Nordwasser (Ian McGuire)

Sonntag, 06.05.2018

Eine Mischung aus Floss der Medusa und Moby Dick? Oder eher eine Story à la Meuterei auf der Bounty im Nordland? Was erwartet mich wohl hier?

Derzeit bin ich irgendwie auf Seefahrer-Geschichten abonniert, vielleicht auch, weil mich in den letzten Wochen wieder das Fernweh gepackt hat, und ich mit Wehmut an unsere Schiffs-Reise im letzten Sommer von Norwegen über Spitzbergen nach Island zurückdenke.

Damals hat mich auf Höhe der Insel Jan Mayen früh am Morgen der Staubsauger des Kabinen-Stewarts geweckt und ich konnte so, noch vor dem Frühstück, einen traumhaft schönen Ausblick auf dieses beeindruckende Eiland werfen. Bequem vom Balkon eines Kreuzfahrtschiffes aus, bei stahlblauem Himmel und strahlendem Sonnenschein, ist dieses heutige Naturschutzgebiet und Tierparadies eine wahre Augenweide:

Eingefügt: Foto Jan Mayen, Quelle Petras Bücher-Apotheke, Reise-Logbuch 2017.

Im heute hier vorgestellten Abenteuer passiert der Walfänger Volunteer nach zehn Tagen Sturm, bleiernem Himmel und Eisregen, auf seinem Weg nach Grönland, ebenfalls Jan Mayen.

(Da hatte ich doch eindeutig die besseren Bedingungen!)

Nordwasser von Ian McGuire

1859 nordwestlich von England, im Eismeer. Als der Wind nachließ, das Schiff endlich aufhörte zu schlingern, zu rollen und sich nicht mehr gegen die Wellenberge stemmen musste, fragte sich der frisch gebackene Schiffsarzt Patrick Sumner, der beinahe die ganze Zeit nach dem Ablegen kotzend unter Deck verbracht hatte, was er sich da wirklich eingebrockt hatte. War er doch davon ausgegangen, dass diese Reise für ihn eine Ferienfahrt werden würde. Die Anwesenheit eines Arztes auf einem Walfänger sei ja lediglich eine formaljuristische Angelegenheit, so ging jedenfalls die Rede. Gerade erst dem Militärdienst in Indien, wo er die Truppen ihrer Majestät zusammengeflickt hatte entkommen, wollte er jetzt mit Hilfe seiner Reise-Ration Opium, sowie der nordischen Landschaft Ruhe und Abstand gewinnen.

Soweit sein Plan, der jedoch bereits bei seinem ersten Landgang eine Delle bekam, wurde er doch in eine Kneipenschlägerei verwickelt und auf’s Heftigste „demoliert“. Ein gewisser Henry Drax und der erste Offizier halfen ihm danach in seine Kajüte, legten ihn in seine Koje und – spionierten zwischen seinen Sachen. Schon bald pfiffen die beiden Teufelsbraten durch die Zähne, entdeckten sie doch am Grund von Dr. Sumners Schiffskiste seine Armee-Entlassungspapiere mit dem Vermerk „unehrenhaft“ und einen riesigen, mit kostbaren Edelsteinen besetzten Ring …

In einem Dunst aus Fürzen und verschüttetem Bier waren wir Henry Drax in einer Taverne zum ersten Mal begegnet. Seine letzte Nacht an Land hatte er mit Huren, Schnaps und dem Mord an einem Shetlander verbracht. Was ihn kalt ließ, denn wenn sie sein Opfer mit eingeschlagenem Schädel in diesem Kohlenkeller finden würden, wäre er längst weg, mit der Geldbörse des Saufkumpans in seiner Tasche, auf dem Walfänger Volounteer unterwegs in Richtung Grönland…

Als sie ihn zwischen den Packeis-Schollen fanden, sah er aus, als wäre er bereits tot. Blass war er, jeder Tropfen Blut schien aus ihm gewichen. Wie lange er wohl im Wasser gelegen hatte? Sumner hatte nach seinem Sturz in die eiskalte Brühe schnell das Bewußtsein verloren. Ein jeder der an Bord war und ein Messer halten konnte, hatte an diesem Tag mit in die Boote gemußt. Robbenjagd war angesagt. An Land hatten sie Dutzende der Tiere erschlagen. Auch er hatte ein zerfetztes Bündel Leiber hinter sich her zurück in Richtung Boot geschleift, bevor er zu Fall gekommen war …

Unheilvoll nimmt die Geschichte jetzt Fahrt auf. Das Unheil selbst nähert sich dabei aber nicht von außen, sondern es ist längst an Bord, kauert in Lauerstellung, geduckt unter den Männern. Als einer der Schiffsjungen mit Bauchschmerzen zum Schiffsarzt kommt und dieser eine Vergewaltigung diagnostiziert, verläßt das Unheil seine Deckung. Nur wenige Tage danach findet die Mannschaft den verstörten Jungen tot auf, erwürgt. Der Verdacht fällt schnell auf einen Seemann, der sich offenkundig an anderen Ufern wohler fühlt und das Unheil? Es nimmt seinen Lauf …

Wir segeln derweil mit der Volunteer und ihren neundreißig Mann Besatzung, einem bunt zusammengewürfelten Haufen weiter nordwestwärts. Der eiskalte Nieselregen legt einen siebzig Zentimenter dicken Panzer auf ihren Rumpf, den die Mannschaft immer wieder abschlagen muss. Sumner reist in seinen Fieberträumen zurück nach Indien und wir mit ihm. Wir betreten mit ihm ein Feldlazaret, stehen zwischen den entstellten Männerkörpern, hören die Knochensäge, die ohne Unterlaß ihren Dienst tut. Dieser üble Geruch, der von denen, die die Schlacht nicht überlebt haben und von ihren amputierten Gliedmaßen ausgeht, der Schmutz, die Schmerzen und diese unsägliche schwüle Hitze, zweitausend Tote in zehn Stunden sind eine Qual …

Ian McGuire, geboren 1964 ist britischer Schriftsteller und Literaturwissenschaftler. In seinem 2016 für den Man Booker Prize nominierten Roman Nordwasser spielt er Schiffe versenken im Packeis, zwischen knirschenden Schollen, rauh und brutal wie das Nordmeer an einem stürmischen Tag. Er nimmt dabei kein Blatt vor den Mund, erschafft mit kraftvoller Sprache ein historisches Gemälde, drastisch, dramatisch und ungeschönt.

Als 1859 die Volunteer aufbricht liegt der Walfang bereits im Sterben und eine ganze Industrie stirbt mit ihm, denn man erleuchtet sich jetzt lieber mit Petroleum als mit Tran. Die Männer sind Rauhbeine, teils roh, wie so manches was hier verzehrt wird. Unfassbar, was man alles essen kann. Augäpfel von Robben, Haferbrei mit Nieren – was für ein Frühstück!

Wie vom Klabautermann zusammengetrommelt und vereint zu einer Schicksalsgemeinschaft bevölkern Abenteurer, Mörder, Versicherungsbetrüger, Sodomiten, Ehrgeizlinge, Eskimos, missionierende Priester, habgierige Reeder und einfache Seeleute diesen großartigen Roman, der vor der ehrfurchtgebietenden Kulisse der Arktis verortet ist.

Die Landschaft hier ist eine Schönheit aus glitzerndem Eis und Schnee. Die Kälte ist ein Ungeheuer. Wie aus einem Alptraum krallt sie sich an die Männer, läßt ihr Blut dicker werden, sie in der Bewegungslosigkeit erstarren. Hier wo sogar der Schweiß auf der Stirn, am Körper und die Atemluft auf den Gesichtern gefriert, das Nordlicht funkelnd und strahlend am Himmel die unwirkliche Szenerie beleuchtet, läßt McGuire uns Blinddarmoperationen auf einfachen Holztischen erleben. Als wolle er uns zwischendurch mal aufzuwärmen läßt er uns durch Dr. Sumners laudanumgetränkte Fieberträume einen anderen Kontinent betreten: Indien.

Für zarte Gemüter, sind seine schockiernd bildhaften Beschreibungen eher nicht geeignet. Man schluckt hart und trocken, wenn das Kopfkino sich mit blutigen Bildern eines grausamen Schlachtens bei Minus achtzehn Grad füllt. Geerntet werden stinkende Haut, Felle und Tran. In ihrer Verzweiflung am Ende mit halb leerem Frachtraum heimkehren zu müssen, balgen sich die tapferen Männer mit zahlreichen Haien sogar um einen halb verwesten Walkadaver. Retten sich vor dem Gestank beim Hieven und zerlegen in die Wanken …

Was für ein Roman! Ein echtes Fundstück, ein großes Abenteuer. Kein Wunder das die New York Times ihn 2016 zu einem der zehn besten Bücher des Jahres gekürt hat. Was für eine Freude, dass er jetzt zwei Jahre danach, in einer wunderbaren deutschen Übersetzung erhältlich ist und als nicht minder beeindruckende –

Hörbuch-Fassung, mit 9h und 45 Min.:

– in der unheimliche Klänge die Kapitelanfänge untermalen. Walgesang oder U-Boot-Sonar? Auf jeden Fall unheilverkündend, umfangen einen diese Töne.

Wolfgang Koch als Vorleser zu besetzten – da kann nix schief gehen! Ihn kenne ich bereits als Sprecher der Joona-Linna-Romane des Autoren-Duos Lars Keppler. Im Spannungsbereich ist er mit seiner Art des Vortrages eine Bank. Kaum einer kann wie er Sätze so in der Luft hängen lassen, dass man den Atem wie gebannt anhält. Seine kunstvollen Pausen wirken auch in diesem historischen Abenteuer wie ein Verstärker für die Spannung. Einzelne Charaktere hebt er stimmlich perfekt hervor ohne dabei clownesk zu werden. Dafür gibt es von mir eine unbedingte Hörempfehlung! Schnallt Euch an, das wird ein wilder Ritt …

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Das Labyrinth der Lichter (Carlos Ruiz Zafon)

Ostermontag, 02.04.2018

Wie sehr uns doch die Hoffnung antreibt. Hoffentlich geht es mir morgen wieder besser. Hoffentlich ist das Wetter bald wieder schöner. Hoffentlich ist er, oder sie mir nicht mehr böse. Hoffentlich geht das gut. Sätze ohne Zahl beginnen wir mit dieser Formel. Ich sitze gerade hier und überlege, wo mich dieser Beitragsanfang hinführen wird und denke, hoffentlich kriege ich die Kurve zu dem, was ich im Folgenden sagen will.

Merkt Ihr was? Mir scheint die Hoffnung ist tatsächlich die alles entscheidende Triebfeder, zumindest in meinem Leben. Was wäre es finster ohne diesen Schimmer am Horizont. Auch wenn man sich die Brille schon mal gründlich putzen muss um es zu sehen: Das Licht am Ende des Tunnels. In seinen Romanen, geht es immer um die Hoffnung, aber auch um die vielen Gesichter mit denen sich die Wahrheit maskiert.

Mit hohen Erwartungen und ja, mit der Hoffnung, dieser vierte Teil seiner Barcelona-Reihe möchte an die Wortgewalt und die Gefühlswelt der Vorgängerbände anknüpfen, bin ich in dieses Hör-Abenteuer gestartet:

Das Labyrinth der Lichter (Carlos Ruiz Zafon)

Barcelona, 1938. In der Dunkelheit eines Schiffsbauches erwacht ein blinder Passagier. Allerlei Kuriositäten türmen sich um ihn herum auf. Alte Schaufensterpuppen, eine Kutsche, Requisiten aus einer anderen Welt. Er hält sich in den Schatten verborgen, horcht auf die Geräusche des Schiffes und der Mannschaft mit angehaltenem Atem. Vor zwei Nächten hatte er sich in Valencia an Bord geschlichen und hier versteckt, in einer Gewehrkiste. Jetzt legte das Schiff an, und er, Fermin Romero de Torres, war fast am Ziel, zurück in Barcelona. Plötzlich näherten sich Schritte und diese Stimme, die laut bellend Befehle erteilte, ließ ihm das Blut gefrieren, denn sie gehörte eindeutig zu Inspektor Fumero! Der grausame Häscher der Staatspolizei höchst persönlich suchte in jeder Ritze des Schiffes und er fand was er suchte …

Der Schuß durchbohrte Fermins Waffensarg und verfehlte seinen Kopf nur um Haaresbreite. Die Nägel die anschließend durch den Kistendeckel getrieben wurden sperrten ihn für immer hier ein. Er fühlte, wie er mitsamt seines Gefängnisses in die Luft gehoben wurde, es folgten ein Fall ins Leere, dann der Aufprall und das durch die Spalten eindringende Hafenwasser wurde stetig und schnell mehr …

In seine eigene Hölle hatten sie ihn geführt. Er betrachtete seine verletzte Hand als gehöre sie nicht zu ihm. Dunkel hattte sich bereits das Fleisch an ihr verfärbt. Er wußte, dass er sterben würde, am Wundbrand, an der Sepsis, in diesem Loch hier, festgesetzt und vergessen, wenn er nicht handelte. Das Paket, das ihm in die Zelle geworfen worden war lag jetzt vor seinen Füßen. Er öffnete es ungelenk mit seiner gesunden Hand und förderte eine einfache Holzsäge zutage. Die Worte die sein Entführer ihm bei der Übergabe des Päckchens entgegen geschleudert hattte, klangen in ihm nach, (^der Tot ist zu gut für dich^), als er das Werkzeug an seinem fauligen Handgelenk ansetzte und zu sägen begann …

Textzitat: „Gewissheiten flößen Mut ein, aber lernen tut man nur mit dem Zweifel“.

Carlos Ruiz Zafon – der spanische Erfolgsautor öffnet mit diesem Roman zum letzten Mal knarrend das Tor zum Friedhof der vergessenen Bücher und gibt uns den Weg frei. Ganz wehmütig läßt er mich am Ende der Reise zwar auf den Stufen zum Eingang zurück, aber er schenkt mir damit auch eine glückliche Erinnerung an eine wunderbare Roman-Reihe.

Endlich konnte ich wieder die Türschwelle überschreiten und meine Lieblingsbuchhandlung „Sempere & Söhne“ besuchen. Jetzt steht ein Laufstall neben dem Ladentisch und Daniels zweijähriger Sohn spielt zu dessen Füßen. Und auch er ist wieder da! Mein Fermin! Was hab ich ihn vermißt, dieses schwadronierende, liebenswürdige Schlitzohr. Die Sprüche die ihm Zafon in den Mund legt sind wieder göttlich. Er ist ein wahrer Stimmungsaufheller, ihn hätte ich gerne im echten Leben zum Freund, nie ist er um eine Antwort verlegen. Literarischer Berater und bibliografischer Detektiv, so seine selbstgewählte Berufsbezeichnung. Seinen Empfehlungs-Kärtchen, die er heimlich in den Büchern versteckt, damit Bea sie nicht findet, wäre ICH auf jeden Fall gefolgt …

Meisterhaft verbindet Zafon diesmal alle losen Enden seiner drei voran gegangenen Romane, stellt klar und Zusammenhänge her. Wieviele Geschichten es doch innerhalb einer Geschichte zu erzählen gibt! Die Figur der Alicia agiert dabei als Weberin, die aus den zahlreichen Fäden ein reiches Muster webt. An ihrer Seite Vargas, der ihr Vater sein könnte, aber alles andere als das sein will.

Viele alte Bekannte treffen wir wieder, gleich ob geliebt oder gehaßt, so auch Mauricio Valls, den wir bereits in Band drei kennengelernt haben. Damals war er noch der Gefängnisdirektor auf dem Montjuic. Ein grausamer Mann, der vielen Qualen und den Tod gebracht hat. Geprägt von Besessenheit und Fanatismus, hat er sich hochgearbeitet zum Kultur-Minister. Kaum das wir aber auf ihn treffen verschwindet er, offenbar spurlos. Seine Fährte nehmen wir auf mit Alicia Gris, einer Beamtin der Staatspolizei mit eigenem Schicksal. Ein Geschöpf der Nacht, schön, unnahbar und geheimnisvoll, eigenwillig, gerissen und clever. Wir tauchen mit ihr ein in die Nacht auf der Spur eines Rätsels, werden verwickelt in Intrigen, verfolgt von den Schergen des Bösen, die sich wie die Kletten an uns heften, allen voran dieser unsägliche Endaja!

Diese Frau ist mutig bis zur Selbstüberschätzung, selbst dem Teufel würde sie alleine bis vor die sprichwörtliche Küchentür gehen. Bei Filmen halte ich mir immer die Augen zu, wenn ich es nicht mehr aushalten kann, hier hätte ich mir die Ohren zugehalten, wäre ich nicht am Autofahren gewesen. Zum Nägelkauen spannend sind diese eingestreuten Szenen.

Wir gehen auf die Suche nach dem verschollenen neunten Band einer Romanreihe mit dem Titel „Das Labyrinth der Lichter“, die von einem geisterhaften, wahnhaften Barcelona erzählt, wo einen führerlose Straßenbahnen ans Ziel bringen, wenn man denn ein Ziel hat. Finden Freunde dort, wo wir sie nicht vermuten. Erkennen in unserem Gegenüber einen Feind. Dort wo Kindsräuber und Albtraumarchitekten die Leben Unschuldiger zerstören.

Rache und Grausamkeit, bodenloser Hass und Verzweiflung, nisten zwischen diesen Seiten ebenso, wie Freundschaft, Verbundenheit, Poesie und Liebe. Und ja, meine Lieblingsfigur Fermin hat Konkurenz bekommen, Alicia Gris hat mein Herz im Sturm erobert!

Nachdem die letzte Seite dieser wunderbaren Geschichten umgeblättert ist, ziehe ich Bilanz für mich, was ich quasi nebenbei Unglaubliches über Barcelona gelernt habe. Wie sehr diese herrliche Stadt auch von schweren Bombardierungen betroffen war, dass auch sie einst in Flammen stand und was ihre Bewohner in der bleiernen Zeit der Franco-Aera erduldet haben. Ein Bombenhagel hatte Barcelona in nur einer Märznacht 1938 unter sich begraben. Neunhundert Menschen starben, darunter einhundert Kinder.

Diese Mischung macht Zafon nicht nur zu einem begnadeten Erzähler, für mich macht ihn das zu einem mehr als bemerkenswerten Autor. Poetisch im Erzählton, spannend, mystisch und berührend und wie schon zu Beginn meines Beitrags, greift die Hoffnung nach mir, die Hoffnung darauf noch viele weitere Geschichten mit ihm und von ihm entdecken zu dürfen …

Hörbuch-Fassung, ungekürzt, mit kostbaren 27 Stunden und 25 Minuten, vorgelesene Seiten 939, von Uve Teschner.

Der Kreis schließt sich, auch mit und durch ihn. Mit ihm als Vorleser bin ich in mein erstes Zafon-Barcelona-Abenteuer gestartet, mit ihm beende ich auch den letzten Band der Reihe. Ich lehne mich zurück, höre ihm zu, halte mich an seiner Stimme fest, wenn die Geschichte mich mitreißt. Er ist es, dessen Ton für mich untrennbar mit „Dem Friedhof der vergessenen Bücher“ verbunden bleiben wird. Der mich an der Tür empfängt und sagt ^Willkommen zu Hause^ in den Geschichten von Zafon!

Mal sanft, mal ruhelos, mal eifersüchtig, mal durchtrieben. Er holt alle Figuren stets dort ab, wo sie stehen. Seine Interpretation des üblen Folterers Endaja treibt mir den Angstschweiß auf die Stirn. Schlangengleich verhört dieser seine Opfer. Wie festgenagelt folgt man der Szene, sieht man sich selbst diesem Unhold gegenüber sitzen. Herrlich naiv dagegen legt er den jungen Fernando an, kratzig und kraftvoll Alicias Beschützer Vargas und er schafft es auch, dass sich Fermin tatsächlich älter anhört, vertraut und doch anders.

Danke für dieses Hörerlebnis, es war mir ein Fest!

Mein Dankeschön geht an dieser Stelle auch an den Übersetzer der Barcelona-Reihe, an Herrn Peter Schwaar. Er ist es, der den spanischen Erzählton Zafons so grandios, so klangvoll, ins Deutsche übertragen hat, die Sätze in einer neuen Sprache noch einmal ausbalanciert. Merci dafür!

Sieben Lichter (Alexander Pechmann)

Einer der sonderbarsten Kriminalfälle des 19. Jahrhunderts? Eine vergessene Geschichte? Dazu ein traumhafter Bucheinband in Halbleinen. Das klingt doch nach einem wahrhaften Schatz, findet Ihr nicht? In einer meiner Lieblingsbuchhandlungen habe ich ihn entdeckt.

Bei meinem letzten Besuch dort war ich in dieser einen Stimmung. Hatte das Gefühl mein Leben schlägt mit mir Purzelbäume und ich war noch schwindlig von den vielen Rollen vorwärts. Wußte nicht so recht in welche Richtung es gerade mit mir will – dann brauche ich erst einmal Abstand, lesend eine Auszeit. Ganz automatisch, fast wie ferngesteuert, lande ich dann bei solchen oder ähnlichen Geschichten, lese mich weg in ferne Zeiten, oder auch in ferne Welten. Wenn ich dann zwischen den Seiten wieder auftauche, sehe ich klarer, bin ruhig, kann entscheiden …

Sieben Lichter (Alexander Pechmann)

Zitat: Purpurne See weissagt der Sonne Nahn – Eh sie emporsteigt sei die Tat getan! Lord Byron

Im Sommer 1828.

Eigentlich sollte es ein harmloser Besuch bei Cousine Elisabeth werden. Als Reverend Scoresby, noch in den Flitterwochen, und sein Schwager, Colonel Fitzgerald im Hafen aus ihrer Kutsche stiegen und auf dieses Schiff stießen. Die Brigg Mary Russell lag hier vor Anker und stand unter Bewachung. Einen grausamen Fund habe man gemacht, so lautete die Auskunft. Die Mannschaft der Brigg, alle bis auf wenige Überlebende sei tot. Gefesselt, geschunden, massakriert im Bauch des Schiffes gefunden worden, der Kapitän verschwunden, die Überlebenden verstört. Das alles war offenbar auf hoher See passiert. Die Mary Russell war auf dem Rückweg von Barbados gewesen, hatte braunen Zucker und Leder geladen, war kurz vor der irischen Küste von einem anderen Schiff gesichtet worden, führerlos, das Steuerrad mit einem Seil fixiert …

Dem ersten Offizier Smith fehlte ein Auge, sein Gesicht war blutverkrustet und entstellt. Seinen Körper zierten zahlreiche Stichwunden, entkräftet und zitternd duckte er sich jetzt unter die rauhe Wolldecke, wiegte seinen Oberkörper vor und zurück, vor und zurück, als er schließlich stockend zu erzählen beginnt, was sich auf der Mary Russell zugetragen hat …

Der Wiener Autor und Herausgeber Alexander Pechmann arbeitete bereits als Übersetzer für die ganz großen Namen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Die Romane von Melville, W.B. Yeats, Mark Twain, Mary Shelly, H.P. Lovecraft, um nur einige zu nennen, hat er uns in deutscher Sprache geschenkt. Er ist Jäger und Sammler, hat eine Vorliebe für verlorene Texte und vergessene Geschichten. In seinem ersten eigenen Roman „Sieben Lichter“ erzählt er uns genaus so eine, eine vergessene Geschichte. Vielmehr sein Ich-Erzähler Fitzgerald tut es für ihn und für uns.

Der Fall scheint klar, glasklar. Die Aussagen der Überlebenden, ihre Verletzungen, sprechen ja eine deutliche Sprache. Allen voran die drei Schiffsjungen, Kinder waren sie ja noch, wirken glaubwürdig. Der einzig in Frage kommende Täter war der Kapitän der Mary Russell. Er musste mit dem Teufel im Bunde gewesen sein, einen Pakt mit ihm geschlossen haben, zum Preis von sieben Seelen. Sieben Männer seiner Crew hatte er dafür kaltblütig erschlagen. Da spielte es keine Rolle, das der Kapitän, Stewart der Name, zuvor als ein integerer, gottesfürchtiger, unbescholtener Mann gegolten hatte. Auf See war man in Gottes Hand und wer sich gegen ihn stellte, dem war der Wahnsinn sicher! Pappalapap Meuterei! Wer sollte denn da gegen ihn gemeutert haben und aus welchem Grund? Die Volksseele kochte.

Wo war dieser Schuft jetzt? Man hatte ihn über Bord gehen sehen und zu einem Ruderboot schwimmen, das längsseits gegangen war. Seiner Ehefrau legten besorgte Nachbarn mittlerweile den Wegzug nahe. Wenn der Fall erst vor Gericht ging und ihr Mann des Mehrfachmordes angeklagt wurde, war sie hier nicht mehr sicher. Sie und ihre vier Kinder, mit dem fünften war sie hochschwanger …

Fragen über Fragen häufen das ungleiche Ermittlerpaar Reverend Scoresby und Colonel Fitzgerald an, die offiziell überhaupt nicht mit der Aufklärung betraut sind. Sie gehen auf eigene Faust Ungereimtheiten nach und lassen nicht locker. Wer dabei wohl eher wen mitzieht? Fitzgerald erweist sich als besonders aktiver Zuhörer, Scoresby als der aufmerksame Beobachter. Wessen Wahrheit betrachten wir da gerade?

Spannend und atmosphärisch erzählt, rätselt man von Anfang an mit. Erlebt mit, wie sich die beiden Scoresby und Fitzgerald einander annähern, sind sie sich am Anfang ja so gar nicht grün. Vielmehr kann eigentlich Fitzgerald mit seinem neuen Schwager, dem ehemaligen, erfolgreichen Kapitän zur See, Scoresby, nichts anfangen. Ja, er neidet ihm gar sein Ansehen, seine Berühmtheit, die er nach zwanzig Jahren Dienst auf einem Walfänger in der Arktis erlangt hat. Angeblich hatte er nach dem Tod seiner ersten Frau in der Eiswildnis der Arktis zu Gott gefunden, seine Teerjacke an den Haken gehängt und Theologie studiert. Jetzt war seine Basis die Floating Chapel, ein zur Kirche umgebautes Schiff im Hafen von Liverpool und er dort Reverend. Mit einer unverwüstlichen Zuversicht predigte er jetzt dort für die Seeleute, versuchte sie vom Schnaps und den Huren fern zu halten. Seine Seefahrervergangenheit war ihm dabei ein Türöffner, ja er wurde geradezu verehrt, schien ihm doch nichts menschliches fremd.

Es wird klassisch ermittelt und ich wage an dieser Stelle mal einen Vergleich mit Franzobels Roman „Das Floss der Medusa“, der seine Version eines historischen Schiffsunglücks mit epischer Wucht, und mittels eines polarisierenden Erzählstils verpackt hat. Pechmann schlägt in den Sieben Lichtern eher die leisen Töne an, die Brutaliät der Geschehnisse rückt er nicht in den Vordergrund. Vielmehr zeigt er das Rechtsverständnis der damaligen Zeit auf, arbeitet Unterschiede zwischen Glauben und Aberglauben heraus. In dem er einem Mann des Glaubens, der viel vom Leben gesehen und eigene Grenzerfahrungen gemacht hat, den Ermittlerstab übergibt, ihn mit einem „Otto-Normal-Denker“ in den Gedankenaustausch schickt, entstehen wunderbare, fast philosophische Dialoge. Was macht uns Menschen menschlich, der Glaube oder vielmehr der Zweifel …?

Mit beiden Herren bin ich gerne durch die Docks gestreift, habe aufmerksam den Antworten gelauscht, die sie eingesammelt haben. Mich an eine eigene Reise nach Liverpool erinnert, die mich auch in das mittlerweile restaurierte, einst verrufene Viertel der Docks geführt hat. Auch wenn heute dort die Beatles präsenter sind als die großen Segler vergangener Tage, dieser Hafen hat etwas ganz und gar einzigartiges an sich, jeder Stein atmet hier Seefahrer-Geschichte. Die Mischung aus hochmoderner Architektur und dem bewahrten Erbe hat mich sehr beeindruckt, schaut mal auf diesen Schnappschuss, den ich damals gemacht habe:

Mein Fazit: Ein kleiner, feiner Roman, der gekonnt Fakten und Fiktion mischt. Das Leben und Wirken des heute fast vergessenen Seefahrers Scoresbys sind belegbar verbrieft. Seine im Roman dargestellten Ermittlungen basieren auf Augenzeugenberichten die 1850 veröffentlicht wurden und auf seinen eigenen Publikationen. Wer nach diesem Roman Lust auf noch mehr Informationen über Scoresby und diesen Fall hat, der findet diese auch in einem historischen Sachbuch, das 2010 erschien. In „The Ship of Seven Murders“ versuchen zwei Autorinnen die Geschehnisse mithilfe moderner Psychologie aufzuklären. Interessanter Ansatz!

Unter der Drachenwand (Arno Geiger)

Samstag, 17.03.2018

Wir stehen morgens auf, beginnen unser Tagwerk, müssen uns keine Sorgen machen, ob wir genug zu essen haben. Rätseln höchstens darüber wie es funktionieren kann, sich gesund zu ernähren. Müssen uns nicht im Keller vor Bomben verstecken, vor Übergriffen auf der Straße Angst haben, können laut und frei die eigene Meinung äußern. Wir leben schon lange in einer Zeit anhaltenden Friedens in Deutschland. Dabei sind die Entbehrungen, Trümmer und die Angst in Kriegszeiten für viele von uns nur eine Armlänge entfernt, dann wenn wir Großeltern haben oder hatten, die ihn, einen der großen Kriege, selbst erlebt haben.

Mein Großvater Wilhelm durfte nach dem zweiten Weltkrieg aus russischer Gefangenschaft heimgekehren, auf seinen eigenen zwei Beinen. Nach der ersten Nacht zu Hause hatte sich sein Haar schneeweiß gefärbt. Über das was er dort in der Eiseskälte bei Stalingrad und sonst wo erlebt hatte, hat er mit uns Kindern nie gesprochen. Einzig, dass er niemanden, zum Schneiden seiner Zehennägel an seine Füße ließ, war für uns auffällig und wenn ich, sein „Jockel“ wie er mich nannte, ihn an den Füßen kitzelte, wenn er auf dem Chaiselounge in der Küche seinen Mittagsschlaf hielt, wurde er streng. Er hatte kein wirkliches Gefühl mehr in ihnen, seinen Zehen, sie waren ihm erfroren in diesem Kriegswinter und er versteckte sie stets, ob Sommer oder Winter in dicken Wollstrümpfen …

Unter der Drachenwand (Arno Geiger)

Diesmal hatte er kein Glück gehabt, er war in einen Hagel aus Granaten-Splittern geraten. An der Wange, im Oberschenkel unter seinem Schulterblatt waren sie eingedrungen. Dem Blut, dass aus ihm herauslief, hatte er ungläubig nachgeschaut. Wie ein Bächlein wollte das Leben aus ihm entweichen, aber noch war er am Leben. Irgendwie war er in dieses Lazaret gekommen, nach fünf dunklen Jahre als Soldat im Feld und nach dieser Verletzung stand ihm jetzt ein Genesungsurlaub zu.

Freuen hätte er sich doch müssen, endlich wieder zu Hause sein, bei den Eltern. Gut meinten sie es doch mit ihm. Die Eltern wollten erfahren, wie es ihm ergangen war. Für ihn aber war es wie eine Strafe, denn sie erwarteten das, was er nicht wollte, nicht konnte, dass er erzählte. Er blieb verstockt, wollte nicht reden, nicht rühren an dem Erlebten, und sie, sie bedrängten ihn.

Der Vater mit seiner politischen Überzeugung und seinem schier grenzenlosen Optimismus, dass sie Teil eines großen Plans, einer großen Erneuerung sein würden. In seinen Frontbriefen war das schon schwer auszuhalten gewesen, jetzt hier im persönlichen Gegenüber schnürte es Veit die Luft ab. Wieviel Zeit er verloren hatte! Danach fragte der Vater nicht. Ein Studium hätte er beginnen und abschließen, im Beruf stehen, unabhängig von den Eltern sein können. Von seinem Vater, der ihm unablässig gute Ratschläge wie Schläge erteilte …

Er musste hier raus, hier konnte er nicht genesen. Ein Ausweg tat sich auf. Ein Onkel wohnte doch am Mondsee, war dort Ordnungshüter, würde er nicht bei ihm unterkommen können? Am Fuß der Drachenwand Ruhe und Erholung finden? Wurden nicht auch dorthin die Kinder aus den Städten verschickt, die unter stetem Bombenhagel lagen?

Zeitungspapier zum Warmhalten unter den Socken. Aus Konservendosen Kartoffelreiben basteln. Der ständige Mangel an allem, gleich ob Draht, Dachpappe, Nahrung oder Brennstoff machte aus allen Meister der Improvisation. Auch hier am Mondsee, obwohl dort die Zeit still zu stehen schien. In diesem Frühling, als Veit „die Darmstätterin“ kennenlernte …

Hörbuch-Fassung:

Torben Kessler – geb. 1975 in Bielefeld, Fernseh- und Theaterschauspieler, arbeit auch als Synchron- und Hörbuchsprecher. 2016 wurde er für den Deutschen Hörbuchpreis nominiert.

Er agiert als Hauptsprecher in dieser Fassung, übernimmt den überwiegenden Part. Einfühlsam verleiht er dieser schweren Zeit mit angemessenem Ton Tiefe und eine Traurigkeit, die berührt. Seine Stimme klingt jung, jung und verletzlich, er gibt damit einen Veit Kolbe zum Anfassen.

Die eingestreuten Briefe werden jeweils von anderen Sprechern gelesen und verleihen dem Roman so eine sehr persönliche Note. Man meint den Briefschreiber, die Briefschreiberin durch das Vorlesen selbst zu hören. Besonders Cornelia Niemann fand ich in ihrer Rolle als Mutter der Darmstätterin Margot sehr authentisch.

Aber auch Michael Quast und Torsten Flessing als Kurt sind ein Gewinn für diesen Roman.

Der österreichische Autor Arno Geiger wurde 1969 in Bregenz geboren. Von den Bestseller-Listen kennen wir ihn auch in Deutschland. Mit seinem Roman „Der alte König in seinem Exil“ hatte er sich hier 2011 einen Spitzen-Platz erobert. Als Sohn schrieb er damals über die Demenz-Erkrankung seines Vaters.

Ein Autor, der das schriftstellerische Handwerk par exellence beherrscht und mich sprachlich und inhaltlich komplett abgeholt hat.

Seinen Roman läßt Arno Geiger 1944 beginnen und wir, seine Leser, begleiten Veit Kolbe in seinen Genesungsurlaub an den Mondsee, zu Füßen der Drachenwand. Erleben seine Albträume mit, lernen mit ihm den „Brasilianer“, Margot und Nanni kennen. Stellen uns mit ihm den Bildern und Geistern, die seine Zeit im Feld ihm beigebracht haben.

Darf man auch in solchen Zeiten verliebt sein? Dem Alltag ein kleines bisschen Glück abtrotzen? Dann wenn der Himmel Feuer fängt, man die Luft vor Ruß und Staub nicht mehr atmen kann. Übermüdet und vor Hunger entkräftet.

Kinderverschickung, was für ein Wort! In Sicherheit wollte man sie wissen, riss Familien damit auseinander, ersetzte Nestwärme durch Drill und Gleichschritt.

Erschüttert erfährt man, dass nach langen Bombennächten eine ganze Hausgemeinschaft von siebzehn Menschen am Ende in einen Sarg paßt. Ist dabei wenn aus Nachbarn Kellermenschen mit Leichenhänden werden. Verpfuschte Leben und das Verbot der freien Rede, Drückeberger die als solche beschimpft und abgestempelt werden. Angespuckt und verstoßen, verhöhnt und gequält.

Eingeflochtene Briefe. Wie Weidenruten in einem Korb, geben sie Geigers Geschichte ein verbindendes Gerüst. Briefe aus dem Krieg in den Krieg, Briefe einer Mutter an ihre Tochter, Briefe an eine erste große Liebe, Briefe jüdischer Väter an Verwandte über Enteignung, Verzweiflung und den Wunsch nach Flucht. Alle Facetten decken Sie ab, diese Einzelschicksale rühren zu Tränen, zu Tränen der Trauer und der Wut. Phasenweise habe ich eine Pause gebraucht, so nah kamen die Schilderungen an mich heran. Vermissen und vermisst sein, ausweglos, trostlos, hoffnunglos, für diese Briefwechsel, diese Geschichten braucht man Kraft.

Ein Roman gegen das Vergessen und für das Leben, der eigene Erinnerungen weckt, an das, was dieser Krieg auch in der eigenen Familie angerichtet und hinterlassen hat …

Traurigkeit (aus Hermann Hesse, Die Gedichte, Insel-TB S.693)

  • Die mir noch gestern glühten,
  • sind heut dem Tod geweiht,
  • Blüten fallen um Blüten
  • vom Baum der Traurigkeit.
  • Ich seh sie fallen, fallen
  • wie Schnee auf meinen Pfad,
  • die Schritte nicht mehr hallen,
  • das lange Schweigen naht ….

Commissaire Le Floch (Jean-Francois Parot)

Sonntag, 04.03.2018

Wer hat’s erfunden? Nein, diesmal waren es wohl eher nicht die Schweizer. Obwohl der Begriff „Polizei, abgeleitet wird vom griechischen „Polis“(= die Institution), haben ihm die Franzosen eine maßgebliche Prägung gegeben. Das bereits in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhundert, welches aufgrund der Spannungen zwischen Monarchie und dem nach Gleichberechtigung strebenden Bürgertum nach einer ordnenden Hand verlangte. Der französische Verwaltungsapparat durfte damals bis in die Privatsphäre seiner Bürger greifen, der Begriff Polizeistaat war geboren. Quasi als frühe Aus-und Weiterbildungsmaßnahme wurden damals auch britische Polizisten nach Frankreich geschickt, wo man schon die Forensik als Ermittlungstechnik nutzte. Vielleicht erinnern sich einige von Euch noch an meine Rezension zu David Morells „Opium Mörder“, den dieses Zusammenspiel und die Polizeiarbeit in ihren Anfängen aus britischer Sicht beschäftigt hat.

In diesem historischen Kontext spielt auch der Kriminalroman, den ich Euch heute vorstellen möchte. Eine Behörde erhält Struktur und Mandat, mit Leben erfüllt von Menschen wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten, Ehrgeiz, Korruption und Königstreue inklusive. Laßt uns beiseite treten und Platz machen für einen neuen Ermittler auf dieser Bühne …

Commissaire Le Floch & das Geheimnis der Weißmäntel

Paris, 1761. Wie tief man doch sinken konnte. Einst war sie die Lieblingshure hochgestellter Herren gewesen, jetzt vegetierte sie im Dreck. In mehreren Schichten legten sich die abgetragenen Kleider zerfetzt und vor Schmutz starrend um ihre ärmliche Gestalt. Eine Suppenküche für solche wie sie, hielt sie gerade eben so über Wasser. Hier in diesem Stadtviertel, wo die Abdecker die Überreste ihrer Arbeit abwarfen, suchte sie nach Zutaten. Den Gestank, der hier in der Luft stand wie eine Wand, nahm sie schon lange nicht mehr wahr. Man durfte nicht wählerisch sein, blieben einem nur noch wenige Optionen und es musste ja niemand wissen, woher sie ihr Fleisch nahm. Gerade wollte sich sich mit dem Messer in der Hand über den Pferdekadaver vor ihr beugen, um ein noch brauchbares Stück aus den Knochen zu lösen, da hörte sie zwei Männerstimmen miteinander zanken. In den Schatten verborgen beobachtete sie, wie die beiden das was sie zwischen sich trugen ablegten. Sie duckte sich, wie ein Tierkadaver sah dieses gut verschnürte Bündel nicht aus. Als die beiden Männer sich entfernt hatten, trat sie langsam näher und ihr stockte der Atem …

Inspektor Lardin war verschwunden. Seine Frau außer sich, sein Chef nicht minder. Auch wenn Lardin für sein Umtriebe berüchtigt und gerade Karneval war, war dieses lange Fernbleiben eindeutig ein Grund zur Sorge. Nicolas le Floch, erst seit kurzem in Paris und eigentlich noch in der Ausbildung zur Verbrechensaufklärung, traute seinen Ohren nicht. Sein Chef beauftrage ihn, den Neuen mit der Suche nach dem verschwundenen Kollegen? Er dürfe über alle Mittel verfügen die er brauche und auch einen Assistenten wählen? Aber diskret müsse er sein. Mit Feuereifer stürzte er sich in die Arbeit. Das würde schon werden, er verlief sich immer weniger in den Straßen von Paris und auch seine erste Befragung war durchaus fruchtbar, wenn auch im Ergebnis nicht erfreulich gewesen. Denn der verschwundene Kommissar schien nicht gerade eine weiße Weste zu haben, das Wort korrupt wollte Le Floch jedoch lieber noch nicht in den Mund nehmen …

Ein prall ausgestattetes Sittengemälde mit Kriminalfall, ein Muß für alle Paris-Fans. So läßt sich der erste Band der historischen Krimi-Reihe um Commissaire Nicholas le Floch für mich am Besten beschreiben. In Frankreich hat die Reihe bereits eine Riesen-Erfolgswelle ausgelöst und diese ist jetzt auch nach Deutschland geschwappt.

Der französiche Autor Jean-Francois Parot, kennt sich aus im 18. Jahrhundert. Er studierte Geschichte und Ethnologie, ist ausgebildeter Ägytptologe und spezialisiert auf dieses Zeitalter. Das spürt man in jedem Kapitel. Dem über vierhundertfünfzig Seiten starken Krimi ist dann auch ein ausführliches Glossar angefügt und ein Verzeichnis mit allen im Kontext vorkommenden historischen Persönlichkeiten, die er kurz vorstellt.

Wem das an „Futter“ noch nicht genügt: Es gibt auch eine kostenlose E-Book Zugabe über das Schaffen von Parot und mit noch mehr Hintergrundinformationen zu Paris in dieser Epoche. Das nenne ich gründlich und ausführlich! Ergänzend ist die Klappenbroschur von Band 1 zusätzlich mit einem Stadtplan von Paris, datierend auf 1761 ausgestattet, Cover und Rückumschlag sind ausklappbar (sehr ansprechend!). Das hat mir, die Handlungsorte gerne visualisiert, bei der Orientierung in der Geschichte sehr geholfen.

Hier feiern wir Karneval im Winter 1761, derb und frech, begeben uns auf eine Zeitreise mitten in den Dreck. Henker fungieren als forensische Berater, verblüffen mit ihren anatomischen Kenntnissen. Geheimgänge im Untergrund, bevölkert von Hunderten von Ratten, ihre Augen funkeln rot in den Schatten, quiekend und Zähne bleckend lassen sie von ihren Opfern nur widerstrebend ab, wenn wir uns mit festem Schritt nähern.

Die Bastille – das ehrfurchtgebietende, feuchte, modrige Staatsgefängnis. Jede Mauerritze schwitzt hier Salpeter und andere Salze aus. Die Luft ist schwer und dicht, nicht gerade eine fünf Sterne-Unterkunft und dennoch zahlt man als Gefangener hier für Essen, Laken und Nachttopf. Immer noch besser als im Chatelet zu landen, wo es Zellen gibt in denen man nur im Wasser steht, sich nicht niederlegen oder aufrecht stehen kann.

Wir erleben das Pro und Contra der „peinlichen Befragung“, abgeleitet von „Pein“ – heute sagen wir dazu schlicht Folter.

Es wird gefochten wie bei den drei Musketieren und Nicolas muss sein Können in einem Kampf auf Leben und Tod unter Beweis stellen. Herrlich, ich liebe solche Mantel und Degen-Szenen!

Gut gekleidet, wir kommen vom besten Schneider der Stadt, die Perücke sitzt und ist gepudert, werden wir unserem König vorgestellt! Man stelle sich vor, weil ER das so wünschte! Uns stockt der Atem, als unsere Kutsche vor Versailles hält, wir halten uns am Riechsalzfläschen fest.

In der Auflösung seines Falls kommt der Gute Le Floch dann irgendwie herrlich „missmarpelig“ daher. Führt alle noch losen Fäden zusammen, verblüfft mit seinen Schlussfolgerungen in einem Schluss-Pladoyer für das er alle Beteiligten versammelt. Ist er in diesem ersten Band noch ermittelnder Aussenseiter, wird man ihn beim nächsten Mal auf dem Schirm haben müssen. Ihr Gauner im guten alten Paris aufgepaßt, there ist a new sheriff in town!

Die goldene Stadt (Sabrina Janesch)

Sonntag, 18.02.2018

Es gibt Geschichten, von denen liest oder hört man, und man weiß sofort, sie können nicht erdacht sein. So viel Unglaubliches, so viel Leben, so viel Tragik steckt in ihnen. Warum sie bislang noch niemand erzählt hat, fragt man sich dann.

Wenn man den Roman „Die goldene Stadt“ von Sabrina Janesch aufblättert, findet man zahlreiche alte Fotos und eine von Hand gezeichnete Karte der Gegend rund um den peruanischen Fluß Urubamba und man liest zunächst in einem Vorwort der Autorin von einem nebligen münsteraner Morgen im Oktober 2012.

An diesem Tag stolperte Sabrina Janesch über einen Artikel in der Süddeutschen Zeitung in dem stand, dass ein Deutscher bereits in den 1870zigern und nicht der Amerikaner Hiram Bingham 1911 die legendäre, verlorene Stadt der Inka Machu Picchu (alter Berg) entdeckt haben soll.

Viele Male hatte Janesch selbst schon Peru bereist, kannte die Geschichte von Bingham, dem das Tiffany-Vermögen sein Entdeckertum finanziert hatte, in- und auswendig, war fasziniert von ihr. Was wenn ihm tatsächlich jemand zuvor gekommen war und die Welt davon nichts wusste?

Janesch nahm sich vor, die Hintergründe dieses Artikels zu recherchieren und schon bald fiel ihr auf, dass die Entdeckungsgeschichte von Machu Picchu tatsächlich nicht genauestens erforscht und aufgezeichnet worden war. Sie grub tiefer, reiste erneut nach Peru, stieß auf eine von Hand gezeichnete Karte dieses Berns, hatte mit den damaligen Entdeckern eines gemein, den unbedingten Willen diesem Rätsel auf den Grund zu gehen und deren Geschichte zu erzählen. Wer war dieser Berns? Großer Entdecker, Schlitzohr, Betrüger oder gar Hinweisgeber für Bingham?

Die goldene Stadt (Sabrina Janesch)

Endlich! Blinzelnd blickte Rudolph auf die Spitzen der Anden, die sich aus dem Nebel heraus geschoben hatten. Er hatte es geschafft, er war tatsächlich bis hierher gekommen. Er war der Sklavenarbeit in der Eisenhütte seines Onkels entkommen, hatte den Stürmen, dem Huger und der Seekrankheit getrotzt. Beinahe zögerlich hatte er seine Füße nacheinander auf das für ihn gelobte Land gesetzt. Peru! Wenn ihn doch jetzt nur sein Vater sehen könnte. Wie oft hatten sie gemeinsam über die Aufzeichnungen von Humboldt sinniert. Nein, er durfte nicht träumen! Es galt voran zu schreiten. Kaum gedacht und umgedreht, rempelte ihn ein Pelikan und hinterließ eine weiße Spur auf seinem, beim Kartenspiel gewonnenen, einzigen, dunkelblauen Anzug. Vermalledeit nochmal! Auf den ersten Eindruck würde es doch gleich ankommen, wenn er in wenigen Minuten für einen Job bei der Eisenbahn vorsprechen wollte. Sein Schicksal würde von diesem Eindruck abhängen …

Der Kanonendonner war ohrenbetäubend, die ersten Einschläge ließen die Männer in der Festung von Callao fallen wie die Fliegen, in Fetzen gerissen, zum Schreien blieb ihnen keine Zeit mehr. Berns, der nur als Ingenieur und kundiger Schmied für die maroden Eisenteile angeheuert hatte, sah sich plötzlich in mitten dieser Hölle aus Rauch, Feuer, Splittern und Tod. Zu Hause in Deutschland war er, vor noch nicht einmal einem Jahr, vor dem Militärdienst geflohen, an’s andere Ende der Welt, nur um auch hier dem Krieg nicht entkommen zu können? Um verwickelt zu werden in eine Schlacht, die in die Geschichtsbücher eingehen sollte. Die spanischen Schiffe, draussen auf dem Meer, landeten einen Treffer nach dem anderen, wie sollten sie diese Übermacht lebend überstehen? Sie saßen in der Falle …

Er hatte es gewagt! Die Festanstellung und die Beförderung bei der Peruvian Railway hatte er zum Bedauern und Erstaunen seines Chefs ausgeschlagen. Komme was da wolle, er würde jetzt endlich das tun, wozu er hergekommen war. Er würde aufbrechen um sie zu finden, die geheimnisvolle goldene Stadt der Inka, El Dorado! Der einzige Weg zum Erfolg seiner Expedition führte über eine gute Planung und mehr Wissen, soviel stand fest. Alle Aufzeichnungen die es in Cusco über die Inka gab, waren hier versammelt, im Sonnentempel, in den jetzt ein katholisches Kloster eingezogen war. Seiner Eloquenz und einer List hatte Berns es zu verdanken, dass der Prior ihn schlußendlich in sein Allerheiligstes vorließ, in die Bibliothek. Als Rudolph den Schlüssel im Schloß gedreht und die Tür knarzend geöffnet hatte, sog er scharf die Luft ein. Hier herrschte das reinste Chaos, alle Schriften, alle Pläne lagen unsortiert, von einer dicken Staubschicht bedeckt, vor ihm und ihm blieben bis zum Ende der Regenzeit nur noch vier Wochen …

Sabrina Janesch, geboren 1985 in Gifhorn, lebt heute in Münster, für ihr schriftstellerisches Schaffen hat sie bereits mehrere Preise eingeheimst.

Wie eine Schlange windet sich der Urubamba über einen Teil des Buch-Covers. Hier fährt er heute, der Zug durch das Fluß-Tal. Im Roman erleben wir die Anfänge der Peruvian Railway. Davon das Machu Picchu einmal gerodet, beschriftet und sogar massentouristisch erschlossen sein würde, daran denkt in dieser Geschichte noch niemand, man sucht erst danach, oder vielmehr nach dem Gold in der verlorenen Stadt El Dorado. Die modernen touristischen Entdecker sind heute gut verpflegt und mit Allwetter-Kleidung unterwegs. Im Gepäck haben sie dann hoffentlich diesen Roman. Denn wirklich gute Abenteuergeschichten gibt es für meinen Geschmack viel zu selten, in den Buchhandlungen meines Vertrauens begebe ich mich regelmäßig nach ihnen auf Schatzsuche. Das hier ist ein wahrer Goldfund!

Hier flirrt die Luft von Goldstaub und Farben. Sie ist gesättigt mit Sehnsucht, Leidenschaft, Wagnis und Mut. Janeschs eigene Liebe und Begeisterung für Peru spürt man dabei in jedem Wort. Sie zaubert, um den historisch verbrieften Kern, um das Leben des Deutschen Rudolph Berns herum, eine Entdeckergeschichte vom Feinsten. Wir folgen ihr und dem Ruf des Goldes in eine verlorene Welt, die vor unserem geistigen Auge erwacht, fesselnd und szenisch hinreißend beschrieben.

Sie erzählt mit leichter Feder, brilliant recherchiert, verzettelt sich in dieser Opulenz nie und hat eine Sprache, die mich Glücks-Tränchen zerdrücken läßt.

Voll erwischt hat sie mich, als ich in einem Kapitel über den Ausdruck „simmelieren“ gestolpert bin, den immer meine Oma verwendet hat, wenn ich mal wieder am Grübeln war. Verlorene Wörter aus einer vergangenen Zeit. Sie setzt diese so präzise ein, dass man den Ton dieses Jahrhunderts im Bauch spüren kann.

Ich bin ihr und Berns so gerne gefolgt, um Kap Hoorn auf schwankenden Blanken, vorbei an Feuerland, über die Höhenzüge der Anden –

– dorthin wo ich körperlich selbst wohl nie hinkommen werde nach Machu Picchu, zur sagenhaften Stadt der Inkas, hoch oben auf 2.430m, im Dschungel von Peru.

Hier war ich auf der Flucht vor handtellergroßen Taranteln, Scorpionen, Vampirfledermäusen, giftigen Schlangen und ganzen Schwärmen von stechenden Insekten. Dann wieder staunte ich schlaflos über leuchtende Käfer, die Geräusche des Dschungels hielten mich furchtsam die ganze Nacht wach. Die Regenzeit mit ihren Schlammlawinen, die Luft ist verdammt dünn, nur keuchend konnte ich die Aufstiege bewältigen und es war saukalt unter meinem Wollponcho, hier oben auf den Andenpässen, die bis in den Himmel zu ragen scheinen.

Plötzlich lichtete sich die Neblina und ich habe den Kopf in einem Kolibri Schwarm, staune über Kondore, die die Aufwinde in den Canyons zum Segeln nutzen. Riesige Mahagonibäume, wilde Orchideen und Bromelien in Hülle und Fülle. Was für ein faszinierendes Land! Diese Kontraste aus schwindelerregender Höhe, Kargheit und einer Vegetation, die so üppig ist, dass sich selbst nach einem Schlag mit der Machete sofort das Dickicht hinter mir wieder schließt. Dazwischen die Ruinen einer versunkenen Kultur, architektonisch noch heute aufsehenerregend.

Helden, die schneidig, verwegen und unerschrocken an Indiana Jones erinnern. Entdecker, die einer tiefen Melancholie anheim fallen, entreißt man ihnen ihr Ziel. Wie die Kirsche auf der Torte fügt Janesch, als Garnitur noch einen Einsatz Berns beim Bau des Panama-Kanals hinzu. Unfassbar wie viel Geschichte zwischen zwei Buchdeckel passen kann!

Der Wagemut ihrer Hauptfigur Rudolph, sein Durchhaltevermögen, sein Entdeckergeist, sein unbedingter Wille, haben ihn zu einem meiner liebsten Buch-Helden und diesen Roman zu einem Highlight meines Lesejahres werden lassen.

Sein ganzes Leben widmete der Deutsche der Erfüllung seines Traum, lebte ihn, erlitt ihn, ordnete ihm alles unter. Die Stimme des Vaters, die auch über dessen Tod hinaus, als Wegweiser in ihm irrlichterte. Die Erreichung seines Wunsch-Ziels wurde ihm zur Prüfung, forderte ihm alle Kraft und Willensstärke ab. Von 1863 bis 1872 war er, immer von der Regenzeit und finanziellen Nöten unterbrochen, im peruanischen Hochland und in der Cordillera Vilcabamba unterwegs. Was für ein Gefühl es gewesen sein muß, als er sich dann endlich am Ziel sah!

Verkannt, vergessen – was für eine tragische Gestalt! Ob er tatsächlich so tickte, was die Autorin dabei fiktional ausschmückt, wird schnell zur Nebensache. Janesch erweckt ihn für uns liebevoll gezeichnet und voller Ehrerbietung zum Leben.

„Der hat sich was getraut“ (Textzitat). Fürwahr!

Das Päckchen (Franz Hohler)

Montag, 05.02.2018

Wir würden bald dort sein, meinte der Reiseleiter. Es regnete in Strömen und durch den Dunst, der aufgezogen war, konnte man den Straßenverlauf vor uns kaum noch sehen. Schade, so ein Wetter, ausgerechnet heute, dachte ich im Stillen. Nebelverhangen lag die Benediktiner-Abtei, die wir besuchen wollten vor uns am Berg 516 ü.N. Montecassino. Laut Wikipedia hatten hier 250 von 800 Mönche und Zivilpersonen, am Ende des zweiten Weltkrieges, (1944) auf diesem Bergsporn zwischen Rom und Neapel den Tod gefunden.

Ein Bombardement der Allierten, mit fast 500 Tonnen Spreng- und Brandbomben, hatte das Kloster damals, mit Ausnahme der Krypta, zerstört. Die Möglichkeit eines Wiederaufbaus war ausgerechnet dem Raubzug der Nazionalsozialisten zu verdanken, die alle Kunstgegenstände der Abtei, vor diesem Beschuß durch die Amerikaner, nach Rom in die Engelsburg hatten schaffen lassen. Darunter befanden sich damals zum Glück auch die Baupläne der Anlage.

Auf dem Montecassino angekommen waren wir still umher gewandert, durch den Kreuzgang, den Innenhof. Es war überhaupt nicht schade, das es so regnerisch und neblig gewesen war, im Gegenteil. Dieses feine Gespinst aus Wasser beschwörte den Geist vergangener Tage herauf. Dieser Nebel umhüllte die alten Mauern nicht als Schleier des Vergessens, er wirkte wie ein Verstärker für die hier greifbare, traurige Grundstimmung. Beinahe meinte man Stimmen in den Arkaden wispern zu hören, oder war es doch nur der Regen …

Viele Wege führen sprichwörtlich nach Rom, mich hat dieser Roman, völlig unerwartet, ein zweites Mal nach Montecassino geführt:

Das Päckchen (Franz Hohler)

Ernst hatte in der Bahnhofsunterführung gestanden und seine Frau anrufen wollen, als das öffentliche Telefon vor ihm plötzlich geläutet hatte. Einem Automatismus folgend hatte er zum Hörer gegriffen und erstaunt eine weibliche Stimme fragen hören, ob er das sei, der Ernst, sie brauche jetzt seine Hilfe, er solle sofort kommen. Reflexartig hatte er nach der Straße gefragt und war wie an Fäden gezogen zu dieser Adresse gelaufen, sich unterwegs immer wieder fragend, woher die alte Frau am Telefon ihn denn wohl kannte, gewußt hatte, dass ER zum Zeitpunkt ihres Anrufes auch vor genau diesem Telefon stand.

Als er jetzt der fast blinden Dame an ihrem Küchentisch gegenüber saß und sie aus der Schublade desselben ein Päckchen an die Oberfläche beförderte und es ihm aufdrängte, waren seine Fragen nicht weniger, sondern mehr geworden. Ehe sich Ernst versah, hatte er das Päckchen eingesteckt und war wieder auf der Straße gestanden …

Das älteste Buch deutscher Sprache, ein lateinisch – althochdeutsches Wörterbuch, der „Abrogans“, konnte es sein, dass hier er das Original dieser uralten Schrift in Händen hielt? Der rissige Ledereinband und der Geruch gehörten eindeutig in eine vergangene Zeit, aber konnte dieses Büchlein tatsächlich aus dem 8. Jahrhundert stammen?

Franz Hohler – Autor aus der Schweiz, in Biel 1943 geboren, gilt nach Angabe seines dt. Verlages als einer der bedeutendsten Erzähler seines Landes, er wurde mehrfach mit Preisen ausgezeichnet und veröffentlicht nunmehr seit über vierzig Jahren.

Seine Erzählstimme ist einmal herrlich antiquiert und dann wieder charmant schweizerisch im Grundton. Das hat mir sehr gefallen. Dies ist meine erste Geschichte von ihm und ich bin froh ihn jetzt für mich entdeckt zu haben.

Bern – es könnte gestern gewesen sein, oder auch heute passieren: Ein Päckchen mit mysteriösem Inhalt und von unbekannter Herkunft gerät in die Hände eines durchgeplanten, wohlorganisierten Mannes. Ein Gletscher, der nach Jahrzehnten eine Leiche freigibt. Verlorene Seelen und geisterhafte Erscheinungen. Mysteriöse Männer, die eine alte, halb blinde Frau bedrängen. Ein ernsthafter Bibliothekar, der mehr Antiheld als Held, in eine Geschichte hinein stolpert, die ihn an seine Grenzen führt und darüber hinaus. Ganz nach dem Credo „Mit der Wahrheit lügt sich am Besten“ hält er sich bohrende Fragen vom Leib, wird zum Meister-Lügner wider Willen. Eine Ehefrau, die in ihrem Mann alles sieht, aber keinen Abenteurer und Verschwörer.

Federkiele, die kratzend über Pergament geführt werden, Tintenflecke an den Fingern, die Atmosphäre in den Schreibstuben der einzelnen Klöster die Heimo, der Mönch, im 8. Jahrhundert in dieser Geschichte durchwandert sind wunderbar bildhaft beschrieben. Man meint nach den Scryptoren, in ihren groben Kutten, wie sie dort stehen, über ihre Pulte gebeugt, greifen zu können.

Auf der zweiten Zeitebene des Romans finden wir uns wieder in einer Epoche, in der man vom Buchdruck noch nicht einmal etwas ahnte. Eine Zeit, in der Heerschaaren von Schreibern mit dem Kopieren von Büchern beschäftigt waren, alle wurden sie danach handgebunden. Als die Kirche noch die Wissenshoheit inne hatte, lesen und schreiben, ja der uneingeschränkte Konsum von Büchern, den wir heute als selbstverständlich genießen, noch nicht einmal eine Vision war.

Ein Roman wie eine russische Matroschka Puppe. Packt man eine aus, findet man eine zweite. Spannende Gegenwarts-Geschichte und historisches Abenteuer. Bettelarme Mönche, schwangere Stallburschen und couragierte Bibliothekare wetteifern hier um unsere Gunst als Leser.

Als kleinste innere Puppe der Matroschka findet man, den „Codex Abrogans“, das älteste Buch deutscher Sprache, von dem es tatsächlich nur noch drei Abschriften gibt, eine davon in der Stiftsbibliothek von St. Gallen. Er dient Franz Hohler als historisch verbriefter Kern seines Romans. Um ihn herum baut er seine Story auf, die abwechslungsreich, sprachlich auf den Punkt, flüssig, aber nie anspruchslos daher kommt. Das ist beste Unterhaltung auf hohem Niveau.

Wie schon Umberto Eco mit seinem Roman „Der Name der Rose“, gemahnt uns auch Franz Hohler hier an die Macht des geschriebenen Wortes, an die Macht die jener noch immer in Händen hält, der lesen und schreiben kann …

Gerd Heidenreich – selbst Autor, geboren 1944 in Eberswalde, lebt heute in Oberbayern. Seit 1972 ist er auch als Rundfunk- und Hörbuchsprecher tätig, er wurde bereits zweifach mit dem Adolf-Grimme-Preis und dem Deutschen Hörbuchpreis geehrt.

Diesen seinen Vortrag mochte ich sehr. Gern habe ich mich von seiner Stimme in eine längst vergangene Epoche entführen lassen, fühlte mich mit ihm, bei ihm, mehr als wohl. Angenehm unaufgeregt und getragen, sachlich und doch mit Gefühl bei den Figuren, entwirrte er für mich die Handlungsfäden.

Hohler und Heidenreich, beide Namen beginnen mit dem gleichen Buchstaben, als wäre es ein Omen, ein Omen dafür, wie gut beide zusammen passen, und das tun sie tatsächlich. Die 5 Stunden und 18 Minuten Hörzeit waren im Nu abgelauscht, gerne hätte ich sie verlängert!

Die drei Sonnen – Hörspiel nach dem gleichnamigen Roman von Liu Cixin

Freitag, 26.01.2017

Wer wie ich aufgewachsen ist in der Zeit von Wählscheiben-Telefonen, Schwarz-Weiß-Fernsehern, sagenhaften drei Fernsehprogrammen und noch weiß was ein Testbild ist, der kennt sie auch – die gute alte Hörspielkassette. Immer wenn des Abends meine Mama mir ein Leseverbot erteilte, und das Licht ausgemacht werden musste, konnte man doch im Dunkeln, unter der Bettdecke noch ein bisschen hören – das fiel doch nicht unter das Verbot! Liebgewonnene Geschichten ergaben sich leider auch schon mal in einem Bandsalat und es gab Tränen, waren sie am Ende nicht mehr aufwickel- und wieder herstellbar.

Als Jugendliche reiste ich dann in den Weltraum, verpaßte keine Folge von Raumschiff Enterprise, bestaunte und liebte die Effekte in Stars Wars, war vernarrt in den männlichen Helden aus Kampfstern Galactica. Erst als ich in den Beruf einstieg verlor sich die Spur der Sterne in meinem Leben und ich brach lieber auf nach Mittelerde, traf mich mit Heilern und Hexern, wenn ich aus dem Alltag ausbrechen wollte. Bis heute ist mir eine gute Fantasy Geschichte noch näher als Science Fiction, wobei und das ist mir geblieben, ich besonders im Winter in einer klaren Nacht gerne aufschaue zu den funkelnden Sternen über mir.

Was mag dort oben vor sich gehen? Entfernungen, die man in Lichtjahren und nicht in Stunden und Minuten mißt passen noch immer nicht in meinen kleinen Kopf. Gibt es dort oben eine uns ähnliche, oder gar überlegene Zivilisation? Diese Frage ist wohl so alt wie die Menschheit selbst und wurde zu allen Zeiten gestellt. Auch Liu Cixin beschäftigt sich mit dem Kern dieser Frage und geht dabei noch einen Schritt weiter:

Die drei Sonnen nach dem gleichnamigen Roman von Liu Cixin

Hier besprochen in der Hörspiel-Fassung von WDR 5 und NDRkultur von 2017.

China während der Kultur-Revolution 1967.

Auf offener Bühne hatten vier vierzehnjährige Mädchen mit wiederholten Schlägen ihrer Gürteschnallen ihren Physik-Professor tot geschlagen. Wie im Rausch waren sie gewesen. Nicht abschwören wollte er von Einsteins Relativitäts-Theorie die als reaktionär abgestempelt worden war und von dem Gedanken, bei aller naturwissenschaftlicher Überzeugung, dass es vor dem Urknall Raum für einen Gott gegeben haben konnte. Seine Tochter hatte diese Hinrichtung mit ansehen müssen, das und auch den Auftritt ihrer Mutter, die selbst Astrophysikerin, ihren Mann schwer beschuldigt und belastet hatte.

Zwei Jahre später, wir schreiben das Jahr 1969, wurde die Tochter unseres hingerichteten Physik-Professors, jetzt selbst promovierte Astrophysikerin, in eine Arbeitskolonne zum Bäume fällen gesteckt. Ihre Vergangenheit und die Überzeugungen des Vaters hatten sie selbst zum Staatsfeind gemacht. Hier lernte sie einen jungen Journalisten kennen, der ihr ein Buch überließ, dass sie mit verbotenem Gedankengut kontaminierte und sie so auf die Abschlussliste des Zentralkommitees setzte. Sie landete im Gefängnis. Eine militärische Beraterin des Volksgerichts war es, die ihre Kooperation einforderte und die hochbegabte, junge Wissenschaftlerin mit Namen Ye Wenjie, wurde Teil eines streng geheimen Forschungsprojektes der Regierung auf der abgelegenen Militär-Basis „Rotes Ufer“. Für sie begann wider Erwarten eine spannende Zeit, in der sie sich mehr als geschätzt und aufgehoben fühlte, bis zu diesem einen verhängnisvollen Tag. Was sie da, spontan entschieden, ohne Rückversicherung, in Gang gesetzt hatte war verheerend und unumkehrbar …

Wang Liau öffnete die Augen und blinzelte an die Decke seines Schlafzimmers. Er hatte von einem Count Down geträumt und dieser war ihm jetzt in die Realität gefolgt. Er sah die Zahlenkolonne, die herunter zählte hell und klar an der Zimmerdecke. Auch das Reiben seiner Augen konnte sie nicht vertreiben. Er geriet in Panik. Der Arzt, den er kurz darauf aufsuchte, diagnostizierte eine Überreizung und empfahl ihm dringend kürzer zu treten … Statt dessen stürzte er sich kopfüber in ein Internet Spiel, das ihn auf erschreckend plastische Art und Weise das Leben auf einem fernen Planeten erleben ließ. Wie besessen war er von dieser Welt der drei Sonnen und in immer kürzeren Abständen loggte er sich ein, erkämpfte sich Level um Level. Im „echten“ Leben geriet er unterdessen zunehmend, in seiner Rolle als Wissenschaftler für Nano-Technologie, zwischen die Mühlsteine einer Geheim-Organisation von Rebellen, der „Frontiers of Sience“ …

Liu Cixin oder Cixin Liu – auf dem Original Buch-Cover steht Cixin Liu. Bei Wikipedia und auch in der Anmoderation dieser Hörspiefassung heißt es Liu Cixin – wie auch immer. Der Herr ist chinesischer SiFi Autor, wurde bereits neunmal in China mit dem Galaxy-Award, dem angesehensten SiFi Preis ausgezeichnet, und Facebook Gründer Marc Zuckerberg und Barack Obama zählen lt. Wikipedia zu seinen Fans. „Die drei Sonnen“ ist sein berühmtester Roman und in China bereits 2007 erschiene Zehn Jahre späterwurde er erstmals in deutscher Übersetzung gedruckt.

Zahlreiche Selbstmorde in Wissenschaftler-Kreisen, ein geheimer Zirkel, der die Menschheit für einen Müllhaufen hält und der im Verdacht steht Naturkatastrophen und Antibiotika Mißbrauch in großem Stil zu lancieren. Das gesamte Militär weltweit in Alarmbereitschaft, interstellare Flüge, ein Videospiel das man nur mit einem Spezial-Anzug spielen kann. Ein Anzug der dabei Hitze, Kälte und andere Reize aus dem Spiel auf den Körper des Spielers überträgt. Die Spielumgebung so intensiv erlebbar macht, das seine Teilnehmer dabei an ihre Grenzen kommen. Ein Spiel, das nur ein Spiel ist, oder die tatsächliche Projektion einer fernen Welt …

Die Geister die ich rief – würde ich hier als Fazit sagen. Das der Mensch bereit ist, um seine Ideologien durchzusetzen, Böses zu tun, erleben auch die Helden dieser Geschichte. Wie Schachfiguren werden Wissenschaftler von einem totalitären Regime instrumentalisiert.

Als astrophysikalisches Embryo habe ich den ein oder anderen Zusammenhang, was die Berechnungen des Sonnenlaufs und die Drei-Körper-Masse-Berechnung anbelangt nicht verstanden. Für den Gesamt-Zusammenhang und die Kernaussage der Geschichte war dies aber auch nicht essentiell notwendig, hat sie doch viel mehr Facetten zu bieten. Der Roman kommt sehr politisch daher, bezieht klar Stellung, und ist weit davon entfernt nur ein galaktisches Abenteuer zu sein, was man vielleicht auf den ersten Blick hinter dem Titel vermuten würde. Für mich wardie Story ganz anders als erwartet und sehr viel gegenwärtiger als Fiction.

HörspielFassung:

Die Gemeinschafts-Produktion des Hörspiel-Podcasts von WDR 5 und NDRkultur wurde zwischen dem 25. und 29.12.2017 erstausgestrahlt mit insgesamt 12 Teilen je ca. 30 Minuten. Die so komprimierte Fassung des Romans wird Fans dieses Genres wahrscheinlich nicht ausreichen, ihnen sei daher die Original-Fassung empfohlen und diese Version als zusätzliche Option.

Hier wurde meisterhaft Regie geführt, gleich ob Straßenlärm, Bäume fällen oder Gläser-Klirren in einer Bar, szenisch paßt es immer. Bei Schießereien erschrickt man, als stehe man in der Menge und geht sofort mit in Deckung, das hohe Sirren einer Bomben-Explosion habe ich auch noch immer im Ohr. Es hallt und flüstert, knallt und knistert – das es eine Freude ist. Die Musik zu Beginn der Kapitel entführt sofort gedanklich in das Reich der Mitte. Mir hat dieses Hörspiel Lust auf mehr gemacht, mich auf meinen Autofahrten bestens unterhalten und ich freue mich jetzt noch immer über die gelungene Abwechlung zum reinen Hörbuch.

Die geheimen Schwestern (Anne Fortier)

Freitag, 19.01.2018

Was für eine grausige Idee! Die rechte Brust amputiert oder ausgebrannt, damit der Bogen besser zu handhaben war – so kann man es über die Amazonen nachlesen. Maza = Brust, heißt es im altgriechischen und so stecken damit fraglos diese beiden Silben drin, im Namen der kriegerischsten Frauenstamms der Geschichte. Die ersten echten Emanzen, furchtlos, grausam und in ihrer Gesellschaftsform sogar ganz ohne Männer auskommend, männergleich kämpfend. Aber hat es sie auch wirklich gegeben, oder sind sie nur der Dichtkunst der alten Griechen entsprungen? Konnte es verbriefte, körperliche Hinweise auf ihre Existenz geben? Als Fan von Archäologie-Geschichten war das genau mein Stichwort im Klappentext  …

Die geheimen Schwestern (Anne Fortier)

„Wie soll ich, ach, mein König und Herr, wie weinen um dich? In der Liebe zu dir wie sprechen? Da liegst du verstrickt in der Spinne Geweb, tot da, gottlos du erschlagen! Ach weh! Weh! So unwürdige Ruhe dir! Von der doppelscharfen Axt, du mit der Hand wie ein Knecht erschlagen!“ (Quelle dieses Zitats: Aischylos, Agamemnon).

An diesem Tag im Oktober, an dem alles begann, stürmte Diana Morgan aufgebracht aus dem Hörsaal. Warum wurde eigentlich immer nur ihr die Redezeit beschnitten? Ihre Mentorin ging ihr gehörig auf die Nerven und sie hatte nicht übel Lust im Schnupperkurs des Fechtclubs gleich ein paar imaginäre Feinde nieder zu stechen. Auf dem Campus rannte sie fast hinein in den Fremden, der sich ihr entschuldigend als John Ludwig vorstellte und unumwunden eine Offerte machte. Sie glaubte sich verhört zu haben, als er eine Entdeckung andeutete, die eine Neuschreibung der Geschichte zur Folge haben würde und ihr ein Flugticket erster Klasse für den kommenden Tag in die Hand drückte. Was war das denn bitte für ein Spinner, an diesem Tag wäre sie wohl wirklich besser im Bett geblieben …

Lautlos waren die Schiffe durch den Nebel und über den Sand an Land geglitten. Kein Umgebungsgeräusch hatte den nächtlichen Angriff verraten, nichts hatte die Frauen im Tempel gewarnt. Keiner der Hunde hatte angeschlagen. Die Männer hasteten verborgen in den Schatten an Land. Hier wartete fette Beute und die Frauen? Na ja, die Besten würde man ja aussortieren können. Mit der hier, sie hatten ihre knabenhafte, schlanke Gestalt verlacht war wohl eher nichts anzufangen. Sie hatten sie in den Dreck gestoßen. Myriana hatte versucht in einem unbeobachteten Moment davon zukriechen. Sie war nicht weit gekommen, als sie einen heftigen Schmerz im Rücken gespürt und aus den Augenwinkeln gesehen hatte, wie der Mann einen Speer aus ihr herauszog …

Anne Fortier geboren in Dänemark, lehrte laut Klappentext in Amerika an verschiedenen Universitäten Philosophie und Europäische Geschichte und fühlt sich heute auf beiden Seiten des Atlantiks wohl und zu Hause. Durch ihren Roman „Julia“ bin ich vor Jahren auf sie aufmerksam geworden. Für „Julia“ hat sie Shakespeares Tragödie als Steilvorlage genutzt und die Geschichte des wohl berühmtesten Liebespaares gekonnt in einen neuen Kontext gerückt. Kurzweilig und unterhaltsam hatte ich diesen Roman in Erinnerung, auf der Spiegelbesten-Liste hatte dieser sich wochenlang eingenistet.

Für „Die geheimen Schwestern“ diente ihr hier Homers „Ilias“ als Vorlage und der Mythos der Amazonen. Auf zwei Zeitebenen erzählt uns Fortier dieses archäologische Abenteuer:

Zum Einen –  in der Gegenwart, mit der jungen Oxford-Dozentin für antike Geschichte Diana Morgan, die von Kindesbeinen an vom Mythos der Amazonen fasziniert ist. In Oxford nimmt man sie mit ihrem „Amazonen-Tick“ nicht ernst, bis zu dem Tag, an dem ihr ein Fremder das Foto einer antiken Inschrift in die Hände spielt und sie für die Arbeit im Rahmen einer Stiftung anwirbt, die ihr nach neun Jahren Forschungsarbeit auf diesem Gebiet, für ein ansehnliches Monatsgehalt die Gelegenheit bietet die tatsächliche Existenz der Amazonen zu beweisen. Das ist der Köder für Diana und sie schluckt ihn – gemeinsam mit Nick Barran dem Ausgrabungsleiter steigt sie buchstäblich ab in die Tiefe auf der Suche nach dem legendären Schatz, den die Amazonen beim Fall von Troja hatten retten können … 

Zum Anderen – in der Vergangenheit, mit der ersten Amazonen Königin Myriana und dem Schicksal ihres Gefolges, das untrennbar verwoben ist mit dem Trojanischen Krieg. Angereichert mit griechischer Mythologie und wunderbaren historischen Zitaten an den Kapitelanfängen.

Wie es sich für jede anständige Schatzsuche gehört, sucht man nicht allein – auch unsere Heldin im gegenwärtigen Handlungsstrang des Romans ruft zahlreiche Häscher auf den Plan und die Spurensuche wird so rasch zu einem Wettlauf durch halb Europa, der nichts Gutes verheißt …

Auch der historische Teil der Geschichte spitzt sich zusehens zu und mündet in der Schlacht um Troja. Liebe und Leidenschaft inklusive, dies sehr kitschfrei verpackt.

Süffig entführt dieser Roman in eine Epoche von der man  allzuoft liest, es sei denn man hat ein Faible für die griechischen Mythen und ist hier schon beschlagen. Für mich als geschichtliche „Normalo“-Leserin eine sehr willkommene, sehr unterhaltsame Abwechslung. In den Achtzigern habe ich im Stapel die Ägypten-Romane von Pauline Gedge verschlungen, an diese fühlte ich mich hier wohlig erinnert und zurück versetzt in die Anfänge meiner Lesebesessenheit. Ausgrabung eines Bücherschatzes gelungen ;-).

Everland (Rebecca Hunt)

Sonntag, 14.01.2018

Kleine Eisbröckchen hüpfen auf unserem Dachfenster auf und ab. Ich sitze im warmen Zimmer und schaue ihnen zu, wie sie am Glas herab rutschen, sich in den Spalten der Dachziegel verlieren. Meine Gedanken wandern zurück an einen Tag im Juli des vergangenen Jahres. An dem ich, dick verpackt mit Mütze, Schal und Stiefeln an einem Bootsanleger in Spitzbergen stand, wo kleine Eisgraupel auf meiner Kapuze Purzelbäume schlugen, während ich auf ein Fährschiff wartete. 

Der Permafrostboden unter meinen Füßen hatte sich seltsam federnd angefühlt, der Wind suchte bohrend nach Spalten in meiner Kleidung und verpaßte mir eine rote Nase. Froh war ich für eine Weile in der gut geheizten Passagierkabine des Katamarans unterzukommen um mich noch einmal aufzuwärmen, bevor wir den großen Gletscher erreichen würden, auf den ich schon so gespannt war. Als wir dort dann, quer zur Strömung kreuzten und die vielen Blautöne der Bruchkanten mit ehrfürchtigem Staunen betrachteten, war der eisige Wind sofort zurück, um uns verweichlichten Mitteleuropäern zu zeigen, was das Wort Kälte wirklich bedeutet. Hier – rund 1.300 km vom Nordpol entfernt.

Meine Finger, die zitternd mein Handy festhielten um möglichst viele Bilder einzufangen, waren in Null-Komma-Nix klamm und krebsrot. Später, schützend in meine Handschuhe gesteckt, würden sie pochend wieder auftauen und eine ganze Weile noch schmerzen. Kaum vorstellbar, wie es sich anfühlen muss, wenn ein Körperteil tatsächlich tiefgefroren ist und dann wieder auftaut …

Everland (Rebecca Hunt)

1913, Antarktis.

Vier Stunden sollte die Überfahrt für die kleine Mannschaft in dem von der Kismet ausgesetzten Beiboot dauern. Vier Stunden, bis Everland. Vier Stunden, aus denen im eisigen Sturm sechs lange Tage wurden. Sechs Tage, nach denen die drei Männer völlig entkräftet dann doch noch auf Everland anlandeten.

Textauszug, S. 87: „Lawrence erlebte das Desaster von Everland wie einen glühenden Schmerz im Magen. Es brannte den ganzen Tag Löcher in sein Inneres, die es ihm unmöglich machten, sich zu konzentrieren, und nachts zog es Schwärme von fleischfressenden Gedanken an, die ihm den Schlaf raubten. So lag Lawrence nun mit offenen Augen bis zum Morgengrauen in der Dunkelheit. Er versuchte, einen Weg aus dem Labyrinth voller Ungeheuer zu finden, die die Namen Verpflichtung und Niederlage, Unfähigkeit und Scheitern trugen.“

2012, Antarktis.

Die glitzernde Schönheit dieser einsamen Welt – wie schnell sie die Gefahren, die hier lauerten vergessen machen konnte. Die Kälte war dabei ein weit größerer Feind, als jedes nur denkbare Raubtier, den Menschen eingeschlossen … 

Textauszug S. 347: „Was er als Druckkopfschmerz diagnostiziert hatte, manifestierte sich als wogende weiße Masse, die den Horizont verschleierte. Mit langsamen, mechanischen Bewegungen, starr vor Schreck, ließ er den Rucksack zu Boden gleiten und sah zu, wie der Sturm so rasend schnell auf Everland vorrückte, dass man ihm dabei zusehen konnte.“

Sie war wie in Zeitlupe gerutscht, ihr verletzter Fuß war unter ihr eingeknickt und sie fiel, landete in einer eiskalten, schlammigen Pfütze, auf allen Vieren. Alles schien er plötzlich zu beherrschen, dieser Schmerz – von fern hörte sie ein Rufen, ihren Namen. Sie war ausser sich und ausser Stande zu antworten, kein Ton wollte aus ihrem trocknen Hals kommen …

Textauszug S. 354: „Alles hatte sich in eine Serie von Zahlen aufgelöst. Er war vierundfünzig. Der Temperaturunterschied zwischen einem gesunden und einem kaum noch funktionstüchtigen Körper betrug sieben Grad. Die Quads waren ungefähr vierhundert Meter entfernt. Er hatte ein Leben. Es blieben ihm noch fünfzehn oder sechzehn Minuten.“

Rebecca Hunt wurde 1979 in Coventry geboren. Sie ist Malerin und lebt in London. Everland ist ihr zweiter Roman, im englischen Original 2014 erschienen. In ihrem ersten Roman Mr. Chartwell setzte sie sich intensiv mit dem Thema Depression auseinander und ließ Winston Churchill eine zentrale Rolle einnehmen.

In Everland schickt Hunt uns als Leser gleich zweimal auf Expedition auf eine antarktische Insel. Einmal 1913 und dann einhundert Jahre danach, ein zweites Mal, diesmal mit modernster Ausrüstung.

Angesichts der hier geschilderten Unwirtlichkeit der antarktischen Landschaft, wird man gewahr wie winzig sich der einzelne Mensch doch ausnimmt. Gleich in welchem Jahrhundert man hier unterwegs ist, Leichtsinn und falsch verstandener Ehrgeiz können hier immer noch rasch und unabwendbar zum Tod führen. 

Wie weit geht der Einzelne um sein eigenes Leben zu retten? Dort wo es in Schneestürmen Eisplitter regnet, die sich in die Haut ritzen und einen erblinden lassen. Dort wo Wunden angesichts der Minusgrade nicht heilen, sondern bestenfalls konserviert werden. Dort wo eine einmal ausgebrochene Infektion meist nicht mehr aufzuhalten ist. Wenn einem der eigene Verstand nicht mehr gehorcht, Halluzinationen und Hunger das Denken beherrschen.

Beinahe feindselig, ja bösartig kommen die Naturgewalten uns hier vor, – 60 Grad Celsius und Windstärken bis 11 Beaufort, im Winter bei absoluter Dunkelheit, mag ich mir gar nicht vorstellen. Was war der Treibstoff, der die Abenteuerer dies auf sich nehmen ließ? Entdeckergeist, oder der pure Ehrgeiz sich in einer solchen Umgebung behaupten zu können? 

Das legendäre Wettrennen von Scott und Amundsen 1910/12 zum Südpol, aufsehenerregend damals wie heute. 

Mein Fazit fällt trotz der vorgenannten Pluspunkte durchwachsen aus. Hunt konnte mit ihrem Roman, meine vielleicht zu hohen Erwartungen an ihre Geschichte, nicht erfüllen. Erst im letzten Drittel läßt sie für mich die Antarktis wirklich zum Hauptdarsteller werden, hier hatte ich mir mehr erhofft. Bis dorthin plätschert mir die Handlung etwas zu sehr dahin. Die Dramaturgie und die von ihr gewählte Erzählweise auf zwei Zeitebenen, die sie stets hintereinander abwickelt, ist mir etwas zu vorhersehbar geraten. Zuviele Paralellen gibt es im Handlungsverlauf von damals und heute. Versöhnt verlasse ich den Roman trotzdem, sind ihr doch die Figuren nahbar und griffig gelungen. Bildhaft läßt sie sowohl deren innere Kämpfe als auch die äußeren Rahmenbedingungen Gestalt annehmen.