Die wundersamen Koffer des Monsieur Perle (Timothée de Fombelle)

Sonntag, 13.08.2017

Habe ich einen Märchen-Tick? Die einen sagen so, die anderen sagen so … 

Wie gerne bin ich dem Kaninchen in „Alice im Wunderland“ gefolgt. Ach, hätte mich doch „Peter Pan“ nur einmal nach Nimmerland mitgenommen. Im Musical „Der Zauberer von Oz“ bin ich mit Judy Garland und ihrem Hund Tota auf den Flügeln eines Tornado-Wirbels mitgeflogen. Cornelia Funkes Tintenwelt, oder auch ihre Reckless Geschichten habe ich jetzt noch, als Erwachsene, mit Freude gelesen. Überlegt mal, einfach hin in eine andere Welt und wieder zurück – wenn das so einfach gelänge …

Koffer! Sie sind doch überhaupt und absolut faszinierend, oder? Als Mädchen bewahrte ich meine Schätze darin auf. Versteckte sie unter dem Bett. Jederzeit wollte ich einen griffbereit haben, sollte ich denn einmal kurzfristig aufbrechen müssen. Jeden Abend konnte doch Peter Pan an’s Fenster klopfen. Kein Wunder also, dass mich der Titel, Klappentext und Cover dieses Romans magisch angezogen haben. Schaut mal:

Die wundersamen Koffer des Monsieur Perle (Timothée de Fombelle)

Sie war zu spät gekommen! Alles war zu spät. Für ihn hatte Sie die Unsterblichkeit aufgegeben, ihr Dasein als Fee. Ohne Reue, ohne Bitterkeit erfüllt von einer großen Dankbarkeit, dankbar dafür mit ihm leben zu können. Sein verlassener Körper im Sand, wie tot, mit weit offenen Augen. Der Bann hatte gewirkt – er war fort. Vertrieben in eine Welt zu der ihr jeglicher Zutritt verwehrt war und ihm jede Rückkehr zu ihr unmöglich …

Als Jacques Perle, vor seinem Laden für Schaumzucker, den Jungen entdeckte war er gerade mit einer unentschlossenen Kundin beschäftigt. Fünfzehn oder vielleicht sechzehn konnte er sein, völlig durchnässt stand er da und starrte auf sein Ladenschild. Kurzentschlossen ließ Monsieur Perle seine Kundin stehen, nahm einen Regenschirm, trat hinaus auf die Straße, faßte den vor Kälte zitternden Jungen am Arm und half ihm ins Trockene seiner Maison Perle. Der Junge schien kein Französisch zu verstehen, folgte ihm aber bereitwillig. Perle und seine Frau brachten den fremden Jungen im Zimmer ihres Sohnes unter. Er mußte etwa das Alter ihres Joshuas haben, ihres einzigen Sohnes, der vor zwei Jahren gestorben war. Vielleicht würde er vermißt, vielleicht wollte er nicht bleiben – man würde sehen …

Die beiden Gendarmen waren jetzt schon zum zweiten Mal gekommen und sie verlangten mit Nachdruck nach Jacques Perle. Sie wollten einfach nicht glauben, dass sein Sohn tot war, gleich wie eindrücklich er dies Tage zuvor schon beteuert hatte. Dem Wehrdienst wolle er sich sicher entziehen, immer diese Juden – das war es was sie dachten, auch wenn sie es nicht laut aussprachen. Als der fremde Junge Joshuas Namen nahm und die Maison Perle mit den Gendarmen verließ um in einen Krieg zu ziehen der nicht seiner war, kam er sich vor wie ein Hochstapler. 

Ilian alias Joshua Perle verdankte ihm sein Leben. Die Kugel, die die Brust von Brahim El Fassi durchschlagen hatte, hätte ebenso ihn treffen können. Nur mit viel Glück hatten sie sich unter diese Brücke im nahen Wald retten können. Brahim hatte viel Blut verloren und der Tod hatte bereits die Hand nach ihm ausgestreckt. Ilian, sonst ebenso so schweigsam wie sein alter Regimentskamerad, begann von sich zu erzählen um ihn mit seinen Worten warm zu halten. Niemals hatte er davon erzählt wo er hergekommen und was geschehen war, jetzt sein Geheimnis einem Sterbenden anzuvertrauen erleichterte ihn. Brahim hörte zu, die Erzählung Ilians führte ihn in Gedanken fort in das Dorf aus dem er gekommen war, ein Dorf von Sand bedeckt. Er überlebte diese Nacht und nicht nur diese, wie unsichtbare Fäden hatten die Worte seines Kameraden ihn zurück ins Leben gezogen und ein festes Band zwischen den beiden geknüpft.

Die Schuppe der Sirene, Brahim hatte sie für ihn mit seinem Leben verteidigt – er hatte sie verloren. Soviel Hoffnung! Soviel Hoffnung hatte er darauf gesetzt, dieser winzige Hinweis könne ihm ein Wegweiser werden, eine Tür aufstoßen um zurück zu finden, zurück in seine Welt …

Timothée de Fombelle lebt mit seiner Familie in Paris. Er schreibt seit Jahren erfolgreich, wurde bereits mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet., nominiert war er mit „Vango“ für den deutschen Jugendliteraturpres. Vor mir hat er sich bislang komplett verborgen und ich bin heilfroh ihn mit dieser Geschichte für mich entdeckt zu haben. Wer sich nicht sicher ist, ob er sich für Fantasy begeistern kann, aber Märchen mag, der ist hier richtig. Dabei ist es völlig egal, dass es ein Jugenbuch ist. Fombelle hat eine Stimmung gezaubert, die mich an die Weihnachten meiner Kindheit erinnert hat. Daran könnten auch die tollen Schaumzucker Gebäcke ein wenig Schuld sein und die Atmosphäre der Maison Perle, die er so schön zeichnet. Er schreibt in einer Art Rückblendentechnik und bettet wie auf Daunen sein Märchen ins Hier und Jetzt. Sprachlich wunderbar, verträumt, melancholisch und sehr anrührend – da werde glatt ich Prakmatiker zum Romantiker und das will schon was heißen …

Dankeschön für die großartige Übersetzung an Tobias Scheffel und Sabine Grebing, die ich wirklich sehr genoßen habe. 

„Jedes Mal, wenn jemand sagt: Ich glaube nicht an Feen, fällt irgendwo eine Fee tot um“. (J. M. Barrie, Peter Pan).

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