Everland (Rebecca Hunt)

Sonntag, 14.01.2018

Kleine Eisbröckchen hüpfen auf unserem Dachfenster auf und ab. Ich sitze im warmen Zimmer und schaue ihnen zu, wie sie am Glas herab rutschen, sich in den Spalten der Dachziegel verlieren. Meine Gedanken wandern zurück an einen Tag im Juli des vergangenen Jahres. An dem ich, dick verpackt mit Mütze, Schal und Stiefeln an einem Bootsanleger in Spitzbergen stand, wo kleine Eisgraupel auf meiner Kapuze Purzelbäume schlugen, während ich auf ein Fährschiff wartete. 

Der Permafrostboden unter meinen Füßen hatte sich seltsam federnd angefühlt, der Wind suchte bohrend nach Spalten in meiner Kleidung und verpaßte mir eine rote Nase. Froh war ich für eine Weile in der gut geheizten Passagierkabine des Katamarans unterzukommen um mich noch einmal aufzuwärmen, bevor wir den großen Gletscher erreichen würden, auf den ich schon so gespannt war. Als wir dort dann, quer zur Strömung kreuzten und die vielen Blautöne der Bruchkanten mit ehrfürchtigem Staunen betrachteten, war der eisige Wind sofort zurück, um uns verweichlichten Mitteleuropäern zu zeigen, was das Wort Kälte wirklich bedeutet. Hier – rund 1.300 km vom Nordpol entfernt.

Meine Finger, die zitternd mein Handy festhielten um möglichst viele Bilder einzufangen, waren in Null-Komma-Nix klamm und krebsrot. Später, schützend in meine Handschuhe gesteckt, würden sie pochend wieder auftauen und eine ganze Weile noch schmerzen. Kaum vorstellbar, wie es sich anfühlen muss, wenn ein Körperteil tatsächlich tiefgefroren ist und dann wieder auftaut …

Everland (Rebecca Hunt)

1913, Antarktis.

Vier Stunden sollte die Überfahrt für die kleine Mannschaft in dem von der Kismet ausgesetzten Beiboot dauern. Vier Stunden, bis Everland. Vier Stunden, aus denen im eisigen Sturm sechs lange Tage wurden. Sechs Tage, nach denen die drei Männer völlig entkräftet dann doch noch auf Everland anlandeten.

Textauszug, S. 87: „Lawrence erlebte das Desaster von Everland wie einen glühenden Schmerz im Magen. Es brannte den ganzen Tag Löcher in sein Inneres, die es ihm unmöglich machten, sich zu konzentrieren, und nachts zog es Schwärme von fleischfressenden Gedanken an, die ihm den Schlaf raubten. So lag Lawrence nun mit offenen Augen bis zum Morgengrauen in der Dunkelheit. Er versuchte, einen Weg aus dem Labyrinth voller Ungeheuer zu finden, die die Namen Verpflichtung und Niederlage, Unfähigkeit und Scheitern trugen.“

2012, Antarktis.

Die glitzernde Schönheit dieser einsamen Welt – wie schnell sie die Gefahren, die hier lauerten vergessen machen konnte. Die Kälte war dabei ein weit größerer Feind, als jedes nur denkbare Raubtier, den Menschen eingeschlossen … 

Textauszug S. 347: „Was er als Druckkopfschmerz diagnostiziert hatte, manifestierte sich als wogende weiße Masse, die den Horizont verschleierte. Mit langsamen, mechanischen Bewegungen, starr vor Schreck, ließ er den Rucksack zu Boden gleiten und sah zu, wie der Sturm so rasend schnell auf Everland vorrückte, dass man ihm dabei zusehen konnte.“

Sie war wie in Zeitlupe gerutscht, ihr verletzter Fuß war unter ihr eingeknickt und sie fiel, landete in einer eiskalten, schlammigen Pfütze, auf allen Vieren. Alles schien er plötzlich zu beherrschen, dieser Schmerz – von fern hörte sie ein Rufen, ihren Namen. Sie war ausser sich und ausser Stande zu antworten, kein Ton wollte aus ihrem trocknen Hals kommen …

Textauszug S. 354: „Alles hatte sich in eine Serie von Zahlen aufgelöst. Er war vierundfünzig. Der Temperaturunterschied zwischen einem gesunden und einem kaum noch funktionstüchtigen Körper betrug sieben Grad. Die Quads waren ungefähr vierhundert Meter entfernt. Er hatte ein Leben. Es blieben ihm noch fünfzehn oder sechzehn Minuten.“

Rebecca Hunt wurde 1979 in Coventry geboren. Sie ist Malerin und lebt in London. Everland ist ihr zweiter Roman, im englischen Original 2014 erschienen. In ihrem ersten Roman Mr. Chartwell setzte sie sich intensiv mit dem Thema Depression auseinander und ließ Winston Churchill eine zentrale Rolle einnehmen.

In Everland schickt Hunt uns als Leser gleich zweimal auf Expedition auf eine antarktische Insel. Einmal 1913 und dann einhundert Jahre danach, ein zweites Mal, diesmal mit modernster Ausrüstung.

Angesichts der hier geschilderten Unwirtlichkeit der antarktischen Landschaft, wird man gewahr wie winzig sich der einzelne Mensch doch ausnimmt. Gleich in welchem Jahrhundert man hier unterwegs ist, Leichtsinn und falsch verstandener Ehrgeiz können hier immer noch rasch und unabwendbar zum Tod führen. 

Wie weit geht der Einzelne um sein eigenes Leben zu retten? Dort wo es in Schneestürmen Eisplitter regnet, die sich in die Haut ritzen und einen erblinden lassen. Dort wo Wunden angesichts der Minusgrade nicht heilen, sondern bestenfalls konserviert werden. Dort wo eine einmal ausgebrochene Infektion meist nicht mehr aufzuhalten ist. Wenn einem der eigene Verstand nicht mehr gehorcht, Halluzinationen und Hunger das Denken beherrschen.

Beinahe feindselig, ja bösartig kommen die Naturgewalten uns hier vor, – 60 Grad Celsius und Windstärken bis 11 Beaufort, im Winter bei absoluter Dunkelheit, mag ich mir gar nicht vorstellen. Was war der Treibstoff, der die Abenteuerer dies auf sich nehmen ließ? Entdeckergeist, oder der pure Ehrgeiz sich in einer solchen Umgebung behaupten zu können? 

Das legendäre Wettrennen von Scott und Amundsen 1910/12 zum Südpol, aufsehenerregend damals wie heute. 

Mein Fazit fällt trotz der vorgenannten Pluspunkte durchwachsen aus. Hunt konnte mit ihrem Roman, meine vielleicht zu hohen Erwartungen an ihre Geschichte, nicht erfüllen. Erst im letzten Drittel läßt sie für mich die Antarktis wirklich zum Hauptdarsteller werden, hier hatte ich mir mehr erhofft. Bis dorthin plätschert mir die Handlung etwas zu sehr dahin. Die Dramaturgie und die von ihr gewählte Erzählweise auf zwei Zeitebenen, die sie stets hintereinander abwickelt, ist mir etwas zu vorhersehbar geraten. Zuviele Paralellen gibt es im Handlungsverlauf von damals und heute. Versöhnt verlasse ich den Roman trotzdem, sind ihr doch die Figuren nahbar und griffig gelungen. Bildhaft läßt sie sowohl deren innere Kämpfe als auch die äußeren Rahmenbedingungen Gestalt annehmen.

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Das Spiel des Engels (Carlos Ruiz Zafon)

Sonntag, 31.12.2017

Mein Tag begann mit einem Himmel so blau, das musste die Farbe des Glücks sein … 

Auf meinem Arbeitsweg verfinsterte sich der Horizont dann aber in Windes Eile mit regenschwangeren Gewitterwolken. In der Ferne zerschnitten Blitze die Wolkenberge. Dann, von einer Windböe erfaßt, fuhr ich plötzlich wie in eine Wasserwand und es fiel mir schwer meinen Wagen noch in der Spur zu halten. Die anderen Autos, die mit mir auf der Straße waren, konnte ich kaum noch sehen. Angstvoll zog ich bei jedem Donnergrollen den Kopf ein. Gewitter sind wirklich nicht meine Sachen. Endlich eine Ampel und ich konnte mal anhalten. Das Quietschen von Reifen hinter mir, ließ mich zusammen zucken. Ein Blick in den Rückspiegel werfend, sah ich den Wagen hinter mir, mir ausweichend, in den Graben rutschen …. 

Das war gerade nochmal gut gegangen, niemand verletzt. Mein Schutzengel war heute zum Glück hell wach gewesen, hatte seine Hand über mich gehalten. Nicht von Engeln begleitet, eher von einem gefallenen Engel verleitet, davon erzählt diese Geschichte:

Das Spiel des Engels (Carlos Ruiz Zafon)

Als die Straßenbahn kreischend bremste und zwanzig Zentimeter vor dem Gesicht von David zum Stillstand kam, sank er ohnmächtig zu Boden. Die Diagnose danach war vernichtend. In seiner linken Gehirnhälfte hatten die Ärzte eine Wucherung ausgemacht. Man könne vieles tun, um ihm die Schmerzen zu lindern, ihm Ruhe zu geben, aber heilen, heilen könne man das nicht. Alles was er jetzt noch wissen wollte war, werde ich noch schreiben können? Nein, er würde nicht einmal mehr an das Schreiben denken können, so lautete die kühle Erwiderung seines Arztes …

Diese Nacht in der kleinen, verfallenen Villa am Eingang des Park Guel, war von verstörenden Träumen erfüllt. Der Taxifahrer hatte David erst gar nicht aussteigen lassen wollen. Hier wohne doch ewig schon niemand mehr? David war trotzdem mit klopfendem Herzen eingetreten. Nach einer ruhelosen Nacht, empfangen von einem geheimnisvollen Gastgeber, erwachte David allein. Am Morgen war sein geheimnisvoller Gastgeber spurlos verschwunden, nur sein Angebot, „schreibe mir einen Roman und ich kümmere mich um alles Weitere, auch um deine Gesundheit“, klang in David noch nach. Er fühlte sich gekräftigt und voller Tatendrang. Lange sollte seine Hochstimmung nicht währen. Nach dem Verlassen des Hauses stieß er auf eine Nachricht, die eilig unter den Passanten die Runde machte. Der Verlag, an den er, David, mit einem Knebelvertrag gebunden war, war in dieser Nacht bis auf die Grundmauern nieder gebrannt, die Inhaber tot und/ oder schwer verletzt. Die Todesdrohung, die David den beiden Herren gegenüber vor einer Woche im Streit ausgesprochen hatte, holte ihn jetzt ein. Schneller als die Schritte der drei Polizisten, die ihm jetzt folgten und nein, ein Alibi hatte er für die Tatnacht nicht vorzuweisen …

David war den blutigen Fußspuren im Schnee durch den Park gefolgt, sie führten zum See. Dort mitten auf der Eisfläche sah er sie in ihrem dünnen Nachthemd. Das Eis unter ihren Füße hatte bereits Risse. Er warf sich bäuchlings auf die Eisfläche und kroch zu ihr hin. Noch bevor er sie erreichen konnte, hatte sich ein schwarzes Loch unter ihr aufgetan und der See hatte sie verschluckt. Als die Schollen sich über ihrem Körper geschlossen hatten, war dieser unter dem Eis ein Stück weit auf ihn zu getrieben. Ihre ausgestreckte Hand in seine Richtung haltend, waren ihrem Mund schnell, viel zu schnell, die letzten Luftbläschen entwichen …

Carlos Ruiz Zafon. Fast ein Jahr lang stand „Das Spiel des Engels“ auf der Spiegel-Bestseller-Liste. Übersetzt in 30 Sprachen erreichte es ein Millionenpublikum. Auch hier greift Zafon tief in die Trickkiste seiner Formulierkunst, wie wir sie uns schon beim „Schatten des Windes“ der Vorgänger-Geschichte erlesen durften.

In diesem Roman gibt es Barcelona statt. Wie aus der Zeit gefallen, agiert diese magische Stadt hier nicht nur als Kulisse, sondern auch als Stilmittel. Vor Jahren bin ich einmal selbst dort gewesen, die spektakulären Bauten des Architekten Gaudi, die das Stadtbild mit prägen, nicht zuletzt seine unvollendete „Sagrada Familia“, sein „Knochenhaus“, haben mich tief beeindruckt. Ein Spaziergang durch den Parc Guel und die Ruhepause auf Gaudis „Schlangenbank“, der Bummel über die Ramblas, gehören noch immer zu meinen Lieblings-Reise-Erinnerungen. Jetzt Nachts mit Zafon und seinen Figuren durch diese Stadt zu ziehen ist magisch, spult eine wahre Bilderflut vor meinem inneren Auge ab.

Fantasy- oder Detektivgeschichte, Schauerroman oder historischer Krimi. Zafon läßt uns das selbst entscheiden. Ihn macht aus, dass ein Genre allein ihm nie genug ist. Trugbild, Wahnsinn oder Realität? Zafon umgibt uns mit Hexen, unsterblichen Schriftstellern, lebendigen, gefallenen Engeln. Er spart diesmal selbst an Leichen nicht und auch nicht an qualvollen Todesarten. Dort wo „Der Schatten des Windes“ noch deutlich verträumter und melancholischer ist, packt er uns mit dem „Spiel des Engels“ am Kragen. Läßt uns immer wieder verwickelt in Zweikämpfe, die einem James-Bond-Film alle Ehre machen würden, verfolgt durch das alte Barcelona hetzen und immer nur kurz Atem holen. Schwer verletzt hin oder her, wir müssen die Stadt verlassen, heute noch …

Hundert Menschen stehen mit Kerzen in der Hand vor seinem Laden. Die Totenwache für Ihren Lieblings-Buchhändler mussten sie heute halten. Ohne Frage hätte auch ich mich in diese Schlange eingereiht. Wie gerne wäre auch ich hier Kunde gewesen, hätte mit den blitzgescheiten, buchkundigen Semperes gefachsimpelt, philosophiert, mich an einem guten Text, mich an einer wunderbar gearbeiteten Ausgabe erfreut. Hätte die Magie, die hier zwischen den Büchern wohnte beim Betreten des Ladens, tief einatmend in mich aufgesogen. Wäre eingetaucht in die Wortstürme …
Die blitzgescheite Isabella ist diesmal meine Lieblingsfigur. Etwas vorlaut, voller Leidenschaft, kreativ, gut strukturiert und ordnungsliebend. Sicherlich im Sternzeichen Wassermann geboren. Schlagfertig agiert sie in den Dialogen mit David Martin. Sie weiß stets durch uneigennütziges Handeln zu überraschen.

Im zweiten Teil seiner „Friedhof der vergessenen Bücher-Reihe“ wird bereits offenbar, wie meisterhaft er hier die Schicksale der handelnden Personen über die Zeit mit einander verwebt. So endet Band zwei mit der Geburt der Hauptfigur aus Band eins und doch erzählt er nicht einfach nur diese eine Geschichte. Zum Glück und zu meiner Freude warten noch zwei weitere Bände auf mich. Vielleicht werde ich ja eine liebgewonnene Figur sogar wieder treffen? Geschickt macht er das, er hat mich am Haken, der Herr Zafon …

Der Sprecher dieser HörbuchFassung, Gerd Wameling, hat bei mir ein schweres Erbe angetreten. Den Vorgänger-Roman „Der Schatten des Windes“ hatte mir einer meiner erklärten Lieblinge vorgelesen, Uve Teschner. An ihm musste sich Wameling jetzt messen lassen, die Latte hing hoch. Nach den ersten vorgelesenen Silben hatte ich dann auch schon Heimweh, Heimweh nach der Art, wie sich Teschner in eine Geschichte einzubringen vermag. Wamelig liest vor, gut intoniert, verständlich, gleichmütig, braucht nach meinem Gefühl aber zuviel Zeit um sich den Figuren anzunähern es fehlt ihm bisweilen an Empathie für sie. Dieser exzellenten Geschichte kann er damit zwar nicht schaden, dem Lesen würde ich hier aber diesmal eindeutig den Vorzug geben, zumal dieser Teil der Reihe als Hörbuch leider gekürzt ist.

Der Knabe im Moor (Annette von Droste-Hülshoff)

Kurz noch einmal innehalten, bevor mich beruflich der Weihnachts-Streß einholt. Privat hab‘ ich ihn längst abgeschafft, verblüfft es mich Jahr für Jahr aber immer noch ungebremst, wie überraschend für viele doch Weihnachten kommt. Der Kühlschrank noch leer, es fehlt gar das Geschenk für die Ehefrau noch am Heiligabend – so manch einer scheint diesen Druck gar zu brauchen – wer weiß? 

Es ist schon ein paar Jährchen her, da verschlug es uns erstmals Ende November zum Durchatmen in’s Biospärenreservat Hoch-Rhön und bald schon schlurften wir bei einem Spaziergang unsicher im Nebel über einen aus Block-Bohlen ausgelegten Weg. Eiskalt, feucht, rutschig und ich durchaus angstvoll. Es raschelte und knisterte allenthalben, unsere Fotos sahen danach aus, als hätten wir sie aus einem alten Edgar Wallace Film rausgeschnitten. Diese Stimmung, bang, gruselig und magisch zugleich fängt ein Gedicht wunderbar ein – hört mal: 

Der Knabe im Moor (Annette von Droste-Hülshoff

  • O schaurig ist’s übers Moor zu gehn,
  • Wenn es wimmelt vom Heiderauche,
  • Sich wie Phantome die Dünste drehn
  • und die Ranke häkelt am Strauche,
  • Unter jedem Tritt ein Quellchen springt,
  • Wenn es aus der Spalte zischt und singt! – 
  • O schaurig ist’s übers Moor zu gehn,
  • Wenn der Röhricht knistert im Hauche!
  • Fest hält die Fibel das zitternde Kind
  • Und rennt, als ob man es jage;
  • Hohl über die Fläche sauset der Wind –
  • Was raschelt drüben im Hage?
  • Das ist der gespenstische Gräberknecht,
  • der dem Meister die besten Torfe verzecht;
  • Hu, hu, es bricht wie ein irres Rind!
  • Hinducket das Knäblein sich zage.
  • Vom Ufer starret Gestumpf hervor,
  • Unheimlich nicket die Föhre,
  • Der Knabe rennt, gespannt das Ohr,
  • Durch Riesenhalme wie Speere;
  • Und wie es rieselt und knistert darin!
  • Das ist die unselige Spinnerin,
  • Das ist die gebannte Spinnenlenor‘,
  • Die den Haspel dreht im Geröhre!
  • Voran, voran! Nur immer im Lauf,
  • Voran, als woll‘ es ihn holen!
  • Vor seinem Fuße brodelt es auf,
  • es pfeift ihm unter den Sohlen,
  • Wie eine gespenstische Melodei;
  • Das ist der Geigemann ungetreu,
  • Das ist der diebische Fiedler Knauf,
  • Der den Hochzeitsheller gestohlen!
  • Da birst das Moor, ein Seufzer geht!
  • Hervor aus der klaffenden Höhle;
  • Weh, weh, da ruft die verdammte Margret:
  • „Ho, ho, meine arme Seele!“
  • Der Knabe springt wie ein wundes Reh;
  • Wär’n nicht Schutzengel in seiner Näh‘,
  • Seine bleichenden Knöchelchen fände spät
  • Ein Gräber im Moorgeschwehle.
  • Da mählich gründet der Boden sich,
  • Und drüben, neben der Weide,
  • Die Lampe flimmert so heimatlich,
  • Der Knabe steht an der Scheide.
  • Tief atmet er auf, zum Moor zurück
  • Noch immer wirft er den scheuen Blick:
  • Ja, im Geröhr war’s fürchterlich,
  • O schaurig war’s in der Heide!

                                                                           (Bildquelle: Pixabay)

      Euphoria (Lily King)

      Donnerstag, 09.02.2017

      … dort hin, wo noch niemand war!

      Immer wenn es frisch geschneit hat, so wie gestern früh, auf die Gehwegplatten, auf meinen Garten. Stehe ich am Fenster und schaue auf die makellose, unberührte, weiße Fläche und stelle mir vor, die Erste zu sein die einen Fuß darauf setzt. So müssen sich die großen Entdecker gefühlt haben, als es noch Länder und Kontinente zu entdecken gab. Die Landkarte noch nicht fertig geschrieben war. Columbus, Humboldt oder auch Wissenschaftler anderer Felder, oder so wie im Roman …

      Euphoria (Lily King)
      Wieder Malaria – zerschunden, entkräftet, enttäuscht, so landet Nell Stone an einem Heiligabend Anfang der 1930er Jahre in Papua Neuguinea in einem britischen Club. Das Feldbett mit den frischen, straffen, weißen Laken erscheint ihr nach Monaten im Dschungel wie eine Wolke. Umsonst die Entbehrungen, die Gewalt, der ewige Streit mit Fenwick, der seit knapp zwei Jahren ihr Ehemann und ebenfalls Ethnologe ist. Nichts verwertbares hatten sie bei „ihren“ Mumbanyo festhalten können, aufgeben mussten sie vorzeitig – wegen ihres Fiebers. Wieviel härter ist da ihr Mann im Nehmen. Wenn bei ihm die Malaria zurückkommt unternimmt er Kilometer lange Fußmärsche. Jüngst war ihm ein dicker weißer Wurm unter der Haut in seinem Bein gewachsen, ihn hatte er sich selbst mit dem Federmesser raus operiert. Und sie? Obgleich sie bereits ein Buch veröffentlich hat, das in Ihrer Heimat Amerika als „Durchbruch“ in der Stammesforschung gefeiert wurde, scheint sie körperlich soviel schwächer als er. Ein akut gebrochener Knöchel, zahlreiche infizierte Wunden – eine Fehlgeburt. Verwundet, aber nicht geschlagen, oder doch? Zeit zur Umkehr, zur Heimkehr?

      Der Brite Andrew Bankson hat irgendwie seinen Platz in der Welt noch immer nicht gefunden. Aufgewachsen als Sohn eines herrischen Zoologie Professors, bleibt ihm bei aller Anstrengung der Erfolg als Wissenschaftler versagt. Selbstmord, daran hat er nicht nur gedacht, sondern es schon ausprobiert, selbst das ohne Erfolg. Der Zufall spielt Schicksal, so scheint es, denn Andrew trifft an eben jenem Heiligabend im gleichen Club auf die beiden einstigen Forscher-Rivalen Nell und Fen.

      Als es dann beim Essen im Club Restaurant zu einer handfesten Rauferei unter den Gästen kommt, ergreift Bankson die Initiative, sieht seine Chance vom Glanz der berühmten Kollegin partizipieren zu können. Sein Lager ist nicht weit entfernt. Warum kommen die beiden, Fen und Nell, nicht mit zu dem Stamm mit dem er gerade arbeitet? Und wenn das nicht, findet sich flussauf-oder abwärts auch ein eigener Stamm für die beiden. Austauschen könne man sich, regelmäßig treffen, er kann sich doch kümmern um die Verletzungen von Nell. Eine Heimkehr mit leeren Händen ist doch keine Option!

      Fenwick, ist schnell Feuer und Flamme, wollte er ja ohnehin noch nicht aufgeben. Nell fühlt sich überrannt, gibt aber dann doch nach, überhastet dann die Flucht vor den Raufern …

      Lily King hat sich mit ihrer Romanfigur der Nell Stone an den realen Erlebnissen der Ethnologin Margret Mead orientiert. Von der New York Times wurde ihr „Euphoria“ zu den fünf besten literarischen Büchern des Jahres 2014 gewählt. Mich hatte eine Leseunlust gepackt, als mir eine liebe Bücher-Freundin (DANKE! Monika) Lily King empfahl. Das ich mir ihren Roman über die Dreiecksbeziehung von Nell, Fen und Andrew ausgesucht habe, war ein Volltreffer. Bildgewaltig, berührend und mit langem Nachhall, läßt sich das Leseerlebnis dieses Romans am besten beschreiben. Ich würde jederzeit wieder in den Einbaum steigen und mit Nell losrudern!