baumelten, Männer die im Schmutz knieten und denen eine Waffe in den Nacken gehalten wurde. Auf allen Fotos stand ihr Großvater daneben, sie versteht nicht … Er war ein fleißiger, braver Soldat gewesen, in diesem Weltkrieg, so hatte er es ihr erklärt und er habe sich nur verteidigt und weg jetzt von diesem Bildern, sie könne sie erst verstehen wenn sie älter sei. Wie eine dunkle Gewitterwolke, stand plötzlich drohend ihre Großmutter in der Tür und jagte sie mit der ihr eigenen Strenge laut schimpfend hinaus …

Denise, wie Dorit sich jetzt nannte, lernte Jasmine und Michelle auf dem Sozialamt im Wartebereich kennen. Die drei hatten sich sofort als Seelenverwandte erkannt, sie waren halt echte „Fashion-Victims“ und was ihnen im Leben wichtig war, das sah man auf einen Blick: Arbeiten war es jedenfalls nicht und die Jobs, die man ihnen hier vermitteln wollte, fanden alle drei gleichermaßen unmöglich bis abstoßend. Wie sollte man es denn als Wäscherin, oder in dem man im Altenheim Leuten den Hintern abwischte zu Reichtum bringen? Das war es was sie suchten, den Durchbruch in einer Casting Show zum Beispiel oder diesen einen finden, diesen einen reichen Mann der ihnen alles ermöglichte was sie sich wünschten. Dafür hatten sie schließlich so einiges zu bieten und prüde waren sie bestimmt nicht. Sie waren nur hier um sich über Wasser zu halten bis ihnen genau das gelang. Wenn nur diese blöde Kuh von einer Sozialamtsangestellten, diese Frau Svensen, das nur endlich mal kapieren wollte. Seit Jahren terrorisierte sie sie mit immer neuen Jobangeboten und Drohungen die Zahlungen einzustellen …

Konnte man als Angestellte im Sozialamt, quasi als Quereinsteiger, zum Autoknacker werden? Dank Internet war das möglich, es gab zahlreiche Tipps zu unterschiedlichen Methoden und ganze Einkaufslisten das notwendige Equipment betreffend. So kam es, das Enneline zu üben begann, in wenig frequentierten Seitenstraßen. Zwischen Theorie und Praxis gab es dann aber doch einen Unterschied und nach dem dritten vergeblichen Einbruchversuch, musste sie sich eingestehen, dass es ihr irgendwie an Fingerfertigkeit mangelte. Aufgeben, war jedoch keine Option, sie mußte es schaffen. Eine bessere Waffe, als ein geklautes Auto, für den perfekten Mord an diesen Schmarotzer-Schlampen konnte sie sich nicht vorstellen und schließlich war es soweit, es gelang und sie fühlte sich gut vorbereitet …

Was war denn jetzt wieder los? Erst versuchte offenbar jemand die Aufklärungsquote des Sonderderznats Q zu manipulieren, dann wollte man sie tatsächlich wegen der vermeintlich schlechten Zahlen weg rationalisieren? Das würde er so nicht hinnehmen, angefeuert von Assad nimmt Carl den Kampf auf. Hier war ein Fälscher am Werk, ganz klar. Und warum sitzt jetzt dann auch noch der Produzent der beliebtesten dänischen Fernsehserie „Station 3“ bei seinem Chef und will ausgerechnet die Arbeit seines Derzernats volle drei Tage lang mit einem kleinen knackigen Kamerateam begleiten? Wie, sein Chef hat schon zugesagt?!! Carl faßte es nicht, die Sendung war ein einziger Schwachsinn, sie beschäftigte sich weniger mit der echten Polizeiarbeit als mit dem sozialen Hintergrund der Täter, mit der ewig gleichen Aussage, der gleichen Rechtfertigung „schwere Kindheit“. Eines stand fest, für Carl würde es nicht einfach werden, sein schlecht gelauntes Gesicht aus den Kamerablickwinkeln herauszuhalten … 

Rose hatte wieder mal einen ihrer Blackouts. Vorhin hatte sie sich noch bevor sie das Haus verließ, das Parfüm ihrer Schwester Vicky aufgetragen und war in deren Haut geschlüpft. Das hatte sie schon immer gekonnt, mit dem Duft einer anderen, ihr vertrauten Person, deren Identität überstreifen, wie eine zweite Haut. Sie war zum Friseur gegangen, ihre Haare waren jetzt ultrakurz. Jetzt fand sie sich zu Hause in ihrem Wohnzimmer wieder, die Hose voll gepinkelt, die teure Bluse hing in Fetzen an ihr herab. Eine namenlose Angst hatte sich in ihr breit gemacht. Diesmal war es schlimmer als sonst, diesmal schien die Dunkelheit in ihr komplett die Oberhand zu gewinnen. Wurde sie wirklich und unumkehrbar verrückt? Auf allen Flächen in ihrer Wohnung waren Gesichter zu erkennen die sie unverwandt anstarrten und wisperten und flüsterten. Sie war aufgestanden, hatte fieberhaft nach ihren Markern gesucht und dann zu schreiben begonnen. Auf die Wände, Schränke, Kacheln, Türen, auf die Innenseite des Kühlschranks bis sie alle Flächen bedeckt hatte mit dem immer gleichen Satz „DU SOLLST NICHT HIER SEIN“ …

Es war kein Zweifel mehr möglich. Wie sie so da saß, auf dem eiskalten Badezimmerboden, an Händen und Füßen gefesselt. In dem Klebeband, das ihren Mund verschloß nur ein kleines Loch, aus dem ihr Atem stoßweise entwich, seit gestern hatte sie in Händen, Armen, Beinen und Füßen bereits kein Gefühlt mehr. Mit einem Strohhalm wurde sie mit lebenswichtiger Flüssigkeit versorgt, wann immer ihre Peiniger daran dachten, das war nicht oft gewesen und die Abstände zwischen den Wassergaben wurden jetzt immer länger – es war klar, sie würden sie hier sterben lassen …

Jussi Adler-Olsen, geboren am 2. August 1950, studierte Medizin, Soziologie, Politische Geschichte und Filmwissenschaft. Musiker ist er auch, spielt in seiner Freizeit seine eigene Musik und er ist der Sohn eines Psychiaters, verbrachte als Kind viel Zeit in der Nervenheilanstalt in der sein Vater gearbeitet hat. Davon hat er sehr anschaulich vor ein paar Jahren in einer Lesung zu seinem „Alphabethaus“ erzählt und es ist kein Wunder warum er sich so gut in die menschliche Psyche hinein versetzen kann. Mit seiner Reihe um den querköpfigen Ermittler Carl Moerk hat er sich auch in Deutschland auf den Bestenlisten ganz nach oben geschrieben. Er hat in der Serie seinem Carl, dem unbequemen Eigenbrötler, kurzerhand ein eigenes Derzernat gegeben, eigentlich aber um ihn kalt zu stellen. Es unterstützen ihn eine Assistentin (Rose) und eine syrische „Putzfrau“ (Assad). Bald schon putzt Assad nicht nur, er mausert sich zu einem vollwertigen Assistenten mit geheimnisvollem Background. Die drei Helden haben mittlerweile Verstärkung bekommen. Gordon hat sich sehr gut integriert und ergänzt das Team mit seiner pragmatischen Art volltrefflich. 

Die Fälle aus Band 7 bilden ein zu Beginn schwer entwirrbares Knäuel und diesmal läßt sich Olsen Zeit. Er verzichtet auf einen „zähnefletschenden“ Prolog und entwickelt seine Geschichte weniger blutig, dafür mehr psychologisch, wie gewohnt mit mehreren Handlungssträngen. Rose ist am Boden, völlig abgestürzt und meine „alten Freunde“ Carl und Assad scheint dies wie ein schweres Gewicht niederzudrücken. Das humorvolle dialogische Bälle werfen, wie in anderen Fällen, ist weniger geworden. Jeder kämpft mit seinen Dämonen, beide versuchen sie Rose zu helfen und sind sichtlich betroffen, wie sehr sie den Zustand der Kollegin unterschätzt, ja gar negiert haben. Das Aufschrecken von alten Schatten in ihren „cold cases“ hat Spuren hinterlassen, bei ihnen allen. Erstaunlich wie gut Olsen das transportiert. Einige der Szenen haben mich an seinen ersten Fall Erbarmen erinnert, klaustrophisch und bedrückend.

Unfassbar auch, was man im Internet so alles finden kann. Die ausführliche Anleitung zum Autoklau ist da noch vergleichsweise harmlos. Was nehmen, wenn man für eine Schußwaffe gerade keinen passenden Schalldämpfer zur Hand hatte. Da tut es doch auch ein Ölfilter …

Der Fall, oder die Fälle starten für mich etwas schwerfällig, das ist aber am Ende leicht zu verzeihen, denn wie Olsen die Kurve und mich dann doch wieder kriegt, ist spannende und gute Unterhaltung vom dänischen Thriller-Meister. Auf Zehenspitzen schleichend, spitzt sich die Gesichte zu, hat romanhafte  Züge. Antisemitismus, ein Toter in einem Stahlwerk, ein Selbstmordversuch, mehrere Todesfälle nach Fahrerflucht, da kommt schon was zusammen. Das Drama um meine alte Freundin „Rose“ und wie ihre Kollegen füreinander kämpfen hat mir dabei am besten gefallen …

Wolfram Koch, mittlerweile Olsens Stamm-Sprecher, ich kenne ihn schon von den Hörbüchern der Keplers mit Kommissar Jona Linna, legt hier eine Coolness im Vortrag hin die mir sehr gut gefällt. Bisher hatte ich 4 Bände der Reihe gelesen und ich war gespannt wie es sich anfühlt sie jetzt zu hören. Ich muß sagen, daran kann ich mich gut gewöhnen. Er kennt seine Figuren mir scheint lange und gut und er mag sie offenbar. Selbst die „Tussen“ bringt Koch glaubhaft rüber, nicht gickelig, aber man merkt genau, die sind nicht die hellsten Kerzen auf der Torte 😉

Gray (Leonie Swann)

Samstag, 27.05.2017

Was weiß ich eigentlich über Papageien? Manche Exemplare können sprechen, Geräusche täuschend echt imitieren, sie können vorlaut sein, sie sind nicht gern alleine und nicht wenige überleben ihre Besitzer. Ein ordentlicher Piratenfilm ohne Kapitän mit Papagei – geht gar nicht und sie essen gerne Nüsse. Mir fallen gleich die bunten Aras ein, Graupapageien oder ein Kakadu.

Dr. Google weiß noch mehr: Graupapageien kommen aus Afrika, sie werden bis zu 450gr. schwer und bis zu 33cm groß. Sie sind überdurchschnittlich intelligent und sprachbegabt, deshalb gehören sie in der Kognitionsforschung zu den bedeutenden Tieren. In Europa werden sie sowohl in Zoos als auch privat gehalten, hier ist ein Höchstalter zwischen 60 und 73 Jahren belegt. Warum erzähl ich das? Ihr werdet schon sehen, denn diese Geschichte hat einen Vogel (Zitat Verlagswerbung)

Gray (Leonie Swann)

Elliot Fairbanks war ein arrogantes „A’Loch“, so sahen ihn zumindest etliche seiner Komilitonen in Cambridge und auch viele seiner Lehrer. Reich, exaltiert, provokant trat er auf, kaum eine Regel über die er sich nicht hinweg setzte. Das Fassadenklettern an den alterwürdigen Mauern der Uni sah man nicht gern, ihn juckte das nicht. Man duldete es, sogar stille Bewunderer gab es, denn er war ein Meister seines Fachs. Wie konnte es da sein, dass er bei einer seiner nächtlichen Klettertouren tödlich verunfallt war? 

Im Wohntrakt war die dritte Tür von links, den Flur hinunter nur angelehnt. Die Reinigungsfrau hattte das Zimmer in aller Hast wieder verlassen und war schnurstracks und völlig außer sich zu Dr. Augustus Huff geeilt. Oblgeich er hier an der Universität in Cambridge den Ruf hatte nicht ganz „normal“ zu sein, schien er in diesem Fall genau die richtige Wahl. In seinem Fachgebiet untersuchte er unter anderem den Umgang mit dem Aberglauben. Der leicht zwanghafte Jung-Doktor, er war noch keine Dreißig, mutete seiner Umwelt mit seinem Verhalten so einiges zu. 

So trat Huff grundsätzlich nur mit dem linken Fuß zuerst über eine Schwelle, dabei würde er auch nur zu gerne beweisen können, das links besser war als rechts und ach ja, die Acht, ganz eindeutig: Keine gute Zahl! Gebrauchte Bücher waren ihm ein Graus, die Intelligenz die diese von ihren zahlreichen Lesern aufgenommen haben mußten erschreckte ihn … 

Aber zurück, zu unserer Putzfrau. Sie beteuerte ihm nun schon zum xten Mal, im Zimmer des toten Studenten gehe ein Geist um. Als Augustus sich dann doch breit schlagen ließ mitzukommen, fiel es ihm auch auf. In dem teuer eingerichteten Zimmer stand mitten auf dem Teppich ein Staubsauger. Dieser war weder eingestöpselt, noch war er angeschaltet, ein Staubsaugergeräusch schwebte aber dennoch laut und vernehmlich im Raum. Und nicht nur das, die Stimme des toten Studenten war ebenfalls zu hören und sie kam eindeutig von ganz oben, von unter der Bettdecke, die unordentlich auf dem Stockbett lag. Augustus schlägt die Decke zurück und sieht sich Auge in Auge mit einem Graupapagei …

Beschattungen mit Papagei? Unauffällig war das nicht zu lösen. In dieser Nacht war Huff daher alleine unterwegs. Er wollte rauf auf’s Dach. Wollte verstehen, was Elliot hier gesucht hatte bevor er abgestürzt war. Wollte er über den Dingen stehen? Wollte er auf die anderen herabsehen? Wollte er jemanden oder etwas von hier aus beobachten? Während er noch nachdachte und still im Dunkeln verharrte, nahm er plötzlich dicht am Kamin hinter sich eine schattenhafte Bewegung wahr. War ihm jemand gefolgt? 

Leonie Swann, ist das Pseudonym einer deutschen, 1975 in Dachau geborenen Krimiautorin. 2006 erhielt sie für ihren Erfolgsroman „Glenkill – ein Schafskrimi“ den Friedrich-Glauser- Preis. Eine Fortsetzung zu Glenkill erschien 2010 unter dem Titel „Garou“. „Gray“ ist Mitte Mai 2017 erschienen und damit quasi noch druck- respektive hörfrisch!

Was für ein Spaß! Dieser Krimi macht eindeutig gute Laune! Ein engstirniger Landlord, eine ätherisch schöne Lady, verschrobene Kollegen und ein toter Student der nicht so war wie er allen erschien, man glaubt sie am Ende alle zu kennen. Dann Dr. Augustus Huff, Ermittler wider Willen, kam mir so vor, als habe man den guten alten Monk zusammen mit Miss Marple in einen Shaker gesteckt und einmal gut geschüttelt. Von Monk hat er die liebenswerte Zwanghaftigkeit, von Miss Marple die Hartnäckigkeit und den Scharfsinn. Der eigentliche Held und gleichzeitig Namensgeber des Buches ist dann aber der Graupapagei Gray. Wie Lassie mit Flügeln ist er mal Mahner, mal Witzbold und seine hinweisgebenden Panickattacken sind nicht zu toppen. ER kann Assistent, Kronzeuge und „dramatitsch“ … Seine Kommentare sind köstlich, mal ironisch, mal vorlaut, schon auch mal hochnotpeinlich. Diese Pointen sind es, die die Geschichte im Schwung halten und sie heraus heben sie aus dem Krimi-Einerlei. Ermittelt wird natürlich auch, der Plott ist wie ein Puzzle gestrickt, es rücken sich nach und nach die Teilchen an Ihren Platz bis zu einem vollständigen Bild. Als Leser oder Hörer fühlt man sich, als sitze man wie Gray auf der Schulter von Dr. Huff, man ist mittendrin statt nur dabei.

Das Hörbuch gelesen von Bjarne Mädel, bekannt durch seine Rolle als „Ernie“ in Stromberg ist für mich ein echter Volltreffer. Mädel liest mal leicht verschnupft näselnd, mal aristokratisch korrekt. Seine Einwürfe in der Rolle des Papageis sind zum Wegschmeißen! Christopher Heisler liest aus dem in die Hauptgeschichte eingebetteten „Tagebuch eines Luftikus“. Er hat mich, besonders auch im Kontrast zu Mädel, sehr begeistert. Die erste Textpassage die er vorlas, nach einem Kapitelwechsel und einer kunstvollen Pause, hat mich regelrecht elektrisiert. Alle meine Nackenhärchen standen! Fast philosophisch kommen diese Passagen daher und sie zeigen eine ganz andere Facette der Autorin, excellent interpretiert.

Eine ganz und gar runde Sache. So ist auch ein Satz, natürlich einer von Gray, zwischen mir und meinem Mann sofor zu einem geflügelten Wort geworden. Immer wenn sich einer von uns beiden mal richtig aufregt, fängt ihn dieser Ausspruch garantiert wieder ein (Zitat: „Nimm’ne Nuss!“) 😉

Wassermusik (T.C. Boyle)

Sonntag, 21.05.2017

Was ist das nur mit diesem Afrika? Das Wort allein beschwört sofort Bilder herauf. Ich sehe große Tierherden, scheue Giraffen, weite Ebenen, Nomaden, Karawanen, die Sahara vor mir. Uralte Kulturen, die Wiege der Menschheit und auch gewaltige Ströme, den Nil, die Viktoriafälle tosend und gewaltig. Eben wo ich das schreibe fällt mir auf, das gleich vier meiner Lieblingsfilme in Afrika spielen: „Hatari“, „Der Geist und die Dunkelheit“, „Schnee am Kilimandscharo“ und na klar, „Jenseits von Afrika“. Und schon wieder – Bilder, Bilder, Bilder in meinem Kopf und dieses leise trommeln … 

Dann dieser große Autorenname T.C. Boyle. Er stand schon etwas länger auf meiner Wunschliste. Nur welchen seinen Romane für den Start wählen? Sein neuester „Die Terranauten“ war so kontrovers besprochen worden, paßt der zu mir? Die Wassermusik gilt als sein erster Erfolgsroman, warum also nicht von vorne beginnen um ihn kennenzulernen? Als ich dann die ungekürzte Hörbuchfassung von 2015 entdeckte, war es bei den ersten Silben schon um mich geschehen. Schwupps, wurde ich von Stefan Kaminski förmlich eingesaugt und ehe ich mich versah war ich mitten drin gelandet in diesem großen Abenteuer – der Entdeckung und Vermessung des Nigers:

Wassermusik (T.C. Boyle)

1794 Afrika. Die weiße Haut des Schotten Mungo Park musste geleuchtet haben wie der Mond in einer sternenlosen Nacht, inmitten all dieser dunkelhäutigen Mauren. Seine hellen Augen konnten nur eines bedeuten: Er hatte den bösen Blick. Schnell war man sich einig, wie man mit diesem Ungläubigen verfahren wollte, diese Augen mussten verschwinden. Eigens für dieses Vorhaben hatte man einen Helm mit kleinen Platten zur Hand an denen auf Augenhöhe zwei Schraubzwingen saßen …

Mungo verstand zum Glück kein Wort Arabisch, sonst hätte ihn sicher angesichts dieser Aussicht das Grausen gepackt. Die Aufregung verstand er beim Besten Willen nicht und warum setzte man ihn hier, mitten in der Wüste fest? Er war doch ganz und gar in friedlicher Absicht gekommen. Entsandt von der britischen Gesellschaft für die Entdeckung Afrikas und zwar nur zur Vermessung und Kartografierung des Nigers. Das hatte bislang zwar noch keiner geschafft, sei aber nicht weiter schwer, er müsse nur das maurische Emirat Damar meiden. 

Der Niger verlief durch die große Wüste, war elend lang und die Bewohner an seinen Ufern offenbar nicht immer friedfertig. Diejenigen Entdecker, die daran nicht gescheitert waren, hatte das Fieber, eine andere noch namenlose Krankheit oder ein tollwütiger Emir dahin gerafft. Mungo Park, ruheloser Schotte, 25 Jahre jung, wollte es trotzdem versuchen. Gemeinsam mit seinem Übersetzer Johnson und einem Esel und einem ausgemergelten Pferd war er voller Abenteuerlust und Tatendrang aufgebrochen. Alles war auch soweit gut verlaufen, bis auf die Umleitung, die er eigentlich um das Emirat Damar und seinen Herrscher hätte nehmen sollen …

Was für ein Aufruhr!? Wie auf ein geheimnisvolles Stichwort, das er nicht kannte, ist Panik ausgebrochen kaum haben sie das kleine Dorf erreicht. Als Mungo dann den Sand zwischen seinen Zähnen spürte und der Sturm ihn zu Boden warf war es beinahe schon zu spät. Seinen ersten Sandsturm überlebte der arglose Entdecker nur, weil Johnson wieder einmal ein Auge auf ihn hatte. Er war es, der ihn wegschleifte und der beide in diesem Kellerverschlag in Sicherheit brachte. In Sicherheit? Als er dort zu sich kommt und seine Augen sich allmählich an die Dunkelheit gewöhnt hatten, war er sich gar nicht mehr so sicher …

Auf die Flußanreihner mußte dieser Mann wie eine Erscheinung gewirkt haben. Seine Haut schneeweiß. Mit Kaftan, Samtjacke und Zylinder brach er durch die Menge am Ufer und stürzte sich in die schlammigen Fluten, Jubelschreie ausstoßend in einer Sprache, die sie noch nie gehört hatten. Endlich war er am Ziel, endlich hatte er ihn gefunden – den Niger. Acht Monate Entbehrungen, Gefangenschaft und Durst, acht Monate ohne jegliche Nachricht, ohne ein Lebenszeichen in die Heimat, sicher hatten sie ihn schon aufgegeben … 

(Textzitat🙂 „Die Flüsse sind schwanger und gebären Sturzbäche. Regen der wie eine Glasscheibe fällt und am Boden in Splitter und Scherben zerspringt. Monsumstürme toben, die Sümpfe werden bodenlos und die Frösche denken, sie seien dazu bestimmt das Erdreich zu besitzen“. Mungo und Johnson waren auf dem Floß stromabwärts beinahe abgesoffen. Was überleben heißt hatte er erst hier in Afrika gelernt. Oh, wie er das entdecken satt hatte …

Haltet Euch fest, es geht noch weiter und selbst das ist nur ein Bruchteil von Mungos Erlebnissen:

1797 London. Ned Rise hatte eine schwere Kindheit. Als sein Ziehvater ihn das erste mal zum Betteln auf die Straße schickte und Abends verhaute, weil er nichts eingenommen hatte, war das erst der Anfang seines Leidensweges. Um den Ertrag zu verbessern, schien es seinem Vater eine gute Idee ihm die ersten Fingerglieder abzuhaken, da würde man sicher Mitleid mit dem Kleinen haben. Als das Messer auf Neds Hand niederfährt ist sein Schicksal besiegelt, was sollte jetzt noch anderes aus ihm werden als ein Gauner? Wie sonst hätte er, vestümmelt an Körper und Seele, es auch im georgianischen London zu etwas bringen sollen? Wer nicht verhungern wollte, konnte sich bestenfalls in den Dienst eines dieser reichen Pinsel stellen. Ja My Lord, Bitte My Lord, Gerne My Lord – das war nichts für Ned. Er wollte selbst reich sein, eines Tages vielleicht auch verschwinden können von hier. Die Idee mit dem Verkauf des falschen Kaviars war nicht seine schlechteste und die Einnahmen beträchtlich! Das er dann doch aufflog und man ihm den Prozeß machte, hatte wohl am Ende mit seiner Gier zutun und es sah nicht gut aus, wenn er ehrlich mit sich war. Sein Mitinsasse höhnte schon seit Tagen – er werde baumeln, baumeln, baumeln …

1795 Afrika. Soviel hatte Mungo erduldet, überstanden, überlebt, sollte es wirklich ein Vierbeiner sein, der ihn in die Knie zwang? Das Krokodil lag träge aber durchaus wachsam verborgen im Schlamm am Rande der kleinen Nigerinsel. Es war hungrig und es war sich sicher, die Menschlein die sich hier schutzsuchend vor den Fluten zusammengedrängten, würden früher oder später Durst haben und Wasser brauchen. Dieser eine da, der mit der hellen Haut, er schien ihm ein besonderer Leckerbissen zu sein. Das es dann Johnson war, der bis an die Knie ins Wasser watete und den das Krokodil aussuchte, konnte auch Mungo nicht mehr ändern. Als er schreiend und mit erhobenem Messer seinem Dolmetscher und Freund zur Hilfe kommen wollte, hatte ihn das Reptil schon am Fuß gepackt und in tieferes Wasser gezogen …

Ein Brief brauchte in diesen Zeiten bisweilen fünf Monate oder länger bis er England erreichte. Wie viele Jahre, wie viele Gerüchte lang wartete man als Ehefrau auf einen Helden? Wie lange, bevor man die Hoffnung endgültig aufgab?

T.C. Boyle lebt in Kalifornieren und wird mittlerweile als Kultautor gehandelt. Es geht die Rede, er habe dem historischen Roman in Amerika zu neuem Ansehen verholfen. Die historischen Fakten, die vielen seiner Romane zu Grunde liegen, sind stets fundiert recherchiert. Er strickt um sie herum mal realisitsche, mal absurde Geschichten, aber immer mit viel Liebe zum Detail. Wassermusik erschien in Amerika bereits 1982.

Alter Verwalter, was für ein Erzähler, was für ein Erzählstil! Was für eine Übersetzung! Bislang wußte ich gar nicht, dass man auch Wimmelbücher hören kann 😉 ! Szenen so bildhaft und detailreich, das man gar nicht weiß wo man zuerst hinhören soll, so viel gibt es zu entdecken. Mit Wucht beschreibt er, mal drastisch, mal gefühlvoll, mal eindringlich bleibt daber immer authentisch. Und ein ganz eigener Humor, bisweilen auch ein derber, wohnt in seinem Roman. 

Ob Mungo Park, der leibhaftige Entdecker tatsächlich so tickte, egal! Ob es Ned Rise wirklich gab – so what? … Boyle stellt im Vorwort auch klar, dass es ihm hier nicht wichtig war, alles immer auch historisch korrekt wiederzugeben. Und doch, man spürt die Fakten genau, sie geben seiner Geschichte den ganz besonderen Touch, sie hat Fleisch an den Knochen … All diese Entdecker, ihr Leid, ihre Qualen, die Unbill die sie auf sich genommen haben. Was hat sie nur motiviert und angetrieben? 

Das georgianische Zeitalter war wahrlich düster, da erzählt er uns nichts neues. Bei ihm aber riecht und spürt man den Dreck in Londons Gassen. Und immer wieder Afrika! Man schüttelt sich quasi den Sand aus den Ohren, wringt seine Kleidung aus, schwitzt, fiebert, spürt Hunger und Durst. Und dann diese herrlich schrägen Figuren die seine Geschichte bevölkern, zahlreich und bunt. Wütende Flusspferde, Krokodile, wilde Eingeborene, dickköpfige Entdecker, Snobs, Huren, Klatschweiber und Ehefrauen. Liebe, Freundschaft, Abenteuer, Verrat, Rache, Leid, Krieg, Tod und Verderben all das in einer einzigen Geschichte. Und wo man da überall rum kommt, der Sahel, London, die schottischen Highlands. 

Ob Hexe, Kanibale, Freund oder Feind – er kann sie alle: Stefan Kaminski! Aus dem Stand bin ich sein Fan geworden. Ich will ihn gar nicht vergleichen, denn diese seine Darbietung ist einzigartig. Er war es, wegen ihm habe ich mich für diese Fassung der Geschichte entschieden – für das Hörbuch und er hat bis zur letzten Silbe sein Versprechen gehalten. Er ließ mich über 21 Stunden lang an dieser Geschichte kleben wie eine Klette, staunend, lachend, kopfschüttelnd, atemlos. Für mich ist sein Vortrag der Beweis dafür wie intensiv sich Sprecher und Geschichte gegenseitig befruchten können … 

Das war sicher nicht mein letzter Kaminski und auch nicht mein letzter Boyle! Oh Mann, ich bin echt hinüber 😉💖

Altes Land (Dörte Hansen)

Samstag, 13.05.2017

Ja, diesmal habe ich es getan. Während ich wie jedes Jahr auf der Lauer liege und unseren Apfelbaum auf Blütenansätze absuche, habe ich ihm gedroht. Gedroht er komme auf den Kompost, wenn er in dieser Saison nicht wenigstens einen Apfel trage. Im letzten Jahr haben wir unseren Cox-Orange an den Krebs verloren. Unermüdlich trug er bis zuletzt schwer an der Last seiner reifen Früchte. Eigentlich als Nachfolger gedacht, die Krankheit meines Lieblings-Apfels zeichnete sich da schon ab, pflanzten wir einen James-Grieve. Diesmal ein Halbstamm, die Krone schon schön erkennbar, streckte er gut gelaunt seine Äste über mein Frauenmantel-Beet. Alles gut und schön, bis auf die Äpfel, die fehlen bislang. Gießen, düngen, schneiden, gutes Zureden – alles half nicht. Da habe ich mich jetzt auf’s Drohen verlegt – ich würde mal sagen, Fortsetzung folgt, im Herbst wissen wir mehr 😉. In einem meiner Lieblingsbücher der letzten Jahre spielen Obst-Bäume auch eine große Rolle, hier sind es die Kirsch-Bäume.

Altes Land (Dörte Hansen)

Es ist Frühling im alten Land. Ida Eckhoff, Obstbäuerin, hat 1945 kein Verständnis für das was da passiert. Aus Ostpreußen kommen immer mehr von ihnen, immer mehr Flüchtlinge. „Polacken“ schimpft sie sie wütend. Als auf ihrem Hof Hildegard von Kamcke mit ihrer kleinen Tochter Vera einquartiert wird, bringt sie sie in der Knechtekammer unter. Auf gar keinen Fall dürfen die beiden auf ihrer weißen Hochzeitsbank sitzen, Verbote gibt es fortan reichlich. Verbote, die Hildegard von Kamcke kalt lassen, dass muß sie, stammt sie doch aus gutem Hause, sich nicht geben. Sie zieht weiter, allerdings ohne ihre Tochter Vera. Die läßt sie zurück bei der Eckhoff, zurück in diesem großen, kalten Haus …

Hinni Lürs ist schon ziemlich lange der Nachbar von Vera Eckhoff und er ist ein Freund, obwohl beide unterschiedlicher nicht sein könnten. Die raubeinige Zahnärztin, die Haus und Hof so gar nicht in Ordnung hält und der fast pedantische „Unkrautvernichter“ Heinrich paßen im Grunde nicht zusammen. Und doch verbringen beide ganze Nächte beim Kartenspiel in Veras Küche, stehen einander bei, wenn es darauf ankommt. Auch als vor Veras Tür dann zwei „Flüchtlinge“ stranden. Ihre Nichte Anne mit ihrem kleinen Sohn. Annes Mann hat sich gerade eine andere gesucht, ihren gemeinsamen Sohn kann er dabei nicht brauchen. Ja, und Flötenlehrerin, das ist auch nicht gerade Annes Traumberuf. Es scheint Zeit für einen Neuanfang, aber ausgerechnet bei der „Einsiedlerin“ Vera?

Das alte Haus von Vera Eckhoff hat eine Renovierung bitter nötig. Mit Malern ist es hier längst nicht mehr getan, stellt Anne fest. Fenster, Türen, Dach alles marod, warum nur wurde hier solange nichts getan? Am fehlenden Geld kann es doch nicht liegen? Anne hat eher wenig Verständnis für die strikte Verweigerungshaltung ihrer Tante. Die behauptet steif und fest, nicht sie, das Haus sei dagegen und sie übernehme keine Garantie für das was geschieht, wenn hier einer Hand an legt …

Dörte Hansen hat mit „Altes Land“ ihren ersten Roman veröffentlicht. Sie arbeitet als Autorin für den Hörfunk und hat einige Jahre für den NDR als Redakteurin gearbeitet. Das „Alte Land“ wurde zum Überraschungserfolg in der gebundenen Ausgabe und stürmte die Bestseller-Liste bis auf Platz 1. Ich war da erstmal skeptisch, finde ich mich mit meinem Lesegeschmack bei vielen Titeln mit Spitzenplatzierungen dann doch am Ende nicht wieder. Hier war das anders, diese Geschichte ist auch für mich ein Volltreffer. Pointiert, der Humor nordisch trocken, die Figuren authentisch, griffig und liebenswert.

Als Hörbuch (leider gekürzt) vorgelesen von der großartigen Hannelore Hoger. Ihr Plattdeutsch ist unglaublich, es fließt so selbstverständlich ein, dass es eine Freude ist. Für mich ist hier die Symbiose zwischen Sprecher und Geschichte vollkommen. Mal knarzt ihre Stimme fast wie die Dielen in dem alten Haus, das ein Eigenleben zu haben scheint. Mal ist sie gefühlvoll bei den beiden Frauen oder bei Idas kriegsversehrtem Sohn. Mein Opa mütterlicherseits wurde nach dem Krieg aus Ostpreußen vertrieben. Wie oft hat er von seiner Marienburg erzählt. Es schien mir, als sei die verlorene Heimat für ihn wie eine offene Wunde, die nicht heilen will … Diese Geschichte hier hat mir das Schicksal der Vertriebenen wieder ins Gedächtnis gerufen. Auch die Freundschaft im Buch zwischen den Nachbarn Hinni Lürs und Vera Eckhoff hat mir besonders gefallen, zeigt sie doch, dass es auch erlaubt ist sich mal zu reiben, ohne sich gleich aufzugeben …

Kürzlich erst als Taschenbuch erschienen, bin ich mir sicher, wird das „Alte Land“ seinen Siegeszug weiter fortsetzen und noch mehr Fans gewinnen! Ich gehöre immer noch dazu, uneingeschränkte Lese- und Hörempfehlung! 

Des Teufels Gebetbuch (Markus Heitz)

Karfreitag, 14.04.2017

Klaus Maria Brandauer, sofort habe ich sein weiß geschminktes Gesicht vor meinem geistigen Auge, wenn ich jemanden „Mephisto“ sagen höre. In der grandiosen Verfilmung des gleichnamigen Romans von Klaus Mann, schlüpfte Brandauer 1981 in die Rolle des Schauspielers Hendrik Höfgen. Unvergessen seine Darstellung des „Mephisto“ aus Goethes Faust. Gänsehaut pur, Gestik, Mimik, Intonation – er gab dem ewig Bösen sein Gesicht! In zahlreichen anderen Filmen gab er weiteren Schurken seine Gestalt, als hassenswerter Ehemann der Tanja Blixen in „Jenseits von Afrika“ ebenso, wie als fieser James Bond Gegenspieler. Würde der Roman, den ich Euch heute vorstelle verfilmt werden, wüßte ich genau welche Rolle durch Brandauer zwingend besetzt werden müßte …, schaut mal selbst:

Des Teufels Gebetbuch (Markus Heitz)

Gegenwart; Die Ostsee vor Tallin, eiskalt, aufgewühlt, die ersten heftigen Windböen künden von einem herannahenden Sturm. Der teuerste Champagner der Welt, ein Veuve Cliquot von 1780, dreiundfünfzigtausend Euro die Flasche  – nach heutigen Maßstäben. Geborgen aus dem Frack eines Seglers und die Bergungsmannschaft tot …

Vergangenheit; Leipzig. Bastian Kirchner ist ein junger, außerordentlich begabter Kupferstecher. Er ist mit seiner kleinen Familie nach Leipzig gekommen um hier Arbeit zu finden. In seiner Heimatstadt Altenburg, dem Mekka der Spielkartenmacher, gibt es zuviel Konkurenz und zu wenig Lohn. Heute feiert er. Denn er hat eine Anstellung gefunden, bei einem angesehenen Drucker und das Beste daran ist, er darf hier sogar an seinen geliebten Spielkarten arbeiten. Seinen neuen Dienstherren hat er auf Anhieb überzeugt mit einem selbst gestalteten Kartendeck. Mit Goethe, einem jungen Studiosus hat er sich jetzt verabredet, in Auerbachs Keller.

Dort in feucht fröhlicher Runde fordert man ihn dann auf, sein Erfolgs-Kartenspiel herzuzeigen. Widerstrebend tut er es auch, denn zu schade sind sie ihm eigentlich, seine Karten-Schätze, zu schade um mit Wein- oder Bierflecken verschmutzt zu werden. Kaum wandern die Karten dann aber zwischen den Studiosi von Hand zu Hand, steht plötzlich ein alter Mann in der Gaststube, still beobachtet er zunächst die Kameraden und vor allem Bastian. Als der Mann still an ihren Tisch tritt, ist allen unheimlich zu Mut, die Raumtemperatur scheint zu sinken, sogar in heftigen Streit verfallen sie grundlos miteinander. Einzig der Alte scheint unbeeindruckt von dem Durcheinander. Ruhig stellt er sich Kirchner als Herr Dietrich vor und macht ihm unvermittelt ein Angebot: Für ihn soll er arbeiten, nur ein einziges Kartenspiel will er haben und es soll sein Schaden nicht sein …

Gegenwart; Monte Carlo. Hohe Einsätze sind für ihn kein Problem, sondern ein besonderer Nervenkitzel. Gleichgesinnte zu finden um dies auszuleben, sein ständiges Bestreben. Als der junge Unternehmer aber begreift nach welchen Regeln hier Superieur gespielt wird, ist es schon zu spät für einen Rückzieher. Der Nervenkitzel den er gesucht hat ist längst blanker Angst gewichen und er hofft, dass das Pik Ass, die Todeskarte, nicht am Ende auf seiner Kartenhand landet …

Gegenwart; Avignon. Mindestens achtzig muss Madame Darlons mittlerweile sein. Die Restauratorin gilt als verschroben und ganz Avignon weiß, dass sie Besuch ganz und gar nicht mag. Das Scharren, die Stimmen in ihrem Keller, das Klirren und Rasseln – es klingt als komme es von Ketten. Der Geruch der unter der Gewölbedecke hängt ist feucht und modrig wie in vielen Weinkellern, aber da ist noch etwas anderes, metallisch und schwer hängt es in der Luft. Merkwürdig auch, das die Polizei sich seit kurzem rühmt alle Bettler und Obdachlosen aus der Stadt vertrieben zu haben …

Gegenwart; BadenBaden. Thadeus Boch, dereinst an den Spieltischen der Welt gefürchtet für sein Poker-Talent, dann abgestürzt im Alkohol- und Drogenrausch, überschuldet und spielsüchtig, tritt die Nachtschicht an. Im Spielkasino von Baden-Baden ergänzt er mittlerweile das Sicherheitsteam vortrefflich, denn er kennt sie alle, alle Tricks. Vom Kartenzählen über das Kartenzinken bis hin zu Geheimzeichen jeglicher Art, seinem wachsamen Auge entgeht nichts. Beherrscht, verbindlich und mit der notwendigen Umsicht entfernt er schummelnde Spieler von den Tischen und wenn nötig aus dem Casino. An diesem Abend ruft ihn seine Chefin zu einem ganz besonderen Exemplar der Gattung „überheblicher Überflieger“. Der unleidliche Sprößling eines steinreichen russischen Oligarchen rüpelt sich nach allen Regeln der Kunst durch eine Poker-Runde. Boch gelingt es, den jungen Mann an die Luft zu setzen. Auf dem Weg nach draußen verliert der Oligarchen Sohn eine wertvolle historische Spielkarte auf dem Casino Teppich und nicht Boch findet die Karte, sondern die Karte findet Boch … 

Markus Heitz, habe ich Euch schon mit zweien seiner Romane in meinem Blog vorgestellt. Wenn es um gut gemachte Thriller mit phantastischem Einschlag geht, oder auch um einen wendungsreichen Fantasy-Plot gehört er zu meinen Lieblingen. Mit seinem neuesten Roman „Des Teufels Gebetbuch“ verbindet er gewohnt gut recherchiert historische Fakten mit einem hoch spannenden Plot. „Kartenschicksale und Schicksalskarten“. Er spielt mit Anleihen an Goethes Faust, läßt eine seiner Schlüsselfiguren sogar auf Goethe selbst treffen und verarbeitet auch Auerbachs Keller in Leipzig als wichtige Location. In bester James-Bond Manier jagt er den alternden Ex-Profi-Kartenspieler Thadeus Boch mit einer jungen koreanischen Ärztin in einer blutigen Hatz um den Globus. Exotische Schauplätze wechseln sich mit dem guten alten Europa ab. Filmreif erzählt, mehr als eine Szene erinnert mich dabei an die alten Indiana-Jones-Filme und das meine ich ganz und gar positiv. Sind gute Abenteuergeschichten und Filme doch mittlerweile dünn gesäht. Zarten Gemütern unter den Spannungslesern sei gesagt, bei Heitz wird zumeist blutig gekämpft und gestorben, das gerne auch mal reichlich blutig und auch hier spart er nicht mit dem Vergießen des Lebenssaftes. Ich bewundere seine Kreativiät, seine Akribie in der Recherche, seine Liebe zum Detail (ein Kartenspiel sammt Regeln hat er es sich hier erdacht). Da verzeihe ich ihm auch mal den ein oder anderen tödlichen Messerstich den er für meinen Geschmack zuviel setzt … 

Hörbuch: Wer meinem Blog schon ein bischen länger folgt, dem verrate ich kein Geheimnis wenn ich sage, wie immer habe ich Heitz nicht selbst gelesen, sondern gehört und das mit voller Absicht. Denn wenn Uve Teschner als Sprecher drauf steht, ist auch garantiert Teschner drin. Unfassbar was dieser Mann aus den Geschichten herauszuholen vermag. Meine Augenbrauen schnellen erschrocken nach oben, mein Puls beschleunigt sich, wenn er seine Stimme erhebt – oder flüsternd senkt … Gänsehaut-Garantie!!!  Ein Heitz ohne Teschner – für mich mittlerweile undenkbar.

Adressat unbekannt (Katherine Kressmann Taylor)

Mittwoch, 15.02.2017

Ein Drama nimmt seinen Lauf …

Adressat unbekannt (Katherine Kressmann Taylor)

„Das MUSST  Du unbedingt hören“, sagte mein Mann am Montag zu mir. „Ich will Dir gar nicht mehr verraten …!“ Erst habe ich noch gezögert, gehen der Lese-und Hörgeschmack von mir und meinem Mann doch auch schonmal auseinander. Dann habe ich mir im Auto auf der Fahrt zum Dienst die Geschichte doch angeschaltet und schon bald auf laut gestellt:

Knappe 60 Minuten lang lesen Matthias Brandt und Stephan Schad den Briefwechsel zweier Freunde und Geschäftspartner vor. Was harmlos und freundschaftlich beginnt, nimmt rasch einen schicksalhaften, dramatischen Verlauf. Angesichts der Zeit in der Max Eisenstein und Martin Schulse sich schreiben, die Monate um Hitlers Machtergreifung, verwundert dies nicht …

Erstmals 1938 veröffentlicht, 2012 in dieser Fassung aufgenommen hat Katherine Kressmann Taylor uns hier ein kleines, feines, literarisches Meisterwerk hinterlassen. Ein großes Drama, verdichtet auf wenige Seiten, wenige Minuten, beklemmend und fesselnd … Großartig, eindringlich vorgetragen von beiden Sprechern, die hier eine Stimmung heraufbewschören, die man mit Händen greifen kann.

Meine Empfehlung: „Das MÜSST auch Ihr hören“!

Geister (Nathan Hill)

Alle Schulden müssen zurück gezahlt werden!

Sonntag, 12.02.2017

Was meinen wir eigentlich damit, wenn wir von Geistern sprechen? Per Begriffsdefinition wäre das ein Wesen, das wir uns als übernatürlich vorstellen und das nicht an einen Körper oder eine materielle Form gebunden ist. Wir sagen auch schon mal „von allen guten Geistern verlassen sein“ und meinen damit, etwas unvernünftiges, unüberlegtes zu tun. Dann benutzen wir den Begriff Geister für Spukgestalten, denken dabei an alte Gemäuer und er schaudern …

Geister (Nathan Hill)

„Er wollte sein Leben klären. Die Gegenwart nicht mehr durch seine Wünsche verfärben. Wollte gesehen werden wie er wirklich ist.“

Samuel ist Literaturprofessor und leidenschaftlicher Gamer. Das paßt nicht zusammen? Schaut man hinter die Fassade könnte ihn nichts treffender beschreiben. Er war 11 Jahre alt, als seine Mutter ihn und den Vater verließ. Sang- und klanglos, ohne sich auch nur noch einmal umzudrehen. Sein Vater, der Tiefkühlkostvertreter, versteht dies bis heute nicht, und auch Samuel fühlt eine Leere bis ins Erwachsenenalter, und dafür ist nur einer verantwortlich – seine Mutter.

Dann der Anruf einer Anwaltskanzlei. Samuel soll für seine Mutter bürgen? Ausgerechnet er? Er soll ihre Integrität bezeugen? Sie wurde verhaftet und zwar nach einem tätlichen Angriff auf den republikanischen Präsidentschaftskandidaten? Unglaublich, seit mehr als zwanzig Jahren hat er sie nicht gesehen. Er kennt sie überhaupt nicht!  Loslassen will ihn der Anruf dann aber auch nicht, so gerne würde er endlich für sich klären wollen, warum seine Mutter ihn damals verlassen und sich nicht mehr gemeldet hat …

Die Schatten, die Geister, der Vergangenheit strecken ihre Finger nach Samuel aus und auch nach Faye, seiner Mutter. Nach Frank Ihrem Vater. Frank der Einwanderer aus Norwegen kennt auch andere Geister, nämlich die echten, die aus seiner Heimat. Die einem folgen, unversöhnlich sind und strafen, die man nur loswerden kann indem man sie wieder nach Hause bringt …

Nathan Hill unterrichtet wie seine Figur Samuel englische Literatur. Geister ist sein erster Roman mit 864 Seiten oder knapp 24 Stunden Hörzeit. Irgendwo habe ich gelesen, er hat sieben Jahre daran gearbeitet. Nachdem ich heute mit dem Hörbuch fertig geworden bin, kann ich das unbesehen glauben, denn Hill erzählt nicht nur eine Mutter-Sohn Geschichte, er erzählt viele Geschichten. Wie er die einzelnen Erzählstränge verbindet, fleißg und akribisch, dabei Satzgebilde schafft die einen stocken lassen ist meisterhaft. Seine Figuren sind glaubwürdig, der Plot ungewöhnlich aufgebaut, ahnt man bis ins letzte Drittel nicht, wie sich dieses Gebilde auflösen kann. Fast leise verabschiedet sich die Geschichte dann und ich vermisse sie jetzt schon …

Erst habe ich gezögert mir „Geister“ als Hörbuch zu gönnen, als ich dann den Namen des Sprechers gesehen habe, mußte ich es hören: Uve Teschner. Zuletzt hat er mich mit „Wedora“ von Markus Heitz infiziert, an jeder Silbe von ihm habe ich geklebt. Wollte jetzt unbedingt erleben, wie ein Sprecher nach so vielen eingelesenen Fantasygeschichten mit so einem Stoff umgeht. Ich fand ihn unglaublich! Schachtelsätze werden durch seine Interpunktion zu Gedichten und mal ehrlich, die Passagen über die nordischen Geister konnte wirklich nur und nur von ihm gelesen werden! Danke dafür!