Kleine Zeitreise durch mein Bücherregal

„And the winner is …“ Wie ein Mitglied der Oscar Jury fühlte ich mich, als ich mein Bücherregal durchgekämmt habe, um die zehn Bücher deutschsprachiger Autoren, die mich in meinem Leseleben bislang am nachhaltigsten beeindruckt haben auszusuchen. 

Nein, auf die Idee eine solche Schnitzeljagd zu veranstalten bin ich nicht selbst gekommen. Ich bin dem Aufruf der „Bookaholics Deutschland“ gefolgt und freue mich riesig als Gruppen-Neuling bei dieser Aktion dabei sein zu dürfen!

Es herrschte ein wahres Schubsen und Drängeln, es wurde bewertet, abgewogen und diskutiert. Manche Protagonisten können da wirklich sehr überzeugend argumentieren 😉… Bei einigen Titeln ist es mir ganz leicht gefallen, sie auf meine Top Ten Liste zu nehmen, im Gegenteil, es stand nie in Frage. Andere habe ich schweren Herzens zurück gelassen, sie mussten ihren Platz auf der Liste dann doch am Ende an einen anderen abgeben. Ich entschuldige mich ausdrücklich und exemplarisch bei Sophie Scholl (Die weiße Rose), Hans Bemmann (Stein und Flöte) und bei Ralf Isau (Der silberne Sinn). Meine Auflistung ist also kein Ranking, sondern vielmehr eine kleine Zeitreise durch mein „Leseerleben“ geworden.

„And the Oscar goes to …“ 

„Einsteigen und Türen schließen, der Lummerland-Express fährt in Kürze ab!“

(10) Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer

Meine erste Bücherliebe ist klein, schwarz und hat einen Knopf am Hosenboden. Michael Ende berühmt und bekannt für seine unendliche Geschichte. Bei mir sind aber irgendwie seine Geschichten um Jim Knopf mehr hängengeblieben. Geliebt habe ich auch die Inszenzierung der Augsburger Puppenkiste. So sehr, dass ich mir im Urlaub vor ein paar Jahren in Augsburg „in der Kiste“ sogar eine Jim-Knopf-Marionette gekauft habe. Sie hängt jetzt an meinem Bücherregal und es ist nicht zu leugnen, Jim Knopf hat definitiv meine Leidenschaft für Abenteuergeschichten geweckt! Und darum geht es: Jim landet als Baby per Paketzustellung auf Lummerland. Eigentlich ein Versehen, die Adresse war nicht eindeutig und klar auf dem Paket. Frau Waas die Herrin des Krämerladens nimmt ihn auf und zieht ihn groß. Als Junge neugierig, reißt er sich immer wieder die Hose am Hinterteil auf. Seine erfinderische Ziehmutter säumt kurzerhand das Loch und näht ihm einen Knopf dran. Markenzeichen und gleichzeitig Nachname sind geboren …

Aus meiner Schulzeit 1982: 

(9) Die verlorene Ehre der Katharina Blum (Heinrich Böll)

Diese Geschichte hat meinen Blick auf die Freiheit der Presse für immer verändert. Heute noch, wenn ich an der Schlagzeile einer Bild-Zeitung vorbei gehe, denke ich automatisch an K. Blum. Pflichtlektüre damals in meiner Schule, die komplette Oberstufe ging sogar damals ins Kino um sich die Verfilmung anzuschauen. Beängstigend sich zu erlesen, wie schnell und nachhaltig eine Schlagzeile ein Menschenleben zerstören kann. Bedenkt man die vielfältigen Möglichkeiten der heutigen medialen Welt, Fake-News & Co., finde ich diese Geschichte darf gerne wieder in den Schulen gelesen werden. Und darum geht es: Katharina Blum lernt 1974 zu RAF Zeiten auf einer Feier einen Mann namens Götten kennen und verbringt die Nacht mit ihm. Was sie nicht weiß, Götten steht im Verdacht einen Banküberfall und einen Mord begangen zu haben und wird von der Polizei überwacht. Man will seine Kontaktpersonen ermitteln. Als die Beamten am Morgen nach dieser Nacht die Wohnung der Blum stürmen, ist dies der Beginn ihres eigenen Albtraums. Die Berichterstattung speziell eines Boulevard Blattes im Roman nur „Die Zeitung“ genannt treibt sie soweit, dass sie am Ende den verantwortlichen Reporter erschießt.

Ende der Achtziger:

(8) Das Parfüm (Patrick Süsskind)

Die Geschichte eines Mörders – oh ja! Wenn mir ein Thriller im Gedächtnis geblieben ist, dann dieser hier. Diese düstere Stimmung, diese Authentizität. Lange war ich der Meinung der Mörder im Roman sei eben so real wie „Jack the Ripper“. Fast nebenbei lernt man eine ganze Menge über Parfüm, Herstellungsverfahren und ja, für einen guten Duft habe ich eine Schwäche. Ein Laster muß man ja haben, schließlich rauche ich nicht ;-). Also, kurz gesagt auf meiner eigenen Longlist der gelesenen Spannungstitel belegt dieser hier noch immer einen der Spitzenplätze. Worum geht es? Jean-Baptiste Grenouille, ein Mensch ohne Eigengeruch und mit einer ganz besonderen Gabe, einem extrem gut ausgebildeten Geruchssinn, ist besessen von der Idee ein ganz besonderes Parfüm zu erschaffen. Nach einer Gerber Lehre beginnt er erneut eine Ausbildung, geht von Paris nach Grasse, ins Mekka der Parfümeure, um dort alles über Düfte deren Zusammensetzung und über Destillationsverfahren zu lernen. Für seinen Duft geht er dann noch einen Schritt weiter, sein erster Mord geschieht dabei fast aus Versehen …

Irgendwann in den Neunzigern:

(7) Der Nachtzug nach Lissabon (Pascal Mercier)

Dieser Roman steht für mich immer noch für den Willen zur Veränderung, für den Mut alles über Bord zu werfen und von vorne zu beginnen. Wen überfällt nicht ab und an dieser Wunsch? Als ich dieses Buch damals gelesen habe, hatte ich gerade nochmal eine Ausbildung angefangen, und auch beruflich einen Neustart gewagt. Bin in den Nachtzug gestiegen und Hals über Kopf mit dem Lehrer Raimund Gregorius aufgebrochen nach Lissabon. Ihn hatte das Gefühl aufgeschreckt, wie schnell doch seine Lebenszeit verrinnt und ein alter Roman eines portugiesischen Autors, den er unlängst in einem Antiquariat entdeckt hat, riefen ihn zu einer Spurensuche. Was eine schöne und geheimnisvolle Portugiesin und eine zerbrochene Brille im weiteren Verlauf der Geschichte mit ihm anrichten, lest ihr am Besten selbst … Seufz, sehr schön ..

2013

(6) Hannes (Rita Falk)

Wie schwer es fallen kann jemanden los zu lassen und wie unvermeidlich es doch oft ist. Wie damit umgehen, wie schafft man es dann doch das Licht am Ende eines Tunnels zu sehen? Falk hat eine meiner Lieblings-Regional-Krimi-Reihen geschrieben. Die Franz-Eberhofer-Krimis. Das sie auch ganz anders kann hat sie mir mit diesem Roman mehr als bewiesen. Ich liebe ihre Sprache, sie kann in Hochdeutsch so schreiben, das man es im Kopf bayrisch hört. Wie das geht, keine Ahnung, aber es funktioniert wunderbar. Lebensklug, warmherzig, bittersüß – für mich ein echtes „Must-Read“ ist ihr „Hannes“. 

Und darum geht es: Hannes und Uli – zwei Freunde wie Pech und Schwefel seit Kindertagen und ein Motorrad-Ausflug zuviel. Uli kann seinen Freund nachdem fatalen Sturz nur noch blutend aus dem Rinnstein auflesen. Hannes hat das Bewußtsein verloren. Uli, der es gewohnt ist, jede auch noch so belanglose Kleinigkeit mit seinem Freund zu teilen fängt an ihm Briefe zu schreiben, damit er, wenn Uli denn aus dem Koma wieder aufwacht, auch ja nix vergessen hat. Und Uli hat viel zu erzählen, die Erlebnisse am Krankenbett, mit Freunden die diese Vokabel nicht verdienen, sein neuer Job und seine Sorgen um Hannes … Ok, vielleicht bin ich auch ein bischen nah am Wasser gebaut, aber keine Geschichte hat mich mehr Tränen gekostet als diese hier, für mich kommt sie mitten aus dem Herzen.

2016

(5) Ein ganzes Leben (Robert Seethaler)

Sich selbst genug sein, in sich zu ruhen und bedingungslos lieben zu können. Was mich hier mit Abstand am meisten beeindruckt hat, ist wie man auf so wenigen Buchseiten soviel unterbringen kann. Mir fällt es immer schwer mich kurz zu fassen, deshalb habe ich hiervor einen großen Respekt. Die Hauptfigur im Roman Andreas Egger, seine Ergebenheit Umständen gegenüber, die er nicht verändern kann. Seine Genügsamkeit und Zufriedenheit mit der Einfachheit seines Lebens. Die Geschichte ist pur und, ach ich weiß nicht – Hut ab davor!
2017

(4) Winters Garten (Valerie Fritsch)

Dieses Buch ist meine Schokolade. Wie dunkle, herb süße Pralines zerschmelzen die kleinen Satzkunstwerke auf der Zunge. An nur einem einzigen Satz bin ich hängen geblieben und er hat sofort einen Nerv bei mir getroffen. Sicher kein Buch für nebenbei und zwischendurch. Einlassen muss man sich und dann Satz für Satz genießen. Wie bei einer guten Tafel Schokolade, die man auch stückchenweise ißt. Langsam Kapitel für Kapitel, die letzte Seite muß ja noch schnell genug umgeblättert werden. Dieser kleine, feine Roman hat einen wahren Erinnerungs-Sturm in mir ausgelöst. Gelesen habe ich ihn einige Wochen nachdem mein Vater gestorben war und ich bin dankbar für diese wunderbare Leseerfahrung. Beweist das doch einmal mehr, wie tief Geschichten gehen können. 

Valerie Fritsch erzählt vom Garten der Winters und hat in mir damit den Garten meiner Großeltern wieder herauf beschworen. Sie erzählt von Vergänglichkeit und Tod als Teil des Lebens. Von Kindheit und Entfremdung und von einer großen Liebe. Eine leicht surreal anmutende Geschichte, die idyllisch beginnt und in eine Weltuntergangs-Stimmung mündet.

(3) Der Schnee, das Feuer, die Schuld und der Tod (Gerhard Jäger)

Schubladendenken. Wie schnell man doch mit einem Urteil über einen anderen bei der Hand ist. Erschreckend in der Konsequenz für den anderen und auch für sich selbst. Gepaart wird diese Erkenntnis hier im Roman mit einer der schlimmsten Naturkatastrophen im Alpenraum. Diese Geschichte hat mich buchstäblich mitgerissen wie eine Lawine. Ihrem Sog konnte ich mich bis zur letzten Seite nicht entziehen. Ein Roman ohne Längen, grausam und schön zugleich.

Er erzählt die Geschichte eines jungen Roman Autors, der sich in einem einsamen Alpendorf unter die Bewohner mischt um über deren Leben und über ein Geheimnis das alle verbindet zu schreiben. Vor vielen Jahren wurde eine junge Frau hier als Hexe geächtet und man ließ sie bei lebendigem Leib in ihrem Haus verbrennen. Eine Wand aus Schweigen erwartet unseren Autor und er geht eine Verbindung ein, die schicksalhafter nicht sein könnte …

(2) Das geheime Leben der Bäume (Peter Wohlleben)

Als Kind wollte ich Försterin werden. Ich war halt eher keine Elfe von Gestalt und Ballerina wäre ohnehin nicht in Frage gekommen, nein – angesteckt mit dem Waldvirus hat mich mein Opa Wilhelm. Da bin ich mir heute, vierzig Jahre später sicher. Er war Waldarbeiter, so nannte man das damals und hat mich immer mit in den Wald genommen, zum Beeren sammeln, Pilze bestimmen oder einfach nur so.

Peter Wohleben hat mir in seinem Sachbuch im wahrsten Sinne des Wortes die Welt neu erklärt, nämlich die Welt der Bäume. Vom „Wood-Wide-Web“ habe ich hier zum ersten Mal gehört, im Wald habe ich mich immer schon besonders geerdet gefühlt, warum habe ich aber erst jetzt verstanden. Was hier im Waldboden los ist, ist absolut faszinierend. Kaum vorstellbar, das eine Buche im Laufe ihres Lebens Millionen Früchte hervorbringt, aber davon nur ein einziges Bäumchen überlebt. Bäume haben kein Gedächtnis, oh doch. Bäume haben schließlich kein Gehirn, aber ja! Wer jetzt denkt, Wohlleben sei Esoteriker, weit gefehlt. Er ist Förster und zwar in der Eifel, in einer kleinen Gemeinde. Er war lange Zeit Staatsbeamter im Forst, hat dann aber gekündigt um sein Ding zu machen, weil er mit der erwerbsmäßigen Holzwirtschaft so nicht mehr einverstanden war. Heute erklärt er live in seinem „Wald“ wie es funktioniert. Dieses Buch hat mich und meine Sicht auf Bäume grundlegend verändert. Absolut und uneingeschränkt.

Juni 2017

(1) So, und jetzt kommst du (Arno Frank)

Langsam rollt er aus, der Lummerland Express und wir sind in unserer Ziel-Zeitzone angekommen … Dieser Leseeindruck ist bei mir noch ganz frisch und eigentlich stand ein anderer Titel ursprünglich an dieser Stelle. Dann aber hat dieser hier buchstäblich den Blinker gesetzt und ist auf die Überholspur ausgeschert. Am Pfingstmontag war es, da habe ich die letzte Seite dieses Romans umgeblättert und mußte mich erst mal sammeln. Wenn ich jetzt beschreiben soll, was mich daran am meisten beeindruckt hat, kann ich das erstmal garnicht. Diese Geschichte hat mich mit voller Wucht getroffen! Eigentlich mag ich keine Ich-Erzähler, und ich mag keine Road-Mowies.  Das hier ist beides und es hat mir gefallen! Das ist für mich Leseerlebnis pur! Darum geht es: Arno Frank erzählt die Geschichte seiner Kindheit, als Sohn eines Hochstaplers. Beeindruckend wie er erzählt ohne zu bewerten, sprachlich hervorragend, mit einer Sachlichkeit, die dadurch verstärkt wird, das es die Augen eines Kindes sind, durch die wir die Ereignisse sehen, seine Augen als Junge. Dabei ist er nie nüchtern, sondern sehr berührend. Die Balance zwischen Tragik und Komik ist unglaublich, da blinzelt man wirklich lachend die Tränen weg … Die Geschichte einer Familie, seiner Familie auf der Flucht quer durch Europa, von Kaiserslautern über Südfrankreich, Lissabon, Paris und München. Unfassbar, unfassbar gut … 

So, und was kommt jetzt? Ich hasse Abschiede auf Bahnsteigen, daher machen wir es besser kurz, bevor ich das Heulen kriege. Danke, dass Ihr dabei wahrt auf meiner kleinen Zeitreise, vielleicht habt Ihr alte Bekannte getroffen, vielleicht konntet Ihr neue Freunde finden und wer weiß, wo wir uns wiedersehen … 😉

Lesestoff gibt es auch auf meiner Facebook Seite

… für den besseren Überblick: Von allen diesen Titeln findet Ihr auch auf meiner Facebook Seite eine Rezension. Auflistung in alphabetischer Reihenfolge nach dem Autoren-Namen:

Aaronovitch, Ben       Die Flüsse von London

Augstein, Jakob          Die Tage des Gärtners

Axat, Federico            Mysterium

Backman, Fredrik     Britt-Marie war hier

Bickel, Gabriele          Geschenke aus meinem Kräutergarten

Bogdan, Isabel           Der Pfau

Boyle, T. C.                  Wassermusik

Catton, Eleanor         Die Gestirne

Clarke, Lucy              Das Haus das in den Wellen verschwand

Cotterill, Colin           Dr. Siri und seine Toten

de Fombelle T.           Die wundersamen Koffer des M. Perle

Delacourt, Gr.           Alle meine Wünsche

Didierlaurent, J.-P.    Die Sehnsucht des Vorlesers

Falk, Rita                    Hannes

Frank, Arno               So, jetzt kommst du

Fritsch, Valerie         Winters Garten

George, Nina             Das Lavendelzimmer

Gomez-Jurado, J.      Zerrissen

Haig, Matt                  Ich und die Menschen

Hansen, Dörte           Altes Land

Harper, Jane             The Dry

Harris, Robert          Konklave

Heitz, Markus          Des Teufels Gebetbuch

                                    Die Kinder des Judas

                                    Wedora

Hill, Nathan              Geister

Hoeg, Peter               Frl. Smillas Gespür für Schnee

Jäger, Gerhard         Der Schnee, das Feuer, die Schuld u.d. Tod

Jaud Tommy,            Hummeldumm

Kaiser, Vea               Makarionissi

Keppler, Lars           Der Sandmann

King, Lily                  Euphoria

Kidd, Jess                  Der Freund der Toten

Kressmann-T., K.     Adressat unbekannt

Lambert, Karine     Und jetzt lass uns tanzen

Lee, Harper              Gehe hin, stelle einen Wächter

Lewycka, Marina    Kurze Geschichte d.Traktors auf ukrainisch

Mercier, Pascal        Nachtzug nach Lissabon

Morell, David           Der Opiummörder

Mosse, Kate              Der Kreis der Rabenvögel

Olsen, Adler J.          Das Alphabethaus

                                    Selfies

Picoult, Jodi              Die Spuren meiner Mutter

Reise-Logbücher Nordland  Teil 1 – 3

Seethaler, Robert    Ein ganzes Leben

Shafak, Elif               Der Architekt des Sultans

Speck, Daniel            Bella Germania

Swann, Leonie         Gray

Winterberg, Liz       Vom anderen Ende der Welt

Yovanoff, Brenna     Schweigt still die Nacht

Zeh, Juli                     Unterleuten



Bella Germania (Daniel Speck)

Sonntag, 07.05.2017

Das deutsche Wirtschaftswunder. Eine Italienreise mit der ganzen Familie. Nicht mehr mit dem Bus fahren, sondern mit dem eigenen Auto. Endlose Autoschlangen zockelten über den Brenner, VW Käfer und die Isetta unter ihnen. Italien wurde Sehnssuchtsland. Endlich konnte man sich etwas leisten! Sonne und la dolce vita!

Das unvergessene Unikum Heinz Ehrhardt, und sein Film von 1961 „Mein Mann, das Wirtschaftswunder“. Die Deutschen träumten sich in eine bessere Zeit und stürmten die Kinos, sie sahen „Ein Herz und eine Krone“ mit Audrey Hepurn. Man machte Fernseh-Werbung, mit dem „HB Männchen“, und auch „4711 war immer dabei“ 😉

Pst, ich darf meine Gedanken hierzu gar nicht laut aussprechen, tue ich es doch, stimmt mein Mann sofort die „Capri Fischer“ von Rudi Schuricke an: Bella, Bella, Bella Marie … Alternativ singt er alles was ihm von Rene Carol einfällt, da wird er direkt nostalgisch …

Am 19. April 1951 eröffnete Bundespräsident Theodor Heuss die erste IAA in Frankfurt am Main. Er selbst konnte gar nicht Auto fahren und die meisten Besucher konnten sich noch keinen eigenen Kleinwagen leisten. Wie kein anderer Industriezweig aber beginnt die Automobilfertigung in Deutschland zu brummen. Bis zur IAA 1955 hatte sich die Produktion bereits verdreifacht, in diesem Jahr stellte BMW erstmals seine/ihre Isetta vor. Bis 1961 verzeichnete man eine Steigerung von in Deutschland gefertigten Automobilen um das Fünffache. 14 Millionen Gastarbeiter kamen u.a. deswegen von 1955 bis zum Anwerbestopp 1973 nach Deutschland. Davon gingen 11 Millionen wieder zurück in ihre Heimatländer. Das erste Anwerbeabkommen schloß Deutschland am 20.12.1955 mit Italien. 1964 wurde der Millionste Gastarbeiter Armando Rodriguez aus Portugal vom deutschen Innenminister persönlich begrüßt und bekam als Geschenk – ein Moped!

Den wenigsten seiner Mitstreiter erging es so wie ihm. Die meisten wurden in Barracken unweit ihrer Arbeitgeber untergebracht, zusammen gepfercht, man ging ja nur von einem vorübergehenden Aufenthalt aus …

Bella Germania (Daniel Speck)

Gastarbeiter – mit diesem Wort kann etwas nicht stimmen, findet zumindest Giovanni. Gäste läßt man doch nicht arbeiten? Zumindest hält man einen Gast in Ehren dort wo er herkommt. Viel Deutsch kann er ja nicht, da erklärt ihm der Mann mit dem Megaphon das Wort halt mithilfe eines Wörterbuches so: Er sei Gast in diesem Land, so lange er Arbeit habe. Auf diesem Bahnsteig in München im dichten Gedränge, eingeklemmt zwischen zig seiner Landsleute, legt sich sein Überschwang und ihm kommen erste Zweifel. Hat er die richtige Entscheidung getroffen? In seinem leichten Anzug, ohne Mantel, friert ihn. Auch der Empfang der deutschen Beamten ist nicht gerade herzlich. Giovanni versteht von dem Gesprochenen wenig, aber hinter dem Tonfall kann sich nichts gutes verbergen … 

Die Herren des Vorstands von BMW staunten 1954 auf der Automesse in Turin nicht schlecht, als sie erstmals diese Kreuzung aus Motorroller und Auto der Firma Iso sahen. Genau so einen kleinen Flitzer brauchten sie um ihre Firma vor dem drohenden Konkurs zu bewahren. Einen solchen Kleinwagen würde sich auch die Masse der Deutschen leisten können, wenn man ihn denn nachbauen könnte …

Das Vincent Schelwitz mit nur fünfzehn Jahren bei BMW in München eine Arbeit fand war für ihn ein Glücksfall. Er war zu Kriegsende mit Mutter und Schwester aus Schlesien geflohen und als einziger der Familie lebend in Deutschland angekommen. Sein Vater war da schon in Russland gefallen. Dieser junge Mann sollte auch für BMW zum Glücksfall werden, denn ihn schickte man nach Mailand. Mit einer alten Wehrmachtsmachine starte er von München aus. Tuckerte an zahlreichen liegengebliebenen Autos vorbei über den Brenner ins gelobte Land – Italien! Als er am Gardasee von seiner Maschine abstieg und die müden Glieder streckte fiel ihm dieses Licht auf! Die milde Luft und der Duft der hier in der Luft lag war ihm fremd und er erinnerte sich an das Gedicht von Goethe, dass er in der Schule gelernt hatte. „Kennst Du das Land, wo die Zitronen blühn…“.  

Es wunderte die Ingenieure von Iso schon, dass eine so bedeutende deutsche Firma einen noch so jungen Mann geschickt hatte. Auch ihr Chef Renzo Rivolta staunte, aber gut, zu wichtig war für seine Firma der Lizensvertrag mit den Deutschen. Die praktische aber eben nicht schöne Isetta verkaufte sich in Italien nicht gut. Vincent jedoch vermochte die Führungsriege von Iso schon bald, wenn auch eher unfreiwillig humorvoll zu überzeugen. So lud der padrone Rivolta den Fremden auch alsbald zum Essen in seine Villa ein. Vincent war sich sicher, er hatte sich noch nie so schnell zu Hause gefühlt. Die ihm zugeteilte Dolmetscherin Guilietta trug dazu einen nicht unerheblichen Teil bei ….

Daniel Speck ist erfolgreicher Drehbuchautor, u.a. schrieb er das Drehbuch für die Verfilmung des Jan Weiler Romans „Maria, ihm schmeckt’s nicht“.

Auf zwei Zeitebenen erzählt er seine Geschichte Bella Germania im Rückblick von 2014 auf diese für Deutschland so prägende Zeit. Er stattet seine Figuren mit viel Herz aus und läßt seine Leser von Beginn an eng bei ihnen sein. Nachvollziehbar die Schicksale, bewegend zu erlesen was eine große Liebe vermag. 

Sein Roman ist für mich wie geschaffen für einen Fernseh-Mehrteiler mit prominenter Besetzung. Süffig, leichtfüssig, humorvoll und sehr unterhaltsam kommt er daher. Garniert mit zeitgeschichtlichen Details und einem durchaus offenen Blick für die Situation der Gastarbeiter in der deutschen Wirtschaftswunder-Zeit und aktueller denn je. Die Widmung die gleich ganz vorne in seinem Roman steht, gefällt mir besonders, ich darf Herrn Speck mal zitieren: „Für alle, die ihre Heimat verließen und ihre Geschichten mitnahmen“.

Gehe hin, stelle einen Wächter (Harper Lee)

Sonntag, 26.03.2017
Erinnert Ihr euch noch an den Film „Grüne Tomaten“?

Idgie Threadgood betreibt mit ihrer Freundin Ruth das „Whistle Stop Cafe“ im kleinen Örtchen Whistle Stop/Alabama. Selbstbewußt, rebellisch und stark setzt sie sich dafür ein Schwarze in ihrem Cafe gleichberechtigt bedienen zu dürfen. Sie setzt sich ein für ihre Freundin Ruth, die vor ihrem gewalttätigen Ehemann geflohen ist. Seine Leiche verschwunden, im Barbecue „verwertet“ und im Cafe serviert, nimmt sie im Mordprozeß vorsätzlich die Schuld auf sich, weiß sie doch, das die Angeklagte, ihre Köchin Sipsey, keine Chance hätte. Schwarze Frau tötet weißen Mann …

In dieser Geschichte habe ich eine ähnlich rebellische und liebenswerte Heldin wiedergetroffen:

Gehe hin, stelle einen Wächter (Harper Lee)

Mitte der 1950er Jahre, Maycomb/Alabama, verschlafen, südstaatlich schwül. Jean-Louise Finch, genannt Scout, ist auf dem Heimweg von New York nach Maycomb, in ihre Heimatstadt, wie in jedem Sommer seit numehr fünf Jahren, um ihren Vater Atticus zu besuchen und Henry, den sie heiraten könnte, wenn Sie denn wollen würde …

Rückblende: Fast fünfzehn ist Jean-Louise, das wäre dann jetzt ihr erster Ball. Drei Tage lang ist sie allein damit beschäftigt was sie anziehen soll. Als sie sich endlich für DAS Kleid entschieden hat und es anprobiert, sieht sie irgendwie doof aus (findet sie). Abhilfe schafft sie dann, mit einem künstlichen Busen, der in der Eile aber nicht mehr festgenäht werden kann. Wir ahnen es schon, obwohl sie allzu hitzige Tänze vermeidet, rutscht ihr mitten im Geschehen der rechte Busen unter die Achsel. Ihr Tanzpartner Henry, schon in der zwölften Klasse, reagiert geistesgegenwärtig, bevor Scout es selbst bemerkt und bugsiert sie eng an sich gedrückt vor die Tür. Als ihr die Peinlichkeit der Situation bewußt wird, will sie nur noch eins – nach Hause, sofort!  Henry sieht das allerdings völlig anders, greift beherzt in ihr Dekollté fördert den künstlichen Busen zutage und schleudert ihn in die Dunkelheit. Ein folgenschwerer Vorfall, wie sich am nächsten Morgen zeigen soll …

Mitte 1950. Es ist der erste Abend nach Jean-Louises Heimkehr, ein Sonntag. Mit Henry ausgehen wäre schön – aber er und ihr Vater haben andere Pläne, sie wollen ins Gericht? Irritiert schleicht Scout ihnen heimlich nach. Wie bitter sollte Sie das noch bereuen, denn an diesem Abend, verborgen auf dem Balkon des Gerichtssaales, in dem sie ihrem Vater, dem erfolgreichen Anwalt, so oft schon bei seinen leidenschaftlichen Playdoyers gefolgt ist, gerät ihre wohlgeordnete Welt aus den Fugen. Ihr Vater war bis heute die moralische Instanz in ihrem Leben, er war das Sinnbild von Integrität für sie. Was sie jetzt sieht, kann und will sie nicht glauben. Ihr Vater im Bürgerrat der Gemeinde? Beisitzer wenn es um rassistische Hassparolen geht? War nicht er es, der damals (sie war erst sieben) als erster weißer Anwalt für einen Jungen Schwarzen, der wegen Vergewaltigung eines weißen Mädchens angeklagt wurde einen Freispruch erwirkt hat? Niemand wollte diesen Fall annehmen, seinem Ruf würde es schaden, das alles hatte Atticus nicht interessiert. Wie konnte Sie sich nur so in ihm getäuscht haben? Neben ihrem Vater im Bürgerrat – Henry. Doppelter Verrat! Jean-Louise ist speiübel, taub vor Enttäuschung und Entsetzen taumelt sie aus dem Gericht, übergibt sich in die Büsche und wankt nach Hause. Wie kann Sie ihrem Vater und Henry noch in die Augen sehen? Wie konnte Sie IHRE Augen nur so fest verschließen vor dem, was hier vor so offensichtlich vor sich geht? 

… Der Schlag kommt unvermittelt und ist heftig! Jean-Louise schaut ihrem Onkel erschrocken ins Gesicht, tastet dann nach ihrer blutig aufgesprungenen Lippe. Was hat sie getan? Der Streit mit Henry, ihrem Vater – Worte wie Messerstiche, nein eher wie Schwerthiebe …

Harper Lee, geboren 1926 in Monroeville/Alabama, verstorben im Februar 2016, hat mit „Wer die Nachtigall stört“ Amerikas Nationalroman geschrieben, Lee wurde vielfach ausgezeichnet, erhielt den Pulitzer Preis. Oscarreif verfilmt mit Gregory Peck in der Rolle des Atticus Finch. 

Das Manuskript von „Gehe hin, stelle einen Wächter“ galt als verschollen, bis es 2014 von einer Freundin der Autorin entdeckt und 2015 veröffentlicht wurde. Obwohl vor der „Nachtigall“ geschrieben, liegt die Handlung des „Wächters“ zeitlich danach. Jean-Louise ist jetzt Anfang zwanzig, eine junge Frau, in der Nachtigall war sie sieben Jahre alt. 

Harper Lee, die Tochter eines Anwalts, hat selbst Jura studiert, ihr Studium aber abgebrochen und sie war die Nachbarin von Truman Capote in Monroeville. Mit dem Freund aus Jugendtagen, er für alle Augen schwul, sie burschikos, dafür bekannt Männerkleidung zu tragen und schachtelweise Zigaretten zu rauchen, verband sie der Wunsch Schriftsteller zu werden. Die Figur der Scout Finch ist ihr vielleicht genau deshalb so glaubwürdig und lebensecht gelungen. Lees Roman ist vielmehr als nur ein Aufruf zu Toleranz und gegen Rassismus. Sie schreibt von elterlicher Prägung, unausgesprochenen Wahrheiten, und ist mit dieser Geschichte heute auf traurige Weise genauso aktuell wie in den fünfziger Jahren. Humorvoll, die Dialoge spritzig, serviert sie diese aufrüttelnde Handlung.

Nina Hoss liest die Hörbuchfassung. Sensibel für die Stimmungen der Romanheldin, mal südstaatlich relaxt, mal streitlustig. Ihre angenehme Stimme und Tonalität werde ich für immer im Ohr haben, wenn ich an Scout Finch zurückdenke – und das werde ich!

Winters Garten (Valerie Fritsch)

Sonntag, 12.03.2017

Der Garten meiner Großeltern war überwiegend ein Nutzgarten. Im Sommer gab es immer etwas zu naschen, die Sträucher bogen sich von überreifen Beeren, die Mirabellen und Kirschen, und mein geliebter Cox Orange Apfel. Sogar einen kleinen Pfirsichbaum gab es, der leider in der Hunsrücker Kühle meist nur saure Früchte für uns übrig ließ.

Mit vor Dreck starrender Hose saß ich vor einem alten Autoreifen in dem mir mein Vater mein erstes Blumenbeet angelegt hatte. Gänseblümchen habe ich dort angepflanzt. Den heiligen Zorn habe ich gekriegt, als meine kleine Schwester ihnen die Köpfe abgeschnitten und sie als Dekoration für ihre Sandkuchen verwendet hat …

Meinen Opa sehe ich in meiner Erinnerung meist mit Bienenhut und Pfeife auf Kontrollgang durch sein Bienenhaus, und wie es im Keller vor Honig geduftet hat, wenn wir die Waben dann ausgeschleudert haben. Bei Gewitter haben wir oft mit den Nachbarn auf den Stiegen im Treppenhaus gesessen, die Haustür stand weit offen, jeder hatte eine Schüssel auf dem Schoß, entkernte Kirschen oder schnippelte Bohnen. Meine Großmutter beim Einschneiden von Sauerkraut in ihrer Küche, alles wurde eingeweckt, eingelegt und es schmeckte so gut …

Alle diese Erinnerungen hat ein Buch wieder in mir aufgewirbelt. Wie lange habe ich an diese Bilder aus meiner Kindheit nicht mehr gedacht? Wie lange habe ich so nicht mehr an meine Großeltern gedacht? Wie lebendig sind sie mir wieder geworden …

Winters Garten (Valerie Fritsch)

Eine Welt aus den Fugen, eine Welt am Abgrund. Wo gehören wir hin und zu wem, bevor der Kreis des Lebens sich für uns schließt?

Was für eine Sprachgewalt steckt in diesen knapp einhundertvierundfünzig Seiten! Unscheinbar und fast sachlich kommen Cover und Ausstattung daher. Nein, aus dieser Geschichte kann ich Euch nicht erzählen … Ich kann ihr mit meinen Worten nicht gerecht werden. Aufgewühlt und nachhaltig beeindruckt hat sie mich zurück gelassen, immer wieder lese ich einzelne Passagen nach. Wo hatte sich diese Geschichte nur so lange vor mir versteckt? Wie kann man so schreiben? Was wäre mir entgangen, hätte ich sie nicht gelesen!

Valerie Fritsch hat ein Studium für angewandte Photographie absolviert und arbeitet als Photokünstlerin. Auch ihren Roman „Winters Garten“ hat sie mit bildhafter Sprache ausgestaltet. Immer wieder entdecke ich, wie bei einem belebten Szenenfoto, neue Details. Soviel steht zwischen den Zeilen. Selbstverständlich wurde die Österreicherin für diesen Roman ausgezeichnet. Denn genau das ist er auch, ausgezeichnet!