Stadt aus Rauch (Svealena Kutschke)

Sonntag, 21.01.2018

Wie lebt man ein Leben, wenn der eigene Geburtstag gleichzeitig der Todestag der Mutter ist? Ist das Kind dem Tod abgerungen dann Fluch oder Segen in dieser Familie? Kinder, die ein Leben lang schwer an einer Schuld tragen, für die es sich so anfühlt, als seien sie der „Mörder“ der eigenen Mutter. Eine Mutter, die sie nie kennengelernt haben, aber dennoch vermissen, eine Bindung spüren, die in die Leere verläuft. Väter, die in ihrem Kind das Abbild der geliebten Partnerin erkennen, sich an ihm festhalten, nach Wesenszügen suchen, die die verlorene Frau einst ausmachten.

Was, wenn ein solches Kind, der verstorbenen Gefährtin aber so gar nicht gleicht? Sich auf immer verloren fühlt, verloren geht, sich nie erden kann? Nie die Fähigkeit entwickelt selbst stabil Beziehungen einzugehen? Dem Vater fremd bleibt?

In diesem Roman treffen wir auf eine Autorin, die mehr Fragen in uns hinterläßt, als sie uns Antworten gibt. Auf das Vortrefflichste spielt sie mit unseren Gedanken und Empfindungen, Ihre Figuren behält sie dabei fest im Blick:

Stadt aus Rauch (Svealena Kutschke)

Und seit Jahr und Tag wartet der Wind vor der Marienkirche auf den Teufel der nie erscheint. Er muß die Sünder in die Hölle bringen“. (Mündliche Überlieferung).

Wer zwischen den Toten aufwächst, hat es zwischen den Lebenden schwer. Jessy, die Tochter eines Leichenbestatters und einer Säuglingsschwester, war anders. Die Klassenkameraden in ihrer Grundschule sparten nicht mit Spott und mieden sie. Freunde brauchte sie nicht, aber einen auf den sie sich verlassen konnte, den brauchte es und den hatte sie in Bjarne, bis sie zwölf war. Bis zu diesem einen Morgen, an dem sie ihn zur Schule abholen wollte. Auf Zehenspitzen spähte sie durch Bjarnes Fenster in eine leere Wohnung. An diesem Tag ging auch Jessy nicht zur Schule und sie hörte, mit einhundertzweiundsechzig Zentimetern, mit dem Wachsen auf. Als Teenager wurde sie in den 1970ziger Jahren groß, mit Clint Eastwood, den ihr Vater so sehr liebte und mit ihrem Spitznamen, Jessy James. Stets waren ihre Jeans zerschlissen, und sie ungeschminkt um diese merkwürdig blauen Augen. Mit diesen Augen, mit denen schon ihre Großmutter in die Welt und in andere hinein geschaut hatte, trotzte sie dem Leben ihren Anteil ab …

Der Winter 1863/64 in Lübeck an der Trave. Jessys Urgroßvater Johann war ein stattlicher Offizier, nur leider ohne Krieg und noch immer ohne eine Frau. Die Österreicher waren gegen die Dänen gezogen und der Soldat aus dem Montafon, der ihm jetzt im Gasthaus gegenüber saß, war durch diesen Krieg zu Ruhm und Ehre gelangt. Hier an diesem Abend fand Johann einen Freund, er reiste nach Österreich, verliebte sich unsterblich in die Frau seines besten Freundes. Alles ging gut, bis 1866 die Preußen den Österreichern den Krieg erklärten und er mit seinem Regiment gegen seinen Freund ziehen sollte. Zum Glück?! wa Johann mit seinen Soldaten zu spät gekommen. Die entscheidende Schlacht war geschlagen und seinen Freund Gottfried hatte eine preußische Kugel in den Kopf getroffen. Die Kugel blieb drin und er am Leben, aber Gottfried konnte fortan weder sprechen, noch denken, noch sich bewegen und seine schöne Frau war doch jetzt quasi irgendwie allein …

1915, Hansestadt Lübeck.

Ein Raum, zwei Tote, das Mädchen und der Teufel.

Gift. Fräulein Hedwig und Fräulein Lisbeth hatten sich mit ihren besten Kleidern zum Sterben hingelegt. Lucie stand am Fußende des Bettes und betrachtete die beiden Frauen schweigend, die sie schützend aufgenommen hatten, als ihr Vater, der Maler, in den Krieg hatte ziehen müssen. Jetzt war er zurück, aus dem Lazaret, aus der Welt, in die man (Textzitat) „nur um den Preis eines Körperteils eintreten durfte“.

Lucie weinte nicht, sie ging die Sache praktisch an, wusch Hedwig und Lisbeth, richtete sie wieder her. Der Teufel war beeindruckt. Das Mädchen hatte ihn bislang noch nie enttäuscht und er erwartete noch so einiges von ihr. Seit Lucies Geburt war der Teufel im Stande durch ihre Augen die Welt zu sehen. Einen Brief hielt sie jetzt in den Händen, im Bett der Frauen hatte sie ihn entdeckt und sie las konzentriert. Es war ein Abschiedsbrief von Hedwig und Lisbeth, der ihr und dem Vater, die sie so arm wie die Kirchenmäuse waren, ein ansehnliches Erbe zusprach …

Svealena Kutschke, geboren 1977 in Lübeck, lebt heute in Berlin. Ihren Roman „Stadt aus Rauch“ läßt sie überwiegend in ihrer Geburtstadt spielen. Dieser Roman ist ihr dritter. Wild und wunderbar, ein literarisches Wagnis – das steht im Klappentext zu lesen und machte mich neugierig.

Von Sagengestalten und Mythen ist diese außergewöhnliche Geschichte ebenso bevölkert wie von Menschen aus Fleisch und Blut. Unwirkliche Gestalten, die aber nicht als Randfiguren agieren, sondern gegenwärtig sind. So ist zum Beispiel der Teufel in Person häufig beteiligt, schaut nicht nur den Menschen über die Schulter. Dennoch bringt er nicht das Böse, sondern das Besondere in die Welt, wird wie eine Metapher dafür eingesetzt und damit sehr wirkungsvoll zu einem genialen Kunstgriff.

Ein Generationenroman, der sich wie eine Zeitreise auf den Spuren der Ahnen unserer Protagonisten anfühlt. In geschickt verwobenen Rückblenden, die etwas Konzentration erfordern, führt uns Kutschke wie ein Hypnotiseur weit zurück in der Zeit. Springt mit uns hin und her. Die Zerrissenheit ihrer Figuren, ihrer Jessy, ihrer Lucie, ihrer Freya, hinterlassen in mir ein wundes Herz.

Hier, wo die eigenen Spiegelbilder die Augen schließen. Man bei einem Maler verlorene Träume kaufen kann, Kinder kennenlernt, die unter dem eisblauen Blick des Teufels geboren werden und seine Augen ins Leben tragen.

Soldaten ohne Krieg, Pfarrer, Bestatter und Krankenschwestern, versteinerte Kriegsveteranen, Burgherren und rebellische Töchter geben sich ein Stelldichein. Wir ziehen aber auch mit Punks durch die Stadt, schlafen anschließend im Bauwagen unseren Rausch aus. Erleben das bohemianische Berlin ebenso wie Lübeck in der Zeit Thomas Manns mit seinen Buddenbrocks.

Wir lieben und hassen, verzweifeln und verzagen in den Wirren des zweiten Weltkrieges mit seinen Massengräbern, Vernichtungslagern und ausgeweideten Gebäuden. Wir erleben Antisemiten, gewaltätig in ihrem Element, schämen uns fremd. Kutschke kommentiert und bewertet nicht, sie läßt uns diese Zeiten mit ihren Figuren von innen heraus erleben, spürt ihnen und ihren Motiven nach. Nicht selten habe ich mir dabei die Frage gestellt, ob ich angesichts solcher Taten nicht selbst auch weggesehen hätte, ob ich denn mutiger gewesen wäre …

Von großen und kleinen Dramen, bei Beerdigungen und Festen in der Familie, von politischen Wirren erzählt sie. Diese Frau schreibt da legt man die Ohren an!

Als hätte ich des Morgens oder am Abend auf dem Heimweg in der Dunkelheit ein Märchenbuch aufgeschlagen, hat mich diese Geschichte mit Haut und Haaren verschluckt. Fremd und doch vertraut, faszinierend und wohltuend anders. Wie aus einem Traum bin ich blinzelnd aufgewacht, wenn ich das Ziel am Beginn meines Arbeitstages oder die Garage zu Hause an seinem Ende erreicht hatte. Die Fahrtzeit war mir im Nu verflogen.

Sanft und doch kraftvoll, mal märchenhaft, mal brutal, lebenstrunken und mystisch, mit fein ausbalancierten Sätzen, die nie angestrengt wirken. Ein Roman der sich nicht festlegt, sich nicht in die Ecke stellen läßt – welchem Genre er nun angehört ist nicht wichtig.

Sein Erzählstil, der jederzeit der Situation angepaßt ist, mal jugendlich forsch, mal poetisch antiquiert. Seine kunstvoll verschachtelte Handlung, hat mich oft an einen meiner Lieblings-Romane „Die Gestirne“ von Eleanor Catton errinnert, und doch ist er ein Roman mit absolutem Alleinstellungsmerkmal.

Für solche Geschichten lasse ich alles stehen und liegen! Wild und wunderbar, fürwahr!

HörbuchFassung, gelesen von Sascha Icks, geboren 1967 in Düsseldorf. Theaterschauspielerin und mehrfach platziert auf der hr2 Hörbuch-Bestenliste als Sprecherin, lieferte mir im noch jungen 2018 gleich ein „Hörlight“. So kann es gerne weitergehen!

Punktgenau intoniert, äußerst sympatisch und charmant, mal schmeichelnd, mal drohend, verzeifelt und trauernd, dabei stets authentisch liest sie, wirft ihr ganzes Herz in den Text.

Ob Zungenbrecher oder nordisches „Plattdütsch“ – sie meistert jede Klippe. Sehr gerne wieder, liebe Frau Icks!

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Reise zwischen Nacht und Morgen (Rafik Schami)

Donnerstag, 11.01.2018

Was für ein Zirkus!

Kennt Ihr das? Eine Ballustrade mit einem Zirkusbanner mitten im Industriegebiet, schon habe ich den Kopf voller Bilder. Was wäre wenn? Wenn man einfach aufbrechen könnte? Jetzt gleich, durchbrennen mit dem Zirkus.

Vielleicht Arabien? In ein Märchen aus Tausend und einer Nacht. Wenn man doch nur nicht so feige wäre … Arabisch kann man nicht und tief im Osten herrschen Tod, Terror, Krieg und Verderben. Sich die Welt malen wie man sie aus Erzählungen kennt. Einmal nur ausblenden dürfen, was nicht sein soll, sein darf … 

Vielleicht bin ich genau deshalb an dieser Geschichte hängengeblieben, die bereits 2008 als Hörbuch erschien. Zum Glück! So konnte ich Bedenkenträger, bequem zu Hause vom Sofa aus, Valentin den Zirkusdirektor und Pia die Postbotin kennenlernen und den abgebranten Zirkus Samani wieder spielen sehen. Aber immer der Reihe nach …

Reise zwischen Nacht und Morgen (Rafik Schami)

Alles fing mit einem Brief an, einem Brief von Nabil, seinem Freund aus Kindertagen. Valentin Samani, mittlerweile in den Sechzigern und pleite, traute seinen Augen nicht, als er das las. Nabil war krank, todkrank und er bot ihm Geld, viel Geld, wenn er ihn und seinen Zirkus doch nur noch einmal würde spielen sehen können, bei ihm zu Hause, in Arabien.

Valentin zögerte nur kurz, dann rief er seinen alten Freund an. Denn die Zeit drängte, das war ihm bald klar, denn die Lebenskörner rieselten schnell durch Nabils Sanduhr. Soviel gab es noch zu tun, bevor er aufbrechen konnte, eine logistische Meisterleistung war da nötig. Unerwartete Hilfe erhielt er indes von Pia, seiner neuen Postbotin. Sie um einiges jünger als unser Valentin, steckte voller Tagendrang und machte ihm Mut. Sie sah hinter seiner abgewetzten Kleidung noch den Glanz früherer Tage und den Wagemut eines Mannes, der immer unterwegs, eine ganz besondere Gabe hatte – denen die beladen waren, Freude zu bringen. 

Nabil erwartete indes seinen alten Freund voller Ungeduld, er wußte ja nicht, das von Valentins einst so umjubeltem Zirkus nur noch ein paar unbezahlte Artisten und entkräftete Tiere übrig geblieben waren. Endlich war es soweit, von Mainz bis Triest in Lastwagen, dann nach Ulania mit einem alten Frachtschiff – das Abenteuer konnte beginnen …

Rafik Schami, geboren 1946 in Damaskus. In Deutschland lebt er seit 1971, mittlerweile in München, wurde mehrfach preisausgezeichntet, unter anderem mit dem Hermann-Hesse-Preis. Er hat in Deutschland studiert und promoviert, aber nicht Literatur sondern Chemie, und er zählt mittlerweile zu den meistverkauften deutschsprachigen Autoren. Seine „Formel“ für eine erfolgreiche Geschichte: ein märchenhafter Erzählton, herrlich entspannt und kurzweilig. Ihm könnte Aladin die Wunderlampe gehalten haben. So üppig, leicht blumig und mit dem Blick auf das Positive geht er diesen Stoff an. Läßt er eine Figuren alle Hürden nehmen, ihr Schicksal meistern. Uns läßt er Zirkusluft schnuppern und dabei sein, wenn zwei alte Freunde sich wieder finden. Er läßt uns erleben, dass wahre Liebe kein Alter kennt und so oft viel mehr möglich ist als es scheint. Durch jede Satzritze strahlt hier die Hoffnung. Das ich Schami nach einer Empfehlung erst so spät für mich entdeckt habe, ist kaum zu glauben – das Gute daran, so habe viele schöne Geschichten von ihm noch vor mir …

In der Hörbuch-Fassung, liest Schami selbst den Prolog und übergibt dann das Staffelholz an Markus Hoffmann. Dieser übernimmt souverän und führt ohne Stolperer und anmutig durch diese Geschichte. Hoffmann hat für zwei seiner Lesungen goldene Schallplatten bekommen, ist nicht nur Hörbuch- sondern auch Rundfunksprecher und paßt wunderbar zu Schamis Ton. Eine runde Sache! 

13 Stufen (Kazuaki Takano)

Sonntag, 07.01.2018

Ob Good Wife, Suits, Ally McBeal – für gut gemachte Anwaltsserien hatte ich schon immer eine Schwäche. Im Zweifel für den Angeklagten, aus Mangel an Beweisen, berechtigte Zweifel. Wie eloquent, bisweilen spitzfindig sich hier die Anwälte und Richter mit Worten duellieren, auch schon mal um Kopf und Kragen reden. Wie gewiefte Ermittler Tatsachen an’s Licht befördern und Zusammenhänge herstellen, das hat für mich eine ganz eigene Spannung. Das amerikanische Rechtssystem lernt man in diesen Storys ganz gut kennen, mit dem japanischen hatte ich mich bislang noch überhaupt nicht beschäftigt. Auch nicht damit, das noch heute in Japan die Todesstrafe verhängt und vollstreckt wird. 

Wenn dann in einer Geschichte auch noch im Wettlauf gegen die Uhr ermittelt wird, um die etwaige Unschuld eines Todeskandidaten zu beweisen, was sollte mich da denn noch zurückhalten? Schaut mal …

13 Stufen (Kazuaki Takano)

Er lauschte angespannt auf die Schritte, die sich auf dem Flur näherten. Würden sie heute vor seiner Zellentür anhalten? Seit über sieben Jahres saß Kihara jetzt hier ein, in einer Zelle, im Todestrakt der Justizvollzugsanstalt Tokio, auf rund drei Quadratmetern und wartete. Wartete, dass sie ihn holen kamen. Viermal hatten sie in diesen sieben Jahren seine Revisionsanträge abgelehnt. Er selbst konnte sich weder an die Tat noch an den Tathergang erinnern. Auf der Straße, schwer verletzt, neben seinem Motorad liegend, hatte man ihn damals gefunden. Schädelbasisbruch, retrograde Amnesie. Dieser Gedächtnisverlust hatte ihm am Ende die Todesstrafe eingebracht. Denn seinem Anwalt war es nicht gelungen mit Hilfe seiner Erinnerungen die Tatvorwürfe der Gegenseite zu entkräften. Wie lange würden sie ihn noch warten lassen? Wie lange, würde er diese Angst noch aushalten können?

Dreizehn Instanzen waren notwendig um ein richterlich verhängtes Todesurteil zur Vollstreckung zu bringen. Analog den dreizehn Stufen, die historisch hinauf zum Galgen führten. Ohne das Kihara es selbst wahrnehmen konnte, hatte er jetzt nach sieben Jahres die fünfte Stufe erreicht. Acht Instanzen trennten Kihara jetzt noch vom Galgen. In Zeit gemessen, entsprachen diese acht Stufen in etwa drei Monaten …

Als der Dienstälteste der sieben Vollzugsbeamten den Lichtschalter betätigte und die Neonröhren den Exekutionsraum in flackerndes Licht tauchten, fiel Herrn Nangos Blick sofort auf die drei Taster. Einer dieser Taster würde morgen die Falltüre öffnen, die dem Delinquenten den Boden unter den Füßen wegzog. Drei Taster für drei Beamte waren es deshalb, damit am Ende keiner von den dreien wußte, durch wessen Knopfdruck der Häftling getötet worden war. Seine Aufgabe am morgigen Tag sollte es sein, dem Verurteilten die Füße zu binden und die Schlinge um den Hals zu legen. Dies war seine erste Hinrichtung. Morgen also war es soweit, nach fünf Jahren im Dienst, würden morgen seine beiden Hände einem Menschen den Tod bringen. Morgen also, würde er vom Beamten zum Henker werden …

Juni’chi Mikami hatte seine Familie rouiniert. Die Kneipenschlägerei, die mit dem Tod seines Gegners geendet hatte und für die er zwei Jahre ins Gefängnis gewandert war, hatte seinen Vater die Existenz gekostet. Sein Bruder hatte nicht mehr weiter zur Schule gehen können. Einen Mörder in der Familie zu haben, war ein Makel, den sie nicht hatten überdecken können. Jetzt, auf Bewährung entlassen, konfrontiert mit dem Elend der Eltern, die dies auch noch klaglos schulterten, begriff Juni’chi das Ausmaß dieses verhängnisvollen Abends vor zwei Jahren erst vollumfänglich. 

Dieses Jobangebot, es kam unvermutet, das in Aussicht gestellte Erfolgshonorar war schier unglaublich. Warum gerade er, ein Ex-Häftling? Wie sollte er es als ermittelnder Assistent einer Anwaltskanzlei schaffen einen Todeskandidaten vor dem Galgen zu bewahren?

Kazuaki Takano – geboren 1964 in der Präfektur Tokio, ist japanischer Schriftsteller und Drehbuchautor. „13 Stufen“ erschien in Japan bereits 2001 und ist sein erster Roman. In der deutschen Übersetzung und Hörbuchfassung ist er erst in diesem Jahr 2017 erschienen. Sein zweites Buch „Extinction“ wurde in Deutschland 2015 zuerst veröffentlicht und kletterte bis auf Platz 4 der Spiegel-Bestenliste.

Takano konfrontiert uns in den „13 Stufen“ mit seiner Sicht auf das japanische Rechtssystem inklusive der Todesstrafe. Gleich ob Notwehr oder Totschlag, Schuld, Reue oder Güte. Aufopferung, Rachedurst oder flammender Zorn. Meine eigene Einstellung zur Todesstrafe in einer modernen Gesellschaft kommt hier gleich mit auf den Prüfstand. Was ist mit all den Fällen, die eben nicht glasklar und eindeutig sind? Erlöst man durch einen schnellen Tod nicht sogar einen Täter von seiner Schuld? Wäre es nicht gerechter, ihn diese Last im Verlauf einer lebenslangen Gefängnisstrafe  ertragen, ja aushalten zu lassen? Was aber, wenn ein Täter gar keine Schuld, oder gar Reue empfindet? 

Interpretiert man Kant tatsächlich richtig, indem man in einem Rechtssystem die Todesstrafe installiert? Sagt dieser doch, das nur die absolute Vergeltung Gerechtigkeit schaffen kann? Wenn Gott Sündern vergeben kann, warum können wir Menschen das nicht auch? Wieviel politisches Kalkül steckt in einer Vollstreckung? Wie sonst kann es sein, dass bei dem System der dreizehn Instanzen in Japan, immer dann die meisten Hinrichtungen vollzogen werden, wenn die Regierung wechselt? 

Reue? Kann das glaubhafte Versichern von Reue den Opfern, den Hinterbliebenen jemals genug sein? Ist der Ruf nach Vergeltung nicht zwingend, notwendig und mehr als legitim? 

Darf man als Täter überhaupt auf Vergebung hoffen? Wie kann es gelingen, die Last einer Schuld zu tragen? Wird man, darf man als Täter jemals wieder Ruhe finden? War die Tat wirklich unausweichlich gewesen? Irgendwie heißt es für alle mit dem Alltag weiter machen, gleich ob Opfer oder Täter, Vollstrecker oder Helfer …

Dadurch, das und wie sehr Takano mich hier ins Grübeln und Wanken bringt, geht sein „13 Stufen“ für mich weit über einen normalen Krimi hinaus.

Der Wechsel der Blickwinkel und das sich dieser Roman immer eher mit der Sicht der Täter beschäftigt und hierbei deren Empathie für die Opfer nicht ausschließt, das hat man nicht häufig. Die Idee gar einen Täter zum Ermittler zu machen, ist noch ungewöhnlicher und für mich ein gelungener Kunstgriff. 

Durch die Kombination von Korrektheit, Disziplin und die japanischen Traditionen, die sich bis heute in deren Umgangsformen hinein getragen haben, erhält dieser Kriminalfall eine ganz eigene Note. 

Wir durchleben eine Schnitzeljagd, unter enormem Zeitdruck, bis alle Puzzlesteine an ihren Platz gefallen sind. Unterwegs warten so einige spannende Wendungen, und wir sind bisweilen auch mal auf falschen Fährten unterwegs. In einer versunkenen Tempelstadt gehen wir auf die Suche nach den letzten belastenden Beweisen, begeben wir uns mit den Ermittern in Lebensgefahr. Der Roman gipfelt in einem Katz und Maus-Spiel, einem variantenreichen Show-Down, bei dem auch Buddha seinen Beitrag zur Aufklärung leistet …

Wie Takano die Details der Hinrichtungen beschreibt, die mit einer Akribie vorbereitet und geprobt werden, machte mir eine Gänsehaut. Besonders, wenn man sich vor Augen hält, was es mit denen macht, die zum Henker ernannt, zum Vollstrecker bestimmt werden. Vor allem dann, wenn der Verurteilte bis zum letzten Atemzug um Gnade fleht, um sein Leben bettelt und beteuert, die Tat nicht begangen zu haben.

Was es mit denen macht, die Nacht für Nacht die Schreie der Delinquenten in ihren Träumen hören. Die Geräusche des reibenden Seils, des erstickenden Atems, das Brechen der Knochen nicht mehr verstummen wollen. Was es mit denen macht, die sich daran erinnern, dass es sechzehn Minuten gedauert hat, bis das Herz des Hingerichteten tatsächlich stillgestanden hat und er dann noch weitere fünfzehn Minuten im Seil hängen musste. Was es mit denen macht, die als dessen Henker, den Leichnam auch vom Seil abnehmen, reinigen und mit dem Totenhemd bekleiden müssen …

Hörbuch-Fassung, gelesen von Sascha Rotermund

Profi durch und durch. Zwei Hörbücher habe ich schon von ihm geniessen dürfen. Sprachlich und inhaltlich unterscheiden sich diese komplett von den „13 Stufen“. Rotermund beweist für mich, wie wandelbar er sich auf solche Unterschiedlichkeit einstellen kann. Glaubwürdig, klar und flüssig liest Rotermund diesen Text. Den japanischen Grundton transportiert er ganz wunderbar, sanft, schlicht und reduziert. Besonders sein Vortrag der Hinrichtungsszenen ist mir dabei wirklich unter die Haut gekrochen …

Das Spiel des Engels (Carlos Ruiz Zafon)

Sonntag, 31.12.2017

Mein Tag begann mit einem Himmel so blau, das musste die Farbe des Glücks sein … 

Auf meinem Arbeitsweg verfinsterte sich der Horizont dann aber in Windes Eile mit regenschwangeren Gewitterwolken. In der Ferne zerschnitten Blitze die Wolkenberge. Dann, von einer Windböe erfaßt, fuhr ich plötzlich wie in eine Wasserwand und es fiel mir schwer meinen Wagen noch in der Spur zu halten. Die anderen Autos, die mit mir auf der Straße waren, konnte ich kaum noch sehen. Angstvoll zog ich bei jedem Donnergrollen den Kopf ein. Gewitter sind wirklich nicht meine Sachen. Endlich eine Ampel und ich konnte mal anhalten. Das Quietschen von Reifen hinter mir, ließ mich zusammen zucken. Ein Blick in den Rückspiegel werfend, sah ich den Wagen hinter mir, mir ausweichend, in den Graben rutschen …. 

Das war gerade nochmal gut gegangen, niemand verletzt. Mein Schutzengel war heute zum Glück hell wach gewesen, hatte seine Hand über mich gehalten. Nicht von Engeln begleitet, eher von einem gefallenen Engel verleitet, davon erzählt diese Geschichte:

Das Spiel des Engels (Carlos Ruiz Zafon)

Als die Straßenbahn kreischend bremste und zwanzig Zentimeter vor dem Gesicht von David zum Stillstand kam, sank er ohnmächtig zu Boden. Die Diagnose danach war vernichtend. In seiner linken Gehirnhälfte hatten die Ärzte eine Wucherung ausgemacht. Man könne vieles tun, um ihm die Schmerzen zu lindern, ihm Ruhe zu geben, aber heilen, heilen könne man das nicht. Alles was er jetzt noch wissen wollte war, werde ich noch schreiben können? Nein, er würde nicht einmal mehr an das Schreiben denken können, so lautete die kühle Erwiderung seines Arztes …

Diese Nacht in der kleinen, verfallenen Villa am Eingang des Park Guel, war von verstörenden Träumen erfüllt. Der Taxifahrer hatte David erst gar nicht aussteigen lassen wollen. Hier wohne doch ewig schon niemand mehr? David war trotzdem mit klopfendem Herzen eingetreten. Nach einer ruhelosen Nacht, empfangen von einem geheimnisvollen Gastgeber, erwachte David allein. Am Morgen war sein geheimnisvoller Gastgeber spurlos verschwunden, nur sein Angebot, „schreibe mir einen Roman und ich kümmere mich um alles Weitere, auch um deine Gesundheit“, klang in David noch nach. Er fühlte sich gekräftigt und voller Tatendrang. Lange sollte seine Hochstimmung nicht währen. Nach dem Verlassen des Hauses stieß er auf eine Nachricht, die eilig unter den Passanten die Runde machte. Der Verlag, an den er, David, mit einem Knebelvertrag gebunden war, war in dieser Nacht bis auf die Grundmauern nieder gebrannt, die Inhaber tot und/ oder schwer verletzt. Die Todesdrohung, die David den beiden Herren gegenüber vor einer Woche im Streit ausgesprochen hatte, holte ihn jetzt ein. Schneller als die Schritte der drei Polizisten, die ihm jetzt folgten und nein, ein Alibi hatte er für die Tatnacht nicht vorzuweisen …

David war den blutigen Fußspuren im Schnee durch den Park gefolgt, sie führten zum See. Dort mitten auf der Eisfläche sah er sie in ihrem dünnen Nachthemd. Das Eis unter ihren Füße hatte bereits Risse. Er warf sich bäuchlings auf die Eisfläche und kroch zu ihr hin. Noch bevor er sie erreichen konnte, hatte sich ein schwarzes Loch unter ihr aufgetan und der See hatte sie verschluckt. Als die Schollen sich über ihrem Körper geschlossen hatten, war dieser unter dem Eis ein Stück weit auf ihn zu getrieben. Ihre ausgestreckte Hand in seine Richtung haltend, waren ihrem Mund schnell, viel zu schnell, die letzten Luftbläschen entwichen …

Carlos Ruiz Zafon. Fast ein Jahr lang stand „Das Spiel des Engels“ auf der Spiegel-Bestseller-Liste. Übersetzt in 30 Sprachen erreichte es ein Millionenpublikum. Auch hier greift Zafon tief in die Trickkiste seiner Formulierkunst, wie wir sie uns schon beim „Schatten des Windes“ der Vorgänger-Geschichte erlesen durften.

In diesem Roman gibt es Barcelona statt. Wie aus der Zeit gefallen, agiert diese magische Stadt hier nicht nur als Kulisse, sondern auch als Stilmittel. Vor Jahren bin ich einmal selbst dort gewesen, die spektakulären Bauten des Architekten Gaudi, die das Stadtbild mit prägen, nicht zuletzt seine unvollendete „Sagrada Familia“, sein „Knochenhaus“, haben mich tief beeindruckt. Ein Spaziergang durch den Parc Guel und die Ruhepause auf Gaudis „Schlangenbank“, der Bummel über die Ramblas, gehören noch immer zu meinen Lieblings-Reise-Erinnerungen. Jetzt Nachts mit Zafon und seinen Figuren durch diese Stadt zu ziehen ist magisch, spult eine wahre Bilderflut vor meinem inneren Auge ab.

Fantasy- oder Detektivgeschichte, Schauerroman oder historischer Krimi. Zafon läßt uns das selbst entscheiden. Ihn macht aus, dass ein Genre allein ihm nie genug ist. Trugbild, Wahnsinn oder Realität? Zafon umgibt uns mit Hexen, unsterblichen Schriftstellern, lebendigen, gefallenen Engeln. Er spart diesmal selbst an Leichen nicht und auch nicht an qualvollen Todesarten. Dort wo „Der Schatten des Windes“ noch deutlich verträumter und melancholischer ist, packt er uns mit dem „Spiel des Engels“ am Kragen. Läßt uns immer wieder verwickelt in Zweikämpfe, die einem James-Bond-Film alle Ehre machen würden, verfolgt durch das alte Barcelona hetzen und immer nur kurz Atem holen. Schwer verletzt hin oder her, wir müssen die Stadt verlassen, heute noch …

Hundert Menschen stehen mit Kerzen in der Hand vor seinem Laden. Die Totenwache für Ihren Lieblings-Buchhändler mussten sie heute halten. Ohne Frage hätte auch ich mich in diese Schlange eingereiht. Wie gerne wäre auch ich hier Kunde gewesen, hätte mit den blitzgescheiten, buchkundigen Semperes gefachsimpelt, philosophiert, mich an einem guten Text, mich an einer wunderbar gearbeiteten Ausgabe erfreut. Hätte die Magie, die hier zwischen den Büchern wohnte beim Betreten des Ladens, tief einatmend in mich aufgesogen. Wäre eingetaucht in die Wortstürme …
Die blitzgescheite Isabella ist diesmal meine Lieblingsfigur. Etwas vorlaut, voller Leidenschaft, kreativ, gut strukturiert und ordnungsliebend. Sicherlich im Sternzeichen Wassermann geboren. Schlagfertig agiert sie in den Dialogen mit David Martin. Sie weiß stets durch uneigennütziges Handeln zu überraschen.

Im zweiten Teil seiner „Friedhof der vergessenen Bücher-Reihe“ wird bereits offenbar, wie meisterhaft er hier die Schicksale der handelnden Personen über die Zeit mit einander verwebt. So endet Band zwei mit der Geburt der Hauptfigur aus Band eins und doch erzählt er nicht einfach nur diese eine Geschichte. Zum Glück und zu meiner Freude warten noch zwei weitere Bände auf mich. Vielleicht werde ich ja eine liebgewonnene Figur sogar wieder treffen? Geschickt macht er das, er hat mich am Haken, der Herr Zafon …

Der Sprecher dieser HörbuchFassung, Gerd Wameling, hat bei mir ein schweres Erbe angetreten. Den Vorgänger-Roman „Der Schatten des Windes“ hatte mir einer meiner erklärten Lieblinge vorgelesen, Uve Teschner. An ihm musste sich Wameling jetzt messen lassen, die Latte hing hoch. Nach den ersten vorgelesenen Silben hatte ich dann auch schon Heimweh, Heimweh nach der Art, wie sich Teschner in eine Geschichte einzubringen vermag. Wamelig liest vor, gut intoniert, verständlich, gleichmütig, braucht nach meinem Gefühl aber zuviel Zeit um sich den Figuren anzunähern es fehlt ihm bisweilen an Empathie für sie. Dieser exzellenten Geschichte kann er damit zwar nicht schaden, dem Lesen würde ich hier aber diesmal eindeutig den Vorzug geben, zumal dieser Teil der Reihe als Hörbuch leider gekürzt ist.

Ismaels Orangen (Claire Hajaj)

Mittwoch, 13.12.2017

Es duftete nach Zimt, Vanille und Lebkuchen. Von dem Teller auf dem Tisch rollte ein kleiner roter Apfel herunter. Im Küchenofen meiner Oma knisterte ein Feuer, das darauf wartete, die hergerichteten Bratäpfel aufzunehmen. Eben erst hereingekommen und mit noch klammen Händen vom Schlittenfahren, fingerte ich an einer Apfelsine herum …

Untrennbar waren sie für mich mit Weihnachten verbunden, diese großen duftenden Früchte, auf denen ein Schildchen mit der Aufschrift „Jaffa“ klebte. „Jaffa-Orangen“ hielt ich tatsächlich lange für einen feststehenden Begriff, eine Produktbezeichnung. Das die Apfelsinen aus einer Stadt kamen, die Jaffa hieß – davon hatte ich so gar keine Ahnung als Kind, und es kümmerte mich auch nicht. Sie schmeckten so gut … 

Wie umkämpft, geliebt und verhasst diese Stadt ist/war – erzählt uns Claire Hajaj in dieser Geschichte, die sich nicht nur für eine Rückbesinnung auf Weihnachten eignet, sie ist heute aktueller denn je, hält sie doch den Wunsch nach Frieden wach:

Isamaels Orangen – oder der Duft von bitteren Orangen

Er hatte die Zeichen nicht richtig gedeutet und jetzt war sie fort. Gewundert hatte er sich über ihre Traurigkeit, den Brief den sie vor ihm verbergen wollte, wie sie heute früh gekleidet gewesen war, so anders als sonst und wie sie ihnen nachgeschaut hatte. Ihr Schrank war leer, warum hatte sie ausgerechnet seinen kleinen Bruder mitgenommen, ihn einfach zurück gelassen, wie ein altes paar Schuhe, ohne Abschied, ohne Erklärung? Erst Zorn, dann Eifersucht, dann tiefe Verzweiflung hatten ihn gepackt, geschüttelt und leer zurück gelassen …

1967 London. „Warum sollte ich dich hassen? Ich kenne dich nicht einmal?“ – hatte er gesagt. Er war Araber und sie mochte ihn, ganz eindeutig, beides war jetzt nicht mehr zu ändern. Sie war noch nie einem Araber begegnet und in ihrer Familie hatte man ihr beigebracht, das diese alle Juden hassen würden. Auf einer dieser unzähligen Studenten-Partys hatten sie sich kennengelernt, sie die unscheinbare Jüdin, die immer irgendwie verloren am Rand stand und Salim, selbstbewußt, der ihr wie ein Party-Löwe vorgekommen war. Mit Margret, dem Mädchen, das alle haben wollten war er gekommen, gegangen war er aber mit ihr. Jetzt saßen sie hier, in diesem Kaffee und unterhielten sich, wie alte Bekannte. Judith knappe neunzehn, im ersten Studienjahr, Literatur. London machte ihr noch immer eine Heidenangst. Und Salim, ihm standen die Abschlußprüfungen bevor und damit auch die Entscheidung wohin ihn sein Weg danach führen sollte …

In diesem Frühling waren sie kein Paar und doch unzertrennlich, sie teilten ihre Geschichten und Gedanken, waren wie Seelenverwandte. Die Jüdin und der Araber aus Israel, das vor dem Krieg Palästina gewesen war. 

Sein grosser Bruder Hassan hatte ihn nicht nur einmal gewarnt, keine Jüdin nach Hause zu bringen und ihre Mutter hatte ihr eingeschärft „Er wird dir, der Jüdin, nie vergeben, dass du auf der Siegerseite stehst.“ Gründe, ein für alle Mal, die Finger voneinander zu lassen gab es reichlich und doch zog es die beiden wie zwei Magnete zueinander. 

Zwischen allen Fronten, zwischen allen Stühlen, gegen alle Vorurteile, wider besseren Wissens, verzweifelt das Glück ihrer kleinen Familie schützend. 

Geschützfeuer, Vertreibung, Flucht und Enteignung. Brüder, Waffenschieber, Widerstandskämpfer, gebrochene Versprechen, Krieg, Tod und Verderben. Ein Krisenherd der noch heute schweelt. Der Sohn wie der Vater, der Vater wie der Sohn zerissen auf der Suche nach der eigenen Identität. Unaufhaltsam auf die Katastrophe zusteuernd …

Textzitat: „Daran was Du für andere Menschen bist, kannst Du nichts ändern ..“

Claire Hajaj, geboren in London, als älteste Tochter einer Jüdin und eines Palestinänsers, verbrachte ihre Kindheit in Kuweit. Ihre Eltern verloren ihr Erbe in der Heimat, als Hajaj zehn Jahre alt war und kehrten nach England zurück. Mit siebzehn begann sie ein Literaturstudium, arbeitete später für die Vereinten Nationen in verschiedenen Friedensprojekten. Obwohl Ismaels Orangen ihrem Bekunden nach eine fiktive Geschichte ist, drängen sich mir hier Paralellen zu ihrer eigenen Lebensgeschichte auf. 

(Quelle Wikipedia:) Am 29. November 1947 beschloß die UN Generalversammlung die Teilung Palästinas in einen arabischen und einen jüdischen Staat, wobei Jerusalem unter UN-Verwaltung bleiben sollte. Am 14. Mai 1948 verlas dann David Ben Gurion die israelische Unabhängigkeitserklärung. Noch in der Gründungsnacht erklärten Ägypten, Saudi-Arabien, Jordanien, Libanon, Irak und Syrien dem noch jungen Staat den Krieg. Im Laufe dieses Krieges begann die Flucht bzw. Vertreibung vieler palästinensischer Araber. Die Geburtsstunde Israels gilt für die Palästinenser als Katastrophe.

Vor diesem Hintergrund lässt Claire Hajaj ihre Figuren agieren. Lässt sie kämpfen und schwanken zwischen Intoleranz, innerer Zerrissenheit und der Sehnsucht nach Frieden und Heimat. Lässt sie verzweifeln und scheitern, lieben, hassen und vergeben. Sie berührt, macht kopfschütteln und nachdenklich, rüttelt an eigenen Vorurteilen, schubst uns mit der Nase auf den noch immer anhaltenden Nah-Ost-Konflikt. Wird es hier jemals Frieden geben können? Wie tief sitzt die Furcht vor dem Anderen in den Herzen?

Hörbuch-Fassung:

Boris Aljinovic kennt man auch als Berliner Tatort-Kommissar „Felix Stark“ wo er an der Seite von Dominic Raacke ermittelt. Als Hörbuch-Sprecher erhielt er bereits zweimal, 2007 und 2014, den Deutschen Hörbuchpreis in der Kategorie „Kinder-und Jugendbuch“ als „Bester Interpret“. Er ist ein Routinier als Sprecher, das merkt man vom ersten Ton an. Seine Stimme ist klar und angenehm.

Einfühlsam und lebendig spricht er diese Geschichte ein. Allen Figuren läßt er ausreichend Raum, was angesichts der dramatischen Entwicklung dieser Geschichte wohltuend ist.

Das Hörbuch ist gekürzt, so endet es leider etwas ruppig, fast wie mit einer Vollbremsung. Auf meinen Stick geladen hatte ich nicht rechtzeitig auf die Stopptaste gedrückt und so ging der Roman wieder von vorne los – zum Glück! Denn so wurde ich gewahr, das sich der Kreis dieser Geschichte tatsächlich schließt, der Prolog wird so zum Epilog und läßt mich dann doch versöhnt zurück.

Gut zu wissen: Hardcover und Hörbuch erschienen unter dem Titel „Ismaels Orangen“ bereits 2015 in der deutschen Übersetzung. Die Taschenbuch-Ausgabe erschien am 19.12.2016 unter dem Titel „Der Duft von bitteren Orangen“.

Sakari lernt, durch Wände zu gehen (Jan Costin Wagner)

Sonntag, 10.12.2017

Hörgenuß voraus!

Wie es sich anfühlt, einen Menschen zu verlieren, der einem das Lebenslicht gewesen ist, haben viele von uns schon erleben müssen.

Wie muss es sich anfühlen, das Lebenslicht eines Menschen auszulöschen, unabsichtlich, den eigenen Fehler vielleicht  einsehend? Wie unfassbar erschreckend allein diese Frage ist. 

Unsere Nachrichten sind täglich voll von Gewalttaten, die Berichterstattung oft reißerisch und plakativ, bleibt an der Oberfläche. Wir sehen Bilder die uns erstarren lassen – nicht nur in den Nachrichten, sondern auch in den sozialen Netzwerken. Die immer gleichen Sequenzen werden dann gezeigt, zerpflückt und diskutiert. Die Gefühlswelt der Betroffenen, gleich auf welcher Seite der Tat sie stehen, können wir dabei bestenfalls erahnen. Wollen sie auch so manches Mal gar nicht verstehen, uns kein Bild machen, so unfassbar, so unmenschlich erscheint uns das Geschehene. 

Eine Tat, eine Geschichte hat immer viele Facetten. Der Roman, den ich heute besprechen möchte, steht im Dezember auf Platz 1 der Krimi-Bestenliste der FAZ. Das Genre „Krimi“ ist hier allerdings aus meiner Sicht viel zu kurz gegriffen, auch wenn der Plott eine Tat und ihre Umstände beleuchtet, und mit einem Toten beginnt …

Textzitat, Kapitel 1: 

Die Fee des frühen Morgens – Der Sommer in dem Marissa den Mond vermessen möchte, betritt Kimmo Joentaa den Raum, indem das Meer zu Hause ist. Sanna schwimmt im Sonnensee, Petri läuft zwischen Bäumen auf der Flucht vor sich selbst. David löscht die Sonne aus. Magnus und Stefan spielen Leben. Aune und Walteri stehen Hand in Hand. Lena tanzt mit dem Tod. Sakari lernt durch Wände zu gehen …

Turku, Finnland.

Vor aller Augen, in einem Brunnen vor dem Einkaufszentrum, saß hinter einem Schleier aus Wasser ein nackter Mann mit einem Messer. Sorgfältig hatte er zuvor seine Kleidung gefaltet, zu seinem ordentlichen Stapel aufgeschichtet und am Brunnenrand abgelegt, zusammen mit einem Paar blank geputzter Schuhe. Nur schemenhaft, schattenhaft, hatte der junge Mann, hinter der dünnen Wand aus Wasser, in die die Sonne kleine Regenbogen schickte, sein unfreiwilliges Publikum wahrgenommen, als er begonnen hatte, sich mit dem mitgebrachten Messer die ersten Verletzungen beizubringen …

Erste Blutstropfen begannen sich mit dem Brunnenwasser zu vermischen, als sich der Schuß aus der Dienstwaffe des Polizisten Petri Grönholm löste. Die Zeit schien still zu stehen, als Petri rannte, nachdem der zweite und der dritte Schuß gefallen waren. Fort, nur fort von dem Mann, der jetzt nackt vor dem Brunnen in einer Blutlache lag …

Ungläubig, hilflos, Lena konnte nicht mehr atmen. Wie ein Blitzschlag drängt das Unheil erneut ins Leben von Lena Nystad. Als sie wach wurde, war alles voller Rauch. Feuer! Eric, David – rief sie in Gedanken, gerade eben hatte sie sie doch noch gerügt, als sie mit nassen Badehosen den Teppich voll getropft hatten um in ihre Zimmer hinauf zu laufen. Den fremden Mann, der ihr aus dem brennenden Haus geholfen hatte, hatte sie nicht fragen können wo ihre beide Söhne waren, keinen Ton hatte sie aus ihrem Mund herauspressen können. Atmen, dachte sie, wie ging das noch, bevor sie das Bewußtsein verlor … 

Textzitat, Kapitel 40: 

Die gelebten Momente sind vergangen, die versäumten Momente auch.

Hinter dem Jungen öffnet sich der Raum, an dessen Wänden Schatten tanzen. Joentaa folgt dem Blick des Jungen. Jeder Schatten scheint mit einer Flamme zu verschmelzen und am Fenster steht ein kleines Bett in dem ein Affe liegt. Neben dem Affen ein schlafendes Kind …

Jan Costin Wagner – deutscher Schriftsteller, geb. 1972 in Hessen, lebt teils in Frankfurt, teils in Finnland in der Heimat seiner Frau. Mein erster Roman von ihm, Mann oh Mann, er hat wirklich eine ganz eigene Stimme! 

Die emotionale Feinheit in Wagner Sprache hält er durch bis zur letzten Silbe, dem letzten Buchstaben. Poetisch, mit intensivem Nachhall erobert er sich so für mich ein absolutes Alleinstellungsmerkmal in der Buchwelt.

Meine erste Assoziation nach dem Lesen des Titels war „Japan“. Sakari klang für mich so japanisch, und dort hatte man doch auch Wände aus Papier, oder? Aber weit gefehlt – mitten hinein geworfen hat mich Wagner in die Hitze dieses finnischen Sommers. Dieser Sommer, der nicht nur eine intensive Wärme abstrahlt, sondern eine bittersüße Melancholie, die mich sofort erfaßt und bis heute, nicht mehr losgelassen hat.

Seine Eröffnungs-Szene am Brunnen ist so unfassbar, so unfassbar gut, dass man meint, da kann doch gar nicht mehr viel kommen. Oh, doch – es kann und es kommt. Man sitzt hier förmlich im Kopf von Sakari und im Kopf des Polizisten, erlebt das Geschehen so nah, dass man meint mit Händen danach greifen zu können. 

Bunte Holzhäuser vor einem blauen Himmel, die Wiesen voll mit Sommerblumen. Mit nackten Beinen auf einem Bootssteeg am See sitzen, die Füße ins kühle Wasser baumeln lassen, lachen bis der Bauch weh tut, Eis essen soviel man schafft, in der Nacht mit dem Geodreieck den Mond vermessen, Nudeln mit Tomatensoße kochen und die Küche dabei einsauen … 

Die Unbeschwertheit eines Sommers prallt hier zusammen mit Leid, Schuld und Tod. Diese szenische Mischung macht Wagners Plott einzigartig. Hebt ihn für mich in den Roman-Olymp. Tiefgründig und klar, wie die Seen in Finnland.

Trauer, Verlust und Beherrschtheit, ein verhängnisvolles Unglück bindet hier zwei Familien aus der Nachbarschaft auf tragische Weise für immer aneinander und spaltet sie zugleich zutiefst. Ein jeder hier schultert sein Päckchen so gut wie er es vermag. Man wird Zeuge, wie eine Kurzschlußreaktion den Leben einen Stoß gibt, wie ein Kö einer Billardkugel. 

Kimmo Joentaa als feinfühliger Ermittler, mit ruhiger Hand agierend, in sich ruhend, integer und so sympatisch – ich bin sofort sein Fan geworden. Seine Intuition, sein Mitgefühl, wie er mit seiner Tochter umgeht, hat soviel Seele. Wagner schafft es mit viel Empathie Figuren zu zeichnen, mit denen man von Anfang an mitfühlt, denen man beistehen, die man umarmen, anschreien oder zum Freund haben möchte. 

Nachdem ich Mariana Lekys „Was man von hier aus sehen kann“ in diesem Jahr schon als mein Lieblings-Hörbuch gekürt hatte, war ich sicher – da kann so schnell nichts ran reichen. Wie man sich doch irren kann! Zum Glück!

Dieser Roman hat mich sehr bewegt und angerührt auf eine Weise, die mich als Nordland-Fan jetzt sagen läßt: Ihr Norweger und Isländer, die ihr schon einen festen Platz in meinem Herzen habt, müsst jetzt zusammenrücken – die Finnen kommen! Sakari, Waltari, Sanna, Petri, Kimmo und all die anderen – vielleicht gibt es ja ein Wiedersehen?

Hörbuch-Fassung:

Bewußt, obwohl gekürzt habe ich diese Geschichte als Hörbuch ausgewählt, wegen ihm, Matthias Brandt, dem „Bücherflüsterer“. Denn er könnte aus dem Telefonbuch vorlesen und ich würde mit offenem Mund und großen Augen vor ihm auf dem Boden sitzen. 

Und? Das hier ist wahrhaft großes Kino für die Ohren!

Gekonnt bespielt Brandt diese akustische Leinwand, wie es kein anderer vermocht hätte. Ich liebe es wie er liest. So herrlich unaufgeregt und eindringlich zugleich haucht er den Figuren Leben und Tiefgang ein. Wie kaum ein zweiter Vorleser ist er ihnen zugewandt. Was für eine wunderbare Wehmut, die Brandt mit seiner Stimme durch die Geschichte bis zu mir trägt. Unvergleichlich! 

Das letzte Wort ist noch nicht verklungen – da fehlen mir Kimmo und diese kleine Schicksalsgemeinschaft schon. Seit Tagen renne ich mit hängenden Ohren rum und frage mich, was ich jetzt bloß als nächstes hören soll. Was kann hier gegen jetzt bestehen? Über diesen Fall muss für mich ein wenig Gras wachsen …

Ein Junge namens Weihnacht (Matt Haig)

Freitag, 01.12.2017 

Es war einmal der Weihnachtsmann. 

Joel sah keinen anderen Ausweg. Als er den Auftrag des Königs erhielt eine waghalsige Expedition in den Norden Finlands zu führen, schlug er ein. Die fürstliche Entlohnung würde es ihm möglich machen, seinem Sohn Nikolaus nach dem Tode seiner Frau endlich ein besseres Leben zu bieten. Die Sorge, Nikolaus dafür bei seiner garstigen Tante zurücklassen zu müssen, schob er zur Seite. Das würde schon werden. Es wurde aber nicht …
Die Tante ließ Nikolaus hungern und keine Gemeinheit schien gemein genug. Nikolaus entschied verzweifelt abzuhauen, er mußte seinen Vater finden. Durch die winterliche Kälte Finnlands, allein nur mit der Maus Mika als Verbündetem, schlug er sich weit nach Norden durch. Sollte er seinen Vater nicht gleich finden, würde er im Wichteldorf dort hinter dem großen Berg auf ihn warten. So oft hatte sein Vater ihm vor dem zu Bett gehen davon erzählt. Fest glaubte Nikolaus an die Existenz der Wichtel und an diesen besonderen Ort. Hier würde er schon Hilfe finden. Das würde schon werden …

Da, die Lichter hinter dem Bergkamm glommen verheißungsvoll, Nikolaus wähnte sich am Ziel. Aber was ist das denn für ein Willkommen? Wie waren denn diese Wichtel drauf? Hatten denn selbst sie die Freude an Weihnachten verloren …?

Matt Haig stammt aus Sheffield, England und gehört zu meinen Lieblings-Autoren. Sein „Ich und die Menschen“ habe ich Euch schon vorgestellt. Seine Autobiografie „Ziemlich gute Gründe …“ fand ich sehr berührend. Kein Wunder also, dass mich diese, seine kleine Weihnachtsgeschichte angelacht hat. 

Tja, der Weihnachtsmann kam sicher nicht schon als alter Mann auf die Welt. Er muss doch auch einmal ein Junge gewesen sein, oder? Ihn in dieser Geschichte mit Matt Haig als Kind kennenzulernen, ihn aufwachsen zu sehen, hat mir eine diebische Freude bereitet. Die tierischen und wichteligen Freunde, die sich hier um ihren „Chef“ scharen, sind allerliebst. Ein Märchen für Groß und Klein, das für Hoffnung, Liebe und Zusammenhalt steht. Mit leichter Feder, mit der ihm eigenen Stimme erzählt Haig, warmherzig, humorig und voller Fantasie. Er zaubert Tannen-und Orangenduft in die Luft. Entführt uns mit kindlicher Freude in ein Weihnachten wie wir es uns als Erwachsene oft zurück wünschen. Vorfreude statt Geschenkestress, Besinnlichkeit statt Hektik. Hinter jeder Silbe schnuppert man nach Spekulatius …

Wer die Wahl hat, hat die Qual – ganz so wie bei einem richtig guten Weihnachtsgeschenk: Die Print-Fassung wunderbar illustriert von Christ Mould, die Hörbuch-Fassung eingelesen von einem Meister seines Fachs:

Rufus Beck, seine Harry-Potter-Lesungen haben ihn in den Olymp der Hörbuch-Sprecher aufsteigen lassen. Seine Stimme, seine Intonation, sein Spektrum – er ist die perfekte Wahl für diese Weihnachtsgeschichte von Matt Haig.

Es lebe der Zauber der Weihnacht und laßt Euch von keinem was anderes erzählen ;-)!