Blogbeiträge

Stadt aus Rauch (Svealena Kutschke)

Sonntag, 21.01.2018

Wie lebt man ein Leben, wenn der eigene Geburtstag gleichzeitig der Todestag der Mutter ist? Ist das Kind dem Tod abgerungen dann Fluch oder Segen in dieser Familie? Kinder, die ein Leben lang schwer an einer Schuld tragen, für die es sich so anfühlt, als seien sie der „Mörder“ der eigenen Mutter. Eine Mutter, die sie nie kennengelernt haben, aber dennoch vermissen, eine Bindung spüren, die in die Leere verläuft. Väter, die in ihrem Kind das Abbild der geliebten Partnerin erkennen, sich an ihm festhalten, nach Wesenszügen suchen, die die verlorene Frau einst ausmachten.

Was, wenn ein solches Kind, der verstorbenen Gefährtin aber so gar nicht gleicht? Sich auf immer verloren fühlt, verloren geht, sich nie erden kann? Nie die Fähigkeit entwickelt selbst stabil Beziehungen einzugehen? Dem Vater fremd bleibt?

In diesem Roman treffen wir auf eine Autorin, die mehr Fragen in uns hinterläßt, als sie uns Antworten gibt. Auf das Vortrefflichste spielt sie mit unseren Gedanken und Empfindungen, Ihre Figuren behält sie dabei fest im Blick:

Stadt aus Rauch (Svealena Kutschke)

Und seit Jahr und Tag wartet der Wind vor der Marienkirche auf den Teufel der nie erscheint. Er muß die Sünder in die Hölle bringen“. (Mündliche Überlieferung).

Wer zwischen den Toten aufwächst, hat es zwischen den Lebenden schwer. Jessy, die Tochter eines Leichenbestatters und einer Säuglingsschwester, war anders. Die Klassenkameraden in ihrer Grundschule sparten nicht mit Spott und mieden sie. Freunde brauchte sie nicht, aber einen auf den sie sich verlassen konnte, den brauchte es und den hatte sie in Bjarne, bis sie zwölf war. Bis zu diesem einen Morgen, an dem sie ihn zur Schule abholen wollte. Auf Zehenspitzen spähte sie durch Bjarnes Fenster in eine leere Wohnung. An diesem Tag ging auch Jessy nicht zur Schule und sie hörte, mit einhundertzweiundsechzig Zentimetern, mit dem Wachsen auf. Als Teenager wurde sie in den 1970ziger Jahren groß, mit Clint Eastwood, den ihr Vater so sehr liebte und mit ihrem Spitznamen, Jessy James. Stets waren ihre Jeans zerschlissen, und sie ungeschminkt um diese merkwürdig blauen Augen. Mit diesen Augen, mit denen schon ihre Großmutter in die Welt und in andere hinein geschaut hatte, trotzte sie dem Leben ihren Anteil ab …

Der Winter 1863/64 in Lübeck an der Trave. Jessys Urgroßvater Johann war ein stattlicher Offizier, nur leider ohne Krieg und noch immer ohne eine Frau. Die Österreicher waren gegen die Dänen gezogen und der Soldat aus dem Montafon, der ihm jetzt im Gasthaus gegenüber saß, war durch diesen Krieg zu Ruhm und Ehre gelangt. Hier an diesem Abend fand Johann einen Freund, er reiste nach Österreich, verliebte sich unsterblich in die Frau seines besten Freundes. Alles ging gut, bis 1866 die Preußen den Österreichern den Krieg erklärten und er mit seinem Regiment gegen seinen Freund ziehen sollte. Zum Glück?! wa Johann mit seinen Soldaten zu spät gekommen. Die entscheidende Schlacht war geschlagen und seinen Freund Gottfried hatte eine preußische Kugel in den Kopf getroffen. Die Kugel blieb drin und er am Leben, aber Gottfried konnte fortan weder sprechen, noch denken, noch sich bewegen und seine schöne Frau war doch jetzt quasi irgendwie allein …

1915, Hansestadt Lübeck.

Ein Raum, zwei Tote, das Mädchen und der Teufel.

Gift. Fräulein Hedwig und Fräulein Lisbeth hatten sich mit ihren besten Kleidern zum Sterben hingelegt. Lucie stand am Fußende des Bettes und betrachtete die beiden Frauen schweigend, die sie schützend aufgenommen hatten, als ihr Vater, der Maler, in den Krieg hatte ziehen müssen. Jetzt war er zurück, aus dem Lazaret, aus der Welt, in die man (Textzitat) „nur um den Preis eines Körperteils eintreten durfte“.

Lucie weinte nicht, sie ging die Sache praktisch an, wusch Hedwig und Lisbeth, richtete sie wieder her. Der Teufel war beeindruckt. Das Mädchen hatte ihn bislang noch nie enttäuscht und er erwartete noch so einiges von ihr. Seit Lucies Geburt war der Teufel im Stande durch ihre Augen die Welt zu sehen. Einen Brief hielt sie jetzt in den Händen, im Bett der Frauen hatte sie ihn entdeckt und sie las konzentriert. Es war ein Abschiedsbrief von Hedwig und Lisbeth, der ihr und dem Vater, die sie so arm wie die Kirchenmäuse waren, ein ansehnliches Erbe zusprach …

Svealena Kutschke, geboren 1977 in Lübeck, lebt heute in Berlin. Ihren Roman „Stadt aus Rauch“ läßt sie überwiegend in ihrer Geburtstadt spielen. Dieser Roman ist ihr dritter. Wild und wunderbar, ein literarisches Wagnis – das steht im Klappentext zu lesen und machte mich neugierig.

Von Sagengestalten und Mythen ist diese außergewöhnliche Geschichte ebenso bevölkert wie von Menschen aus Fleisch und Blut. Unwirkliche Gestalten, die aber nicht als Randfiguren agieren, sondern gegenwärtig sind. So ist zum Beispiel der Teufel in Person häufig beteiligt, schaut nicht nur den Menschen über die Schulter. Dennoch bringt er nicht das Böse, sondern das Besondere in die Welt, wird wie eine Metapher dafür eingesetzt und damit sehr wirkungsvoll zu einem genialen Kunstgriff.

Ein Generationenroman, der sich wie eine Zeitreise auf den Spuren der Ahnen unserer Protagonisten anfühlt. In geschickt verwobenen Rückblenden, die etwas Konzentration erfordern, führt uns Kutschke wie ein Hypnotiseur weit zurück in der Zeit. Springt mit uns hin und her. Die Zerrissenheit ihrer Figuren, ihrer Jessy, ihrer Lucie, ihrer Freya, hinterlassen in mir ein wundes Herz.

Hier, wo die eigenen Spiegelbilder die Augen schließen. Man bei einem Maler verlorene Träume kaufen kann, Kinder kennenlernt, die unter dem eisblauen Blick des Teufels geboren werden und seine Augen ins Leben tragen.

Soldaten ohne Krieg, Pfarrer, Bestatter und Krankenschwestern, versteinerte Kriegsveteranen, Burgherren und rebellische Töchter geben sich ein Stelldichein. Wir ziehen aber auch mit Punks durch die Stadt, schlafen anschließend im Bauwagen unseren Rausch aus. Erleben das bohemianische Berlin ebenso wie Lübeck in der Zeit Thomas Manns mit seinen Buddenbrocks.

Wir lieben und hassen, verzweifeln und verzagen in den Wirren des zweiten Weltkrieges mit seinen Massengräbern, Vernichtungslagern und ausgeweideten Gebäuden. Wir erleben Antisemiten, gewaltätig in ihrem Element, schämen uns fremd. Kutschke kommentiert und bewertet nicht, sie läßt uns diese Zeiten mit ihren Figuren von innen heraus erleben, spürt ihnen und ihren Motiven nach. Nicht selten habe ich mir dabei die Frage gestellt, ob ich angesichts solcher Taten nicht selbst auch weggesehen hätte, ob ich denn mutiger gewesen wäre …

Von großen und kleinen Dramen, bei Beerdigungen und Festen in der Familie, von politischen Wirren erzählt sie. Diese Frau schreibt da legt man die Ohren an!

Als hätte ich des Morgens oder am Abend auf dem Heimweg in der Dunkelheit ein Märchenbuch aufgeschlagen, hat mich diese Geschichte mit Haut und Haaren verschluckt. Fremd und doch vertraut, faszinierend und wohltuend anders. Wie aus einem Traum bin ich blinzelnd aufgewacht, wenn ich das Ziel am Beginn meines Arbeitstages oder die Garage zu Hause an seinem Ende erreicht hatte. Die Fahrtzeit war mir im Nu verflogen.

Sanft und doch kraftvoll, mal märchenhaft, mal brutal, lebenstrunken und mystisch, mit fein ausbalancierten Sätzen, die nie angestrengt wirken. Ein Roman der sich nicht festlegt, sich nicht in die Ecke stellen läßt – welchem Genre er nun angehört ist nicht wichtig.

Sein Erzählstil, der jederzeit der Situation angepaßt ist, mal jugendlich forsch, mal poetisch antiquiert. Seine kunstvoll verschachtelte Handlung, hat mich oft an einen meiner Lieblings-Romane „Die Gestirne“ von Eleanor Catton errinnert, und doch ist er ein Roman mit absolutem Alleinstellungsmerkmal.

Für solche Geschichten lasse ich alles stehen und liegen! Wild und wunderbar, fürwahr!

HörbuchFassung, gelesen von Sascha Icks, geboren 1967 in Düsseldorf. Theaterschauspielerin und mehrfach platziert auf der hr2 Hörbuch-Bestenliste als Sprecherin, lieferte mir im noch jungen 2018 gleich ein „Hörlight“. So kann es gerne weitergehen!

Punktgenau intoniert, äußerst sympatisch und charmant, mal schmeichelnd, mal drohend, verzeifelt und trauernd, dabei stets authentisch liest sie, wirft ihr ganzes Herz in den Text.

Ob Zungenbrecher oder nordisches „Plattdütsch“ – sie meistert jede Klippe. Sehr gerne wieder, liebe Frau Icks!

Advertisements

Die geheimen Schwestern (Anne Fortier)

Freitag, 19.01.2018

Was für eine grausige Idee! Die rechte Brust amputiert oder ausgebrannt, damit der Bogen besser zu handhaben war – so kann man es über die Amazonen nachlesen. Maza = Brust, heißt es im altgriechischen und so stecken damit fraglos diese beiden Silben drin, im Namen der kriegerischsten Frauenstamms der Geschichte. Die ersten echten Emanzen, furchtlos, grausam und in ihrer Gesellschaftsform sogar ganz ohne Männer auskommend, männergleich kämpfend. Aber hat es sie auch wirklich gegeben, oder sind sie nur der Dichtkunst der alten Griechen entsprungen? Konnte es verbriefte, körperliche Hinweise auf ihre Existenz geben? Als Fan von Archäologie-Geschichten war das genau mein Stichwort im Klappentext  …

Die geheimen Schwestern (Anne Fortier)

„Wie soll ich, ach, mein König und Herr, wie weinen um dich? In der Liebe zu dir wie sprechen? Da liegst du verstrickt in der Spinne Geweb, tot da, gottlos du erschlagen! Ach weh! Weh! So unwürdige Ruhe dir! Von der doppelscharfen Axt, du mit der Hand wie ein Knecht erschlagen!“ (Quelle dieses Zitats: Aischylos, Agamemnon).

An diesem Tag im Oktober, an dem alles begann, stürmte Diana Morgan aufgebracht aus dem Hörsaal. Warum wurde eigentlich immer nur ihr die Redezeit beschnitten? Ihre Mentorin ging ihr gehörig auf die Nerven und sie hatte nicht übel Lust im Schnupperkurs des Fechtclubs gleich ein paar imaginäre Feinde nieder zu stechen. Auf dem Campus rannte sie fast hinein in den Fremden, der sich ihr entschuldigend als John Ludwig vorstellte und unumwunden eine Offerte machte. Sie glaubte sich verhört zu haben, als er eine Entdeckung andeutete, die eine Neuschreibung der Geschichte zur Folge haben würde und ihr ein Flugticket erster Klasse für den kommenden Tag in die Hand drückte. Was war das denn bitte für ein Spinner, an diesem Tag wäre sie wohl wirklich besser im Bett geblieben …

Lautlos waren die Schiffe durch den Nebel und über den Sand an Land geglitten. Kein Umgebungsgeräusch hatte den nächtlichen Angriff verraten, nichts hatte die Frauen im Tempel gewarnt. Keiner der Hunde hatte angeschlagen. Die Männer hasteten verborgen in den Schatten an Land. Hier wartete fette Beute und die Frauen? Na ja, die Besten würde man ja aussortieren können. Mit der hier, sie hatten ihre knabenhafte, schlanke Gestalt verlacht war wohl eher nichts anzufangen. Sie hatten sie in den Dreck gestoßen. Myriana hatte versucht in einem unbeobachteten Moment davon zukriechen. Sie war nicht weit gekommen, als sie einen heftigen Schmerz im Rücken gespürt und aus den Augenwinkeln gesehen hatte, wie der Mann einen Speer aus ihr herauszog …

Anne Fortier geboren in Dänemark, lehrte laut Klappentext in Amerika an verschiedenen Universitäten Philosophie und Europäische Geschichte und fühlt sich heute auf beiden Seiten des Atlantiks wohl und zu Hause. Durch ihren Roman „Julia“ bin ich vor Jahren auf sie aufmerksam geworden. Für „Julia“ hat sie Shakespeares Tragödie als Steilvorlage genutzt und die Geschichte des wohl berühmtesten Liebespaares gekonnt in einen neuen Kontext gerückt. Kurzweilig und unterhaltsam hatte ich diesen Roman in Erinnerung, auf der Spiegelbesten-Liste hatte dieser sich wochenlang eingenistet.

Für „Die geheimen Schwestern“ diente ihr hier Homers „Ilias“ als Vorlage und der Mythos der Amazonen. Auf zwei Zeitebenen erzählt uns Fortier dieses archäologische Abenteuer:

Zum Einen –  in der Gegenwart, mit der jungen Oxford-Dozentin für antike Geschichte Diana Morgan, die von Kindesbeinen an vom Mythos der Amazonen fasziniert ist. In Oxford nimmt man sie mit ihrem „Amazonen-Tick“ nicht ernst, bis zu dem Tag, an dem ihr ein Fremder das Foto einer antiken Inschrift in die Hände spielt und sie für die Arbeit im Rahmen einer Stiftung anwirbt, die ihr nach neun Jahren Forschungsarbeit auf diesem Gebiet, für ein ansehnliches Monatsgehalt die Gelegenheit bietet die tatsächliche Existenz der Amazonen zu beweisen. Das ist der Köder für Diana und sie schluckt ihn – gemeinsam mit Nick Barran dem Ausgrabungsleiter steigt sie buchstäblich ab in die Tiefe auf der Suche nach dem legendären Schatz, den die Amazonen beim Fall von Troja hatten retten können … 

Zum Anderen – in der Vergangenheit, mit der ersten Amazonen Königin Myriana und dem Schicksal ihres Gefolges, das untrennbar verwoben ist mit dem Trojanischen Krieg. Angereichert mit griechischer Mythologie und wunderbaren historischen Zitaten an den Kapitelanfängen.

Wie es sich für jede anständige Schatzsuche gehört, sucht man nicht allein – auch unsere Heldin im gegenwärtigen Handlungsstrang des Romans ruft zahlreiche Häscher auf den Plan und die Spurensuche wird so rasch zu einem Wettlauf durch halb Europa, der nichts Gutes verheißt …

Auch der historische Teil der Geschichte spitzt sich zusehens zu und mündet in der Schlacht um Troja. Liebe und Leidenschaft inklusive, dies sehr kitschfrei verpackt.

Süffig entführt dieser Roman in eine Epoche von der man  allzuoft liest, es sei denn man hat ein Faible für die griechischen Mythen und ist hier schon beschlagen. Für mich als geschichtliche „Normalo“-Leserin eine sehr willkommene, sehr unterhaltsame Abwechslung. In den Achtzigern habe ich im Stapel die Ägypten-Romane von Pauline Gedge verschlungen, an diese fühlte ich mich hier wohlig erinnert und zurück versetzt in die Anfänge meiner Lesebesessenheit. Ausgrabung eines Bücherschatzes gelungen ;-).

Everland (Rebecca Hunt)

Sonntag, 14.01.2018

Kleine Eisbröckchen hüpfen auf unserem Dachfenster auf und ab. Ich sitze im warmen Zimmer und schaue ihnen zu, wie sie am Glas herab rutschen, sich in den Spalten der Dachziegel verlieren. Meine Gedanken wandern zurück an einen Tag im Juli des vergangenen Jahres. An dem ich, dick verpackt mit Mütze, Schal und Stiefeln an einem Bootsanleger in Spitzbergen stand, wo kleine Eisgraupel auf meiner Kapuze Purzelbäume schlugen, während ich auf ein Fährschiff wartete. 

Der Permafrostboden unter meinen Füßen hatte sich seltsam federnd angefühlt, der Wind suchte bohrend nach Spalten in meiner Kleidung und verpaßte mir eine rote Nase. Froh war ich für eine Weile in der gut geheizten Passagierkabine des Katamarans unterzukommen um mich noch einmal aufzuwärmen, bevor wir den großen Gletscher erreichen würden, auf den ich schon so gespannt war. Als wir dort dann, quer zur Strömung kreuzten und die vielen Blautöne der Bruchkanten mit ehrfürchtigem Staunen betrachteten, war der eisige Wind sofort zurück, um uns verweichlichten Mitteleuropäern zu zeigen, was das Wort Kälte wirklich bedeutet. Hier – rund 1.300 km vom Nordpol entfernt.

Meine Finger, die zitternd mein Handy festhielten um möglichst viele Bilder einzufangen, waren in Null-Komma-Nix klamm und krebsrot. Später, schützend in meine Handschuhe gesteckt, würden sie pochend wieder auftauen und eine ganze Weile noch schmerzen. Kaum vorstellbar, wie es sich anfühlen muss, wenn ein Körperteil tatsächlich tiefgefroren ist und dann wieder auftaut …

Everland (Rebecca Hunt)

1913, Antarktis.

Vier Stunden sollte die Überfahrt für die kleine Mannschaft in dem von der Kismet ausgesetzten Beiboot dauern. Vier Stunden, bis Everland. Vier Stunden, aus denen im eisigen Sturm sechs lange Tage wurden. Sechs Tage, nach denen die drei Männer völlig entkräftet dann doch noch auf Everland anlandeten.

Textauszug, S. 87: „Lawrence erlebte das Desaster von Everland wie einen glühenden Schmerz im Magen. Es brannte den ganzen Tag Löcher in sein Inneres, die es ihm unmöglich machten, sich zu konzentrieren, und nachts zog es Schwärme von fleischfressenden Gedanken an, die ihm den Schlaf raubten. So lag Lawrence nun mit offenen Augen bis zum Morgengrauen in der Dunkelheit. Er versuchte, einen Weg aus dem Labyrinth voller Ungeheuer zu finden, die die Namen Verpflichtung und Niederlage, Unfähigkeit und Scheitern trugen.“

2012, Antarktis.

Die glitzernde Schönheit dieser einsamen Welt – wie schnell sie die Gefahren, die hier lauerten vergessen machen konnte. Die Kälte war dabei ein weit größerer Feind, als jedes nur denkbare Raubtier, den Menschen eingeschlossen … 

Textauszug S. 347: „Was er als Druckkopfschmerz diagnostiziert hatte, manifestierte sich als wogende weiße Masse, die den Horizont verschleierte. Mit langsamen, mechanischen Bewegungen, starr vor Schreck, ließ er den Rucksack zu Boden gleiten und sah zu, wie der Sturm so rasend schnell auf Everland vorrückte, dass man ihm dabei zusehen konnte.“

Sie war wie in Zeitlupe gerutscht, ihr verletzter Fuß war unter ihr eingeknickt und sie fiel, landete in einer eiskalten, schlammigen Pfütze, auf allen Vieren. Alles schien er plötzlich zu beherrschen, dieser Schmerz – von fern hörte sie ein Rufen, ihren Namen. Sie war ausser sich und ausser Stande zu antworten, kein Ton wollte aus ihrem trocknen Hals kommen …

Textauszug S. 354: „Alles hatte sich in eine Serie von Zahlen aufgelöst. Er war vierundfünzig. Der Temperaturunterschied zwischen einem gesunden und einem kaum noch funktionstüchtigen Körper betrug sieben Grad. Die Quads waren ungefähr vierhundert Meter entfernt. Er hatte ein Leben. Es blieben ihm noch fünfzehn oder sechzehn Minuten.“

Rebecca Hunt wurde 1979 in Coventry geboren. Sie ist Malerin und lebt in London. Everland ist ihr zweiter Roman, im englischen Original 2014 erschienen. In ihrem ersten Roman Mr. Chartwell setzte sie sich intensiv mit dem Thema Depression auseinander und ließ Winston Churchill eine zentrale Rolle einnehmen.

In Everland schickt Hunt uns als Leser gleich zweimal auf Expedition auf eine antarktische Insel. Einmal 1913 und dann einhundert Jahre danach, ein zweites Mal, diesmal mit modernster Ausrüstung.

Angesichts der hier geschilderten Unwirtlichkeit der antarktischen Landschaft, wird man gewahr wie winzig sich der einzelne Mensch doch ausnimmt. Gleich in welchem Jahrhundert man hier unterwegs ist, Leichtsinn und falsch verstandener Ehrgeiz können hier immer noch rasch und unabwendbar zum Tod führen. 

Wie weit geht der Einzelne um sein eigenes Leben zu retten? Dort wo es in Schneestürmen Eisplitter regnet, die sich in die Haut ritzen und einen erblinden lassen. Dort wo Wunden angesichts der Minusgrade nicht heilen, sondern bestenfalls konserviert werden. Dort wo eine einmal ausgebrochene Infektion meist nicht mehr aufzuhalten ist. Wenn einem der eigene Verstand nicht mehr gehorcht, Halluzinationen und Hunger das Denken beherrschen.

Beinahe feindselig, ja bösartig kommen die Naturgewalten uns hier vor, – 60 Grad Celsius und Windstärken bis 11 Beaufort, im Winter bei absoluter Dunkelheit, mag ich mir gar nicht vorstellen. Was war der Treibstoff, der die Abenteuerer dies auf sich nehmen ließ? Entdeckergeist, oder der pure Ehrgeiz sich in einer solchen Umgebung behaupten zu können? 

Das legendäre Wettrennen von Scott und Amundsen 1910/12 zum Südpol, aufsehenerregend damals wie heute. 

Mein Fazit fällt trotz der vorgenannten Pluspunkte durchwachsen aus. Hunt konnte mit ihrem Roman, meine vielleicht zu hohen Erwartungen an ihre Geschichte, nicht erfüllen. Erst im letzten Drittel läßt sie für mich die Antarktis wirklich zum Hauptdarsteller werden, hier hatte ich mir mehr erhofft. Bis dorthin plätschert mir die Handlung etwas zu sehr dahin. Die Dramaturgie und die von ihr gewählte Erzählweise auf zwei Zeitebenen, die sie stets hintereinander abwickelt, ist mir etwas zu vorhersehbar geraten. Zuviele Paralellen gibt es im Handlungsverlauf von damals und heute. Versöhnt verlasse ich den Roman trotzdem, sind ihr doch die Figuren nahbar und griffig gelungen. Bildhaft läßt sie sowohl deren innere Kämpfe als auch die äußeren Rahmenbedingungen Gestalt annehmen.

Reise zwischen Nacht und Morgen (Rafik Schami)

Donnerstag, 11.01.2018

Was für ein Zirkus!

Kennt Ihr das? Eine Ballustrade mit einem Zirkusbanner mitten im Industriegebiet, schon habe ich den Kopf voller Bilder. Was wäre wenn? Wenn man einfach aufbrechen könnte? Jetzt gleich, durchbrennen mit dem Zirkus.

Vielleicht Arabien? In ein Märchen aus Tausend und einer Nacht. Wenn man doch nur nicht so feige wäre … Arabisch kann man nicht und tief im Osten herrschen Tod, Terror, Krieg und Verderben. Sich die Welt malen wie man sie aus Erzählungen kennt. Einmal nur ausblenden dürfen, was nicht sein soll, sein darf … 

Vielleicht bin ich genau deshalb an dieser Geschichte hängengeblieben, die bereits 2008 als Hörbuch erschien. Zum Glück! So konnte ich Bedenkenträger, bequem zu Hause vom Sofa aus, Valentin den Zirkusdirektor und Pia die Postbotin kennenlernen und den abgebranten Zirkus Samani wieder spielen sehen. Aber immer der Reihe nach …

Reise zwischen Nacht und Morgen (Rafik Schami)

Alles fing mit einem Brief an, einem Brief von Nabil, seinem Freund aus Kindertagen. Valentin Samani, mittlerweile in den Sechzigern und pleite, traute seinen Augen nicht, als er das las. Nabil war krank, todkrank und er bot ihm Geld, viel Geld, wenn er ihn und seinen Zirkus doch nur noch einmal würde spielen sehen können, bei ihm zu Hause, in Arabien.

Valentin zögerte nur kurz, dann rief er seinen alten Freund an. Denn die Zeit drängte, das war ihm bald klar, denn die Lebenskörner rieselten schnell durch Nabils Sanduhr. Soviel gab es noch zu tun, bevor er aufbrechen konnte, eine logistische Meisterleistung war da nötig. Unerwartete Hilfe erhielt er indes von Pia, seiner neuen Postbotin. Sie um einiges jünger als unser Valentin, steckte voller Tagendrang und machte ihm Mut. Sie sah hinter seiner abgewetzten Kleidung noch den Glanz früherer Tage und den Wagemut eines Mannes, der immer unterwegs, eine ganz besondere Gabe hatte – denen die beladen waren, Freude zu bringen. 

Nabil erwartete indes seinen alten Freund voller Ungeduld, er wußte ja nicht, das von Valentins einst so umjubeltem Zirkus nur noch ein paar unbezahlte Artisten und entkräftete Tiere übrig geblieben waren. Endlich war es soweit, von Mainz bis Triest in Lastwagen, dann nach Ulania mit einem alten Frachtschiff – das Abenteuer konnte beginnen …

Rafik Schami, geboren 1946 in Damaskus. In Deutschland lebt er seit 1971, mittlerweile in München, wurde mehrfach preisausgezeichntet, unter anderem mit dem Hermann-Hesse-Preis. Er hat in Deutschland studiert und promoviert, aber nicht Literatur sondern Chemie, und er zählt mittlerweile zu den meistverkauften deutschsprachigen Autoren. Seine „Formel“ für eine erfolgreiche Geschichte: ein märchenhafter Erzählton, herrlich entspannt und kurzweilig. Ihm könnte Aladin die Wunderlampe gehalten haben. So üppig, leicht blumig und mit dem Blick auf das Positive geht er diesen Stoff an. Läßt er eine Figuren alle Hürden nehmen, ihr Schicksal meistern. Uns läßt er Zirkusluft schnuppern und dabei sein, wenn zwei alte Freunde sich wieder finden. Er läßt uns erleben, dass wahre Liebe kein Alter kennt und so oft viel mehr möglich ist als es scheint. Durch jede Satzritze strahlt hier die Hoffnung. Das ich Schami nach einer Empfehlung erst so spät für mich entdeckt habe, ist kaum zu glauben – das Gute daran, so habe viele schöne Geschichten von ihm noch vor mir …

In der Hörbuch-Fassung, liest Schami selbst den Prolog und übergibt dann das Staffelholz an Markus Hoffmann. Dieser übernimmt souverän und führt ohne Stolperer und anmutig durch diese Geschichte. Hoffmann hat für zwei seiner Lesungen goldene Schallplatten bekommen, ist nicht nur Hörbuch- sondern auch Rundfunksprecher und paßt wunderbar zu Schamis Ton. Eine runde Sache! 

13 Stufen (Kazuaki Takano)

Sonntag, 07.01.2018

Ob Good Wife, Suits, Ally McBeal – für gut gemachte Anwaltsserien hatte ich schon immer eine Schwäche. Im Zweifel für den Angeklagten, aus Mangel an Beweisen, berechtigte Zweifel. Wie eloquent, bisweilen spitzfindig sich hier die Anwälte und Richter mit Worten duellieren, auch schon mal um Kopf und Kragen reden. Wie gewiefte Ermittler Tatsachen an’s Licht befördern und Zusammenhänge herstellen, das hat für mich eine ganz eigene Spannung. Das amerikanische Rechtssystem lernt man in diesen Storys ganz gut kennen, mit dem japanischen hatte ich mich bislang noch überhaupt nicht beschäftigt. Auch nicht damit, das noch heute in Japan die Todesstrafe verhängt und vollstreckt wird. 

Wenn dann in einer Geschichte auch noch im Wettlauf gegen die Uhr ermittelt wird, um die etwaige Unschuld eines Todeskandidaten zu beweisen, was sollte mich da denn noch zurückhalten? Schaut mal …

13 Stufen (Kazuaki Takano)

Er lauschte angespannt auf die Schritte, die sich auf dem Flur näherten. Würden sie heute vor seiner Zellentür anhalten? Seit über sieben Jahres saß Kihara jetzt hier ein, in einer Zelle, im Todestrakt der Justizvollzugsanstalt Tokio, auf rund drei Quadratmetern und wartete. Wartete, dass sie ihn holen kamen. Viermal hatten sie in diesen sieben Jahren seine Revisionsanträge abgelehnt. Er selbst konnte sich weder an die Tat noch an den Tathergang erinnern. Auf der Straße, schwer verletzt, neben seinem Motorad liegend, hatte man ihn damals gefunden. Schädelbasisbruch, retrograde Amnesie. Dieser Gedächtnisverlust hatte ihm am Ende die Todesstrafe eingebracht. Denn seinem Anwalt war es nicht gelungen mit Hilfe seiner Erinnerungen die Tatvorwürfe der Gegenseite zu entkräften. Wie lange würden sie ihn noch warten lassen? Wie lange, würde er diese Angst noch aushalten können?

Dreizehn Instanzen waren notwendig um ein richterlich verhängtes Todesurteil zur Vollstreckung zu bringen. Analog den dreizehn Stufen, die historisch hinauf zum Galgen führten. Ohne das Kihara es selbst wahrnehmen konnte, hatte er jetzt nach sieben Jahres die fünfte Stufe erreicht. Acht Instanzen trennten Kihara jetzt noch vom Galgen. In Zeit gemessen, entsprachen diese acht Stufen in etwa drei Monaten …

Als der Dienstälteste der sieben Vollzugsbeamten den Lichtschalter betätigte und die Neonröhren den Exekutionsraum in flackerndes Licht tauchten, fiel Herrn Nangos Blick sofort auf die drei Taster. Einer dieser Taster würde morgen die Falltüre öffnen, die dem Delinquenten den Boden unter den Füßen wegzog. Drei Taster für drei Beamte waren es deshalb, damit am Ende keiner von den dreien wußte, durch wessen Knopfdruck der Häftling getötet worden war. Seine Aufgabe am morgigen Tag sollte es sein, dem Verurteilten die Füße zu binden und die Schlinge um den Hals zu legen. Dies war seine erste Hinrichtung. Morgen also war es soweit, nach fünf Jahren im Dienst, würden morgen seine beiden Hände einem Menschen den Tod bringen. Morgen also, würde er vom Beamten zum Henker werden …

Juni’chi Mikami hatte seine Familie rouiniert. Die Kneipenschlägerei, die mit dem Tod seines Gegners geendet hatte und für die er zwei Jahre ins Gefängnis gewandert war, hatte seinen Vater die Existenz gekostet. Sein Bruder hatte nicht mehr weiter zur Schule gehen können. Einen Mörder in der Familie zu haben, war ein Makel, den sie nicht hatten überdecken können. Jetzt, auf Bewährung entlassen, konfrontiert mit dem Elend der Eltern, die dies auch noch klaglos schulterten, begriff Juni’chi das Ausmaß dieses verhängnisvollen Abends vor zwei Jahren erst vollumfänglich. 

Dieses Jobangebot, es kam unvermutet, das in Aussicht gestellte Erfolgshonorar war schier unglaublich. Warum gerade er, ein Ex-Häftling? Wie sollte er es als ermittelnder Assistent einer Anwaltskanzlei schaffen einen Todeskandidaten vor dem Galgen zu bewahren?

Kazuaki Takano – geboren 1964 in der Präfektur Tokio, ist japanischer Schriftsteller und Drehbuchautor. „13 Stufen“ erschien in Japan bereits 2001 und ist sein erster Roman. In der deutschen Übersetzung und Hörbuchfassung ist er erst in diesem Jahr 2017 erschienen. Sein zweites Buch „Extinction“ wurde in Deutschland 2015 zuerst veröffentlicht und kletterte bis auf Platz 4 der Spiegel-Bestenliste.

Takano konfrontiert uns in den „13 Stufen“ mit seiner Sicht auf das japanische Rechtssystem inklusive der Todesstrafe. Gleich ob Notwehr oder Totschlag, Schuld, Reue oder Güte. Aufopferung, Rachedurst oder flammender Zorn. Meine eigene Einstellung zur Todesstrafe in einer modernen Gesellschaft kommt hier gleich mit auf den Prüfstand. Was ist mit all den Fällen, die eben nicht glasklar und eindeutig sind? Erlöst man durch einen schnellen Tod nicht sogar einen Täter von seiner Schuld? Wäre es nicht gerechter, ihn diese Last im Verlauf einer lebenslangen Gefängnisstrafe  ertragen, ja aushalten zu lassen? Was aber, wenn ein Täter gar keine Schuld, oder gar Reue empfindet? 

Interpretiert man Kant tatsächlich richtig, indem man in einem Rechtssystem die Todesstrafe installiert? Sagt dieser doch, das nur die absolute Vergeltung Gerechtigkeit schaffen kann? Wenn Gott Sündern vergeben kann, warum können wir Menschen das nicht auch? Wieviel politisches Kalkül steckt in einer Vollstreckung? Wie sonst kann es sein, dass bei dem System der dreizehn Instanzen in Japan, immer dann die meisten Hinrichtungen vollzogen werden, wenn die Regierung wechselt? 

Reue? Kann das glaubhafte Versichern von Reue den Opfern, den Hinterbliebenen jemals genug sein? Ist der Ruf nach Vergeltung nicht zwingend, notwendig und mehr als legitim? 

Darf man als Täter überhaupt auf Vergebung hoffen? Wie kann es gelingen, die Last einer Schuld zu tragen? Wird man, darf man als Täter jemals wieder Ruhe finden? War die Tat wirklich unausweichlich gewesen? Irgendwie heißt es für alle mit dem Alltag weiter machen, gleich ob Opfer oder Täter, Vollstrecker oder Helfer …

Dadurch, das und wie sehr Takano mich hier ins Grübeln und Wanken bringt, geht sein „13 Stufen“ für mich weit über einen normalen Krimi hinaus.

Der Wechsel der Blickwinkel und das sich dieser Roman immer eher mit der Sicht der Täter beschäftigt und hierbei deren Empathie für die Opfer nicht ausschließt, das hat man nicht häufig. Die Idee gar einen Täter zum Ermittler zu machen, ist noch ungewöhnlicher und für mich ein gelungener Kunstgriff. 

Durch die Kombination von Korrektheit, Disziplin und die japanischen Traditionen, die sich bis heute in deren Umgangsformen hinein getragen haben, erhält dieser Kriminalfall eine ganz eigene Note. 

Wir durchleben eine Schnitzeljagd, unter enormem Zeitdruck, bis alle Puzzlesteine an ihren Platz gefallen sind. Unterwegs warten so einige spannende Wendungen, und wir sind bisweilen auch mal auf falschen Fährten unterwegs. In einer versunkenen Tempelstadt gehen wir auf die Suche nach den letzten belastenden Beweisen, begeben wir uns mit den Ermittern in Lebensgefahr. Der Roman gipfelt in einem Katz und Maus-Spiel, einem variantenreichen Show-Down, bei dem auch Buddha seinen Beitrag zur Aufklärung leistet …

Wie Takano die Details der Hinrichtungen beschreibt, die mit einer Akribie vorbereitet und geprobt werden, machte mir eine Gänsehaut. Besonders, wenn man sich vor Augen hält, was es mit denen macht, die zum Henker ernannt, zum Vollstrecker bestimmt werden. Vor allem dann, wenn der Verurteilte bis zum letzten Atemzug um Gnade fleht, um sein Leben bettelt und beteuert, die Tat nicht begangen zu haben.

Was es mit denen macht, die Nacht für Nacht die Schreie der Delinquenten in ihren Träumen hören. Die Geräusche des reibenden Seils, des erstickenden Atems, das Brechen der Knochen nicht mehr verstummen wollen. Was es mit denen macht, die sich daran erinnern, dass es sechzehn Minuten gedauert hat, bis das Herz des Hingerichteten tatsächlich stillgestanden hat und er dann noch weitere fünfzehn Minuten im Seil hängen musste. Was es mit denen macht, die als dessen Henker, den Leichnam auch vom Seil abnehmen, reinigen und mit dem Totenhemd bekleiden müssen …

Hörbuch-Fassung, gelesen von Sascha Rotermund

Profi durch und durch. Zwei Hörbücher habe ich schon von ihm geniessen dürfen. Sprachlich und inhaltlich unterscheiden sich diese komplett von den „13 Stufen“. Rotermund beweist für mich, wie wandelbar er sich auf solche Unterschiedlichkeit einstellen kann. Glaubwürdig, klar und flüssig liest Rotermund diesen Text. Den japanischen Grundton transportiert er ganz wunderbar, sanft, schlicht und reduziert. Besonders sein Vortrag der Hinrichtungsszenen ist mir dabei wirklich unter die Haut gekrochen …

Das Parfüm (Patrick Süsskind)

Freitag, 05.01.2018

In der Musik nennt man sie Evergreens, in der Literatur Klassiker, in der Belletristik gibt es sie auch – Geschichten ohne Alter, Kultbücher. Letztens beim Aufräumen meines Bücherregals, bin ich auf ein solches Exemplar gestoßen. Der Schutzumschlag war mir über die Jahre verloren gegangen, unscheinbar, seltsam entblößt, kommt der rote Leineneinband daher. Rot, rot wie Blut, wie Leid und Verderben … Als ich es in die Hand nahm überlief mich ein Schauer. So war es mir damals auch ergangen. Wie lange ist das letzte Mal lesen eigentlich her? Irgendwann Ende der Achtziger mußte es gewesen sein. Als ich aufbrach, in meiner Leseentwicklung, vom Teenager zur Erwachsenen. Da gab es bei mir eine echte „Horrorphase“. Alle Bücher von Stephen King habe ich förmlich inhaliert, damals lag auch „Der Exorzist“ auf meinem Nachttisch und dieses Exemplar hier:

Das Parfüm (Patrick Süsskind)

17. Juli 1738. Es war einer der heißesten Tage des Jahres an dem Jean-Baptiste Grenouille geboren wurde. Seine Mutter, Mitte zwanzig, hochschwanger tat ihren Dienst an einer Fischbude auf dem Markt als die Wehen einsetzten. Es war ihre fünfte Niederkunft, allesamt Totgeburten, warum also sollte es diesmal anders sein? Auch heute würde das Neugeborene unter dem Tisch bei den Fischabfällen landen und von dort aus entsorgt werden, eine bewährte Methode. Aber heute war es anders, heute fing das blutige Bündel unter dem Tisch an markerschütternd zu schreien. Die Umstehenden waren entsetzt, als sie des Fundes gewahr wurden. Die junge Frau wurde verhaftet, abgeführt. Als sie dann auch noch unumwunden zugab, dass sie sich nicht weiter um das Neugeborene hätte kümmern wollen und es auch nicht der erste „Abgang“ sei, wurde ihr kurzer Hand wegen mehrfachem Kindsmord der Prozeß gemacht und sie verlor nur ein paar Wochen später bei einer öffentlichen Hinrichtung den Kopf.

Jean-Baptiste kam daraufhin zu einer Amme, aber diese Amme und auch die nächste und übernächste wollten den Säugling nicht länger als ein paar Tage behalten. Er sauge zu gierig, für die anderen Stillkinder ließe er nichts mehr übrig und es war eigentümlich, achtete man einmal genau, dieses Kind hatte irgendwie keinen Eigengeruch …

Herum gestoßen und ungeliebt wuchs Jean auf, ging als er alt genug war bei einem Gerber in die Lehre. Was für ein Gestank! Besonders für ihn. Schon früh bemerkte er, dass er mit einer besonderen Gabe ausgestattet war. Sein Geruchssinn war nicht nur bemerkenswert, sondern einzigartig. Das ihn sein weiterer Berufsweg dann nach Grasse in die Stadt der Parfümeure führte, war also nur konsequent. Dort komponierte und schuf er schon bald außergewöhnliche Düfte. Keine normalen Zutaten wollte er verarbeiten, nein, es mußte doch gehen auch Gegenständen ihren Duft zu entlocken, Metall, Glas – welches Verfahren konnte das? Die normale Destillation stieß hier an ihre Grenzen.

Dieser Abend in den Gassen von Grasse sollte sein Leben nicht prägen, nein er würde es auf den Kopf stellen. Der Duft dem er folgte war betörend und unvergleichlich. Als ihm bewußt wurde, zu wem er gehörte, hatte er sich der wunderschönen, rothaarigen jungen Frau auch schon von hinten genähert und sie erwürgt. Jetzt musste es ihm nur noch gelingen ihren Duft zu extrahieren und zu konservieren …

Patrick Süskind gilt als scheu, über die Entstehungsgeschichte seines Erfolgsromans ist daher bis heute nicht viel bekannt. „Das Parfüm“ erschien 1985 wurde in 48 Sprachen übersetzt, und bis heute weltweit über 20 Millionen mal verkauft. Damit gilt der Roman als einer der größten deutschsprachigen Bucherfolge des 20. Jahrhunderts. Neun !! Jahre lang behauptete er sich auf der Spiegel-Bestsellerliste und neun Jahre dauerte es auch, bis der Diogenes Verlag erstmals eine Taschenbuch-Ausgabe verlegte. 2001 verkaufte Süskind die Filmrechte an seinen Freund Bernd Eichinger. Fünf Jahre später feierte die Verfilmung dann Premiere.

Seine Geschichte und sein Mörder sind rein fiktiv, Recherche über Destillation und Parfümherstellung jedoch sind fundiert und historisch genau recherchiert, wie auch viele andere Inhalte des Romans. Meisterhaft verwoben hat Süskind Fiktion und Fakten, so habe ich erst geglaubt Grenouille ist als Serienmörder ebenso real wie „Jack the Ripper“. 

Sprachlich immer noch jung, eine eigenartige Faszination, ja Hassliebe verbindet mich mit seiner Hauptfigur. Fürwahr ein Klassiker, einer der besten Thriller, die mir je zwischen die Augen gekommen ist. Nein, eigentlich paßt diese Einordnung nicht, dieser Roman ist Sittengemälde, Krimi, Parabel, historische Erzählung und Lehrbuch gleichermaßen. Neben spannender Unterhaltung lernt man eine Menge über Parfüm, Ingredenzien, Herstellungsverfahren. Ein guter Duft ist mindestens genauso verlockend wie ein gutes Buch. Kein Wunder also, dass diese Kombination eine außergewöhnlich gute Geschichte ergab …

Das Glück liegt in den kleinen Dingen …

… oder in einem Augenblick, so sagt man.

Man kann es jagen, finden und verlieren, genießen oder auch zerstören. Ganz gleich, was Ihr Euch für dieses Jahr vorgenommen habt, ob Ihr Glücksritter oder Glückskind seid, ich wünsche Euch einen ganz Sack voll Glück, Zufriedenheit, Liebe und Gesundheit.

Ich freue mich auf ein weiteres Jahr mit Euch, es gibt noch so viele schöne Geschichten zu entdecken. Möge auch in Ihnen eine Prise Glück für uns stecken, eine Prise Leseglück  …

Nachdem Fontane mir den guten Vorsatz für dieses Jahr geliefert hat, möchte ich mit Hermann Hesse dieses Jahr beginnen, denn er hat von Beginn an, mit seinen Versen einen festen Platz in meiner „Apotheke“:

Glück     (Hermann Hesse) ausDie Gedichte„, InselTaschenbuch, Seite 286

  • Solang du nach dem Glücke jagst,
  • Bist du nicht reif zum Glücklichsein,
  • Und wäre alles Liebste dein.
  • Solang du um Verlornes klagst
  • Und Ziele hast und rastlos bist,
  • Weißt du noch nicht, was Friede ist.
  • Erst wenn du jedem Wunsch entsagst,
  • Nicht Ziel mehr noch Begehren kennst,
  • Das Glück nicht mehr beim Namen nennst,
  • Dann reicht dir des Geschehens Flut
  • Nicht mehr ans Herz, und deine Seele ruht …

    Bleibt neugierig!

    Von Herzen, Eure Petra