David (Judith W. Taschler)

Sonntag, 22.10.2017

„Davon hast DU ja keine Ahnung“. Dieser Satz kann treffen wie eine Pfeilspitze und wurde mir, als kinderlosem Teil eines Ehepaares, auch schon mehr als einmal vor die Füsse geworfen. Stimmt, von Erziehung habe ich tatsächlich keine Ahnung, praktisch gesehen, aber eine Meinung, die habe ich schon. Immer seltener tue diese mittlerweile kund. Immer häufiger schüttele ich jetzt innerlich den Kopf. Die Werte in unserer Gesellschaft sind im Wandel. Das erleben wir alle tagtäglich. Grußlos huschen Kinder im Dorf an mir vorbei, mir hätte meine Oma damals die Ohren dafür lang gezogen. Gepetzt hätte das mit Sicherheit unser alter Schuster, hätte ich ihn übersehen auf dem Heimweg von der Schule. Wir/ich wurden von einer Gemeinschaft erzogen, genervt hat es mich als Kind, gehaßt habe ich diese Belehrungen …

Wer ist dafür verantwortlich wie der Lebensweg eines Kindes verläuft? Ist ein Kind dadurch schon verdammt, dass man es zur Adoption frei gibt? Können Alleinerziehende überhaupt ihrer Aufgabe gerecht werden? Heikle Fragen, derer sich Judith Taschler hier annimmt:

David (Judith W. Taschler)

Wer joggt auch schon im Winter? Seit zwei Tagen hatte es ununterbrochen geschneit, bis zur Hüfte reichte ihm stellenweise der Schnee. Dieser Hügel der da vor ihm lag war ihm nicht geheuer, ein ungutes Gefühl beschlich ihn als er näher heran kam und aus einer Ahnung heraus im Schnee zu graben begann. Bald schon hatte er einen Autoreifen freigelegt, roter Lack schimmerte durch die weißen Flocken. Er grub sich bis zum Autofenster durch, dann sah er sie. Kopfüber hing sie im Gurt. Verzweifelt versuchte er die Türen des Fahrzeugs zu öffnen. Vergeblich …

Oma Clara war ohne Frage die Heldin in Magdalenas Kindheit. Schon im Alter von sechs Jahren hatte Magdalena ihre Eltern bei einem Autounfall verloren. Clara, pensionierte Volksschullehrerin in einem kleinen Dorf in Tirol, nahm Magdalena zu sich. Die Kleine genoß schon bald das Landleben, in Wien wo sie mit ihren Eltern gewohnt hatte, hatte sie sich nie wohlgefühlt. Oma Clara verwöhnte sie, an ihrem siebten Geburtstag gab es gar ein Pony! Unbeschwerte Zeit, geliebte Oma Clara. 

Magdalena war noch keine zwölf, als ihre Großmutter morgens nicht wie immer aufgestanden war und in der Küche herumgewerkelt hatte. Bleich und starr hatte sie im Bett gelegen. Magdalena wollte nicht ins Heim, verzweifelt hatte sie den Leichnam im Bett mit Erde zu geschippt, damit der Geruch nicht bemerkt würde. Türen und Fenster hatte sie verriegelt, geflüchtet hatte sie sich in den Garten auf den Baum. Eine ganze Woche hatte sie so durchgehalten, bis ein Nachbar sie fand …

Verstümmelt! Endlich wieder zu Hause, führte einer der ersten Gänge Magdalena in den Garten hinter dem halb verfallenen Haus zu dem Davids-Ahorn, den ihr Großvater nach seiner Rückkehr aus der französischen Kriegsgefangenschaft gepflanzt hatte. Die Rinde war tief aufgeritzt, wer sich mit Bäumen auskannte wußte, damit hatte man ihn zum Tode verurteilt …

Judith W. Taschler, Bestseller-Autorin aus Österreich. Dies ist mein erster Roman von ihr. Einige werden sich evtl. an ihre „Deutschlehrerin“ erinnern. Sie selbst hat als Deutschlehrerin gearbeitet und sie wuchs mit sechs Geschwistern zusammen bei Adoptiveltern auf. Vielleicht gelingen ihr diese Geschichten deshalb so authentisch.

Sprachlich klar und ohne Schnörkel erinnert Taschler hier an eine Zeit, in der Abtreibungen noch illegal waren, gepfuscht und verstümmelt wurde. Sie wirft Fragen zum Thema Adoption auf, die sie brutal und ehrlich von Jugendlichen stellen läßt. Damit hat sie mich vielfach hart schlucken lassen …

Taschler macht den Makel, der für viele an dem Etikett „adopiert“ klebt nachvollziehbar. Wer weiß denn, ob der Schulkamerad nicht aus dem Schoß einer Mörderin gesprungen ist? Welche Gene oder gar Erbkrankheiten ein Partner mit bringt? Was ist es, das adoptierte Kinder umtreibt wissen zu wollen woher sie kommen? Muß nicht erst diese Frage beantwortet sein, bevor man weiß wohin man gehört, als Mensch, als Teil der Gesellschaft?

Sie erzählt uns eine Geschichte von Schicksal und Schuld, von Strippenziehern und Marionetten. Kommt dabei ohne Paukenschläge und Trommelwirbel aus, baut mit geschickt gesetzten Rückblenden eine Spannung auf, die den Roman beinahe zum Krimi werden läßt. Berührend und packend gleichermaßen. Fein wie Adern ziehen sich die Ereignisse durch die Geschichte, durchfluten und durchbluten sie, machen ihre Figuren lebendig, nahbar und glaubwürdig.

Ihre Magdalena mochte ich sofort. Ihr Leben beginnt wie die Geschichte von Pippi Langstrumpf, zwar Vollwaise, aber wild und frei. Pippi haben wir jedoch nie erwachsen werden sehen – Magdalena schon …

Ähnlich einer Patchwork-Decke berühren sich Fragmente der Lebensgeschichten ihrer Figuren. Ein buntes Bild, durchdrungen von Licht und Schatten, verbunden und doch getrennt – und wer ist eigentlich David? Erst spät im Roman löst sie dieses geschickt verschachtelte Rätsel.

Eine Geschichte ohne Anfang, ohne Ende – wie das Leben selbst …

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… vom Glück, im Freien zu sein

Freitag, 20.10.2017

Der Herbst ist hier bei uns, auf den Höhen des Hunsrücks schon weit fortgeschritten. Gestern war dann auch bei mir „Gartentag“. Bergeweise Laub wollte entsorgt, Sträuche und Bäume mussten gestutzt werden. Bei herrlichem Sonnenschein und um die zwanzig Grad, ging die Arbeit leicht von der Hand. Unser Ginkgo strahlt mit dem blauen Himmel um die Wette. 

Eine Kaffeepause mit meiner lieben Gartenfreundin, zwischen all den Abschnitten meiner japanischen Zierkirschen und unserem Hortensien tat gut.

Steckt man die Hände jetzt in die Erde, riecht es anders als im Frühling. Das feuchte Laub, es zerfällt um dem Boden neue Kraft zu geben. Ich liebe es, den Wandel der Jahreszeiten im Garten zu erleben, manche meine Gehölze habe ich sogar ohne Blätter am liebsten, sieht man doch dann erst wie schön gewunden Äste, wie bunt die Rinde ist.

Meinem Lieblings-Gärtner in der Buchwelt, Jakob Augstein, dessen Buch „Die Tage des Gärtners“ ich hier schon vorgestellt setzt der Herbst besonders zu. Verständlich einerseits, wird sie ihn und alle anderen Hobbygärtner als Vorbote des Winters ja erstmal zur Tatenlosigkeit verurteilen und ins Haus verbannen. Ich ticke da anders, geniesse auch die Zeit hinter der Fensterscheibe, plane eine Veränderung in den Beeten, streife auf Ideensuche durch meine Gartenzeitschriften. Blättere auch in Augsteins Erlebnissen, schaut mal, was ich da so gefunden habe. Bei ihm ist das immer mit einem Augenzwinkern gemeint, das nimmt ihm dann doch etwas von seiner Schwermut, wenn er an den Herbst denkt:

Textzitat S. 67, Tage des Gärtners, Jakob Augstein

… Am Ende des Sommers müssen Sie Ihren Garten aufräumen, so wie man als Kind am Abend eines langen Tages sein Zimmer aufräumen musste. Das hat ein bisschen mit der Sorge um die Pflanzen zu tun und sehr viel mit der Liebe zur Ordnung. Der Winter ist an sich kein Spaß. Aber ein unaufgeräumter Garten im Winter ist wirklich sehr, sehr deprimierend. Wenn schon alles um uns herum stirbt, sollten wir wenigstens die Form wahren …

S. 69, Zitat Franz Biberkopf

  • Inzwischen melden sich die Jahre, der Mottenfrass zermürbt die Haare.
  • Es kracht bedenklich im Gebälke, die Glieder werden schwach und welke
  • Die Grütze sauert im Gehirn und immer dünner wird der Zwirn.
  • Kurzum, du merkst, es wird jetzt Herbst, Du legst den Löffel hin und sterbst.

S. 68

… Und dann zieht sich das Leben in Ihrem Garten in die Erde und Sie sich ins Wohnzimmer zurück. Im Spätherbst gehen Sie nochmal raus und atmen diese besondere Luft ein, die jetzt samtig ist mit dem Duft der Erde und der Dunkelheit. Dann machen Sie die Türen zu, damit die Kälte nicht ins Haus kommt …

Recht so. Jetzt, wo sich das Unkrautwachstum endlich verlangsamt, bleibt mir etwas mehr Zeit zum Lesen …




Petras Messe-Logbuch der FBM 2017 

„Es wird nicht mehr gelesen“ … Was machen denn dann all die Menschen hier? Frag ich mich schon, als wir von freundlichen Parkplatz-Einweisern in der Tiefe des Messe-Parkhauses in Frankfurt verstaut werden. Es ist gegen 10 Uhr, als wir nach rund zwei Stunden Autofahrt ankommen. Sicherheitshalber fotografiere ich mal schnell die Parkreihe in der wir stehen – man weiß ja nie. Dann verfolgen wir zwei gut gekleidete Herren im dunklen Anzug, die zielstrebig voran schreiten – die müssen ja wissen wo es hin geht. Jahre ist es her, das ich zuletzt hier war. 2011 – damals waren die sympatischen Isländer hier zu Gast. Eine beeindruckende filmische Präsention der Naturschätze ihres Landes und ihre große Leseleidenschaft hatten sie im Gepäck. Dieses Jahr heißt es hier „francfort en francais“ – ich bin gespannt.

Es geht flott voran, der Shuttle-Bus zur Messe füllt sich rasch und kurvt mit uns zum Ort des Geschehens. Als sich die Türen des Busses öffnen und er uns an Halle 3 ausspuckt – höre ich jemanden sagen – „das sieht irgendwie nach dem Hintereingang aus …“. Auf den Eingang habe ich gar nicht geachtet, sondern aus meinem Fenster geschaut. Was für eine grandiose Kulisse! Es sieht aus als schmiege sich die altehrwürdige Frankfurter Festhalle, am Fuß des Maintowers an die Messehallen. Strahlend blauer Himmel – wenn Buch-Engel reisen …

Vor dem Eingang zögere ich kurz. Es fühlt sich seltsam fremd, aber so wunderbar an, hier erstmals als Berichterstatter für meinen kleinen Blog unterwegs zu sein! 

Nach dem Überwinden der Taschenkontrolle trete ich ein in die heiligen Hallen. Der Sicherheit der Besucher kommt in diesem Jahr eine besondere Bedeutung zu. So viel ist ja schon geschehen und bedenkt man wieviele Menschen sich hier versammeln, da kann man schon nachdenklich werden. Ich schiebe den Gedanken beiseite, strebe einem der Eingänge in Halle 3.0 zu und muss mich gleich wieder setzen. Willkommen im Mekka aller Buch-Fans! Beinahe erschlägt es mich. Mein Blick wandert ruhelos umher und kann sich gar nicht niederlassen. Wo jetzt anfangen?

Hinsetzen! Kaum tue ich das, inmitten des Hauptstandes von Random House – der Bertelsmann Verlagsgemeinschaft, kommt auch schon eine nette junge Dame und bietet mir etwas zu trinken an. Na, das ist ja mal ein Ding! Ich packe meine Wunschliste aus, die ich mir zu Hause geschrieben habe und trage die Stände, die ich besuchen will im Hallenplan ein. Mir wird schnell klar, dass ich da einiges werde zusammenstreichen müssen, zu weit sind teilweise die Wege und zu knapp meine mitgebrachte Zeit. Das ein oder andere Gespräch wollte ich mir ja auch noch gönnen. Jetzt mal durchatmen, das Glas Wasser hilft. 

Mein Blick streift einen Mann, der mir irgendwie bekannt vorkommt … Aber ja, da sitzt doch tatsächlich ganz entspannt ein Tatort-Kommisar. Andreas Hoppe, im Krimi der Ludwigshafener, ist er Mario Kopper, der Partner von Lena Odenthal mit sizilianischen Wurzeln. Was macht er denn hier? Die Frage ist schnell beantwortet. Er ist heute beim Südwest Verlag zu Gast, mit seinem „Sizilien Kochbuch“. Andreas Hoppe ist mit seiner Figur Mario Kopper auf eine kulinarische Reise quer durch Sizilien gegangen, hat mit der Rezeptentwicklerin Cettina Vicenzino zusammen, unterwegs auch selbst kochend, von Syrakus bis Taormina 60 Rezepte eingefangen. Lecker! Das ist doch was für mich …

Wie riesig das Verlags-Portfolio von Random House wirklich ist, wird mir hier auf der Messe so richtig bewußt. Kinderbuch, Kochbuch, Ratgeber aller Art, politisches Sachbuch, Belletristik. 45 Verlage und zahlreiche meiner Lieblinge haben unter diesem Dach ihr zu Hause. Der Förster meines Vertrauens Peter Wohlleben wird hier bei Ludwig verlegt. Apropos Peter Wohlleben, er verschriftlicht seine Waldspaziergänge mit Kindern jetzt bei Kosmos, eine tolle Idee!

Mathias Malzieu „wohnt hier“ bei Carls Book’s. Dr. Siri Paiboun bei Manhattan, Gerhard Jäger bei Blessing. „Everland“ von Rebecca Hunt aus dem Luchterhand-Verlag wartet noch darauf von mir gelesen zu werden. Die Erfolgs-Reihe von George R.R. Martin „Das Lied von Eis und Feuer“ hat seinen Sitz bei Heyne. Maja Lundes „Bienen“ schwirren hier bei btb ein und aus und über allem leuchten „Die Gestirne“ von Eleanor Catton. Übrigens, im Gespräch mit dem Verlag erfahre ich, Maja Lunde entwickelt ihre Geschichte weiter –  es soll eine Trilogie werden und im Frühling erscheint der Band 2 in Deutschland, es geht dann um Wasser. Na, wenn das keine guten Neuigkeiten sind! 

Der aktuelle Literatur-Nobelpreisträger Kazuo Ishiguro hat hier ebenfalls sein Verlags-Zuhause. Kommende Woche werden seine beiden bereits verfilmten Titel „Was vom Tage übrig blieb“ und „Alles was wir geben mussten“ in neuen Hardcover Schmuckausgaben erscheinen, erfahre ich. Hier halte ich auch zwei seiner Titel in der Hand, die mich ebenfalls anlachen „Als wir Waisen waren“ und „Der Maler der fließenden Welt“. Letzteren liest gerade mein Mann und ist schon begeistert. Wenn ich allein diese Titel höre, schmelze ich …

Jürgen von der Lippe hat eine Lesesendung bei You-Toube? Selbst finanziert soll er sie haben. „Lippes Leselust“ wird aufgezeichnet im Theater der Wühlmäuse in Berlin. Buch darf Spaß machen, sei sein Motto – aber Hallo! Das unterschreibe ich sofort. Danke für diesen Hinweis an das Random House Team. Mittlerweile habe ich mal reingezappt in seine Sendung und mich schlapp gelacht. Er hat es halt einfach drauf!

Im Gespräch mit dem Verlag hüpft „Der Sympathisant“ von Nguyen dann auch noch mit auf meine Wunschliste.  Hilfe, ich brauche DRINGEND einen Kurs im Speed-Reading! Soviel tolle Titel, das ist in einem einzigen Leseleben nicht mehr zu schaffen!

Vielen Dank an dieser Stelle an meine Ansprechpartner bei Random House. Meinen persönlichen Lesehorizont und meinen Blog konnte ich immer durch Tipps aus Ihrer Hand bereichern! Der Besuch bei Euch hat Spaß gemacht!

Bestürzt schaue ich auf die Uhr, wie schnell sich hier die Zeit wegplaudert. Ich muss mich leider verabschieden, wir wollten doch noch nach Frankreich, das auch hier auf der Messe nicht gerade um die Ecke liegt. Es treibt mich weiter, vorbei am Drachen Kokosnuss, dessen Welt so bunt präsentiert wird, wie die Welt der Bücher eben ist. Putzig!

Einen Moment noch – Ulmer Verlag! Oooohhh … Wintergärten, aber nicht die aus Glas, sondern Aufnahmen von Gärten im Winter. Was für ein genial schöner Bildband. Ich vergesse sogar das Fotografieren … sorry, muss eben mal zwischen den Seiten abtauchen.

Gastland Frankreich F1, steht nüchtern auf dem Hallenplan. Wir schlagen jetzt mal hoffentlich die richtige Richtung ein. Brauchen aber dann tatsächlich keine Schilder, können schon bald den sich verdichtenden französischen Wortfetzen folgen, „francfort en francais“ – die Sprache ist auch das Motto der Austellung unserer Nachbarn. 

Unser Weg zum Halleneingang führt uns, Rollgleite aufwärts schon wieder ein genialer Blick auf den Maintower!, an einem stilecht eingedeckten französischen Restaurant vorbei. Bodenlange, weiße Tischwäsche und polierte Gläser, war nicht hier vor einigen Jahren noch ein isländischer Schnellimbiss? Was für eine Verwandlung! Der Duft von Holz mischt sich in der Halle mit dem von frischen Baguettes. Die französische Sprache ist das Thema dieser Halle – mein Schulfranzösich ist leider sehr eingerostet, was mir wieder einmal leid tut. Diese wunderbar melodiöse Sprache fliessend sprechen und vor allem verstehen zu können, das wär mal was. 

Die Regale und die Bühne hier sehen aus, als hätte man sie aus riesigen Streichhölzern gebaut. Der Teppichboden ist safrangelb. Man findet hier sogar das Replik einer Gutenberg-Presse. „Autor druckt am Stand“ heißt hier ein Programm-Punkt. Verschiedene Autoren drucken auf dieser Presse die ersten Seiten ihres neuen Romans. Der Autor, den wir nicht sehen, so umlagert ist er, könnte Sylvain Prudhomme sein. Ich sehe nur Hände und Köpfe. Macht nix. Verstehen tue ich auch kein Wort, aber die Stimmung ist toll hier!

Die Sprache ist dann auch, der man hier in vielfältiger Weise huldigt. Man zollt dabei nicht nur Schriftstellern, sondern auch Druckern, Übersetzern und Archivaren Respekt, und immer wieder wird der Weg vom gedruckten Buch zum digitalen Text aufgezeigt.

Wir knappern an einem Baquette, die gibt es hier inkl. Macarons an einem kleinen Stand mitten in der Halle. Sitzen auf Bistrostühlen und lauschen einem Vortrag, der die Unterschiede zwischen der französichen und der deutschen Nationalbibliothek aufzeigt. So archivieren wir in Deutschland, per gesetzlichem Auftrag, man stelle sich das vor seit 1913 alles Geschriebene, darunter auch täglich die Ausgaben von rund 1.200 Zeitschriften! Jetzt auch E-Books und Audio Material. Wen wundert dabei, dass sich die großen Vermarkter der Branche (u.a. Amazon) hier für die Digitalisierung anbieten und schon ihre Fühler nach den Rechten auf diese Schätze ausstrecken. Verblüffend, welche Informationen man hier quasi im Vorbeigehen erhaschen kann. 

Auf dem Weg zurück werfen wir einen Blick auf den „Open-Air-Bereich“ hinter Halle 3 mit Lesezelt. Schon aus der Vogelperspektive läßt sich die Ankündigung für den neuesten Dan Brown „Origin“ erkennen. Eine riesige Stehle auf dem Platz kündigt ihn an. Im Hintergrund der Turm des Kein & Aber Verlages aus übereinander gestapelten und begehbaren Übersee-Containern.

Viele Fans haben den 5. „Robert Langdon Band“ mit Spannung erwartet. Eine große Lesung am Samstag Abend von und mit Dan Brown, wenn ich richtig informiert bin, sein einziger Auftritt in Deutschland, zum Messeabschluß steht noch aus. Das wird sicher eine tolle Veranstaltung. Ich habe zur Zeit die Hörbuch-Version im Auto und lausche gebannt dem neuesten Abenteuer, das uns diesmal nach Spanien führt.

Ein erfolgversprechendes Winter-Programm für Bastei Lübbe, denn der neue Ken Follet ist ebenfalls erst vor einigen Wochen erschienen und erhitzt seither auch schonmal über seinen Preis die Gemüter. „Das Fundament der Ewigkeit“ ist sehr schön ausgestattet, schlägt aber dafür auch mit 36 Euro zu Buche. Zum Glück ist ja der Weihnachtsmann nicht weit und wer sagt denn, das Erwachsene keine Wunschzettel schreiben dürfen …

Am Stand von Bastei Lübbe fällt mir als erstes aber nicht Ken Follet ins Auge, auch nicht Dan Brown, sondern ein weißer Baum. Hier wurden zahlreiche Autoren, nein nicht erhängt, sondern aufgehängt mittels ihres Schwarz-Weiß-Portrait-Fotos. Man kann geteilter Meinung sein, angesichts dieser „Hinrichtung“. Mir gefällt es irgendwie, diesen Baum im Zentrum der Lübbe-Geschichten zu haben. Steht er damit nicht sinnbildlich auch für die Wurzeln des Verlages? An den Kopfenden des Standes entdecke ich sie dann auch. Wer kennt sie nicht, die Heftchen-Romane mit denen Bastei Lübbe erfolgreich geworden ist. Lassister meets die Landärzte, nein nicht in einem Heftchen 😉. Auch bei meiner Mama lag immer eines auf dem Nachttisch …

Carlsen, Coppenrath/Spiegelburg – wieviel Mühe man sich hier mit der Standgestaltung macht. Sind diese „Bücher-Decken-Lampen“ nicht zum Anbeissen? Feine Papeterie trifft auf Reisetagebuch. Geschenkbuch, was für ein Begriff ist das eigentlich? Für mich ist halt jedes Buch ein Geschenk und doch gibt es sie, kleine fein gearbeitete Büchlein und Hefte die anzufassen und zu bestaunen ein Geschenk ist. Hier bei Coppenrath findet man sie. Liebevoll, teils nostalgisch gestaltete Notizhefte für Wortsammler, Gedichte- und Tagebuchschreiber. Apropos Tagebuch. Hier gibt es eine superschöne Reisetagebuch-Ausgabe aus der New York City Reihe des Verlages. So lassen sich Erinnerungen aufbewahren. Das schaue ich mir mal noch in Ruhe an, nach der Reise ist schließlich vor der Reise, oder?

DK – der Dorling Kindersley Verlag punktet mit einem genußvollen Stand inklusive Bisto im OG. Leckere Kochbücher machen Lust auf’s Kochen. Pädagogisch wertvoll für die Kleinsten können die auch. Tolle Mischung.

Jetzt aber auf, nicht immer ablenken lassen, zu einer meiner geplanten Haupthaltestellen: DTV – Der Deutsche Taschenbuch-Verlag. Wieviel Tipps habe ich mir hier schon abgeholt? Keine Ahnung, unzählige. Meinem eloquenten, belesenen Ansprechpartner – ein dickes Dankeschön. Dieser Verlag und ER, sind für mich ein nie versiegender Quell der Inspiration. Federico Axat mit seinem „Mysterium“ ist immer noch mein Lieblings-Thriller. „Die Wölfe“ von Jermey Fel heulen auch hier mit der Messe-Meute. 

Für die Apotheke habe ich im Gespräch hier ein paar richtige Sahneschnittchen gefunden: Seit langem mal wieder Erzählungen, Lucia Berlins „Was ich sonst noch verpasst habe“.  Madeleine Prahs „Die Letzten“ und Lesley M.M. Blume mit „Und alle benehmen sich daneben“. Auch Andreas ist fündig geworden, er beigeistert sich für Timm Marshalls „Im Namen der Flagge“, den „Atlas der erfundenen Orte“ (eine tolle Ausgabe!) und für „Schattenmächte“ von Fritz R. Glunk. 

Als wenn das nicht schon genug wäre, überrascht mich mein Verlags-Kontakt noch mit einer Spontan-Begegnung. Ich lerne den „Angstmann“ persönlich kennen …

Nein (lach) nicht ihn, sondern Frank Goldammer. Der junge Autor stammt aus Dresden und hat mit „Der Angstmann“ seinen historischen Krimi im Dresden der 1944/45 Jahre verortet. Sein zweiter Fall für Kommissar Max Heller „Tausend Teufel“ hat am 13.10.2017 Erstverkaufstag. Auf der Messe darf man heute schon rein schnuppern. Tolle Cover, vor allem der neue in der Klappenbroschur kommt richtig gut. Goldammer signiert mir seine zwei Bücher (stolz!), drückt mich einmal (seufz!). Was diese Spannungs-Autoren aber auch immer so nett sind, und so fotogen, oder? Der Waaahnsinn! Leider muss jetzt hier weg und lesen! Seine Krimis habe ich eben erst kennengelernt, wie ist das denn bloß passiert? Ich merke, an meiner Interviewtechnik und Spontanität muss ich noch feilen. In Ehrfurcht erstarrt, wollten mir einfach nicht die richtigen Fragen einfallen. Könnte aber auch an seinem einnehmenden Lächeln gelegen haben 😉

Dankeschön DTV, Merci Frank Goldammer!

Weiter geht’s, keine Müdigkeit vorschützen. Das Obergeschoß der Halle 3 wartet auf Entdeckung. Dort habe ich mich auch mit einer lieben Bücherfreundin bei den Fischer-Verlagen verabredet. Unterwegs stolpern wir über Sebastian Fitzek, der plaudernd in der VIP Lounge bei Droemer Knaur sitzt. Über Daniel Kehlmann !! im Gespräch mit einem Fan. 

Angekommen bei S. Fischer, hier geben sich literarische Highlights und Bergsteiger-Legenden die Klinke in die Hand. Arundhati Roy meets Reinhold Messner. Letzterer ist auf der Messe persönlich anwesend. Vertieft in ein Gespräch verpasse ich ihn doch tatsächlich – ist das denn zu fassen?! Mein Mann sagt kurz darauf ganz entspannt, – hast Du den denn nicht gesehen, der hat dich doch fast gestreift, als du da gesessen bist? Hallo!!! Ich glaube es ja nicht – wir diskutieren noch, warum Andreas sich nicht sofort für ein Selfie auf ihn gestürzt hat, da flaniert auch schon Richard David Precht vorbei. Kann mich vielleicht mal jemand kneifen? Und sorry, so schnell krieg ich jetzt mein Handy zum Fotografieren wirklich nicht aus der Tasche (innerlich kreisch!).

Im Gespräch bei S.Fischer lerne ich heute, Dank meiner Freundin, auch deren Blogger-Betreuerin persönlich kennen. Sehr sympatisch! Ich freue mich schon auf die Zusammenarbeit.

Vom neuen Liebling im Verlag erfahre ich, einer Dystopie. Neal Shustermans „Scythe“. Genial schönes Cover wie in Bronze gegossen. Band 2 wird silbern und Band 3 dann golden. Da werde ich mir doch mal erlesen, wie es ist, wenn die Menschheit nicht mehr sterben kann. Winter ist bei mir ja Fantasy Zeit …

Juhu – einen neuen von Fredrik Backman gibt es auch am 26.10.21017. „Die kleine Stadt der großen Träume“ muss unbedingt von mir entdeckt werden. Ich liebe seine Romane „Oma läßt grüßen“ und seine „Britt-Marie“. 

Am Sonntag wird hier Kreisch-Alarm sein, erzählt meine Bekannte. Kerstin Gier wird dann ihr wunderschön gestaltetes neues Buch auf der Messe signieren, „Wolkenschloss“. Hut ab – ich bewundere sie, wie sie ihre jungen Fans an’s Lesen bringt. In ihrer neuen Geschichte geht es um einen magischen Ort in den Wolken und um eine Heldin, die ein bischen zu neugierig ist. Na, Kopf in den Wolken, das paßt doch hervorragend zu mir …

Vielen Dank, an S. Fischer, lieben Dank Bettina für Deine Zeit, – Du hast was gut bei mir!

Hier wird aber wirklich mit allen Waffen gekämpft, oder? Beim Rowohlt Verlag setzt man auf Kontraste. Aber auf einen der eindeutig Laune macht. Ein neu interpretierter Till Eulenspiegel trifft auf Robbie Williams. Daniel Kehlmanns „Tyll“ liegt auf meinem Lesestapel schon ganz oben. Im Text weiter unten erfahrt ihr mehr, von seinem Interview auf dem „Bauen Sofa“.

Das Display, das auf das neue Buch „Reveal – Enthüllungen“ von Robbie Williams aufmerksam macht, nimmt dieses Wortspiel schon mal ernst. Bereits „entblättert“ meint Robbie hier: – Lies mich. Mhmm – mal sehen, ich werd wohl erst mal beim „Tyll“ bleiben 😉. Vielleicht mit etwas Hintergrund-Musik vom guten Robbie …

Was? Von Carmen Korn gibt es jetzt schon drei Bände? Ich erinnere mich noch dran, als sei es gestern gewesen, dass ich „Töchter einer neuen Zeit“ auf mein Bücher-Radar genommen habe. So langsam macht mir das Angst hier, wir gehen jetzt besser. Es sei denn wir finden jemanden, der Lesezeit in Tüten abgefüllt mit anbietet!

Gehen Sie nicht über Los, sondern besser über Droemer Knaur. Hier entdecke ich noch einen lieben Bekannten beim Verlag und bleibe schon wieder hängen. Das verheißt nix gutes für meinen SUB. War ich eben noch stolz mit H. Kent und J.W. Taschler zwei Droemer Titel „abgebaut“ zu haben,  da kommt mir doch hier ein Thriller unter, den ich nun wirklich nicht ignorieren kann. „Kreuzschnitt“ von dem Norweger Oisten Borge wird mir empfohlen. Er verbindet zweier meiner Sehnsuchts-Reiseländer miteinander – Norwegen und Südfrankreich. Na dann – der Winter wird sicher lang, da kann ich doch noch viel lesen … Danke, liebes Knaur-Team, für diese Idee.

Erwischt! Bei C.H. Beck – bleibe ich an dieser Fahne auf dem Weg nach draußen dann doch noch hängen. Eigentlich muss ich dringend an die frische Luft. Die Menschenmenge ist dichter geworden, der Sauerstoff wird knapp und die Temperatur steigt.

Jose Eduardo Agualusa – Eine allgemeine Theorie des Vergessens. Nach einer wahren Geschichte. Am Vorabend der angolanischen Revolution erschießt Ludovica einen Einbrecher in Notwehr, begräbt ihn auf der Dachterasse und läßt sich anschließend für 30 Jahre in ihrer Wohnung einmauern. Unglaublich, oder?

Zwei Autoren-Interviews hatte ich heute, am 12.10., auf meiner Merkliste des „Blauen Sofas“. Leider hat es für einen Live-Besuch auf der Messe für mich nicht mehr gereicht. Zum Glück wird jetzt beim ZDF auch „gestreamt“ und ich konnte es mir so noch anschauen.

Auf unterschiedliche Weise haben diese beiden Autoren von sich reden gemacht. Da haben wir einmal Mariana Leky, die mit ihrem „Was man von hier aus sehen kann“ einen überwältigenden Erfolg gelandet hat. Sie plaudert entspannt davon, dass sie sich alle ihre Figuren ausgedacht hat, die Struktur des Dörfchens im Westerwald aber eine bestehende sei. Ganz souverän geht sie mit Kitsch-Vorwürfen um, die ihr in einigen Buchbesprechungen vorgeworfen werden, indem sie dem Begriff „Kitsch“ mit der Moderatorin gemeinsam nachspürt. Sie erzählt, sie habe sich über einen Freund viel mit dem Buddhismus beschäftigt, sie selbst habe es überhaupt nicht so mit der Gelassenheit, sei deshalb so von ihr fasziniert. Da verstehe ich doch gleich noch besser, warum mir ihr Roman so ausgenommen gut gefallen hat 😉

(Quelle Foto: ZDFDas blaue Sofa)

„Uups, Sie haben es ja doch wieder getan“. Sagt der Moderator zu Daniel Kehlmann. Nach „Der Vermessung der Welt“ habe er doch keinen historischen Roman mehr schreiben wollen. Am 11.10.17 ist sein „Tyll“ bei Rowohlt erschienen. Damit quasi noch druckfrisch. Kehlmann erzählt, er habe sich hier von Shakespeare inspirieren lassen. Historisch nicht ganz korrekt habe er den Till Eulenspiegel, auf der Suche nach einer Leitfigur für seinen Roman, in die Zeit des dreißigjährigen Krieges verlegt. Shakespeare meets Till Eulenspiegel – ich freue mich drauf!

Bye, Bye Frankfurt – ich muss jetzt dann doch gehen, oder besser schleichen, denn mir tun trotz Einlagen und bestem Schuhwerk die Füße weh.

Die Begeisterung für das Buch, das Lesen, das Büchermachen scheint mir ungebrochen. Die Leidenschaft derer die Geschichten erfinden, erfassen, erzählen und bestaunen ebenfalls. Die Stimmung hier ist einzigartig, optimistisch. So viele lächelnde Geschichter, soviel Begeisterung. Ich war erstaunt von dem Andrang an diesem Messe-Donnerstag und bin gespannt später zu erfahren wie zahlreich die Besucher dieses Jahr waren. Jeder erlebt diese Messe anders, entdeckt unterschiedliches, kann sich nur einen Bruchteil des Angebotes erschließen egal wieviel Zeit er oder sie dafür einplant. Sie ist ein Kaleidoskop und Kompaß in der Bücherwelt, ein Abenteuer, ein Marathon. Große Preisträger (Margaret Atwood – Friedenspreis des Dt. Buchhandels 2017, Robert Menasse – Dt. Buchpreis 2017, Kazuo Ishiguro – Literatur-Nobelpreis 2017) feiert sie ebenso wie Start-Ups. Ja, und Lesen darf eindeutig Spaß machen. Ist in seiner Ausprägung immer eine Bereicherung für unser Leben. Literatur muss nicht sperrig sein, man darf kann und sollte seine Hemmungen davor ablegen. Sich vorwagen …

Unser Auto haben wir dann auch wieder gefunden, warum aber musste unsere Parkkarte an der Schranke versagen? Meine Theorie: Wahrscheinlich zeichnet hier jeder Parkschein auf, wieviel Kilometer sein Inhaber Tag schon auf dem Zähler hat, bei mir waren das wohl an diesem Tag noch nicht genug. Also, kein Rufknopf, kein Telefon – der weite Weg führte mich zurück zum Schalter. Dumm war, dass ich das Treppenhaus abwärts nicht wieder fand und so noch ein paar Extrarunden drehen musste. Wenn der Bauer in die Stadt kommt, denke ich so – da sehe ich auf dem Rückweg ein Paar, das mir schon auf meinem Hinweg aufgefallen war. Die beiden suchten jetzt seit 20 Minuten ihr Auto – wie gut das ich mein Foto habe … Ach, ja, beim zweiten Anlauf sind auch wir aus dem Parkhaus raus und wieder gut zu Hause angekommen.

Jetzt überlege ich an einem Lese-Sabbat-Jahr – übernimmt hier nicht die Krankenkasse auch die Kosten 😉?

The End.

 

… los geht’s zur Frankfurter Buchmesse

Petra freut sich wie Bolle! Zum ersten Mal ist Petras Bücher-Apotheke auf der Frankfurter Buchmesse unterwegs.

Voller Vorfreude auf interessante Begegnungen, stelle ich mir gerade ein kleines Programm zusammen. Meine Zeit auf der Messe mit nur einem Tag ist leider begrenzt, da gilt es Schwerpunkte zu setzen. 

Auf jeden Fall möchte ich dem Gastland Frankreich einen Besuch abstatten. Verlagspartner besuchen, die mich insbesondere während der Startphase meines Blogs unterstützt haben. Dort alte Bekannte treffen, neue Bekanntschaften machen. Dem ein oder anderen Autor über den Weg laufen, vielleicht eine Signatur erbitten?

Hoffentlich mit einem Koffer voller Lese-Ideen zurück kommen, aufgekratzt und wortschwanger … Euch berichten was ich erlebt habe. Bis die Tage also!

Eure Petra!

P.S. Solltet Ihr mich erkennen – Bitte! gebt Euch zu erkennen 😉

Inhaltsverzeichnis A – Z …

… für einen Schaufenster-Bummel … 

Auflistung in alphabetischer Reihenfolge nach Autor. Ein Klick auf den unterstrichenen Text führt Euch direkt in den Beitrag. 

Viel Spaß beim Stöbern und Entdecken …

A

  • Augstein, Jakob         Die Tage des Gärtners
  • Axat, Federico         Mysterium

B

  • Backman, Fredrik     Britt-Marie war hier
  • BickelGabriele        Geschenke aus meinem                                     Kräutergarten
  • Bogdan, Isabel      Der Pfau
  • Boyle, T. C.                Wassermusik

C

  • Catton, Eleanor    Die Gestirne
  • Clarke, Lucy          Das Haus das in den                                          Wellen verschwand
  • Cotterill, Colin      Dr. Siri und seine Toten

D

  • de Fombelle, T.      Die wundersamen Koffer                                   des Monsieur Perle
  • Delacourt, Gr.       Alle meine Wünsche
  • Didierlaurent, J.-P.    Die Sehnsucht des                                              Vorlesers

E

F

  • Falk, Rita                 Hannes
  • Fel, Jérémy               Die Wölfe kommen
  • Frank, Arno              So, jetzt kommst du
  • Franzobel              Das Floss der Medusa
  • Fritsch, Valerie     Winters Garten

G

  • George, Nina         Das Lavendelzimmer
  • Gomez-Jurado, J.   Zerrissen

H

  • Haig, Matt              Ich und die Menschen
  • Hansen, Dörte      Altes Land
  • Harari, N.Yuval       Eine kurze Geschichte                                        der Menschheit
  • Harper, Jane         The Dry
  • Harris, Robert      Konklave
  • Heitz, Markus

                            Teufels Gebetbuch

                                Kinder des Judas

                                Wedora (1)-Staub und Blut

                                Wedora (2)-Schatten und Tod

      • Hill, Nathan         Geister
      • Hoeg, Peter             Frl. Smillas Gespür …

      I

      J

      • Jäger, Gerhard    Der Schnee, das Feuer, die                                 Schuld u.d. Tod
      • Jaud Tommy,       Hummeldumm

      K

      • Kaiser, Vea             Makarionissi
      • Kent, Hannah Wo drei Flüsse sich kreuzen
      • Keppler, Lars     Der Sandmann
      • King, Lily             Euphoria
      • Kidd, Jess             Der Freund der Toten

      L

      • Lambert, K.          Und jetzt lass uns                                               tanzen
      • Lee, Harper          Gehe hin, stelle einen                                         Wächter
      • Leky, Mariana       Was man von hier aus                                       sehen kann
      • Lewycka, M.         Kurze Geschichte d.                                           Traktors auf ukrainisch
      • Lunde, Maja         Die Geschichte der Bienen

      M

      • Madeja, M.       Das kleine Buch vom Gehirn
      • Mercier, Pascal    Nachtzug nach Lissabon
      • Morell, David       Der Opiummörder
      • Mosse, Kate          Der Kreis der Rabenvögel 

      N

      O

                                           Selfies

      P

      • Picoult, Jodi         Die Spuren meiner Mutter

      S

        • Seethaler, R.         Ein ganzes Leben
        • Shafak, Elif           Der Architekt des Sultans
        • Speck, Daniel        Bella Germania
        • Swann, Leonie      Gray

        T

        • Tan, Amy                Der Geist der Mdm. Chen

        U

        V

        W

        • Winterberg, Liz   Vom anderen Ende …
        • Wohlleben, P.        Vom geheimen Leben                                         der Bäume

        X

        Y

        • Yovanoff, B.          Schweigt still die Nacht

        Z

        • Zeh, Juli                 Unterleuten
        • Zeitreise durch mein Bücherregal – Lieblingsautoren deutschsprachig

        Kleine Zeitreise durch mein Bücherregal

        „And the winner is …“ Wie ein Mitglied der Oscar Jury fühlte ich mich, als ich mein Bücherregal durchgekämmt habe, um die zehn Bücher deutschsprachiger Autoren, die mich in meinem Leseleben bislang am nachhaltigsten beeindruckt haben auszusuchen. 

        Nein, auf die Idee eine solche Schnitzeljagd zu veranstalten bin ich nicht selbst gekommen. Ich bin dem Aufruf der „Bookaholics Deutschland“ bei Facebook gefolgt und freue mich riesig als Gruppen-Neuling bei dieser Aktion dabei sein zu dürfen!

        Es herrschte ein wahres Schubsen und Drängeln, es wurde bewertet, abgewogen und diskutiert. Manche Protagonisten können da wirklich sehr überzeugend argumentieren 😉… Bei einigen Titeln ist es mir ganz leicht gefallen, sie auf meine Top Ten Liste zu nehmen, im Gegenteil, es stand nie in Frage. Andere habe ich schweren Herzens zurück gelassen, sie mussten ihren Platz auf der Liste dann doch am Ende an einen anderen abgeben. Ich entschuldige mich ausdrücklich und exemplarisch bei Sophie Scholl (Die weiße Rose), Hans Bemmann (Stein und Flöte) und bei Ralf Isau (Der silberne Sinn). Meine Auflistung ist also kein Ranking, sondern vielmehr eine kleine Zeitreise durch mein „Leseerleben“ geworden.

        „And the Oscar goes to …“ 

        „Einsteigen und Türen schließen, der Lummerland-Express fährt in Kürze ab!“

        (10) Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer

        Meine erste Bücherliebe ist klein, schwarz und hat einen Knopf am Hosenboden. Michael Ende berühmt und bekannt für seine unendliche Geschichte. Bei mir sind aber irgendwie seine Geschichten um Jim Knopf mehr hängengeblieben. Geliebt habe ich auch die Inszenzierung der Augsburger Puppenkiste. So sehr, dass ich mir im Urlaub vor ein paar Jahren in Augsburg „in der Kiste“ sogar eine Jim-Knopf-Marionette gekauft habe. Sie hängt jetzt an meinem Bücherregal und es ist nicht zu leugnen, Jim Knopf hat definitiv meine Leidenschaft für Abenteuergeschichten geweckt! Und darum geht es: Jim landet als Baby per Paketzustellung auf Lummerland. Eigentlich ein Versehen, die Adresse war nicht eindeutig und klar auf dem Paket. Frau Waas die Herrin des Krämerladens nimmt ihn auf und zieht ihn groß. Als Junge neugierig, reißt er sich immer wieder die Hose am Hinterteil auf. Seine erfinderische Ziehmutter säumt kurzerhand das Loch und näht ihm einen Knopf dran. Markenzeichen und gleichzeitig Nachname sind geboren …

        Aus meiner Schulzeit 1982: 

        (9) Die verlorene Ehre der Katharina Blum (Heinrich Böll)

        Diese Geschichte hat meinen Blick auf die Freiheit der Presse für immer verändert. Heute noch, wenn ich an der Schlagzeile einer Bild-Zeitung vorbei gehe, denke ich automatisch an K. Blum. Pflichtlektüre damals in meiner Schule, die komplette Oberstufe ging sogar damals ins Kino um sich die Verfilmung anzuschauen. Beängstigend sich zu erlesen, wie schnell und nachhaltig eine Schlagzeile ein Menschenleben zerstören kann. Bedenkt man die vielfältigen Möglichkeiten der heutigen medialen Welt, Fake-News & Co., finde ich diese Geschichte darf gerne wieder in den Schulen gelesen werden. Und darum geht es: Katharina Blum lernt 1974 zu RAF Zeiten auf einer Feier einen Mann namens Götten kennen und verbringt die Nacht mit ihm. Was sie nicht weiß, Götten steht im Verdacht einen Banküberfall und einen Mord begangen zu haben und wird von der Polizei überwacht. Man will seine Kontaktpersonen ermitteln. Als die Beamten am Morgen nach dieser Nacht die Wohnung der Blum stürmen, ist dies der Beginn ihres eigenen Albtraums. Die Berichterstattung speziell eines Boulevard Blattes im Roman nur „Die Zeitung“ genannt treibt sie soweit, dass sie am Ende den verantwortlichen Reporter erschießt.

        Ende der Achtziger:

        (8) Das Parfüm (Patrick Süsskind)

        Die Geschichte eines Mörders – oh ja! Wenn mir ein Thriller im Gedächtnis geblieben ist, dann dieser hier. Diese düstere Stimmung, diese Authentizität. Lange war ich der Meinung der Mörder im Roman sei eben so real wie „Jack the Ripper“. Fast nebenbei lernt man eine ganze Menge über Parfüm, Herstellungsverfahren und ja, für einen guten Duft habe ich eine Schwäche. Ein Laster muß man ja haben, schließlich rauche ich nicht ;-). Also, kurz gesagt auf meiner eigenen Longlist der gelesenen Spannungstitel belegt dieser hier noch immer einen der Spitzenplätze. Worum geht es? Jean-Baptiste Grenouille, ein Mensch ohne Eigengeruch und mit einer ganz besonderen Gabe, einem extrem gut ausgebildeten Geruchssinn, ist besessen von der Idee ein ganz besonderes Parfüm zu erschaffen. Nach einer Gerber Lehre beginnt er erneut eine Ausbildung, geht von Paris nach Grasse, ins Mekka der Parfümeure, um dort alles über Düfte deren Zusammensetzung und über Destillationsverfahren zu lernen. Für seinen Duft geht er dann noch einen Schritt weiter, sein erster Mord geschieht dabei fast aus Versehen …

        Irgendwann in den Neunzigern:

        (7) Der Nachtzug nach Lissabon (Pascal Mercier)

        Dieser Roman steht für mich immer noch für den Willen zur Veränderung, für den Mut alles über Bord zu werfen und von vorne zu beginnen. Wen überfällt nicht ab und an dieser Wunsch? Als ich dieses Buch damals gelesen habe, hatte ich gerade nochmal eine Ausbildung angefangen, und auch beruflich einen Neustart gewagt. Bin in den Nachtzug gestiegen und Hals über Kopf mit dem Lehrer Raimund Gregorius aufgebrochen nach Lissabon. Ihn hatte das Gefühl aufgeschreckt, wie schnell doch seine Lebenszeit verrinnt und ein alter Roman eines portugiesischen Autors, den er unlängst in einem Antiquariat entdeckt hat, riefen ihn zu einer Spurensuche. Was eine schöne und geheimnisvolle Portugiesin und eine zerbrochene Brille im weiteren Verlauf der Geschichte mit ihm anrichten, lest ihr am Besten selbst … Seufz, sehr schön ..

        2013

        (6) Hannes (Rita Falk)

        Wie schwer es fallen kann jemanden los zu lassen und wie unvermeidlich es doch oft ist. Wie damit umgehen, wie schafft man es dann doch das Licht am Ende eines Tunnels zu sehen? Falk hat eine meiner Lieblings-Regional-Krimi-Reihen geschrieben. Die Franz-Eberhofer-Krimis. Das sie auch ganz anders kann hat sie mir mit diesem Roman mehr als bewiesen. Ich liebe ihre Sprache, sie kann in Hochdeutsch so schreiben, das man es im Kopf bayrisch hört. Wie das geht, keine Ahnung, aber es funktioniert wunderbar. Lebensklug, warmherzig, bittersüß – für mich ein echtes „Must-Read“ ist ihr „Hannes“. 

        Und darum geht es: Hannes und Uli – zwei Freunde wie Pech und Schwefel seit Kindertagen und ein Motorrad-Ausflug zuviel. Uli kann seinen Freund nachdem fatalen Sturz nur noch blutend aus dem Rinnstein auflesen. Hannes hat das Bewußtsein verloren. Uli, der es gewohnt ist, jede auch noch so belanglose Kleinigkeit mit seinem Freund zu teilen fängt an ihm Briefe zu schreiben, damit er, wenn Uli denn aus dem Koma wieder aufwacht, auch ja nix vergessen hat. Und Uli hat viel zu erzählen, die Erlebnisse am Krankenbett, mit Freunden die diese Vokabel nicht verdienen, sein neuer Job und seine Sorgen um Hannes … Ok, vielleicht bin ich auch ein bischen nah am Wasser gebaut, aber keine Geschichte hat mich mehr Tränen gekostet als diese hier, für mich kommt sie mitten aus dem Herzen.

        2016

        (5) Ein ganzes Leben (Robert Seethaler)

        Sich selbst genug sein, in sich zu ruhen und bedingungslos lieben zu können. Was mich hier mit Abstand am meisten beeindruckt hat, ist wie man auf so wenigen Buchseiten soviel unterbringen kann. Mir fällt es immer schwer mich kurz zu fassen, deshalb habe ich hiervor einen großen Respekt. Die Hauptfigur im Roman Andreas Egger, seine Ergebenheit Umständen gegenüber, die er nicht verändern kann. Seine Genügsamkeit und Zufriedenheit mit der Einfachheit seines Lebens. Die Geschichte ist pur und, ach ich weiß nicht – Hut ab davor!
        2017

        (4) Winters Garten (Valerie Fritsch)

        Dieses Buch ist meine Schokolade. Wie dunkle, herb süße Pralines zerschmelzen die kleinen Satzkunstwerke auf der Zunge. An nur einem einzigen Satz bin ich hängen geblieben und er hat sofort einen Nerv bei mir getroffen. Sicher kein Buch für nebenbei und zwischendurch. Einlassen muss man sich und dann Satz für Satz genießen. Wie bei einer guten Tafel Schokolade, die man auch stückchenweise ißt. Langsam Kapitel für Kapitel, die letzte Seite muß ja noch schnell genug umgeblättert werden. Dieser kleine, feine Roman hat einen wahren Erinnerungs-Sturm in mir ausgelöst. Gelesen habe ich ihn einige Wochen nachdem mein Vater gestorben war und ich bin dankbar für diese wunderbare Leseerfahrung. Beweist das doch einmal mehr, wie tief Geschichten gehen können. 

        Valerie Fritsch erzählt vom Garten der Winters und hat in mir damit den Garten meiner Großeltern wieder herauf beschworen. Sie erzählt von Vergänglichkeit und Tod als Teil des Lebens. Von Kindheit und Entfremdung und von einer großen Liebe. Eine leicht surreal anmutende Geschichte, die idyllisch beginnt und in eine Weltuntergangs-Stimmung mündet.

        (3) Der Schnee, das Feuer, die Schuld und der Tod (Gerhard Jäger)

        Schubladendenken. Wie schnell man doch mit einem Urteil über einen anderen bei der Hand ist. Erschreckend in der Konsequenz für den anderen und auch für sich selbst. Gepaart wird diese Erkenntnis hier im Roman mit einer der schlimmsten Naturkatastrophen im Alpenraum. Diese Geschichte hat mich buchstäblich mitgerissen wie eine Lawine. Ihrem Sog konnte ich mich bis zur letzten Seite nicht entziehen. Ein Roman ohne Längen, grausam und schön zugleich.

        Er erzählt die Geschichte eines jungen Roman Autors, der sich in einem einsamen Alpendorf unter die Bewohner mischt um über deren Leben und über ein Geheimnis das alle verbindet zu schreiben. Vor vielen Jahren wurde eine junge Frau hier als Hexe geächtet und man ließ sie bei lebendigem Leib in ihrem Haus verbrennen. Eine Wand aus Schweigen erwartet unseren Autor und er geht eine Verbindung ein, die schicksalhafter nicht sein könnte …

        (2) Das geheime Leben der Bäume (Peter Wohlleben)

        Als Kind wollte ich Försterin werden. Ich war halt eher keine Elfe von Gestalt und Ballerina wäre ohnehin nicht in Frage gekommen, nein – angesteckt mit dem Waldvirus hat mich mein Opa Wilhelm. Da bin ich mir heute, vierzig Jahre später sicher. Er war Waldarbeiter, so nannte man das damals und hat mich immer mit in den Wald genommen, zum Beeren sammeln, Pilze bestimmen oder einfach nur so.

        Peter Wohleben hat mir in seinem Sachbuch im wahrsten Sinne des Wortes die Welt neu erklärt, nämlich die Welt der Bäume. Vom „Wood-Wide-Web“ habe ich hier zum ersten Mal gehört, im Wald habe ich mich immer schon besonders geerdet gefühlt, warum habe ich aber erst jetzt verstanden. Was hier im Waldboden los ist, ist absolut faszinierend. Kaum vorstellbar, das eine Buche im Laufe ihres Lebens Millionen Früchte hervorbringt, aber davon nur ein einziges Bäumchen überlebt. Bäume haben kein Gedächtnis, oh doch. Bäume haben schließlich kein Gehirn, aber ja! Wer jetzt denkt, Wohlleben sei Esoteriker, weit gefehlt. Er ist Förster und zwar in der Eifel, in einer kleinen Gemeinde. Er war lange Zeit Staatsbeamter im Forst, hat dann aber gekündigt um sein Ding zu machen, weil er mit der erwerbsmäßigen Holzwirtschaft so nicht mehr einverstanden war. Heute erklärt er live in seinem „Wald“ wie es funktioniert. Dieses Buch hat mich und meine Sicht auf Bäume grundlegend verändert. Absolut und uneingeschränkt.

        Juni 2017

        (1) So, und jetzt kommst du (Arno Frank)

        Langsam rollt er aus, der Lummerland Express und wir sind in unserer Ziel-Zeitzone angekommen … Dieser Leseeindruck ist bei mir noch ganz frisch und eigentlich stand ein anderer Titel ursprünglich an dieser Stelle. Dann aber hat dieser hier buchstäblich den Blinker gesetzt und ist auf die Überholspur ausgeschert. Am Pfingstmontag war es, da habe ich die letzte Seite dieses Romans umgeblättert und mußte mich erst mal sammeln. Wenn ich jetzt beschreiben soll, was mich daran am meisten beeindruckt hat, kann ich das erstmal garnicht. Diese Geschichte hat mich mit voller Wucht getroffen! Eigentlich mag ich keine Ich-Erzähler, und ich mag keine Road-Mowies.  Das hier ist beides und es hat mir gefallen! Das ist für mich Leseerlebnis pur! Darum geht es: Arno Frank erzählt die Geschichte seiner Kindheit, als Sohn eines Hochstaplers. Beeindruckend wie er erzählt ohne zu bewerten, sprachlich hervorragend, mit einer Sachlichkeit, die dadurch verstärkt wird, das es die Augen eines Kindes sind, durch die wir die Ereignisse sehen, seine Augen als Junge. Dabei ist er nie nüchtern, sondern sehr berührend. Die Balance zwischen Tragik und Komik ist unglaublich, da blinzelt man wirklich lachend die Tränen weg … Die Geschichte einer Familie, seiner Familie auf der Flucht quer durch Europa, von Kaiserslautern über Südfrankreich, Lissabon, Paris und München. Unfassbar, unfassbar gut … 

        So, und was kommt jetzt? Ich hasse Abschiede auf Bahnsteigen, daher machen wir es besser kurz, bevor ich das Heulen kriege. Danke, dass Ihr dabei wahrt auf meiner kleinen Zeitreise, vielleicht habt Ihr alte Bekannte getroffen, vielleicht konntet Ihr neue Freunde finden und wer weiß, wo wir uns wiedersehen … 😉

        Bella Germania (Daniel Speck)

        Sonntag, 07.05.2017

        Das deutsche Wirtschaftswunder. Eine Italienreise mit der ganzen Familie. Nicht mehr mit dem Bus fahren, sondern mit dem eigenen Auto. Endlose Autoschlangen zockelten über den Brenner, VW Käfer und die Isetta unter ihnen. Italien wurde Sehnssuchtsland. Endlich konnte man sich etwas leisten! Sonne und la dolce vita!

        Das unvergessene Unikum Heinz Ehrhardt, und sein Film von 1961 „Mein Mann, das Wirtschaftswunder“. Die Deutschen träumten sich in eine bessere Zeit und stürmten die Kinos, sie sahen „Ein Herz und eine Krone“ mit Audrey Hepurn. Man machte Fernseh-Werbung, mit dem „HB Männchen“, und auch „4711 war immer dabei“ 😉

        Pst, ich darf meine Gedanken hierzu gar nicht laut aussprechen, tue ich es doch, stimmt mein Mann sofort die „Capri Fischer“ von Rudi Schuricke an: Bella, Bella, Bella Marie … Alternativ singt er alles was ihm von Rene Carol einfällt, da wird er direkt nostalgisch …

        Am 19. April 1951 eröffnete Bundespräsident Theodor Heuss die erste IAA in Frankfurt am Main. Er selbst konnte gar nicht Auto fahren und die meisten Besucher konnten sich noch keinen eigenen Kleinwagen leisten. Wie kein anderer Industriezweig aber beginnt die Automobilfertigung in Deutschland zu brummen. Bis zur IAA 1955 hatte sich die Produktion bereits verdreifacht, in diesem Jahr stellte BMW erstmals seine/ihre Isetta vor. Bis 1961 verzeichnete man eine Steigerung von in Deutschland gefertigten Automobilen um das Fünffache. 14 Millionen Gastarbeiter kamen u.a. deswegen von 1955 bis zum Anwerbestopp 1973 nach Deutschland. Davon gingen 11 Millionen wieder zurück in ihre Heimatländer. Das erste Anwerbeabkommen schloß Deutschland am 20.12.1955 mit Italien. 1964 wurde der Millionste Gastarbeiter Armando Rodriguez aus Portugal vom deutschen Innenminister persönlich begrüßt und bekam als Geschenk – ein Moped!

        Den wenigsten seiner Mitstreiter erging es so wie ihm. Die meisten wurden in Barracken unweit ihrer Arbeitgeber untergebracht, zusammen gepfercht, man ging ja nur von einem vorübergehenden Aufenthalt aus …

        Bella Germania (Daniel Speck)

        Gastarbeiter – mit diesem Wort kann etwas nicht stimmen, findet zumindest Giovanni. Gäste läßt man doch nicht arbeiten? Zumindest hält man einen Gast in Ehren dort wo er herkommt. Viel Deutsch kann er ja nicht, da erklärt ihm der Mann mit dem Megaphon das Wort halt mithilfe eines Wörterbuches so: Er sei Gast in diesem Land, so lange er Arbeit habe. Auf diesem Bahnsteig in München im dichten Gedränge, eingeklemmt zwischen zig seiner Landsleute, legt sich sein Überschwang und ihm kommen erste Zweifel. Hat er die richtige Entscheidung getroffen? In seinem leichten Anzug, ohne Mantel, friert ihn. Auch der Empfang der deutschen Beamten ist nicht gerade herzlich. Giovanni versteht von dem Gesprochenen wenig, aber hinter dem Tonfall kann sich nichts gutes verbergen … 

        Die Herren des Vorstands von BMW staunten 1954 auf der Automesse in Turin nicht schlecht, als sie erstmals diese Kreuzung aus Motorroller und Auto der Firma Iso sahen. Genau so einen kleinen Flitzer brauchten sie um ihre Firma vor dem drohenden Konkurs zu bewahren. Einen solchen Kleinwagen würde sich auch die Masse der Deutschen leisten können, wenn man ihn denn nachbauen könnte …

        Das Vincent Schelwitz mit nur fünfzehn Jahren bei BMW in München eine Arbeit fand war für ihn ein Glücksfall. Er war zu Kriegsende mit Mutter und Schwester aus Schlesien geflohen und als einziger der Familie lebend in Deutschland angekommen. Sein Vater war da schon in Russland gefallen. Dieser junge Mann sollte auch für BMW zum Glücksfall werden, denn ihn schickte man nach Mailand. Mit einer alten Wehrmachtsmachine starte er von München aus. Tuckerte an zahlreichen liegengebliebenen Autos vorbei über den Brenner ins gelobte Land – Italien! Als er am Gardasee von seiner Maschine abstieg und die müden Glieder streckte fiel ihm dieses Licht auf! Die milde Luft und der Duft der hier in der Luft lag war ihm fremd und er erinnerte sich an das Gedicht von Goethe, dass er in der Schule gelernt hatte. „Kennst Du das Land, wo die Zitronen blühn…“.  

        Es wunderte die Ingenieure von Iso schon, dass eine so bedeutende deutsche Firma einen noch so jungen Mann geschickt hatte. Auch ihr Chef Renzo Rivolta staunte, aber gut, zu wichtig war für seine Firma der Lizensvertrag mit den Deutschen. Die praktische aber eben nicht schöne Isetta verkaufte sich in Italien nicht gut. Vincent jedoch vermochte die Führungsriege von Iso schon bald, wenn auch eher unfreiwillig humorvoll zu überzeugen. So lud der padrone Rivolta den Fremden auch alsbald zum Essen in seine Villa ein. Vincent war sich sicher, er hatte sich noch nie so schnell zu Hause gefühlt. Die ihm zugeteilte Dolmetscherin Guilietta trug dazu einen nicht unerheblichen Teil bei ….

        Daniel Speck ist erfolgreicher Drehbuchautor, u.a. schrieb er das Drehbuch für die Verfilmung des Jan Weiler Romans „Maria, ihm schmeckt’s nicht“.

        Auf zwei Zeitebenen erzählt er seine Geschichte Bella Germania im Rückblick von 2014 auf diese für Deutschland so prägende Zeit. Er stattet seine Figuren mit viel Herz aus und läßt seine Leser von Beginn an eng bei ihnen sein. Nachvollziehbar die Schicksale, bewegend zu erlesen was eine große Liebe vermag. 

        Sein Roman ist für mich wie geschaffen für einen Fernseh-Mehrteiler mit prominenter Besetzung. Süffig, leichtfüssig, humorvoll und sehr unterhaltsam kommt er daher. Garniert mit zeitgeschichtlichen Details und einem durchaus offenen Blick für die Situation der Gastarbeiter in der deutschen Wirtschaftswunder-Zeit und aktueller denn je. Die Widmung die gleich ganz vorne in seinem Roman steht, gefällt mir besonders, ich darf Herrn Speck mal zitieren: „Für alle, die ihre Heimat verließen und ihre Geschichten mitnahmen“.