Wo drei Flüsse sich kreuzen (Hannah Kent)

Samstag, 14.10.2017

Langsam verstummen die Gespräche um mich her, verlaufen sich die übrigen Wanderer zwischen den teils haushohen Lavabergen. Spitz und drohend, verwunden und verwunschen ragen sie vor mir auf, ihre Spitzen scheinen die Wolken zu berühren, die „Dimmuborgir“ die „Dunklen Burgen“, wie sich der isländische Name ins Deutsche übersetzen läßt. Hier so sagen die Isländer,  wohnen sie, die Elfen und Trolle. Fest verwurzelt ist hier in Island der Glaube an die Gegenwärtigkeit dieser Wesen. Ich schleiche mit angehaltenem Atem voran. Da, dieses Wispern, war das wirklich der Wind? Kühler scheint es mir plötzlich zu werden, kaum das ich um diese Ecke bin, mich fröstelt …

Gefallene Engel. Im Gefolge von Luzifer sollen, einer gaelischen Legende nach die „rebellischsten“ Engel den Himmel verlassen haben. Als die Tore des Himmels weit offen standen, verließen ihn aber auch noch andere Engel, solche die Luzifer nicht folgen wollten. Nach der Warnung der Erzengel, der Himmel würde bald entvölkert sein, gehe diese „Flucht“ so weiter, wurden die Himmelstore geschlossen. Für alle, die hinaus gelangt waren, blieben die Tore für immer verschlossen. Die so ausgeschlossenen Engel verblieben so unter uns Menschen und wurden zum Feenvolk …

Wo drei Flüssen sich kreuzen (Hannah Kent)

Irland, 1825

Martin war tot?! Die Männer hatten ihn mit hängenden Köpfen herein und in ihr Schlafzimmer gebracht. Nora hatte stumm daneben gestanden, nur Fragmente von dem, was die Männer ihr erklärten, waren zu ihr durchgedrungen. Herz – Graben – Kreuzung. Dem Brauch gemäß hatten sie bereits nach dem Priester geschickt, kümmerten sich die Nachbarn um die Waschung des Leichnams und organisierten die Totenwache, einen Klagegesang. In dieser ersten Nacht nach Martins Tod versammelten sich alle in der engen Kate von Nora am Feuer, Kerzen brannten, heute wollte sie niemand allein lassen und doch war sie es ab jetzt. Allein mit diesem unseligen, Kind. Diesem Balg, ihrem Enkel, den ihr Martin so geliebt hatte. Das mit seinen mittlerweile vier Jahren noch keinen einzigen Schritt getan hatte, nicht sprach, lieber ständig aus Leibeskräften schreiend rothaarig und milchgesichtig da lag. 

Die Freunde und Nachbarn hatten zu flüstern begonnen, das Wort „Zeichen“ schnappte Nora auf. Die Männer die ihn gefunden hatten verstummten als sie näher trat. Was hatten sie gesehen, hatte etwas auf Martins Tod hingedeutet? 

Ein harter Winter war über das Tal und seine Bewohner gekommen. Den Tod von Martin hatten alle noch nicht verwunden. Kerngesund und kraftstrotzend wie er war, konnte er doch nicht einfach so umfallen und tot sein? Viele Kühe hatten aufgehört Milch zu geben, das was man aus ihren Eutern noch herausquetschte, ließ sich nicht mehr buttern. Eine Niederkunft, die mit einer Totgeburt geendet hatte. All das, in so kurzer Zeit geschehen, wertete man als Zeichen, als Zeichen dafür, dass das Böse längst eingezogen war unter ihren Dächern. Nahezu alle im Tal hielten mittlerweile Noras Enkel für ein „Kuckuckskind“, das ihrer Tochter von den Feen untergeschoben worden war. So missgestaltet, unansehnlich, unausstehlich wie der Kleine war. Den bösen Blick musste ES haben, dieses Wechselbalg. Mit Brennesseln, Digitalis und allerlei anderen Tinkturen rückt man dem Kind fortan zu Leibe. Die Dorf-Heilerin, diese Grenzgängerin zur Anderswelt, die ihre Gabe den Feen verdankt, dann doch eingebunden …

Kronzeugin der Anklage. So richtig war Marie nicht klar, was das zu bedeuten hatte. Verstanden hatte sie aber, dass sie ihren eigenen Hals nur vor dem Galgen bewahren konnte, wenn sie einen Eid schwören und aussagen würde. Ungelenk hatte sie ihre Aussage mit einem Kreuz unterschrieben, so war es nun also besiegelt. Verängstigt und zittert stand sie jetzt auf, den starrenden Blicken der Geschworenen ausgesetzt, man gab ihr eine Bibel in die Hand und ließ sie schwören. Jetzt also würde es beginnen, dabei hatte sie nicht Schicksal spielen wollen, zu keiner Zeit. Dort wo die drei Flüsse sich kreuzten, dort war es gewesen, wo das Unfassbare geschehen war …

Hannah Kent werden einige von ihrem ersten Roman her kennen. „Das Seelenhaus“ wurde 2013 veröffentlicht, davor bereits 2011 in ihrer Heimat Australien ausgezeichnet. Damals hatte sie den Stoff für ihren Roman einem Tatsachenbericht aus Island entnommen. Auch diese Geschichte gründet sie auf einer wahren Begebenheit, was die Tragik, die Verkettung der Ereignisse enorm verstärkt. 

Der neue Priester im Tal, ein religiöser Eiferer, kämpft mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln, gegen den heidnischen, tief verwurzelten Glauben seiner Gemeindemitglieder. Es vermischen sich der heilge Zorn derer, die der alten Heilerin schon immer feindlich gesonnen waren, mit dem derjenigen, die in diesem Winter jede Hoffnung verloren hatten …

Abgebrannt, abgeurteilt, dem Volkszorn hilflos ausgesetzt. Die Atmosphäre in diesem abgelegenen Tal in Irland um 1825 fängt Kent sehr anschaulich ein. Diese heraufbeschworene Stimmung ist es auch, die mir besonders gefallen hat. Das karge Leben, geprägt von Armut, Hunger und Aberglauben meint man mit Händen greifen zu können. Was ist man bereit zu glauben, was war man damals bereit zu glauben? Alles was der Verstand nicht fassen konnte, sich nicht erklären ließ, musste mit der Anderswelt zusammenhängen. 

Wer apathisch war, oder geistig verwirrt, dem wurde schnell Besessenheit unterstellt. Teufelsaustreibungen, die ihre Opfer bis auf’s Blut quälten und an den Rand des Todes brachten waren an der Tagesordnung. Wir, die wir in einer Welt von Röntgenapparaten, MRTs und Laborbefunden leben, sind um einiges aufgeklärter. Als Patienten sind wir mündig und doch suchen auch wir heute vielfach Heilung und Zuflucht bei alternativen Methoden. Nennen es Homöopathie, Akkupunktur, Meditation. Dies soll uns Schmerzen dämpfen, uns mit unserem Ich, unserer Mitte wieder verbinden. 

Im ersten Drittel der Geschichte war ich mir noch sicher, wo das Gute aufhört und das Böse beginnt. Hatte alle Figuren eingeordnet, wußte wer auf welcher Seite stand. Dann nagten die ersten Zweifel an mir. Konnte es sein, was nicht sein durfte? Ich war geneigt, die Seiten zu wechseln. Doch etwas hielt mich zurück. Das hat Frau Kent prima hingekriegt, sie hat mich die Perspektive ihrer Figuren einnehmen lassen, mich dabei ihn ihre Geschichte verstrickt. Ihr „Seelenhaus“ habe ich als Island-Fan jetzt sofort auf meine Wunschliste aufgenommen.

Hörbuch-Fassung:

Vera Teltz, geb. 1971 ist als Synchronsprecherin ein Profi. Ihre Stimme lieh sie bereits Hollywoodgrößen wie Helena Bonham Carter und Maggie Gyllenhaal. In Produktionen wie „Pirates of the Caribean“ und auch in James Bonds „Skyfall“ wirkte sie dabei mit. Im Bereich Hörbuch scheint sie mehr für die eher düsteren geheimnisvollen Stoffe besetzt zu werden. Kein Wunder, flüstert sie doch für uns aus den Schatten. Haucht dieser Geschichte mit wispern Atem ein, erweckt die Szenerie im Irland der 1825er Jahre für uns zum Leben. Sie hat mir in diesem Roman außerordentlich gut gefallen. Ich habe sie auf meinem Zettel, Frau Teltz …

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Der Trick (Emanuel Bergmann)

Sonntag, 24.09.2017

Zaubern können, aber so richtig. Unliebsame Aufgaben auf Arbeit, Hausstaub, Unkraut einfach weg hexen, das wär doch mal was. Gleich ob große Show oder kleine Taschenspieler-Tricks, ich lasse mich davon gerne beschummeln und bezaubern. Der große Houdini, David Copperfield, Siegfried und Roy oder auch ein unbekannter Straßenzauberer mit einem kleinen Karten-Trick, ich bin da stets wie gebannt. Will gar nicht ergründen wie es tatsächlich funktioniert eine Jungfrau zu zersägen oder schweben zu lassen. Sch… auf den doppelten Boden, ich will einfach nur staunen dürfen!

Also Vorhang auf, oder Flash-Back in eine Zeit ohne Farbfernsehen, ohne Internet. Eintauchen in eine Welt aus Magie, Tricks und Sensationen, live und in Farbe … 

Der Trick (Emanuel Bergmann)

Prag, vor dem ersten Weltkrieg

Rabbi Goldenhirsch kreiselte in seinem kleinen Leben. Was ging ihn das denn bitte an? Dieser Krieg war weit weg. Das hatte er selbst dann noch geglaubt, als sich die Straßen von Prag langsam geleert hatten. Geglaubt, bis zu diesem Tag, dem Tag an dem man den Rabbi selbst, mit Uniform und Bajonett einzog. Dieser Krieg war nicht wählerisch …

Dünn und versehrt kehrte er zwar heim, humpelte zurück in sein altes Leben. Aber wie sehr seine Frau ihn auch drängte, das Erlebte wollte nicht über seine Lippen kommen …

1934. Prag. Es war so ein schöner Abend gewesen im Zirkus. In die Manege hatte ihn der Zauberer geholt, als Assistent. Nach der gemeinsamen Verbeugung, dem freudigen Applaus des Publikums hatte er sich in diese Welt verliebt, unsterblich und unwiderruflich. Die schwebende Prinzessin, da war er sich sicher, war der beste Trick, den er je gesehen hatte, wenn es denn überhaupt ein Trick gewesen war …

Sein Vater indes war krank vor Sorge gewesen, als er spät am Abend wieder zu Hause angekommen war. Rasend vor Zorn züchtigte er seinen Sohn, wie er es noch nie zuvor getan hatte. In dieser Nacht konnte Moses nur auf der Seite liegen, so sehr schmerzten ihn Rücken und Gesäß. Schlaflos fasste er einen verzweifelten Entschluß, er musste fortgehen. Fliehen vor der wachsenden Feindseligkeit, vor den Gewaltausbrüchen des Vaters, die nach dem Tod seiner Mutter jeden Tag eine Steigerung erfuhren. Er legte seinen Kaftan ab, kürzte seine Schläfenlocken. Ein anderer wollte er werden, kein Bittsteller, kein Jude mehr sein. Still stand er auf in dieser Nacht, packte ein paar Habseligkeiten und folgte dem Zirkus, der die Stadt bereits verlassen hatte. Hier würde er werden können was immer er wollte, hier war sein neues zu Hause …

Zabattini wurde übel. Das war das falsche Schwert, welches der Halbmond-Mann mit in die Manege genommen hatte. Wenn er es jetzt in den Koffer steckte würde er Julia unweigerlich schwer verletzten. Mit einem Hechtsprung und dem Mut der Verzweiflung warf er sich dem ausgestreckten Schwert entgegen. Eine der Öllampen am Rande der Manege fiel dabei um. In Windes Eile streckten sich die Flammen dem großen Vorhang entgegen, der die Manege begrenzte, setzten ihn in Brand. Die Zuschauer flohen in wilder Panik. Rauch so dicht wie eine Nebelwand versperrte ihnen die Sicht, nahm den Atem, umgestürzte Bänke behinderten den Weg zum Zeltausgang, wie von Sinnen hämmerte Julia von innen gegen die Kofferwände …

Los Angeles. Im Hier und Jetzt. Max war gerade zehn geworden, als seine Eltern ihn am Abend zum Essen ausführten um ihm zu eröffnen, das sie ihn sehr lieb hätten, sich für ihn überhaupt nichts ändern würde, sie sich aber trotzdem scheiden ließen. Max war sich sicher gewesen, alles war nur seine Schuld. Der Streit letztens mit dem Vater, als er den Hasenkäfig nicht sauber machen wollte, weil er so viel lieber ins Kino gegangen wäre. Da hatte sein Vater ihm gedroht, wenn er noch einmal so ein Theater mache, würde er den Hasen weggeben. Max, vollkommen außer sich vor Zorn, hatte sich gewünscht der Vater möge doch einfach verschwinden. Und jetzt, wenn auch zeitverzögert, würde genau das geschehen – sein Vater verschwand. Seine Mutter war da ganz anderer Meinung, sie beruhigte Max und schimpfte andauernd auf eine gewisse „Yoga-Lehrer-Schlampe“ die ganz allein die Schuld dafür trage.

Zum Glück fand Max dann diese alte Schallplatte unter den Sachen seines Vater. Diese Platte mit Zaubersprüchen des „Großen Zabbatini“ und ein alter Plattenspieler mussten ihm helfen die Ehe seiner Eltern wieder zu kitten. Schließlich war ja auch ein Spruch für die „ewige Liebe“ dabei …

Was für ein Murks! Genau an der entscheidenden Stelle hatte diese dumme Vinylscheibe einen Kratzer und versprang, was für eine steinzeitliche Technik. Dieser vermaledeite Kratzer hatte den Liebeszauberspruch ruiniert! Aufgeben, das war nach anfänglicher Verzweiflung keine Option und so lief Max davon. Er musste den großen Zabbatini finden, ihn persönlich nach dem Spruch fragen. Als Max den alten Zauberer tatsächlich in einer Seniorenresidenz fand, hatte dieser gerade den Gashahn aufgedreht und sich zum Sterben nieder gelegt …

Der Besenstiel rauschte durch die Luft und traf den Einbrecher am kahlen Kopf. Das Pfefferspray setzte ihn dann ein für alle Mal ausser Gefecht. Max Mutter starrte ungläubig auf den alten Mann, der jetzt hinten über gekippt in ihrer Badewanne lag. Was machte er hier? Mitten in der Nacht, in ihrem Badezimmer? 

Emanuel Bergmann, geboren 1972 in Saarbrücken, ging nach der Trennung seiner Eltern als zwölfjähriger mit der Mutter in die USA. Er studierte, arbeitete lange in Los Angeles für verschiedene Filmstudios. „Der Trick“ ist sein erster Roman, der 2016 erschien. Bergmann selbst ist der Enkel eines Holocaust Überlebenden.

Wunderbar antiquiert, bunt schillernd, herrlich humorig präsentiert er uns seine Geschichte. Tragik und Komik halten sich hier auf’s Beste die Balance. Wir lernen Tricks oder auch nicht. Schaufeln Pferdeäpfel im Zirkus, begegnen persischen Prinzessinen mit Berliner Schnautze. Besuchen mit einem 88jährigen Zauberer einen Strip-Club, sitzen mit ihm an der Bar, rasen kurz darauf mit einem BMX-Rad durch die Gärten der Nachbarschaft zum Sunset-Boulevard und fühlen uns wie ein Scheidungskind. Werden von einer Psychologin therapiert und wollen uns trotzdem für keine der beiden Seiten entscheiden …

Wir erleben Unausprechliches, begegnen dem zweiten Weltkrieg, dem Holocaust. Sind im Bombenhagel unterwegs, verfolgt von der Waffen-SS, werden eingezwängt in einem Vieh-Waggon abtransportiert. Bergmann erzählt dabei mitfühlend, ohne rührselig zu werden. Bannt uns mit immer neuen Einfällen und Wendungen. Die Dialoge zwischen dem alten Zauberer „Zabattini“ und dem kleinen Max sind herzerfrischend. Diesen Roman nur unterhaltsam zu nennen wäre zu wenig. Er leuchtet hell, wie ein Stern am Himmel eines Zirkus-Zeltes. Einmal ein Clown, immer ein Clown – und wenn der letzte Vorhang fällt, wenn wir durch die Zeit fallen, dann können wir das hoffentlich alle ohne Reue tun und verzeihen …

HörbuchFassung:

Seit meiner ersten Hörbegegnung mit Stefan Kaminski, das war bei T.C. Boyles Wassermusik, bin ich in seine Art zu lesen verliebt. Seine Stimme ist eine Waffe, so souverän, so was von auf den Punkt. Mal einfühlsam, mal verschmitzt, immer ist er bei seinen Figuren. Wir hören anders als wir lesen. So manche Emotion ist ja beim Lesen stärker spürbar – außer man hört Stefan Kaminski zu. Hier liest er mal hinreißend den großen Zabbatini mit böhmisch, jiddischem Akzent. Mal sächsisch oder berlinerisch Zirkusdirektoren und Zirkusprinzessinen. Er verleiht der Traurigkeit von Max eine Stimme und wärmt mir damit das Herz.

Es gibt wenige Geschichten, von denen ich meine, man läßt sie sich besser vorlesen, als selbst zu lesen. Diese hier ist ganz eindeutig eine davon! Kaminski holt hier alles raus, ist ein echter Hauptgewinn!

Wedora (2) – Schatten und Tod (Markus Heitz)

Sonntag, 10.09.2017

Das Abenteuer geht weiter

Habt Ihr Eure Trinkflaschen gut gefüllt? Vorräte verstaut? Kompaß und Gesichtsmaske für den Ritt durch den aufziehenden Sandsturm griffbereit? Die Angst vor elefantengroßen Echsen als Reittiere zu Hause gelassen? Ein Mittel gegen Skorpionbisse zur Hand? Eure Ausdauer trainiert? Denn es kann ein bischen dauern, bis wir mit unserer Karawane in Wedora ankommen. Oasen gibt es in diesem Teil der Wüste nicht mehr. Dafür sengende Hitze, giftige Skorpione und man erzählt sich, es lauern Räuber in den Dünen, Spione verbergen sich in den Schatten. Die Händler berichten gar ein Krieg ziehe auf. Ob ich unserem Führer noch trauen kann? Ich hoffe darauf, schließlich ist er der beste Hexer der Stadt. Trotzdem, kommt, wir werden uns jetzt besser anseilen, damit der heraufziehende Sturm uns nicht fort trägt. Ist das eine Fata Morgana? Bleibt immer dicht hinter mir, es kann jetzt nicht mehr weit sein, ich meine die Türme der Festung Sandwacht in der Ferne schon zu sehen …

Wedora (2) – Markus Heitz

Der Kara Buran lag wie eine Drohung über der Stadt. Der heftige Sturm rüttelte an den Fensterläden, drang durch Ritzen und Spalten der Mauern bis ins Innere der Häuser. Er fegte wütend durch die Gassen, trieb den Sand sirrend an. In alle Poren, in Augen, Ohren und Münder drang er ein. Den Unvorsichtigen schmirgelte er die Haut ab, er schlug sie mit Blindheit, Taubheit oder dem Erstickungstod. Die feinen Sandkörnchen vermischten sich wie Dunst mit der Luft, verdunkelten die Sonne, die Nacht-Gestirne, die Tageszeiten waren nicht mehr bestimmbar. Das öffentliche Leben war zum Erliegen gekommen. Für wie lange vermochte niemand zu sagen, das war jedesmal anders und diesmal schien der Sandsturm eben erst Atem geholt zu haben …

Und Liothan? Er haderte derweil mit seiner neuen Karriere. Seine Ausbildung als Hexer, die der ehemalige Holzfäller und Gauner begonnen hatte, raubte ihm den letzten Nerv. Turmhoch stabelten sich die Lehrbücher um ihn herum und nichts, aber auch gar nichts von dem, was dort geschrieben stand, wollte zwischen seinen grauen Zellen haften bleiben. Das und die Langeweile waren es, die ihn schließlich in die Kellergewölbe des Hauses getrieben hatten, das ihm als Erbe zugefallen war. Was er jetzt nach dem Abstieg in diesen Schacht entdeckte, machte selbst ihn sprachlos. Vor ihm lag das riesige Wasser-Reservoire, das die Wüsten-Stadt und ihre Bewohner am Leben hielt. Eine Zisterne mit klasglarem, smaragdfarbenem Wasser. Kühl und schimmernd. Unglaublich! Von seinem Haus aus hatte er einen direkten Zugang zu dem umkämpften Heiligtum, den geheimen Grotten. Wer in Wedora den Zugang zum Wasser hatte, der hatte auch die Macht über die Stadt. In Liothan keimte eine Idee auf und ein unheilvoller Pakt wurde besiegelt …

Und Tomeija? Der Herrscher von Wedora hatte sie offenbar eindeutig auf dem Kieker. Auf die Probe hatte er sie gestellt, sie danach mit neuen Befugnissen ausgestattet und entsandt. Nach Sandwacht. In der geheimnisumwitterten Festung am Rand der Stadt, sollte sie einen Mord aufklären der innerhalb seines Heeres geschehen war. Eine junge Aufklärungspilotin war tot, die Aufzeichnungen ihres letzten Fluges verschwunden. Der Kommandant von Sandwacht mauerte und nicht nur er. Standesdünkel, Überheblichkeit, Machtspiele, hier herrschten eigene Gesetze, das war Tomejia sehr schnell klar. Ganz wie ihr wollt! Sie konnte nach allen Regeln spielen, war erst einmal ihr Jagdinstinkt geweckt. Was Tomejia nicht wußte – der Mörder hatte sie längst auf seinem Radar …

Markus Heitz – bereits mehrfach mit dem deutschen Phantastik-Preis ausgezeichnet, auch in diesem Jahr zählt er zu den Gewinnern und zwar mit der Comic-Version seiner „Zwerge“. Gratuliere!

Mich begeistert der Ideenreichtum dieses sympatischen Autors nach wie vor. Immer wenn mir der Alltag zuviel wird, tauche ich gern ab in die Fantasy, bei ihm weiß ich mich dabei stets in guten Händen. Die Figuren die er erschafft gehören für mich zu den Ausgebufftesten, seine Wesen zu den Phantasievollsten. Diesmal baut er sogar Steam-Punk-Elemente in sein Wüstenabenteuer mit ein. Das Sandmeer durchqueren im dichten Körnertreiben metallene, tierähnliche Gefährte. Geheimnisvolle Heiler erschaffen aus Leichenteilen neue Wesen. Überlebensgroße Echsen mit einem unbestimmbaren Eigenleben fungieren als Reittiere.

In den unterschiedlichen Vierteln der Stadt läßt Heitz uns auf Märkten bummeln, Leckereien kosten, in Teestuben einkehren, Kunsthandwerker bestaunen. Eine satte, farbenfrohe Kulisse schafft er damit gleichermaßen für seine Abenteurer und seine Leser, respektive Hörer. Und immer wieder die Wüste, wunderschön, lebensfeindlich, schier unendlich. Das Böse darin sorgt dabei für eine grenzenlose Ausweitung des erstickenden Sandes …

Wie schon im ersten Teil läßt Heitz seine beiden Hauptfiguren Liothan und Tomejia wieder zu Gegenspielern werden, stehen sie doch einmal mehr oder immer noch, auf zwei verschiedenen Seiten des Gesetzes. Alte Freunde, beschützende Schatten und neue Verbündete brauchen beide. Werden beide mit heiler Haut davon und ihren Neidern entkommen sein, wenn der Kara Buran sich dieses Mal gelegt hat? Auf welcher Seite steht eigentlich Wedoras Herrscher? Spuk, Legende oder allmächtiger Tyrann?

Wo der Feind steht, ist schwer auszumachen. Komplotte, Intrigen, erbitterte Kämpfe zwischen Krämerseelen und Wüstenvölkern um das lebenserhaltende Naß sind entbrannt. Befeuert und gestützt durch magische Waffen. Schlachtschiffe, Tsunamis und Eis brechen sich an der Stadtbefestigung Wedoras. Alle Wetter! High Noon in der Wüste. Die Geschichte gipfelt in einem wahren Spezialfeffekte-Feuerwerk. 

Actiongeladen, einfallsreich, spannend und kurzweilig, kurz ein echter Heitz! Ein starker zweiter Teil.

Die Reihe um die Wüsten-Handelsstadt Wedora ist als Zweiteiler angelegt, demnach könnte die Geschichte auch hier ein Ende finden, könnte …

Hörbuch-Fassung:

Uve Teschner & Markus Heitz = Dreamteam! 

Diesmal ist Uve Teschner stimmlich noch tiefer abgestiegen in das Reich des Unheils und der Bestien. Kehlig, unheimlich und dunkel klingt seine Stimme, wenn unser Held Liothan sich in der Kaverne unter der Stadt verirrt hat. Teschner hört und fühlt sich stellenweise an, als spräche er direkt aus dem Schlund der Hölle. Das ist Gänsehaut pur! Verpaßt Heitz seinen Figuren auch bisweilen unaussprechliche Namen, Teschner hält Schritt und meistert diese Zungenbrecher virtuos. Er ist der Grund, warum ich mittlerweile keinen Heitz-Roman mehr lese, sondern nur noch höre! Hut ab!

Wer mit dem ersten Teil von Wedoras Geschichte anfangen möchte, findet auch hierzu eine Rezension auf meiner Seite unter dem 27.02.2017. Gute Reise! Kommt mir ja wieder heil zurück!

Was man von hier aus sehen kann (Mariana Leky)

Sonntag, 03.09.2017

Vorsicht Lieblings-(Hör-)Buch!

Aller Anfang war das Strickliesel … Von meiner Oma Anna habe ich das Stricken und das Häkeln gelernt. Mit ihr habe ich als Kind Bohnen geschnippelt, Sauerkraut eingeschnitten, Kirschen entkernt, Pflaumen eingeweckt, gestopft, gestickt. Das Schuhebinden hat sie mit mir geübt und sie hatte immer, bis ich erwachsen war, einen Apfel für mich. Von ihr habe ich auch gelernt, das man zwischen Weihnachten und Neujahr keine Wäsche aufhängt. Sie glaubte fest daran, das sonst in der Folge im Freundes- oder Familienkreis jemand sterben muss. Einmal sogar hat sie meiner Mama fassungslos die Wäsche wieder von der Leine gerafft. Bis heute halte ich mich daran. In diesem Roman hier, den ich heute mitgebracht habe, wohnt Elsbeth. Sie tickt an der Stelle genau wie meine Oma – und hat eine ganz bestimmte Saite in mir heftig zum Schwingen gebracht …

Was man von hier aus sehen kann (Mariana Leky)

1983, irgendwo im Westerwald. Luise war jetzt zehn und wenn sie Eines tat dann das, sie vergötterte ihre Oma Selma. Außer vielleicht, wenn ihre Oma diesen einen Traum hatte. Denn dann, wenn Selma von einem Okapi träumte, verharrten Luise und der gesamte Ort in Schrecken. Denn dann, wenn Selma diesen Traum träumte, würde binnen 24 Stunden jemand sterben. Das war immer so gewesen, immer außer einmal. Da hatte der Tod Verspätung und traf erst nach 28 Stunden ein …

Die Menschen im Dorf reagierten ganz unterschiedlich auf diese Traum-Botschaft, die der Wind jedesmal wirbelnd schnell verbreitete. Die Einen blieben gleich im Bett, Andere legten sich sofort wieder hinein, die Angst an diesem Traum zu sterben griff mit eiskalter Hand um sich. Sämtliche Tier-Begegnungen wurden gemieden, konnte einen doch sofort und unmittelbar ein jedes anfallen und tödlich verletzen. Um die Nachbarn machte man einen Bogen, nicht das man in einen Streit verfiel, dessen Handgemenge am Ende böse ausging. Die schlimmsten Fälle brauchten eine glücklich machende Spritze von Luises Vater, dem Dorfarzt. Kurz gesagt – das Leben stand still …

Die Nacht war tintenschwarz als Elsbeth ihr Haus verließ um in den Wald zu laufen. Bewaffnet war sie. Mit einer Rolle Draht und Alleskleber. Geduckt und unbeirrt von dem Wind, der in den Baumwipfeln heulte, ihr Laub und Äste in den Weg warf, hastete sie weiter voran. Sie hatte einen Entschluß gefasst. Das was der Optiker ihr heute anvertraut hatte, konnte so nicht bleiben. Vielleicht konnte sie das Schlimmste noch verhindern. Schließlich hatte Selma wieder von einem Okapi geträumt und die Stundenfrist war noch nicht abgelaufen …

Als er gestorben war, hielt die Zeit an. Gebrochene und gestörte Herzen humpelten im Gleichklang weiter. Nur mit einem todesähnlichen Schlaf ließ sich dieser Schmerz ertragen. Die Augen taten weh, waren vom Weinen rot gerändert. Alle klammerten sich aneinander und hielten sich an dem bisschen Leben fest, das noch geblieben war. Diese verdammten Okapi-Träume …

Mariana Leky, legt nach längerer Pause mit „Was man von hier aus sehen kann“ ihren neuen Roman vor und Volltreffer! Sie ist eine echte Wortakrobatin, sie bringt meinem Leseherz das Purzelbaumschlagen bei! Wie kommt man denn Bitteschön auf solche Sätze? Einer schöner als der andere, wärmend wie ein Kaschmirschal. Nichts zwickt, nichts kratzt, jede Formulierung sitzt. Das ganze Buch – eine einzige Lieblingsstelle!

Ihre Figuren sind dabei so liebenswert verpeilt und unverstellt, dass man sie unbedingt persönlich kennenlernen will. Leky scheint mit ihren Charakteren verwachsen, beschreibt sie so anschaulich, so liebevoll, dass ich alle sofort vor mir agieren sehe. „In geblümten Nachthemden, in Anzügen die mit den Jahren zu groß geworden sind, traurig unter dem Tisch kauernd, das was man nicht aufessen will in den Hosentaschen verstauend, dem alterschwachen Hirtenhund Tabletten in die Leberwurst steckend, mit inneren Stimmen kämpfend die wahre Ausschreitungen verursachen, immer bereit auch an das Abwegige zu glauben“.

Ein ganz feiner Humor, eine leichte Ironie schleicht sich zwischen ihre Zeilen, manchmal hat sie mich gar an Loriot erinnert, laut habe ich dann aufgelacht. Selmas Leidenschaft für Mon Cherie, wie gut ich das verstehe …

Für mich wimmelt es geradezu von Lieblingsfiguren in diesem Roman, schwer sich da nur für eine zu entscheiden. Ein kleines bisschen lauter klopft mein Herz, wenn ich an ihn zurück denke: „Den Optiker“. So lebensklug! Er bringt Luise und Martin das Schwimmen, das Fahrrad fahren, das Schnürsenkel binden, das Lesen (mit Hilfe von Horoskoptexten auf Zuckertütchen!) und die Uhr bei. Übersetzt auch schon mal einen Songtext von Michael Jackson, für die beiden Kinder ins Deutsche. Seine Liebe zu Selma, der er einfach keine Worte geben kann, seine Treue, seine Empfindsamkeit, so sympathisch! Er ist der Kitt, der alles zusammenhält. Ihm wäre ich auch gerne begegnet in diesem kleinen Dörfchen, mit ihm am Apfelbach spazieren gegangen!

Verliebt habe ich mich in diese Geschichte, weil sie ist wie sie ist, einzigartig! Dieser wird sich nicht mein einziger Leky-Roman bleiben …

Sandra Hüller liest diese Geschichte wunderbar. Wunderbar einfühlsam, mit einer Sanftheit die mich sprachlos macht. Man hört sie lächeln, jeder Situation wird sie gerecht. Wie sie Luises defekten Anrufbeantworter gibt ist einfach nur köstlich. Auf ihrer Stimme schweben die Worte wie Seifenblasen heran, verharren einen Augenblick und zerplatzen dann in tausend glitzernde Tröpfchen. Sooo schön! Sie erzählt uns diesen Roman, als wäre es ihre eigene, selbst erlebte Geschichte.

Immer wieder habe ich diesmal auf die Hörzeit geschielt die noch verbleibt. Bereits bevor der letzte Satz ausgesprochen war, setzte bei mir das Heimweh nach Luise, Selma, Marlies, dem Einzelhändler und meinem Optiker ein …

Mindestens tausend weitere Wörter lang könnte ich noch schwärmen! Aus jetzt, seufz, ich werde hier echt zum „Gefühlsdusel“: Unbedingte Hörempfehlung!

Unterleuten (Juli Zeh)

Sonntag, 20.08.2017

Welche Blüten der Windkraft-Subventions-Wahn in Rheinland-Pfalz getrieben hat, kann man auf den Höhen des Hunsrücks mittlerweile in unterschiedlichster Ausprägungen live erleben. Ganze Wälder dieser Beton-Kolosse sind auf den Freiflächen der Hochplateaus entstanden, das trotz mieser Energie-Bilanz. Den so gewonnenen Strom kann man immer noch nicht speichern, bei den häufig zu hohen Windlasten stehen die Räder sogar still. Die Tiefe der notwendigen Fundamente lassen den Grundwasser-Spiegel absinken, zerstören das Wurzel-Netzwerk auch weiter entfernter Waldstücke. Zahlreiche Bürger- und Umwelt-Intiativen haben sich gegründet und streiten gegen leere Gemeindekassen an. Die Energiewende in Deutschland – sie hat schon so manche funktionierende Dorfgemeinschaft in unserer Umgebung gesprengt …

Unterleuten (Juli Zeh)

Herzlich willkommen in Unterleuten! In einem Dorf wie viele andere. Mit Bewohnern, wie Sie, wie Du, wie ich. 

Hier treffen Städter auf „Landflucht“ mit Platzhirschen und Großgrundbesitzern zusammen. Entscheidungen zum Wohl und Wehe der Bürger werden nach Gutsherrenart getroffen, frei nach dem Motto „Eine Hand wäscht die andere“. Alte Feindschaften, alte Seilschaften, neue Freundschaften werden gepflegt und die „Alten“ wissen was gut für alle ist. Dumm nur, dass ausgerechnet die Neubürger in der aufkeimenden Windkraftdebatte ständig Ärger machen und alle ach so sorgfältig unter dem Teppich versteckten Häufchen herauszukehren versuchen …

Ehegattinen die Partei ergreifen, werden hier schon mal unter umkippenden Gartenzäune begraben. Schwer verliebte IT-Nerds tun für das Lieblingspferd der Freundin einfach alles, das auch schon mal unter Zuhilfenahme eines Selbsthilfe-Forums für die Partner „pferdeverrückter“ Frauen. Schriftsteller die nur dann schreiben können, wenn sie den ganzen Tag und zwar jeden Tag Rasentraktor gefahren sind, befinden sich in heftigem Zweikampf mit dem Ortsvorsteher. Über-Mütter und Vogelschützer wehren sich erbittert gegen gewissenlose Großbauern, politische Ränke und Intrigen inclusive. 

Touristen auf „Kampfläufer-Safari“. Die Kampfläufer selbst, eine bedrohte Vogelart, treten mit Gelassenheit den kapitalistischen Begierden nach Windkraftanlagen entgegen.

Was den einen Heimat, ist vom LKA gesuchten Verbrechern eine Zuflucht. Im Parzellenpoker um Eignungsgebiete streiten sich die Parteien, dass die Fetzen fliegen. Hierbei heiligt der Zweck die Mittel, ob Dutz-Offensive oder wahre Unsummen, was zugelassen wird ist legitimiert.

Hier hat offenbar jeder mit jedem eine Rechnung offen. Ein Dorf wie im Fieber. Wie D-Züge aus rasender Fahrt prallen die Streithähne aufeinander. Rußschwangere Feuer sorgen für besinnungslosen Zorn auf der einen und für Machtlosigkeit auf der anderen Seite. Neid, Mißgunst und Fanatismus haben sich wie ein Virus ausgebreitet. Der Kitt der bislang Paar-Beziehungen zusammengehalten hat, beginnt unter dem Dauerfeuer des Dorfes zu bröckeln …

Herzlich willkommen in Unterleuten!

Juli Zeh wollte einen Gesellschaftsroman schreiben. Das hat sie geschafft und wie! 2016 veröffentlicht, erzählt sie aus einem fiktiven Dorf, das sie in Brandenburg verortet, von Verbündeten die zu Feinden werden, von Leidenschaft, ja Besessenheit, sitzt dabei quasi im Kopf ihrer Figuren. Aus unterschiedlichen Blickwinkeln erzählt sie ihre Geschichte. Wie unter einem Mikroskop betrachtet sie dabei das Dorfleben. Sie seziert Befindlichkeiten, Eigenheiten, Eigeninteresse und Vorurteile. Beinahe beängstigend lebensecht versammelt sie dabei ein buntes Völkchen in ihrem Unterleuten. Von je her auf dem Dorf wohnend, fand ich mich hier nicht nur einmal wieder. Erschreckende Paralellen drängten sich mir auf. Hut ab auch vor dieser Erzählkunst. Feinhumorig mildert sie die Tragik der Ereignisse. 

Keine menschliche Eigenschaft scheint Juli Zeh fremd zu sein, alle zeichnet sie scharf, präzise auf den Punkt und mit einer für mich sehr schlichten, sachlichen Art. Aus Tätern werden Opfer, aus Schuldigen Unschuldige, ein Verwirrspiel! Die Perspektiven wechseln in rascher Folge, als Leser muss man sich immer wieder selbst neu justieren. Wem ist man bereit Glauben zu schenken, wer hat das eigene Vertrauen mißbraucht?

Was hat mir am Besten gefallen? Ganz klar – das „dicke Ende“, fulminant und zwangsläufig. Im Sterben wie im Leben konsequent, würde ich da mal sagen, Mann oh Mann!

Hörbuch vs. Roman:

Helene Grass macht in der Hörbuchfassung ihre Sache als Vorleserin gut, kann mich aber nicht abholen. Sie schafft es nicht die Eindringlichkeit herzustellen, die das geschriebene Wort erreicht. Nach den ersten gehörten Teilen hätte ich beinahe schon aufgegeben, haderte auch bisweilen mit ihrer Stimmfarbe und Intonation. Bin dann für einige Kapitel zum Lesen gewechselt, bis ich richtig drin war in der Geschichte. Juli Zehs Sätze hallen gelesen im Kopf viel stärker nach. Eine für mich erstaunliche Erfahrung, hatte ich Hören und Lesen bislang nahezu gleich gewichtet, bzw. dem Hören ganz bewußt und ohne Reue den Vorzug gegeben. Konnte doch schon so mancher Vorleser nach meinem Empfinden dem Geschehen noch einen Mehrwert entlocken. Meine Entscheidung, welche Texte ich künftig höre und welche ich lese, werde ich hiernach noch sorgfältiger überlegen …

Der Opiummörder (David Morrell)

Samstag, 05.08.2017

Nebel – was für eine besondere Naturerscheinung. Im Frühling und im Herbst zaubert er beinahe romantische Stimmungen. Je näher der Winter kommt und auch an verregneten Tagen wechseln die Nebelbilder schnell zu melancholisch, oder gar düster und geheimnisvoll. Wer selbst schon versucht hat, im dichten Nebel sein Fahrzeug auf der Straße zu halten, weiß wie schwierig und anstrengend es ist, in einer milchig weißen Suppe zu navigieren. Nebel, ein besonderer Stoff – der gerne in Büchern, Gedichten und Filmen als Stilelement verwendet wird. Kein Wunder, dass er auch in diesem Roman für die richtige Stimmung sorgt …

Der Opiummörder (David Morrell)

1829, London, rund drei Millionen Einwohner, ein Moloch ohne Abwassersystem, mit Straßen voll von Exkremten, mit rußschwangerer Luft und vollgepackt mit unzähligen Einwandern. Viele davon ohne Arbeit. Der Opiumhandel blühte.

Wie so oft hing ein dichter Nebel über der Stadt. Man heizte mit Kohle und unzählige Schornsteine spieen Asche aus, die stetig auf Dächer, Mauerkronen, Gehwege und Straßen rieselte. Asche, die sich mit dem aufziehenden Nebel zu einer undurchsichtigen Masse vermischte. Laternen spendeten nur diffuses Licht, beleuchteten spärlich die Müllberge mit ihren Ratten, wieder war eine neue Cholera-Welle durch die Stadt gezogen. Hinter den Häusern wurden Schweine und Kühe gehalten. Besonders die Schweine waren begehrt und leisteten gute Dienste. Konnte man doch nicht nur ihr Fleisch verwerten, sie fraßen ja auch die Abfälle, die sonst nur wieder auf der Straße gelandet wären.

Oh, nein! Constable Becker würde keinen Zentimeter weichen! Dies hier war sein Tatort und die Fußabdrücke, die sich im weichen Morast abzeichneten würde er notfalls mit seinem Leben verteidigen. Verteidigen gegen diese beiden, gegen ihn anrennenden Schweine. Detective Inspektor Ryan hatte ihm beigebracht wie wichtig solche Spuren für die Aufklärung eines Verbrechens sein konnten – und für die Aufklärung eben jener Greueltat, wegen der sie beide hergerufen worden waren, würde er alles tun. Gleich fünf Leichen hatten Sie in dem kleinen Laden vorgefunden, auf’s Übelste zugerichtet. Während ihrer Arbeit in Londons Straßen hatten die beiden Polizisten schon viel gesehen, das hier übertraf an Grausamkeit und Brutalität jedoch bei weitem alles bisherige. Der Constable zog seinen Knüppel, erbittert kämpfte er gegen die beiden angreifenden Schweine. Sie verbissen sich in seine Beinen, zogen ihn am Ärmel und er fiel, fiel in den Dreck. In diesen undefinierbaren stinkenden Dreck und alles voran er denken konnte, als er eine Körperdrehung vollführte war – nicht auf die Abdrücke fallen! Nur nicht auf die Abdrücke …

Das sah nach großem Kino aus! Die Meute, die sich vor dem Laden versammelt hatte, reckte die Hälse und drängelte, wollte unbedingt in den Laden. Jeder wollte sehen was hier passiert war. Grauenvolle Schreie hatte man gehört. Zahlreiche Polizisten waren jetzt vor Ort. Es hatte einen Mord gegeben wurde gemunkelt. Einen? Nein, alle seien tot. Alle, der Ladenbesitzer, seine Frau, das Hausmädchen, die siebenjährige Tochter und – das Baby!

Der schwer verletzte Mann hatte sich mit letzter Kraft auf die Mitte der Straßenkreuzung geschleppt. Die Menge die ihm folgte vervielfachte sich rasch. Die unwirkliche Szenerie wurde beleuchtet von den Laternen zahlreicher Polizisten, die den Mann umstellten. So viele Jahre, so viele Tote, so viel Schuld. Endlich, standen seine Häscher still, die Zeit stand still …

David Morell – geboren 1943 hat bereits 28 Spannungs-Romane veröffentlicht. Sein Roman „First Blood“ war die Vorlage für einen Hollywood-Blockbuster . Er erschuf die Figur des „John Rambo“, die Sylvester Stallone berühmt machte. „Der Opium-Mörder“ erschein am 01.12.2015 in der deutschen Taschenbuchausgabe und hat mit „Rambo“ allerdings nicht viel gemein, sieht man einmal von ein paar aktiongeladenden Szenen ab.

Morell zeichnet ein mehr als stimmungsvolles Bild des viktorianischen Englands. Er erschafft eine schummrige, ja düster, schaurige Atmossphäre mit Figuren denen man alles zutraut. Zugezogene Vorhänge werden zum Sinnbild für die Sittsamkeit, die Zugeknöpftheit der damaligen Lebensweise. Als Ermittler setzt er auch schon mal ein Heer von Huren und Bettlern ein, die von einem opiumsüchtigen Schriftsteller geführt werden.

Glaubwürdig, spannend, ein Sittengemälde prall voll mit historischen Fakten über Medizin, Drogistik, Kriminalistik und Geschichte, die Morell perfekt einsprenkelt. Er erzählt von der Gründung der Polizei als Behörde, von Madame Tussaud’s Wachsfiguren-Kabinett, den Machenschaften der britischen Ost-Indien-Kompanie, den Opiumkriegen, dem nahezu sorglose Umgang mit Laudanum, einem Opiumderivat als Allheilmittel. So wird der Thriller zum Historienroman und der Krimi zum Lehrbuch. Einzig für die ganz zart besaiteten sind die doch recht drastisch geschilderten Mordsequenzen vielleicht nicht geeignet. 

Meine Lieblingsfigur ist Emily, die Tochter des Roman-Autor Thomas De Quincey. Sie ist ein echter Freigeist in Hosen. Sieht es nicht ein, täglich Reifrock, Korsett und damit über siebenundreißig Pfund Kleidergewicht zu tragen. Unerschrocken, kämpferisch, abgeklärt und mit dem Herz am rechten Fleck, zeigt sie so manches Mal dem starken Geschlecht wo es lang geht 😉

HörbuchFassung: Erich Räuker – ist ein Profi, keine Frage. Er liest gekonnt, lebhaft, fesselnd – bei jedem Handgemenge habe ich den Kopf eingezogen. Für den richtigen Grusel hat er gesorgt, wenn ich mit den Ermittlern allein auf Londons Straßen unterwegs war. Häufig leiht er seine Stimme auch Hollywoodgrößen. Rätselte ich zu Beginn erst noch vorher ich seine angenehmene, sonore Stimmes kenne, fiel es mir alsbald wie wie Schuppen von den Ohren. Er synchronisiert die Figur des Saul Berensen, in einer meiner Lieblingsserien: Homeland. Sehr gerne mehr von Ihnen, Herr Räuker!

Makarionissi (Vea Kaiser)

Samstag, 24.06.2017

Es geht uns gut in Deutschland. Viele wandern zu uns aus, oder haben sich aus anderen Gründen unser Land zum Leben ausgesucht. Um so erstaunlicher ist da doch diese Zahl: 140.000 Deutsche wandern pro Jahr ebenfalls aus. Das Magazin Wirtschaftswoche hat auch erhoben, das wir weltweit auf Platz 5 kommen, bringt man die Länder, aus denen am meisten Einwohner auswandern einmal in eine Rangliste. Auf den Plätzen vor uns rangieren Mexico, Großbritanien, China und Indien. Zahlreiche Fernsehsendungen beschäftigen sich mit Einzelschicksalen von Deutschen, die versuchen im Alltag im Ausland Fuß zu fassen. Viele davon arbeiten am Ende deutlich mehr und haben weniger in der Tasche. Aus der Traum vom Urlaub im Alltag. Sprachbarrieren und bürokratische Hürden erschweren Jobsuche und das Schließen von neuen Freundschaften. Eine Auswanderergeschichte von Italien nach Deutschland habe ich den letzten Wochen schon vorgestellt, Bella Germania von Daniel Speck. Diese hier ist unbedingter Lesestoff für alle „Bella Germania-Fans“ und sie hat absolut nichts mit Makkaronis zu tun, versprochen:

Makarionissi – oder die Insel der Seeligen (Vea Kaiser)
1956, Varitsi, ein kleines Bergdorf irgendwo an der Grenze zwischen Griechenland und Albanien. Von außen betrachtet war hier die Welt noch in Ordnung. Abgeschottet zwischen kahlen Hügeln lag es und es schien, als habe die Zeit diesen Ort vergessen. Großmutter Yiayia Maria führte hier unangefochten das Familien-Regiment, stiftete Ehen und sorgte so für den Fortbestand etlicher Familien im Ort, nicht nur für den der eigenen.

Seit Monaten plagte sie jetzt schon diese eine Sorge. Für ihren geliebten Enkel Lefti war einfach keine junge Frau mehr übrig im Dorf. Wie konnte sie jetzt verhindern, das er am Ende nicht würde leer ausgehen müssen, dass er nicht würde fortgehen müssen um eine Frau zu finden? Fort aus Varitsi, fort von der Familie … Gestern Nacht dann, hatte sie diesen Traum gehabt und endlich auch eine Idee. Diese Idee war im Grunde einfach, wenn auch nicht ohne Risiko. Sie musste eine ihrer Töchter dazu bringen noch einmal schwanger zu werden! Gut, das beste Alter dafür hatten sie schon hinter sich, aber wo ein Wille, da ein Weg. Und tatsächlich gelang es der Yiayia ihre Tochter Pagona und dann gelang es Pagona, mit List und Alkohol ihren Mann Spiro gefügig zu machen. Wollte er doch partout in diesen schwierigen Zeiten keine Kinder mehr in die Welt setzen …

Die Schwangerschaft verlief erfolgreich, das gewünschte Geschlecht kam am Ende auch dabei heraus und man nannte die kleine –  Eleni.

Ein bischen plagte die Yiayia Maria ja das schlechte Gewissen, das Eleni ausschließlich deshalb in die Welt gesetzt worden war um Lefti zu heiraten, und sie sorgte sich um deren Glück. Der Kaffeesatz würde zeigen, ob sie sich wirklich Kummer machen musste. Nach dem Blick auf den Grund der Tasse war sie dann beruhigt. Alles würde gut werden …

Eleni! Als Mädchen lieber Heldin als Prinzessin. Ständig in eine Prügelei verwickelt. Wild und rebellisch, kaum zu bändigen. Auf der strengen Mädchenschule, dort hätte sie eigentlich das Kochen lernen sollen, hatte sie es immerhin drei Jahre ausgehalten, dann war sie erst raus geflogen. Bücher, die hatte sie schon immer geliebt. Als junge Frau wurde ihre Lektüre dann zunehmend politischer und sie schloß sich dann auch noch, während der griechischen Militärdiktatur, einer kommunistischen Oppositionsgruppe an. Gefängnis, na wenn schon! Heiraten, das war eindeutig und unzweifelhaft nichts für sie! Sie war schließlich eine Heldin und Heldinnen brauchten keinen Mann …

Lefti! Er war das genaue Gegenteil von Eleni. Sanft war er und er sehnte sich nach einem ruhigen, einem friedlichen Leben. Politik, das war etwas für die anderen. Die Courage von Eleni bewunderte er schon, aber ihr Wagemut ging ihm deutlich zu weit. Kochen lernen? Das klang nicht nach der schlechtesten Alternative, fand er. Da war für ihn nicht weibisch, sondern einfach nur herrlich!

Warum Eleni und Lefti trotz aller Unterschiedlichkeit dann doch geheiratet haben, das wußte vermutlich nur Yiayia Marias Kaffeesatz. Beide wanderten nach der Heirat und heftigen Turbulenzen, nach Deutschland aus und landeten in Hildesheim. Lefti fand Arbeit, Eleni fand Otto. Einen Hippie und Schlagersänger, unangepaßt, aufsässig, unabhängig. Er schien ihrem Wesen soviel besser zu entsprechen, als Lefti es tat. Vielleicht war am Ende dieses Deutschland doch nicht so schlecht …

Konnte man sich in die deutsche Sprache verlieben? War sie gar erotisch? Mann bzw. Lefti konnte! Gut, das Fräuleinwunder Traudi Haselbacher, seine Sprachlehrerin trug daran eine gewisse Mitschuld. Traudi war aus St. Pölten und mit Abstand die schönste Frau die Lefti je gesehen hatte. Wenn sie das „R“ rollte, war es um ihn geschehen und sie, sie hatte offenbar ebenfalls eine Schwäche für den südländischen Fremden …

Vielleicht hatte die Yiayia ja doch nicht richtig in den Kaffeesatz geschaut, wer konnte das jetzt noch sagen, die Ehe von Eleni und Lefti jedenfalls wurde geschieden. Wie Eleni dann nach Amerika kam und Lefti in St. Pölten landete, stand auf einem anderen Ast der weit verzweigten Familien-Geschichte …

Vea Kaiser wurde 1988 in St. Pölten geboren. Sie hat in Wien Altgriechisch studiert. Makarionissi erschien 2015 und ist ihr zweiter Roman. Ihr Debütroman „Blasmusikpop“ war aus dem Stand ein Erfolgt. Hier verlegt sie die Handlung zum Teil auf eine fiktive griechische Insel und verwebt ihr Familienepos dabei mit der griechischen Sagenwelt. Wer sich dort auskennt, wird immer wieder Paralellen entdecken.

Erzählen kann sie, die Vea Kaiser! Sie trifft immer den richtigen Ton, ist feinsinnig. Ihr Roman ist voll von Wendungen, komplex und verzweigt, trotzdem wird er nie unübersichtlich oder wirkt überladen. Ihre Figuren sind herzlich, nicht schnulzig und auch ihre Nebenrollen sind liebevoll besetzt. Wenn es traurig wird, sorgt ihr feiner Humor für eine Leichtigkeit die man nicht oft findet.

Blut ist dicker als Wasser, es geht um Familie, um Einmischung, Loslassen, Durchhalten, Aushalten. Was in dieser Geschichte geschieht, gibt uns ein Beispiel dafür, was passieren kann, wenn wir nicht lernen aus unseren Fehlern zu lernen …

Burghardt Klaußner, 1949 in Berlin geboren. Vielen bekannt als Bühnen- und Theater-Schauspieler. Er unterstreicht in dieser Hörbuchfassung wunderbar den humorigen Grundton der Autorin. Ich höre ihm so gerne zu, diesmal viel zu kurze zehn Stunden lang! Hoffentlich gibt es bald wieder etwas neu eingelesenes von ihm zu entdecken.

Ein echtes Wohlfühlbuch, Wohfühlhörbuch, mit leichter Feder, entspannt erzählt – genau passend zum Sommer! Punktabzug gibt es bei mir nur für das Cover. Wegen ihm hätte ich die Geschichte selbst nie ausgesucht. Zum Glück gab es für mich die Empfehlung einer Bücherfreundin, Danke Betti, das Du mich auf diese Reise geschickt hast 😉!