Stadt aus Rauch (Svealena Kutschke)

Sonntag, 21.01.2018

Wie lebt man ein Leben, wenn der eigene Geburtstag gleichzeitig der Todestag der Mutter ist? Ist das Kind dem Tod abgerungen dann Fluch oder Segen in dieser Familie? Kinder, die ein Leben lang schwer an einer Schuld tragen, für die es sich so anfühlt, als seien sie der „Mörder“ der eigenen Mutter. Eine Mutter, die sie nie kennengelernt haben, aber dennoch vermissen, eine Bindung spüren, die in die Leere verläuft. Väter, die in ihrem Kind das Abbild der geliebten Partnerin erkennen, sich an ihm festhalten, nach Wesenszügen suchen, die die verlorene Frau einst ausmachten.

Was, wenn ein solches Kind, der verstorbenen Gefährtin aber so gar nicht gleicht? Sich auf immer verloren fühlt, verloren geht, sich nie erden kann? Nie die Fähigkeit entwickelt selbst stabil Beziehungen einzugehen? Dem Vater fremd bleibt?

In diesem Roman treffen wir auf eine Autorin, die mehr Fragen in uns hinterläßt, als sie uns Antworten gibt. Auf das Vortrefflichste spielt sie mit unseren Gedanken und Empfindungen, Ihre Figuren behält sie dabei fest im Blick:

Stadt aus Rauch (Svealena Kutschke)

Und seit Jahr und Tag wartet der Wind vor der Marienkirche auf den Teufel der nie erscheint. Er muß die Sünder in die Hölle bringen“. (Mündliche Überlieferung).

Wer zwischen den Toten aufwächst, hat es zwischen den Lebenden schwer. Jessy, die Tochter eines Leichenbestatters und einer Säuglingsschwester, war anders. Die Klassenkameraden in ihrer Grundschule sparten nicht mit Spott und mieden sie. Freunde brauchte sie nicht, aber einen auf den sie sich verlassen konnte, den brauchte es und den hatte sie in Bjarne, bis sie zwölf war. Bis zu diesem einen Morgen, an dem sie ihn zur Schule abholen wollte. Auf Zehenspitzen spähte sie durch Bjarnes Fenster in eine leere Wohnung. An diesem Tag ging auch Jessy nicht zur Schule und sie hörte, mit einhundertzweiundsechzig Zentimetern, mit dem Wachsen auf. Als Teenager wurde sie in den 1970ziger Jahren groß, mit Clint Eastwood, den ihr Vater so sehr liebte und mit ihrem Spitznamen, Jessy James. Stets waren ihre Jeans zerschlissen, und sie ungeschminkt um diese merkwürdig blauen Augen. Mit diesen Augen, mit denen schon ihre Großmutter in die Welt und in andere hinein geschaut hatte, trotzte sie dem Leben ihren Anteil ab …

Der Winter 1863/64 in Lübeck an der Trave. Jessys Urgroßvater Johann war ein stattlicher Offizier, nur leider ohne Krieg und noch immer ohne eine Frau. Die Österreicher waren gegen die Dänen gezogen und der Soldat aus dem Montafon, der ihm jetzt im Gasthaus gegenüber saß, war durch diesen Krieg zu Ruhm und Ehre gelangt. Hier an diesem Abend fand Johann einen Freund, er reiste nach Österreich, verliebte sich unsterblich in die Frau seines besten Freundes. Alles ging gut, bis 1866 die Preußen den Österreichern den Krieg erklärten und er mit seinem Regiment gegen seinen Freund ziehen sollte. Zum Glück?! wa Johann mit seinen Soldaten zu spät gekommen. Die entscheidende Schlacht war geschlagen und seinen Freund Gottfried hatte eine preußische Kugel in den Kopf getroffen. Die Kugel blieb drin und er am Leben, aber Gottfried konnte fortan weder sprechen, noch denken, noch sich bewegen und seine schöne Frau war doch jetzt quasi irgendwie allein …

1915, Hansestadt Lübeck.

Ein Raum, zwei Tote, das Mädchen und der Teufel.

Gift. Fräulein Hedwig und Fräulein Lisbeth hatten sich mit ihren besten Kleidern zum Sterben hingelegt. Lucie stand am Fußende des Bettes und betrachtete die beiden Frauen schweigend, die sie schützend aufgenommen hatten, als ihr Vater, der Maler, in den Krieg hatte ziehen müssen. Jetzt war er zurück, aus dem Lazaret, aus der Welt, in die man (Textzitat) „nur um den Preis eines Körperteils eintreten durfte“.

Lucie weinte nicht, sie ging die Sache praktisch an, wusch Hedwig und Lisbeth, richtete sie wieder her. Der Teufel war beeindruckt. Das Mädchen hatte ihn bislang noch nie enttäuscht und er erwartete noch so einiges von ihr. Seit Lucies Geburt war der Teufel im Stande durch ihre Augen die Welt zu sehen. Einen Brief hielt sie jetzt in den Händen, im Bett der Frauen hatte sie ihn entdeckt und sie las konzentriert. Es war ein Abschiedsbrief von Hedwig und Lisbeth, der ihr und dem Vater, die sie so arm wie die Kirchenmäuse waren, ein ansehnliches Erbe zusprach …

Svealena Kutschke, geboren 1977 in Lübeck, lebt heute in Berlin. Ihren Roman „Stadt aus Rauch“ läßt sie überwiegend in ihrer Geburtstadt spielen. Dieser Roman ist ihr dritter. Wild und wunderbar, ein literarisches Wagnis – das steht im Klappentext zu lesen und machte mich neugierig.

Von Sagengestalten und Mythen ist diese außergewöhnliche Geschichte ebenso bevölkert wie von Menschen aus Fleisch und Blut. Unwirkliche Gestalten, die aber nicht als Randfiguren agieren, sondern gegenwärtig sind. So ist zum Beispiel der Teufel in Person häufig beteiligt, schaut nicht nur den Menschen über die Schulter. Dennoch bringt er nicht das Böse, sondern das Besondere in die Welt, wird wie eine Metapher dafür eingesetzt und damit sehr wirkungsvoll zu einem genialen Kunstgriff.

Ein Generationenroman, der sich wie eine Zeitreise auf den Spuren der Ahnen unserer Protagonisten anfühlt. In geschickt verwobenen Rückblenden, die etwas Konzentration erfordern, führt uns Kutschke wie ein Hypnotiseur weit zurück in der Zeit. Springt mit uns hin und her. Die Zerrissenheit ihrer Figuren, ihrer Jessy, ihrer Lucie, ihrer Freya, hinterlassen in mir ein wundes Herz.

Hier, wo die eigenen Spiegelbilder die Augen schließen. Man bei einem Maler verlorene Träume kaufen kann, Kinder kennenlernt, die unter dem eisblauen Blick des Teufels geboren werden und seine Augen ins Leben tragen.

Soldaten ohne Krieg, Pfarrer, Bestatter und Krankenschwestern, versteinerte Kriegsveteranen, Burgherren und rebellische Töchter geben sich ein Stelldichein. Wir ziehen aber auch mit Punks durch die Stadt, schlafen anschließend im Bauwagen unseren Rausch aus. Erleben das bohemianische Berlin ebenso wie Lübeck in der Zeit Thomas Manns mit seinen Buddenbrocks.

Wir lieben und hassen, verzweifeln und verzagen in den Wirren des zweiten Weltkrieges mit seinen Massengräbern, Vernichtungslagern und ausgeweideten Gebäuden. Wir erleben Antisemiten, gewaltätig in ihrem Element, schämen uns fremd. Kutschke kommentiert und bewertet nicht, sie läßt uns diese Zeiten mit ihren Figuren von innen heraus erleben, spürt ihnen und ihren Motiven nach. Nicht selten habe ich mir dabei die Frage gestellt, ob ich angesichts solcher Taten nicht selbst auch weggesehen hätte, ob ich denn mutiger gewesen wäre …

Von großen und kleinen Dramen, bei Beerdigungen und Festen in der Familie, von politischen Wirren erzählt sie. Diese Frau schreibt da legt man die Ohren an!

Als hätte ich des Morgens oder am Abend auf dem Heimweg in der Dunkelheit ein Märchenbuch aufgeschlagen, hat mich diese Geschichte mit Haut und Haaren verschluckt. Fremd und doch vertraut, faszinierend und wohltuend anders. Wie aus einem Traum bin ich blinzelnd aufgewacht, wenn ich das Ziel am Beginn meines Arbeitstages oder die Garage zu Hause an seinem Ende erreicht hatte. Die Fahrtzeit war mir im Nu verflogen.

Sanft und doch kraftvoll, mal märchenhaft, mal brutal, lebenstrunken und mystisch, mit fein ausbalancierten Sätzen, die nie angestrengt wirken. Ein Roman der sich nicht festlegt, sich nicht in die Ecke stellen läßt – welchem Genre er nun angehört ist nicht wichtig.

Sein Erzählstil, der jederzeit der Situation angepaßt ist, mal jugendlich forsch, mal poetisch antiquiert. Seine kunstvoll verschachtelte Handlung, hat mich oft an einen meiner Lieblings-Romane „Die Gestirne“ von Eleanor Catton errinnert, und doch ist er ein Roman mit absolutem Alleinstellungsmerkmal.

Für solche Geschichten lasse ich alles stehen und liegen! Wild und wunderbar, fürwahr!

HörbuchFassung, gelesen von Sascha Icks, geboren 1967 in Düsseldorf. Theaterschauspielerin und mehrfach platziert auf der hr2 Hörbuch-Bestenliste als Sprecherin, lieferte mir im noch jungen 2018 gleich ein „Hörlight“. So kann es gerne weitergehen!

Punktgenau intoniert, äußerst sympatisch und charmant, mal schmeichelnd, mal drohend, verzeifelt und trauernd, dabei stets authentisch liest sie, wirft ihr ganzes Herz in den Text.

Ob Zungenbrecher oder nordisches „Plattdütsch“ – sie meistert jede Klippe. Sehr gerne wieder, liebe Frau Icks!

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Unterleuten (Juli Zeh)

Sonntag, 20.08.2017

Welche Blüten der Windkraft-Subventions-Wahn in Rheinland-Pfalz getrieben hat, kann man auf den Höhen des Hunsrücks mittlerweile in unterschiedlichster Ausprägungen live erleben. Ganze Wälder dieser Beton-Kolosse sind auf den Freiflächen der Hochplateaus entstanden, das trotz mieser Energie-Bilanz. Den so gewonnenen Strom kann man immer noch nicht speichern, bei den häufig zu hohen Windlasten stehen die Räder sogar still. Die Tiefe der notwendigen Fundamente lassen den Grundwasser-Spiegel absinken, zerstören das Wurzel-Netzwerk auch weiter entfernter Waldstücke. Zahlreiche Bürger- und Umwelt-Intiativen haben sich gegründet und streiten gegen leere Gemeindekassen an. Die Energiewende in Deutschland – sie hat schon so manche funktionierende Dorfgemeinschaft in unserer Umgebung gesprengt …

Unterleuten (Juli Zeh)

Herzlich willkommen in Unterleuten! In einem Dorf wie viele andere. Mit Bewohnern, wie Sie, wie Du, wie ich. 

Hier treffen Städter auf „Landflucht“ mit Platzhirschen und Großgrundbesitzern zusammen. Entscheidungen zum Wohl und Wehe der Bürger werden nach Gutsherrenart getroffen, frei nach dem Motto „Eine Hand wäscht die andere“. Alte Feindschaften, alte Seilschaften, neue Freundschaften werden gepflegt und die „Alten“ wissen was gut für alle ist. Dumm nur, dass ausgerechnet die Neubürger in der aufkeimenden Windkraftdebatte ständig Ärger machen und alle ach so sorgfältig unter dem Teppich versteckten Häufchen herauszukehren versuchen …

Ehegattinen die Partei ergreifen, werden hier schon mal unter umkippenden Gartenzäune begraben. Schwer verliebte IT-Nerds tun für das Lieblingspferd der Freundin einfach alles, das auch schon mal unter Zuhilfenahme eines Selbsthilfe-Forums für die Partner „pferdeverrückter“ Frauen. Schriftsteller die nur dann schreiben können, wenn sie den ganzen Tag und zwar jeden Tag Rasentraktor gefahren sind, befinden sich in heftigem Zweikampf mit dem Ortsvorsteher. Über-Mütter und Vogelschützer wehren sich erbittert gegen gewissenlose Großbauern, politische Ränke und Intrigen inclusive. 

Touristen auf „Kampfläufer-Safari“. Die Kampfläufer selbst, eine bedrohte Vogelart, treten mit Gelassenheit den kapitalistischen Begierden nach Windkraftanlagen entgegen.

Was den einen Heimat, ist vom LKA gesuchten Verbrechern eine Zuflucht. Im Parzellenpoker um Eignungsgebiete streiten sich die Parteien, dass die Fetzen fliegen. Hierbei heiligt der Zweck die Mittel, ob Dutz-Offensive oder wahre Unsummen, was zugelassen wird ist legitimiert.

Hier hat offenbar jeder mit jedem eine Rechnung offen. Ein Dorf wie im Fieber. Wie D-Züge aus rasender Fahrt prallen die Streithähne aufeinander. Rußschwangere Feuer sorgen für besinnungslosen Zorn auf der einen und für Machtlosigkeit auf der anderen Seite. Neid, Mißgunst und Fanatismus haben sich wie ein Virus ausgebreitet. Der Kitt der bislang Paar-Beziehungen zusammengehalten hat, beginnt unter dem Dauerfeuer des Dorfes zu bröckeln …

Herzlich willkommen in Unterleuten!

Juli Zeh wollte einen Gesellschaftsroman schreiben. Das hat sie geschafft und wie! 2016 veröffentlicht, erzählt sie aus einem fiktiven Dorf, das sie in Brandenburg verortet, von Verbündeten die zu Feinden werden, von Leidenschaft, ja Besessenheit, sitzt dabei quasi im Kopf ihrer Figuren. Aus unterschiedlichen Blickwinkeln erzählt sie ihre Geschichte. Wie unter einem Mikroskop betrachtet sie dabei das Dorfleben. Sie seziert Befindlichkeiten, Eigenheiten, Eigeninteresse und Vorurteile. Beinahe beängstigend lebensecht versammelt sie dabei ein buntes Völkchen in ihrem Unterleuten. Von je her auf dem Dorf wohnend, fand ich mich hier nicht nur einmal wieder. Erschreckende Paralellen drängten sich mir auf. Hut ab auch vor dieser Erzählkunst. Feinhumorig mildert sie die Tragik der Ereignisse. 

Keine menschliche Eigenschaft scheint Juli Zeh fremd zu sein, alle zeichnet sie scharf, präzise auf den Punkt und mit einer für mich sehr schlichten, sachlichen Art. Aus Tätern werden Opfer, aus Schuldigen Unschuldige, ein Verwirrspiel! Die Perspektiven wechseln in rascher Folge, als Leser muss man sich immer wieder selbst neu justieren. Wem ist man bereit Glauben zu schenken, wer hat das eigene Vertrauen mißbraucht?

Was hat mir am Besten gefallen? Ganz klar – das „dicke Ende“, fulminant und zwangsläufig. Im Sterben wie im Leben konsequent, würde ich da mal sagen, Mann oh Mann!

Hörbuch vs. Roman:

Helene Grass macht in der Hörbuchfassung ihre Sache als Vorleserin gut, kann mich aber nicht abholen. Sie schafft es nicht die Eindringlichkeit herzustellen, die das geschriebene Wort erreicht. Nach den ersten gehörten Teilen hätte ich beinahe schon aufgegeben, haderte auch bisweilen mit ihrer Stimmfarbe und Intonation. Bin dann für einige Kapitel zum Lesen gewechselt, bis ich richtig drin war in der Geschichte. Juli Zehs Sätze hallen gelesen im Kopf viel stärker nach. Eine für mich erstaunliche Erfahrung, hatte ich Hören und Lesen bislang nahezu gleich gewichtet, bzw. dem Hören ganz bewußt und ohne Reue den Vorzug gegeben. Konnte doch schon so mancher Vorleser nach meinem Empfinden dem Geschehen noch einen Mehrwert entlocken. Meine Entscheidung, welche Texte ich künftig höre und welche ich lese, werde ich hiernach noch sorgfältiger überlegen …

Geister (Nathan Hill)

Alle Schulden müssen zurück gezahlt werden!

Sonntag, 12.02.2017

Was meinen wir eigentlich damit, wenn wir von Geistern sprechen? Per Begriffsdefinition wäre das ein Wesen, das wir uns als übernatürlich vorstellen und das nicht an einen Körper oder eine materielle Form gebunden ist. Wir sagen auch schon mal „von allen guten Geistern verlassen sein“ und meinen damit, etwas unvernünftiges, unüberlegtes zu tun. Dann benutzen wir den Begriff Geister für Spukgestalten, denken dabei an alte Gemäuer und er schaudern …

Geister (Nathan Hill)

„Er wollte sein Leben klären. Die Gegenwart nicht mehr durch seine Wünsche verfärben. Wollte gesehen werden wie er wirklich ist.“

Samuel ist Literaturprofessor und leidenschaftlicher Gamer. Das paßt nicht zusammen? Schaut man hinter die Fassade könnte ihn nichts treffender beschreiben. Er war 11 Jahre alt, als seine Mutter ihn und den Vater verließ. Sang- und klanglos, ohne sich auch nur noch einmal umzudrehen. Sein Vater, der Tiefkühlkostvertreter, versteht dies bis heute nicht, und auch Samuel fühlt eine Leere bis ins Erwachsenenalter, und dafür ist nur einer verantwortlich – seine Mutter.

Dann der Anruf einer Anwaltskanzlei. Samuel soll für seine Mutter bürgen? Ausgerechnet er? Er soll ihre Integrität bezeugen? Sie wurde verhaftet und zwar nach einem tätlichen Angriff auf den republikanischen Präsidentschaftskandidaten? Unglaublich, seit mehr als zwanzig Jahren hat er sie nicht gesehen. Er kennt sie überhaupt nicht!  Loslassen will ihn der Anruf dann aber auch nicht, so gerne würde er endlich für sich klären wollen, warum seine Mutter ihn damals verlassen und sich nicht mehr gemeldet hat …

Die Schatten, die Geister, der Vergangenheit strecken ihre Finger nach Samuel aus und auch nach Faye, seiner Mutter. Nach Frank Ihrem Vater. Frank der Einwanderer aus Norwegen kennt auch andere Geister, nämlich die echten, die aus seiner Heimat. Die einem folgen, unversöhnlich sind und strafen, die man nur loswerden kann indem man sie wieder nach Hause bringt …

Nathan Hill unterrichtet wie seine Figur Samuel englische Literatur. Geister ist sein erster Roman mit 864 Seiten oder knapp 24 Stunden Hörzeit. Irgendwo habe ich gelesen, er hat sieben Jahre daran gearbeitet. Nachdem ich heute mit dem Hörbuch fertig geworden bin, kann ich das unbesehen glauben, denn Hill erzählt nicht nur eine Mutter-Sohn Geschichte, er erzählt viele Geschichten. Wie er die einzelnen Erzählstränge verbindet, fleißg und akribisch, dabei Satzgebilde schafft die einen stocken lassen ist meisterhaft. Seine Figuren sind glaubwürdig, der Plot ungewöhnlich aufgebaut, ahnt man bis ins letzte Drittel nicht, wie sich dieses Gebilde auflösen kann. Fast leise verabschiedet sich die Geschichte dann und ich vermisse sie jetzt schon …

Erst habe ich gezögert mir „Geister“ als Hörbuch zu gönnen, als ich dann den Namen des Sprechers gesehen habe, mußte ich es hören: Uve Teschner. Zuletzt hat er mich mit „Wedora“ von Markus Heitz infiziert, an jeder Silbe von ihm habe ich geklebt. Wollte jetzt unbedingt erleben, wie ein Sprecher nach so vielen eingelesenen Fantasygeschichten mit so einem Stoff umgeht. Ich fand ihn unglaublich! Schachtelsätze werden durch seine Interpunktion zu Gedichten und mal ehrlich, die Passagen über die nordischen Geister konnte wirklich nur und nur von ihm gelesen werden! Danke dafür!

Ein ganzes Leben (Robert Seethaler)

Donnerstag, 26.01.2017

Vor mir liegt ein neuer Tag, der mit Leben gefüllt werden will. Mit leichten Startschwierigkeiten hab ich ihn heute angetreten. Nebel zieht draußen auf, besser gleich im Bett bleiben? Klingt verlockend, ist aber keine Option. Mit der letzten Tasse Kaffee vor meiner Spätschicht grüble ich rum, meine Gedanken bleiben an einem Roman hängen, der einen schnell wieder einfängt, wenn man in unserer heut so bequemen Welt das Jammern kriegt:

Ein ganzes Leben (Robert Seethaler)

Es ist im Februar 1933, als Andreas Egger den sterbenden Ziegenhirten Johannes schultert und ihn drei Kilometer weit über einen tief verschneiten Bergpfad ins Dorf hinunter trägt.

Dort kommen die beiden aber nicht gemeinsam an, der „Hörnerhannes“ springt, obwohl halbtot von seinem Buckel und verschwindet in der Dunkelheit …

Robert Seethaler ist aus dem Stand zu einem meiner Lieblingsautoren geworden. Diesen kleinen, feinen Roman über das Leben in einem Dorf in den Alpen, voller Entbehrungen und ohne große Errungenschaften der Neuzeit finde ich großartig! Die Figur des Andreas Egger macht eindrücklich klar, das das Glück in den kleinen Dingen liegt. Die Genügsamkeit mit der seine Hauptfigur alle Übel annimmt, hat mich tief beeindruckt. Hätte ich doch an manchen Tagen nur ein kleines bischen mehr von Andreas Egger …