Frühlingsnacht (Hermann Hesse)

So! Der Termin mit dem Gärtner ist gemacht. Ungeduldig trippele ich hinter der Fensterscheibe auf und ab, beobachte das Wetter, hoffe darauf, dass Frau Holle endlich mit dem Kissen-Schütteln durch ist. Der kalendarische Frühlingsbeginn wurde hier, bei uns zu Hause, in diesem Jahr mit acht Zentimetern Neuschnee gefeiert und mit Temperaturen weit unter Null Grad. Eisregen und widrige Straßenverhältnisse rundeten die Feierlichkeiten ab.

Was soll ich sagen, frühlingshaft fühlt sich anders an. Für das kommende Wochenende wollen uns die Wettergötter wieder starke Nachtfröste schicken. Tröstlich ist da nur die heute sternenklare Nacht da draußen und die Aussicht auf vielleicht ein klitzekleines Nordlicht in unseren Breiten. Gerade sei wohl ein Sonnensturm am Toben.

Das und die Erinnerung an meine Kindertage, als ich oft zu Ostern das erste Mal im Jahr Kniestrümpfe getragen hab, bewahre ich mir als Hoffnungsschimmer.

In dieser Woche hilft sonst wohl erstmal nur, sich einen Strauß Tulpen gönnen, von sonnigeren Tagen träumen und sich an schönen Worten wärmen …

Frühlingsnacht (aus Hermann Hesse, die Gedichte, Insel-TB. S.228

  • Im Kastanienbaum der Wind
  • reckt verschlafen sein Gefieder,
  • an den spitzen Dächern rinnt
  • Dämmerung und Mondschein nieder.

.

  • Alle Brunnen rauschen kühl
  • vor sich hin verworrene Sagen,
  • Zehnuhrglocken im Gestühl
  • rüsten feierlich zum Schlagen.

.

  • In den Gärten unbelauscht
  • schlummern mondbeglänzte Bäume,
  • durch die runden Kronen rauscht
  • tief das Atmen schöner Träume.

.

  • Zögernd leg ich aus der Hand
  • meine warmgespielte Geige,
  • staune weit ins blaue Land,
  • träume, sehne mich und schweige.

.
Bleibt wachsam, haltet mit mir Ausschau nach dem Nordlicht und den ersten Blüten.

Eure Petra

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Winter im Tessin (Hermann Hesse)

Noch ducken sie sich im Garten, sind ihre Köpfe teils verborgen unter kleinen Erdhäuflein oder Schneehauben, nur unsere Zaubernuß strahlt schon seit Wochen hellgelb über den Schneewehen im hinteren Teil des Gartens, verkürzt mir so die Wartezeit auf den Frühling.

Ich liege auf der Lauer, beobachte die Ecken, wo ich im vergangenen Jahr neue Zwiebeln vergraben habe. Werden Sie es schaffen? Was hatte ich nochmal genau wohin gelegt? Jedes Mal nehme ich mir vor, beim nächsten Auspflanzen Schildchen zu stecken. Aber dann, wäre sie ja dahin, die Überraschung, und ich könnte mir nicht mehr ab Mitte Februar erwartungsfroh die Nase an der Scheibe plattdrücken, während mir unser Kamin im Wohnzimer den Rücken wärmt …

1920 schrieb „Ihr wisst schon wer“, diese Zeilen und sie passen so schön zu meiner Sehnsucht nach dem nahen Frühling:

Winter im Tessin

(Quelle: Hermann Hesse, Die Gedichte, Insel TB S. 775)

  • Seit der Wald sich ganz gelichtet,
  • wie verwandelt ist die Welt.
  • Hier geweitet, da verdichtet,
  • alles neu und blaß durchhellt!
  • Berge tragen lila Schleier,
  • glasig leuchtet ferner Schnee:
  • Alle Linien spielen freier,
  • näher, größer scheint der See.
  • Und am Südhang im Geklüfte
  • warme Sonne, lauer Wind,
  • und die Erde atmet Düfte,
  • die schon voll von Frühling sind.

Bleibt neugierig, egal worauf! Eure Petra.

Das Glück liegt in den kleinen Dingen …

… oder in einem Augenblick, so sagt man.

Man kann es jagen, finden und verlieren, genießen oder auch zerstören. Ganz gleich, was Ihr Euch für dieses Jahr vorgenommen habt, ob Ihr Glücksritter oder Glückskind seid, ich wünsche Euch einen ganz Sack voll Glück, Zufriedenheit, Liebe und Gesundheit.

Ich freue mich auf ein weiteres Jahr mit Euch, es gibt noch so viele schöne Geschichten zu entdecken. Möge auch in Ihnen eine Prise Glück für uns stecken, eine Prise Leseglück  …

Nachdem Fontane mir den guten Vorsatz für dieses Jahr geliefert hat, möchte ich mit Hermann Hesse dieses Jahr beginnen, denn er hat von Beginn an, mit seinen Versen einen festen Platz in meiner „Apotheke“:

Glück     (Hermann Hesse) ausDie Gedichte„, InselTaschenbuch, Seite 286

  • Solang du nach dem Glücke jagst,
  • Bist du nicht reif zum Glücklichsein,
  • Und wäre alles Liebste dein.
  • Solang du um Verlornes klagst
  • Und Ziele hast und rastlos bist,
  • Weißt du noch nicht, was Friede ist.
  • Erst wenn du jedem Wunsch entsagst,
  • Nicht Ziel mehr noch Begehren kennst,
  • Das Glück nicht mehr beim Namen nennst,
  • Dann reicht dir des Geschehens Flut
  • Nicht mehr ans Herz, und deine Seele ruht …

    Bleibt neugierig!

    Von Herzen, Eure Petra

    … und wieder geht ein Jahr 

    Freitag, 29.12.2017

    „Die Zeit sie rennt, wo ist bloß dieses Jahr geblieben“? Fragte mich einen Tag vor Heiligabend, bei einer Tasse Kaffee, abseits des Weihnachtstrubels ein Kollege. Je älter ich werde, desto schneller scheint sie zu vergehen. Vom guten alten Einstein gibt es hierzu wohl auch eine Theorie, wie man diesem Effekt physikalisch begegnet. Tja, Physik konnte ich noch nie …

    Zum Jahreswechsel beschäftigt einen vieles, nicht nur, wo ist die Zeit geblieben, sondern auch – was habe ich in diesem Jahr mit meiner Zeit angefangen, und vielleicht auch was will ich im nächsten Jahr verändern?

    Gute Vorsätze sind da meist schnell gefasst, mehr Zeit für mich. Weniger und gesünder essen, mehr trinken (nein, jetzt kein Alkohol ;-)), mehr Sport machen, gelassener bleiben. Klingt gut, wenn da nicht einer wäre, der Feind aller guten Vorsätze – der Alltag … 

    Bei Theodor Fontane habe ich einen Ratschlag gefunden, den ich mir für das neue Jahr trotzdem mal auf meinen Zettel geschrieben habe, schaut mal:

    Überlass es der Zeit

    • Erscheint dir etwas unerhört
    • Bist du tiefsten Herzens empört,
    • Bäume nicht auf, versuch’s nicht mit Streit
    • Berühr es nicht. Überlass es der Zeit.
    • Am ersten Tag wirst du feige dich schelten,
    • Am zweiten läßt du dein Schweigen schon gelten.
    • Am dritten hast du’s überwunden;
    • Alles ist wichtig nur auf Stunden,
    • Ärger ist Zehrer und Lebensvergifter,
    • Zeit ist Balsam und Friedensstifter

    Euch allen wünsche ich einen guten Start in’s neue Jahr. Betrinkt Euch, oder laßt es. Jubelt oder geht in Euch, macht was Ihr wollt, aber macht es! 

    Ich freue mich auf Euch im nächsten Jahr! Selbe Stelle, selbe Welle!

    Eure Petra

    Am Weihnachtsabend …

    … kommen wir zur Ruhe, oder zur Besinnung? Wir blicken nach vorne oder auch zurück. Ob im Kreise von Familie, Freunden oder alleine – dieses Fest einmal im Jahr ist immer auch eine Herausforderung. Will genossen oder gemeistert werden. Ein Stuhl bleibt in diesem Jahr an unserem Tisch erstmals leer.

    Wir werden still, nachdenklich oder wehmütig. Singen in der Kirche oder unterm Weihnachtsbaum laut und falsch. Essen viel zu viel, machen eine Schneeballschlacht oder ducken uns im Regen unter unseren Schirmen weg, freuen uns auf das was vor uns liegt. Bescherung!

    Fühlt Euch gedrückt von mir, genießt die Zeit! Denkt daran, in jeder Minute, auch in der allein verbrachten, wohnt ein Zauber, den wir nur vielleicht, eventuell, gegebenenfalls noch nicht entdeckt haben …

    Weihnachtsabend (Hermann Hesse) aus „Die Gedichte“, Insel Taschenbuch, Seite 752

    • Am dunklen Fenster stand ich lang
    • Und schaute auf die weiße Stadt
    • Und horchte auf den Glockenklang,
    • Bis nun auch er versungen hat.
    • Nun blickt die stille reine Nacht
    • Traumhaft im kühlen Winterschein,
    • vom bleichen Silbermond bewacht,
    • In meine Einsamkeit hinein.
    • Weihnacht! – Ein tiefes Heimweh schreit
    • Aus meiner Brust und denkt mit Gram
    • An jene ferne, stille Zeit,
    • Da auch für mich die Weihnacht kam.
    • Seither voll dunkler Leidenschaft
    • Lief ich auf Erden kreuz und quer
    • In ruheloser Wanderschaft
    • Nach Weisheit, Gold und Glück umher.
    • Nun rast‘ ich müde und besiegt
    • An meines letzten Weges Saum,
    • Und in der blauen Ferne liegt
    • Heimat und Jugend wie ein Traum.

    Eine Frohe Weihnacht Euch! 

    Von Herzen, Eure Petra

    Petras Bücher-Apotheken Jahresrückblick 2017

    Montag, 19.12.2017

    „Wer hat an der Uhr gedreht? Ist es wirklich schon so spät?“

    Jep, Uhren und Kalender eilen zügig und unaufhaltsam auf den Jahreswechsel zu. Zeit für mich einmal einen Bick zurück auf mein Lesejahr zu werfen.

    Was waren denn meine persönlichen Highlights in diesem Jahr? Welche Geschichten, welche Vorleser, welche Autoren hallen noch immer in mir nach und warum? Welche Texte haben mich angerührt, bewegt, durchgerüttelt, wach gehalten?

    Ich streife an meinem Regal vorbei, blättere durch meine Rezensionen. Schnell flackern da Bilder auf, mein Kopfkino rattert los, Szenen gewinnen wieder an Schärfe. Gefühle wallen in mir auf, geraten in Widerstreit …

    Ja – die Selma und die Luise! Ganz oben auf meiner Liste gelandet ist sie: 

    Mariana Leky mit ihrem „Was man von hier aus sehen kann„. Ohne Frage ein Hörbuch, das katapultartig auf meiner All-Time-Favorite Liste eingeschlagen ist, das auch wegen der wunderbaren Sandra Hüller, die diesen Text grandios eingelesen hat. Bei ihr hat sogar ein Anrufbeantworter Seele. Die Verbindung die hier das Geschriebene und das Gesprochene Wort eingehen, ist magisch. Die feinfühlig und warmherzig erzählte Geschichte von Selma, ihren Okapi-Träumen, dem Optiker, von Luise und ihrem Buddisten ist einfach nur liebenswert. Sofort wollte ich nach dem Beenden des Romans Koffer und Kisten packen und umziehen, in diese Dorfgemeinschaft am Apfelbach. Seufz!

    Bereits am Anfang des Jahres gelesen und noch immer einer der besten Thriller, die ich je in den Fingern hatte, ist „Mysterium“ von Federico Axat. Zwischen Wahn, Schein und Wirklichkeit ist man hier ganz schnell eingesponnen, wie in einen Kokon. Festgeschnallt auf einem Achterbahn-Sitz rast man mit dem Protagonisten in die Tiefe und wieder heraus, bis man nicht mehr weiß wo oben, wo unten, wo hinten und wo vorne ist. Ein Verwirrspiel der Meisterklasse!

    Noch ein Titel den ich am Jahres-Anfang 2017 gelesen habe: Gerhard Jägers „Der Schnee, das Feuer, die Schuld und der Tod“. Naturgewalt vs. Vorurteile, Mord oder Unfall? In den Lawinenwinter 1950/51 verlegt Gerhard Jäger seinen Roman gegen das Schubladendenken. Beschwört die Stimmung in dem kleinen Bergdorf, das nach dem Lawinenabgang abgeschnitten ist so anschaulich, das einem die Nasenhaare gefrieren. Tragisch, alternativlos, aussergewöhnlich erzählt, mit einem feinen Spannungsbogen. Ein Buch über den Winter für den Winter, auf das unsere Herzen nie gefrieren mögen!

    Das Floss der Medusa“ von Franzobel. Ihm hätte ICH den deutschen Buchpreis verliehen, auf die Short-List hatte er es ja schon geschafft. Ein Roman wie eine Naturgewalt, ihm ist nichts menschliches fremd, episch, grausam, historisch verbrieft und auf eine Art und Weise erzählt, die modern, unerhört, ganz anders und fraglos mitreissend ist. Reingeschnuppert in den Text, bin ich an ihm kleben geblieben wie eine Klette. Das muss man sich erst mal trauen, als Autor. Fabelhaft!

    Marion Poschmann mit ihren „Kieferninseln„. Noch ein Roman von der diesjährigen Short-List des Dt. Buchpreises. Für die einen langweilig und konstruiert, für die anderen tiefsinnig – für mich sprachlich einfach nur schön, hat sie bei mir einen Nerv getroffen. Der Anlass für den Aufbruch unseres Helden nach Japan mag vielleicht irrational, oder an den Haaren herbei gezogen sein – aber Hej – geht es uns nicht allen manchmal so? Schlüsselerlebnis, Kurschlußhandlung und Zack – haben wir einen Weg eingeschlagen, von dem wir am Ende nicht wissen, wie wir hier eigentlich gelandet sind, werden wir hier doch auf uns selbst zurück geworfen und geraten schwerst ins Grübeln. Formulierkunst at it’s best!

    TYLL“ Daniel Kehlmann – mein erster Roman von ihm und ich war total neugierig auf den einstigen Shooting-Star der deutschen Literatur-Szene. Eine vielleicht fiktive, historische Gestalt aus ihrem zeitlichen Kontext gerissen und als Leitfigur eingebettet in eine grausige, menschenvernichtende Zeit, den Dreißigjährigen Krieg. Geschrieben mit einer Sachlichkeit und mit einem Erzählstrom, der mich total angefaßt hat. Geschickt gewobene, lehrreiche, atmosphärische Zeitreise!

    Pulitzer Preis-Träger und ich, da herrscht nicht immer Einigkeit. Dieser Roman hier hat quasi auf der Zielgeraden meines Lese-Jahres einen Sprint vom Feinsten hingelegt und so noch aufgeschlossen. Colson Whiteheads „Underground Railroad“ entwickelt einen Sog, der mich am Kragen gepackt und bis zur letzten Seite nicht mehr los gelassen hat. An so mancher Stelle habe ich die Hand vor den Mund geschlagen um einen Aufschrei zu unterdrücken. Kritiker werden jetzt sagen, es habe ihnen an Details zum Netzwerk der „Railroad“ gefehlt, gut – aber war das die Intension des Romans? Ich würde sagen nein, denn was macht Geschichte für uns nahbar? Es sind doch immer die Einzelschicksale und dieses hier, von Cora, hat es echt in sich!

    Ja, dieser Roman, war dann eindeutig die Überraschung meines Lesejahres. Er hat mich auf eine wunderbare Reise tief ins Herz von Finnland geschickt. Jan Costin Wagner hat mich im besten Wortsinne mitgenommen in „Sakari lernt durch Wände zu gehen“. Ein unbeschwerter Sommer trifft auf Menschen mit Kummer und Sorgen im Gepäck. Ein Hörbuch, dass ich so schnell nicht vergessen werde, auch wegen der genialen Lesung von Matthias Brandt. Meisterhaft verbinden sich hier die poetische Sprache Wagners und die feinfühlige Art Brandts vorzulesen. So entsteht eine Symbiose, die diesen Roman für mich in den Hörbuch-Olymp erhebt. Großes Kino für die Ohren!

    Ein neues Jahr wartet und damit viele Neu- oder Wiederentdeckungen in der bunten Welt der Bücher – und: 

    Ich freue mich auch in 2018 meine Leseerlebnisse in meiner Bücher-Apotheke mit EUCH teilen zu dürfen. 

    Darauf ein donnerndes „Ho, Ho, Ho“ 🎅- von Eurer Petra!

    P.S. Wer diese Titel ausführlicher kennenlernen mag, findet in der Bücher-Apotheke auch jeweils eine Einzel-Rezension …

    Petras Bücher-Apotheke in Würzburg …

    … zu Gast in einer der „schönsten Buchhandlungen Deutschlands“ (lt. Börsenblatt).

    Ausgezeichnet vom Branchenmagazin Buchmarkt, ein Jahr nach der Eröffnung in der Kategorie Newcomer. Gekürt von der Redaktion des Börsenblattes im Oktober 2016 zu einer der „schönsten Buchhandlungen Deutschands“

    Was für ein Erfolg, für die drei Inhaberinnen der Würzburger Buchhandlung „Dreizehneinhalb“, die sich für ihren Firmennamen von Harry Potter dereinst inspirieren ließen. Hier in der Eichhornstr. 13 1/2  haben die drei Buchhändlerinnen bereits 2005 das Glück bei den Hörnern und den Mut gefaßt gemeinsam in die Selbstständigkeit zu gehen. Nach einer Schließungswelle im Sortimentsbuchhandel fehlte es an belletristischem Sortiment in der Stadt, fanden die drei und ihr Konzept ging auf – bis heute. 

    Mit viel Liebe zum Detail und mit der Unterstützung des Architekten-Ehemanns einer der Mitinhaberinnen eingerichtet, wird hier mit viel Sachverstand und Lesekompetenz beraten. Selbst mir, Lesegewächs mit speziellem Geschmack, öffnet man hier neue Horizonte. Hier kann „Kunde“ in literarischer Vielfalt schwelgen und besondere Schätzchen entdecken. Mit Stapeln von Empfehlungen, sinkt man auf herrlich durchgesessenen Sesseln oder Sofas zwischen die Zeilen, würd‘ am liebsten alles mitnehmen, zumindest mal das, was man tragen kann …

    Glücklich und erfüllt tauchen wir nach unserem Besuch bei den Buch-Damen im „Cafe Fred“ um die Ecke und damit ins pralle Leben ein. Inmitten junger Leute genießen wir einen saftigen Schoko-Kuchen mit Lebkuchen – und/oder Nutella-Latte. Herz was willst du mehr …

    Überlistet …

    Sonntag, 12.11.2017

    Was ist das denn? Der Wetterbericht hat doch sonst auch nicht recht? Als ich heute früh, es ist immerhin erst Anfang November, den Rolladen hoch ziehe und verschlafen in die Helligkeit blinzle, beweist er mir das Gegenteil. Es schneit! Und nicht zu knapp und es wurde treffsicher vorausgesagt. 

    Dicke, pappige Flocken können sich kaum in der Luft halten, haben sich schon schwer in den letzten dünn belaubten Ästen unserer Robinie eingenistet. Zum Glück ist Sonntag und es treibt mich nicht nach draussen, ich verspreche mir ein Vollbad nach dem Schnee schippen – und versuche es mit Humor zu nehmen, wie einer den ihr vielleicht auch kennt.

    Ich hab mal unsere Gedichtsammlung von ihm für Euch rausgekramt und drin geblättert. Das hier ist ihm zum Winter eingefallen, pointensicher, augenzwinkernd:

    Überlistet (Heinz Ehrhardt) aus die Gedichte, illustriert von Jutta Bauer, Lappan Verlag, Seite 169

    • Wenn die Blätter von den Bäumen stürzen,
    • die Tage täglich sich verkürzen,
    • wenn Amsel, Drossel, Fink und Meisen,
    • die Koffer packen und verreisen,
    • wenn all die Maden, Motten, Mücken,
    • die wir versäumten zu zerdrücken,
    • von selber sterben – so glaubt mir:
    • Es steht der Winter vor der Tür!
    • Ich lass ihn stehn!
    • Ich spiel ihm einen Possen!
    • Ich hab die Tür verriegelt
    • und gut abgeschlossen!
    • Er kann nicht rein!
    • Ich hab ihn angeschmiert!
    • Nun steht der Winter vor der Tür —
    • und friert!

    Ab auf’s Sofa und lesen ;-).

    Novembertag

    Donnerstag, 09.11.2017

    Regennaß und kalt, diesig, neblig, stürmisch. November. Zu diesem Monat fallen mir spontan meist solche Begriffe ein. Der goldene Oktober liegt jetzt hinter uns, der Dezember, die Adventszeit mit ihren strahlenden Lichtern noch vor uns. 

    Im November greift die erste winterliche Melancholie nach mir, grad wo ich mich im Garten von den letzten Blüten verabschiedet, die letzten Laubhaufen zusammen gefegt habe. Bang könnt einem werden, gäbe es da nicht diese guten Geschichten, die im Haus jetzt auf mich warten. Mit einer dampfenden Tasse auf dem Sofa oder im Lieblingssessel eingekuschelt, abtauchen in ferne Welten und spannende Abenteuer. Mitfiebern mit tapferen Heldinnen und Helden, Tränen mit ihnen vergießen oder laut auflachen, erleichtert mit heiler Haut noch einmal davon gekommen zu sein.

    Also – genießt mit mir auch die trübsten Tage, denn wir haben das schönste Hobby der Welt! 

    Zum kurz mal aufatmen hab ich hier noch was für Euch nachgeschlagen in meinem Lieblings-Gedicht-Band:

    Nächtlicher Weg (Hermann Hesse) aus „Die Gedichte“, Insel Taschenbuch, Seite 481

    • Schuh um Schuh im Finstern setz ich,
    • Nacht umgibt micht sanft und groß,
    • An betauter Mauer netz ich
    • Hand und Stirn im feuchten Moos.
    • Dunkel gegen Luft und Sterne
    • Wiegt sich der Akazienbaum,
    • Lichter blitzen in der Ferne,
    • Doch die Nähe ahn ich kaum.
    • Liebe zieht am Zauberfaden
    • Alle Ferne mir ans Herz,
    • Pol-Stern rufen und Plejaden
    • Ihren Bruder himmelwärts.
    • Aller Welt bin ich verbunden,
    • Allem Leben aufgetan,
    • Habe neu die Bahn gefunden,
    • Die mich hält im Weltenplan.

    Ach ja …

    David (Judith W. Taschler)

    Sonntag, 22.10.2017

    „Davon hast DU ja keine Ahnung“. Dieser Satz kann treffen wie eine Pfeilspitze und wurde mir, als kinderlosem Teil eines Ehepaares, auch schon mehr als einmal vor die Füsse geworfen. Stimmt, von Erziehung habe ich tatsächlich keine Ahnung, praktisch gesehen, aber eine Meinung, die habe ich schon. Immer seltener tue diese mittlerweile kund. Immer häufiger schüttele ich jetzt innerlich den Kopf. Die Werte in unserer Gesellschaft sind im Wandel. Das erleben wir alle tagtäglich. Grußlos huschen Kinder im Dorf an mir vorbei, mir hätte meine Oma damals die Ohren dafür lang gezogen. Gepetzt hätte das mit Sicherheit unser alter Schuster, hätte ich ihn übersehen auf dem Heimweg von der Schule. Wir/ich wurden von einer Gemeinschaft erzogen, genervt hat es mich als Kind, gehaßt habe ich diese Belehrungen …

    Wer ist dafür verantwortlich wie der Lebensweg eines Kindes verläuft? Ist ein Kind dadurch schon verdammt, dass man es zur Adoption frei gibt? Können Alleinerziehende überhaupt ihrer Aufgabe gerecht werden? Heikle Fragen, derer sich Judith Taschler hier annimmt:

    David (Judith W. Taschler)

    Wer joggt auch schon im Winter? Seit zwei Tagen hatte es ununterbrochen geschneit, bis zur Hüfte reichte ihm stellenweise der Schnee. Dieser Hügel der da vor ihm lag war ihm nicht geheuer, ein ungutes Gefühl beschlich ihn als er näher heran kam und aus einer Ahnung heraus im Schnee zu graben begann. Bald schon hatte er einen Autoreifen freigelegt, roter Lack schimmerte durch die weißen Flocken. Er grub sich bis zum Autofenster durch, dann sah er sie. Kopfüber hing sie im Gurt. Verzweifelt versuchte er die Türen des Fahrzeugs zu öffnen. Vergeblich …

    Oma Clara war ohne Frage die Heldin in Magdalenas Kindheit. Schon im Alter von sechs Jahren hatte Magdalena ihre Eltern bei einem Autounfall verloren. Clara, pensionierte Volksschullehrerin in einem kleinen Dorf in Tirol, nahm Magdalena zu sich. Die Kleine genoß schon bald das Landleben, in Wien wo sie mit ihren Eltern gewohnt hatte, hatte sie sich nie wohlgefühlt. Oma Clara verwöhnte sie, an ihrem siebten Geburtstag gab es gar ein Pony! Unbeschwerte Zeit, geliebte Oma Clara. 

    Magdalena war noch keine zwölf, als ihre Großmutter morgens nicht wie immer aufgestanden war und in der Küche herumgewerkelt hatte. Bleich und starr hatte sie im Bett gelegen. Magdalena wollte nicht ins Heim, verzweifelt hatte sie den Leichnam im Bett mit Erde zu geschippt, damit der Geruch nicht bemerkt würde. Türen und Fenster hatte sie verriegelt, geflüchtet hatte sie sich in den Garten auf den Baum. Eine ganze Woche hatte sie so durchgehalten, bis ein Nachbar sie fand …

    Verstümmelt! Endlich wieder zu Hause, führte einer der ersten Gänge Magdalena in den Garten hinter dem halb verfallenen Haus zu dem Davids-Ahorn, den ihr Großvater nach seiner Rückkehr aus der französischen Kriegsgefangenschaft gepflanzt hatte. Die Rinde war tief aufgeritzt, wer sich mit Bäumen auskannte wußte, damit hatte man ihn zum Tode verurteilt …

    Judith W. Taschler, Bestseller-Autorin aus Österreich. Dies ist mein erster Roman von ihr. Einige werden sich evtl. an ihre „Deutschlehrerin“ erinnern. Sie selbst hat als Deutschlehrerin gearbeitet und sie wuchs mit sechs Geschwistern zusammen bei Adoptiveltern auf. Vielleicht gelingen ihr diese Geschichten deshalb so authentisch.

    Sprachlich klar und ohne Schnörkel erinnert Taschler hier an eine Zeit, in der Abtreibungen noch illegal waren, gepfuscht und verstümmelt wurde. Sie wirft Fragen zum Thema Adoption auf, die sie brutal und ehrlich von Jugendlichen stellen läßt. Damit hat sie mich vielfach hart schlucken lassen …

    Taschler macht den Makel, der für viele an dem Etikett „adopiert“ klebt nachvollziehbar. Wer weiß denn, ob der Schulkamerad nicht aus dem Schoß einer Mörderin gesprungen ist? Welche Gene oder gar Erbkrankheiten ein Partner mit bringt? Was ist es, das adoptierte Kinder umtreibt wissen zu wollen woher sie kommen? Muß nicht erst diese Frage beantwortet sein, bevor man weiß wohin man gehört, als Mensch, als Teil der Gesellschaft?

    Sie erzählt uns eine Geschichte von Schicksal und Schuld, von Strippenziehern und Marionetten. Kommt dabei ohne Paukenschläge und Trommelwirbel aus, baut mit geschickt gesetzten Rückblenden eine Spannung auf, die den Roman beinahe zum Krimi werden läßt. Berührend und packend gleichermaßen. Fein wie Adern ziehen sich die Ereignisse durch die Geschichte, durchfluten und durchbluten sie, machen ihre Figuren lebendig, nahbar und glaubwürdig.

    Ihre Magdalena mochte ich sofort. Ihr Leben beginnt wie die Geschichte von Pippi Langstrumpf, zwar Vollwaise, aber wild und frei. Pippi haben wir jedoch nie erwachsen werden sehen – Magdalena schon …

    Ähnlich einer Patchwork-Decke berühren sich Fragmente der Lebensgeschichten ihrer Figuren. Ein buntes Bild, durchdrungen von Licht und Schatten, verbunden und doch getrennt – und wer ist eigentlich David? Erst spät im Roman löst sie dieses geschickt verschachtelte Rätsel.

    Eine Geschichte ohne Anfang, ohne Ende – wie das Leben selbst …