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Unterleuten (Juli Zeh)

Sonntag, 20.08.2017

Welche Blüten der Windkraft-Subventions-Wahn in Rheinland-Pfalz getrieben hat, kann man auf den Höhen des Hunsrücks mittlerweile in unterschiedlichster Ausprägungen live erleben. Ganze Wälder dieser Beton-Kolosse sind auf den Freiflächen der Hochplateaus entstanden, das trotz mieser Energie-Bilanz. Den so gewonnenen Strom kann man immer noch nicht speichern, bei den häufig zu hohen Windlasten stehen die Räder sogar still. Die Tiefe der notwendigen Fundamente lassen den Grundwasser-Spiegel absinken, zerstören das Wurzel-Netzwerk auch weiter entfernter Waldstücke. Zahlreiche Bürger- und Umwelt-Intiativen haben sich gegründet und streiten gegen leere Gemeindekassen an. Die Energiewende in Deutschland – sie hat schon so manche funktionierende Dorfgemeinschaft in unserer Umgebung gesprengt …

Unterleuten (Juli Zeh)

Herzlich willkommen in Unterleuten! In einem Dorf wie viele andere. Mit Bewohnern, wie Sie, wie Du, wie ich. 

Hier treffen Städter auf „Landflucht“ mit Platzhirschen und Großgrundbesitzern zusammen. Entscheidungen zum Wohl und Wehe der Bürger werden nach Gutsherrenart getroffen, frei nach dem Motto „Eine Hand wäscht die andere“. Alte Feindschaften, alte Seilschaften, neue Freundschaften werden gepflegt und die „Alten“ wissen was gut für alle ist. Dumm nur, dass ausgerechnet die Neubürger in der aufkeimenden Windkraftdebatte ständig Ärger machen und alle ach so sorgfältig unter dem Teppich versteckten Häufchen herauszukehren versuchen …

Ehegattinen die Partei ergreifen, werden hier schon mal unter umkippenden Gartenzäune begraben. Schwer verliebte IT-Nerds tun für das Lieblingspferd der Freundin einfach alles, das auch schon mal unter Zuhilfenahme eines Selbsthilfe-Forums für die Partner „pferdeverrückter“ Frauen. Schriftsteller die nur dann schreiben können, wenn sie den ganzen Tag und zwar jeden Tag Rasentraktor gefahren sind, befinden sich in heftigem Zweikampf mit dem Ortsvorsteher. Über-Mütter und Vogelschützer wehren sich erbittert gegen gewissenlose Großbauern, politische Ränke und Intrigen inclusive. 

Touristen auf „Kampfläufer-Safari“. Die Kampfläufer selbst, eine bedrohte Vogelart, treten mit Gelassenheit den kapitalistischen Begierden nach Windkraftanlagen entgegen.

Was den einen Heimat, ist vom LKA gesuchten Verbrechern eine Zuflucht. Im Parzellenpoker um Eignungsgebiete streiten sich die Parteien, dass die Fetzen fliegen. Hierbei heiligt der Zweck die Mittel, ob Dutz-Offensive oder wahre Unsummen, was zugelassen wird ist legitimiert.

Hier hat offenbar jeder mit jedem eine Rechnung offen. Ein Dorf wie im Fieber. Wie D-Züge aus rasender Fahrt prallen die Streithähne aufeinander. Rußschwangere Feuer sorgen für besinnungslosen Zorn auf der einen und für Machtlosigkeit auf der anderen Seite. Neid, Mißgunst und Fanatismus haben sich wie ein Virus ausgebreitet. Der Kitt der bislang Paar-Beziehungen zusammengehalten hat, beginnt unter dem Dauerfeuer des Dorfes zu bröckeln …

Herzlich willkommen in Unterleuten!

Juli Zeh wollte einen Gesellschaftsroman schreiben. Das hat sie geschafft und wie! 2016 veröffentlicht, erzählt sie aus einem fiktiven Dorf, das sie in Brandenburg verortet, von Verbündeten die zu Feinden werden, von Leidenschaft, ja Besessenheit, sitzt dabei quasi im Kopf ihrer Figuren. Aus unterschiedlichen Blickwinkeln erzählt sie ihre Geschichte. Wie unter einem Mikroskop betrachtet sie dabei das Dorfleben. Sie seziert Befindlichkeiten, Eigenheiten, Eigeninteresse und Vorurteile. Beinahe beängstigend lebensecht versammelt sie dabei ein buntes Völkchen in ihrem Unterleuten. Von je her auf dem Dorf wohnend, fand ich mich hier nicht nur einmal wieder. Erschreckende Paralellen drängten sich mir auf. Hut ab auch vor dieser Erzählkunst. Feinhumorig mildert sie die Tragik der Ereignisse. 

Keine menschliche Eigenschaft scheint Juli Zeh fremd zu sein, alle zeichnet sie scharf, präzise auf den Punkt und mit einer für mich sehr schlichten, sachlichen Art. Aus Tätern werden Opfer, aus Schuldigen Unschuldige, ein Verwirrspiel! Die Perspektiven wechseln in rascher Folge, als Leser muss man sich immer wieder selbst neu justieren. Wem ist man bereit Glauben zu schenken, wer hat das eigene Vertrauen mißbraucht?

Was hat mir am Besten gefallen? Ganz klar – das „dicke Ende“, fulminant und zwangsläufig. Im Sterben wie im Leben konsequent, würde ich da mal sagen, Mann oh Mann!

Hörbuch vs. Roman:

Helene Grass macht in der Hörbuchfassung ihre Sache als Vorleserin gut, kann mich aber nicht abholen. Sie schafft es nicht die Eindringlichkeit herzustellen, die das geschriebene Wort erreicht. Nach den ersten gehörten Teilen hätte ich beinahe schon aufgegeben, haderte auch bisweilen mit ihrer Stimmfarbe und Intonation. Bin dann für einige Kapitel zum Lesen gewechselt, bis ich richtig drin war in der Geschichte. Juli Zehs Sätze hallen gelesen im Kopf viel stärker nach. Eine für mich erstaunliche Erfahrung, hatte ich Hören und Lesen bislang nahezu gleich gewichtet, bzw. dem Hören ganz bewußt und ohne Reue den Vorzug gegeben. Konnte doch schon so mancher Vorleser nach meinem Empfinden dem Geschehen noch einen Mehrwert entlocken. Meine Entscheidung, welche Texte ich künftig höre und welche ich lese, werde ich hiernach noch sorgfältiger überlegen …

Petra’s Log Buch Teil 4 

von Longyearbyen (Spitzbergen) nach Akureyri (Island) in 1.040nm

Donnerstag, 06.07.2017, vierter Seetag

Die längste See-Etappe unserer Reise. Wieder werden wir zwei Tage ohne Hafen unterwegs sein. Die ältere Dame, die wir beim Frühstück getroffen haben, kriegt hoffentlich keinen Koller. Meinte sie doch vorhin, wenn sie nicht bald mal wieder einen Baum zu sehen kriege, werde sie verrückt …

Heute zeigt uns das Meer, dass es nicht nur ein „grau“ gibt. Hellgrau, dunkelgrau, graublau, anthrazitfarben liegt die Barentsee vor uns, nach dem wir Spitzbergen wieder verlassen haben. Die Sonne zaubert Spots wie flüssiges Silber auf das Wasser, die Meeresoberfläche liegt glatt wie ein See vor uns. Wie Inseln liegen diese Spots im Dunst. Ist das da Land, oder eine Wolkenspiegelung am Horizont? Wir diskutieren wieder. Ich würde da immer mehr sehen meint mein Mann. Ja, das stimmt wahrscheinlich, denn so hoch oben auf Deck 12 sehe ich nicht nur mit den Augen, sondern auch mit dem Herzen.

Moment mal, das da war aber jetzt wirklich eine Wal-Fontäne! Nein, zwei, gleich nebeneinander! Also doch, es gibt sie hier tatsächlich im Polarmeer zu dieser Zeit. Werden sie sich noch mehr zeigen? Einen Kopf, eine Rücken- oder gar eine Schwanzflosse? Gespannt fixieren wir den Horizont. Nein, leider nicht! Für heute tauchen sie ab und nehmen die Bilder von glänzenden Walleibern, die in unseren Köpfen entstehen, wieder mit sich in die Tiefe … 

Um 20:00 Uhr wartet unser Stammplatz im Klanghaus auf uns. Das mich eine Geige so anfassen kann, das mir bei den ersten Tönen die Tränen in die Augen schießen ist nicht neu. Das eine Geige aber Töne hervorbringen kann, die sich wie ein hohes Pfeifen anhören schon. Ein Cello beschwört die Dünen einer Wüste herauf, eine Karawane zieht durch den heißen Sand, dann schwedische Mädchen mit Blumenkränzen im Haar, eine Folklore-Tanzgruppe in der Pußzta. Töne erschaffen nicht nur Klangbilder! 

Was für ein Kontrast! Travestie im Theater mit einem Gastkünstler, Chris Kolonko, der auch schon in good old Las Vegas aufgetreten ist. Steppen kann er und die Männer im Allgemeinen, sowie die in der ersten Reihe im Besonderen, in Verlegenheit bringen. Sehr cool! So jetzt muss ich aber ab in die Heia – morgen will ich wieder früh raus. 

Freitag, 07.07.2017, fünfter Seetag

Ein Staubsauger weckt mich, verdammt, ich habe verschlafen. Zweimal die Uhr umgestellt und ich bin komplett daneben. Meine Augen fühlen sich noch ganz sandig an. Andreas schläft noch, als ich die Wäscheklammern vom Vorhang nehme, die Nachts die Helligkeit aussperren sollen. Erst mal sehen, ob man überhaupt was sehen kann. Mein WOOOW! weckt Andreas. Ich stolpere auf der Suche dem Fotoapparat über meine Hausschlappen, ach ja, Jacke anziehen wäre besser. In Schlafanzug und Fleecepulli stehe ich auf dem Balkon. Vor mir ragt bei strahlend blauem Himmel ein Vulkankegel auf, der rund 2.000m hoch ist, schneebedeckt wie der Fujiama. Ruck, Zuck ist auch Andreas bei mir, er kocht uns einen Kaffee, bringt mir eine Kuscheldecke – mich bringt hier erstmal nichts weg! Häufigst vernebelt, zeigt sich die kolossale Insel heute von ihrer Schokoladenseite und wir haben schon wieder ein Mords-Glück, unsere Kabine liegt auf der richtigen Seite für diese Passage – gut gepokert! Danke auch an unseren lieben Kabinen-Stewart, der uns ganz umsichtig und noch rechtzeitig mit seinem Staubsauger geweckt hat. Ein Goldstück!

Jan Mayen – die einzige Insel im Polarmeer zwischen Spitzbergen und Island gehört zu Norwegen, ist unverkennbar vulkanischen Ursprungs und Naturschutzgebiet. Nach einer Stunde Sonnenbad auf unserem windgeschützten Balkon wird Jan Mayen immer kleiner am Horizont und wir verabschieden uns zum Frühstück. Ich habe doch tatsächlich schon wieder Hunger …

Samstag, 08.07.2017, Akureyri (Island)

Wir sind zeitig auf den Beinen, heute geht es für einen ganzen Tag über Land. Noch bevor unser Schiff fest macht und das Lotsenboot uns längsseitig wieder verläßt (witzig die fotografieren uns!) genießen wir bei strahlendem Sonnenschein den Blick auf die Bucht am Ende des Fjords. Diese Gewässer sollen besonders reich an Walen sein, also heut ist wieder aufpassen angesagt.

Das erste Etappenziel unseres Ausflugs ist der Godafoss, der Wasserfall der Götter. Welches Ereignis hier namensgebend war, da streiten sich die Gelehrten. Häufig wird angenommen zur Zeit der Christianisierung Islands hätten hier die Wikinger ihre Götzenstatuen ins Wasser geworfen um ihrem Glauben abzuschwören. Wir haben schon wieder das herrlichste Wetter. In Pastelltönen liegt dieser Morgen über Nordisland. Die Luft ist klar und das Wasser im Fall schimmert hellgrün.

Eine Schlucht, durch die das klare Wasser stürzt, verbindet zwei Fälle miteinander. Hufeisenförmig, wie aus dem Bilderbuch, der Hauptfall mit einer Breite von 30 Metern und einer Höhe von rund zwölf Metern. Besucher aus aller Welt drängen sich am Rand um die besten Plätze, um einen Blick auf die schönste Stelle zu erhaschen. Auf die Stelle, über die sich heute früh ein Regenbogen spannt. Ich stehe da und staune schon wieder mit offenem Mund. Was für eine Kulisse! Andreas klettert derweil wagemutig über in den Felsen gehauene Stufen abwärts, bis zum Ufer unterhalb des Hauptfalls. Wie sagt er immer so schön – für ein gutes Foto muß man alles machen. Ich beobachte ihn etwas ängstlich, bis er unbeschadet wieder an den oberen Rand des Falls heraufgekraxelt ist. 

Nach diesem beeindruckenden Auftakt geht es weiter zum Myvatn See. Als die Reiseleiterin uns noch im Bus übersetzt was Myvatn See heißt, nämlich Mücken See, fällt es mir auch wieder ein. Na toll! Gestern am Abend hatte ich es noch im Reiseführer gelesen und die armen Touristen verlacht, die hier alljährlich arglos ankommen und gegen die Mückenschwärme kämpfen. Unser eigens mitgebrachtes, tropenerprobtes Insektenschutzmittel steht sicher in unserer Kabine auf dem Schiff. Es geht halt nix über eine gute Reise-Vorbereitung …

Zum Glück stechen diese Mücken nicht, sie fallen uns Menschen nur lästig. Den nur hier vorkommenden Enten und anderen Vogelarten sind sie dagegen Nahrungsgrundlage und Delikatesse. Das tröstet doch! Also dann, unser Busfahrer erinnert uns beim Aussteigen noch, bevor er die Türen aufmacht, dass wir in den Bus eindringende Mücken bitte nicht innen an den Scheiben erschlagen sollen. Es würde ihm immer so viel Mühe machen, die Leichen wieder abzukratzen. Super – dann auf in den Kampf! Mit eingezogenem Kopf steige ich aus und warte darauf, dass mich die Mückenschwärme umzingeln. Mich haben die Mücken auf der ganzen Welt ja ach so lieb. Und? Vereinzelt brummt es, aber es ist nicht weiter schlimm. Schon wieder Glück gehabt. Ob es jetzt am frühen Morgen, dem Wetter oder meinem stets mitgebrachten „Mückenmagnet“ Andreas liegt – egal – ich kann unseren Spaziergang ungestört genießen, und auch Andi bleibt unbeschadet.

Eingebettet in eine riesige Seenlandschaft liegen hier zahlreiche Pseudokrater. Diese Krater von Skutustadir haben selbst nie gespuckt, sie sind aus quasi aufgeplatzten Blasen der zähflüssigen Lava entstanden. Viele sind mittlerweile komplett bewachsen, das satte Grün läßt die Hügel ganz sanft wirken. Am Bewuchs läßt sich erkennen, dass es sich um ein altes Lavafeld handelt, lernen wir.

Mit ausgestrecktem Arm deutet unser Guide in die Ferne, bei bester Sicht ist heute sogar der große Vulkan Islands mit seinem riesigen Gletscher erkennbar, der Vatnajökull. So grün hatte ich mir Island gar nicht ausgemalt. 

Das Lavafelder auch ganz anders aussehen können, erleben wir bei unserem nächsten Stopp. Wie ein Gebirge türmen sich hier die erkalteten Gesteinsmassen von Dimmuborgir („Dunkle Burgen“) auf einem Areal von mehr als einem Quadratkilometer auf. Die erkaltete Hinterlassenschaft eines riesigen Lavasees, rund 2.000 Jahre alt. Schafft man es hier mit dem Blick und dem Herzen eines Kindes durchzuwandern kann man zwischen in den groben Basalttürmen Trolle, Hexen und andere märchenhafte Wesen erkennen. Für viele Isländer gehören Trolle zu ihrem Leben dazu, es gibt hier sogar Touren wo man geführt auf ihren Spuren wandern kann. Ich lasse die Gruppe erst mal vorgehen, tatsächlich verstummt nach einigen Minuten das Stimmengewirr um mich her. Andreas hat sich ebenfalls allein abgesetzt. Man kann den Wind durch die Spalten der bizarren Gebilde pfeifen hören wenn man acht gibt. Die Sonne steht so hinter den Lavabergen, dass sie wie Schattenrisse wirken. Sich vorzustellen, dass all dies einmal flüssig war und rot glühend krieg ich gar nicht hin. Ein Irrgarten der besonderen Art!

Eine Pause um die Eindrücke der ersten Tageshälfte zu verdauen tut jetzt gut. Wie auf Bestellung, Island-Pferde – wie wäre es vor dem Mittagessen mit einem Selfie mit Pferd?Einige der Mitreisenden versuchen es zumindest, die hübschen Pferdchen, die ich mir kleiner vorgestellt hatte, nehmen die Glimmzüge der Touris am Zaun sportlich. Isländische Gelassenheit halt – Wir fallen mit der Gruppe zu einem traditionellen isländischen Essen in ein Hotel ein. Als erstes werden jetzt mal die Toiletten erobert 😉

Zu Mittag gibt es in dem kleinen charmanten Hotel Lachsforelle, Pellkartoffeln und Salat. So gut, unverstellt und bodenständig, dass ich mir gar nicht vorkomme wie auf einem touristischen Ausflug, sondern so als hätten Freunde zum Essen eingeladen. Ob wir zu Hause allerdings eine so gute Lachforelle hätten organisieren können bezweifle ich. Das es in Island den besten Fisch gibt, ist also keine Mär! 

Nachdem Mittagessen brechen wir erneut auf und ganz plötzlich, wie abgeschnitten ändert sich die Landschaft. Auf unserem Weg ein weiterer Hot Pot, ein isländisches Freibad und dann stecken wir auch schon inmitten dieser bunten Berge. Die Klimaanlage schaufelt schon die ersten schwefeligen Schwaden in den Bus noch bevor wir sehen können wo sie herkommen. Der Bus schraubt sich weiter die Bergkehren hinauf in die Höhe. Fassungslos starre ich aus dem Fenster, wenn es ein Bild von Island gegeben hatte, was ich in meinem Kopf verankert hatte, dann war es das hier. 

Für eine Mondlandschaft ist die Erde viel zu farbig, nur auf dem Mars ist sie vielleicht noch so heiß. Es dampft aus allen Spalten, Löchern und Ritzen. Das sehe ich schon von meinem Bussitz aus. Gerade so kriege ich noch mit, wann wir wieder zurück sein sollen, ich muß unbedingt sofort da raus. Andreas kann mir eben noch meine wasserdichte Hose verpassen, er meint es ziehe ein Wetter auf, dafür habe ich längst keinen Blick mehr. Im Ohr behalte ich aber den Hinweis nicht zu nahe an die Löcher heranzutreten und unbedingt auf den abgesteckten, markierten Wegen zu bleiben. Unvorsichtig staunenden haben Spritzer der flüssigen Erde schon das Fleisch von den Knochen gesengt!

Ich hüpfe gerade in meine Schmutzhose, als die ersten Tropfen fallen. Setze meine Kapuze auf und spurte los, mitten rein in dieses Solfataren – Feld. So nennt man auf Island diese blubbernden, schwefeligen Löcher. Es regnet nur leicht und fasziniert sehe ich zu wie die Tropfen beim Auftreffen auf die heiße Erde zischend verdampfen. Das ist mein Island, genau hier wollte ich her, ich habe einen Kloß im Hals! Hier wo die Erde noch im Werden, geologisch gesehen noch ein Baby ist, so muss es in Dantes Hölle riechen. Kommt man dem Dampf näher stinkt es so dermaßen, es ist unglaublich und es gefällt mir empfindlichen Primel trotzdem. Schon nach wenigen Minuten brennen mir die Augen, ich habe Mühe sie noch offen zu halten um zu fotografieren. Die Tränen die mir über das Gesicht laufen ignoriere ich ebenso wie den mittlerweile stärker werdenden Regen. So was habe ich noch nicht erlebt! Die Erde ist durch die Sohle meiner dicken Wanderschuhe hindurch spürbar warm und in den Löchern vor mir brodelt der Schlamm. Wie riesige Pötte mit Schokoladenpudding, den man nach dem Einrühren noch einmal aufkocht. Rund um die Erdlöcher kann man mineralische Ablagerungen in den unterschiedlichsten Farbtönen sehen. Überall umher zischt der Dampf. Unversehens gerate ich auf meinem weiteren Weg in einen Schwefel-Dampf-Nebel, der Wind hatte gedreht. Der heißte Dampf umgibt mich in Windeseile und meine Brille beschlägt. Ich weiß plötzlich nicht mehr wo vorne und wo hinten ist. Das das so warm ist, obwohl ich nicht dicht an der Austrittsstelle stehe  – ein Wahnsinn! Man müsste Schriftsteller sein um diese Eindrücke so in Worte fassen zu können, dass sie auch nur annäherend wiedergeben was das hier mit mir macht. Das hier fasst mich wirklich an! 

Als uns unsere isländische Führerin auf dem Weg hierher erzählt hat, das der Vulkan Hekla schon seit einigen Jahren für einen Ausbruch überfällig ist und deshalb engmaschig von Seismologen überwacht wird, war das vor dem Aussteigen aus dem Bus noch ganz weit weg. Was für ein unglaublicher Druck hier unter der Erdkruste herrscht und das die Isländer wahrlich so leben, als würden sie täglich auf einem Vulkan tanzen, könnte sie uns nicht anschaulicher gezeigt haben. Die große Gelassenheit, die Besonnenheit mit der die Isländer ihre Natur annehmen, ist mehr als beeindruckend. 

Auf dem Rückweg zum Schiff plaudert unsere Reiseleiterin auf uns ein. Sie erzählt jetzt von sich. Viele Isländer haben einen kreativen Nebenjob, malen, zeichnen, machen Musik. sie im Hauptberuf Polizistin, führt in ihrer freien Zeit Besucher über die Insel. Schon als Kind von neun Jahren hatte sie Deutsch lernen wollen. Für die Isländer ist bereits in der Grundschule eine Fremdsprache Pflicht, schließlich verstehe man die sie ja im Rest der Welt nicht mit ihrer eigentümlichen Sprache – und Sie, sie hat sich für Deutsch entschieden. Daran und an ihrer Berufswahl ist eine deutsche Krimiserie schuld. Ausgerechnet Derrick mit Horst Tappert und Harry haben ihr Leben geprägt. Putzig, wie sie bei ihrer Erzählung die Worte verdreht und man ihren isländischen Akzent charmant durchhört. Marie, fare well, dich werde ich wie diesen unglaublichen Ausflug noch sehr lange in Erinnerung behalten!

Auf Wiedersehen Akureyri, schweren Herzens nehmen wir am Abend schon Abschied von der viertgrößten Stadt Islands mit rund 18.000 Einwohnern am Fjord Eyjafjördur. Auf der größten Vulkaninsel der Welt werden wir zum Glück noch einen weiteren Hafen anlaufen. 

Schiff ahoi – ein Wiedersehen gibt es in Reykjavik!

Die wundersamen Koffer des Monsieur Perle (Timothée de Fombelle)

Sonntag, 13.08.2017

Habe ich einen Märchen-Tick? Die einen sagen so, die anderen sagen so … 

Wie gerne bin ich dem Kaninchen in „Alice im Wunderland“ gefolgt. Ach, hätte mich doch „Peter Pan“ nur einmal nach Nimmerland mitgenommen. Im Musical „Der Zauberer von Oz“ bin ich mit Judy Garland und ihrem Hund Tota auf den Flügeln eines Tornado-Wirbels mitgeflogen. Cornelia Funkes Tintenwelt, oder auch ihre Reckless Geschichten habe ich jetzt noch, als Erwachsene, mit Freude gelesen. Überlegt mal, einfach hin in eine andere Welt und wieder zurück – wenn das so einfach gelänge …

Koffer! Sie sind doch überhaupt und absolut faszinierend, oder? Als Mädchen bewahrte ich meine Schätze darin auf. Versteckte sie unter dem Bett. Jederzeit wollte ich einen griffbereit haben, sollte ich denn einmal kurzfristig aufbrechen müssen. Jeden Abend konnte doch Peter Pan an’s Fenster klopfen. Kein Wunder also, dass mich der Titel, Klappentext und Cover dieses Romans magisch angezogen haben. Schaut mal:

Die wundersamen Koffer des Monsieur Perle (Timothée de Fombelle)

Sie war zu spät gekommen! Alles war zu spät. Für ihn hatte Sie die Unsterblichkeit aufgegeben, ihr Dasein als Fee. Ohne Reue, ohne Bitterkeit erfüllt von einer großen Dankbarkeit, dankbar dafür mit ihm leben zu können. Sein verlassener Körper im Sand, wie tot, mit weit offenen Augen. Der Bann hatte gewirkt – er war fort. Vertrieben in eine Welt zu der ihr jeglicher Zutritt verwehrt war und ihm jede Rückkehr zu ihr unmöglich …

Als Jacques Perle, vor seinem Laden für Schaumzucker, den Jungen entdeckte war er gerade mit einer unentschlossenen Kundin beschäftigt. Fünfzehn oder vielleicht sechzehn konnte er sein, völlig durchnässt stand er da und starrte auf sein Ladenschild. Kurzentschlossen ließ Monsieur Perle seine Kundin stehen, nahm einen Regenschirm, trat hinaus auf die Straße, faßte den vor Kälte zitternden Jungen am Arm und half ihm ins Trockene seiner Maison Perle. Der Junge schien kein Französisch zu verstehen, folgte ihm aber bereitwillig. Perle und seine Frau brachten den fremden Jungen im Zimmer ihres Sohnes unter. Er mußte etwa das Alter ihres Joshuas haben, ihres einzigen Sohnes, der vor zwei Jahren gestorben war. Vielleicht würde er vermißt, vielleicht wollte er nicht bleiben – man würde sehen …

Die beiden Gendarmen waren jetzt schon zum zweiten Mal gekommen und sie verlangten mit Nachdruck nach Jacques Perle. Sie wollten einfach nicht glauben, dass sein Sohn tot war, gleich wie eindrücklich er dies Tage zuvor schon beteuert hatte. Dem Wehrdienst wolle er sich sicher entziehen, immer diese Juden – das war es was sie dachten, auch wenn sie es nicht laut aussprachen. Als der fremde Junge Joshuas Namen nahm und die Maison Perle mit den Gendarmen verließ um in einen Krieg zu ziehen der nicht seiner war, kam er sich vor wie ein Hochstapler. 

Ilian alias Joshua Perle verdankte ihm sein Leben. Die Kugel, die die Brust von Brahim El Fassi durchschlagen hatte, hätte ebenso ihn treffen können. Nur mit viel Glück hatten sie sich unter diese Brücke im nahen Wald retten können. Brahim hatte viel Blut verloren und der Tod hatte bereits die Hand nach ihm ausgestreckt. Ilian, sonst ebenso so schweigsam wie sein alter Regimentskamerad, begann von sich zu erzählen um ihn mit seinen Worten warm zu halten. Niemals hatte er davon erzählt wo er hergekommen und was geschehen war, jetzt sein Geheimnis einem Sterbenden anzuvertrauen erleichterte ihn. Brahim hörte zu, die Erzählung Ilians führte ihn in Gedanken fort in das Dorf aus dem er gekommen war, ein Dorf von Sand bedeckt. Er überlebte diese Nacht und nicht nur diese, wie unsichtbare Fäden hatten die Worte seines Kameraden ihn zurück ins Leben gezogen und ein festes Band zwischen den beiden geknüpft.

Die Schuppe der Sirene, Brahim hatte sie für ihn mit seinem Leben verteidigt – er hatte sie verloren. Soviel Hoffnung! Soviel Hoffnung hatte er darauf gesetzt, dieser winzige Hinweis könne ihm ein Wegweiser werden, eine Tür aufstoßen um zurück zu finden, zurück in seine Welt …

Timothée de Fombelle lebt mit seiner Familie in Paris. Er schreibt seit Jahren erfolgreich, wurde bereits mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet., nominiert war er mit „Vango“ für den deutschen Jugendliteraturpres. Vor mir hat er sich bislang komplett verborgen und ich bin heilfroh ihn mit dieser Geschichte für mich entdeckt zu haben. Wer sich nicht sicher ist, ob er sich für Fantasy begeistern kann, aber Märchen mag, der ist hier richtig. Dabei ist es völlig egal, dass es ein Jugenbuch ist. Fombelle hat eine Stimmung gezaubert, die mich an die Weihnachten meiner Kindheit erinnert hat. Daran könnten auch die tollen Schaumzucker Gebäcke ein wenig Schuld sein und die Atmosphäre der Maison Perle, die er so schön zeichnet. Er schreibt in einer Art Rückblendentechnik und bettet wie auf Daunen sein Märchen ins Hier und Jetzt. Sprachlich wunderbar, verträumt, melancholisch und sehr anrührend – da werde glatt ich Prakmatiker zum Romantiker und das will schon was heißen …

Dankeschön für die großartige Übersetzung an Tobias Scheffel und Sabine Grebing, die ich wirklich sehr genoßen habe. 

„Jedes Mal, wenn jemand sagt: Ich glaube nicht an Feen, fällt irgendwo eine Fee tot um“. (J. M. Barrie, Peter Pan).

Petra’s Log Buch Teil 3

von Honningsvag (Nordkap) nach Longyearbyen (Spitzbergen) in 528nm

Dienstag, 04.07.2017, dritter Seetag

Die letzten Nachtausflügler vom Nordkap sind aufgesammelt, um 4:00 Uhr früh heißt es Leinen los und auf nach Spitzbergen, das wir am 05.07. gegen 9:30 Uhr erreichen werden. Das Thermometer verspricht sonnige 7 Grad und eine leichte Brise aus Südwest. Kein oder kaum Wind also und trotzdem Dünung? Die Ausläufer eines Island-Tiefs machen das möglich. Auf den Fluren scheint es bei diesem Seegang Löcher zu geben, immer wieder tritt mein Fuß in eine Senke. Besonders auf den Treppen heißt es jetzt gut acht geben, schnell verfehlt man da mal eine Stufe. Würde uns einer beim Gehen auf den langen Fluren beobachten, könnte er meinen wir hätten schon kurz nach dem Frühstück einen im Tee … Leicht schwankend erreichen wir das Theater, hier stimmt uns ein kurzweiliger Vortrag unserer Bord-Lektorin auf den nächsten Hafen in Spitzbergen ein. Ich freue mich auf die Ruhe des heutigen Seetages und darauf einfach mal so einen Tag verdaddeln zu können. Am Abend gibt es ein Konzert „Pop goes Classic“. Das Trio aus Piano, Cello und Geige besteht ganz eindeutig aus Beatles – Fans, interpretiert Hey Jude aber ebenso leidenschaftlich neu wie Nothing else matters von Metallica, oder auch We are the champions von Queen. Das macht Laune. Ach ja, ins Theater wollen wir ja auch noch, heute steht eine Premiere an, es gibt eine Tanz-Show, irgendwer hat noch einen Koffer in Berlin. U.a. zu den Klängen von Peter Fox „schwarz zu blau“ zeigt das Tanz-Ensemble was es drauf hat. Das nenne ich mal ein kontrastreiches Abendprogramm, als Landei genieße ich dieses Angebot in vollen Zügen. Voll von freudiger Erwartung auf die nächsten Eindrücke beschließen wir den Tag.

Mittwoch, 05.07.2017, Longyearbyen 

Wie immer ist unser Kapitän pünktlich. Es ist deutlich an den Temperaturen zu merken, das wir noch weiter nach Norden voran gekommen sind, draussen nieselt es leicht und es hat zwei Grad. Jetzt weiß ich wieder, warum ich lange Unterwäsche, Mütze, Schal und dicke Socken eingepackt habe. Inclusive der Winterstiefel ziehe ich heute alles an, soviel steht fest, denn der Nasen-Test auf dem Balkon hat ergeben, es ist „ars…-kalt“ da draußen. Zum Glück sorgt hier der Golfstrom für ein vergleichsweise mildes Klima an den Küsten, sonst hätte ich mir wohl noch eine Wärmflasche in den Parka gestopft 😉…

Spitzbergen. Die Namensgeber des Eilands ragen wie Zuckerhüte auf und sind schon von weitem zu sehen. Heute haben sich zahlreiche Wolken an ihnen aufgehangen, es sieht aus, als hätten ihre Gipfel Zuckwatte durchstoßen. Auf Norwegisch heißt Spitzbergen „Svalbard“, das meint „raue Küste“, auch dieser Name ist Programm. Karg, aber nicht eintönig. Eine Küste die Jahr ein, Jahr aus Winterstürme aushält, die wir Mitteleuropäer uns gar nicht erst vorstellen mögen. Eiskalt, unwirtlich und doch faszinierend liegt das nördlichste besiedelte Gebiet der Welt vor uns. Knappe 1.300km trennen uns jetzt nur noch vom Nordpol. 

Hier also wohnen Sie noch, die großen Gletscher, die ihre Zungen bis ins Meer hinein strecken und an heute karibisch blau schimmernden Wellen lecken. 60% der Landmasse Spitzbergens ist von ihnen bedeckt, 50% der Insel stehen unter Naturschutz. Die Ufer der von ihnen ausgeformten Fjorde schauen braun und fast feinsandig, wie Strände aus.

Im arktischen Sommer teilen sich etwa 2.400 menschliche Einwohner und ca. 3.000 Eisbären die Inseln. 

Es hat hier klar auch eine Forschungsstation. Zahlreiche Nationen erforschen dieses einzigartige Ökosystem, den Permafrost, sowie die Auswirkungen des Klimawandels. Der Boden taut hier selbst im Sommer nicht weiter als 90cm auf, dies bedeutet auch: Erdbestattungen sind hier untersagt, morbide, ich weiß … Das wäre doch mal Stoff für einen Krimi, oder? So einfach eine Leiche verbuddeln geht hier nicht, die ist auch nach Jahren noch frisch … Gibt es eigentlich Krimis die auf Spitzbergen spielen? Das muss ich unbedingt noch googeln …

Noch eine Besonderheit gibt es hier, vor aller Augen sicher verborgen und tief in einem Berg verschlossen – die „Samenbank der Welt“. Jedes Land konnte hier die Saaten seiner wichtigsten Nutzpflanzen einbringen. Man hofft, sollte es einmal zu einer größeren Naturkatastrophe kommen, hierauf zurück greifen können. Der Wahnsinn!

Die Warnschilder am Ortsrand vor Eisbären sind ernst gemeint und ernst zu nehmen. Ohne Führer und bewaffneten Eisbären-Wächter darf hier niemand eine Siedlung verlassen. Sonst ist ER am Ende verlassen. Eine Wanderung ins Hinterland gilt immer noch als eine großes Abenteuer, so wechselhaft ist das Wetter, so unwägbar die Natur.

Die Hafenstadt Longyearbyen, an der Adventbucht (ich sag’s ja, der Nikolaus kann hier nicht mehr weit sein!) verdankt ihren Namen einem findigem Amerikaner, Mister John M. Longyear, der hier 1906 eine Kohlemine eröffnete und damit die Ansiedlung begründete. Der Isfjord an dem Longyearbyen liegt ist mit 100km der längste Fjord Norwegens.  

Auf uns wartet heute früh ein Katamaran, der hier als Linienschiff verkehrt und uns nach Pyramiden bringen soll. Pyramiden ist eine ehemalige russische Bergbausiedlung aus den neunzehnhundertfünfziger Jahren, die bereits um neunzehnhundertsechzig wieder verlassen wurde. Eine Geisterstadt am Gletscher, dessen Abbruchkante wir von der Fjordseite her anschauen wollen.

Die Russen haben seinerzeit mit Zweijahresverträgen und gutem Geld Arbeiter hierher in die Einsamkeit gelockt um Kohle zu fördern. Ein blühendes Örtchen in der arktischen Einsamkeit, mit Schwimmbad, großer Mensa, Turnhalle, Hotel und natürlich einer Leninstatue im Zentrum. Das klingt echt skuril!

Ein bischen mulmig ist mir schon. Seit dem Frühstück beobachte ich schon das Wetter und besonders den Seegang. Etwa eine Stunde werden wir mit dem Katamaran unterwegs sein und in der Dünung vor der Abbruchkante des Gletschers kreuzen. Bis wir wieder festeren Boden unter den Füßen haben, kann es also noch etwas dauern. Auf dem Hinweg bin ich zwar angespannt, aber es geht alles gut. Breitbeinig stehe ich an Deck, mit dick behandschuten Händen klammere ich mich an die Reeling und staune. Der Wind pfeift mir eisig ins Gesicht, aber ich weiche nicht. Denn obwohl der Himmel bedeckt ist, schillert das Gletschereis in zig Blautönen. Das läßt sich mit der Kamera, stehend auf den schwankenden Blanken gar nicht einfangen. Ich nehme es also fest auf meiner internen Festplatte auf. 

Etwa zwanzig Minuten später dann betreten wir den Anleger von Pyramiden und ich staune schon wieder, als ich aus dem Bauch des Katamarans an Land klettere. Ich komme mir vor, als hätte man mich in ein Filmset von „Mad Max“ oder einer anderen Endzeit-Geschichte katapultiert. Ein Stück Wüste im hohen Norden. Gleich muss doch einer um die Ecke kommen und „Action“ rufen. Geborstene Wasserleitungen, ein uralter Laster aus Sowjetbeständen, der wohl älter ist als ich, verrostete Kräne, verlassene Kohle-Lohren und überall Eisen. Zu Fuß wandern wir etwa einen Kilometer in die verlassene Siedlung, zusammen mit unserem norgwegischen Führer und einer jungen russischen Frau, die uns sowohl fachkundig, als auch bewaffnet mit Schreckschuß-Munition als Eisbären-Wächterin begleitet. Vor drei Wochen erst, so erklärt sie in putzigem Englisch, seien Eisbären im Hafen gesehen worden – man wisse also nie. Schließlich läge Pyramiden auf den Eisbärenwegen … Der Ort verdankt seinen Namen einem Berg, der auf seiner Spitze tatsächlich an eine ägyptische Pyramide zu balancieren scheint. Nahe dem Anleger ein Telefon, mit Kurbel! geschützt unter einem roten Blechdach. Früher hat es wohl mal funktioniert, heute kommunizieren die acht Bewohner Pyramidens meist persönlich. Ein Funknetz gibt es hier nicht. 

Einige der Häuser, Ruinen dürfen wir von innen anschauen. In Deutschland wäre das bei Gebäuden, Wegen und Treppen in diesem Zustand undenkbar. Längst hätten hier Brandschutz und andere Behörden ein „Betreten verboten“ erwirkt. Alles ist voller Scherben, der Strom ist längst abgeschaltet. Überall blättern Putz, Wandfarbe und Lack ab. So könnte es nach einem Atomschlag aussehen, denke ich bei mir und stolpere vorsichtig hinter meinem Vordermann her. Andreas ist wieder einmal zurück geblieben, auf der Jagd nach dem perfekten Motiv. Hoffentlich geht er mir hier nicht verloren … Wir erreichen die Küche der ehemaligen Mensa. Im Treppenhaus vorbei an gut erhaltenen Wandmosaiken. In der Küche sieht aus, als habe es vor dem Verlassen einen Streit gegeben, vielleicht über das Essen? Möbel sind umgestoßen, Kochgeschirr liegt in den Ecken. Ich kann mich kaum losreißen, doch die Gruppe will weiter, wir wollen noch ins Schwimmbad. Auf dem Platz vor der Sporthalle begegnen wir dann Lenin, als Büste und als wir die Schwimmhalle erreichen, dürfen wir nur noch portionsweise eintreten. Auf den dunklen Fluren nehmen wir uns zunächst gegenseitig das Licht. Mir ist gruselig, ich greife nach der Hand von Andreas, hier wird geblieben! Kopfschüttelnd wandere ich mit. Als sich das Dunkel öffnet stehen wir in einer riesigen Schwimmhalle, diese ist lichtdurchflutet, meine Augen müssen sich erst wieder ans Helle gewöhnen. Ringsum sieht man eine Holzvertäfelung, die feudaler nicht sein könnte und noch tip top in Schuß ist. Auch das wasserlose Schwimmbecken, in dem jetzt die Spinnen wohnen, sieht aus, als könne man es sofort wieder befüllen. Die Fliesen sind nahezu unbeschadet. Wir verlassen das Schwimmbad durch die Umkleiden, über eine repräsentative Freitreppe, ein altes Gästebuch liegt verstaubt auf dem Tisch beim Eingang.

Im freien angelangt habe ich noch immer nicht mit dem kopfschütteln aufgehört, das aber mehr aus ungläubigem Staunen als auch Empörung über die Umweltsünde diesen Ort so zu hinterlassen. Er hat einen Charme und einen Spirit in all seiner Abgerissenheit, der mich bis heute beschäftigt. Bei all meinen Reisen habe ich sowas noch nicht einmal annähernd erlebt. Man überlege, so unsere Führerin ein Freilichtmuseum aus den Gebäuden zu machen, das einzige Hotel hat man schon renoviert … Schwer vorstellbar, wenn man sieht wie die Natur sich diesen Ort schon zurück erobert hat. In den Fensternischen der Plattenbauten nisten die Seevögel – ein Wahnsinn!

Schwankend zwischen Nachdenklichkeit und Begeisterung besteige ich wieder unseren Katamaran in Richtung Longyearbyen. Ich versinke in meinem warmen Sitz und checke meine Fotos. Was so geruhsam begann, sollte nicht lange währen. Nach wenigen Fahrminuten nimmt der Seegang zu. Wurden auf dem Hinweg noch Kaffee, Tee und Plätzchen gereicht, gehen jetzt die Brechtüten um. Oh bitte! Das Wasser doch irgendwo versteckt Balken haben muss merken wir jetzt überdeutlich. Der Katamaran hebt sich aus dem Wasser, stemmt sich gegen die Wellen und knallt wieder auf die Oberfläche. Es kracht und wackelt wie die sprichwörtliche Heide. Ich rutsche in meinem Sitz ganz nach unten und packe erst mal meine Rescue Tropfen aus! Diese Schußfahrt dauert etwa 1,5 Stunden, doppelt so lange wie der Hinweg. Währenddessen und auch danach ist mir zwar nicht schlecht, aber ich bin trotzdem wie gerädert.

Im Hafen angekommen, erleichtert wieder festen Boden unter meinen Füßen zu spüren, sehe ich andere Passagiere von einem Rib-Boat klettern, deren Gesichtsfarbe die meine mit Sicherheit übertrifft. Rot gefroren und ordentlich durchgeschüttelt, haben die auch ihr eigenes Spitzbergen-Abenteuer erlebt. 

Am späten Abend dann, gegen 22:00 Uhr hat unser Kapitän wieder eine Überraschung für uns. Wir werden noch einen Abstecher machen in ein nahegelegenes Ford, das Tempelfjord. Hier haben die Berge rings um keine spitzen Kappen, wie ihre der Insel namensgebenen Kollegen, sondern sind platt geschliffen und man meint auf der Talsohle eines Canyons angekommen zu sein. Hier am Ende des Fjords ragt ebenfalls ein Gletscher ins Meer und der erste Offizier will schauen ob es umhertreibendes Eis gibt, welches er fischen und an Bord holen kann. Eine waghalsige Aktion, die nur bei ruhiger See stattfinden kann, das Manöver gelingt. Für alle die mögen, gibt es jetzt Drinks mit Polareis in dieser Polarnacht. Dazu gibt es auf dem Pooldeck ein norwegisches Spezialtäten Buffet mit Suppen an denen man sich die Hände wärmen kann. Witzig – alle bei einem Auslaufen an Deck so dick verpackt zu sehen. Für die dargebotenen Gaumenfreuden habe ich heute keinen Blick, mich fasziniert viel mehr das Kreuzen vor diesem Gletscher. Wie kalt es plötzlich wird, so nahe vor der Gletscherzunge. Alle Decks rase ich ab um den besten Blick aus jeder Höhe zu erhaschen. Jede Perspektive hat ihren eigenen Reitz und da, endlich – Eisberg voraus! Wie eine Riesen-Schildkröte sieht er aus. Der Wahnsinn, meine SD-Karte glüht wieder …

Für mich steht längst fest – ich will wieder kommen, dieses Eiland ist grandios, vielleicht beim nächsten Mal wirklich einen Eisbären sehen, oder zum Beginn des Winters herkommen auf dem Jagd nach dem Polarlicht! Balken im Wasser hin oder her 😉 …

Wir sehen uns, wenn Ihr mögt – unsere Reise geht dann weiter nach Island!

Der Opiummörder (David Morrell)

Samstag, 05.08.2017

Nebel – was für eine besondere Naturerscheinung. Im Frühling und im Herbst zaubert er beinahe romantische Stimmungen. Je näher der Winter kommt und auch an verregneten Tagen wechseln die Nebelbilder schnell zu melancholisch, oder gar düster und geheimnisvoll. Wer selbst schon versucht hat, im dichten Nebel sein Fahrzeug auf der Straße zu halten, weiß wie schwierig und anstrengend es ist, in einer milchig weißen Suppe zu navigieren. Nebel, ein besonderer Stoff – der gerne in Büchern, Gedichten und Filmen als Stilelement verwendet wird. Kein Wunder, dass er auch in diesem Roman für die richtige Stimmung sorgt …

Der Opiummörder (David Morrell)

1829, London, rund drei Millionen Einwohner, ein Moloch ohne Abwassersystem, mit Straßen voll von Exkremten, mit rußschwangerer Luft und vollgepackt mit unzähligen Einwandern. Viele davon ohne Arbeit. Der Opiumhandel blühte.

Wie so oft hing ein dichter Nebel über der Stadt. Man heizte mit Kohle und unzählige Schornsteine spieen Asche aus, die stetig auf Dächer, Mauerkronen, Gehwege und Straßen rieselte. Asche, die sich mit dem aufziehenden Nebel zu einer undurchsichtigen Masse vermischte. Laternen spendeten nur diffuses Licht, beleuchteten spärlich die Müllberge mit ihren Ratten, wieder war eine neue Cholera-Welle durch die Stadt gezogen. Hinter den Häusern wurden Schweine und Kühe gehalten. Besonders die Schweine waren begehrt und leisteten gute Dienste. Konnte man doch nicht nur ihr Fleisch verwerten, sie fraßen ja auch die Abfälle, die sonst nur wieder auf der Straße gelandet wären.

Oh, nein! Constable Becker würde keinen Zentimeter weichen! Dies hier war sein Tatort und die Fußabdrücke, die sich im weichen Morast abzeichneten würde er notfalls mit seinem Leben verteidigen. Verteidigen gegen diese beiden, gegen ihn anrennenden Schweine. Detective Inspektor Ryan hatte ihm beigebracht wie wichtig solche Spuren für die Aufklärung eines Verbrechens sein konnten – und für die Aufklärung eben jener Greueltat, wegen der sie beide hergerufen worden waren, würde er alles tun. Gleich fünf Leichen hatten Sie in dem kleinen Laden vorgefunden, auf’s Übelste zugerichtet. Während ihrer Arbeit in Londons Straßen hatten die beiden Polizisten schon viel gesehen, das hier übertraf an Grausamkeit und Brutalität jedoch bei weitem alles bisherige. Der Constable zog seinen Knüppel, erbittert kämpfte er gegen die beiden angreifenden Schweine. Sie verbissen sich in seine Beinen, zogen ihn am Ärmel und er fiel, fiel in den Dreck. In diesen undefinierbaren stinkenden Dreck und alles voran er denken konnte, als er eine Körperdrehung vollführte war – nicht auf die Abdrücke fallen! Nur nicht auf die Abdrücke …

Das sah nach großem Kino aus! Die Meute, die sich vor dem Laden versammelt hatte, reckte die Hälse und drängelte, wollte unbedingt in den Laden. Jeder wollte sehen was hier passiert war. Grauenvolle Schreie hatte man gehört. Zahlreiche Polizisten waren jetzt vor Ort. Es hatte einen Mord gegeben wurde gemunkelt. Einen? Nein, alle seien tot. Alle, der Ladenbesitzer, seine Frau, das Hausmädchen, die siebenjährige Tochter und – das Baby!

Der schwer verletzte Mann hatte sich mit letzter Kraft auf die Mitte der Straßenkreuzung geschleppt. Die Menge die ihm folgte vervielfachte sich rasch. Die unwirkliche Szenerie wurde beleuchtet von den Laternen zahlreicher Polizisten, die den Mann umstellten. So viele Jahre, so viele Tote, so viel Schuld. Endlich, standen seine Häscher still, die Zeit stand still …

David Morell – geboren 1943 hat bereits 28 Spannungs-Romane veröffentlicht. Sein Roman „First Blood“ war die Vorlage für einen Hollywood-Blockbuster . Er erschuf die Figur des „John Rambo“, die Sylvester Stallone berühmt machte. „Der Opium-Mörder“ erschein am 01.12.2015 in der deutschen Taschenbuchausgabe und hat mit „Rambo“ allerdings nicht viel gemein, sieht man einmal von ein paar aktiongeladenden Szenen ab.

Morell zeichnet ein mehr als stimmungsvolles Bild des viktorianischen Englands. Er erschafft eine schummrige, ja düster, schaurige Atmossphäre mit Figuren denen man alles zutraut. Zugezogene Vorhänge werden zum Sinnbild für die Sittsamkeit, die Zugeknöpftheit der damaligen Lebensweise. Als Ermittler setzt er auch schon mal ein Heer von Huren und Bettlern ein, die von einem opiumsüchtigen Schriftsteller geführt werden.

Glaubwürdig, spannend, ein Sittengemälde prall voll mit historischen Fakten über Medizin, Drogistik, Kriminalistik und Geschichte, die Morell perfekt einsprenkelt. Er erzählt von der Gründung der Polizei als Behörde, von Madame Tussaud’s Wachsfiguren-Kabinett, den Machenschaften der britischen Ost-Indien-Kompanie, den Opiumkriegen, dem nahezu sorglose Umgang mit Laudanum, einem Opiumderivat als Allheilmittel. So wird der Thriller zum Historienroman und der Krimi zum Lehrbuch. Einzig für die ganz zart besaiteten sind die doch recht drastisch geschilderten Mordsequenzen vielleicht nicht geeignet. 

Meine Lieblingsfigur ist Emily, die Tochter des Roman-Autor Thomas De Quincey. Sie ist ein echter Freigeist in Hosen. Sieht es nicht ein, täglich Reifrock, Korsett und damit über siebenundreißig Pfund Kleidergewicht zu tragen. Unerschrocken, kämpferisch, abgeklärt und mit dem Herz am rechten Fleck, zeigt sie so manches Mal dem starken Geschlecht wo es lang geht 😉

HörbuchFassung: Erich Räuker – ist ein Profi, keine Frage. Er liest gekonnt, lebhaft, fesselnd – bei jedem Handgemenge habe ich den Kopf eingezogen. Für den richtigen Grusel hat er gesorgt, wenn ich mit den Ermittlern allein auf Londons Straßen unterwegs war. Häufig leiht er seine Stimme auch Hollywoodgrößen. Rätselte ich zu Beginn erst noch vorher ich seine angenehmene, sonore Stimmes kenne, fiel es mir alsbald wie wie Schuppen von den Ohren. Er synchronisiert die Figur des Saul Berensen, in einer meiner Lieblingsserien: Homeland. Sehr gerne mehr von Ihnen, Herr Räuker!

Petra’s Log Buch Teil 2

von Geiranger nach Honningsvag (Nordkap) in 869nm

02.07.2017 Sonntag, zweiter Seetag

An jedem Seetag meldet sich um 9:45h pünktlich unser Kapitän zu Wort. Aktuelles zum Wetter, dem nächsten Hafen, Land und Leuten weiß er zu vermelden. Wenn ich ehrlich bin, am meisten lauere ich immer auf seine Infos zu Wind und Wellen, bin ich doch immer noch ein bischen in Sorge, ob ich das alles auch gut vertrage. Heute werden wir den Polarkreis überqueren, gegen fünfzehn Uhr wird es soweit sein. Scherzhaft meint der Kapitän, da es hier auf dem Wasser nicht zu erkennen sei, würde er für alle die an der Polartaufe nicht teilnehmen mögen, die Hupe drücken. Gut zu wissen, um das Event wollte ich mich doch drücken. Mit zahlreichen anderen einen Fisch küssen und grünes Glibberzeug trinken, das ist irgendwie nix für mich. So genieße ich dann, völlig entspannt auf unserem Kabinenbalkon, windgeschützt und eingekuschelt die Polarkreis-Überquerung – und ich hätte schwören können, nach dem Ertönen der Schiffshupe habe ich einen deutlichen „Hubbel“ gespürt. 😉

Zum Glück waren wir dann doch noch an Deck, wahrscheinlich hat uns die Schadenfreude getrieben, die Polartäuflinge verschmiert und verekelt zu bestaunen. Stattdessen stolpern wir über ein riesiges Dessertbuffet mit frischen schokolierten Früchten und mit allem was das Schokoladen-Herz begehrt. Jetzt erstmal Teller voll und genießen! 

Ab heute wird es also nicht mehr dunkel. Unser Kapitän hat den nächsten Sonnenuntergang erst wieder für in einer Woche, am 09.07.2017 angekündigt. Dann werden wir auf Island sein. Das Reich der Mitternachtssonne ist erreicht, wie es wohl sein wird, um Mitternacht die Sonne noch knapp über dem Horizont zu sehen? Ich bin gespannt, für mich eine Premiere, die ich mit Gänsehaut erwarte.

03.07.2017 Montag, Honningsvag

Die Fahrt entlang der nord-norwegischen Küste rauf zum Nordkap ist bei bester Sicht spektakulär! Hinter den Panoramscheiben spürt man die kühlen und windigen zwölf Grad ja nicht und man könnte meinen, man schwebe an den hawaiianischen Inseln vorbei. 

Als wir gegen siebzehn Uhr Honningsvag erreichen, bin ich schon ganz hibbelig. Wir haben einen Transfer zum Nordkap gebucht und wollen mit einer der ersten Touren rauf. Das kleine Örtchen Honningsvag, mit seinen bunten Häuschen, lebt vom Fischfang und klar, vom Nordkap. Einst wurde behauptet der Nordkap-Felsen sei der nördlichste Punkt Europas und hier wollte jeder Nordland-Reisende dann auch einmal gewesen sein. Korrekterweise ist das Nordkap der nördlichte auf dem Landweg erreichbare Punkt Europas. Ein benachbartes Kap, die Felsspitze Knivskjelodden, liegt noch etwas weiter nördlich ist aber nur mit dem Boot erreichbar. Wir befinden uns jetzt in der norwegische Provinz Finnmark, auf der Insel Margeroya, was übersetzt soviel wie „die magere Insel“ heißt. Auf den ersten Blick mutet die Vegetation hier wirklich mager an, beim zweiten Blick entdeckt man auf den Felsen dann aber eine Farbigkeit, die von einer bestimmten Flechtenart herrührt. Wegen dieser Flechte hat Mageroya im Sommer nicht nur zahlreiche zweibeinige Besucher, sondern vor allem auch eine Vielzahl an vierbeinigen Gästen. Die Sami bringen hier ihre großen Rentierherden her und zwar per Fähre vom Festland. Haben sich die Tiere dann über den Sommer „vollgefressen“ sind sie stark genug um für den Winter die Strecke von zwei Kilometern zurück zum Festland zu schwimmen! Das muss ein Mordsspektakel sein. Ob wir wohl Rentiere sehen werden?

Der Weg hinauf zum Kap führt über eine schmale, mittlerweile zwar asphaltierte, aber immer noch holprige Straße und durch zahlreiche Kurven. Diese Kehren sind es, die immer wieder einzigartige Blicke in die Weite erlauben, man wähnt sich kaum hat man die Ortsgrenze verlassen in einer Mondlandschaft.

Auf dem Nordkap-Plateau angekommen, empfängt uns ein recht kaltes Lüftchen. Meine Finger sind schon nach den ersten Fotos eiskalt. Da mache ich doch erst mal Pause und schaue mich in Ruhe um. Hier oben steht eines der häufigsten Fotomotive Norwegens, ein Globus aus Metall, er soll eben jenen nördlichsten Punkt markieren und er ist umschwärmt wie ein Bienenstock. Ich hatte ihn mir irgendwie größer, höher vorgestellt und bin etwas verblüfft was ein Foto doch für Erwartungen wecken kann. Cool finde ich es hier aber dann doch, denn allein die Touristen in all ihren schrägen Posen zu beobachten, im Versuch diesen Globus auf den Schultern, den Händen oder sonst wo zu tragen ist irre. Noch ein Schritt weiter und der Abgrund ruft … Etwas abseits dieses Trubels kann man sich hier in Ruhe auf die beeindruckende Küste und die raue Schönheit des Plateaus konzentrieren und natürlich auf die Sonne! Heute Abend ein Traum in Pastell …

Das nördlichte Postamt! Das hatte ich mir auch anders vorgestellt, mehr wie ein Postamt halt. Gesehen hatte ich irgendwo mal ein rotes Holzhäuschen mit Schalter und Mensch. Jetzt gibt es leider nur noch einen roten Briefkasten in einer Ecke der riesigen Nordkaphalle. Ein bischen ist die Halle wie ein norwegisches Disneyland, mit Cineplex, ausgestopften Seevögeln, tief unten eine kleine Kapelle in der man auch heiraten kann, eine Eisgrotte mit Light-Show, Restaurant, Kaffee. Auf dem Weg in die Tiefe eine Ausstellung über die Geschichte des Kaps. Das ist mir ein bischen too much und nicht mehr wirklich romantisch. Ich kann es dann aber, wie viele andere auch, trotzdem nicht lassen und schreibe meinem Mann eine Postkarte. Mal sehen ob sie ankommt …

Auf dem Rückweg, begegnet uns eine größere Gruppe Radfahrer. Respekt, sich diesen tour-de-france-reifen Anstieg anzutun und das bei den Temperaturen. Urlaub sieht halt für jeden anders aus. Da! Da war ich doch tatsächlich mal einen Moment abgelenkt, als unsere norwegische Busfahrerin bremst, diese Vierbeiner haben hier immer Vorfahrt: Rentiere, sogar mit Jungtieren! So ein Glück aber auch, quasi auf dem Heimweg. Jetzt da bin ich sicher, kann der Nikolaus auch nicht mehr weit sein 😉.

Zurück im Hafenstädtchen Honningsvag herrscht zu später Stunde tatsächlich ein seltsam ungewohntes Zwielicht in dem die schwach glimmenden Straßenlaternen irgendwie deplatziert wirken. Wir unternehmen noch einen Spaziergang in die Stadt, finden sogar die Eisbar, die hier ein spanisches! Ehepaar betreibt. Wäre mir nicht eh schon so kalt und müßte man nicht in Schutzkleidung um bei dort drin bei – 5 Grad nicht festzufrieren, hätte ich mich vielleicht locken lassen. 

Zwei überlebensgroße Trolle bewachen den Hafen-Eingang und flankieren ein Hunde-Denkmal. Dieser treue Kerl stammte aus Honningsvag, Bamse mit Namen und ein Bernhardiner von Herkunft, war zu Zeiten des zweiten Weltkriegs offizieller Teil einer Schiffs-Crew der alliierten Streitkräfte. Ihm wurde sogar in Schottland ein Staatsbegräbnis zu Teil, achthundert Menschen haben ihn zu Grabe getragen. Bamse war für seine Fürsorge um seine Crew bekannt, mit Matrosen-Mütze und Dauer-Busfahrkarte um den Hals, nutzte er die öffentlichen Verkehrsmittel um des nächtens seine Seemanns-Kollegen aus den Hafenkneipen einzusammeln. 

Was für eine Geschichte, was für ein Tag! Zu Hause wäre ich längst müde, hier hält uns bei dieser Helligkeit eine seltsame Engerie vom Schlafen ab. Plötzlich scheint es gar nicht mehr abwegig, was ich gestern noch belächelt habe, dass die Norweger nämlich des nächtens um eins auch schonmal noch den Rasen mähen.

Morgen früh um 4:00 Uhr werden wir in Honningsvag ablegen und wieder in See stechen in Richtung Svaldbar. Die Barentsee wartet!

Wir sehen uns, ich berichte kommende Woche aus dem arktischen Spitzbergen …

Der Freund der Toten (Jess Kidd)

Sonntag, 30.07.2017

Für phantastische Geschichten hatte ich immer schon etwas übrig. So sind meine Lieblings-Romane häufig von Figuren bevölkert, die besondere Talente, ein Gespür für das Übersinnliche oder auch einfach nur einen „Hau weg“ haben. Den britischen Humor mag ich auch, trocken, schwarz und bissig darf es gerne sein. Wenn sich einige oder gar alle diese Zutaten zwischen zwei Buchdeckeln finden lassen, dann habe ich dieses Teil automatisch auf dem Kieker.  Wenn dann auch noch, wie hier geschehen, beim Reinschnuppern in eine Leseprobe der Prolog bei mir einschlägt wie eine Bombe, hänge ich am sprichwörtlichen Haken. Dieser Romanauftakt hat bei mir den Mund offen stehen lassen. Was hier geschieht könnte grausamer nicht sein. Wie es beschrieben wird könnte schöner nicht sein … Geht so was, oh ja … (und keine Sorge – ich schweige bei den nachfolgenden Sätzen über den Prolog wie ein Grab!)

Der Freund der Toten (Jess Kidd)

Textzitat: „Worte können fliegen. Sie sausen durch Fenster, über Zäune, zwischen Barhockern hindurch und durch Gärten. Sie bewegen sich schnell von Mund zu Ohr, von Ohr zu Mund. Und unterwegs gewinnen Sie an Tempo und Gewicht und Substanz und Schwerkraft. Bis sie mit einem satten Geräusch landen, Wurzeln schlagen und so schnell wachsen wie besonders unzähmbare Bohnenranken.“

Irland, Mulderigg, April 1976
Mahony, hatte eine Gabe, oder auf ihm lastete ein Fluch, wie auch immer, die Wahrheit lag wohl irgendwo dazwischen. Denn Mahony konnte die Toten sehen und die Toten konnten ihn sehen … Es war ihm eine Zeit lang gut gelungen, das bzw. sie zu ignorieren. Wann es wieder angefangen hatte? Gestern vielleicht, oder letzte Woche, letzten Monat – egal, das kleine Mädchen hier, das ihn eben zum Versteck spielen aufgefordert hatte, es war ohne Frage tot – sein Hinterkopf war eigentlich gar nicht mehr vorhanden. Es war hüpfend vor ihm in den Wald gelaufen und hatte ihm dadurch eine ungeschönte Sicht auf seine Todesursache geliefert. Der Wald nahe bei Mulderigg war dunkel und dicht. Alles was nicht pflanzlich war, war hier ganz klar ein Eindringling. Was wollte das kleine Mädchen hier? Schneller als er sich umdrehen konnte, war Mahony ihr tiefer, immer tiefer in den Wald gefolgt …

Shauna, war erst Anfang zwanzig und sie führte das einzige Gästehaus des Ortes allein, seit ihre Mutter sich mit einem Gast abgesetzt hatte. Muderigg war nicht gerade ein Hotspot. Zum Glück für Shauna gab es einen zahlenden Dauergast, der auch für die notwendigen Reparaturen aufkam. Doch dieser bzw. diese, eine alterende Lady und ehemalige Schauspielerin, entwickelte sich mehr und mehr zu einer echten Landplage und – sie schien diesen Hippie Mahony ziemlich schnell fest in ihr kleines, schrumpliges, schwarzes Herz geschlossen zu haben …

Konnte eine tote Katze der Vorbote drohenden Unheils sein? Mrs Cauley jedenfalls war überzeugt davon. Schließlich steckte der Kopf der Katze in einem Weidenkorb mit Naschwerk, die Zunge blau verfärbt und geschwollen, das Tierchen mausetot. Das Gift mußte sehr schnell gewirkt haben und war an mit Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht für die Katze, sondern für Mahony, den Störenfried bestimmt. Die gestrige Befragung der acht Dorfbewohner im Rahmen des Castings der alljährlichen Theatervorführung hatte also gewirkt. Sie hatten wachgerüttelt, aufgescheucht, waren aber bei Licht betrachtet nicht wirklich schlauer geworden. Die Aussagen der acht Dorfbewohner, zum Verschwinden von Orla Sweeny befragt, könnten widersprüchlicher nicht sein. Jeder der Befragten wollte sie zuletzt an einem anderen Ort gesehen haben. Was aber selbst die umtriebige Orla, Mahonys Mutter, nicht ohne einen Klon hingebracht hätte …

TextzitatDer Beichtstuhl in der Kirche St. Patrick hatte Geschichten von Leid und Niedertracht schon immer gierig aufgesaugt. Er weidete sich an Scham und Reue mit stiller, hölzerner Hingabe. Sein satter Glanz war nicht allein Holzpolitur und Altjungfernspucke, sondern auch vergoldetes Schuldgefühl, im Laufe der Jahre zu einem heiligen Schimmer gewienert.“

Das Wohnzimmer des Gemeindepfarrers hatte sich über Nacht in ein Feuchtbiotop verwandelt. Es roch modrig, zahlreiche Frösche, Molche und andere Sumpfbewohner hatten sich schon zwischen den Sitzkissen, in den Sofaritzen und unter den morastigen Teppichen eingerichtet. Und, wie war das nur möglich, eine Quelle entsprang munter vor dem Kamin. Standhaft harrte der Pfarrer in seinem Kaminzimmer aus, empfing seine erschrockenen Besucher fortan mit Gummistiefeln und Regenschirm. Mit Gottes Wegen, wie unergründlich sie auch immer waren, hatte dies hier nichts zu tun. Das hier war ein paranormales Desaster und er hatte da so eine unbestimmte Ahnung wer dahinter steckte …

Jess Kidd wurde 1973 in London geboren, einen Teil ihrer Kindheit hat sie in Westirland verlebt. „Der Freund der Toten“ ist kein klassischer Schauerroman, und doch ist er bisweilen für einen Schauer gut. Frau Kidd mixt munter mehrere Genres, man findet Krimi- bzw. Ermittlerelemente und Mysterybestandteil neben einer klassischen Romanerzählung. Sie würzt ihre Geschichte kräftig mit Magie und einer guten Prise Humor. Diese Mischung macht den Roman für mich zu einem echten Fundstück.

Richtig gut gefallen haben mir ihre Figuren. Die patente Schreckschraube Mrs C. und der lässige, feinfühlige Mahony sind ein tolles Gespann. Zwischen den beiden fliegen die Bälle, das macht richtig Laune! Bis in die Nebenrollen besetzt Jess Kidd mal putzige, mal finstere, mal übellaunige Gestalten. Das verleiht ihrer Geschichte zusätzlichen Charme. Meine Lieblingsszene bleibt ein paranormaler Sturm. Noch nie hatte ich von Kaminen gelesen, die Asche in die Zimmer spuckten. Wie Shauna und die stoische Mrs Cauley dem trotzen, Klasse!

Einen leichten Abzug in der B-Note vergebe ich für Übersetzung und Lektorat. Vielleicht lag das an der E-Book Version? Jess Kidd hat zum einen Sätze und Szenen modeliert die Hängen bleiben und die man auch noch einmal liest, dann wieder fehlt ein Wort im Satz oder der Fall ist nicht richtig. Es schadet dem Gesamteindruck jedoch nicht, hindert mich persönlich aber daran ein „hervorragend“ zu vergeben. Dafür verdient der Roman das Prädikat „besonders“.

Jess Kidd arbeitet an einem zweiten Roman, diesen Veröffentlichungstermin werde ich auf jeden Fall auf meinem Bücher-Radar behalten. Mahony und Mrs C. wieder zu treffen würde mir auf jeden Fall Spaß machen …

Petra’s Log Buch Teil 1

Von Kiel über Bergen (Norwegen) nach Geiranger

„Wenn Einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen“, sagt man ja landläufig. Bei meinen ersten längeren Reisen habe ich mich vor vielen Jahren an Reisetagebüchern versucht. Zumeist habe ich es dann nicht durchgehalten, kam mit dem Schreiben bei der Vielzahl an Eindrücken oft einfach nicht hinterher und habe es dann, wenn auch mit Inbrunst in den ersten Reisetagen begonnen, doch wieder aufgegeben. Diesmal soll es anders sein. Diesmal will ich durchhalten. Ganz bin ich während der Reise nicht fertig geworden, doch jetzt zu Hause, wo das Wäsche waschen, das Bügeln, das Unkrautzupfen und die ersten Arbeitstage mich wieder haben, nutze ich das Niederschreiben um Erlebtes zu verarbeiten, beschwöre die schönsten die Bilder noch einmal herauf, lese die Kapitel meinem Mann vor, bin erstaunt was ihm an Kleinigkeiten ergänzend zu mir noch im Kopf geblieben ist. 

Im Winter in die Sonne fahren, dem schlechten Wetter Ade sagen, das klingt verlockend. Erzählt man aber, man packe für eine Reise Ende Juni Mütze, Schal, Handschuhe, lange Unterhose und Winterstiefel ein, erntet man auch schon mal ungläubige oder mitleidige Blicke. Fragen wie „was suchen Sie denn da?“ hat man mir gestellt und trotzdem wollte ich genau da hin.

Faszination Nordland, was es damit auf sich hat kann ich auch nicht genau bestimmen. Kargheit, taghelle Nächte, eisige Kälte, den Nordpol in greifbarer Nähe, vielleicht Wale, Eisbären oder gar Eisberge sehen, Fjordlandschaften, knuffige Hafenstädtchen und nicht zu Vergessen immer wieder auch das Meer als Hauptdarsteller. Das zumindest zog mich an. Je näher dann der Abreisetag kam, desto intensiver betete ich für gutes Wettter. Vieles wollte ich kennenlernen, nicht aber ein „Island-Tief“ aus stürmischer Nähe. Schließlich ging es diesmal nicht nur in die Ost-und Nordsee. Nein, das Polarmeer, die Barentsee und der Nord-Atlantik wollten gequert werden und ich war mir nicht sicher, wie weit es im Extremfall bei mir Landei mit der Seefestigkeit aussah. 

28.06.2017 Mittwoch

Kiel – Einschiffung

Die A7 der Zunkunft wurde uns auf den Autobahnschildern von Hamburg bis Kiel versprochen. Das war mir nach den ersten dreißig Minuten Stau stehen schon so was von egal! Liebe Stadt Kiel, bitte verzeih mir, das mir Motivation und Energie nach über 40km Stau vor deinen Toren gefehlt haben um dich noch zu entdecken. Ich wollte endlich angekommen sein und nur noch an Bord. Das ist ja das schöne an einer Seereise. Hat man erst den Check-In hinter sich gelassen, beginnt der Urlaub mit dem ersten Schritt auf’s Schiff. Dann am Heck stehen und bei ruhiger See dem Strudel zuschauen, den die Schiffsschraube aufwirbelt, hinter uns am Horizont werden Häuser und Küste kleiner – einfach alles hinter sich lassen! Gedanklich bin ich schon jetzt ganz weit weg von meinem Alltag. Auch in Kilometern wird es eine weite Reise. Insgesamt werden es am Ende 4.989nm (nautische Meilen) sein, die wir mit dem Schiff zurücklegen. Das sind knapp 10.000km, eine nautische Seemeile entspricht ca. 1,8km. Wenn wir dann die An-und Abreise mit dem PKW mitrechnen rubbeln wir 11.600km in diesen Ferien ab. 

29.06.2017 Donnerstag

1. Seetag – von Kiel nach Bergen in 597nm

Die erste Etappe! Achtzehn Reisetage liegen zum Aufbrauchen vor uns und von mir fällt endlich die Anspannung ab. In meinem Hinterkopf steckt in den letzten Tagen vor Urlaubsantritt immer die Furcht nicht rechtzeitig anzukommen, oder dass am Ende irgendetwas die Reise doch noch verhindern könnte. Da bringt mich jeder Husten, jeder Stau auf der Autobahn aus dem Gleichgewicht. Mit straff gespannten Haarspitzen und schwitzigen Händen sitze ich dann im Auto und bin froh das wenigstens mein Mann einen gelassenen Eindruck macht und es mit mir Nervenbündel aushält.

Das erste Aufwachen an Bord nach einer sanft in den Schlaf geschaukelten Nacht, der erste Seetag und jetzt das erste Frühstück ohne Zeitdruck. Wie ich das genieße! Frisch gebackenes Brot aus der bordeigenen Bäckerei, der Duft alleine ist schon wie Urlaub. Dann dieses eine Brot auf das wir uns schon seit Wochen freuen, davon könnte ich mich die ganze Reise über ernähren. Könnte, wenn es nicht so viele andere Leckereien geben würde, die noch probiert werden wollen. Wohlweislich habe ich mir zwei Hosen je eine Nummer größer gekauft und mitgenommen. Kalorien werden erst wieder zu Hause gezählt! Das Wetter ist durchwachsen und war schon beim Ablegen in Kiel kühl und es hat leicht geregnet. Es scheint als seien die mitgebrachte Allwetterkleidung, sowie Schal, Handschuhe und Mütze eine gute Idee gewesen. Mal schauen!

30.06.2017 Freitag

Bergen

Und schon wieder ein erstes Mal. Der erste Landgang der Reise. In Bergen, der regenreichsten Stadt Norwegens. So geht jedenfalls die Rede. Auf dem Weg hierher, habe ich noch zu meinem Mann gesagt, diesmal werden wir wohl einen anderen Eindruck von Bergen gewinnen als den, den wir vor vier Jahren hatten. Damals war der Himmeln knallblau gewesen und nach Frühnebel kletterte das Thermometer auf vierundzwanzig Grad. Als der Kapitän dann am Vorabend dieses Landgangs ankündigte es seien Sonnenschein und über zwanzig Grad zu erwarten, konnten wir unser Glück kaum fassen. So meinte es der Wettergott dann tatsächlich auch gut mit uns und wir hatten Traumwetter für unseren selbst organisierten Stadtspaziergang. Diesmal haben wir keinen Streß, müssen nicht vor allen anderen zügig zur Floibahn hasten um auf den Hausberg mit dieser steilen Zahnradbahn zu kommen. Die Aussicht von dort oben auf die Stadt und den Fjord ist toll, kann uns aber heute nicht locken. Gemütlich bummeln wir von unserem Liegeplatz durch die Fußgängerzone vorbei am Theaterviertel und an zahlreichen Brunnen durch die die Kinder mit nackten Füßen flitzten, als wären wir irgendwo am Mittelmeer. Eine entspannte Stimmung liegt über der Stadt, alle Einwohner und Touristen genießen die Sonne. Der Kapitän muss sich verfahren haben, das hier kann doch nicht Norwegen sein? Oh doch, kein Zweifel möglich, die Möwen die über dem Fischmarkt kreisen, künden von Lachs, Königskrabben und Stockfisch. Jetzt eine Pause und die Atmosphäre tief einsaugen. Tatsächlich ist direkt an der Mole eine Bank frei und es legt ein kleines Segelschiff an, auf das gut gelaunt junge Leute steigen. Hier in Norwegen ist die Lebensqualität eine hohe, das glaube ich auf’s Wort. Dafür nehmen die Norweger auch hohe Lebenshaltungskosten in Kauf, die sie bequem und ohne Gebühren mit der Plastikkarte zahlen. Sogar das Bargeld komplett abschaffen wollen sie mittelfristig. Wirklich „kleine“ Preise gibt es hier aber auch offenbar nicht. Eben sind wir an einer Eisdiele vorbeigekommen, wo mein Mann den Preis für eine Kugel umgerechnet mit zwei Euro sechzig ausgemacht hat. In norwegischen Kronen sehen die Preise dann gleich doppelt erschreckend aus, gar nicht mehr gewöhnt bin ich es in meinem Portemonnaie in fremdem Geld zu wühlen, Scheine und Münzen mehrfach in der Hand zu drehen, so sehr bin ich mittlerweile an die Währungsallzweck-Waffe Euro gewöhnt. Von unserem Platz am Hafen haben wir einen schönen Blick auf die Altstadt Brüggen mit ihren bunten Holzhäusern und engen verwinkelten Gassen, auch sie haben wir zu Fuß erkundet. Das geht mit Einlesen auch ohne Führer wunderbar. Zurück auf dem Schiff drehe ich eine Runde im Pool zur Entspannung. Lasse mir anschießend die Sonne auf unserem Balkon auf den Bauch scheinen und der Gedanke an Handschuhe und Mütze ist gaaanz weit weg …

01.07.2017 Samstag

von Bergen nach Geiranger ein Katzensprung mit nur 210nm

Mein Wecker klingelt um 5:30h und ruck zuck bin ich raus aus den Federn. Ich habe heute früh einen Termin mit einem UNESCO Weltnaturerbe, dem Fjord der Fjorde – dem Geiranger. In dem norwegischen Wort Geiranger steckt das Word Fjord schon drin, habe ich gestern von unserer Bordlektorin gelernt, es reicht also der Geiranger zu sagen. Wie auch immer, obwohl ich schon einmal hier gewesen bin, möchte ich auf keinen Fall die Einfahrt in den Fjord versäumen, auch dann nicht, wenn wir heute am Abend auf dem gleichen Weg wieder zurück fahren. In diesen frühen Morgenstunden scheinen die knapp zweitausendfünfhundert Passagiere schon alle auf den Beinen und auf den verschiedenen Außendecks bis hin zum Schornstein verteilt zu sein. Es herrscht teils verschlafene, teils erwartungsvolle Stille. Auch das gehört im Geiranger dazu, diese Ehrfurcht, die einen erfaßt, wenn man zwischen diesen steilen Wänden hindurch gleitet und links und rechts auf Wasserfälle schaut, in die die Morgensonne Regenbogen zeichnet. Es ist noch kalt so früh am morgen, spiegelglatt ist das Wasser und nur unser Schiff kräuselt es leicht, sanfte runde Wellen laufen zu den steil aufragenden Ufern hin aus. Dünne Nebelschwaden überziehen einige Felsvorsprünge, als habe sich der Fjord für uns ein Seidentuch umgelegt. Etwa vierzig Minuten gleiten wir durch diese beeindruckende Szenerie. Dann wartet erst mal ein Frühstück, bevor wir unseren Tagesausflug starten. Kaum geankert erwartet mich dann die nächste Premiere, der Gang über einen „Seewalk“. Heute wird hier im Fjord nicht mit kleinen Beibooten getendert, denn am Anleger direkt ankern geht hier nicht. Wir verlassen über eine rund 300 Meter lange schwimmende Brücke im Zick Zack verlegt das Schiff und können so über das glasklare, spiegelglatte Fjordwasser spazieren. 

Auf uns wartet der Dalsnibba, ein Berg am Fjordende mit einem Hochplateau. Dort auf rund 1500 Metern soll noch Schnee liegen. Im Sommer ist es hier normal im Tal im T-Shirt zu starten und auf dem Berg nach einer Steppjacke zu dürsten. Als wir bei etwa 1000 Metern die Baumgrenze erreichen, haben wir schon spektakuläre Ein-und Ausblicke auf den Fjord und unser Schiff erhaschen können. Zahlreiche kristallklare Bäche springen über die Felsen, zu Beginn des Anstiegs sind die Wiesen beinahe grüner als im Allgäu. Für mich aber ist der Stopp für eine Kaffeepause auf dieser Tour ganz klar das Highlight. Nein, nicht wegen der putzigen Vintage-Blech-Kaffeekanne aus der ausgeschenkt wird damit wir uns die Hände wärmen können oder wegen des norwegischen Kaffeegebäcks. Nein, die Bergstation liegt an einem riesigen tiefen Gletschersee, der aufgetaut stahlblau und dort wo er noch zugefroren ist, eisglitzernd in der Morgensonne liegt. Ich gerate in einen Fotorrausch und drohe meine SD Karte zu sprengen … 

Nach der Rückkehr im Fjordzentrum lernen wir, wie einsam das Leben und wie beschwerlich das Bewirtschaften der kleinen Bauernhöfe ist, die hier hoch oben auf den Fjordfelsen liegen. Alles muß mit dem Schiff heran geschafft und dann zum Teil mit der Hilfe von Nutztieren hinauf getragen werden. Felsstürze, und Lawinen im Winter, das Postschiff als einzige Unterbrechung in dieser Abgeschiedenheit. Ein hartes Los, aber eine langjährige Tradition, für deren Erhalt sich die norwegische Königsfamilie persönlich einsetzt, auch den Wiederaufbau dieser alten Bauernhöfe unterstützt. Die gekrönten Häupter haben hier sogar ihre Silberhochzeit gefeiert. Wie herrlich bodenständig, naturverbunden und unverstellt diese Norweger doch sind!

Wir erklimmen noch eine letzte Serpentinenstraße, die zu einem weiteren Aussichtspunkt führt, die Adlerkehren. Hier herrscht dann so richtig Halligalli, wie auch schon unten im kleinen Örtchen Geiranger in der kurzen Sommersaison. Die Adlerkehren ist eine Kurve die Einblick auf den unteren Teil des Fjords mit dem Wasserfall die „sieben Schwestern“ gewährt und ist sehr begehrt. Die Fälle führen nur mit allen sieben Kaskaden Wasser, solange die Schneefelder auf den umliegenden Bergkappen noch nicht ganz abgeschmolzen sind. Dann so sagt man, sind alle sieben Schwestern zu Hause. Hier an der Adlerkehren kommt man kaum über die Straße, so voll ist es hier und es macht deutlich, dass dies ein Hotspot ist, der bei Touristen aus aller Herren Länder hoch im Kurs steht. Also, früh aufstehen lohnt hier und los legen bevor die Tagestouristen wach sind.

Das haben wir uns aber mal so richtig gut ausgedacht! Wir sitzen gegen 19 Uhr gemütlich im Restaurant auf Deck 12, vor einem leckeren, selbst zusammengestellten Käseteller und zwei Gläsern Rotwein und bestaunen die Fjordausfahrt. Es ist uns gelungen auf steuerbord (wichtig wegen der Aussicht auf die „sieben Schwestern“!) einen Fensterplatz zu ergattern, so genießen wir einen Panoramablick durch bodentiefe Fenster, diesmal auf Augenhöhe mit den Fällen, eine ganz neue Perspektive. Doch was ist das? Damit war jetzt aber wirklich nicht zu rechnen, muß doch unser Kapitän jedes Manöver sowohl mit der Reederei als auch mit dem Lotsen, der bei jeder Fjordfahrt an Bord ist abstimmen. Die Maschine stoppt – und unser riesiges Schiff dreht sich, mitten im Fjord zwischen den beiden schönsten Wasserfällen den „sieben Schwestern“ auf steuerbord und dem „Freier“ auf backbord, einmal um die eigene Achse. Man meint die Felswände mit den Händen berühren zu können. Unfassbar! 

In Hellesylt dem nächsten Ort nahe der Einfahrt in den Geiranger, sammeln wir dann noch ein paar Ausflügler ein, nachdem unser Schiff an einem schwimmenden Polter festgemacht hat, der aussieht wie ein riesiger Badewannenstöpsel. Wir dürfen so noch einen weiteren Wasserfall bestaunen, der mich an die Rheinfälle bei Schaffhausen erinnert. Ohrenbetäubend stürzt das Wasser über die Mitte des kleinen Örtchens in den Fjord. Im kleinen Boot des Hafenteams, das den „Stöpsel“ umrundet, sitzt vorwitzig ein Hund als Steuermann im Bug und kontrolliert ob alle Leinen auch schön festgezurrt sind. Putzig! Von unserem Logenplatz aus luftiger Höhe können wir das und auch das Ablegemanöver bestens beobachten. Als dann bei der Abfahrt das Schiffshorn ertönt ist das einfach nur großes Kino!

Zahlreiche Möwen begleiten neugierig das Schiff auf seinem Weg aus dem Fjord zurück ins Meer. Morgen werden wir wieder auf See sein, und auch übermorgen bis 18 Uhr, auf unserem Weg nach Honnigsvag, am Nordkap.

Fortsetzung folgt …

Und jetzt lass uns tanzen (Karine Lambert)

Samstag, 22.07.2017

Körperlich und geistig fit im Alter ankommen, finanziell sorgenfrei. Vielleicht eine große Reise wagen? Endlich Zeit haben für die geschmiedeten Pläne. Gemeinsame Zeit mit dem Partner verbringen, geteiltes Glück ist doppeltes Glück. 

Für viele sieht die Realität dann anders aus. Der Partner verstirbt auf der Zielgeraden, Krankheit und/oder eine zu kleine Rente stehen dem gemeinsamen Lebensabend im Weg. Welche der Varianten auch immer auf uns wartet, sie will gemeistert werden … 

Henri Delorme, angesehener Notar und Perfektionist ist tot. Sein Leben hatte er klar durch strukturiert und das seiner Frau Maguerite gleich mit. Schon zu Beginn der Ehe war er es, der klar stellte er möchte gerne beim „Sie“ bleiben und seine Frau möge bitte ausschließlich Kleider und ihre Haare in einem Knoten tragen. Maguerite fügte sich, dankbar für die „gute Partie“ und sie kannte ja auch von den Eltern nichts anderes. 

Fünfzehntausend Mal war sie neben ihrem Mann aufgewacht und doch war sie ihm nie wirklich nah gekommen. Wie gerne hatte sie ihn beim wöchentlichen Wannenbad und angelehnter Tür beim Singen belauscht! Nie gab er sonst eine solche Gefühlsregung von sich. Als sie sich ein Herz gefaßt und ihm gestanden hatte, wie schön sie das findet, schließt er fortan die Badezimmertür ab. 

Nach der Geburt des gemeinsamen Sohnes Frederic, hatte Maguerite dann endlich eine Aufgabe. Als der Junge sechs Jahre alt wurde, gab ihn Henri Delorme ins Internat und Maguerite war in der Zweisamkeit wieder allein. Die Wochenendbesuche zu Hause gestaltete dann auch ausschließlich Henri für seinen Sohn und Maguerite wurde in ihrem eigenen Leben wieder Zuschauer.

Jetzt war sie achtundsiebzig und konnte nicht einmal alleine eine Glühbirne wechseln. Das ausgerechnet ihr Frederic genauso stocksteif und verbohrt geworden war wie ihr verstorbener Mann, war dabei nicht gerade hilfreich. Und was nutzte es, wenn ihr die Fernbedienung jetzt allein gehörte, sie aber nicht mit den vielen Knöpfen umgehen konnte?

Nachdem ihm das Meer seine Nora ertränkt hatte, konnte Marcel lange nicht mehr an eben solches reisen. Die Strandtasche mit all ihren Kleinigkeiten hatte er aufbewahrt, alles andere hatte seine Tochter aussortiert, weggeben. Fünfzig Ehejahre, ohne die Zeit, die er mit ihr, seiner Jugendliebe, schon in Algerien verbracht hatte – mit einem Schlag zu Ende. Er konnte sich nicht einmal verabschieden, war nicht dabei als der Herzinfarkt sie beim Schwimmen holte. Dieses elende Scrabble-Tunier!

Der einzige mit dem er über seine Trauer reden konnte war Hector. Schon während seiner aktiven Zeit als Tierpfleger war ihm dieses Nashorn ans Herz gewachsen. Auf der Bank vor Hectors Gehege hatte er jetzt, elf Monate lang nach Noras Tod viel Zeit verbracht.  Ja gut, seine Tochter meinte es gut ihm. Sie wollte ihn zu einer Thalasso-Kur verschicken. Man stelle sich das vor! Als wenn Thalasso nichts mit Meer zu tun hätte. Unter Protest nahm er den Kur-Gutschein dann doch, tauschte ihn aber um – gegen eine Schlamm-Kur in den französichen Alpen. Nicht ahnend, das dieser Tausch seinem Leben eine entscheidende Wendung bringen würde …

Karine Lambert hat uns ein kleines, feines Buch mit viel Herz geschenkt. Augenzwinkernd beleuchtet sie den letzten Lebensabschnitt der beiden „Oldies“ Maguy und Marcel. Sie aus gutem Haus, er ein einfacher Arbeiter, getreu dem Motto Gegensätze ziehen sich an. Madame Lambert wurde für ihren Debütroman 2014 in Belgien ausgezeichnet und er wurde in Frankreich schnelle zum Bestseller. Mit „Und jetzt lass uns tanzen“ erscheint ihr zweiter Roman erstmals auch in Deutsch, man liest ihn weg wie nix und er wärmt wie ein guter Burgunder! Santé! Auf einen schönen Sommer!



Kleine Zeitreise durch mein Bücherregal

„And the winner is …“ Wie ein Mitglied der Oscar Jury fühlte ich mich, als ich mein Bücherregal durchgekämmt habe, um die zehn Bücher deutschsprachiger Autoren, die mich in meinem Leseleben bislang am nachhaltigsten beeindruckt haben auszusuchen. 

Nein, auf die Idee eine solche Schnitzeljagd zu veranstalten bin ich nicht selbst gekommen. Ich bin dem Aufruf der „Bookaholics Deutschland“ gefolgt und freue mich riesig als Gruppen-Neuling bei dieser Aktion dabei sein zu dürfen!

Es herrschte ein wahres Schubsen und Drängeln, es wurde bewertet, abgewogen und diskutiert. Manche Protagonisten können da wirklich sehr überzeugend argumentieren 😉… Bei einigen Titeln ist es mir ganz leicht gefallen, sie auf meine Top Ten Liste zu nehmen, im Gegenteil, es stand nie in Frage. Andere habe ich schweren Herzens zurück gelassen, sie mussten ihren Platz auf der Liste dann doch am Ende an einen anderen abgeben. Ich entschuldige mich ausdrücklich und exemplarisch bei Sophie Scholl (Die weiße Rose), Hans Bemmann (Stein und Flöte) und bei Ralf Isau (Der silberne Sinn). Meine Auflistung ist also kein Ranking, sondern vielmehr eine kleine Zeitreise durch mein „Leseerleben“ geworden.

„And the Oscar goes to …“ 

„Einsteigen und Türen schließen, der Lummerland-Express fährt in Kürze ab!“

(10) Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer

Meine erste Bücherliebe ist klein, schwarz und hat einen Knopf am Hosenboden. Michael Ende berühmt und bekannt für seine unendliche Geschichte. Bei mir sind aber irgendwie seine Geschichten um Jim Knopf mehr hängengeblieben. Geliebt habe ich auch die Inszenzierung der Augsburger Puppenkiste. So sehr, dass ich mir im Urlaub vor ein paar Jahren in Augsburg „in der Kiste“ sogar eine Jim-Knopf-Marionette gekauft habe. Sie hängt jetzt an meinem Bücherregal und es ist nicht zu leugnen, Jim Knopf hat definitiv meine Leidenschaft für Abenteuergeschichten geweckt! Und darum geht es: Jim landet als Baby per Paketzustellung auf Lummerland. Eigentlich ein Versehen, die Adresse war nicht eindeutig und klar auf dem Paket. Frau Waas die Herrin des Krämerladens nimmt ihn auf und zieht ihn groß. Als Junge neugierig, reißt er sich immer wieder die Hose am Hinterteil auf. Seine erfinderische Ziehmutter säumt kurzerhand das Loch und näht ihm einen Knopf dran. Markenzeichen und gleichzeitig Nachname sind geboren …

Aus meiner Schulzeit 1982: 

(9) Die verlorene Ehre der Katharina Blum (Heinrich Böll)

Diese Geschichte hat meinen Blick auf die Freiheit der Presse für immer verändert. Heute noch, wenn ich an der Schlagzeile einer Bild-Zeitung vorbei gehe, denke ich automatisch an K. Blum. Pflichtlektüre damals in meiner Schule, die komplette Oberstufe ging sogar damals ins Kino um sich die Verfilmung anzuschauen. Beängstigend sich zu erlesen, wie schnell und nachhaltig eine Schlagzeile ein Menschenleben zerstören kann. Bedenkt man die vielfältigen Möglichkeiten der heutigen medialen Welt, Fake-News & Co., finde ich diese Geschichte darf gerne wieder in den Schulen gelesen werden. Und darum geht es: Katharina Blum lernt 1974 zu RAF Zeiten auf einer Feier einen Mann namens Götten kennen und verbringt die Nacht mit ihm. Was sie nicht weiß, Götten steht im Verdacht einen Banküberfall und einen Mord begangen zu haben und wird von der Polizei überwacht. Man will seine Kontaktpersonen ermitteln. Als die Beamten am Morgen nach dieser Nacht die Wohnung der Blum stürmen, ist dies der Beginn ihres eigenen Albtraums. Die Berichterstattung speziell eines Boulevard Blattes im Roman nur „Die Zeitung“ genannt treibt sie soweit, dass sie am Ende den verantwortlichen Reporter erschießt.

Ende der Achtziger:

(8) Das Parfüm (Patrick Süsskind)

Die Geschichte eines Mörders – oh ja! Wenn mir ein Thriller im Gedächtnis geblieben ist, dann dieser hier. Diese düstere Stimmung, diese Authentizität. Lange war ich der Meinung der Mörder im Roman sei eben so real wie „Jack the Ripper“. Fast nebenbei lernt man eine ganze Menge über Parfüm, Herstellungsverfahren und ja, für einen guten Duft habe ich eine Schwäche. Ein Laster muß man ja haben, schließlich rauche ich nicht ;-). Also, kurz gesagt auf meiner eigenen Longlist der gelesenen Spannungstitel belegt dieser hier noch immer einen der Spitzenplätze. Worum geht es? Jean-Baptiste Grenouille, ein Mensch ohne Eigengeruch und mit einer ganz besonderen Gabe, einem extrem gut ausgebildeten Geruchssinn, ist besessen von der Idee ein ganz besonderes Parfüm zu erschaffen. Nach einer Gerber Lehre beginnt er erneut eine Ausbildung, geht von Paris nach Grasse, ins Mekka der Parfümeure, um dort alles über Düfte deren Zusammensetzung und über Destillationsverfahren zu lernen. Für seinen Duft geht er dann noch einen Schritt weiter, sein erster Mord geschieht dabei fast aus Versehen …

Irgendwann in den Neunzigern:

(7) Der Nachtzug nach Lissabon (Pascal Mercier)

Dieser Roman steht für mich immer noch für den Willen zur Veränderung, für den Mut alles über Bord zu werfen und von vorne zu beginnen. Wen überfällt nicht ab und an dieser Wunsch? Als ich dieses Buch damals gelesen habe, hatte ich gerade nochmal eine Ausbildung angefangen, und auch beruflich einen Neustart gewagt. Bin in den Nachtzug gestiegen und Hals über Kopf mit dem Lehrer Raimund Gregorius aufgebrochen nach Lissabon. Ihn hatte das Gefühl aufgeschreckt, wie schnell doch seine Lebenszeit verrinnt und ein alter Roman eines portugiesischen Autors, den er unlängst in einem Antiquariat entdeckt hat, riefen ihn zu einer Spurensuche. Was eine schöne und geheimnisvolle Portugiesin und eine zerbrochene Brille im weiteren Verlauf der Geschichte mit ihm anrichten, lest ihr am Besten selbst … Seufz, sehr schön ..

2013

(6) Hannes (Rita Falk)

Wie schwer es fallen kann jemanden los zu lassen und wie unvermeidlich es doch oft ist. Wie damit umgehen, wie schafft man es dann doch das Licht am Ende eines Tunnels zu sehen? Falk hat eine meiner Lieblings-Regional-Krimi-Reihen geschrieben. Die Franz-Eberhofer-Krimis. Das sie auch ganz anders kann hat sie mir mit diesem Roman mehr als bewiesen. Ich liebe ihre Sprache, sie kann in Hochdeutsch so schreiben, das man es im Kopf bayrisch hört. Wie das geht, keine Ahnung, aber es funktioniert wunderbar. Lebensklug, warmherzig, bittersüß – für mich ein echtes „Must-Read“ ist ihr „Hannes“. 

Und darum geht es: Hannes und Uli – zwei Freunde wie Pech und Schwefel seit Kindertagen und ein Motorrad-Ausflug zuviel. Uli kann seinen Freund nachdem fatalen Sturz nur noch blutend aus dem Rinnstein auflesen. Hannes hat das Bewußtsein verloren. Uli, der es gewohnt ist, jede auch noch so belanglose Kleinigkeit mit seinem Freund zu teilen fängt an ihm Briefe zu schreiben, damit er, wenn Uli denn aus dem Koma wieder aufwacht, auch ja nix vergessen hat. Und Uli hat viel zu erzählen, die Erlebnisse am Krankenbett, mit Freunden die diese Vokabel nicht verdienen, sein neuer Job und seine Sorgen um Hannes … Ok, vielleicht bin ich auch ein bischen nah am Wasser gebaut, aber keine Geschichte hat mich mehr Tränen gekostet als diese hier, für mich kommt sie mitten aus dem Herzen.

2016

(5) Ein ganzes Leben (Robert Seethaler)

Sich selbst genug sein, in sich zu ruhen und bedingungslos lieben zu können. Was mich hier mit Abstand am meisten beeindruckt hat, ist wie man auf so wenigen Buchseiten soviel unterbringen kann. Mir fällt es immer schwer mich kurz zu fassen, deshalb habe ich hiervor einen großen Respekt. Die Hauptfigur im Roman Andreas Egger, seine Ergebenheit Umständen gegenüber, die er nicht verändern kann. Seine Genügsamkeit und Zufriedenheit mit der Einfachheit seines Lebens. Die Geschichte ist pur und, ach ich weiß nicht – Hut ab davor!
2017

(4) Winters Garten (Valerie Fritsch)

Dieses Buch ist meine Schokolade. Wie dunkle, herb süße Pralines zerschmelzen die kleinen Satzkunstwerke auf der Zunge. An nur einem einzigen Satz bin ich hängen geblieben und er hat sofort einen Nerv bei mir getroffen. Sicher kein Buch für nebenbei und zwischendurch. Einlassen muss man sich und dann Satz für Satz genießen. Wie bei einer guten Tafel Schokolade, die man auch stückchenweise ißt. Langsam Kapitel für Kapitel, die letzte Seite muß ja noch schnell genug umgeblättert werden. Dieser kleine, feine Roman hat einen wahren Erinnerungs-Sturm in mir ausgelöst. Gelesen habe ich ihn einige Wochen nachdem mein Vater gestorben war und ich bin dankbar für diese wunderbare Leseerfahrung. Beweist das doch einmal mehr, wie tief Geschichten gehen können. 

Valerie Fritsch erzählt vom Garten der Winters und hat in mir damit den Garten meiner Großeltern wieder herauf beschworen. Sie erzählt von Vergänglichkeit und Tod als Teil des Lebens. Von Kindheit und Entfremdung und von einer großen Liebe. Eine leicht surreal anmutende Geschichte, die idyllisch beginnt und in eine Weltuntergangs-Stimmung mündet.

(3) Der Schnee, das Feuer, die Schuld und der Tod (Gerhard Jäger)

Schubladendenken. Wie schnell man doch mit einem Urteil über einen anderen bei der Hand ist. Erschreckend in der Konsequenz für den anderen und auch für sich selbst. Gepaart wird diese Erkenntnis hier im Roman mit einer der schlimmsten Naturkatastrophen im Alpenraum. Diese Geschichte hat mich buchstäblich mitgerissen wie eine Lawine. Ihrem Sog konnte ich mich bis zur letzten Seite nicht entziehen. Ein Roman ohne Längen, grausam und schön zugleich.

Er erzählt die Geschichte eines jungen Roman Autors, der sich in einem einsamen Alpendorf unter die Bewohner mischt um über deren Leben und über ein Geheimnis das alle verbindet zu schreiben. Vor vielen Jahren wurde eine junge Frau hier als Hexe geächtet und man ließ sie bei lebendigem Leib in ihrem Haus verbrennen. Eine Wand aus Schweigen erwartet unseren Autor und er geht eine Verbindung ein, die schicksalhafter nicht sein könnte …

(2) Das geheime Leben der Bäume (Peter Wohlleben)

Als Kind wollte ich Försterin werden. Ich war halt eher keine Elfe von Gestalt und Ballerina wäre ohnehin nicht in Frage gekommen, nein – angesteckt mit dem Waldvirus hat mich mein Opa Wilhelm. Da bin ich mir heute, vierzig Jahre später sicher. Er war Waldarbeiter, so nannte man das damals und hat mich immer mit in den Wald genommen, zum Beeren sammeln, Pilze bestimmen oder einfach nur so.

Peter Wohleben hat mir in seinem Sachbuch im wahrsten Sinne des Wortes die Welt neu erklärt, nämlich die Welt der Bäume. Vom „Wood-Wide-Web“ habe ich hier zum ersten Mal gehört, im Wald habe ich mich immer schon besonders geerdet gefühlt, warum habe ich aber erst jetzt verstanden. Was hier im Waldboden los ist, ist absolut faszinierend. Kaum vorstellbar, das eine Buche im Laufe ihres Lebens Millionen Früchte hervorbringt, aber davon nur ein einziges Bäumchen überlebt. Bäume haben kein Gedächtnis, oh doch. Bäume haben schließlich kein Gehirn, aber ja! Wer jetzt denkt, Wohlleben sei Esoteriker, weit gefehlt. Er ist Förster und zwar in der Eifel, in einer kleinen Gemeinde. Er war lange Zeit Staatsbeamter im Forst, hat dann aber gekündigt um sein Ding zu machen, weil er mit der erwerbsmäßigen Holzwirtschaft so nicht mehr einverstanden war. Heute erklärt er live in seinem „Wald“ wie es funktioniert. Dieses Buch hat mich und meine Sicht auf Bäume grundlegend verändert. Absolut und uneingeschränkt.

Juni 2017

(1) So, und jetzt kommst du (Arno Frank)

Langsam rollt er aus, der Lummerland Express und wir sind in unserer Ziel-Zeitzone angekommen … Dieser Leseeindruck ist bei mir noch ganz frisch und eigentlich stand ein anderer Titel ursprünglich an dieser Stelle. Dann aber hat dieser hier buchstäblich den Blinker gesetzt und ist auf die Überholspur ausgeschert. Am Pfingstmontag war es, da habe ich die letzte Seite dieses Romans umgeblättert und mußte mich erst mal sammeln. Wenn ich jetzt beschreiben soll, was mich daran am meisten beeindruckt hat, kann ich das erstmal garnicht. Diese Geschichte hat mich mit voller Wucht getroffen! Eigentlich mag ich keine Ich-Erzähler, und ich mag keine Road-Mowies.  Das hier ist beides und es hat mir gefallen! Das ist für mich Leseerlebnis pur! Darum geht es: Arno Frank erzählt die Geschichte seiner Kindheit, als Sohn eines Hochstaplers. Beeindruckend wie er erzählt ohne zu bewerten, sprachlich hervorragend, mit einer Sachlichkeit, die dadurch verstärkt wird, das es die Augen eines Kindes sind, durch die wir die Ereignisse sehen, seine Augen als Junge. Dabei ist er nie nüchtern, sondern sehr berührend. Die Balance zwischen Tragik und Komik ist unglaublich, da blinzelt man wirklich lachend die Tränen weg … Die Geschichte einer Familie, seiner Familie auf der Flucht quer durch Europa, von Kaiserslautern über Südfrankreich, Lissabon, Paris und München. Unfassbar, unfassbar gut … 

So, und was kommt jetzt? Ich hasse Abschiede auf Bahnsteigen, daher machen wir es besser kurz, bevor ich das Heulen kriege. Danke, dass Ihr dabei wahrt auf meiner kleinen Zeitreise, vielleicht habt Ihr alte Bekannte getroffen, vielleicht konntet Ihr neue Freunde finden und wer weiß, wo wir uns wiedersehen … 😉