Die Kieferninseln (Marion Poschmann)

Sonntag, 08.10.2017

War es Hape Kerkeling, der vor ein paar Jahren den „Run“ auf den Jakobsweg ausgelöst hat? Stellvertretend für das Gefühl einer ganzen Generation von „Lebens-Entwurf-Hinterfragern“ stand seine Abkehr vom „Show-Biz“. Wie kaum ein anderer, berührte der sympatische Entertainer, mit Humor und Selbsterkenntnis in seinem Bestseller „Ich bin dann mal weg“ die Nation. Viele wollten es ihm gleich tun, sich selbst wieder finden, warum nicht durch Pilgern?

Mir tun ja recht schnell die Füsse weh, weit würde ich nicht gekommen. Der Gedanke aber gefällt mir, wandernd seine innere Mitte, sein Gleichgewicht finden. Der Griff zu diesem Roman war also eine logische Konsequenz und plötzlich war ich unterwegs auf einer Pilgerreise der ganz anderen Art:

Die Kieferninseln (Marion Poschmann)

Gilbert Silvester, Privatdozent und ja, z. Zt. Bartforscher, unterschied die Welt für sich in Tee – und Kaffeeländer. Letztere bereiste er, Erstere nicht. Sie waren im zu mystisch.

Jetzt, im Flugzeug über Sibirien war ihm flau. Seit mehr als dreißig Stunden hatte er nichts mehr gegessen und er war wütend auf seine Frau. Allein ihre Schuld war es, das er jetzt ausgerechnet auf direktem Weg in ein verhasstes Teeland war. Japan! Freiwillig hätte er diese Reise nie angetreten. Sie aber mutete ihm das zu. Er dachte sich schon wieder in Rage!

Wie konnte Sie nur?! Erst ließ sie ihn träumen, sie habe ihn betrogen, dann darauf angesprochen, verhielt sie sich auch noch komisch! Abstand, das war es was er jetzt brauchte, der spontane Entscheid den Flieger nach Tokyo zu nehmen die notwendige Konsequenz.

In dieses Flugzeug zu steigen, war so lächerlich einfach gewesen, hatte so gar keine Umstände gemacht. Los lassen, wenn auch das nur so einfach wäre. Einsam mitten in Japan. So weit weg von zu Hause, wie er es noch nie zuvor gewesen war, betrat er in der Feierabend-Geschäftigkeit Tokyos den Gehsteig vor seinem Hotel …

Textzitat Seite 20: „Er hätte sich gern etwas zu essen gekauft, aber er fühlte sich zu durchlässig, um einen klaren Entschluß zu fassen, ja, er fühlte sich regelrecht transparent, und diese Transparenz hatte nichts mit Leichtigkeit zu tun, sondern war Ausdruck seiner Kraftlosigkeit. Seine Fähigkeit, Raum einzunehmen, Luft zu verdrängen, um mit seinem Körper an ihre Stelle zu treten, schien seltsamn beeinträchtigt.“

Yosa Tamagotchi ordnete umständlich seine Sporttasche. Richtete sich dann auf und war eben dabei über das Absperrgitter zu steigen, um sich vor den nächsten Zug zu werfen, als ihn dieser fremde deutsche Herr ansprach. Yosa erschrak, er stieg vom Gitter und verbeugte sich tief. Murmelte in schlechtem Englisch ein Entschuldigung. Es tue ihm leid, selbst hier zu versagen und seinem Entschluß keine Tat folgen lassen zu können. Bei Gilbert Silvester regte sich ein Gedanke. War es nicht so, dass man Selbstmörder in ein Gespräch verwickeln sollte? Das tat er und nicht nur das, er suggerierte dem jungen Mann, das dieser Ort doch wohl kaum seinem Ansinnen angemessen sei. Langer Rede, kurzer Sinn – die beiden verbrachten die Nacht in Gilbert’s aufgeräumtem Hotelzimmer. Morgen würde man weiter sehen …

Was haben der Wunsch nach Abgewandheit und ein Todeswunsch gemeinsam? Matsushima – der schönste Ort Japans! In der Abgeschiedenheit der Bucht der Kieferninseln gab es eine Klippe. Dieser Ort schien angemessen – fortan hatten Yosa und Gilbert ein Ziel …

Marion Poschmann schenkt uns mit diesen 164 Seiten ein Kleinod. Mit ihrer Pilgerreise auf den Spuren eines ehrwürdigen japanischen Wanderdichters schrieb sie sich auf die Short-List des Deutschen Buchpreises 2017. 

Sie kaligrafiert ihre Sätze präzise, leicht und elegant. Es ist eine Freude sie mehrfach zu lesen, sie hält dabei wunderbar die Balance zwischen Shinto-Weisheiten, Zen-Denkanstößen und ihrer Haupthandlung. Stellt die Unterschiede zwischen Tradition und Moderne im heutigen Japan heraus. Poschmann bringt uns eine Menge über japanische Schwarzkiefern bei, über die Laubfärbung des Zuckerahorns und über das Leben. Schickt uns mit Yosa und Gilbert zu den unterschiedlichsten „Selbst-Mörder-Hotspots“ rund um Tokyo. Wir lernen, dass sich zwischen 1930 und 1937 über zweitausend Menschen in den Trichter des Mihara-Vulkans gestürzt haben und dort in der glühenden Lava ein Ende fanden. Erfahren von Felsen, die so giftige Dämpfe absondern, dass sie nicht von Moos, sondern von toten Vögeln bedeckt sind. Verirren uns nachts in einem Selbstmörder-Wald und uns geht auf, dass der Nachnahme von Yosa, Tamagotchi – hier nicht zufällig gewählt sein kann. In Gilbert Silvester hat er seinen „Kümmerer“ gefunden. Aber wird er ihm auch tatsächlich helfen können?

Ein großer, kleiner Roman in dem mir keine einzige Zeile fehlt und von dem ich doch gerne mehr Seiten genossen hätte. Zu keiner Zeit erschlägt einen Schwermut, eher erfasste mich Demut, beschäftigte mich das, was Marion Poschmann nicht schreibt, zwischen ihren Zeilen …

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10 Kommentare zu „Die Kieferninseln (Marion Poschmann)“

  1. Hallo Petra,
    ich komme über das Litnetzwerk. Deine Rezension gefällt mir sehr gut, ich bekomme direkt Lust, das Buch zu lesen. Ich mag Bücher, die mit ihrer sprachlichen Qualität auffallen. Und nach vielen unterhaltenden Büchern möchte ich auch immer etwas mit Anspruch lesen…

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  2. Huhu Petra,

    wunderschön rezensiert! Ich muss sagen, ich habe diesem Buch die Daumen gedrückt, dass es gewinnt, von den vier nominierten Büchern, die ich gelesen habe, hat es mir am besten gefallen. Aber den Preisträger werde ich sicher auch noch lesen. 🙂

    LG,
    Mikka

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