Blogbeiträge

Das Böse es bleibt (Luca D’Andrea)

Sonntag, 20.05.2018

Nein, meine Heimat sind nicht die Berge, wie die, in die Luca D’Andrea hineingeboren wurde. Ich bin gebürtig aus Idar-Oberstein, der Stadt der Edelsteine und des Schmucks. Bereits im 15. Jahrhundert wurden hier an der Nahe, an ihren Nebenflüssen und Bächen in über 183 Schleifen Edelsteine verarbeitet. Als sich die heimischen Achat-Vorkommen erschöpften, viele Arbeiter ihr Einkommen verloren, setzte damals eine regelrechte Auswanderer-Welle in Richtung Brasilien ein, dort gab es noch Vorkommen und versierte Handwerker waren rar. So verschwanden in den ersten drei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts nach und nach die Schleifen aus dem Landschaftsbild in meiner Heimat.

Das Handwerk der Edelsteinschleifer, Lapidäre und Goldschmiede, ist jedoch bis heute für die Stadt und ihre Industrie prägend. 1974 wurde im Stadtteil Idar die weltweit erste und bis heute auch einzige Misch-Börse für Diamant-und Farbedelsteine gegründet. Die funkelnden, kostbaren Steine werden hier gehandelt, in den Betrieben der Stadt von kundigen Händen geschliffen und in alle Welt vertrieben. Räuberpistolen um die glitzernden Kostbarkeiten werden sich da natürlich auch erzählt. Sie handeln von Einbruch, Diebstahl, Raub und Überfällen. Ob auch Ehefrauen unter den Tätern sind, wie in diesem Krimi wurde mir bislang nicht überliefert, aber wer weiß …

Das Böse es bleibt

Der kleine Samtbeutel mit den Saphiren lag weich in ihrer Hand, als sie den Tresor wieder schloß und das Bild wieder schützend davor gleiten ließ. Der Inhalt dieses Beutels würde ihre Eintrittskarte sein in ein neues Leben. Es war Zeit dieser Welt aus Schutzgeld-Erpressung und Hehlerei, der ihr Mann vorstand, zu entkommen. Mit klopfendem Herzen entschied sie sich zur Flucht, wohl wissend, das ihr Mann seine Augen und Ohren überall hatte und ihr nicht viel Zeit bleiben würde.

Durch das sich schnell verdichtende Schneegestöber floh sie jetzt in die Nacht, verfolgt von den Schatten ihrer Vergangenheit und, da war sie sich sicher, sehr bald schon von den Häschern ihres Mannes. Am Ende der Serpentinenstrecke dann die folgenschwere Entscheidung, sollte sie nach links oder rechts abbiegen? Als ihr Wagen ins Schlingern geriet und die Bäume in nicht enden wollender Zahl auf sie zu rasten wußte sie – sie hatte sich falsch entschieden. Der kleine Fiat und Marlene kamen in dieser Winternacht 1974 von der Straße ab und überschlugen sich …

Luca D’Andrea, der italienische Schriftsteller und Oberschulprofesser aus Bozen hatte bereits in seinem ersten Roman, „Der Tod so kalt“, der sich wochenlang auf den Bestenlisten hielt, die Stimmung der Südtiroler Bergwelt grandios eingefangen.

Diesmal erzählt er, ebenfalls vor der Kulisse seiner Heimat Südtirol, von Killern, Opfern und Gaunern. Die Geschichte nimmt mit einem Autounfall ihren Anfang und verlagert sich dann größtenteils auf einen einsamen Berghof zwischen Schweine, Schnee und Eis. Ein Hof, in dessen Keller man eher nicht hinabsteigen will. Tut man es, stößt man auf Schädel, Knochen und auf einen Berg alter, handgeschriebener Familienbibeln.

„Auge um Auge – Zahn um Zahn“ …

Eine Geschichte von Befehl und Gehorsam, von Denunzianten, Spionen und Kollaborateuren, Schuld und Rache. Von der Mafia, ihren Bossen und Opfern. Von Schmuggel und Bestechung. Das organisierte Verbrechen hält seine Hand über alles und alle. Zieht an den Fäden seiner Marionetten und läßt sie tanzen, töten und taumeln.

„Knusper, knusper, Knäuschen. Wer knuspert an meinem Häuschen?“ Märchenhafte Metaphern verwendet D’Andrea diesmal um dem ewig Bösen Gestalt zu geben. Er läßt uns buchstäblich dem schwarzen Mann im Wald begegnen.

Klein, bösartig und grausam. Marlene läßt er von Kobolden träumen. Aus der Erde kamen sie, in Höhlen hausten sie. In ihren Träumen peinigten sie sie, schickten ihr Erinnerungen an Herrn Wegener, ihren Ehemann, dessen Deckname in der Welt der Syndikate bezeichnenderweise „Kobold“ ist.

Waren seine Monster in „Der Tod so kalt“ noch prähistorisch, sind sie hier eher nach grimmschem Vorbild gestaltet. Aus liebenswerten Wichteln werden bei D’Andrea abgezehrte Kindersklaven, die in asiatischen Minen nach Edelsteinen schürfen um skrupellose Verbrecher reich zu machen.

Blut klebt an deren Händen, das Blut der Kinder die sie mit Gewehrkolbenschlägen zum Schuften antreiben bis zur völligen Erschöpfung. Die Mafiosi agieren in diesem Kontext als gewissenlose Kobolde, die Terror, Macht und Zwang ausüben.

Unschuldige, klapperdürre Brüder müssen tatenlos mit ansehen, wie der eigenen Schwester durch den Vater Gewalt widerfährt. Tatenlos, schutzlos und machtlos. Sie fallen dem Wahnsinn anheim, werden zum Verräter am eigenen Vater, der einst Vorbild und Leitfigur war. Die Beziehung zur kleinen Schwester bleibt indes prägend für sie, ihre Stimme bleibt in ihnen präsent. Halluzinationen verschmelzen mit der Realität. Auftragskiller konkurieren mit Serienmördern.

„Der Tod so kalt“ war ein Ausnahmekrimi für mich, deshalb hatte ich mir diesen hier, seinen zweiten, schon zeitig vorgemerkt. Meine Erwartungen waren hoch, der Autor selbst hatte die Messlatte auf diese Höhe gelegt. An den Spannungsaufbau, das Sagenhafte, das Geheimnisvolle seines ersten Romans reicht „Das Böse es bleibt“ für mich leider nicht heran. Die famose Grundstimmung seines Erstlings, die ihn mehr als einen Krimi sein ließ und in mir auch heute noch, beim Gedanken daran, eine seltsame Beklemmung auslöst, kann er hier nicht erzeugen. Der Handlungsstrang war mir bisweilen etwas zu verworren, die Motive unklar. Wohl wissend, dass es auf Gottes Erde genug Verrückte gibt, deren Tun und Handeln wir Übrigen nie werden nachvollziehen können …

Matthias Köberlin – Schon gut, ich gestehe! Gestehe, dass ich mich in seine Stimme, seine Art des Vortrages verliebt habe. Hoffnungslos und rettungslos.

Bereits bei den ersten Tönen dieses Hörbuchs kriecht mir eine Gänsehaut an meinen Armen entlang aufwärts, die diesmal allein seiner Stimme geschuldet ist. Als Sprecher hält er uns die Steigbügel und hebt uns hinein in die Handlung. Laut und polternd kann er uns zusammenfalten, schwenkt kurz darauf wieder um und betont mit einer Sanftheit, die uns das Blut stocken läßt, die Konsequenzen die unser Handeln haben wird, und wir wissen, das wir da gerade auf ganz dünnem Eis balancieren …

Köberlin ist für mich ein absoluter Mehrwert für jede Geschichte. Er liest klassische Romanstoffe à la Donna Tartt ebenso souverän wie einen solchen Krimi, aus dem er alles heraus holt. Bravo!

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Herz auf Eis (Isabell Autissier)

Samstag, 12.05.2018

Nicht wehren konnte ich mich gegen diese Bilderflut. Der Lektüre dieses außergewöhnlichen Romans verdanke ich sie. Wie aus dem Nichts, und in null komma nix, ist sie in mir aufgestiegen, wie perlendes Wasser …

Bereits über das Beitragsbild habt ihr mit mir diese Welt betreten, über den Anleger von Pyramiden, einer Geisterstadt umgeben von Gletschern, gute tausend Kilometer vom Nordpol entfernt. Dem Verfall preisgegeben, unwirklich, empörend und faszinierend gleichermaßen. Springt ab auf meinen Blog und staunt mit mir über meine Fotos von damals. Wer Lust hat, findet die fünf Logbücher meiner Reise und einen ausführlichen Bericht über unsere Wanderung durch Pyramiden dort ebenfalls.

Alle anderen entführe ich derweil an den Rand der Antarktis, wo sich Königspinguin und Robbe „Gute Nacht“ sagen:

Foto Pyramiden, Quelle: Petras Bücher-Apotheke, Logbuch 2017

Herz auf Eis

Die Diät aus ranzigem Fisch, Vogel- und Robbenfleisch, Muscheln, Schnecken und Algen, die ihnen diese Insel aufzwang, ließ allmählich ihre Kräfte schwinden, ihre Muskeln vergehen. Für die Finanzbeamtin und Hobby-Bergsteigerin und den Eventmanager hätte dieses Sabbatjahr das Abenteuer ihres Lebens werden sollen. Welch Ironie!

Ludovics Hunger nach mehr Leben war es, der Luise aus Furcht ihn zu verlieren, schließlich hatte mitziehen lassen. Verliebt wie sie war. Dumm genug, wie sie jetzt fand. Fast ein Jahr lang hatten sie den Trip geplant, ein Boot gekauft, ihre Jason, segeln wollten sie von Frankreich über die Antillen, dann Patagonien, Kap Horn, Kapstadt. Frei sein. Hier wollten sie dann entscheiden, ob und wie es weiter gehen würde, wieder nach Hause in ihr altes Leben oder weiter mit der Jason Richtung Indien.

Alles war glatt gelaufen, sie fühlten sich leicht und unbeschwert, ohne die Zwänge der Neuzeit. Ihr Handy hatte man ihnen geklaut und sie hatten keines mehr gekauft. Ohne GPS-Sender mit dem man sie hätte tracken können waren sie tatsächlich grenzenlos frei. Alles war glatt gelaufen, bis heute. Bis zu diesem Ausflug auf die verbotene Insel Stromness. Das zu England gehörende, gebirgige Naturschutzgebiet und Tierparadies in der Antarktis war dereinst eine betriebsame Walfängersiedlung gewesen. Heute wurde es ausschließlich in der warmen Jahreszeit noch von Forschern angelaufen, Touristen und Besuchern war der Zutritt untersagt. In den 1950er Jahren hatte man die kleine Stadt aufgegeben, das grausige Schlachten erst beendet, nachdem die Wal-und Robbenbestände nahezu ausgerottet waren.

Ihre Jason lag draußen auf dem Meer vor Anker, ihr Beiboot hatte sie mühelos an den Strand getragen, an diesem klaren, herrlichen Januartag, einem Sommertag auf dieser Erdhalbkugel. Sie waren auf den Gletscher gestiegen, staunend wie die Kinder, die erhabene Schönheit dieses Ortes am Ende der Welt betrachtend. Als der Sturm aufkam schafften sie es nicht mehr zurück zur Jason zu rudern. Die Brandung warf sie immer wieder an Land. So hatten sie Schutz gesucht in den maroden Behausungen der einstigen Walfängersiedlung und waren erst am nächsten Morgen wieder ins Freie getreten. Der blitzblanke Ozean hatte vor ihnen gelegen, als sei nichts geschehen, mit einer Ausnahme – ihr Schiff war nicht mehr da …

Isabelle Autissier geb. 1956 in Paris – gehörte zu den nomminierten Autoren für den Prix Concourt 2017 mit ihrem Herz auf Eis. Pressestimmen vermelden man erobere sich hier lesend eine Extremerfahrung und dem stimme ich zu!

Befragt man Wikipedia, erfährt man dort, dass Autissier 1991 von sich reden machte, als sie als erste Frau im Rahmen einer Regatta allein die Welt umsegelte. Davor hatte sie bereits 1986 einhand den Atlantik in ihrer Segelyacht überquert.

Ihr Roman Herz auf Eis ist getragen von einer Authentizität, die ich mir nur so erklären kann, dass diese Frau genau weiß was Einsamkeit bedeutet. Auf sich allein gestellt bei einer Weltumsegelung, tagelang, wochenlang, den Naturgewalten ausgesetzt.

Von jetzt auf gleich schneidet sie die beiden Hauptfiguren in ihrem Roman von jeglicher Zivilisation ab. Sie kappt ihnen die Verbindung zu elektrischem Licht, Wärme, zu fließendem Wasser. Zur Kommunikation läßt sie ihnen nur noch einen Gesprächspartner, den eigenen Lebensgefährten. Sie wirft sie auf sich selbst zurück, wenn dieser zusammenbricht, hilflos und machtlos, den Naturgewalten ausgeliefert, am anderen Ende der Welt.

Die Tage erhalten eine völlig andere Struktur, die Nahrungsbeschaffung rückt in das Zentrum des Tagesablaufs, nimmt ihn nahezu gänzlich ein. Man tötet was man ißt, mit den eigenen Händen. Lebensmittel die bis gestern jederzeit verfügbar waren, sind allesamt gestrichen. Die Ratio wird ausgeschaltet, die Instinkte und der pure Überlebenswille übernehmen. Er tritt an die Stelle aller Gefühle, schafft sich Raum. Die Scham, die aufflammt, betrachtet man das eigene Handeln, die blutigen Hände, wird von diesem Willen im Keim erstickt.

Kälte, Mangelernährung und Einsamkeit – auf den ersten Blick ist es schwer vorstellbar, wie die Beiden da heutzutage so stranden können, ausgeliefert ohne Satelitten-Telefon und GPS in unserer so modernen, aufgeklärten Zeit. Selbstüberschätzung, Ignoranz, oder einfach nur Dummheit? Was hat sie in diese Lage gebracht? Das zu bewerten überläßt die Autorin uns, ihren Lesern. Sie zeigt nur auf, was geschieht. Mit den Beiden, die die Schuldfrage ihrer Robinsonade offen und laut diskutieren. Die bei ihrem Kampf ihre Liebe verlieren, sich mitleidig aneinander klammern.

Wie schnell wir oftmals schon, und das in unserem wohlgeregelten Alltag, die Geduld miteinander verlieren. Was würde da eine solche Ausnahmesituation mit uns anstellen? Nicht nur einmal habe ich mir diese Frage gestellt. Wie ich selbst wohl gehandelt hätte? Nicht das man das je erleben will. Bewahre!

Was die einen zerbricht, läßt die anderen erstarken, über sich selbst hinauswachsen. Was ist da in uns angelegt? In wem von uns schlummert was?

Autissier zitiert zum Ende ihres Romans George Orwell aus seinem Roman 1984 und läßt einen Satz zum Schlüssel für ihre Hauptfigur werden. Lange habe ich darüber gegrübelt, auch wie ich meinen Beitrag hier beende. Ich lasse diese Sätze daher einfach mal so stehen:

  • Der Weg ist schwer, der Weg ist weit,
  • Doch kann ich nicht zurück;
  • Wer einmal dein ist, Einsamkeit,
  • Dem bist du Tod und Glück ….

Quelle: Hermann Hesse, Die Gedichte, Insel-TB S. 763, Einsamkeit

Nordwasser (Ian McGuire)

Sonntag, 06.05.2018

Eine Mischung aus Floss der Medusa und Moby Dick? Oder eher eine Story à la Meuterei auf der Bounty im Nordland? Was erwartet mich wohl hier?

Derzeit bin ich irgendwie auf Seefahrer-Geschichten abonniert, vielleicht auch, weil mich in den letzten Wochen wieder das Fernweh gepackt hat, und ich mit Wehmut an unsere Schiffs-Reise im letzten Sommer von Norwegen über Spitzbergen nach Island zurückdenke.

Damals hat mich auf Höhe der Insel Jan Mayen früh am Morgen der Staubsauger des Kabinen-Stewarts geweckt und ich konnte so, noch vor dem Frühstück, einen traumhaft schönen Ausblick auf dieses beeindruckende Eiland werfen. Bequem vom Balkon eines Kreuzfahrtschiffes aus, bei stahlblauem Himmel und strahlendem Sonnenschein, ist dieses heutige Naturschutzgebiet und Tierparadies eine wahre Augenweide:

Eingefügt: Foto Jan Mayen, Quelle Petras Bücher-Apotheke, Reise-Logbuch 2017.

Im heute hier vorgestellten Abenteuer passiert der Walfänger Volunteer nach zehn Tagen Sturm, bleiernem Himmel und Eisregen, auf seinem Weg nach Grönland, ebenfalls Jan Mayen.

(Da hatte ich doch eindeutig die besseren Bedingungen!)

Nordwasser von Ian McGuire

1859 nordwestlich von England, im Eismeer. Als der Wind nachließ, das Schiff endlich aufhörte zu schlingern, zu rollen und sich nicht mehr gegen die Wellenberge stemmen musste, fragte sich der frisch gebackene Schiffsarzt Patrick Sumner, der beinahe die ganze Zeit nach dem Ablegen kotzend unter Deck verbracht hatte, was er sich da wirklich eingebrockt hatte. War er doch davon ausgegangen, dass diese Reise für ihn eine Ferienfahrt werden würde. Die Anwesenheit eines Arztes auf einem Walfänger sei ja lediglich eine formaljuristische Angelegenheit, so ging jedenfalls die Rede. Gerade erst dem Militärdienst in Indien, wo er die Truppen ihrer Majestät zusammengeflickt hatte entkommen, wollte er jetzt mit Hilfe seiner Reise-Ration Opium, sowie der nordischen Landschaft Ruhe und Abstand gewinnen.

Soweit sein Plan, der jedoch bereits bei seinem ersten Landgang eine Delle bekam, wurde er doch in eine Kneipenschlägerei verwickelt und auf’s Heftigste „demoliert“. Ein gewisser Henry Drax und der erste Offizier halfen ihm danach in seine Kajüte, legten ihn in seine Koje und – spionierten zwischen seinen Sachen. Schon bald pfiffen die beiden Teufelsbraten durch die Zähne, entdeckten sie doch am Grund von Dr. Sumners Schiffskiste seine Armee-Entlassungspapiere mit dem Vermerk „unehrenhaft“ und einen riesigen, mit kostbaren Edelsteinen besetzten Ring …

In einem Dunst aus Fürzen und verschüttetem Bier waren wir Henry Drax in einer Taverne zum ersten Mal begegnet. Seine letzte Nacht an Land hatte er mit Huren, Schnaps und dem Mord an einem Shetlander verbracht. Was ihn kalt ließ, denn wenn sie sein Opfer mit eingeschlagenem Schädel in diesem Kohlenkeller finden würden, wäre er längst weg, mit der Geldbörse des Saufkumpans in seiner Tasche, auf dem Walfänger Volounteer unterwegs in Richtung Grönland…

Als sie ihn zwischen den Packeis-Schollen fanden, sah er aus, als wäre er bereits tot. Blass war er, jeder Tropfen Blut schien aus ihm gewichen. Wie lange er wohl im Wasser gelegen hatte? Sumner hatte nach seinem Sturz in die eiskalte Brühe schnell das Bewußtsein verloren. Ein jeder der an Bord war und ein Messer halten konnte, hatte an diesem Tag mit in die Boote gemußt. Robbenjagd war angesagt. An Land hatten sie Dutzende der Tiere erschlagen. Auch er hatte ein zerfetztes Bündel Leiber hinter sich her zurück in Richtung Boot geschleift, bevor er zu Fall gekommen war …

Unheilvoll nimmt die Geschichte jetzt Fahrt auf. Das Unheil selbst nähert sich dabei aber nicht von außen, sondern es ist längst an Bord, kauert in Lauerstellung, geduckt unter den Männern. Als einer der Schiffsjungen mit Bauchschmerzen zum Schiffsarzt kommt und dieser eine Vergewaltigung diagnostiziert, verläßt das Unheil seine Deckung. Nur wenige Tage danach findet die Mannschaft den verstörten Jungen tot auf, erwürgt. Der Verdacht fällt schnell auf einen Seemann, der sich offenkundig an anderen Ufern wohler fühlt und das Unheil? Es nimmt seinen Lauf …

Wir segeln derweil mit der Volunteer und ihren neundreißig Mann Besatzung, einem bunt zusammengewürfelten Haufen weiter nordwestwärts. Der eiskalte Nieselregen legt einen siebzig Zentimenter dicken Panzer auf ihren Rumpf, den die Mannschaft immer wieder abschlagen muss. Sumner reist in seinen Fieberträumen zurück nach Indien und wir mit ihm. Wir betreten mit ihm ein Feldlazaret, stehen zwischen den entstellten Männerkörpern, hören die Knochensäge, die ohne Unterlaß ihren Dienst tut. Dieser üble Geruch, der von denen, die die Schlacht nicht überlebt haben und von ihren amputierten Gliedmaßen ausgeht, der Schmutz, die Schmerzen und diese unsägliche schwüle Hitze, zweitausend Tote in zehn Stunden sind eine Qual …

Ian McGuire, geboren 1964 ist britischer Schriftsteller und Literaturwissenschaftler. In seinem 2016 für den Man Booker Prize nominierten Roman Nordwasser spielt er Schiffe versenken im Packeis, zwischen knirschenden Schollen, rauh und brutal wie das Nordmeer an einem stürmischen Tag. Er nimmt dabei kein Blatt vor den Mund, erschafft mit kraftvoller Sprache ein historisches Gemälde, drastisch, dramatisch und ungeschönt.

Als 1859 die Volunteer aufbricht liegt der Walfang bereits im Sterben und eine ganze Industrie stirbt mit ihm, denn man erleuchtet sich jetzt lieber mit Petroleum als mit Tran. Die Männer sind Rauhbeine, teils roh, wie so manches was hier verzehrt wird. Unfassbar, was man alles essen kann. Augäpfel von Robben, Haferbrei mit Nieren – was für ein Frühstück!

Wie vom Klabautermann zusammengetrommelt und vereint zu einer Schicksalsgemeinschaft bevölkern Abenteurer, Mörder, Versicherungsbetrüger, Sodomiten, Ehrgeizlinge, Eskimos, missionierende Priester, habgierige Reeder und einfache Seeleute diesen großartigen Roman, der vor der ehrfurchtgebietenden Kulisse der Arktis verortet ist.

Die Landschaft hier ist eine Schönheit aus glitzerndem Eis und Schnee. Die Kälte ist ein Ungeheuer. Wie aus einem Alptraum krallt sie sich an die Männer, läßt ihr Blut dicker werden, sie in der Bewegungslosigkeit erstarren. Hier wo sogar der Schweiß auf der Stirn, am Körper und die Atemluft auf den Gesichtern gefriert, das Nordlicht funkelnd und strahlend am Himmel die unwirkliche Szenerie beleuchtet, läßt McGuire uns Blinddarmoperationen auf einfachen Holztischen erleben. Als wolle er uns zwischendurch mal aufzuwärmen läßt er uns durch Dr. Sumners laudanumgetränkte Fieberträume einen anderen Kontinent betreten: Indien.

Für zarte Gemüter, sind seine schockiernd bildhaften Beschreibungen eher nicht geeignet. Man schluckt hart und trocken, wenn das Kopfkino sich mit blutigen Bildern eines grausamen Schlachtens bei Minus achtzehn Grad füllt. Geerntet werden stinkende Haut, Felle und Tran. In ihrer Verzweiflung am Ende mit halb leerem Frachtraum heimkehren zu müssen, balgen sich die tapferen Männer mit zahlreichen Haien sogar um einen halb verwesten Walkadaver. Retten sich vor dem Gestank beim Hieven und zerlegen in die Wanken …

Was für ein Roman! Ein echtes Fundstück, ein großes Abenteuer. Kein Wunder das die New York Times ihn 2016 zu einem der zehn besten Bücher des Jahres gekürt hat. Was für eine Freude, dass er jetzt zwei Jahre danach, in einer wunderbaren deutschen Übersetzung erhältlich ist und als nicht minder beeindruckende –

Hörbuch-Fassung, mit 9h und 45 Min.:

– in der unheimliche Klänge die Kapitelanfänge untermalen. Walgesang oder U-Boot-Sonar? Auf jeden Fall unheilverkündend, umfangen einen diese Töne.

Wolfgang Koch als Vorleser zu besetzten – da kann nix schief gehen! Ihn kenne ich bereits als Sprecher der Joona-Linna-Romane des Autoren-Duos Lars Keppler. Im Spannungsbereich ist er mit seiner Art des Vortrages eine Bank. Kaum einer kann wie er Sätze so in der Luft hängen lassen, dass man den Atem wie gebannt anhält. Seine kunstvollen Pausen wirken auch in diesem historischen Abenteuer wie ein Verstärker für die Spannung. Einzelne Charaktere hebt er stimmlich perfekt hervor ohne dabei clownesk zu werden. Dafür gibt es von mir eine unbedingte Hörempfehlung! Schnallt Euch an, das wird ein wilder Ritt …

Der Tod in den stillen Winkeln des Lebens (Oliver Bottini)

Sonntag, 29.04.2018

Der Wald und ich, wir haben da eine ganz besondere Bindung. Als Kind und als Jugendliche war ich fast jeden Tag hier, auch schon mal „mit ohne“ Schuhe, den weichen Waldboden unter den Fußsohlen abtastend. Als Erwachsene und in meinem Alltag schaffe ich es mittlerweile viel zu selten zwischen dichten Bäumen zu stehen, den Kopf im Nacken und dem Rauschen in den Kronen zu lauschen. Nur hier bricht sich das Licht auf diese besondere Weise, knistert es geheimnisvoll im trockenen Laub. Riecht es so wunderbar erdig, feucht und fruchtbar. Selbst wenn er dicht und dunkel, und mir ein bisschen bang wird, mein Herz bis zum Hals schlägt bei dem Gedanken es könne gleich ein Wildschein um die Ecke biegen und mich überrennen, genieße ich es. Tanke auf. Meinen Wohnort habe ich stets danach entschieden, ob ich fußläufig in einen Wald kommen kann. Hier bin ich bei mir, staune und kann durchatmen …

Wenn ihr diese Sätze lest, glaubt ihr mir wahrscheinlich sofort, dass das Lesen dieses Romans für mich zunächst eine Cover-Entscheidung war. Dann kam die Neugier dazu, schließlich hat er den deutschen Krimipreis 2017 gewonnen. Und ja, stille Winkel hat es auch in meinem Leben schon gegeben und den Tod leider auch. Die Großeltern, den Schwiegervater, Vater, Kollegen, Mitarbeiter und auch einen Chef habe ich schon beerdigen müssen. Still wurde es dann immer, um mich herum und in mir drin.

Was steckt wohl für Oliver Bottini hinter diesem Satz? Schon sein Prolog lädt ein, das herauszufinden, ist kraftvoll und verstörend zugleich:

Der Tod in den stillen Winkeln des Lebens

2011 – auf dem Weg nach Dänemark. Plötzlich war da dieser Sand. Überall. Mitten in Mecklenburg-Vorpommern?! Die Windböen peitschten die feinen Körner so heftig über die Autobahn, das die Sicht gegen Null ging. Er bremste scharf ab, trat das Pedal ganz durch, als die roten Rücklichter der vor ihm fahrenden Autos rasend schnell auf ihn zukamen. Die Airbags waren nach dem Aufprall so schnell wieder in sich zusammen gefallen, wie sie sich geöffnet hatten. Die Kinder auf dem Rücksitz schrien im Schock. Die kleine Emmy griff nach dem Türgriff – Nein, nur nicht aussteigen! Verzweifelt kämpfte er sich aus dem Fahrersitz, die feinen Körnchen nahmen ihm sofort nicht nur die Sicht, sondern auch den Atem. Es schmeckte nach Erde und er begriff, das war kein Sand, das war feiner Ackerboden. Als er den Schatten wahrnahm, die LKW Hupe hörte, laut und anhaltend, presste er sich die Hände fest auf die Ohren. Der Sturz erwischte ihn rücklings, nur mühsam kam er hinter der Leitplanke auf dem Mittelstreifen wieder auf die Beine, wo war sein Wagen? Die Kinder, Claudia? Die Sandwand war undurchdringlich. Erst spürte er eine dumpfe Explosion, dann sah er die Flammen …

2014 – Temeswar/Rumänien. Von ihrem alten Handel, dass er keine Mordermittlungen mehr leiten würde, wollte sein Chef heute nichts mehr wissen. Er brauche ihn, ihn seine Erfahrung, seine Besonnenheit und – seine Deutschkenntnisse, war nicht seine Mutter eine Deutsche? Die Tote eben auch, erst achtzehn war sie, die Tochter eines Großgrundbesitzers, offenbar in blinder Wut niedergemetzelt von zahlreichen Messerstichen. Nackt hatte man sie in der Nähe eines Flusses gefunden, wo sie offenbar hatte schwimmen wollen. Cozma solle sich zusammenreißen, seinen trunksüchtigen Partner Cippo einsammeln und endlich losmachen!

Ioan Cozma, Kripo-Kommissar gehorcht widerstrebend und bricht mit dem alten, klapprigen Dienst-Kadett zum Tatort auf, seinen fluchenden Partner im Schlepptau …

Oliver Bottini – viermal hat er bereits den deutschen Krimipreis gewonnen. 2017 erhielt er ihn erneut für „Der Tod in den stillen Winkeln des Lebens“.

Dies ist mein erster Bottini, aber sicher nicht mein letzter. Denn dieser Krimi hat den „Blues“ und genau das mag ich. Von der ersten bis zur letzten Zeile hält dieses Gefühl in mir an. Trist, hoffnungs- und perspektivlos. Übervorteilt, verwundet und vernarbt präsentiert Bottini ein Bild des modernen Rumänien, das nachdenklich macht.

Rumänien als Speisekammer der arabischen Welt? Mit dieser Fragestellung hatte ich mich noch überhaupt nicht beschäftigt. Kopfschüttelnd erlese ich mir hier Machenschaften, von denen ich nicht das Geringste geahnt habe, tauche ein in ein Land, dass von seinen politischen Wirren schwer gezeichnet ist.

Kleinbauern und diejenigen, für die die Erde und das was sie hervorbringt sinnstiftend ist, werden durch Korruption, Gewinnsucht und Spekulanten um Hab und Gut gebracht. Der Boden ausgelaugt durch Monokulturen und exzessive Bewirtschaftung. Riesige Flächen erbarmungslos ausgebeutet, erodiert, lassen Sandstürme mit verheerenden Folgen entstehen.

Seinen Kriminalfall baut er raffiniert auf, schickt uns als Leser auf eine Fährte, der alle gleich folgen, weil sie ja so auf der Hand liegt. Läßt uns rätseln und ermitteln, zweifeln und verzweifeln auf der Suche nach der Wahrheit …

Die Zerissenheit seiner Figuren, ihre Dämonen, inneren Kämpfe und die Erkenntnis, dass man in allen entscheidenden Momenten des Lebens meist allein ist, wirken nachhaltig in mir, wühlen mich auf.

Müde und erfüllt von einer tiefen Sehnsucht nach Zuwendung und innerem Frieden zeichnet er seinen Helden Ioan. Ich trauere und hadere mit Bottinis Charakteren, allen voran Maik Winter, der seine kleine Familie bei einem Unfall verliert. Mit Ana stehe ich am Rand von Massengräbern, um Fassung ringend und mir die Frage stellend, ist es diesmal ihre Familie die wir auf dem Grund der Grube finden werden? Ich verliere einen Freund an eine skrupellose Organisation, vor meinen Augen haben sie ihn barfuss an ein Auto gebunden, und durch die Straßen gezerrt, bis er nur noch ein blutiges Bündel war.

Selbst bei einer Demo, wie Don Quichote im Kampf gegen Windmühlen, versuche ich gemeinsam mit Anett die Übermacht der Agrar-Gauner aufzuhalten. Lerne dafür sogar das Traktor fahren.

Mit Maiks Vater schwimme ich, all meine Kleider am Leib im See, stehe triefend bei seiner Christel in der Küche, bis sich Wasserpfützen um meine nackten Füße bilden. Auch diesmal ist es uns nicht gelungen den Kummer zu ersäufen, die Schuldgefühle abzuwaschen, das Vermissen zu ertränken …

Sprachlich präzise, aber nie kalt, sondern sachlich, klar und klarstellend erzählt Bottini. Bei allem „Blues“ – Hoffnungsfunken und ein unerschütterlicher Glaube an das was menschlich und gut ist, der Glaube an Zusammenhalt und Freundschaft, keimen selbst auf diesen ausgelaugten Böden, zwischen seinen geschundenen Helden, wenn auch als kleines zartes Pflänzchen.

Meine Einstiegsfrage, ob Oliver Bottini und ich die gleichen Gedanken im Sinn hatten bei der Betrachtung des Titels, würde ich mir nach dem Umblättern der letzten Seite seines Romans so beantworten: Seine Figuren und mich eint ein Gefühl der Einsamkeit, das einen immer dann befällt, wenn man lebensverändernde oder wegweisende Entscheidungen zu treffen hat. Das und die Kraft, die es braucht Rückschläge, Schicksalsschläge zu meistern in den stillen Winkeln unseres Lebens …

Dunkelgrün fast schwarz (Mareike Fallwickl)

Sonntag, 22.04.2018

„Arschlochkind“ was für ein Wort ist das denn? Schließen sich nicht die beiden Wortbestandteile schon gegenseitig aus? Mit Kind verbinden wir niedlich, vielleicht auch arglos und mit Arschloch genau das eben nicht – und doch, bei genauerem Hinsehen sind wir ihnen sehr wahrscheinlich alle schon einmal begegnet, solchen Kindern.

Was läßt die Einen zum Schläger werden und die Anderen zum Vermittler? Was läßt sie ihren Eltern entgleiten, oder hatten diese es nie in der Hand?

Erinnerungssplitter wirbeln in mir auf, an den „Schulhofprügler“, den „Taschengelderpresser“ die „Lieblings-Füllerdiebin“ meiner Grundschulzeit. An das Herzklopfen beim Zurückstehlen des teuren Füllers, wie hätte ich meinen Eltern auch erklären können, dass er fort war, ohne entweder Ärger zu bekommen oder ihre Einmischung zu provozieren, die alles nur noch schlimmer gemacht hätte …

Kinder können gemein sein, grausam, wie es nur Kinder sein können? Oh, ja. Was macht sie dazu? Was bringt Sie soweit?

Wutkinder“. Im Supermarkt wälzen sie sich am Boden, schreiend, trampelnd, die Eltern stehen hilflos, beschämt und gedemütigt oder voller Zorn daneben. Später spazieren die Kleinen, ein Eis leckend vorbei, ein siegessicheres Grinsen auf den Lippen. Bilder aus meinem Alltag …

Auch Mareike Fallwickl hat eine Alltagsbeobachtung gemacht, die sie zu diesem Roman inspiriert hat, erzählt sie in einem Interview. Auf einem Spielplatz rutscht ein Junge mit voller Absicht in ein kleineres, am Boden liegendes Kind hinein. Blickt ihr dann offen lächelnd in der Gewißheit ins Gesicht, dass Sie nichts sagen wird …

In ihrem Debütroman stellt sie uns neben Marie, Johanna und Raffael, Moritz vor. Schon mit drei Jahren kann er die Farben, die Auren, der anderen sehen, ihre Stimmungen, sogar die Atmosphäre in Räumen, Häusern, seiner Umgebung nimmt er farblich war. Das ängstigt ihn als Kind, macht ihn später, als er es nicht mehr verleugnet, zum intensiven Beobachter und treibt ihn hin zu Raffael, der so wunderschön hellgrün strahlt …

Dunkelgrün fast schwarz

Was wollte er hier? Mitten in der Nacht? Ausgerechnet heute, jetzt, nach all der Zeit? Jetzt, wo Moritz sich in seinem Leben eingerichtet hatte, seine Frau schwanger und er was, glücklich war?

Als Raffael nach über sechzehn Jahren Funkstille regenfeucht vor ihm steht und ihn entwaffnend angrinst, läßt Moritz ihn rein. Zögernd, mißtrauisch, von einem unguten Gefühl durchdrungen. Er brauche eine Schlafstatt, nur für diese eine Nacht, alle Hotels seien ausgebucht. Eigentlich habe er ja vorher anrufen wollen, so Raffaels lahme Entschuldigung. Sie kennen sich seit sie drei Jahre als sind. Haben ihre Kindheit zusammen verbracht, sind Blutsbrüder – so landet Raffael auf seiner Couch und Moritz schiebt seine Bedenken zur Seite, auch seine Wahrnehmung. Denn die einst limonengrüne, helle Aura seines Freundes hat sich verdunkelt, ist zu einem dunkelgrün, ja fast schwarz geworden …

Er war fort und Johanna sich nicht sicher, ob sie das Katz und Mausspiel nicht mehr leid war, als sie es liebte. Sie vermisste ihn, und hatte diesmal keine Ahnung wohin er verschwunden sein könnte. Zwischen dem was er zurückgelassen hatte fand sich kein Hinweis, akribisch hatte sie alles durchsucht, selbst seine Schmutzwäsche die noch hier war und den Inhalt des Papierkorbs. Seit vierzehn Jahren ließ er sie jetzt immer wieder zurück, seit vierzehn Jahren wartete sie auf ihn, immer wieder. Erst schickte er ein Zeichen, einen Hinweis, dem sie folgen konnte, wie bei den ausgestreuten Brotkrumen in einem Märchen. Nie hatte er aber vorher alles ausgelöscht so wie diesmal, auch alle digtalen Spuren verwischt …

Mareike Fallwickl – geboren 1983 in Hallein, lebt im Salzburger Land und macht hier ihre Heimat zum Schauplatz ihres Debüt-Romans. Seit 2009 pflegt Fallwickl einen Literaturblog, arbeitet als freie Texterin und Lektorin.

Ihr Roman ist trotz Moritzes Fähigkeit Auren zu lesen alles andere als esoterisch. Mit forschenden Augen blickt dieser in die Welt, durchdringt sie und die Personen um ihn herum. In seiner Zugewandheit und mit einer Fürsorglichkeit, die rührend ist, sucht er seinen Platz im Leben, sucht nach Anerkennung. Seiner Sandkastenfreundschaft mit Raffael, dem Bad Guy, der an Gemeinheit schon im Kindergarten nicht zu überbieten war, mit seinem nach außen hin perfekten Elternhaus, ist er mir Haut und Haaren verfallen, genauso wie Johanna. Die Dritte im Bunde, als Teenager verliert sie beide Eltern und kommt bei einer Tante unter, die nichts mit ihr anfangen kann. Das Band zwischen den beiden Buben ist ihr gleich aufgefallen und wenn sie eines will, dann zu diesen beiden Unzertrennlichen gehören …

Marie, die Mutter von Moritz, übernimmt eine weitere Schlüsselrolle. Ungewollt und viel zu früh schwanger, von den Schwiegereltern abgelehnt, der Ehemann im Medizinstudium, ist sie viel zu viel allein. Wie hineingeschoßen wird sie in dieses kleinstädtische, ja dörfliche Leben in der Nähe von Salzburg. Hier, wo hinter vorgezogenen Gardinen ein prüfender, argwöhnischer Blick auf die Fremde, die Zugezogene geworfen und getuschelt wird, man sie auf der Straße aber weder offen ansieht noch anspricht. Mir, die auch eine Zugezogene auf dem Dorf ist, kommt das alles sehr bekannt vor …

Ja, man zieht schnell als Leser den Kopf ein, denn man sieht das Unheil kommen, schon bevor die ersten hundert Seiten gelesen sind. Schüttelt den Gedanken dann wieder ab, versucht wie Moritz das Licht zu sehen, bei stetig wachsenden Zweifeln.

Plakativ schildert Fallwickl Verletzungen, verbale und körperliche, innere und äußere, zeigt auf, wie leicht diese zufügbar sind, besonders dann, wenn man sich gut kennt. Sie baut erotische Szenen ein, ohne pornografisch zu werden, verstärkt so Abhängigkeiten zwischen ihren Figuren. Zerissene Manipulatoren, die nach außen hin unbeugsam erscheinen, einsame, sensible Helden gestaltet sie dabei ebenso glaubwürdig aus, wie verzweifelte Mütter und vernachlässigte Ehefrauen.

Über die Gefühle Ihrer Figuren erzählt sie uns viel, beschreibt sie mit einer Körperlichkeit, die drastisch und eindringlich ist. Läßt uns Wut schmecken, Galle spucken, aber auch Leidenschaft und Sehnen kosten. Fallwickl bedient sich dabei einer sehr bildhaften, unverstellten Sprache. Wie kunstvoll geschmiedete Pfeile sind ihre Sätze, mal sirren sie noch rotglühend und roh los, mal suchen sie zischend, glatt poliert und schimmernd ihr Ziel. Immer treffen sie ins Schwarze, punktgenau, verletzen, verhöhnen oder versöhnen. Nie wirken sie bemüht oder angestrengt. Hut ab, davor!

Seitenweise hätte ich Markierungen machen können, mit Formulierungen die mich innehalten und nachdenken ließen, die ich mehrfach gelesen habe, so muß ein Roman sein, an den ich lange zurückdenke, der sich in mein Herz gräbt. Fallwickl erzeugt durch Rückblenden und Perspektivwechsel eine Grundstimmung, die packt und spannend ist bis zu letzten Zeile, einen voran treibt, weil man endlich erfahren will, was sich abgespielt hat, damals und zwischen den Dreien.

Und, ja, das Leben ist lebensgefährlich und verhängnisvoll, und unausweichlich und schicksalhaft, und wir alle begegnen ihnen auch als Erwachsene, gleich ob wir sie schon als Kinder kannten oder nicht, Menschen, die dunkelgrün fast schwarz sind …

Artemis (Andy Weir)

Sonntag, 15.04.2018

Was macht eigentlich einen Traumjob aus? Jedem von uns fallen da aus dem Stand Attribute ein, die für ihn persönlich wichtig sind. Aufgaben die mehr als nur Routine bedeuten, gutes Geld, ein attraktives Arbeitsumfeld, mit Menschen zusammen kommen, von denen man Wertschätzung und Anerkennung erfährt. Ein Chef und Kollegen, die man nicht gleich auf den Mond schießen möchte … Apropos Mond. Einen Job auf dem Mond zu haben könnte auch ein Traum sein, oder? Fragen wir doch mal jemanden der sich damit auskennt, darf ich vorstellen: Miss Jazmin Bashara – und Euch allen ein herzliches Willkommen in Artemis, der ersten und einzigen Stadt auf unserem Erdtrabanten, dem Mond. Einwohnerzahl zweitausend, darunter viele Millionäre, Wissenschaftler und auch eine, die mit allen Wassern gewaschen scheint:

Artemis – nicht erbaut auf sieben Hügeln, dafür aus fünf großen Kugeln. Meterdicke Wände aus Metall und Beton, die zur Hälfte unter der Oberfläche eingegraben wurden und durch Tunnel miteinander verbunden sind, bilden das Gerüst der Stadt. Nur vier Kuppeln, die um eine fünfte in ihrer Mitte liegend angeordnet sind, sind von oben betrachtet sichtbar. Es ist teuer hier zu leben und es ist teuer hierher zu kommen. Dabei ist das Leben in Artemis für die meisten alles andere als luxuriös, und ganz und gar nicht so, wie man es bei den Preisen vielleicht erwarten könnte.

Jazmin, oder Jazz wie ihre Freunde sie nennen, arbeitet als Trägerin, wir würden sagen Postzusteller. Na ja gut, Schmugglerin würde auch passen, denn sie verteilt Pakete und nicht jeder von ihr zugestellte Inhalt ist auch legal auf dem Mond, sondern er birgt, im besten Wortsinn, auch schon mal Zündstoff in sich. Nehmen wir z.B. Zigarren, die eingedenk der strengen Brandschutzbestimmungen in Artemis verboten sind. Schließlich kann man ja nicht mal eben so bei Verrauchung ein Fenster zum Lüften öffnen, oder wenn es brennt hinaus spazieren.

Jazz wurde in Saudi Arabien geboren, ist jetzt sechsundzwanzig und lebt auf dem Mond seit sie sechs Jahre als ist. Sie liebt ihre Stadt, fühlt sich als Artemisierin. Das trotz aller Unbillen, die diese für ihre Bewohner bereithält. Der Kaffee schmeckt hier wirklich widerlich, was wenn man bedenkt, dass Wasser hier oben bereits bei einundsechzig Grad kocht, eigentlich auch kein Wunder ist. Will sagen, der Mond kann ja nichts dafür, sondern vielmehr die Gesetze der Physik. Befragte man Jazmin als Kind nach ihren Berufswünschen, formulierte sie schon, reich – immer noch arbeitet sie daran, auch das bisweilen mit nicht ganz legalen Mitteln …

Andy Weir – von Haus aus Programmierer und Softwareentwickler landete mit seinem Debütroman „Der Marsianer“ aus dem Stand einen Bestseller, der auch erfolgreich mit Matt Damon in einer Hauptrolle verfilmt wurde. In seinem neuen Roman hat es ihn nicht ganz so weit in den Weltraum verschlagen und wir landen diesmal mit ihm auf unserem Mond. Science Fiction Fans die jetzt Weltraumschlachten oder Fahrten mit Raumschiffen erwarten werden diese vielleicht vermissen. Mir haben sie nicht gefehlt, mir hat die „geerdete“ Darstellung des Lebens auf dem Mond gefallen und ich habe mich an der spürbaren Schreibfreude Weirs und an seiner Leidenschaft für alles was mit der bemannten Raumfahrt zu tun hat, gefreut. Zwischen wissenschaftlichen Fakten schweben seine Pointen in der Schwerelosigkeit und die sehr griffig geschilderten technischen Einrichtungen vermitteln den Eindruck, man könne Nachts aus dem Fenster auf den Mond schauen und Artemis schon dort oben sehen.

In der gut besuchten Mondstadt begegnen wir stinkreichen Touristen, Weltraumbummlern und Arbeitern in den engen Tunneln. Wir bestaunen die Landezone der Apollo Rakete im Besucherzentrum und unternehmen selbst einen Mondspaziergang hinaus zu den Überresten der „Eagle“. Wir spähen erschrocken in die Kapselunterkünfte, in die man die Arbeiter und auch unsere Heldin gequetscht hat, verstehen auf Anhieb, warum man diese Wohneinheiten ohne eigene Dusche und Toilette umgangssprachlich „Särge“ nennt.

Wir lesen den Briefwechsel oder vielmehr E-Mail-Wechsel zwischen Kelvin und Jazz der bereits in deren Schulzeit beginnt mit, halten so den Kontakt zur Erde. Mit Kel teilt sie ihre Sorgen, er ist ihr Ratgeber und Vertrauter in jeder Lebenslage, und sie, die Hochbegabte löst für ihren Erdenfreund, den sie nicht persönlich kennt, aus der Ferne auch schon mal komplizierte Berechnungsaufgaben, damit er im Raketendesign weiter kommt.

In gekühlten Anzügen rumpeln wir mit Spezialfahrzeugen über die spitzen Steine der Mondoberfläche. Der feine Staub aus spitzen Teilchen gerät dabei überall hin, klebt an uns fest, gerät in die Lunge, zerkratzt die Augen, sobald unser Schutzanzug auch nur den kleinsten Ritz hat.

Die blitzgescheite Jazz nimmt uns an der Hand und erklärt uns diese Mondwelt anschaulich, mit all ihren technischen Details, kurzweilig und sehr unterhaltsam. Sie nimmt sich selbst nicht ganz so ernst und betrachtet die Ereignisse mit einer entspannten Grundhaltung. Okay, ein freches Mundwerk hat sie schon, da darf man nicht ganz so empfindlich sein. Jung, wild, rebellisch, ungebunden, unangepaßt, unerschrocken, vorwitzig und grenzenlos optimistisch – eine arabische Pippi Langstrumpf auf dem Mond, nur ohne Zöpfe. Es macht Laune mit ihr unterwegs zu sein und diese fremde Welt zwischen Glas, Staub und Steinen mit ihr zu erobern.

Etwa ab der Hälfte dieses Zukunftsthrillers zieht dann auch die Spannung an. Als Jazmin, Schmugglerin und Teilzeitkriminelle, einen brenzligen Auftrag ihres besten Kunden annimmt, ahnen wir schon, das hier auf die Gute eine Lawine von Problemen zurollt und wir hoffen, dass ihr am Ende nicht die Deportation zur Erde droht. Im Sabotagegeschäft kennt sie sich ja nun wirklich nicht aus! Einen Mord gibt es schließlich auch aufzuklären und als hätten wir es nicht befürchtet, steckt unsere Miss Bashara plötzlich mitten in einer Verschwörung vom Feinsten und nur ein beherzter Plan, der zugegeben nicht ohne Risiko für Leib und Leben der Beteiligten ist, wird geschmiedet um das Schlimmste noch abzuwenden. Mißlingt er, steht das Wohl und Wehe der gesamten Mond-Stadt auf der Kippe …

Mich hat Andy Weirs Geschichte bestens unterhalten und zugleich den Blick für unseren blauen Planeten, für seine Schönheit und die Dringlichkeit diese zu erhalten neu geöffnet!

Hörbuch-Fassung, gekürzte Lesung mit 9h und 10 Min. Spielzeit:

Gabriele Pietermann – ist die Hauptstimme in dieser gelungenen Hörbuch-Fassung. Als deutsche Synchronsprecherin von Emilia Clarke, alias Daenerys Targaryen aus Game of Thrones und von Emma Watson, alias Hermine aus den Harry Potter Filmen, haben wir sie hier plaudernd im Ohr.

Ihr Vortrag ist sehr lebendig, sie unterstreicht damit die freche, spätpubertäre und vorwitzige Art der Heldin, gibt sie cool, clever und lässig. Fluchen wie ein Kesselflicker, ja, das kann sie auch.

Die Rolle von Kelvin liest Marius Clarén, die deutsche Stimme von Tobey Maguire alias Spiderman und Jake Gyllenhall sehr sympatisch und authentisch ein. Der E-Mail-Chat der beiden vom Mond zur Erde und zurück – ein herrlicher Schlagabtausch.

Die Ermordung des Commendatore I (Haruki Murakami)

… eine Idee erscheint …

Wie man das Licht einfangen kann, im Herzen eines Gemäldes, ist mir bis heute ein Rätsel. Ganz intensiv erinnere ich mich aber bis heute an einen Besuch im Louvre. Damals war ich siebzehn und besuchte eine Freundin, die als Au-Pair-Mädchen ein Jahr in Paris verbrachte. Die französischen Impressionisten hatten es mir damals schon angetan und so besuchten wir gemeinsam verschiedene Museen. Stunden verbrachte ich staunend, in einem Raum sitzend, zwischen den Seerosen von Claude Monet. Man meinte förmlich eintauchen zu können in diesen Teich, über die japanische Brücke, die seine Ufer verband spazieren zu können … Der berühmte Louvre durfte auf dieser Tour natürlich auch nicht fehlen, hier galt es Schwerpunkte zu setzen, alles anschauen war ganz und gar unmöglich. Dort bin ich dann wider Erwarten in der Galerie der alten Meister hängen geblieben. Den Titel und den Maler des Bildes, was mich an diesem Tag magisch anzog, habe ich längst vergessen. Nicht aber dieses Licht, das von einer halb heruntergebrannten Kerze ausging, die der Maler auf einen alten Holztisch gestellt hatte. Heute noch, nach über dreißig Jahren, kann ich dieses Bild vor meinem geistigen Auge herauf beschwören, von innen heraus schien es zu strahlen, warm und einladend, wie ein Versprechen, dass es immer ein Licht geben wird was mir leuchtet …

Wie eine Verheißung, vielleicht in diesem Roman dem Geheimnis auf die Spur kommen zu können, wie man Empfindungen malend vergegenständlicht, hat mich diese Geschichte gelockt und entführt in die Abgeschiedenheit und Einsamkeit der Berge Japans …

Die Ermordung des Commendatore I (Haruki Murakami)

Nachdem seine Frau sich Knall auf Fall von ihm getrennt hatte, war er anderthalb Monate ziellos im kalten Norden Japans umhergezogen, bis sein Wagen ihn schließlich im Stich gelassen hatte. Mehrere körperliche Beziehungen zu anderen Frauen hatte er unterwegs unterhalten und so versucht den emotionalen Abstand zu seiner Noch-Ehefrau zu vergrößern. Letztlich war er jetzt hier gelandet, oder gestrandet? In dem kleinen, von hohen Kiefern umstandenen Cottage am Berg, mitten auf der Wetterscheide dieses Gebirges, am Eingang dieses Tals, wo es das halbe Jahr über regnete, wo sich meist Nebelfetzen an den Felsüberhängen festkrallten, wo es war still war, so still, das man die Zeit fließen hören konnte (Textzitat). Würde er hier zu sich kommen und vielleicht sogar Inspiration finden können, für ein eigenes Gemälde? Wegkommen können von der Portraitmalerei, die sein bisheriger Brotwerb war? Das er sich dabei gleichzeitig für einen guten Freund als Housesitter nützlich machen konnte war doch ganz wunderbar. Nicht?

Die Zeit verstrich zäh wie Sirup, und die Inspiration wollte einfach nicht fliessen. Es schien dabei auch absolut bedeutungslos, dass der Vorbesitzer dieses Häuschens am Berg ebenfalls Maler gewesen war, ein berühmter noch dazu und hier zu seinem eigenen Stil gefunden, ihn genau hier perfektioniert hatte. Es wirkte nicht nur nicht ansteckend, sondern lenkte vielmehr sogar ab, oder besser seinen Blick auf das Leben und das Wirken seines Vorbewohners, das ganz unerwartet einen abrupten Richtungswechsel erfahren hatte. Das Gemälde, das er schon nach kurzer Zeit, gut verpackt auf dem Dachboden gefunden hatte und das den Titel „Die Ermordung des Commendatore“ trug, war nicht nur bemerkenswert, sondern offenbar auch ein Schlüssel zum Leben des berühmten Hauseigentümers, ein Türöffner zu einer längst vergangenen Zeit, zu einer längst vergessenen Tat …

Haruki Murakami. Jahr für Jahr, und das bereits seit Jahren, zählt er zu den Nominierten für den Literatur-Nobelpreis. Bislang ist er ihm noch versagt geblieben. Noch.

Ein Meister seines Fachs, stets Mystik und Magie mit Realität verwebend, so begeistern sich seine Fans und Kritiker.

Mit diesem Roman bin ich, quasi als Spätzünder, neugierig und mit hohen Erwartungen, in sein Werk eingestiegen und sprachlich hat Murakami auch bei mir sofort einen Nerv getroffen! Poetische Sätze, die seine Übersetzerin Ursula Gräfe meisterhaft vom japanischen ins Deutsche „umtopft“. Was ich mir enorm schwer vorstelle, haben beide Sprachen für mich und meine Ohren doch eine ganz und gar unterschiedliche Melodie. Beinahe lyrisch muten die so entstandenen deutschen Satzkunstwerke an. Besonders dann, wenn von der Zeit die Rede ist, von ihrem Fließen, ihrem Versanden, ihrem Verstreichen …

Selbst die Kapitelüberschriften sind Balsam für die Ohren. Pointiert, manchmal augenzwinkernd und stets verheißungsvoll sind diese Ausblicke auf die sich anschließenden Zeilen.

Besonders gefallen hat mir auch, wie der Autor die Mystik in seine Rahmenhandlung einbindet. Er nimmt selbst den sonderbarsten Geschehnissen die Absurdität und läßt uns den Zweifel. Ja, gibt es denn nicht auch genug Dinge, die wir uns mit unserer Schulweisheit nicht erklären können?

Inhaltlich hatte ich da zugebener Maßen mehr Anlaufschwierigkeiten und auch was seine Figuren anbelangt. Fühlte ich mich doch immer irgendwie seltsam auf Distanz gehalten. Der Gleichmut seines Ich-Erzählers hat mich bis zur ersten Hälfte der Geschichte sogar bisweilen aufgebracht. Dann aber weckt Murakami ihn auf mit geisterhaften Stimmen, seltsamen Begegnungen und hat mich am Haken …

Er läßt eine Eule, im kleinen Dachstuhl des Hauses einziehen, die sich nur Nachts bemerkbar macht. Unseren selbstvergessenen Jungmaler läßt er einen Schrein entdecken, der im Kiefernwäldchen verborgen hinter dem Haus liegt und der älter zu sein scheint als der Berg selbst. Ein Steinhaufen türmt sich vor dem Schrein auf. Mitten in der Nacht, Nacht für Nacht, dringt aus ihm ein leises Läuten und es ruft unseren Maler hinaus, lockt ihn in die Dunkelheit …

Grabungen fördern alsbald eine verborgene, gemauerte Kammer unter dem Steinhaufen zutage. 2,80m tief und 1,80m im Durchmesser. Keine Tür führt hinein, kein Tunnel hinaus, auf ihrem nackten Boden findet sich ein alter Schellenstab. Wie kann dieser denn in der Nacht geläutet haben? Von wem geläutet worden sein?

Der Glockenstab zieht kurzerhand ins Wohnhaus ein und mit ihm eine unheimliche Grundstimmung, die sich mit der Klarheit der Tage vermischt. Eine Ahnung setzt sich fest, dass dieser merkwürdige Fund erst der Anfang ist, doch der Anfang wovon? Denn zunächst verstummt das nächtliche Läuten, zunächst – dann schlägt die Schelle erneut an, zur Geisterstunde und eine Stimme die unser Maler schon Tage lang immer mal wieder hört verkörperlicht sich …

Seltsam entrückt fühlte ich mich beim Zuhören, beinahe als schaute ich aus dem dunklen Zuschauerraum einem Theaterstück zu. Zweiter Akt, Auftritt Herr Menschicki. Attraktiv, steinreich, geheimnisvoll, undurchsichtig und selbstbewußt. Er ist der Nachbar unseres jungen Malers und wird ihm zum Auftraggeber, ja zum Gönner. Um ihn ranken sich Gefängnisgerüchte, ein verschlossenes Blaubart-Zimmer soll es gar in seiner Villa geben und das Getuschel, er soll die einstigen Bewohner seiner Luxusherberge böswillig aus derselben vertrieben haben, will nicht verstummen.

Seine Motive unseren Maler zu umgarnen werden sich uns bis zum Ende des Romans nicht vollends offenbaren, ein geschickter Schachzug um auf Teil II neugierig zu machen? Werden wir Herrn Menschicki dort dann wieder treffen? Wo führt uns diese Geschichte hin? Im letzten Kapitel kommt jemand zu Wort, den Murakami nicht vorstellt und ich beginne zu ahnen, wem er da eine Stimme gibt. Diese Stimme sie lockt mich: l

„Lies mich, hör mich, triff mich“ – in Band II, dort wo sich nach dem Erscheinen einer Idee, dann eine Metapher wandeln wird …

David Nathan – für mich ist er einer DER Gänsehautsprecher überhaupt! Wenn einer einen solchen Stoff lesen kann, dann er. Als deutsche Synchronstimme von Batman Darsteller Christian Bale, kroch er uns schon hauchend unter die Haut. Hier lotet er stimmlich und gekonnt die Grenzen zwischen Schein und Sein aus, wie immer souverän und wohltuend zurückhaltend, gibt er als Hörbuchinterpret dieser Geschichte den Raum den sie braucht um zu strahlen.

Er ist’s Schuld, dass ich mich für die Hörbuch-Fassung dieses Murakami Romans entschieden habe und ich habe diese Entscheidung keine Silbe lang bereut, im Gegenteil. Ich hoffe fest auf ein „Wiederhören“ im Teil II …

Veröffentlicht in Drama

Das Labyrinth der Lichter (Carlos Ruiz Zafon)

Ostermontag, 02.04.2018

Wie sehr uns doch die Hoffnung antreibt. Hoffentlich geht es mir morgen wieder besser. Hoffentlich ist das Wetter bald wieder schöner. Hoffentlich ist er, oder sie mir nicht mehr böse. Hoffentlich geht das gut. Sätze ohne Zahl beginnen wir mit dieser Formel. Ich sitze gerade hier und überlege, wo mich dieser Beitragsanfang hinführen wird und denke, hoffentlich kriege ich die Kurve zu dem, was ich im Folgenden sagen will.

Merkt Ihr was? Mir scheint die Hoffnung ist tatsächlich die alles entscheidende Triebfeder, zumindest in meinem Leben. Was wäre es finster ohne diesen Schimmer am Horizont. Auch wenn man sich die Brille schon mal gründlich putzen muss um es zu sehen: Das Licht am Ende des Tunnels. In seinen Romanen, geht es immer um die Hoffnung, aber auch um die vielen Gesichter mit denen sich die Wahrheit maskiert.

Mit hohen Erwartungen und ja, mit der Hoffnung, dieser vierte Teil seiner Barcelona-Reihe möchte an die Wortgewalt und die Gefühlswelt der Vorgängerbände anknüpfen, bin ich in dieses Hör-Abenteuer gestartet:

Das Labyrinth der Lichter (Carlos Ruiz Zafon)

Barcelona, 1938. In der Dunkelheit eines Schiffsbauches erwacht ein blinder Passagier. Allerlei Kuriositäten türmen sich um ihn herum auf. Alte Schaufensterpuppen, eine Kutsche, Requisiten aus einer anderen Welt. Er hält sich in den Schatten verborgen, horcht auf die Geräusche des Schiffes und der Mannschaft mit angehaltenem Atem. Vor zwei Nächten hatte er sich in Valencia an Bord geschlichen und hier versteckt, in einer Gewehrkiste. Jetzt legte das Schiff an, und er, Fermin Romero de Torres, war fast am Ziel, zurück in Barcelona. Plötzlich näherten sich Schritte und diese Stimme, die laut bellend Befehle erteilte, ließ ihm das Blut gefrieren, denn sie gehörte eindeutig zu Inspektor Fumero! Der grausame Häscher der Staatspolizei höchst persönlich suchte in jeder Ritze des Schiffes und er fand was er suchte …

Der Schuß durchbohrte Fermins Waffensarg und verfehlte seinen Kopf nur um Haaresbreite. Die Nägel die anschließend durch den Kistendeckel getrieben wurden sperrten ihn für immer hier ein. Er fühlte, wie er mitsamt seines Gefängnisses in die Luft gehoben wurde, es folgten ein Fall ins Leere, dann der Aufprall und das durch die Spalten eindringende Hafenwasser wurde stetig und schnell mehr …

In seine eigene Hölle hatten sie ihn geführt. Er betrachtete seine verletzte Hand als gehöre sie nicht zu ihm. Dunkel hattte sich bereits das Fleisch an ihr verfärbt. Er wußte, dass er sterben würde, am Wundbrand, an der Sepsis, in diesem Loch hier, festgesetzt und vergessen, wenn er nicht handelte. Das Paket, das ihm in die Zelle geworfen worden war lag jetzt vor seinen Füßen. Er öffnete es ungelenk mit seiner gesunden Hand und förderte eine einfache Holzsäge zutage. Die Worte die sein Entführer ihm bei der Übergabe des Päckchens entgegen geschleudert hattte, klangen in ihm nach, (^der Tot ist zu gut für dich^), als er das Werkzeug an seinem fauligen Handgelenk ansetzte und zu sägen begann …

Textzitat: „Gewissheiten flößen Mut ein, aber lernen tut man nur mit dem Zweifel“.

Carlos Ruiz Zafon – der spanische Erfolgsautor öffnet mit diesem Roman zum letzten Mal knarrend das Tor zum Friedhof der vergessenen Bücher und gibt uns den Weg frei. Ganz wehmütig läßt er mich am Ende der Reise zwar auf den Stufen zum Eingang zurück, aber er schenkt mir damit auch eine glückliche Erinnerung an eine wunderbare Roman-Reihe.

Endlich konnte ich wieder die Türschwelle überschreiten und meine Lieblingsbuchhandlung „Sempere & Söhne“ besuchen. Jetzt steht ein Laufstall neben dem Ladentisch und Daniels zweijähriger Sohn spielt zu dessen Füßen. Und auch er ist wieder da! Mein Fermin! Was hab ich ihn vermißt, dieses schwadronierende, liebenswürdige Schlitzohr. Die Sprüche die ihm Zafon in den Mund legt sind wieder göttlich. Er ist ein wahrer Stimmungsaufheller, ihn hätte ich gerne im echten Leben zum Freund, nie ist er um eine Antwort verlegen. Literarischer Berater und bibliografischer Detektiv, so seine selbstgewählte Berufsbezeichnung. Seinen Empfehlungs-Kärtchen, die er heimlich in den Büchern versteckt, damit Bea sie nicht findet, wäre ICH auf jeden Fall gefolgt …

Meisterhaft verbindet Zafon diesmal alle losen Enden seiner drei voran gegangenen Romane, stellt klar und Zusammenhänge her. Wieviele Geschichten es doch innerhalb einer Geschichte zu erzählen gibt! Die Figur der Alicia agiert dabei als Weberin, die aus den zahlreichen Fäden ein reiches Muster webt. An ihrer Seite Vargas, der ihr Vater sein könnte, aber alles andere als das sein will.

Viele alte Bekannte treffen wir wieder, gleich ob geliebt oder gehaßt, so auch Mauricio Valls, den wir bereits in Band drei kennengelernt haben. Damals war er noch der Gefängnisdirektor auf dem Montjuic. Ein grausamer Mann, der vielen Qualen und den Tod gebracht hat. Geprägt von Besessenheit und Fanatismus, hat er sich hochgearbeitet zum Kultur-Minister. Kaum das wir aber auf ihn treffen verschwindet er, offenbar spurlos. Seine Fährte nehmen wir auf mit Alicia Gris, einer Beamtin der Staatspolizei mit eigenem Schicksal. Ein Geschöpf der Nacht, schön, unnahbar und geheimnisvoll, eigenwillig, gerissen und clever. Wir tauchen mit ihr ein in die Nacht auf der Spur eines Rätsels, werden verwickelt in Intrigen, verfolgt von den Schergen des Bösen, die sich wie die Kletten an uns heften, allen voran dieser unsägliche Endaja!

Diese Frau ist mutig bis zur Selbstüberschätzung, selbst dem Teufel würde sie alleine bis vor die sprichwörtliche Küchentür gehen. Bei Filmen halte ich mir immer die Augen zu, wenn ich es nicht mehr aushalten kann, hier hätte ich mir die Ohren zugehalten, wäre ich nicht am Autofahren gewesen. Zum Nägelkauen spannend sind diese eingestreuten Szenen.

Wir gehen auf die Suche nach dem verschollenen neunten Band einer Romanreihe mit dem Titel „Das Labyrinth der Lichter“, die von einem geisterhaften, wahnhaften Barcelona erzählt, wo einen führerlose Straßenbahnen ans Ziel bringen, wenn man denn ein Ziel hat. Finden Freunde dort, wo wir sie nicht vermuten. Erkennen in unserem Gegenüber einen Feind. Dort wo Kindsräuber und Albtraumarchitekten die Leben Unschuldiger zerstören.

Rache und Grausamkeit, bodenloser Hass und Verzweiflung, nisten zwischen diesen Seiten ebenso, wie Freundschaft, Verbundenheit, Poesie und Liebe. Und ja, meine Lieblingsfigur Fermin hat Konkurenz bekommen, Alicia Gris hat mein Herz im Sturm erobert!

Nachdem die letzte Seite dieser wunderbaren Geschichten umgeblättert ist, ziehe ich Bilanz für mich, was ich quasi nebenbei Unglaubliches über Barcelona gelernt habe. Wie sehr diese herrliche Stadt auch von schweren Bombardierungen betroffen war, dass auch sie einst in Flammen stand und was ihre Bewohner in der bleiernen Zeit der Franco-Aera erduldet haben. Ein Bombenhagel hatte Barcelona in nur einer Märznacht 1938 unter sich begraben. Neunhundert Menschen starben, darunter einhundert Kinder.

Diese Mischung macht Zafon nicht nur zu einem begnadeten Erzähler, für mich macht ihn das zu einem mehr als bemerkenswerten Autor. Poetisch im Erzählton, spannend, mystisch und berührend und wie schon zu Beginn meines Beitrags, greift die Hoffnung nach mir, die Hoffnung darauf noch viele weitere Geschichten mit ihm und von ihm entdecken zu dürfen …

Hörbuch-Fassung, ungekürzt, mit kostbaren 27 Stunden und 25 Minuten, vorgelesene Seiten 939, von Uve Teschner.

Der Kreis schließt sich, auch mit und durch ihn. Mit ihm als Vorleser bin ich in mein erstes Zafon-Barcelona-Abenteuer gestartet, mit ihm beende ich auch den letzten Band der Reihe. Ich lehne mich zurück, höre ihm zu, halte mich an seiner Stimme fest, wenn die Geschichte mich mitreißt. Er ist es, dessen Ton für mich untrennbar mit „Dem Friedhof der vergessenen Bücher“ verbunden bleiben wird. Der mich an der Tür empfängt und sagt ^Willkommen zu Hause^ in den Geschichten von Zafon!

Mal sanft, mal ruhelos, mal eifersüchtig, mal durchtrieben. Er holt alle Figuren stets dort ab, wo sie stehen. Seine Interpretation des üblen Folterers Endaja treibt mir den Angstschweiß auf die Stirn. Schlangengleich verhört dieser seine Opfer. Wie festgenagelt folgt man der Szene, sieht man sich selbst diesem Unhold gegenüber sitzen. Herrlich naiv dagegen legt er den jungen Fernando an, kratzig und kraftvoll Alicias Beschützer Vargas und er schafft es auch, dass sich Fermin tatsächlich älter anhört, vertraut und doch anders.

Danke für dieses Hörerlebnis, es war mir ein Fest!

Mein Dankeschön geht an dieser Stelle auch an den Übersetzer der Barcelona-Reihe, an Herrn Peter Schwaar. Er ist es, der den spanischen Erzählton Zafons so grandios, so klangvoll, ins Deutsche übertragen hat, die Sätze in einer neuen Sprache noch einmal ausbalanciert. Merci dafür!

Sieben Lichter (Alexander Pechmann)

Einer der sonderbarsten Kriminalfälle des 19. Jahrhunderts? Eine vergessene Geschichte? Dazu ein traumhafter Bucheinband in Halbleinen. Das klingt doch nach einem wahrhaften Schatz, findet Ihr nicht? In einer meiner Lieblingsbuchhandlungen habe ich ihn entdeckt.

Bei meinem letzten Besuch dort war ich in dieser einen Stimmung. Hatte das Gefühl mein Leben schlägt mit mir Purzelbäume und ich war noch schwindlig von den vielen Rollen vorwärts. Wußte nicht so recht in welche Richtung es gerade mit mir will – dann brauche ich erst einmal Abstand, lesend eine Auszeit. Ganz automatisch, fast wie ferngesteuert, lande ich dann bei solchen oder ähnlichen Geschichten, lese mich weg in ferne Zeiten, oder auch in ferne Welten. Wenn ich dann zwischen den Seiten wieder auftauche, sehe ich klarer, bin ruhig, kann entscheiden …

Sieben Lichter (Alexander Pechmann)

Zitat: Purpurne See weissagt der Sonne Nahn – Eh sie emporsteigt sei die Tat getan! Lord Byron

Im Sommer 1828.

Eigentlich sollte es ein harmloser Besuch bei Cousine Elisabeth werden. Als Reverend Scoresby, noch in den Flitterwochen, und sein Schwager, Colonel Fitzgerald im Hafen aus ihrer Kutsche stiegen und auf dieses Schiff stießen. Die Brigg Mary Russell lag hier vor Anker und stand unter Bewachung. Einen grausamen Fund habe man gemacht, so lautete die Auskunft. Die Mannschaft der Brigg, alle bis auf wenige Überlebende sei tot. Gefesselt, geschunden, massakriert im Bauch des Schiffes gefunden worden, der Kapitän verschwunden, die Überlebenden verstört. Das alles war offenbar auf hoher See passiert. Die Mary Russell war auf dem Rückweg von Barbados gewesen, hatte braunen Zucker und Leder geladen, war kurz vor der irischen Küste von einem anderen Schiff gesichtet worden, führerlos, das Steuerrad mit einem Seil fixiert …

Dem ersten Offizier Smith fehlte ein Auge, sein Gesicht war blutverkrustet und entstellt. Seinen Körper zierten zahlreiche Stichwunden, entkräftet und zitternd duckte er sich jetzt unter die rauhe Wolldecke, wiegte seinen Oberkörper vor und zurück, vor und zurück, als er schließlich stockend zu erzählen beginnt, was sich auf der Mary Russell zugetragen hat …

Der Wiener Autor und Herausgeber Alexander Pechmann arbeitete bereits als Übersetzer für die ganz großen Namen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Die Romane von Melville, W.B. Yeats, Mark Twain, Mary Shelly, H.P. Lovecraft, um nur einige zu nennen, hat er uns in deutscher Sprache geschenkt. Er ist Jäger und Sammler, hat eine Vorliebe für verlorene Texte und vergessene Geschichten. In seinem ersten eigenen Roman „Sieben Lichter“ erzählt er uns genaus so eine, eine vergessene Geschichte. Vielmehr sein Ich-Erzähler Fitzgerald tut es für ihn und für uns.

Der Fall scheint klar, glasklar. Die Aussagen der Überlebenden, ihre Verletzungen, sprechen ja eine deutliche Sprache. Allen voran die drei Schiffsjungen, Kinder waren sie ja noch, wirken glaubwürdig. Der einzig in Frage kommende Täter war der Kapitän der Mary Russell. Er musste mit dem Teufel im Bunde gewesen sein, einen Pakt mit ihm geschlossen haben, zum Preis von sieben Seelen. Sieben Männer seiner Crew hatte er dafür kaltblütig erschlagen. Da spielte es keine Rolle, das der Kapitän, Stewart der Name, zuvor als ein integerer, gottesfürchtiger, unbescholtener Mann gegolten hatte. Auf See war man in Gottes Hand und wer sich gegen ihn stellte, dem war der Wahnsinn sicher! Pappalapap Meuterei! Wer sollte denn da gegen ihn gemeutert haben und aus welchem Grund? Die Volksseele kochte.

Wo war dieser Schuft jetzt? Man hatte ihn über Bord gehen sehen und zu einem Ruderboot schwimmen, das längsseits gegangen war. Seiner Ehefrau legten besorgte Nachbarn mittlerweile den Wegzug nahe. Wenn der Fall erst vor Gericht ging und ihr Mann des Mehrfachmordes angeklagt wurde, war sie hier nicht mehr sicher. Sie und ihre vier Kinder, mit dem fünften war sie hochschwanger …

Fragen über Fragen häufen das ungleiche Ermittlerpaar Reverend Scoresby und Colonel Fitzgerald an, die offiziell überhaupt nicht mit der Aufklärung betraut sind. Sie gehen auf eigene Faust Ungereimtheiten nach und lassen nicht locker. Wer dabei wohl eher wen mitzieht? Fitzgerald erweist sich als besonders aktiver Zuhörer, Scoresby als der aufmerksame Beobachter. Wessen Wahrheit betrachten wir da gerade?

Spannend und atmosphärisch erzählt, rätselt man von Anfang an mit. Erlebt mit, wie sich die beiden Scoresby und Fitzgerald einander annähern, sind sie sich am Anfang ja so gar nicht grün. Vielmehr kann eigentlich Fitzgerald mit seinem neuen Schwager, dem ehemaligen, erfolgreichen Kapitän zur See, Scoresby, nichts anfangen. Ja, er neidet ihm gar sein Ansehen, seine Berühmtheit, die er nach zwanzig Jahren Dienst auf einem Walfänger in der Arktis erlangt hat. Angeblich hatte er nach dem Tod seiner ersten Frau in der Eiswildnis der Arktis zu Gott gefunden, seine Teerjacke an den Haken gehängt und Theologie studiert. Jetzt war seine Basis die Floating Chapel, ein zur Kirche umgebautes Schiff im Hafen von Liverpool und er dort Reverend. Mit einer unverwüstlichen Zuversicht predigte er jetzt dort für die Seeleute, versuchte sie vom Schnaps und den Huren fern zu halten. Seine Seefahrervergangenheit war ihm dabei ein Türöffner, ja er wurde geradezu verehrt, schien ihm doch nichts menschliches fremd.

Es wird klassisch ermittelt und ich wage an dieser Stelle mal einen Vergleich mit Franzobels Roman „Das Floss der Medusa“, der seine Version eines historischen Schiffsunglücks mit epischer Wucht, und mittels eines polarisierenden Erzählstils verpackt hat. Pechmann schlägt in den Sieben Lichtern eher die leisen Töne an, die Brutaliät der Geschehnisse rückt er nicht in den Vordergrund. Vielmehr zeigt er das Rechtsverständnis der damaligen Zeit auf, arbeitet Unterschiede zwischen Glauben und Aberglauben heraus. In dem er einem Mann des Glaubens, der viel vom Leben gesehen und eigene Grenzerfahrungen gemacht hat, den Ermittlerstab übergibt, ihn mit einem „Otto-Normal-Denker“ in den Gedankenaustausch schickt, entstehen wunderbare, fast philosophische Dialoge. Was macht uns Menschen menschlich, der Glaube oder vielmehr der Zweifel …?

Mit beiden Herren bin ich gerne durch die Docks gestreift, habe aufmerksam den Antworten gelauscht, die sie eingesammelt haben. Mich an eine eigene Reise nach Liverpool erinnert, die mich auch in das mittlerweile restaurierte, einst verrufene Viertel der Docks geführt hat. Auch wenn heute dort die Beatles präsenter sind als die großen Segler vergangener Tage, dieser Hafen hat etwas ganz und gar einzigartiges an sich, jeder Stein atmet hier Seefahrer-Geschichte. Die Mischung aus hochmoderner Architektur und dem bewahrten Erbe hat mich sehr beeindruckt, schaut mal auf diesen Schnappschuss, den ich damals gemacht habe:

Mein Fazit: Ein kleiner, feiner Roman, der gekonnt Fakten und Fiktion mischt. Das Leben und Wirken des heute fast vergessenen Seefahrers Scoresbys sind belegbar verbrieft. Seine im Roman dargestellten Ermittlungen basieren auf Augenzeugenberichten die 1850 veröffentlicht wurden und auf seinen eigenen Publikationen. Wer nach diesem Roman Lust auf noch mehr Informationen über Scoresby und diesen Fall hat, der findet diese auch in einem historischen Sachbuch, das 2010 erschien. In „The Ship of Seven Murders“ versuchen zwei Autorinnen die Geschehnisse mithilfe moderner Psychologie aufzuklären. Interessanter Ansatz!

Löwen wecken (Ayelet Gundar-Goshen)

Sonntag, 25.03.2018

Egal wie und ob das Leben mit uns Schlitten fährt, die Welt dreht sich weiter. Während wir uns nach dem Faustschlag des Schicksals in die Magengrube noch krümmen, scheint auch sie munter weiter, die Sonne. Flanieren plaudernd Menschen an uns vorbei, zwitschern die Vögel, fließt der Verkehr ungehindert.

In einen Unfall verwickelt zu werden, bei dem ein Mensch stirbt, ist eine Horrorvorstellung. Ist man gar selbst derjenige, der diesen Tod verschuldet hat, lernt man sich und andere erst richtig kennen.

In dem Roman Löwen wecken von Ayelet Gundar-Goshen werden wir Zeuge eines solch schicksalhaften Ereignisses und seiner Folgen …

Der Mond war in dieser klaren Nacht beeindruckend schön gewesen. Daran erinnerte er sich noch. In der Nacht, in der Etan Grien, Arzt am Soroka-Krankenhaus in Beer Scheva diesen Mann umgefahren hatte. Nach neunzehn Stunden Dienst hatte er um zwei Uhr morgens müde und mit schmerzenden Muskeln das Krankenhaus verlassen. Einem plötzlichen Impuls folgend, steuerte er dann aber seinen eigens für sein Leben in der Wüstenstadt angeschafften Mercedes Jeep nicht nach Hause, sondern an den Rand der Wüste auf eine anspruchsvolle Strecke. Hier hatte er sein Auto ausfahren und damit den in der Schicht angestauten Frust abbauen wollen.

Nachdem er für das über die Straße stolzierende Stachelschwein angehalten und wieder beschleunigt hatte, war es passiert. Der dunkelhäutige Mann mußte aus dem Straßengraben aufgetaucht sein und lag jetzt, mit einem Loch in seinem Schädel aus dem schon die Gehirnmasse austrat, vor der Stoßstange von Griens Jeep. Etan kniete neben dem Mann im Staub und ihm wurde klar, das er ihn würde nicht mehr retten können. Er dreht sich um, stieg wieder in seinen Wagen und – floh …

Nach einem tiefen, traumlosen Schlaf erwachte Etan am Morgen danach und machte sich in der leeren, blitzblanken Küche, die seine Familie schon verlassen hatte einen Kaffee, als es an der Haustür klopfte. Als er öffnete stand sie vor ihm, diese dunkle, großgewachsene, schöne Frau und hielt ihm etwas entgegen. Er erkannte sein Portemonnaie in ihrer Hand sofort und sein Herz setzte aus – verdammt, gab es etwa doch einen Unfallzeugen …

Der Mann, der auf dem rostigen Metalltisch in der stillgelegten Autowerkstatt am Rand der Stadt lag, stöhnte leise und unter Schmerzen. Auf seinem Unterarm zeichnete sich bereits ein Muster von verfärbten Blutgefäßen ab, eine schwere Infektion fraß sich durch sein Fleisch. Etan trat näher. Warum hatte sie ihn hierher bestellt? Die Frau, die am Tag nach der Fahrerflucht an seiner Tür aufgetaucht war, sah ihn unterdessen ruhig an …

Ayelet Gundar-Goshen – die 1982 geborene Autorin lebt und arbeitet als Schriftstellerin und Psychologin in Tel Aviv. Ihr erster Roman, der 2013 erschien, wird derzeit von der BBC verfilmt.

Auch diese Geschichte hier würde sich hervorragend für eine spannende Mini-Serie eignen. Man klebt förmlich an den Seiten. Vom vielen Kopfschütteln habe ich immer noch Nackenschmerzen. Erst schwankt man zwischen Wut, Unverständnis und Empathie für den Protagonisten. Dann kommt sie aus der Deckung, diese Frage – wie hätte man selbst in einer solchen oder vergleichbaren Situation gehandelt? Die Antwort darauf erschreckt und rüttelt ganz schön auf …

Dieser Plot ist wie ein Albtraum, ein wahr gewordener Albtraum. Die Monster, die hier zwischen den Seiten hausen, sind keine Orks oder Wehrwölfe, sie heißen Vorurteil, Schuld und Reue, Feigheit und Verlangen. Mich hat er gepackt, dieser Roman, von der ersten Seite an. Sprachlich sehr direkt, radikal und schonungslos entwickelt er seine Sogwirkung. In voller Fahrt rasen wir auf den Abgrund zu, ungebremst, das Steuer fest in der Hand.

Goshen wählt einen Erzählstil, der fast ohne wörtliche Rede auskommt und doch bleibt nichts unausgesprochen. Brilliant übersetzt entstehen so Sätze wie mit dem Skalpell ausgeschnitten, präzise, klar und auch schon mal schmerzhaft.

Ein Roman über eine verhängnisvolle Entscheidung, eine schicksalhafte Begegnung und einen unglaublichen Handel. Wir werden Zeuge wie das Leben von Etan Grien, angesehener Neurochirurg, zwei Söhne, verheiratet mit einer Frau die bei der Kriminalpolizei ihren Mann steht, aus den Fugen gerät. Werden Zeuge von Entfremdung und Annäherung und davon, wie sehr man die Augen vor dem Unvermeidlichen verschließen und doch der Zwangsläufigkeit der Ereignisse nicht ausweichen kann.

Die Angst von Dr. Etan Grien, sein schlechtes Gewissen, seine Reue kollidieren mit der Empörung und dem Ehrgeiz seiner Ehefrau diesen Fall von Fahrerflucht zu knacken, den ihr Chef aufgrund der Ethnie des Opfers schon zu den Akten legen wollte. Kollidieren mit den Interessen der geheimnisvollen Zeugin, der er mehr und mehr verfällt. Hexe, undurchschaubare Sphinx …

Mutig, ja schonungslos, zeichnet uns Gundar-Goshen auch ein Bild vom Israel dieser Tage. Hält ihr Licht auf die Spaltung zwischen Arabern und Juden, zeigt sie anhand einfacher Geschehnisse auf, Ehrenmord und Drogenhandel inbegriffen. Auch hier gibt es Flüchtlinge. Sie kommen aus Eritreer, dem Sudan, zu Fuß, von Schleppern verschoben, entkräftet und krank an. Viele sterben, gibt es doch einen eklatanten Mangel an Medikamenten und ärztlicher Versorgung.

Sie zieht uns, ihre Leser, mit hinein in das Dilemma ihrer Figuren. Die Entscheidung wer hierbei Vergebung verdient überläßt sie aber uns, sie selbst wertet nicht. Wer ist hier Täter und wer Opfer? Die Grenzen verschwimmen … Auch wenn die letzte Seite umgeblättert ist, denkt man noch nach, über diese Hausaufgabe, die uns die Autorin zwischen ihren Zeilen stellt und die nicht leicht zu erledigen ist.

Wie oder auch was, bemisst den Wert eines Menschenlebens? Nicht nur in Bezug auf das Leben an sich, sondern auch darauf, wieviel Anstrengung und auch Kosten man für dessen Erhalt aufzuwenden bereit ist. Denkt man einmal hierbei auch an die moderne Medizin in Europa oder Amerika im Vergleich zu den Verhältnissen in den Entwicklungsländer, wo selbst eine Tetanusimpfung einem Luxusgut gleich kommt …