Dunkelgrün fast schwarz (Mareike Fallwickl)

Sonntag, 22.04.2018

„Arschlochkind“ was für ein Wort ist das denn? Schließen sich nicht die beiden Wortbestandteile schon gegenseitig aus? Mit Kind verbinden wir niedlich, vielleicht auch arglos und mit Arschloch genau das eben nicht – und doch, bei genauerem Hinsehen sind wir ihnen sehr wahrscheinlich alle schon einmal begegnet, solchen Kindern.

Was läßt die Einen zum Schläger werden und die Anderen zum Vermittler? Was läßt sie ihren Eltern entgleiten, oder hatten diese es nie in der Hand?

Erinnerungssplitter wirbeln in mir auf, an den „Schulhofprügler“, den „Taschengelderpresser“ die „Lieblings-Füllerdiebin“ meiner Grundschulzeit. An das Herzklopfen beim Zurückstehlen des teuren Füllers, wie hätte ich meinen Eltern auch erklären können, dass er fort war, ohne entweder Ärger zu bekommen oder ihre Einmischung zu provozieren, die alles nur noch schlimmer gemacht hätte …

Kinder können gemein sein, grausam, wie es nur Kinder sein können? Oh, ja. Was macht sie dazu? Was bringt Sie soweit?

Wutkinder“. Im Supermarkt wälzen sie sich am Boden, schreiend, trampelnd, die Eltern stehen hilflos, beschämt und gedemütigt oder voller Zorn daneben. Später spazieren die Kleinen, ein Eis leckend vorbei, ein siegessicheres Grinsen auf den Lippen. Bilder aus meinem Alltag …

Auch Mareike Fallwickl hat eine Alltagsbeobachtung gemacht, die sie zu diesem Roman inspiriert hat, erzählt sie in einem Interview. Auf einem Spielplatz rutscht ein Junge mit voller Absicht in ein kleineres, am Boden liegendes Kind hinein. Blickt ihr dann offen lächelnd in der Gewißheit ins Gesicht, dass Sie nichts sagen wird …

In ihrem Debütroman stellt sie uns neben Marie, Johanna und Raffael, Moritz vor. Schon mit drei Jahren kann er die Farben, die Auren, der anderen sehen, ihre Stimmungen, sogar die Atmosphäre in Räumen, Häusern, seiner Umgebung nimmt er farblich war. Das ängstigt ihn als Kind, macht ihn später, als er es nicht mehr verleugnet, zum intensiven Beobachter und treibt ihn hin zu Raffael, der so wunderschön hellgrün strahlt …

Dunkelgrün fast schwarz

Was wollte er hier? Mitten in der Nacht? Ausgerechnet heute, jetzt, nach all der Zeit? Jetzt, wo Moritz sich in seinem Leben eingerichtet hatte, seine Frau schwanger und er was, glücklich war?

Als Raffael nach über sechzehn Jahren Funkstille regenfeucht vor ihm steht und ihn entwaffnend angrinst, läßt Moritz ihn rein. Zögernd, mißtrauisch, von einem unguten Gefühl durchdrungen. Er brauche eine Schlafstatt, nur für diese eine Nacht, alle Hotels seien ausgebucht. Eigentlich habe er ja vorher anrufen wollen, so Raffaels lahme Entschuldigung. Sie kennen sich seit sie drei Jahre als sind. Haben ihre Kindheit zusammen verbracht, sind Blutsbrüder – so landet Raffael auf seiner Couch und Moritz schiebt seine Bedenken zur Seite, auch seine Wahrnehmung. Denn die einst limonengrüne, helle Aura seines Freundes hat sich verdunkelt, ist zu einem dunkelgrün, ja fast schwarz geworden …

Er war fort und Johanna sich nicht sicher, ob sie das Katz und Mausspiel nicht mehr leid war, als sie es liebte. Sie vermisste ihn, und hatte diesmal keine Ahnung wohin er verschwunden sein könnte. Zwischen dem was er zurückgelassen hatte fand sich kein Hinweis, akribisch hatte sie alles durchsucht, selbst seine Schmutzwäsche die noch hier war und den Inhalt des Papierkorbs. Seit vierzehn Jahren ließ er sie jetzt immer wieder zurück, seit vierzehn Jahren wartete sie auf ihn, immer wieder. Erst schickte er ein Zeichen, einen Hinweis, dem sie folgen konnte, wie bei den ausgestreuten Brotkrumen in einem Märchen. Nie hatte er aber vorher alles ausgelöscht so wie diesmal, auch alle digtalen Spuren verwischt …

Mareike Fallwickl – geboren 1983 in Hallein, lebt im Salzburger Land und macht hier ihre Heimat zum Schauplatz ihres Debüt-Romans. Seit 2009 pflegt Fallwickl einen Literaturblog, arbeitet als freie Texterin und Lektorin.

Ihr Roman ist trotz Moritzes Fähigkeit Auren zu lesen alles andere als esoterisch. Mit forschenden Augen blickt dieser in die Welt, durchdringt sie und die Personen um ihn herum. In seiner Zugewandheit und mit einer Fürsorglichkeit, die rührend ist, sucht er seinen Platz im Leben, sucht nach Anerkennung. Seiner Sandkastenfreundschaft mit Raffael, dem Bad Guy, der an Gemeinheit schon im Kindergarten nicht zu überbieten war, mit seinem nach außen hin perfekten Elternhaus, ist er mir Haut und Haaren verfallen, genauso wie Johanna. Die Dritte im Bunde, als Teenager verliert sie beide Eltern und kommt bei einer Tante unter, die nichts mit ihr anfangen kann. Das Band zwischen den beiden Buben ist ihr gleich aufgefallen und wenn sie eines will, dann zu diesen beiden Unzertrennlichen gehören …

Marie, die Mutter von Moritz, übernimmt eine weitere Schlüsselrolle. Ungewollt und viel zu früh schwanger, von den Schwiegereltern abgelehnt, der Ehemann im Medizinstudium, ist sie viel zu viel allein. Wie hineingeschoßen wird sie in dieses kleinstädtische, ja dörfliche Leben in der Nähe von Salzburg. Hier, wo hinter vorgezogenen Gardinen ein prüfender, argwöhnischer Blick auf die Fremde, die Zugezogene geworfen und getuschelt wird, man sie auf der Straße aber weder offen ansieht noch anspricht. Mir, die auch eine Zugezogene auf dem Dorf ist, kommt das alles sehr bekannt vor …

Ja, man zieht schnell als Leser den Kopf ein, denn man sieht das Unheil kommen, schon bevor die ersten hundert Seiten gelesen sind. Schüttelt den Gedanken dann wieder ab, versucht wie Moritz das Licht zu sehen, bei stetig wachsenden Zweifeln.

Plakativ schildert Fallwickl Verletzungen, verbale und körperliche, innere und äußere, zeigt auf, wie leicht diese zufügbar sind, besonders dann, wenn man sich gut kennt. Sie baut erotische Szenen ein, ohne pornografisch zu werden, verstärkt so Abhängigkeiten zwischen ihren Figuren. Zerissene Manipulatoren, die nach außen hin unbeugsam erscheinen, einsame, sensible Helden gestaltet sie dabei ebenso glaubwürdig aus, wie verzweifelte Mütter und vernachlässigte Ehefrauen.

Über die Gefühle Ihrer Figuren erzählt sie uns viel, beschreibt sie mit einer Körperlichkeit, die drastisch und eindringlich ist. Läßt uns Wut schmecken, Galle spucken, aber auch Leidenschaft und Sehnen kosten. Fallwickl bedient sich dabei einer sehr bildhaften, unverstellten Sprache. Wie kunstvoll geschmiedete Pfeile sind ihre Sätze, mal sirren sie noch rotglühend und roh los, mal suchen sie zischend, glatt poliert und schimmernd ihr Ziel. Immer treffen sie ins Schwarze, punktgenau, verletzen, verhöhnen oder versöhnen. Nie wirken sie bemüht oder angestrengt. Hut ab, davor!

Seitenweise hätte ich Markierungen machen können, mit Formulierungen die mich innehalten und nachdenken ließen, die ich mehrfach gelesen habe, so muß ein Roman sein, an den ich lange zurückdenke, der sich in mein Herz gräbt. Fallwickl erzeugt durch Rückblenden und Perspektivwechsel eine Grundstimmung, die packt und spannend ist bis zu letzten Zeile, einen voran treibt, weil man endlich erfahren will, was sich abgespielt hat, damals und zwischen den Dreien.

Und, ja, das Leben ist lebensgefährlich und verhängnisvoll, und unausweichlich und schicksalhaft, und wir alle begegnen ihnen auch als Erwachsene, gleich ob wir sie schon als Kinder kannten oder nicht, Menschen, die dunkelgrün fast schwarz sind …

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Stadt aus Rauch (Svealena Kutschke)

Sonntag, 21.01.2018

Wie lebt man ein Leben, wenn der eigene Geburtstag gleichzeitig der Todestag der Mutter ist? Ist das Kind dem Tod abgerungen dann Fluch oder Segen in dieser Familie? Kinder, die ein Leben lang schwer an einer Schuld tragen, für die es sich so anfühlt, als seien sie der „Mörder“ der eigenen Mutter. Eine Mutter, die sie nie kennengelernt haben, aber dennoch vermissen, eine Bindung spüren, die in die Leere verläuft. Väter, die in ihrem Kind das Abbild der geliebten Partnerin erkennen, sich an ihm festhalten, nach Wesenszügen suchen, die die verlorene Frau einst ausmachten.

Was, wenn ein solches Kind, der verstorbenen Gefährtin aber so gar nicht gleicht? Sich auf immer verloren fühlt, verloren geht, sich nie erden kann? Nie die Fähigkeit entwickelt selbst stabil Beziehungen einzugehen? Dem Vater fremd bleibt?

In diesem Roman treffen wir auf eine Autorin, die mehr Fragen in uns hinterläßt, als sie uns Antworten gibt. Auf das Vortrefflichste spielt sie mit unseren Gedanken und Empfindungen, Ihre Figuren behält sie dabei fest im Blick:

Stadt aus Rauch (Svealena Kutschke)

Und seit Jahr und Tag wartet der Wind vor der Marienkirche auf den Teufel der nie erscheint. Er muß die Sünder in die Hölle bringen“. (Mündliche Überlieferung).

Wer zwischen den Toten aufwächst, hat es zwischen den Lebenden schwer. Jessy, die Tochter eines Leichenbestatters und einer Säuglingsschwester, war anders. Die Klassenkameraden in ihrer Grundschule sparten nicht mit Spott und mieden sie. Freunde brauchte sie nicht, aber einen auf den sie sich verlassen konnte, den brauchte es und den hatte sie in Bjarne, bis sie zwölf war. Bis zu diesem einen Morgen, an dem sie ihn zur Schule abholen wollte. Auf Zehenspitzen spähte sie durch Bjarnes Fenster in eine leere Wohnung. An diesem Tag ging auch Jessy nicht zur Schule und sie hörte, mit einhundertzweiundsechzig Zentimetern, mit dem Wachsen auf. Als Teenager wurde sie in den 1970ziger Jahren groß, mit Clint Eastwood, den ihr Vater so sehr liebte und mit ihrem Spitznamen, Jessy James. Stets waren ihre Jeans zerschlissen, und sie ungeschminkt um diese merkwürdig blauen Augen. Mit diesen Augen, mit denen schon ihre Großmutter in die Welt und in andere hinein geschaut hatte, trotzte sie dem Leben ihren Anteil ab …

Der Winter 1863/64 in Lübeck an der Trave. Jessys Urgroßvater Johann war ein stattlicher Offizier, nur leider ohne Krieg und noch immer ohne eine Frau. Die Österreicher waren gegen die Dänen gezogen und der Soldat aus dem Montafon, der ihm jetzt im Gasthaus gegenüber saß, war durch diesen Krieg zu Ruhm und Ehre gelangt. Hier an diesem Abend fand Johann einen Freund, er reiste nach Österreich, verliebte sich unsterblich in die Frau seines besten Freundes. Alles ging gut, bis 1866 die Preußen den Österreichern den Krieg erklärten und er mit seinem Regiment gegen seinen Freund ziehen sollte. Zum Glück?! wa Johann mit seinen Soldaten zu spät gekommen. Die entscheidende Schlacht war geschlagen und seinen Freund Gottfried hatte eine preußische Kugel in den Kopf getroffen. Die Kugel blieb drin und er am Leben, aber Gottfried konnte fortan weder sprechen, noch denken, noch sich bewegen und seine schöne Frau war doch jetzt quasi irgendwie allein …

1915, Hansestadt Lübeck.

Ein Raum, zwei Tote, das Mädchen und der Teufel.

Gift. Fräulein Hedwig und Fräulein Lisbeth hatten sich mit ihren besten Kleidern zum Sterben hingelegt. Lucie stand am Fußende des Bettes und betrachtete die beiden Frauen schweigend, die sie schützend aufgenommen hatten, als ihr Vater, der Maler, in den Krieg hatte ziehen müssen. Jetzt war er zurück, aus dem Lazaret, aus der Welt, in die man (Textzitat) „nur um den Preis eines Körperteils eintreten durfte“.

Lucie weinte nicht, sie ging die Sache praktisch an, wusch Hedwig und Lisbeth, richtete sie wieder her. Der Teufel war beeindruckt. Das Mädchen hatte ihn bislang noch nie enttäuscht und er erwartete noch so einiges von ihr. Seit Lucies Geburt war der Teufel im Stande durch ihre Augen die Welt zu sehen. Einen Brief hielt sie jetzt in den Händen, im Bett der Frauen hatte sie ihn entdeckt und sie las konzentriert. Es war ein Abschiedsbrief von Hedwig und Lisbeth, der ihr und dem Vater, die sie so arm wie die Kirchenmäuse waren, ein ansehnliches Erbe zusprach …

Svealena Kutschke, geboren 1977 in Lübeck, lebt heute in Berlin. Ihren Roman „Stadt aus Rauch“ läßt sie überwiegend in ihrer Geburtstadt spielen. Dieser Roman ist ihr dritter. Wild und wunderbar, ein literarisches Wagnis – das steht im Klappentext zu lesen und machte mich neugierig.

Von Sagengestalten und Mythen ist diese außergewöhnliche Geschichte ebenso bevölkert wie von Menschen aus Fleisch und Blut. Unwirkliche Gestalten, die aber nicht als Randfiguren agieren, sondern gegenwärtig sind. So ist zum Beispiel der Teufel in Person häufig beteiligt, schaut nicht nur den Menschen über die Schulter. Dennoch bringt er nicht das Böse, sondern das Besondere in die Welt, wird wie eine Metapher dafür eingesetzt und damit sehr wirkungsvoll zu einem genialen Kunstgriff.

Ein Generationenroman, der sich wie eine Zeitreise auf den Spuren der Ahnen unserer Protagonisten anfühlt. In geschickt verwobenen Rückblenden, die etwas Konzentration erfordern, führt uns Kutschke wie ein Hypnotiseur weit zurück in der Zeit. Springt mit uns hin und her. Die Zerrissenheit ihrer Figuren, ihrer Jessy, ihrer Lucie, ihrer Freya, hinterlassen in mir ein wundes Herz.

Hier, wo die eigenen Spiegelbilder die Augen schließen. Man bei einem Maler verlorene Träume kaufen kann, Kinder kennenlernt, die unter dem eisblauen Blick des Teufels geboren werden und seine Augen ins Leben tragen.

Soldaten ohne Krieg, Pfarrer, Bestatter und Krankenschwestern, versteinerte Kriegsveteranen, Burgherren und rebellische Töchter geben sich ein Stelldichein. Wir ziehen aber auch mit Punks durch die Stadt, schlafen anschließend im Bauwagen unseren Rausch aus. Erleben das bohemianische Berlin ebenso wie Lübeck in der Zeit Thomas Manns mit seinen Buddenbrocks.

Wir lieben und hassen, verzweifeln und verzagen in den Wirren des zweiten Weltkrieges mit seinen Massengräbern, Vernichtungslagern und ausgeweideten Gebäuden. Wir erleben Antisemiten, gewaltätig in ihrem Element, schämen uns fremd. Kutschke kommentiert und bewertet nicht, sie läßt uns diese Zeiten mit ihren Figuren von innen heraus erleben, spürt ihnen und ihren Motiven nach. Nicht selten habe ich mir dabei die Frage gestellt, ob ich angesichts solcher Taten nicht selbst auch weggesehen hätte, ob ich denn mutiger gewesen wäre …

Von großen und kleinen Dramen, bei Beerdigungen und Festen in der Familie, von politischen Wirren erzählt sie. Diese Frau schreibt da legt man die Ohren an!

Als hätte ich des Morgens oder am Abend auf dem Heimweg in der Dunkelheit ein Märchenbuch aufgeschlagen, hat mich diese Geschichte mit Haut und Haaren verschluckt. Fremd und doch vertraut, faszinierend und wohltuend anders. Wie aus einem Traum bin ich blinzelnd aufgewacht, wenn ich das Ziel am Beginn meines Arbeitstages oder die Garage zu Hause an seinem Ende erreicht hatte. Die Fahrtzeit war mir im Nu verflogen.

Sanft und doch kraftvoll, mal märchenhaft, mal brutal, lebenstrunken und mystisch, mit fein ausbalancierten Sätzen, die nie angestrengt wirken. Ein Roman der sich nicht festlegt, sich nicht in die Ecke stellen läßt – welchem Genre er nun angehört ist nicht wichtig.

Sein Erzählstil, der jederzeit der Situation angepaßt ist, mal jugendlich forsch, mal poetisch antiquiert. Seine kunstvoll verschachtelte Handlung, hat mich oft an einen meiner Lieblings-Romane „Die Gestirne“ von Eleanor Catton errinnert, und doch ist er ein Roman mit absolutem Alleinstellungsmerkmal.

Für solche Geschichten lasse ich alles stehen und liegen! Wild und wunderbar, fürwahr!

HörbuchFassung, gelesen von Sascha Icks, geboren 1967 in Düsseldorf. Theaterschauspielerin und mehrfach platziert auf der hr2 Hörbuch-Bestenliste als Sprecherin, lieferte mir im noch jungen 2018 gleich ein „Hörlight“. So kann es gerne weitergehen!

Punktgenau intoniert, äußerst sympatisch und charmant, mal schmeichelnd, mal drohend, verzeifelt und trauernd, dabei stets authentisch liest sie, wirft ihr ganzes Herz in den Text.

Ob Zungenbrecher oder nordisches „Plattdütsch“ – sie meistert jede Klippe. Sehr gerne wieder, liebe Frau Icks!

Unterleuten (Juli Zeh)

Sonntag, 20.08.2017

Welche Blüten der Windkraft-Subventions-Wahn in Rheinland-Pfalz getrieben hat, kann man auf den Höhen des Hunsrücks mittlerweile in unterschiedlichster Ausprägungen live erleben. Ganze Wälder dieser Beton-Kolosse sind auf den Freiflächen der Hochplateaus entstanden, das trotz mieser Energie-Bilanz. Den so gewonnenen Strom kann man immer noch nicht speichern, bei den häufig zu hohen Windlasten stehen die Räder sogar still. Die Tiefe der notwendigen Fundamente lassen den Grundwasser-Spiegel absinken, zerstören das Wurzel-Netzwerk auch weiter entfernter Waldstücke. Zahlreiche Bürger- und Umwelt-Intiativen haben sich gegründet und streiten gegen leere Gemeindekassen an. Die Energiewende in Deutschland – sie hat schon so manche funktionierende Dorfgemeinschaft in unserer Umgebung gesprengt …

Unterleuten (Juli Zeh)

Herzlich willkommen in Unterleuten! In einem Dorf wie viele andere. Mit Bewohnern, wie Sie, wie Du, wie ich. 

Hier treffen Städter auf „Landflucht“ mit Platzhirschen und Großgrundbesitzern zusammen. Entscheidungen zum Wohl und Wehe der Bürger werden nach Gutsherrenart getroffen, frei nach dem Motto „Eine Hand wäscht die andere“. Alte Feindschaften, alte Seilschaften, neue Freundschaften werden gepflegt und die „Alten“ wissen was gut für alle ist. Dumm nur, dass ausgerechnet die Neubürger in der aufkeimenden Windkraftdebatte ständig Ärger machen und alle ach so sorgfältig unter dem Teppich versteckten Häufchen herauszukehren versuchen …

Ehegattinen die Partei ergreifen, werden hier schon mal unter umkippenden Gartenzäune begraben. Schwer verliebte IT-Nerds tun für das Lieblingspferd der Freundin einfach alles, das auch schon mal unter Zuhilfenahme eines Selbsthilfe-Forums für die Partner „pferdeverrückter“ Frauen. Schriftsteller die nur dann schreiben können, wenn sie den ganzen Tag und zwar jeden Tag Rasentraktor gefahren sind, befinden sich in heftigem Zweikampf mit dem Ortsvorsteher. Über-Mütter und Vogelschützer wehren sich erbittert gegen gewissenlose Großbauern, politische Ränke und Intrigen inclusive. 

Touristen auf „Kampfläufer-Safari“. Die Kampfläufer selbst, eine bedrohte Vogelart, treten mit Gelassenheit den kapitalistischen Begierden nach Windkraftanlagen entgegen.

Was den einen Heimat, ist vom LKA gesuchten Verbrechern eine Zuflucht. Im Parzellenpoker um Eignungsgebiete streiten sich die Parteien, dass die Fetzen fliegen. Hierbei heiligt der Zweck die Mittel, ob Dutz-Offensive oder wahre Unsummen, was zugelassen wird ist legitimiert.

Hier hat offenbar jeder mit jedem eine Rechnung offen. Ein Dorf wie im Fieber. Wie D-Züge aus rasender Fahrt prallen die Streithähne aufeinander. Rußschwangere Feuer sorgen für besinnungslosen Zorn auf der einen und für Machtlosigkeit auf der anderen Seite. Neid, Mißgunst und Fanatismus haben sich wie ein Virus ausgebreitet. Der Kitt der bislang Paar-Beziehungen zusammengehalten hat, beginnt unter dem Dauerfeuer des Dorfes zu bröckeln …

Herzlich willkommen in Unterleuten!

Juli Zeh wollte einen Gesellschaftsroman schreiben. Das hat sie geschafft und wie! 2016 veröffentlicht, erzählt sie aus einem fiktiven Dorf, das sie in Brandenburg verortet, von Verbündeten die zu Feinden werden, von Leidenschaft, ja Besessenheit, sitzt dabei quasi im Kopf ihrer Figuren. Aus unterschiedlichen Blickwinkeln erzählt sie ihre Geschichte. Wie unter einem Mikroskop betrachtet sie dabei das Dorfleben. Sie seziert Befindlichkeiten, Eigenheiten, Eigeninteresse und Vorurteile. Beinahe beängstigend lebensecht versammelt sie dabei ein buntes Völkchen in ihrem Unterleuten. Von je her auf dem Dorf wohnend, fand ich mich hier nicht nur einmal wieder. Erschreckende Paralellen drängten sich mir auf. Hut ab auch vor dieser Erzählkunst. Feinhumorig mildert sie die Tragik der Ereignisse. 

Keine menschliche Eigenschaft scheint Juli Zeh fremd zu sein, alle zeichnet sie scharf, präzise auf den Punkt und mit einer für mich sehr schlichten, sachlichen Art. Aus Tätern werden Opfer, aus Schuldigen Unschuldige, ein Verwirrspiel! Die Perspektiven wechseln in rascher Folge, als Leser muss man sich immer wieder selbst neu justieren. Wem ist man bereit Glauben zu schenken, wer hat das eigene Vertrauen mißbraucht?

Was hat mir am Besten gefallen? Ganz klar – das „dicke Ende“, fulminant und zwangsläufig. Im Sterben wie im Leben konsequent, würde ich da mal sagen, Mann oh Mann!

Hörbuch vs. Roman:

Helene Grass macht in der Hörbuchfassung ihre Sache als Vorleserin gut, kann mich aber nicht abholen. Sie schafft es nicht die Eindringlichkeit herzustellen, die das geschriebene Wort erreicht. Nach den ersten gehörten Teilen hätte ich beinahe schon aufgegeben, haderte auch bisweilen mit ihrer Stimmfarbe und Intonation. Bin dann für einige Kapitel zum Lesen gewechselt, bis ich richtig drin war in der Geschichte. Juli Zehs Sätze hallen gelesen im Kopf viel stärker nach. Eine für mich erstaunliche Erfahrung, hatte ich Hören und Lesen bislang nahezu gleich gewichtet, bzw. dem Hören ganz bewußt und ohne Reue den Vorzug gegeben. Konnte doch schon so mancher Vorleser nach meinem Empfinden dem Geschehen noch einen Mehrwert entlocken. Meine Entscheidung, welche Texte ich künftig höre und welche ich lese, werde ich hiernach noch sorgfältiger überlegen …

Geister (Nathan Hill)

Alle Schulden müssen zurück gezahlt werden!

Sonntag, 12.02.2017

Was meinen wir eigentlich damit, wenn wir von Geistern sprechen? Per Begriffsdefinition wäre das ein Wesen, das wir uns als übernatürlich vorstellen und das nicht an einen Körper oder eine materielle Form gebunden ist. Wir sagen auch schon mal „von allen guten Geistern verlassen sein“ und meinen damit, etwas unvernünftiges, unüberlegtes zu tun. Dann benutzen wir den Begriff Geister für Spukgestalten, denken dabei an alte Gemäuer und er schaudern …

Geister (Nathan Hill)

„Er wollte sein Leben klären. Die Gegenwart nicht mehr durch seine Wünsche verfärben. Wollte gesehen werden wie er wirklich ist.“

Samuel ist Literaturprofessor und leidenschaftlicher Gamer. Das paßt nicht zusammen? Schaut man hinter die Fassade könnte ihn nichts treffender beschreiben. Er war 11 Jahre alt, als seine Mutter ihn und den Vater verließ. Sang- und klanglos, ohne sich auch nur noch einmal umzudrehen. Sein Vater, der Tiefkühlkostvertreter, versteht dies bis heute nicht, und auch Samuel fühlt eine Leere bis ins Erwachsenenalter, und dafür ist nur einer verantwortlich – seine Mutter.

Dann der Anruf einer Anwaltskanzlei. Samuel soll für seine Mutter bürgen? Ausgerechnet er? Er soll ihre Integrität bezeugen? Sie wurde verhaftet und zwar nach einem tätlichen Angriff auf den republikanischen Präsidentschaftskandidaten? Unglaublich, seit mehr als zwanzig Jahren hat er sie nicht gesehen. Er kennt sie überhaupt nicht!  Loslassen will ihn der Anruf dann aber auch nicht, so gerne würde er endlich für sich klären wollen, warum seine Mutter ihn damals verlassen und sich nicht mehr gemeldet hat …

Die Schatten, die Geister, der Vergangenheit strecken ihre Finger nach Samuel aus und auch nach Faye, seiner Mutter. Nach Frank Ihrem Vater. Frank der Einwanderer aus Norwegen kennt auch andere Geister, nämlich die echten, die aus seiner Heimat. Die einem folgen, unversöhnlich sind und strafen, die man nur loswerden kann indem man sie wieder nach Hause bringt …

Nathan Hill unterrichtet wie seine Figur Samuel englische Literatur. Geister ist sein erster Roman mit 864 Seiten oder knapp 24 Stunden Hörzeit. Irgendwo habe ich gelesen, er hat sieben Jahre daran gearbeitet. Nachdem ich heute mit dem Hörbuch fertig geworden bin, kann ich das unbesehen glauben, denn Hill erzählt nicht nur eine Mutter-Sohn Geschichte, er erzählt viele Geschichten. Wie er die einzelnen Erzählstränge verbindet, fleißg und akribisch, dabei Satzgebilde schafft die einen stocken lassen ist meisterhaft. Seine Figuren sind glaubwürdig, der Plot ungewöhnlich aufgebaut, ahnt man bis ins letzte Drittel nicht, wie sich dieses Gebilde auflösen kann. Fast leise verabschiedet sich die Geschichte dann und ich vermisse sie jetzt schon …

Erst habe ich gezögert mir „Geister“ als Hörbuch zu gönnen, als ich dann den Namen des Sprechers gesehen habe, mußte ich es hören: Uve Teschner. Zuletzt hat er mich mit „Wedora“ von Markus Heitz infiziert, an jeder Silbe von ihm habe ich geklebt. Wollte jetzt unbedingt erleben, wie ein Sprecher nach so vielen eingelesenen Fantasygeschichten mit so einem Stoff umgeht. Ich fand ihn unglaublich! Schachtelsätze werden durch seine Interpunktion zu Gedichten und mal ehrlich, die Passagen über die nordischen Geister konnte wirklich nur und nur von ihm gelesen werden! Danke dafür!

Ein ganzes Leben (Robert Seethaler)

Donnerstag, 26.01.2017

Vor mir liegt ein neuer Tag, der mit Leben gefüllt werden will. Mit leichten Startschwierigkeiten hab ich ihn heute angetreten. Nebel zieht draußen auf, besser gleich im Bett bleiben? Klingt verlockend, ist aber keine Option. Mit der letzten Tasse Kaffee vor meiner Spätschicht grüble ich rum, meine Gedanken bleiben an einem Roman hängen, der einen schnell wieder einfängt, wenn man in unserer heut so bequemen Welt das Jammern kriegt:

Ein ganzes Leben (Robert Seethaler)

Es ist im Februar 1933, als Andreas Egger den sterbenden Ziegenhirten Johannes schultert und ihn drei Kilometer weit über einen tief verschneiten Bergpfad ins Dorf hinunter trägt.

Dort kommen die beiden aber nicht gemeinsam an, der „Hörnerhannes“ springt, obwohl halbtot von seinem Buckel und verschwindet in der Dunkelheit …

Robert Seethaler ist aus dem Stand zu einem meiner Lieblingsautoren geworden. Diesen kleinen, feinen Roman über das Leben in einem Dorf in den Alpen, voller Entbehrungen und ohne große Errungenschaften der Neuzeit finde ich großartig! Die Figur des Andreas Egger macht eindrücklich klar, das das Glück in den kleinen Dingen liegt. Die Genügsamkeit mit der seine Hauptfigur alle Übel annimmt, hat mich tief beeindruckt. Hätte ich doch an manchen Tagen nur ein kleines bischen mehr von Andreas Egger …