Die Ermordung des Commendatore I (Haruki Murakami)

… eine Idee erscheint …

Wie man das Licht einfangen kann, im Herzen eines Gemäldes, ist mir bis heute ein Rätsel. Ganz intensiv erinnere ich mich aber bis heute an einen Besuch im Louvre. Damals war ich siebzehn und besuchte eine Freundin, die als Au-Pair-Mädchen ein Jahr in Paris verbrachte. Die französischen Impressionisten hatten es mir damals schon angetan und so besuchten wir gemeinsam verschiedene Museen. Stunden verbrachte ich staunend, in einem Raum sitzend, zwischen den Seerosen von Claude Monet. Man meinte förmlich eintauchen zu können in diesen Teich, über die japanische Brücke, die seine Ufer verband spazieren zu können … Der berühmte Louvre durfte auf dieser Tour natürlich auch nicht fehlen, hier galt es Schwerpunkte zu setzen, alles anschauen war ganz und gar unmöglich. Dort bin ich dann wider Erwarten in der Galerie der alten Meister hängen geblieben. Den Titel und den Maler des Bildes, was mich an diesem Tag magisch anzog, habe ich längst vergessen. Nicht aber dieses Licht, das von einer halb heruntergebrannten Kerze ausging, die der Maler auf einen alten Holztisch gestellt hatte. Heute noch, nach über dreißig Jahren, kann ich dieses Bild vor meinem geistigen Auge herauf beschwören, von innen heraus schien es zu strahlen, warm und einladend, wie ein Versprechen, dass es immer ein Licht geben wird was mir leuchtet …

Wie eine Verheißung, vielleicht in diesem Roman dem Geheimnis auf die Spur kommen zu können, wie man Empfindungen malend vergegenständlicht, hat mich diese Geschichte gelockt und entführt in die Abgeschiedenheit und Einsamkeit der Berge Japans …

Die Ermordung des Commendatore I (Haruki Murakami)

Nachdem seine Frau sich Knall auf Fall von ihm getrennt hatte, war er anderthalb Monate ziellos im kalten Norden Japans umhergezogen, bis sein Wagen ihn schließlich im Stich gelassen hatte. Mehrere körperliche Beziehungen zu anderen Frauen hatte er unterwegs unterhalten und so versucht den emotionalen Abstand zu seiner Noch-Ehefrau zu vergrößern. Letztlich war er jetzt hier gelandet, oder gestrandet? In dem kleinen, von hohen Kiefern umstandenen Cottage am Berg, mitten auf der Wetterscheide dieses Gebirges, am Eingang dieses Tals, wo es das halbe Jahr über regnete, wo sich meist Nebelfetzen an den Felsüberhängen festkrallten, wo es war still war, so still, das man die Zeit fließen hören konnte (Textzitat). Würde er hier zu sich kommen und vielleicht sogar Inspiration finden können, für ein eigenes Gemälde? Wegkommen können von der Portraitmalerei, die sein bisheriger Brotwerb war? Das er sich dabei gleichzeitig für einen guten Freund als Housesitter nützlich machen konnte war doch ganz wunderbar. Nicht?

Die Zeit verstrich zäh wie Sirup, und die Inspiration wollte einfach nicht fliessen. Es schien dabei auch absolut bedeutungslos, dass der Vorbesitzer dieses Häuschens am Berg ebenfalls Maler gewesen war, ein berühmter noch dazu und hier zu seinem eigenen Stil gefunden, ihn genau hier perfektioniert hatte. Es wirkte nicht nur nicht ansteckend, sondern lenkte vielmehr sogar ab, oder besser seinen Blick auf das Leben und das Wirken seines Vorbewohners, das ganz unerwartet einen abrupten Richtungswechsel erfahren hatte. Das Gemälde, das er schon nach kurzer Zeit, gut verpackt auf dem Dachboden gefunden hatte und das den Titel „Die Ermordung des Commendatore“ trug, war nicht nur bemerkenswert, sondern offenbar auch ein Schlüssel zum Leben des berühmten Hauseigentümers, ein Türöffner zu einer längst vergangenen Zeit, zu einer längst vergessenen Tat …

Haruki Murakami. Jahr für Jahr, und das bereits seit Jahren, zählt er zu den Nominierten für den Literatur-Nobelpreis. Bislang ist er ihm noch versagt geblieben. Noch.

Ein Meister seines Fachs, stets Mystik und Magie mit Realität verwebend, so begeistern sich seine Fans und Kritiker.

Mit diesem Roman bin ich, quasi als Spätzünder, neugierig und mit hohen Erwartungen, in sein Werk eingestiegen und sprachlich hat Murakami auch bei mir sofort einen Nerv getroffen! Poetische Sätze, die seine Übersetzerin Ursula Gräfe meisterhaft vom japanischen ins Deutsche „umtopft“. Was ich mir enorm schwer vorstelle, haben beide Sprachen für mich und meine Ohren doch eine ganz und gar unterschiedliche Melodie. Beinahe lyrisch muten die so entstandenen deutschen Satzkunstwerke an. Besonders dann, wenn von der Zeit die Rede ist, von ihrem Fließen, ihrem Versanden, ihrem Verstreichen …

Selbst die Kapitelüberschriften sind Balsam für die Ohren. Pointiert, manchmal augenzwinkernd und stets verheißungsvoll sind diese Ausblicke auf die sich anschließenden Zeilen.

Besonders gefallen hat mir auch, wie der Autor die Mystik in seine Rahmenhandlung einbindet. Er nimmt selbst den sonderbarsten Geschehnissen die Absurdität und läßt uns den Zweifel. Ja, gibt es denn nicht auch genug Dinge, die wir uns mit unserer Schulweisheit nicht erklären können?

Inhaltlich hatte ich da zugebener Maßen mehr Anlaufschwierigkeiten und auch was seine Figuren anbelangt. Fühlte ich mich doch immer irgendwie seltsam auf Distanz gehalten. Der Gleichmut seines Ich-Erzählers hat mich bis zur ersten Hälfte der Geschichte sogar bisweilen aufgebracht. Dann aber weckt Murakami ihn auf mit geisterhaften Stimmen, seltsamen Begegnungen und hat mich am Haken …

Er läßt eine Eule, im kleinen Dachstuhl des Hauses einziehen, die sich nur Nachts bemerkbar macht. Unseren selbstvergessenen Jungmaler läßt er einen Schrein entdecken, der im Kiefernwäldchen verborgen hinter dem Haus liegt und der älter zu sein scheint als der Berg selbst. Ein Steinhaufen türmt sich vor dem Schrein auf. Mitten in der Nacht, Nacht für Nacht, dringt aus ihm ein leises Läuten und es ruft unseren Maler hinaus, lockt ihn in die Dunkelheit …

Grabungen fördern alsbald eine verborgene, gemauerte Kammer unter dem Steinhaufen zutage. 2,80m tief und 1,80m im Durchmesser. Keine Tür führt hinein, kein Tunnel hinaus, auf ihrem nackten Boden findet sich ein alter Schellenstab. Wie kann dieser denn in der Nacht geläutet haben? Von wem geläutet worden sein?

Der Glockenstab zieht kurzerhand ins Wohnhaus ein und mit ihm eine unheimliche Grundstimmung, die sich mit der Klarheit der Tage vermischt. Eine Ahnung setzt sich fest, dass dieser merkwürdige Fund erst der Anfang ist, doch der Anfang wovon? Denn zunächst verstummt das nächtliche Läuten, zunächst – dann schlägt die Schelle erneut an, zur Geisterstunde und eine Stimme die unser Maler schon Tage lang immer mal wieder hört verkörperlicht sich …

Seltsam entrückt fühlte ich mich beim Zuhören, beinahe als schaute ich aus dem dunklen Zuschauerraum einem Theaterstück zu. Zweiter Akt, Auftritt Herr Menschicki. Attraktiv, steinreich, geheimnisvoll, undurchsichtig und selbstbewußt. Er ist der Nachbar unseres jungen Malers und wird ihm zum Auftraggeber, ja zum Gönner. Um ihn ranken sich Gefängnisgerüchte, ein verschlossenes Blaubart-Zimmer soll es gar in seiner Villa geben und das Getuschel, er soll die einstigen Bewohner seiner Luxusherberge böswillig aus derselben vertrieben haben, will nicht verstummen.

Seine Motive unseren Maler zu umgarnen werden sich uns bis zum Ende des Romans nicht vollends offenbaren, ein geschickter Schachzug um auf Teil II neugierig zu machen? Werden wir Herrn Menschicki dort dann wieder treffen? Wo führt uns diese Geschichte hin? Im letzten Kapitel kommt jemand zu Wort, den Murakami nicht vorstellt und ich beginne zu ahnen, wem er da eine Stimme gibt. Diese Stimme sie lockt mich: l

„Lies mich, hör mich, triff mich“ – in Band II, dort wo sich nach dem Erscheinen einer Idee, dann eine Metapher wandeln wird …

David Nathan – für mich ist er einer DER Gänsehautsprecher überhaupt! Wenn einer einen solchen Stoff lesen kann, dann er. Als deutsche Synchronstimme von Batman Darsteller Christian Bale, kroch er uns schon hauchend unter die Haut. Hier lotet er stimmlich und gekonnt die Grenzen zwischen Schein und Sein aus, wie immer souverän und wohltuend zurückhaltend, gibt er als Hörbuchinterpret dieser Geschichte den Raum den sie braucht um zu strahlen.

Er ist’s Schuld, dass ich mich für die Hörbuch-Fassung dieses Murakami Romans entschieden habe und ich habe diese Entscheidung keine Silbe lang bereut, im Gegenteil. Ich hoffe fest auf ein „Wiederhören“ im Teil II …

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Veröffentlicht in Drama

Die Prinzessin von Arborio (Bettina Balàka)

Sonntag, 11.02.2018

Wem sind sie nicht schon begegnet, diese geschickten, eloquenten Manipulatoren. Ehe man es sich versieht, steht man mit ihrer Meinung nach einem Gespräch vor der Tür, fühlt sich instrumentalisiert und fremd gesteuert in eine Richtung, in die man selbst niemals aufgebrochen wäre.

Wird dabei mit den sprichwörtlichen Reizen einer Frau gekämpft, kann es für die Herren der Schöpfung schon mal ganz schön eng werden. Gleich ob privat oder im Beruf.

„Männermordend“ hört man da schon mal, wörtlich ist das zum Glück meist nicht zu nehmen. Es sei denn man heißt Elisabetta Zorzi und wohnt zwischen den Seiten eines Romans. Wer hinter diesem Titel hier einen Traum in pink mit Krönchen erwartet, der sei gewarnt. Romantisch geht es hier eher nicht zu, denn wer mit einem solchen Satz eine Geschichte einleitet, der hat anderes mit uns vor …

Die Prinzessin von Arborio (Bettina Balàka)

Textzitat:“ Für die einen war das Töten undenkbar, für die anderen war es machbar.“

Wer sich Arnold Körber das erste Mal gegenüber sah, hätte die Berufsschublade „Profiler“ sicher nicht für ihn geöffnet. Körbers bis zum Hals tätowierte, durchtrainierte Gestalt und sein Faible für bisweilen verstörende Death-Metal-T-Shirts ließen eher den Schluß zu, er stehe auf der anderen Seite des Gesetzes. Im Fernsehen war der Polizei-Psychologe aber wohl genau deshalb ein gern gesehener Gast, überzeugend in der Rede und äußerlich der „Bad-Guy“, lag das Publikum ihm stets zu Füßen …

Für die einen war sie ein beneidenswertes Mitglied der Wiener Schickeria, für die anderen war sie ein Mistück. Für ihre Mitarbeiter und ihre Männer war sie schlicht die „Zorzi“.

Elisabetta Zorzi, von Abstammung her Italienierin, dreißig Lenze alt, zierlich, gut gebaut und dank zahlreicher von ihrem aktuellen Freund spendierter Schönheitsoperationen, bildschön, hatte sich in Wien mit Fleiß, Intelligenz (sie hatte einen Bachelor in Tourism und Hospitality Management) und mit Hilfe männlichen Sponsorings, ein im Wortsinn ausgezeichnetes Restaurant aufgebaut. Die Reichen, Schönen und ganz schön Reichen tafelten mittlerweile regelmäßig hier. Ihr neuer Koch Massimo komponierte derweil Risotti, die von ihren Gästen geliebt wurden und seiner Chefin den Spitznamen „Prinzessin von Arborio“ eintrugen. Der Reissorte wegen halt. Sie als raffiniert zu bezeichnen, oder als berechnend wäre viel zu kurz gesprungen. Die Presse fand rund zehn Monate nach ihrer Verhaftung eine Vokabel für sie, die alles zu erklären schien „schwarze Witwe“ …

Die Warnung seiner allseits gehassten Kollegin Anneliese Strass, Gerichtspsychiaterin, hatte Körber in den Wind geschlagen: „Passen Sie auf sich auf …“, hatte sie gesagt. Als er jetzt über den Gefängnishof eilte, den Blick fest auf den bevorstehenden Besuch bei Frau Zorzi gerichtet, wehten diese Worte leise hinter ihm her …

Bettina Baláka, wurde 1966 in Salzburg geboren, sie lebt als freie Schriftstellerin in Wien, schreibt Büher, ebenso wie Theaterstücke und Hörspiele, wurde vielfach ausgezeichnet.

Ihre Prinzessin von Arborio ist mit leichter Hand geschrieben, der Wiener Schmäh blitzt durch die Seiten, die Sprache ist launig und durchaus humorig. Trotz dieses unterhaltsamen Grundtons schafft es die Autorin aber auch nachdenklich zu machen. Sie gewährt uns Einblicke in die Routinen eines Frauengefängnisses in einem historischen Gemäuer und in das Innenleben ihrer Figuren. Sie erzählt von Abhängigkeiten und Zwangsläufigkeiten, von der Sehnsucht nach einer Partnerschaft, die von Dauer sein möge.

Mich beschäftigen nach ihrem Roman da so einige Fragen. Man liest häufig über das „Stockholm-Syndrom“. Wenn sich Entführungsopfer in ihre Entführer verlieben, wird spekuliert was da im Kopf passiert. Kann es denn auch einen studierten, erfahrenen Psychologen treffen? Wer, wenn nicht er weiß es doch besser, wie man Abhängigkeiten umgeht, sich vor Manipulation verschließt, oder? Liebe macht blind, sagt man ja auch, kann man dabei aber einen Mehrfachmord ausblenden? Wie subtil kann jemand vorgehen, wenn er den Hebel beim Anderen erkennt um ihn genau in die Richtung zu bewegen, in die er ihn haben will?

Eine Geschichte die „locker vom Hocker“ daher kommt und es dabei faustdick hinter den Ohren hat. Zum Ende hin habe ich mich gefragt, wo soll das denn nur hinführen? Als ich mir die Antwort schon gegeben hatte, kam es dann ganz anders …

Der Tod so kalt (Luca D’Andrea)

Sonntag, 28.01.2017

Bewölkt war es gewesen und es hatte leicht genieselt, an diesem Morgen, als Andreas und ich vor einigen Jahren beschlossen hatten im Urlaub doch, dem Wetter zum Trotz, an diesem Tag in die Breitach-Klamm aufzubrechen. Das erste Stück des Weges vom Besucherparkplatz aus führte harmlos über Wiesen an einem Wildbach entlang, der klar und munter über die Steine im Bachbett sprang. Nach einer kurzen Wegstrecke umschloß uns plötzlich ein Waldstück, es wurde dunkler und kühl, das Tal verengte sich und die ersten Felswände tauchten vor uns auf.

Dunkel, glitschig und regennaß waren jetzt die Steine unter unseren Füßen. Zwischen den engen Felsspalten hindurch war das Tosen des Wassers zu hören, feine Wasser-Tröpfchen glitzerten in der Luft, als sich die Sonne kurz durch einen Spalt zwängte. Die Aussichten von den Holzbohlenstegen aus in die Tiefe spektakulär, beinahe wie in den großen amerikanischen Canyons. Hinter jeder Biegung meinte man in den ausgewaschenen Steinen Fratzen und Gesichter zu erkennen. Platzangst durfte man hier, wo Stahlseile und Haken über Engstellen halfen, keine haben, trittsicher und schwindelfrei musste man sein.

Das Foto im Einstieg und diese beiden im Text hier eingebetteten habe ich damals geschossen, und sie jetzt nach dem Genuß dieser Geschichte noch einmal heraus gekramt:

Der Tod so kalt (Luca D’Andrea)

15. September 2015. Die Lawine hatte sich Manni geholt, und mit ihm den Helikopter. Alles war so rasend schnell gegangen. Der Pilot hatte nicht mehr rechtzeitig das Seil kappen können, an dessen Ende er hing um zu Salinger und der verletzten Frau in die Gletscherspalte abzusteigen. An der Bergflanke war er zerschellt, der rote Hubschrauber der Bergrettung, als wäre er ein Spielzeug aus Plastik. In der Folge war für die Dorfbewohner von Siebenhoch glasklar, wer an diesem Drama die Schuld trug – Salinger. Der eigensinnige Dokumentarfilmer, der darauf bestanden hatte auf den Grund der Spalte mit abgeseilt zu werden, um diese Rettungsaktion auch ja intensiv genug einfangen zu können. Nein, man war nicht bereit ihm das zu verzeihen und auch nicht, das er, der Schuldige, überlebt hatte …

28. April 1985 – Schwergewitter waren in den Dolomiten nicht selten. Dieses hier aber, „die Mutter aller Schwergewitter“ wütete nicht wie sonst ein bis drei Stunden, sondern sechs Tage lang mit Orkanstärke. Jeremiah Salingers Schwiegervater Werner war damals im Einsatz gewesen, in dieser verhängnisvollen Nacht in der Bletterbach-Schlucht, wo das Gewitter am schlimmsten tobte und wo Evi, Klaus und Marcus vermisst wurden. Einige tausend Blitze waren in der Stunde niedergegangen, sindflutartige Regenfälle lösten Schlamm- und Geröll-Lawinen. In dieser Hölle aus Blitzen, Wasser und Schlamm, in dieser Schlucht, die eine so offene Feindseligkeit ausstrahlte, hatten vier erfahrene Bergretter nach den drei jungen Leuten gesucht. Die Angst war ihnen in die Knochen gekrochen. Von ihrer Erschöpfung befeuert, versuchten sie die Stimmen in ihren Köpfen zu ignorieren, die ihnen eingegeben hatte die Suche endlich aufzugeben.

Ein Schrei hatte die Luft zerschnitten. Er war aus Hannes, aus einem der Retter, heraus gebrochen. Markerschütternd, waidwund. Allen hatten sich die Nackenhaare aufgestellt. Keiner von ihnen war mehr fähig gewesen auch nur noch einen Finger zu rühren, als sie dieses Anblicks gewahr wurden. Arme und Beine fehlten den Opfern, die Zeltwände zerschlitzt und Evis Körper fehlte der Kopf …
Fast eine Woche lang war danach das kleine Örtchen Siebenhoch von der Außenwelt abgeschnitten. Kein Strom, kein Telefon …

Luca D’Andrea – der erste Thriller des Südtiroler Lehrers wurde aus dem Stand zur Buchbranchen-Sensation, kann man bei seinem Verlag nachlesen. Die Rechte daran wurden in 35 Länder verkauft, niedergeschrieben hat D’Andrea ihn nach Recherche und Idee in nur 28 Tagen.

Die Südtiroler Bergwelt seiner Heimat in aller Schönheit, Rauheit und mit ihren Legenden und Mythen um verschollene Volksstämme, ausgestorbene Arten, zurückgezogene Dörfler, einen alten Streit zwischen Deutschen und Italienern wählt D’Andrea als Schauplatz.

Die Bletterbachschlucht wird so zum Hauptdarsteller mit einem Eigenleben. UNESCO Weltkultur-Erbe, der „Grand-Canyon Südtirols“ mit 8km Länge und 400m Tiefe, 60.000 Besucher pro Jahr, Freilicht-Fossilien-Museum. Erdgeschichtlich einzigartig, rauh, geheimnisoll und Jahrmillionen alt, ein geologisches Lehrbuch zum Anfassen. Am liebsten wäre ich sofort dorthin aufgebrochen, so sehr haben mich Neugier und Faszination gepackt!

Die Anfänge der Bergrettung Dolomiten 1965 inklusive – alle Einsätze wurden damals noch zu Fuß absolviert, Verletzte und/oder Tote wurden auf dem Buckel ins Tal geschleppt.

Wer viel liest, weiß es besonders zu schätzen, wenn eine Geschichte noch überraschen kann. Mir ist es hier so ergangen. Dem Titel nach ein „normaler“ Thriller, der Klappentext verspricht Mystery-Elemente, Genre-Schublade auf und rein damit. Aber weit gefehlt! Dieser Autor kann mehr, er erzeugt eine Grundstimmung, die von Beginn an zu fesseln versteht, einen Satz um Satz weiter treibt, mit bösen Vorahnungen im Nacken. Geschickt wird die reale Kulisse des Bletterbachs mit einer fiktiven Geschichte verwoben, die so hätte durchaus passiert sein können. Was war tatsächlich passiert in dieser Gewitternacht am Bletterbach? Auch dreißig Jahre danach liegt diese Bluttat im Dunkeln.

Grandios spannend baut D’Andrea seine Geschichte Stein um Stein auf. Läßt uns dabei immer mit seinem Helden Jeremiah Salinger auf Augenhöhe sein, wenn es um den Erhalt von weiteren Mosaiksteinchen, um den Erhalt von Informationsfundstücken geht, ähnlich einer Ausgrabung. Aber auch am inneren Kampf von Salinger, am Ringen mit seinen Dämonen läßt er uns teilhaben. Wir fiebern und leiden mit ihm, werden hin und her geworfen zwischen der Verpflichtung die er seiner Familie gegenüber empfindet und dem was für sein eigenes Seelenheil überlebenswichtig ist, während ein ganzes Dorf schweigt, den Blick auf Fremde schwarz weiß eingefärbt.

Dramatisch spitzt sich die Handlung zu, zeigt der Plot auf, wie aus einer Spontanentscheidung großes Unheil erwachsen kann. Man im Nachhinein damit leben muss, in aller Konsequenz und mit aller Kraft.

D’Andrea zieht in der Dramaturgie alle Register, stützt wendungsreich seinen Spannungsbogen, macht uns traurig, wehmütig, läßt uns schlittenfahrend aufjauchzen um uns dann, kurz darauf wieder ins nächste Höllental zu schicken. Dabei immer mit der Stablampe menschliche Abgründe, Vorurteile und Feindseligkeiten, aber auch Familie, Liebe, Freundschaft und Zusammenhalt ausleuchtend. Und über all dem – das ewig Böse?

In dieser Geschichte kann man eine blitzgescheite, liebenswerte fünfjährige an die Hand nehmen, durch ihre Augen unverstellt die Welt entdecken. Aber auch geduckt und verletzt in einer Gletscherspalte kauern, unterhalb schimmernder Oberflächen, umfangen von plötzlicher Dunkelheit Naturgewalten hautnah miterleben, sich klein und unbedeutend fühlen, Wahnsinnigen begegnen, absteigen in der Zeit und in die Höhlen unter der Bletterbach-Schlucht im Winter. Der Schluchtgrund vereist, darunter grummelnd ein Bach …

Ein neuer Roman von ihm wird im zeitigen Frühjahr diesen Jahres veröffentlicht – wenn das kein Grund zur Vorfreude ist! Auf meiner Merkliste hat er einen Spitzenplatz eingenommen! Das auf jeden Fall wieder als Hörbuch und zwar wegen ihm:

Matthias Köberlin – atemlos lausche ich ihm hier, Satz für Satz, Kapitel um Kapitel. Er haucht und poltert, jagt mir Schauder über den Rücken, treibt mir die Tränen in die Augen, läßt die Bletterbach-Schlucht vor meinem geistigen Auge auferstehen. Das ist Kopfkino pur! Donna Tartts „Distelfink“ hatte ich mir schon von ihm vorlesen lassen, ein ganz ein anderer Stoff, den er auch erstklassig interpretiert. Ja, hier beweist er, er kann auch Thriller und das auf eine ganz besonders tiefgründige, unter die Haut kriechende Art und Weise. Ich fürchte ja, seine Stimme hat Widerhaken, denn ich kriege sie gerade nicht mehr aus dem Ohr – im positivsten aller Sinne!

Everland (Rebecca Hunt)

Sonntag, 14.01.2018

Kleine Eisbröckchen hüpfen auf unserem Dachfenster auf und ab. Ich sitze im warmen Zimmer und schaue ihnen zu, wie sie am Glas herab rutschen, sich in den Spalten der Dachziegel verlieren. Meine Gedanken wandern zurück an einen Tag im Juli des vergangenen Jahres. An dem ich, dick verpackt mit Mütze, Schal und Stiefeln an einem Bootsanleger in Spitzbergen stand, wo kleine Eisgraupel auf meiner Kapuze Purzelbäume schlugen, während ich auf ein Fährschiff wartete. 

Der Permafrostboden unter meinen Füßen hatte sich seltsam federnd angefühlt, der Wind suchte bohrend nach Spalten in meiner Kleidung und verpaßte mir eine rote Nase. Froh war ich für eine Weile in der gut geheizten Passagierkabine des Katamarans unterzukommen um mich noch einmal aufzuwärmen, bevor wir den großen Gletscher erreichen würden, auf den ich schon so gespannt war. Als wir dort dann, quer zur Strömung kreuzten und die vielen Blautöne der Bruchkanten mit ehrfürchtigem Staunen betrachteten, war der eisige Wind sofort zurück, um uns verweichlichten Mitteleuropäern zu zeigen, was das Wort Kälte wirklich bedeutet. Hier – rund 1.300 km vom Nordpol entfernt.

Meine Finger, die zitternd mein Handy festhielten um möglichst viele Bilder einzufangen, waren in Null-Komma-Nix klamm und krebsrot. Später, schützend in meine Handschuhe gesteckt, würden sie pochend wieder auftauen und eine ganze Weile noch schmerzen. Kaum vorstellbar, wie es sich anfühlen muss, wenn ein Körperteil tatsächlich tiefgefroren ist und dann wieder auftaut …

Everland (Rebecca Hunt)

1913, Antarktis.

Vier Stunden sollte die Überfahrt für die kleine Mannschaft in dem von der Kismet ausgesetzten Beiboot dauern. Vier Stunden, bis Everland. Vier Stunden, aus denen im eisigen Sturm sechs lange Tage wurden. Sechs Tage, nach denen die drei Männer völlig entkräftet dann doch noch auf Everland anlandeten.

Textauszug, S. 87: „Lawrence erlebte das Desaster von Everland wie einen glühenden Schmerz im Magen. Es brannte den ganzen Tag Löcher in sein Inneres, die es ihm unmöglich machten, sich zu konzentrieren, und nachts zog es Schwärme von fleischfressenden Gedanken an, die ihm den Schlaf raubten. So lag Lawrence nun mit offenen Augen bis zum Morgengrauen in der Dunkelheit. Er versuchte, einen Weg aus dem Labyrinth voller Ungeheuer zu finden, die die Namen Verpflichtung und Niederlage, Unfähigkeit und Scheitern trugen.“

2012, Antarktis.

Die glitzernde Schönheit dieser einsamen Welt – wie schnell sie die Gefahren, die hier lauerten vergessen machen konnte. Die Kälte war dabei ein weit größerer Feind, als jedes nur denkbare Raubtier, den Menschen eingeschlossen … 

Textauszug S. 347: „Was er als Druckkopfschmerz diagnostiziert hatte, manifestierte sich als wogende weiße Masse, die den Horizont verschleierte. Mit langsamen, mechanischen Bewegungen, starr vor Schreck, ließ er den Rucksack zu Boden gleiten und sah zu, wie der Sturm so rasend schnell auf Everland vorrückte, dass man ihm dabei zusehen konnte.“

Sie war wie in Zeitlupe gerutscht, ihr verletzter Fuß war unter ihr eingeknickt und sie fiel, landete in einer eiskalten, schlammigen Pfütze, auf allen Vieren. Alles schien er plötzlich zu beherrschen, dieser Schmerz – von fern hörte sie ein Rufen, ihren Namen. Sie war ausser sich und ausser Stande zu antworten, kein Ton wollte aus ihrem trocknen Hals kommen …

Textauszug S. 354: „Alles hatte sich in eine Serie von Zahlen aufgelöst. Er war vierundfünzig. Der Temperaturunterschied zwischen einem gesunden und einem kaum noch funktionstüchtigen Körper betrug sieben Grad. Die Quads waren ungefähr vierhundert Meter entfernt. Er hatte ein Leben. Es blieben ihm noch fünfzehn oder sechzehn Minuten.“

Rebecca Hunt wurde 1979 in Coventry geboren. Sie ist Malerin und lebt in London. Everland ist ihr zweiter Roman, im englischen Original 2014 erschienen. In ihrem ersten Roman Mr. Chartwell setzte sie sich intensiv mit dem Thema Depression auseinander und ließ Winston Churchill eine zentrale Rolle einnehmen.

In Everland schickt Hunt uns als Leser gleich zweimal auf Expedition auf eine antarktische Insel. Einmal 1913 und dann einhundert Jahre danach, ein zweites Mal, diesmal mit modernster Ausrüstung.

Angesichts der hier geschilderten Unwirtlichkeit der antarktischen Landschaft, wird man gewahr wie winzig sich der einzelne Mensch doch ausnimmt. Gleich in welchem Jahrhundert man hier unterwegs ist, Leichtsinn und falsch verstandener Ehrgeiz können hier immer noch rasch und unabwendbar zum Tod führen. 

Wie weit geht der Einzelne um sein eigenes Leben zu retten? Dort wo es in Schneestürmen Eisplitter regnet, die sich in die Haut ritzen und einen erblinden lassen. Dort wo Wunden angesichts der Minusgrade nicht heilen, sondern bestenfalls konserviert werden. Dort wo eine einmal ausgebrochene Infektion meist nicht mehr aufzuhalten ist. Wenn einem der eigene Verstand nicht mehr gehorcht, Halluzinationen und Hunger das Denken beherrschen.

Beinahe feindselig, ja bösartig kommen die Naturgewalten uns hier vor, – 60 Grad Celsius und Windstärken bis 11 Beaufort, im Winter bei absoluter Dunkelheit, mag ich mir gar nicht vorstellen. Was war der Treibstoff, der die Abenteuerer dies auf sich nehmen ließ? Entdeckergeist, oder der pure Ehrgeiz sich in einer solchen Umgebung behaupten zu können? 

Das legendäre Wettrennen von Scott und Amundsen 1910/12 zum Südpol, aufsehenerregend damals wie heute. 

Mein Fazit fällt trotz der vorgenannten Pluspunkte durchwachsen aus. Hunt konnte mit ihrem Roman, meine vielleicht zu hohen Erwartungen an ihre Geschichte, nicht erfüllen. Erst im letzten Drittel läßt sie für mich die Antarktis wirklich zum Hauptdarsteller werden, hier hatte ich mir mehr erhofft. Bis dorthin plätschert mir die Handlung etwas zu sehr dahin. Die Dramaturgie und die von ihr gewählte Erzählweise auf zwei Zeitebenen, die sie stets hintereinander abwickelt, ist mir etwas zu vorhersehbar geraten. Zuviele Paralellen gibt es im Handlungsverlauf von damals und heute. Versöhnt verlasse ich den Roman trotzdem, sind ihr doch die Figuren nahbar und griffig gelungen. Bildhaft läßt sie sowohl deren innere Kämpfe als auch die äußeren Rahmenbedingungen Gestalt annehmen.

Das Spiel des Engels (Carlos Ruiz Zafon)

Sonntag, 31.12.2017

Mein Tag begann mit einem Himmel so blau, das musste die Farbe des Glücks sein … 

Auf meinem Arbeitsweg verfinsterte sich der Horizont dann aber in Windes Eile mit regenschwangeren Gewitterwolken. In der Ferne zerschnitten Blitze die Wolkenberge. Dann, von einer Windböe erfaßt, fuhr ich plötzlich wie in eine Wasserwand und es fiel mir schwer meinen Wagen noch in der Spur zu halten. Die anderen Autos, die mit mir auf der Straße waren, konnte ich kaum noch sehen. Angstvoll zog ich bei jedem Donnergrollen den Kopf ein. Gewitter sind wirklich nicht meine Sachen. Endlich eine Ampel und ich konnte mal anhalten. Das Quietschen von Reifen hinter mir, ließ mich zusammen zucken. Ein Blick in den Rückspiegel werfend, sah ich den Wagen hinter mir, mir ausweichend, in den Graben rutschen …. 

Das war gerade nochmal gut gegangen, niemand verletzt. Mein Schutzengel war heute zum Glück hell wach gewesen, hatte seine Hand über mich gehalten. Nicht von Engeln begleitet, eher von einem gefallenen Engel verleitet, davon erzählt diese Geschichte:

Das Spiel des Engels (Carlos Ruiz Zafon)

Als die Straßenbahn kreischend bremste und zwanzig Zentimeter vor dem Gesicht von David zum Stillstand kam, sank er ohnmächtig zu Boden. Die Diagnose danach war vernichtend. In seiner linken Gehirnhälfte hatten die Ärzte eine Wucherung ausgemacht. Man könne vieles tun, um ihm die Schmerzen zu lindern, ihm Ruhe zu geben, aber heilen, heilen könne man das nicht. Alles was er jetzt noch wissen wollte war, werde ich noch schreiben können? Nein, er würde nicht einmal mehr an das Schreiben denken können, so lautete die kühle Erwiderung seines Arztes …

Diese Nacht in der kleinen, verfallenen Villa am Eingang des Park Guel, war von verstörenden Träumen erfüllt. Der Taxifahrer hatte David erst gar nicht aussteigen lassen wollen. Hier wohne doch ewig schon niemand mehr? David war trotzdem mit klopfendem Herzen eingetreten. Nach einer ruhelosen Nacht, empfangen von einem geheimnisvollen Gastgeber, erwachte David allein. Am Morgen war sein geheimnisvoller Gastgeber spurlos verschwunden, nur sein Angebot, „schreibe mir einen Roman und ich kümmere mich um alles Weitere, auch um deine Gesundheit“, klang in David noch nach. Er fühlte sich gekräftigt und voller Tatendrang. Lange sollte seine Hochstimmung nicht währen. Nach dem Verlassen des Hauses stieß er auf eine Nachricht, die eilig unter den Passanten die Runde machte. Der Verlag, an den er, David, mit einem Knebelvertrag gebunden war, war in dieser Nacht bis auf die Grundmauern nieder gebrannt, die Inhaber tot und/ oder schwer verletzt. Die Todesdrohung, die David den beiden Herren gegenüber vor einer Woche im Streit ausgesprochen hatte, holte ihn jetzt ein. Schneller als die Schritte der drei Polizisten, die ihm jetzt folgten und nein, ein Alibi hatte er für die Tatnacht nicht vorzuweisen …

David war den blutigen Fußspuren im Schnee durch den Park gefolgt, sie führten zum See. Dort mitten auf der Eisfläche sah er sie in ihrem dünnen Nachthemd. Das Eis unter ihren Füße hatte bereits Risse. Er warf sich bäuchlings auf die Eisfläche und kroch zu ihr hin. Noch bevor er sie erreichen konnte, hatte sich ein schwarzes Loch unter ihr aufgetan und der See hatte sie verschluckt. Als die Schollen sich über ihrem Körper geschlossen hatten, war dieser unter dem Eis ein Stück weit auf ihn zu getrieben. Ihre ausgestreckte Hand in seine Richtung haltend, waren ihrem Mund schnell, viel zu schnell, die letzten Luftbläschen entwichen …

Carlos Ruiz Zafon. Fast ein Jahr lang stand „Das Spiel des Engels“ auf der Spiegel-Bestseller-Liste. Übersetzt in 30 Sprachen erreichte es ein Millionenpublikum. Auch hier greift Zafon tief in die Trickkiste seiner Formulierkunst, wie wir sie uns schon beim „Schatten des Windes“ der Vorgänger-Geschichte erlesen durften.

In diesem Roman gibt es Barcelona statt. Wie aus der Zeit gefallen, agiert diese magische Stadt hier nicht nur als Kulisse, sondern auch als Stilmittel. Vor Jahren bin ich einmal selbst dort gewesen, die spektakulären Bauten des Architekten Gaudi, die das Stadtbild mit prägen, nicht zuletzt seine unvollendete „Sagrada Familia“, sein „Knochenhaus“, haben mich tief beeindruckt. Ein Spaziergang durch den Parc Guel und die Ruhepause auf Gaudis „Schlangenbank“, der Bummel über die Ramblas, gehören noch immer zu meinen Lieblings-Reise-Erinnerungen. Jetzt Nachts mit Zafon und seinen Figuren durch diese Stadt zu ziehen ist magisch, spult eine wahre Bilderflut vor meinem inneren Auge ab.

Fantasy- oder Detektivgeschichte, Schauerroman oder historischer Krimi. Zafon läßt uns das selbst entscheiden. Ihn macht aus, dass ein Genre allein ihm nie genug ist. Trugbild, Wahnsinn oder Realität? Zafon umgibt uns mit Hexen, unsterblichen Schriftstellern, lebendigen, gefallenen Engeln. Er spart diesmal selbst an Leichen nicht und auch nicht an qualvollen Todesarten. Dort wo „Der Schatten des Windes“ noch deutlich verträumter und melancholischer ist, packt er uns mit dem „Spiel des Engels“ am Kragen. Läßt uns immer wieder verwickelt in Zweikämpfe, die einem James-Bond-Film alle Ehre machen würden, verfolgt durch das alte Barcelona hetzen und immer nur kurz Atem holen. Schwer verletzt hin oder her, wir müssen die Stadt verlassen, heute noch …

Hundert Menschen stehen mit Kerzen in der Hand vor seinem Laden. Die Totenwache für Ihren Lieblings-Buchhändler mussten sie heute halten. Ohne Frage hätte auch ich mich in diese Schlange eingereiht. Wie gerne wäre auch ich hier Kunde gewesen, hätte mit den blitzgescheiten, buchkundigen Semperes gefachsimpelt, philosophiert, mich an einem guten Text, mich an einer wunderbar gearbeiteten Ausgabe erfreut. Hätte die Magie, die hier zwischen den Büchern wohnte beim Betreten des Ladens, tief einatmend in mich aufgesogen. Wäre eingetaucht in die Wortstürme …
Die blitzgescheite Isabella ist diesmal meine Lieblingsfigur. Etwas vorlaut, voller Leidenschaft, kreativ, gut strukturiert und ordnungsliebend. Sicherlich im Sternzeichen Wassermann geboren. Schlagfertig agiert sie in den Dialogen mit David Martin. Sie weiß stets durch uneigennütziges Handeln zu überraschen.

Im zweiten Teil seiner „Friedhof der vergessenen Bücher-Reihe“ wird bereits offenbar, wie meisterhaft er hier die Schicksale der handelnden Personen über die Zeit mit einander verwebt. So endet Band zwei mit der Geburt der Hauptfigur aus Band eins und doch erzählt er nicht einfach nur diese eine Geschichte. Zum Glück und zu meiner Freude warten noch zwei weitere Bände auf mich. Vielleicht werde ich ja eine liebgewonnene Figur sogar wieder treffen? Geschickt macht er das, er hat mich am Haken, der Herr Zafon …

Der Sprecher dieser HörbuchFassung, Gerd Wameling, hat bei mir ein schweres Erbe angetreten. Den Vorgänger-Roman „Der Schatten des Windes“ hatte mir einer meiner erklärten Lieblinge vorgelesen, Uve Teschner. An ihm musste sich Wameling jetzt messen lassen, die Latte hing hoch. Nach den ersten vorgelesenen Silben hatte ich dann auch schon Heimweh, Heimweh nach der Art, wie sich Teschner in eine Geschichte einzubringen vermag. Wamelig liest vor, gut intoniert, verständlich, gleichmütig, braucht nach meinem Gefühl aber zuviel Zeit um sich den Figuren anzunähern es fehlt ihm bisweilen an Empathie für sie. Dieser exzellenten Geschichte kann er damit zwar nicht schaden, dem Lesen würde ich hier aber diesmal eindeutig den Vorzug geben, zumal dieser Teil der Reihe als Hörbuch leider gekürzt ist.

Der Knabe im Moor (Annette von Droste-Hülshoff)

Kurz noch einmal innehalten, bevor mich beruflich der Weihnachts-Streß einholt. Privat hab‘ ich ihn längst abgeschafft, verblüfft es mich Jahr für Jahr aber immer noch ungebremst, wie überraschend für viele doch Weihnachten kommt. Der Kühlschrank noch leer, es fehlt gar das Geschenk für die Ehefrau noch am Heiligabend – so manch einer scheint diesen Druck gar zu brauchen – wer weiß? 

Es ist schon ein paar Jährchen her, da verschlug es uns erstmals Ende November zum Durchatmen in’s Biospärenreservat Hoch-Rhön und bald schon schlurften wir bei einem Spaziergang unsicher im Nebel über einen aus Block-Bohlen ausgelegten Weg. Eiskalt, feucht, rutschig und ich durchaus angstvoll. Es raschelte und knisterte allenthalben, unsere Fotos sahen danach aus, als hätten wir sie aus einem alten Edgar Wallace Film rausgeschnitten. Diese Stimmung, bang, gruselig und magisch zugleich fängt ein Gedicht wunderbar ein – hört mal: 

Der Knabe im Moor (Annette von Droste-Hülshoff

  • O schaurig ist’s übers Moor zu gehn,
  • Wenn es wimmelt vom Heiderauche,
  • Sich wie Phantome die Dünste drehn
  • und die Ranke häkelt am Strauche,
  • Unter jedem Tritt ein Quellchen springt,
  • Wenn es aus der Spalte zischt und singt! – 
  • O schaurig ist’s übers Moor zu gehn,
  • Wenn der Röhricht knistert im Hauche!
  • Fest hält die Fibel das zitternde Kind
  • Und rennt, als ob man es jage;
  • Hohl über die Fläche sauset der Wind –
  • Was raschelt drüben im Hage?
  • Das ist der gespenstische Gräberknecht,
  • der dem Meister die besten Torfe verzecht;
  • Hu, hu, es bricht wie ein irres Rind!
  • Hinducket das Knäblein sich zage.
  • Vom Ufer starret Gestumpf hervor,
  • Unheimlich nicket die Föhre,
  • Der Knabe rennt, gespannt das Ohr,
  • Durch Riesenhalme wie Speere;
  • Und wie es rieselt und knistert darin!
  • Das ist die unselige Spinnerin,
  • Das ist die gebannte Spinnenlenor‘,
  • Die den Haspel dreht im Geröhre!
  • Voran, voran! Nur immer im Lauf,
  • Voran, als woll‘ es ihn holen!
  • Vor seinem Fuße brodelt es auf,
  • es pfeift ihm unter den Sohlen,
  • Wie eine gespenstische Melodei;
  • Das ist der Geigemann ungetreu,
  • Das ist der diebische Fiedler Knauf,
  • Der den Hochzeitsheller gestohlen!
  • Da birst das Moor, ein Seufzer geht!
  • Hervor aus der klaffenden Höhle;
  • Weh, weh, da ruft die verdammte Margret:
  • „Ho, ho, meine arme Seele!“
  • Der Knabe springt wie ein wundes Reh;
  • Wär’n nicht Schutzengel in seiner Näh‘,
  • Seine bleichenden Knöchelchen fände spät
  • Ein Gräber im Moorgeschwehle.
  • Da mählich gründet der Boden sich,
  • Und drüben, neben der Weide,
  • Die Lampe flimmert so heimatlich,
  • Der Knabe steht an der Scheide.
  • Tief atmet er auf, zum Moor zurück
  • Noch immer wirft er den scheuen Blick:
  • Ja, im Geröhr war’s fürchterlich,
  • O schaurig war’s in der Heide!

                                                                           (Bildquelle: Pixabay)

      Euphoria (Lily King)

      Donnerstag, 09.02.2017

      … dort hin, wo noch niemand war!

      Immer wenn es frisch geschneit hat, so wie gestern früh, auf die Gehwegplatten, auf meinen Garten. Stehe ich am Fenster und schaue auf die makellose, unberührte, weiße Fläche und stelle mir vor, die Erste zu sein die einen Fuß darauf setzt. So müssen sich die großen Entdecker gefühlt haben, als es noch Länder und Kontinente zu entdecken gab. Die Landkarte noch nicht fertig geschrieben war. Columbus, Humboldt oder auch Wissenschaftler anderer Felder, oder so wie im Roman …

      Euphoria (Lily King)
      Wieder Malaria – zerschunden, entkräftet, enttäuscht, so landet Nell Stone an einem Heiligabend Anfang der 1930er Jahre in Papua Neuguinea in einem britischen Club. Das Feldbett mit den frischen, straffen, weißen Laken erscheint ihr nach Monaten im Dschungel wie eine Wolke. Umsonst die Entbehrungen, die Gewalt, der ewige Streit mit Fenwick, der seit knapp zwei Jahren ihr Ehemann und ebenfalls Ethnologe ist. Nichts verwertbares hatten sie bei „ihren“ Mumbanyo festhalten können, aufgeben mussten sie vorzeitig – wegen ihres Fiebers. Wieviel härter ist da ihr Mann im Nehmen. Wenn bei ihm die Malaria zurückkommt unternimmt er Kilometer lange Fußmärsche. Jüngst war ihm ein dicker weißer Wurm unter der Haut in seinem Bein gewachsen, ihn hatte er sich selbst mit dem Federmesser raus operiert. Und sie? Obgleich sie bereits ein Buch veröffentlich hat, das in Ihrer Heimat Amerika als „Durchbruch“ in der Stammesforschung gefeiert wurde, scheint sie körperlich soviel schwächer als er. Ein akut gebrochener Knöchel, zahlreiche infizierte Wunden – eine Fehlgeburt. Verwundet, aber nicht geschlagen, oder doch? Zeit zur Umkehr, zur Heimkehr?

      Der Brite Andrew Bankson hat irgendwie seinen Platz in der Welt noch immer nicht gefunden. Aufgewachsen als Sohn eines herrischen Zoologie Professors, bleibt ihm bei aller Anstrengung der Erfolg als Wissenschaftler versagt. Selbstmord, daran hat er nicht nur gedacht, sondern es schon ausprobiert, selbst das ohne Erfolg. Der Zufall spielt Schicksal, so scheint es, denn Andrew trifft an eben jenem Heiligabend im gleichen Club auf die beiden einstigen Forscher-Rivalen Nell und Fen.

      Als es dann beim Essen im Club Restaurant zu einer handfesten Rauferei unter den Gästen kommt, ergreift Bankson die Initiative, sieht seine Chance vom Glanz der berühmten Kollegin partizipieren zu können. Sein Lager ist nicht weit entfernt. Warum kommen die beiden, Fen und Nell, nicht mit zu dem Stamm mit dem er gerade arbeitet? Und wenn das nicht, findet sich flussauf-oder abwärts auch ein eigener Stamm für die beiden. Austauschen könne man sich, regelmäßig treffen, er kann sich doch kümmern um die Verletzungen von Nell. Eine Heimkehr mit leeren Händen ist doch keine Option!

      Fenwick, ist schnell Feuer und Flamme, wollte er ja ohnehin noch nicht aufgeben. Nell fühlt sich überrannt, gibt aber dann doch nach, überhastet dann die Flucht vor den Raufern …

      Lily King hat sich mit ihrer Romanfigur der Nell Stone an den realen Erlebnissen der Ethnologin Margret Mead orientiert. Von der New York Times wurde ihr „Euphoria“ zu den fünf besten literarischen Büchern des Jahres 2014 gewählt. Mich hatte eine Leseunlust gepackt, als mir eine liebe Bücher-Freundin (DANKE! Monika) Lily King empfahl. Das ich mir ihren Roman über die Dreiecksbeziehung von Nell, Fen und Andrew ausgesucht habe, war ein Volltreffer. Bildgewaltig, berührend und mit langem Nachhall, läßt sich das Leseerlebnis dieses Romans am besten beschreiben. Ich würde jederzeit wieder in den Einbaum steigen und mit Nell losrudern!