Sieben Lichter (Alexander Pechmann)

Einer der sonderbarsten Kriminalfälle des 19. Jahrhunderts? Eine vergessene Geschichte? Dazu ein traumhafter Bucheinband in Halbleinen. Das klingt doch nach einem wahrhaften Schatz, findet Ihr nicht? In einer meiner Lieblingsbuchhandlungen habe ich ihn entdeckt.

Bei meinem letzten Besuch dort war ich in dieser einen Stimmung. Hatte das Gefühl mein Leben schlägt mit mir Purzelbäume und ich war noch schwindlig von den vielen Rollen vorwärts. Wußte nicht so recht in welche Richtung es gerade mit mir will – dann brauche ich erst einmal Abstand, lesend eine Auszeit. Ganz automatisch, fast wie ferngesteuert, lande ich dann bei solchen oder ähnlichen Geschichten, lese mich weg in ferne Zeiten, oder auch in ferne Welten. Wenn ich dann zwischen den Seiten wieder auftauche, sehe ich klarer, bin ruhig, kann entscheiden …

Sieben Lichter (Alexander Pechmann)

Zitat: Purpurne See weissagt der Sonne Nahn – Eh sie emporsteigt sei die Tat getan! Lord Byron

Im Sommer 1828.

Eigentlich sollte es ein harmloser Besuch bei Cousine Elisabeth werden. Als Reverend Scoresby, noch in den Flitterwochen, und sein Schwager, Colonel Fitzgerald im Hafen aus ihrer Kutsche stiegen und auf dieses Schiff stießen. Die Brigg Mary Russell lag hier vor Anker und stand unter Bewachung. Einen grausamen Fund habe man gemacht, so lautete die Auskunft. Die Mannschaft der Brigg, alle bis auf wenige Überlebende sei tot. Gefesselt, geschunden, massakriert im Bauch des Schiffes gefunden worden, der Kapitän verschwunden, die Überlebenden verstört. Das alles war offenbar auf hoher See passiert. Die Mary Russell war auf dem Rückweg von Barbados gewesen, hatte braunen Zucker und Leder geladen, war kurz vor der irischen Küste von einem anderen Schiff gesichtet worden, führerlos, das Steuerrad mit einem Seil fixiert …

Dem ersten Offizier Smith fehlte ein Auge, sein Gesicht war blutverkrustet und entstellt. Seinen Körper zierten zahlreiche Stichwunden, entkräftet und zitternd duckte er sich jetzt unter die rauhe Wolldecke, wiegte seinen Oberkörper vor und zurück, vor und zurück, als er schließlich stockend zu erzählen beginnt, was sich auf der Mary Russell zugetragen hat …

Der Wiener Autor und Herausgeber Alexander Pechmann arbeitete bereits als Übersetzer für die ganz großen Namen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Die Romane von Melville, W.B. Yeats, Mark Twain, Mary Shelly, H.P. Lovecraft, um nur einige zu nennen, hat er uns in deutscher Sprache geschenkt. Er ist Jäger und Sammler, hat eine Vorliebe für verlorene Texte und vergessene Geschichten. In seinem ersten eigenen Roman „Sieben Lichter“ erzählt er uns genaus so eine, eine vergessene Geschichte. Vielmehr sein Ich-Erzähler Fitzgerald tut es für ihn und für uns.

Der Fall scheint klar, glasklar. Die Aussagen der Überlebenden, ihre Verletzungen, sprechen ja eine deutliche Sprache. Allen voran die drei Schiffsjungen, Kinder waren sie ja noch, wirken glaubwürdig. Der einzig in Frage kommende Täter war der Kapitän der Mary Russell. Er musste mit dem Teufel im Bunde gewesen sein, einen Pakt mit ihm geschlossen haben, zum Preis von sieben Seelen. Sieben Männer seiner Crew hatte er dafür kaltblütig erschlagen. Da spielte es keine Rolle, das der Kapitän, Stewart der Name, zuvor als ein integerer, gottesfürchtiger, unbescholtener Mann gegolten hatte. Auf See war man in Gottes Hand und wer sich gegen ihn stellte, dem war der Wahnsinn sicher! Pappalapap Meuterei! Wer sollte denn da gegen ihn gemeutert haben und aus welchem Grund? Die Volksseele kochte.

Wo war dieser Schuft jetzt? Man hatte ihn über Bord gehen sehen und zu einem Ruderboot schwimmen, das längsseits gegangen war. Seiner Ehefrau legten besorgte Nachbarn mittlerweile den Wegzug nahe. Wenn der Fall erst vor Gericht ging und ihr Mann des Mehrfachmordes angeklagt wurde, war sie hier nicht mehr sicher. Sie und ihre vier Kinder, mit dem fünften war sie hochschwanger …

Fragen über Fragen häufen das ungleiche Ermittlerpaar Reverend Scoresby und Colonel Fitzgerald an, die offiziell überhaupt nicht mit der Aufklärung betraut sind. Sie gehen auf eigene Faust Ungereimtheiten nach und lassen nicht locker. Wer dabei wohl eher wen mitzieht? Fitzgerald erweist sich als besonders aktiver Zuhörer, Scoresby als der aufmerksame Beobachter. Wessen Wahrheit betrachten wir da gerade?

Spannend und atmosphärisch erzählt, rätselt man von Anfang an mit. Erlebt mit, wie sich die beiden Scoresby und Fitzgerald einander annähern, sind sie sich am Anfang ja so gar nicht grün. Vielmehr kann eigentlich Fitzgerald mit seinem neuen Schwager, dem ehemaligen, erfolgreichen Kapitän zur See, Scoresby, nichts anfangen. Ja, er neidet ihm gar sein Ansehen, seine Berühmtheit, die er nach zwanzig Jahren Dienst auf einem Walfänger in der Arktis erlangt hat. Angeblich hatte er nach dem Tod seiner ersten Frau in der Eiswildnis der Arktis zu Gott gefunden, seine Teerjacke an den Haken gehängt und Theologie studiert. Jetzt war seine Basis die Floating Chapel, ein zur Kirche umgebautes Schiff im Hafen von Liverpool und er dort Reverend. Mit einer unverwüstlichen Zuversicht predigte er jetzt dort für die Seeleute, versuchte sie vom Schnaps und den Huren fern zu halten. Seine Seefahrervergangenheit war ihm dabei ein Türöffner, ja er wurde geradezu verehrt, schien ihm doch nichts menschliches fremd.

Es wird klassisch ermittelt und ich wage an dieser Stelle mal einen Vergleich mit Franzobels Roman „Das Floss der Medusa“, der seine Version eines historischen Schiffsunglücks mit epischer Wucht, und mittels eines polarisierenden Erzählstils verpackt hat. Pechmann schlägt in den Sieben Lichtern eher die leisen Töne an, die Brutaliät der Geschehnisse rückt er nicht in den Vordergrund. Vielmehr zeigt er das Rechtsverständnis der damaligen Zeit auf, arbeitet Unterschiede zwischen Glauben und Aberglauben heraus. In dem er einem Mann des Glaubens, der viel vom Leben gesehen und eigene Grenzerfahrungen gemacht hat, den Ermittlerstab übergibt, ihn mit einem „Otto-Normal-Denker“ in den Gedankenaustausch schickt, entstehen wunderbare, fast philosophische Dialoge. Was macht uns Menschen menschlich, der Glaube oder vielmehr der Zweifel …?

Mit beiden Herren bin ich gerne durch die Docks gestreift, habe aufmerksam den Antworten gelauscht, die sie eingesammelt haben. Mich an eine eigene Reise nach Liverpool erinnert, die mich auch in das mittlerweile restaurierte, einst verrufene Viertel der Docks geführt hat. Auch wenn heute dort die Beatles präsenter sind als die großen Segler vergangener Tage, dieser Hafen hat etwas ganz und gar einzigartiges an sich, jeder Stein atmet hier Seefahrer-Geschichte. Die Mischung aus hochmoderner Architektur und dem bewahrten Erbe hat mich sehr beeindruckt, schaut mal auf diesen Schnappschuss, den ich damals gemacht habe:

Mein Fazit: Ein kleiner, feiner Roman, der gekonnt Fakten und Fiktion mischt. Das Leben und Wirken des heute fast vergessenen Seefahrers Scoresbys sind belegbar verbrieft. Seine im Roman dargestellten Ermittlungen basieren auf Augenzeugenberichten die 1850 veröffentlicht wurden und auf seinen eigenen Publikationen. Wer nach diesem Roman Lust auf noch mehr Informationen über Scoresby und diesen Fall hat, der findet diese auch in einem historischen Sachbuch, das 2010 erschien. In „The Ship of Seven Murders“ versuchen zwei Autorinnen die Geschehnisse mithilfe moderner Psychologie aufzuklären. Interessanter Ansatz!

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