Die geheimen Schwestern (Anne Fortier)

Freitag, 19.01.2018

Was für eine grausige Idee! Die rechte Brust amputiert oder ausgebrannt, damit der Bogen besser zu handhaben war – so kann man es über die Amazonen nachlesen. Maza = Brust, heißt es im altgriechischen und so stecken damit fraglos diese beiden Silben drin, im Namen der kriegerischsten Frauenstamms der Geschichte. Die ersten echten Emanzen, furchtlos, grausam und in ihrer Gesellschaftsform sogar ganz ohne Männer auskommend, männergleich kämpfend. Aber hat es sie auch wirklich gegeben, oder sind sie nur der Dichtkunst der alten Griechen entsprungen? Konnte es verbriefte, körperliche Hinweise auf ihre Existenz geben? Als Fan von Archäologie-Geschichten war das genau mein Stichwort im Klappentext  …

Die geheimen Schwestern (Anne Fortier)

„Wie soll ich, ach, mein König und Herr, wie weinen um dich? In der Liebe zu dir wie sprechen? Da liegst du verstrickt in der Spinne Geweb, tot da, gottlos du erschlagen! Ach weh! Weh! So unwürdige Ruhe dir! Von der doppelscharfen Axt, du mit der Hand wie ein Knecht erschlagen!“ (Quelle dieses Zitats: Aischylos, Agamemnon).

An diesem Tag im Oktober, an dem alles begann, stürmte Diana Morgan aufgebracht aus dem Hörsaal. Warum wurde eigentlich immer nur ihr die Redezeit beschnitten? Ihre Mentorin ging ihr gehörig auf die Nerven und sie hatte nicht übel Lust im Schnupperkurs des Fechtclubs gleich ein paar imaginäre Feinde nieder zu stechen. Auf dem Campus rannte sie fast hinein in den Fremden, der sich ihr entschuldigend als John Ludwig vorstellte und unumwunden eine Offerte machte. Sie glaubte sich verhört zu haben, als er eine Entdeckung andeutete, die eine Neuschreibung der Geschichte zur Folge haben würde und ihr ein Flugticket erster Klasse für den kommenden Tag in die Hand drückte. Was war das denn bitte für ein Spinner, an diesem Tag wäre sie wohl wirklich besser im Bett geblieben …

Lautlos waren die Schiffe durch den Nebel und über den Sand an Land geglitten. Kein Umgebungsgeräusch hatte den nächtlichen Angriff verraten, nichts hatte die Frauen im Tempel gewarnt. Keiner der Hunde hatte angeschlagen. Die Männer hasteten verborgen in den Schatten an Land. Hier wartete fette Beute und die Frauen? Na ja, die Besten würde man ja aussortieren können. Mit der hier, sie hatten ihre knabenhafte, schlanke Gestalt verlacht war wohl eher nichts anzufangen. Sie hatten sie in den Dreck gestoßen. Myriana hatte versucht in einem unbeobachteten Moment davon zukriechen. Sie war nicht weit gekommen, als sie einen heftigen Schmerz im Rücken gespürt und aus den Augenwinkeln gesehen hatte, wie der Mann einen Speer aus ihr herauszog …

Anne Fortier geboren in Dänemark, lehrte laut Klappentext in Amerika an verschiedenen Universitäten Philosophie und Europäische Geschichte und fühlt sich heute auf beiden Seiten des Atlantiks wohl und zu Hause. Durch ihren Roman „Julia“ bin ich vor Jahren auf sie aufmerksam geworden. Für „Julia“ hat sie Shakespeares Tragödie als Steilvorlage genutzt und die Geschichte des wohl berühmtesten Liebespaares gekonnt in einen neuen Kontext gerückt. Kurzweilig und unterhaltsam hatte ich diesen Roman in Erinnerung, auf der Spiegelbesten-Liste hatte dieser sich wochenlang eingenistet.

Für „Die geheimen Schwestern“ diente ihr hier Homers „Ilias“ als Vorlage und der Mythos der Amazonen. Auf zwei Zeitebenen erzählt uns Fortier dieses archäologische Abenteuer:

Zum Einen –  in der Gegenwart, mit der jungen Oxford-Dozentin für antike Geschichte Diana Morgan, die von Kindesbeinen an vom Mythos der Amazonen fasziniert ist. In Oxford nimmt man sie mit ihrem „Amazonen-Tick“ nicht ernst, bis zu dem Tag, an dem ihr ein Fremder das Foto einer antiken Inschrift in die Hände spielt und sie für die Arbeit im Rahmen einer Stiftung anwirbt, die ihr nach neun Jahren Forschungsarbeit auf diesem Gebiet, für ein ansehnliches Monatsgehalt die Gelegenheit bietet die tatsächliche Existenz der Amazonen zu beweisen. Das ist der Köder für Diana und sie schluckt ihn – gemeinsam mit Nick Barran dem Ausgrabungsleiter steigt sie buchstäblich ab in die Tiefe auf der Suche nach dem legendären Schatz, den die Amazonen beim Fall von Troja hatten retten können … 

Zum Anderen – in der Vergangenheit, mit der ersten Amazonen Königin Myriana und dem Schicksal ihres Gefolges, das untrennbar verwoben ist mit dem Trojanischen Krieg. Angereichert mit griechischer Mythologie und wunderbaren historischen Zitaten an den Kapitelanfängen.

Wie es sich für jede anständige Schatzsuche gehört, sucht man nicht allein – auch unsere Heldin im gegenwärtigen Handlungsstrang des Romans ruft zahlreiche Häscher auf den Plan und die Spurensuche wird so rasch zu einem Wettlauf durch halb Europa, der nichts Gutes verheißt …

Auch der historische Teil der Geschichte spitzt sich zusehens zu und mündet in der Schlacht um Troja. Liebe und Leidenschaft inklusive, dies sehr kitschfrei verpackt.

Süffig entführt dieser Roman in eine Epoche von der man  allzuoft liest, es sei denn man hat ein Faible für die griechischen Mythen und ist hier schon beschlagen. Für mich als geschichtliche „Normalo“-Leserin eine sehr willkommene, sehr unterhaltsame Abwechslung. In den Achtzigern habe ich im Stapel die Ägypten-Romane von Pauline Gedge verschlungen, an diese fühlte ich mich hier wohlig erinnert und zurück versetzt in die Anfänge meiner Lesebesessenheit. Ausgrabung eines Bücherschatzes gelungen ;-).

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Everland (Rebecca Hunt)

Sonntag, 14.01.2018

Kleine Eisbröckchen hüpfen auf unserem Dachfenster auf und ab. Ich sitze im warmen Zimmer und schaue ihnen zu, wie sie am Glas herab rutschen, sich in den Spalten der Dachziegel verlieren. Meine Gedanken wandern zurück an einen Tag im Juli des vergangenen Jahres. An dem ich, dick verpackt mit Mütze, Schal und Stiefeln an einem Bootsanleger in Spitzbergen stand, wo kleine Eisgraupel auf meiner Kapuze Purzelbäume schlugen, während ich auf ein Fährschiff wartete. 

Der Permafrostboden unter meinen Füßen hatte sich seltsam federnd angefühlt, der Wind suchte bohrend nach Spalten in meiner Kleidung und verpaßte mir eine rote Nase. Froh war ich für eine Weile in der gut geheizten Passagierkabine des Katamarans unterzukommen um mich noch einmal aufzuwärmen, bevor wir den großen Gletscher erreichen würden, auf den ich schon so gespannt war. Als wir dort dann, quer zur Strömung kreuzten und die vielen Blautöne der Bruchkanten mit ehrfürchtigem Staunen betrachteten, war der eisige Wind sofort zurück, um uns verweichlichten Mitteleuropäern zu zeigen, was das Wort Kälte wirklich bedeutet. Hier – rund 1.300 km vom Nordpol entfernt.

Meine Finger, die zitternd mein Handy festhielten um möglichst viele Bilder einzufangen, waren in Null-Komma-Nix klamm und krebsrot. Später, schützend in meine Handschuhe gesteckt, würden sie pochend wieder auftauen und eine ganze Weile noch schmerzen. Kaum vorstellbar, wie es sich anfühlen muss, wenn ein Körperteil tatsächlich tiefgefroren ist und dann wieder auftaut …

Everland (Rebecca Hunt)

1913, Antarktis.

Vier Stunden sollte die Überfahrt für die kleine Mannschaft in dem von der Kismet ausgesetzten Beiboot dauern. Vier Stunden, bis Everland. Vier Stunden, aus denen im eisigen Sturm sechs lange Tage wurden. Sechs Tage, nach denen die drei Männer völlig entkräftet dann doch noch auf Everland anlandeten.

Textauszug, S. 87: „Lawrence erlebte das Desaster von Everland wie einen glühenden Schmerz im Magen. Es brannte den ganzen Tag Löcher in sein Inneres, die es ihm unmöglich machten, sich zu konzentrieren, und nachts zog es Schwärme von fleischfressenden Gedanken an, die ihm den Schlaf raubten. So lag Lawrence nun mit offenen Augen bis zum Morgengrauen in der Dunkelheit. Er versuchte, einen Weg aus dem Labyrinth voller Ungeheuer zu finden, die die Namen Verpflichtung und Niederlage, Unfähigkeit und Scheitern trugen.“

2012, Antarktis.

Die glitzernde Schönheit dieser einsamen Welt – wie schnell sie die Gefahren, die hier lauerten vergessen machen konnte. Die Kälte war dabei ein weit größerer Feind, als jedes nur denkbare Raubtier, den Menschen eingeschlossen … 

Textauszug S. 347: „Was er als Druckkopfschmerz diagnostiziert hatte, manifestierte sich als wogende weiße Masse, die den Horizont verschleierte. Mit langsamen, mechanischen Bewegungen, starr vor Schreck, ließ er den Rucksack zu Boden gleiten und sah zu, wie der Sturm so rasend schnell auf Everland vorrückte, dass man ihm dabei zusehen konnte.“

Sie war wie in Zeitlupe gerutscht, ihr verletzter Fuß war unter ihr eingeknickt und sie fiel, landete in einer eiskalten, schlammigen Pfütze, auf allen Vieren. Alles schien er plötzlich zu beherrschen, dieser Schmerz – von fern hörte sie ein Rufen, ihren Namen. Sie war ausser sich und ausser Stande zu antworten, kein Ton wollte aus ihrem trocknen Hals kommen …

Textauszug S. 354: „Alles hatte sich in eine Serie von Zahlen aufgelöst. Er war vierundfünzig. Der Temperaturunterschied zwischen einem gesunden und einem kaum noch funktionstüchtigen Körper betrug sieben Grad. Die Quads waren ungefähr vierhundert Meter entfernt. Er hatte ein Leben. Es blieben ihm noch fünfzehn oder sechzehn Minuten.“

Rebecca Hunt wurde 1979 in Coventry geboren. Sie ist Malerin und lebt in London. Everland ist ihr zweiter Roman, im englischen Original 2014 erschienen. In ihrem ersten Roman Mr. Chartwell setzte sie sich intensiv mit dem Thema Depression auseinander und ließ Winston Churchill eine zentrale Rolle einnehmen.

In Everland schickt Hunt uns als Leser gleich zweimal auf Expedition auf eine antarktische Insel. Einmal 1913 und dann einhundert Jahre danach, ein zweites Mal, diesmal mit modernster Ausrüstung.

Angesichts der hier geschilderten Unwirtlichkeit der antarktischen Landschaft, wird man gewahr wie winzig sich der einzelne Mensch doch ausnimmt. Gleich in welchem Jahrhundert man hier unterwegs ist, Leichtsinn und falsch verstandener Ehrgeiz können hier immer noch rasch und unabwendbar zum Tod führen. 

Wie weit geht der Einzelne um sein eigenes Leben zu retten? Dort wo es in Schneestürmen Eisplitter regnet, die sich in die Haut ritzen und einen erblinden lassen. Dort wo Wunden angesichts der Minusgrade nicht heilen, sondern bestenfalls konserviert werden. Dort wo eine einmal ausgebrochene Infektion meist nicht mehr aufzuhalten ist. Wenn einem der eigene Verstand nicht mehr gehorcht, Halluzinationen und Hunger das Denken beherrschen.

Beinahe feindselig, ja bösartig kommen die Naturgewalten uns hier vor, – 60 Grad Celsius und Windstärken bis 11 Beaufort, im Winter bei absoluter Dunkelheit, mag ich mir gar nicht vorstellen. Was war der Treibstoff, der die Abenteuerer dies auf sich nehmen ließ? Entdeckergeist, oder der pure Ehrgeiz sich in einer solchen Umgebung behaupten zu können? 

Das legendäre Wettrennen von Scott und Amundsen 1910/12 zum Südpol, aufsehenerregend damals wie heute. 

Mein Fazit fällt trotz der vorgenannten Pluspunkte durchwachsen aus. Hunt konnte mit ihrem Roman, meine vielleicht zu hohen Erwartungen an ihre Geschichte, nicht erfüllen. Erst im letzten Drittel läßt sie für mich die Antarktis wirklich zum Hauptdarsteller werden, hier hatte ich mir mehr erhofft. Bis dorthin plätschert mir die Handlung etwas zu sehr dahin. Die Dramaturgie und die von ihr gewählte Erzählweise auf zwei Zeitebenen, die sie stets hintereinander abwickelt, ist mir etwas zu vorhersehbar geraten. Zuviele Paralellen gibt es im Handlungsverlauf von damals und heute. Versöhnt verlasse ich den Roman trotzdem, sind ihr doch die Figuren nahbar und griffig gelungen. Bildhaft läßt sie sowohl deren innere Kämpfe als auch die äußeren Rahmenbedingungen Gestalt annehmen.

Das Parfüm (Patrick Süsskind)

Freitag, 05.01.2018

In der Musik nennt man sie Evergreens, in der Literatur Klassiker, in der Belletristik gibt es sie auch – Geschichten ohne Alter, Kultbücher. Letztens beim Aufräumen meines Bücherregals, bin ich auf ein solches Exemplar gestoßen. Der Schutzumschlag war mir über die Jahre verloren gegangen, unscheinbar, seltsam entblößt, kommt der rote Leineneinband daher. Rot, rot wie Blut, wie Leid und Verderben … Als ich es in die Hand nahm überlief mich ein Schauer. So war es mir damals auch ergangen. Wie lange ist das letzte Mal lesen eigentlich her? Irgendwann Ende der Achtziger mußte es gewesen sein. Als ich aufbrach, in meiner Leseentwicklung, vom Teenager zur Erwachsenen. Da gab es bei mir eine echte „Horrorphase“. Alle Bücher von Stephen King habe ich förmlich inhaliert, damals lag auch „Der Exorzist“ auf meinem Nachttisch und dieses Exemplar hier:

Das Parfüm (Patrick Süsskind)

17. Juli 1738. Es war einer der heißesten Tage des Jahres an dem Jean-Baptiste Grenouille geboren wurde. Seine Mutter, Mitte zwanzig, hochschwanger tat ihren Dienst an einer Fischbude auf dem Markt als die Wehen einsetzten. Es war ihre fünfte Niederkunft, allesamt Totgeburten, warum also sollte es diesmal anders sein? Auch heute würde das Neugeborene unter dem Tisch bei den Fischabfällen landen und von dort aus entsorgt werden, eine bewährte Methode. Aber heute war es anders, heute fing das blutige Bündel unter dem Tisch an markerschütternd zu schreien. Die Umstehenden waren entsetzt, als sie des Fundes gewahr wurden. Die junge Frau wurde verhaftet, abgeführt. Als sie dann auch noch unumwunden zugab, dass sie sich nicht weiter um das Neugeborene hätte kümmern wollen und es auch nicht der erste „Abgang“ sei, wurde ihr kurzer Hand wegen mehrfachem Kindsmord der Prozeß gemacht und sie verlor nur ein paar Wochen später bei einer öffentlichen Hinrichtung den Kopf.

Jean-Baptiste kam daraufhin zu einer Amme, aber diese Amme und auch die nächste und übernächste wollten den Säugling nicht länger als ein paar Tage behalten. Er sauge zu gierig, für die anderen Stillkinder ließe er nichts mehr übrig und es war eigentümlich, achtete man einmal genau, dieses Kind hatte irgendwie keinen Eigengeruch …

Herum gestoßen und ungeliebt wuchs Jean auf, ging als er alt genug war bei einem Gerber in die Lehre. Was für ein Gestank! Besonders für ihn. Schon früh bemerkte er, dass er mit einer besonderen Gabe ausgestattet war. Sein Geruchssinn war nicht nur bemerkenswert, sondern einzigartig. Das ihn sein weiterer Berufsweg dann nach Grasse in die Stadt der Parfümeure führte, war also nur konsequent. Dort komponierte und schuf er schon bald außergewöhnliche Düfte. Keine normalen Zutaten wollte er verarbeiten, nein, es mußte doch gehen auch Gegenständen ihren Duft zu entlocken, Metall, Glas – welches Verfahren konnte das? Die normale Destillation stieß hier an ihre Grenzen.

Dieser Abend in den Gassen von Grasse sollte sein Leben nicht prägen, nein er würde es auf den Kopf stellen. Der Duft dem er folgte war betörend und unvergleichlich. Als ihm bewußt wurde, zu wem er gehörte, hatte er sich der wunderschönen, rothaarigen jungen Frau auch schon von hinten genähert und sie erwürgt. Jetzt musste es ihm nur noch gelingen ihren Duft zu extrahieren und zu konservieren …

Patrick Süskind gilt als scheu, über die Entstehungsgeschichte seines Erfolgsromans ist daher bis heute nicht viel bekannt. „Das Parfüm“ erschien 1985 wurde in 48 Sprachen übersetzt, und bis heute weltweit über 20 Millionen mal verkauft. Damit gilt der Roman als einer der größten deutschsprachigen Bucherfolge des 20. Jahrhunderts. Neun !! Jahre lang behauptete er sich auf der Spiegel-Bestsellerliste und neun Jahre dauerte es auch, bis der Diogenes Verlag erstmals eine Taschenbuch-Ausgabe verlegte. 2001 verkaufte Süskind die Filmrechte an seinen Freund Bernd Eichinger. Fünf Jahre später feierte die Verfilmung dann Premiere.

Seine Geschichte und sein Mörder sind rein fiktiv, Recherche über Destillation und Parfümherstellung jedoch sind fundiert und historisch genau recherchiert, wie auch viele andere Inhalte des Romans. Meisterhaft verwoben hat Süskind Fiktion und Fakten, so habe ich erst geglaubt Grenouille ist als Serienmörder ebenso real wie „Jack the Ripper“. 

Sprachlich immer noch jung, eine eigenartige Faszination, ja Hassliebe verbindet mich mit seiner Hauptfigur. Fürwahr ein Klassiker, einer der besten Thriller, die mir je zwischen die Augen gekommen ist. Nein, eigentlich paßt diese Einordnung nicht, dieser Roman ist Sittengemälde, Krimi, Parabel, historische Erzählung und Lehrbuch gleichermaßen. Neben spannender Unterhaltung lernt man eine Menge über Parfüm, Ingredenzien, Herstellungsverfahren. Ein guter Duft ist mindestens genauso verlockend wie ein gutes Buch. Kein Wunder also, dass diese Kombination eine außergewöhnlich gute Geschichte ergab …

Der Schatten des Windes (Carlos Ruiz-Zafon)

Freitag, 22.12.2017

Textzitat: „Es gibt Dinge, die man nur im Dunkeln sieht“.

Mittlerweile glaube ich, es gibt sie wirklich, diese Geschichten die verborgen in den Regalen einer Buchhandlung, in einer Kiste auf dem Dachboden, an einem Flohmarktstand, oder in einem Antiquariat auf mich warten, auf mich und auf den richtigen Moment. Wie sonst kann es sein, dass alle anderen sie schon gelesen, ihre Begeisterung kundgetan haben, ohne das ich selbst sie wirklich wahrgenommen habe? Urplötzlich kommen sie dann aus dem Schatten, überziehen einen nach den ersten Sätzen mit einer Ganz-Körper-Gänsehaut. Nein, sie gehören nicht zu den Neuerscheinungen, drängeln sich nicht schon im Eingangsbereich großer Länden mit anderen frisch gedruckten Exemplaren um die besten Plätze. 

Diesen Schatz hier aber habe ich in meinem eigenen Bücherregal gehoben. Beim Aufräumen entdeckt, ganz nach hinten unten war er durchgerutscht, außer Sicht, weg gedrängt von immer neuem Hör-und Lesestoff. Vergessen im eigenen Friedhof der ungelesenen, der ungehörten Geschichten  …

Der Schatten des Windes (Carlos Ruiz-Zafon)

Barcelona, 1945. Daniel war jetzt elf und heute wollte sein Vater ihn in ein großes Geheimnis einweihen. Niemandem dürfe er davon erzählen, schärfte der Vater ihm ein. Niemandem außer seiner toten Mutter vielleicht. Mit ihr besprachen sie nach wie vor einfach alles. Daniel war gerade vier gewesen, als er seine Mutter Isabella an die Cholera verloren hatte. Dieser Verlust lastete noch immer schwer auf ihm und dem Vater. Tapfer hielten sie sich, mit den teils mageren Einkünften aus dem kleinen Antiquariat des Vaters, in Barcelona über Wasser … 

Der Friedhof der vergessenen Bücher, verbarg sich in einem alten Gebäude, der Türklopfer schien teuflich zu zwinkern, als sein Vater ihn betätigte. Mit klopfendem Herzen und offenem Mund fand sich Daniel nach dem Übertreten der Türschwelle in einem wahren Labyrinth von Büchern wieder. Jedes Buch hier war einmal jemandes bester Freund gewesen und jeder, Leser oder Leserin hatte zwischen den Seiten unsichtbare Freunde gefunden. Das erklärte ihm sein Vater leise flüsternd. Der, der den Friedhof der vergessenen Bücher zum ersten Mal betrat, dürfe sich ein Buch aussuchen, es aus der Vergessenheit befreien. Daniel sei jetzt alt genug, meinte der Vater, auch ein Buch zu adoptieren. Daniel verschwand zwischen den turmhohen Regalen, vom Vater schon früh mit Buchstaben gefüttert und buchbegeistert wie er war, begann er durch diesen Irrgarten aus Seiten und Buchrücken zu stöbern …

In nur einer Nacht hatte Daniel den Schatten des Windes“ von Julian Carrax verschlungen und die Geschichte ließ ihn fortan nicht mehr los, fast zur Besessenheit wurde sie ihm. Er hütete sie wie einen Schatz, unbedingt wollte er mehr über diesen Autor erfahren …

Wer war dieser Mann, der aus dem Dunkel trat, sein Gesicht in den Schatten verborgen hielt und ihn unverwandt anzuschauen schien? Daniel erschrak. Lässig eine Zigarette rauchend forderte dieser geisterhafte Schatten drohend, ohne weitere Vorankündigung, die Herausgabe des kostbarsten was Daniel besaß – den „Schatten des Windes„. Jeden Preis wollte dieser unheimliche Fremde zahlen und dieser Mann schien alles von ihm zu wissen, auch das er unsterblich in die ätherisch schöne Clara verliebt war. Daniel hatte noch nie solche Angst gehabt, er gab sich großspurig, aber innerlich zitterte er. Die aufleuchtende Glut der Zigarette des Mannes, warf ein schwaches Licht auf dessen Gesicht, oder besser auf kein Gesicht. Denn es war grausam entstellt und nahezu komplett von schrecklichen Brandnarben übersäht. 

Wie von Furien gehetzt floh Daniel, Schutz suchend vor einem herannahenden Gewitter durch das nächtliche Barcelona zu Claras Wohnung. Ihr hatte er den „Schatten des Windes“ geschenkt, und er wurde das Gefühl nicht los, das er sie damit in Gefahr gebracht hatte. Hatte sie ihm nicht auch erzählt, das ein Fremder sie in ihrem Stamm-Cafe angesprochen und sich von ihr, der blinden jungen Frau, das Gesicht hatte betasten lassen um sich bekannt zu machen? Hatte sie ihm nicht geschildert wie verstörend sich dieses Gesicht angefühlt hatte? …

Carlos RuizZafon wurde 1964 in Barcelona geboren. „Der Fürst des Nebels“ war sein erster Roman, für den er 1996 einen Jugendliteraturpreis erhielt. „Der Schatten des Windes“ trug ihn 2003 bis an die Spitze der Bestseller-Listen.

Schicksalhafte Begegnungen, detektivischer Ehrgeiz, wahrhaftige Liebe in Barcelona, Traumstadt am Meer. Kann sich ein Schicksal, kann sich eine Lebensgeschichte wiederholen, obwohl sich die beiden Leben nicht einmal berührt haben?

Eine Diktatur im Herzen von Europa. Willkür, Armut und Elend, Inhaftierungen und Folter waren im Spanien der neunzehnhundertfünfziger Jahre an der Tagesordnung. Die Figuren dieser Geschichte sind eingebunden in dieses düstere Kapitel der spanischen Geschichte.

Zafon versteht es zudem, wie kein zweiter, über die Leidenschaft, die Faszination zu schreiben, die das Lesen ausmacht. Seine Sätze sind wahrhaftig, mal traurig, mal tröstlich, mal humorvoll, einfach magisch. Eine Geschichte voll von Auf’s und Ab’s, voll von Trommelwirbeln. Wenn Zafon beschreibt, das in dem Viertel Barcelonas, in dem der Friedhof der vergessenen Bücher liegt, das 19. Jahrhundert noch nichts von seiner Pensionierung erfahren hat, hier Dinge wie Eile und Armbanduhren nicht stattfinden, könnte ich niederknien.

Der Kreis schließt sich mit einem wunderbaren Epilog, kraftvoll und melancholisch zugleich. Wieder betreten ein Vater und ein Sohn den Friedhof der vergessenen Bücher…

Beim Hören dieser Geschichte breitete sich eine angenehme Wärme in mir aus, ich konnte bei diesen Sätzen tief durchatmen. Es geht mir wohl wie Daniel Sempere – dieser Roman wird immer ein besonderer für mich, und meine Lieblingsfigur Fermin Romero de Torres mit seiner unverwüstlichen Zuversicht bleiben …

HörbuchVersion: Buch oder Hörbuch. Er ist wieder einmal Schuld, das meine Entscheidung hier zu Gunsten des Hörens ausfiel. Was bleibt mir über Uve Teschner noch zu sagen? Alle die, die schon länger bei mir mitlesen wissen, ich bin sein Fan! Egal ob nachdenklich, gruselig, mystisch, liebevoll, streitlustig oder phantasievoll – er kann alles lesen. Er stützt diesen Roman mit seiner Stimme und Ausdruckskraft, verleiht ihr einen Sog, dem man sich nicht entziehen kann. Ach, ich könnte ihm ewig zu hören …

Underground Railroad (Colson Whitehead)

Sonntag, 17.12.2017 

Wir schreiben das Jahr 1964, kurz bevor der US-Präsident Lyndon B. Johnson mit dem „civil rights act“ die Trennung zwischen Weißen und Schwarzen in Amerika zumindest juristisch aufgehoben hatte. Drei farbige Frauen arbeiteten damals für die NASA, u.a. die hochbegabte Mathematikerin Katherine Vaughn. Sie schuf mit ihren Berechnungen die Grundlage für den ersten erfolgreichen bemannten Raumflug der Amerikaner und sie hatte wesentlichen Anteil auch an der ersten Mondlandung der USA. 

Bis heute ist Vaughns Einfluß vielen unbekannt. Ein Film über diese „Unentdeckten Heldinnen – Hidden Figures“. Kam im Februar diesen Jahres in die Kinos. Welche Ausmaße die Rassentrennung bis weit in die 1970iger Jahre in den USA noch hatte, das mit anzusehen, trieb mir hier die Wuttränen in die Augen. 

Dabei war es bis hierher für die Farbigen in Amerika ja schon ein weiter Weg im Kampf um Gleichbehandlung gewesen, bedenkt man die Anfänge, als der Baumwoll- und Indigoanbau das Land einst reich gemacht hatten, und man aus Afrika gar nicht genug Menschen verschleppen und versklaven konnte um ausreichend Arbeiter zu haben …

Underground Railroad (Colson Whitehead)

Ein Netzwerk von Helfern, gesponnen über zahlreiche Bundesstaaten, das zwischen 1810 und 1850 etwa 100.000 Sklaven zur Flucht aus den Süd-Staaten der USA nach Norden verhalf. Die „Underground Railroad“ agierte mittels geheimer Fluchthäuser, geheimer Botschaften, stets im Verborgenen. Man benutzte in der Kommunikation unter den Helfern, Begriffe aus der Welt der Eisenbahn, so kam das Netz zu seinem Namen.

In seinem Roman geht Whitehead noch einen Schritt weiter, er greift tief in die schriftstellerische Trickkiste, nicht nur formulierend, und erweckt die „Underground Railroad“ zum Leben. Läßt sie zu einer echten, körperlichen Eisenbahn im Untergrund werden. Ein Tunnelsystem von abertausend Kilometern erschafft er, gut geschützt, von Agenten geführt, finster, durchdrungen von Mut, Entbehrung und schier grenzenlosem Engagement …
(Bild- und Infoquelle: Wikipedia)

Textzitat: „Geraubte Körper bearbeiteten geraubtes Land. Es war eine Maschine, die niemals stillstand, ihr gieriger Kessel wurde mit Blut beschickt“.

Georgia, Randall PlantageDieser Tag war es, an dem sich Cora endgültig zur Flucht entschieden hatte. Die Grausamkeiten würden hier kein Ende nehmen, im Gegenteil, sie nahmen gar an Intensität zu. Der Galgen stand in der Mitte des Rasens, Tage lang hatten sie ihn für die Bestrafung hergerichtet. 

Am gedeckten Tisch davor hatten sich die Gäste ihres Herrn eingefunden und tafelten ausgiebig, während der Aufseher peitschte. Ebenfalls ausgiebig, langsam und ausdauernd. Abschließend übergoß man den Mann, der nur noch aus Fetzen zu bestehen schien und sich unter Qualen wand, mit Öl und zündete ihn an …

Alle Sklaven der Plantage hatten sich ebenfalls um den Galgen versammeln müssen, durften ihren Blick nicht abwenden. Selbst wenn man das hätte tun können, vor dem Geruch nach verbranntem Fleisch, den erstickten Schreien, hätte es kein Entkommen gegeben ..

Textzitat: „Die Sklaverei war eine Sünde, wenn Weiße unters Joch gebeugt wurden, nicht aber, wenn es Afrikaner waren. Alle Menschen sind gleich, es sei denn, wir entscheiden, dass du kein Mensch bist.“

North Carolina. Ihre Helfer dürfte sie auf keinen Fall mit in Gefahr bringen, ihnen drohte, würde sie auffliegen, ebenso der Galgen, bei der feierlichen wöchentlichen Freitagshinrichtung, wie ihr selbst. Mit den Helfern der Railroad ging man hier nicht zimperlich um. Küchenhilfen verrieten ihre Herren, Kinder ihre Eltern. Die Regulatoren kannten keine Gnade, für ihre Hausdurchsuchungen gab es nicht immer einen stichhaltigen Grund. „Die Straße der Freiheit“ wollte schließlich bestückt bleiben. Hier baumelten sie, am Wegesrand, die Leichen all derer, die sie in ihren Verstecken aufgespürt hatten. Die Leichen all derer, die den Versteckten geholfen hatten. Ohne Unterschied. Gleich ob Mann, ob Frau, ob Kind, ob schwarz, ob weiß …

Textzitat:“ Und auch Amerika ist eine Illusion, die größte von allen. Die weisse Rasse glaubt – glaubt von ganzem Herzen – , das sie das Recht hat, das Land zu rauben. Indianer zu töten. Krieg zu führen. Ihre Brüder zu versklaven. Wenn es irgendeine Gerechtigkeit auf der Welt gibt, dürfte diese Nation nicht existieren, denn ihre Grundlagen sind Mord, Diebstahl und Grausamkeit.“

Colson Whitehead, geboren 1969 in New York City, Harvard Student und Universitäts-Dozent an Amerikas bekanntesten Unis. Für sein schriftstellerisches Werk wurde er in den USA mehrfach preisausgezeichnet. In diesem Jahr erhielt er die Preise gleich im Doppelpack, was vor ihm nur zwei andere Autoren geschafft haben Faulkner und Updike. Sein Underground Railroad wurde mit dem National Book Award 2017 (dem wichtigsten Literatur-Preis der USA) und mit dem Pulitzer Preis 2017 (dem berühmtesten amerikanischen Literaturpreis) ausgezeichnet. 

Whiteheads Roman ist eine Herausforderung, er fordert Amerika heraus auf seine Vergangenheit zurück zublicken. Seine Leser fordert er heraus durchzuhalten, angesichts all dieser Gräuel und den Blick zu öffnen, für mehr Toleranz auch in unserer heutigen Gesellschaft.

Er stößt uns eine Tür zu einem Schauplatz und einem Kapitel der amerikanischen Geschichte auf, das wir Europäer bis heute mit Schrecken und Unverständnis betrachten. Die Blütezeit des Baumwollanbaus in Amerika, der Beginn der Globalisierung auf dem Rücken derer aufgebaut, die heimat- und hoffnungslos, brutal unterjocht worden waren? Vergleiche ich zwei Romane mit historischem Kern, die ich in diesem Jahr gelesen habe miteinander, hat Whitehead für mich „Das Floss der Medusa“ an Schrecken noch übertroffen. Bedenkt man, das in seinem Roman hier ausnahmslos alle Grausamkeiten bewußt und nie zufällig, von Menschen gemacht sind. 

Ausgepeitschte, deren Wunden man noch mit Pfeffer bestrich, Zangssterilisationen und andere medizinische Experimente. Es herrschten Intoleranz und Willkür. Schonungslos, aber nie voyouristisch erzählt er uns von diesen Untaten. Läßt seine Sätze einen Moment in der Luft hängen, nicht damit wir Luft holen können, nein – so hallen sie besonders intensiv nach.

An so einigen Stellen habe ich die Hand vor den Mund geschlagen um einen Aufschrei zu unterdrücken. Hab einen Augenblick gebraucht, verharrt mit Furcht in den Knochen weiter zu lesen, mit Furcht vor dem was da zwischen den nächsten Seiten noch auf mich warten würde … 

Gottesfurcht und Lynchjustiz, Leichendiebe und Kopfgeldjäger treffen hier auf Verzweiflung, Hoffnung und Fluchtträume. Der Norden, vielleicht Kanada als Endstation Sehnsucht? Kritiker werden eventuell sagen es fehle ihnen an historischen Fakten zur Railroad – aus meiner Sicht geht es hier aber nicht darum. Denn sind es nicht immer die Einzelschicksale, die das Grauen von menschengemachtem Unrecht nahbar machen? An der Stelle wage ich jetzt mal den Vergleich mit „Schindlers Liste“ …

Whiteheads Roman hat sich, gelesen im Jahres-Endspurt 2017, auf der Liste meiner Lese-Highlights, weit nach oben geschoben. Ich ziehe einen imaginären Hut, auch für die klaren, teils harten Worte die er findet und dafür, wie mutig er hier Stellung bezieht. Nicht umsonst hatte Ex-US-Präsident Obama dieses Buch auf seine Ferien-Lese-Liste gesetzt! 

Der Gentleman (Forrest Leo)

Sonntag, 03.12.2017

Stöbern in einer meiner Lieblingsbuchhandlungen, viel zu selten habe ich dazu noch die Gelegenheit. 

Danach erschöpft aber glücklich mit meiner „Beute“ in ein Café in der Nähe einkehren und sich hier ein kleines Buffet an Minitörtchen mit meinem Mann teilen. Die Schätze auspacken, her zeigen, losplaudern, diskutieren und sich stolz über da „Geschossene“ freuen ;-).

Wie sehr ich es genieße, mich mit einem belesenem Gegenüber auszutauschen. Besonders wenn ich gerade zuvor im Laden, mal alleine durch den Blätterwald gestapft bin.

Sehr nett finde ich auch die Idee, ergänzend zur persönlichen Beratung, Empfehlungen des Buchhändlers mittels handgeschriebener, kleiner Kärtchen in die Ansichtsexemplare zu stecken. Genau diese erregen jedes Mal meine Aufmerksamkeit. Aus diesem bunt schillernden Exemplar hier, ragte auch eines dieser Kärtchen und schwups war es in meinen Einkaufsbeutel gehüpft … 

Vorhang auf für:

Der Gentleman (Forrest Leo)

EpilogZitat: 

Ein wahrer Bericht, die Gefahren der Liebe, die Ehe, Duelle, die Poesie, Erfinder, die Familie, Anarchisten, Luftschiffe, die Begegnung mit dem Teufel, die Unterkleider der Damen, Malen nach der Natur, die Geschichte der Entdeckungen betreffend. – Niedergeschrieben von Mr. Lionel Savage & herausgegeben mit Einwänden von Mr. Hubert Lancaster

London, 1850. 

Lionel „Nellie“ Savage, Dichter, Schriftsteller, zweiundzwanzig, war Pleite. Pleite?! Unverblümt und unumwunden hatte ihm dies sein Butler Simmons soeben ins Gesicht gesagt. 

Nun gut, er hatte zwar als Autor eine gewisse Berühmtheit erlangt, aber irgendwie konnten seine Einkünfte offenbar nicht mit seinem Lebenswandel Schritt halten. Nach kurzer aber intensiver Überlegung war er jetzt zu dem Entschluß gekommen, dass eine Heirat in eine vermögende Familie einen durchaus akzeptablen Ausweg aus seiner Misere darstellen könne.

Nie hätte er jedoch gedacht, dass seine Brautschau so schnell von Erfolg gekrönt sein würde. Seine überhastete Entscheidung für die Ehe im Allgemeinen und für Vivien im Besonderen hatte ihm jedoch schnell ein weit größeres Problem beschert als seine Geldsorgen. Kaum verheiratet, konnte er nicht mehr schreiben! Kein einziges Wort mehr hatte er seither zu Papier gebracht. Er war verzweifelt, unangemessen, über die Maßen, dachte gar an Selbstmord und wünschte seine Frau, die fraglos an all dem die Schuld trug, zum Teufel! 

Ohne Pech, Schwefel und Pferdefuß war ihm dieser dann auch höchst selbst erschienen, als wahrer Gentleman, und am Ende dieses äußerst seltsam verlaufenen Zwiegesprächs war sie verschwunden – seine Frau. 

Zweifellos, spurlos und wie durch ein Wunder hatte sie sich danach auch in Luft aufgelöst – Lionels Schreibblockade …

Verwegen, berühmt, verrehrt, extrem gutaussehend = Ashley Lancaster, der Bruder seiner Frau. Eben noch auf Krakatau, oder war es der Dschungel von Borneo? Jetzt zurück in London war dieser, als er vom rätselhaften Verschwinden seiner Schwester hört, nicht etwa geschockt, nein er hatte sogleich ein neues Abenteuer gewittert – und ehe er sich versah, war unser blutleerer Dichter darin verstrickt gewesen. Bis über beide Ohren, Duell inbegriffen …

Textzitat S. 209: 

Hampstead Head im Morgengrauen ist ein Ort des Nebels, des Vogelgezwitschers und des Ehrenhandels. Es ist nicht unüblich, dass die morgendliche Stille von Pistolenschüssen zerissen wird oder das frühe Passanten das Klirren von Degenklingen vernehmen, die gedämpften Rufe verwundeter Männer und gelegentlich den Aufschrei einer Frau …

Forrest Leo, über ihn erfährt man im Klappentext nur soviel. Geboren 1990 in Alaska, dort auch aufgewachsen, ohne fließendes Wasser. Seinen Schulweg legte er mit dem Hundeschlitten zurück, er hat einen Bachelor in Schauspiel von der New York University und hat als Zimmermann gearbeitet. 

Was für eine Geschichte! Trickreich kombiniert, witzig und mit einer Wendung, die mir richtig Spaß gemacht hat. 

Was für eine charmante Idee! Liebevoll und herrlich schräg ausgestattet.

Leo wählt für seinen Roman, Pardon für die Geschichte aus der Feder von Lionel Savage, den er hier als Ich-Erzähler einsetzt, einen herrlich empört „britischen“ Ton, sprühend vor Wortwitz liefern sich seine Figuren wahre Satzduelle. Vorsicht beim Lesen in der Gegenwart anderer, hier ist ein amüsiertes Dauergrinsen, albernes Kichern oder gar lautes Auflachen nicht auszuschließen :-).

Bühnenreif, hab ich an vielen Stellen gedacht, am Ende dann in der Danksagung von Leo gelesen, dass es diesen Stoff tatsächlich zunächst als Theaterstück gegeben hat. Wie gerne hätte ich ihn inszeniert gesehen. Allein Kostüme und Bühnenbild dieser Zeit! Gut besetzt, muss das ein Kracher gewesen sein, die Dialoge wie Ballspiele, jede Pointe sitzt.

Seinem Übersetzer ins Deutsche, Cornelius Reiber, hat Leo es sicher nicht ganz einfach gemacht. Mit zahlreichen Fussnoten ist der Text gespickt, damit ist er auch für den geneigten Leser eine Herausforderung. Für mich als Gleitsichtbrillen-Glas-Trägerin ist das Kleingedruckte schon schwierig, ich hätte auch geflucht, oder sie überlesen, wären die treffsicher gesetzten Einwände, des Herausgebers von Lionel Savage, hinter den *Sternchen nicht so lohnend und die Idee so cool. Wunderbar leicht trifft das Team Leo/Reiber den etwas gesteltzten Ton dieser Zeit, verpassen sie Savage einen Snob-Touch der Laune macht und sein Butler ist zum Niederknien, schlagfertig, für jedes Problem eine Lösung zur Hand. So einen hätte ich auch gern an meiner Seite …

Ja, und das Cover des Aufbau-Verlages gibt wirklich alles. Was die Einen abschrecken mag, so bunt, so wirr, zieht die Anderen, wie mich geradezu magisch an. Alle Facetten dieses exzentrischen, viktorianischen Abenteuers will es einfangen, den Teufel rückt es dabei ins Zentrum. Er ist auch tatsächlich irgendwie der Dreh- und Angelpunkt der Geschichte, aber auf eine Art und Weise die überrascht und mich am Schluß die Brauen bis unter’s Pony hochziehen läßt! Chapeau!

Der Knabe im Moor (Annette von Droste-Hülshoff)

Kurz noch einmal innehalten, bevor mich beruflich der Weihnachts-Streß einholt. Privat hab‘ ich ihn längst abgeschafft, verblüfft es mich Jahr für Jahr aber immer noch ungebremst, wie überraschend für viele doch Weihnachten kommt. Der Kühlschrank noch leer, es fehlt gar das Geschenk für die Ehefrau noch am Heiligabend – so manch einer scheint diesen Druck gar zu brauchen – wer weiß? 

Es ist schon ein paar Jährchen her, da verschlug es uns erstmals Ende November zum Durchatmen in’s Biospärenreservat Hoch-Rhön und bald schon schlurften wir bei einem Spaziergang unsicher im Nebel über einen aus Block-Bohlen ausgelegten Weg. Eiskalt, feucht, rutschig und ich durchaus angstvoll. Es raschelte und knisterte allenthalben, unsere Fotos sahen danach aus, als hätten wir sie aus einem alten Edgar Wallace Film rausgeschnitten. Diese Stimmung, bang, gruselig und magisch zugleich fängt ein Gedicht wunderbar ein – hört mal: 

Der Knabe im Moor (Annette von Droste-Hülshoff

  • O schaurig ist’s übers Moor zu gehn,
  • Wenn es wimmelt vom Heiderauche,
  • Sich wie Phantome die Dünste drehn
  • und die Ranke häkelt am Strauche,
  • Unter jedem Tritt ein Quellchen springt,
  • Wenn es aus der Spalte zischt und singt! – 
  • O schaurig ist’s übers Moor zu gehn,
  • Wenn der Röhricht knistert im Hauche!
  • Fest hält die Fibel das zitternde Kind
  • Und rennt, als ob man es jage;
  • Hohl über die Fläche sauset der Wind –
  • Was raschelt drüben im Hage?
  • Das ist der gespenstische Gräberknecht,
  • der dem Meister die besten Torfe verzecht;
  • Hu, hu, es bricht wie ein irres Rind!
  • Hinducket das Knäblein sich zage.
  • Vom Ufer starret Gestumpf hervor,
  • Unheimlich nicket die Föhre,
  • Der Knabe rennt, gespannt das Ohr,
  • Durch Riesenhalme wie Speere;
  • Und wie es rieselt und knistert darin!
  • Das ist die unselige Spinnerin,
  • Das ist die gebannte Spinnenlenor‘,
  • Die den Haspel dreht im Geröhre!
  • Voran, voran! Nur immer im Lauf,
  • Voran, als woll‘ es ihn holen!
  • Vor seinem Fuße brodelt es auf,
  • es pfeift ihm unter den Sohlen,
  • Wie eine gespenstische Melodei;
  • Das ist der Geigemann ungetreu,
  • Das ist der diebische Fiedler Knauf,
  • Der den Hochzeitsheller gestohlen!
  • Da birst das Moor, ein Seufzer geht!
  • Hervor aus der klaffenden Höhle;
  • Weh, weh, da ruft die verdammte Margret:
  • „Ho, ho, meine arme Seele!“
  • Der Knabe springt wie ein wundes Reh;
  • Wär’n nicht Schutzengel in seiner Näh‘,
  • Seine bleichenden Knöchelchen fände spät
  • Ein Gräber im Moorgeschwehle.
  • Da mählich gründet der Boden sich,
  • Und drüben, neben der Weide,
  • Die Lampe flimmert so heimatlich,
  • Der Knabe steht an der Scheide.
  • Tief atmet er auf, zum Moor zurück
  • Noch immer wirft er den scheuen Blick:
  • Ja, im Geröhr war’s fürchterlich,
  • O schaurig war’s in der Heide!

                                                                           (Bildquelle: Pixabay)