Petra’s Log Buch Teil 3 (von 6)

von Honningsvag (Nordkap) nach Longyearbyen (Spitzbergen) in 528nm

Dienstag, 04.07.2017, dritter Seetag

Die letzten Nachtausflügler vom Nordkap sind aufgesammelt, um 4:00 Uhr früh heißt es Leinen los und auf nach Spitzbergen, das wir am 05.07. gegen 9:30 Uhr erreichen werden. Das Thermometer verspricht sonnige 7 Grad und eine leichte Brise aus Südwest. Kein oder kaum Wind also und trotzdem Dünung? Die Ausläufer eines Island-Tiefs machen das möglich. Auf den Fluren scheint es bei diesem Seegang Löcher zu geben, immer wieder tritt mein Fuß in eine Senke. Besonders auf den Treppen heißt es jetzt gut acht geben, schnell verfehlt man da mal eine Stufe. Würde uns einer beim Gehen auf den langen Fluren beobachten, könnte er meinen wir hätten schon kurz nach dem Frühstück einen im Tee … Leicht schwankend erreichen wir das Theater, hier stimmt uns ein kurzweiliger Vortrag unserer Bord-Lektorin auf den nächsten Hafen in Spitzbergen ein. Ich freue mich auf die Ruhe des heutigen Seetages und darauf einfach mal so einen Tag verdaddeln zu können. Am Abend gibt es ein Konzert „Pop goes Classic“. Das Trio aus Piano, Cello und Geige besteht ganz eindeutig aus Beatles – Fans, interpretiert Hey Jude aber ebenso leidenschaftlich neu wie Nothing else matters von Metallica, oder auch We are the champions von Queen. Das macht Laune. Ach ja, ins Theater wollen wir ja auch noch, heute steht eine Premiere an, es gibt eine Tanz-Show, irgendwer hat noch einen Koffer in Berlin. U.a. zu den Klängen von Peter Fox „schwarz zu blau“ zeigt das Tanz-Ensemble was es drauf hat. Das nenne ich mal ein kontrastreiches Abendprogramm, als Landei genieße ich dieses Angebot in vollen Zügen. Voll von freudiger Erwartung auf die nächsten Eindrücke beschließen wir den Tag.

Mittwoch, 05.07.2017, Longyearbyen 

Wie immer ist unser Kapitän pünktlich. Es ist deutlich an den Temperaturen zu merken, das wir noch weiter nach Norden voran gekommen sind, draussen nieselt es leicht und es hat zwei Grad. Jetzt weiß ich wieder, warum ich lange Unterwäsche, Mütze, Schal und dicke Socken eingepackt habe. Inclusive der Winterstiefel ziehe ich heute alles an, soviel steht fest, denn der Nasen-Test auf dem Balkon hat ergeben, es ist „ars…-kalt“ da draußen. Zum Glück sorgt hier der Golfstrom für ein vergleichsweise mildes Klima an den Küsten, sonst hätte ich mir wohl noch eine Wärmflasche in den Parka gestopft 😉…

Spitzbergen. Die Namensgeber des Eilands ragen wie Zuckerhüte auf und sind schon von weitem zu sehen. Heute haben sich zahlreiche Wolken an ihnen aufgehangen, es sieht aus, als hätten ihre Gipfel Zuckwatte durchstoßen. Auf Norwegisch heißt Spitzbergen „Svalbard“, das meint „raue Küste“, auch dieser Name ist Programm. Karg, aber nicht eintönig. Eine Küste die Jahr ein, Jahr aus Winterstürme aushält, die wir Mitteleuropäer uns gar nicht erst vorstellen mögen. Eiskalt, unwirtlich und doch faszinierend liegt das nördlichste besiedelte Gebiet der Welt vor uns. Knappe 1.300km trennen uns jetzt nur noch vom Nordpol. 

Hier also wohnen Sie noch, die großen Gletscher, die ihre Zungen bis ins Meer hinein strecken und an heute karibisch blau schimmernden Wellen lecken. 60% der Landmasse Spitzbergens ist von ihnen bedeckt, 50% der Insel stehen unter Naturschutz. Die Ufer der von ihnen ausgeformten Fjorde schauen braun und fast feinsandig, wie Strände aus.

Im arktischen Sommer teilen sich etwa 2.400 menschliche Einwohner und ca. 3.000 Eisbären die Inseln. 

Es hat hier klar auch eine Forschungsstation. Zahlreiche Nationen erforschen dieses einzigartige Ökosystem, den Permafrost, sowie die Auswirkungen des Klimawandels. Der Boden taut hier selbst im Sommer nicht weiter als 90cm auf, dies bedeutet auch: Erdbestattungen sind hier untersagt, morbide, ich weiß … Das wäre doch mal Stoff für einen Krimi, oder? So einfach eine Leiche verbuddeln geht hier nicht, die ist auch nach Jahren noch frisch … Gibt es eigentlich Krimis die auf Spitzbergen spielen? Das muss ich unbedingt noch googeln …

Noch eine Besonderheit gibt es hier, vor aller Augen sicher verborgen und tief in einem Berg verschlossen – die „Samenbank der Welt“. Jedes Land konnte hier die Saaten seiner wichtigsten Nutzpflanzen einbringen. Man hofft, sollte es einmal zu einer größeren Naturkatastrophe kommen, hierauf zurück greifen können. Der Wahnsinn!

Die Warnschilder am Ortsrand vor Eisbären sind ernst gemeint und ernst zu nehmen. Ohne Führer und bewaffneten Eisbären-Wächter darf hier niemand eine Siedlung verlassen. Sonst ist ER am Ende verlassen. Eine Wanderung ins Hinterland gilt immer noch als eine großes Abenteuer, so wechselhaft ist das Wetter, so unwägbar die Natur.

Die Hafenstadt Longyearbyen, an der Adventbucht (ich sag’s ja, der Nikolaus kann hier nicht mehr weit sein!) verdankt ihren Namen einem findigem Amerikaner, Mister John M. Longyear, der hier 1906 eine Kohlemine eröffnete und damit die Ansiedlung begründete. Der Isfjord an dem Longyearbyen liegt ist mit 100km der längste Fjord Norwegens.  

Auf uns wartet heute früh ein Katamaran, der hier als Linienschiff verkehrt und uns nach Pyramiden bringen soll. Pyramiden ist eine ehemalige russische Bergbausiedlung aus den neunzehnhundertfünfziger Jahren, die bereits um neunzehnhundertsechzig wieder verlassen wurde. Eine Geisterstadt am Gletscher, dessen Abbruchkante wir von der Fjordseite her anschauen wollen.

Die Russen haben seinerzeit mit Zweijahresverträgen und gutem Geld Arbeiter hierher in die Einsamkeit gelockt um Kohle zu fördern. Ein blühendes Örtchen in der arktischen Einsamkeit, mit Schwimmbad, großer Mensa, Turnhalle, Hotel und natürlich einer Leninstatue im Zentrum. Das klingt echt skuril!

Ein bischen mulmig ist mir schon. Seit dem Frühstück beobachte ich schon das Wetter und besonders den Seegang. Etwa eine Stunde werden wir mit dem Katamaran unterwegs sein und in der Dünung vor der Abbruchkante des Gletschers kreuzen. Bis wir wieder festeren Boden unter den Füßen haben, kann es also noch etwas dauern. Auf dem Hinweg bin ich zwar angespannt, aber es geht alles gut. Breitbeinig stehe ich an Deck, mit dick behandschuten Händen klammere ich mich an die Reeling und staune. Der Wind pfeift mir eisig ins Gesicht, aber ich weiche nicht. Denn obwohl der Himmel bedeckt ist, schillert das Gletschereis in zig Blautönen. Das läßt sich mit der Kamera, stehend auf den schwankenden Blanken gar nicht einfangen. Ich nehme es also fest auf meiner internen Festplatte auf. 

Etwa zwanzig Minuten später dann betreten wir den Anleger von Pyramiden und ich staune schon wieder, als ich aus dem Bauch des Katamarans an Land klettere. Ich komme mir vor, als hätte man mich in ein Filmset von „Mad Max“ oder einer anderen Endzeit-Geschichte katapultiert. Ein Stück Wüste im hohen Norden. Gleich muss doch einer um die Ecke kommen und „Action“ rufen. Geborstene Wasserleitungen, ein uralter Laster aus Sowjetbeständen, der wohl älter ist als ich, verrostete Kräne, verlassene Kohle-Lohren und überall Eisen. Zu Fuß wandern wir etwa einen Kilometer in die verlassene Siedlung, zusammen mit unserem norgwegischen Führer und einer jungen russischen Frau, die uns sowohl fachkundig, als auch bewaffnet mit Schreckschuß-Munition als Eisbären-Wächterin begleitet. Vor drei Wochen erst, so erklärt sie in putzigem Englisch, seien Eisbären im Hafen gesehen worden – man wisse also nie. Schließlich läge Pyramiden auf den Eisbärenwegen … Der Ort verdankt seinen Namen einem Berg, der auf seiner Spitze tatsächlich an eine ägyptische Pyramide zu balancieren scheint. Nahe dem Anleger ein Telefon, mit Kurbel! geschützt unter einem roten Blechdach. Früher hat es wohl mal funktioniert, heute kommunizieren die acht Bewohner Pyramidens meist persönlich. Ein Funknetz gibt es hier nicht. 

Einige der Häuser, Ruinen dürfen wir von innen anschauen. In Deutschland wäre das bei Gebäuden, Wegen und Treppen in diesem Zustand undenkbar. Längst hätten hier Brandschutz und andere Behörden ein „Betreten verboten“ erwirkt. Alles ist voller Scherben, der Strom ist längst abgeschaltet. Überall blättern Putz, Wandfarbe und Lack ab. So könnte es nach einem Atomschlag aussehen, denke ich bei mir und stolpere vorsichtig hinter meinem Vordermann her. Andreas ist wieder einmal zurück geblieben, auf der Jagd nach dem perfekten Motiv. Hoffentlich geht er mir hier nicht verloren … Wir erreichen die Küche der ehemaligen Mensa. Im Treppenhaus vorbei an gut erhaltenen Wandmosaiken. In der Küche sieht aus, als habe es vor dem Verlassen einen Streit gegeben, vielleicht über das Essen? Möbel sind umgestoßen, Kochgeschirr liegt in den Ecken. Ich kann mich kaum losreißen, doch die Gruppe will weiter, wir wollen noch ins Schwimmbad. Auf dem Platz vor der Sporthalle begegnen wir dann Lenin, als Büste und als wir die Schwimmhalle erreichen, dürfen wir nur noch portionsweise eintreten. Auf den dunklen Fluren nehmen wir uns zunächst gegenseitig das Licht. Mir ist gruselig, ich greife nach der Hand von Andreas, hier wird geblieben! Kopfschüttelnd wandere ich mit. Als sich das Dunkel öffnet stehen wir in einer riesigen Schwimmhalle, diese ist lichtdurchflutet, meine Augen müssen sich erst wieder ans Helle gewöhnen. Ringsum sieht man eine Holzvertäfelung, die feudaler nicht sein könnte und noch tip top in Schuß ist. Auch das wasserlose Schwimmbecken, in dem jetzt die Spinnen wohnen, sieht aus, als könne man es sofort wieder befüllen. Die Fliesen sind nahezu unbeschadet. Wir verlassen das Schwimmbad durch die Umkleiden, über eine repräsentative Freitreppe, ein altes Gästebuch liegt verstaubt auf dem Tisch beim Eingang.

Im freien angelangt habe ich noch immer nicht mit dem kopfschütteln aufgehört, das aber mehr aus ungläubigem Staunen als auch Empörung über die Umweltsünde diesen Ort so zu hinterlassen. Er hat einen Charme und einen Spirit in all seiner Abgerissenheit, der mich bis heute beschäftigt. Bei all meinen Reisen habe ich sowas noch nicht einmal annähernd erlebt. Man überlege, so unsere Führerin ein Freilichtmuseum aus den Gebäuden zu machen, das einzige Hotel hat man schon renoviert … Schwer vorstellbar, wenn man sieht wie die Natur sich diesen Ort schon zurück erobert hat. In den Fensternischen der Plattenbauten nisten die Seevögel – ein Wahnsinn!

Schwankend zwischen Nachdenklichkeit und Begeisterung besteige ich wieder unseren Katamaran in Richtung Longyearbyen. Ich versinke in meinem warmen Sitz und checke meine Fotos. Was so geruhsam begann, sollte nicht lange währen. Nach wenigen Fahrminuten nimmt der Seegang zu. Wurden auf dem Hinweg noch Kaffee, Tee und Plätzchen gereicht, gehen jetzt die Brechtüten um. Oh bitte! Das Wasser doch irgendwo versteckt Balken haben muss merken wir jetzt überdeutlich. Der Katamaran hebt sich aus dem Wasser, stemmt sich gegen die Wellen und knallt wieder auf die Oberfläche. Es kracht und wackelt wie die sprichwörtliche Heide. Ich rutsche in meinem Sitz ganz nach unten und packe erst mal meine Rescue Tropfen aus! Diese Schußfahrt dauert etwa 1,5 Stunden, doppelt so lange wie der Hinweg. Währenddessen und auch danach ist mir zwar nicht schlecht, aber ich bin trotzdem wie gerädert.

Im Hafen angekommen, erleichtert wieder festen Boden unter meinen Füßen zu spüren, sehe ich andere Passagiere von einem Rib-Boat klettern, deren Gesichtsfarbe die meine mit Sicherheit übertrifft. Rot gefroren und ordentlich durchgeschüttelt, haben die auch ihr eigenes Spitzbergen-Abenteuer erlebt. 

Am späten Abend dann, gegen 22:00 Uhr hat unser Kapitän wieder eine Überraschung für uns. Wir werden noch einen Abstecher machen in ein nahegelegenes Ford, das Tempelfjord. Hier haben die Berge rings um keine spitzen Kappen, wie ihre der Insel namensgebenen Kollegen, sondern sind platt geschliffen und man meint auf der Talsohle eines Canyons angekommen zu sein. Hier am Ende des Fjords ragt ebenfalls ein Gletscher ins Meer und der erste Offizier will schauen ob es umhertreibendes Eis gibt, welches er fischen und an Bord holen kann. Eine waghalsige Aktion, die nur bei ruhiger See stattfinden kann, das Manöver gelingt. Für alle die mögen, gibt es jetzt Drinks mit Polareis in dieser Polarnacht. Dazu gibt es auf dem Pooldeck ein norwegisches Spezialtäten Buffet mit Suppen an denen man sich die Hände wärmen kann. Witzig – alle bei einem Auslaufen an Deck so dick verpackt zu sehen. Für die dargebotenen Gaumenfreuden habe ich heute keinen Blick, mich fasziniert viel mehr das Kreuzen vor diesem Gletscher. Wie kalt es plötzlich wird, so nahe vor der Gletscherzunge. Alle Decks rase ich ab um den besten Blick aus jeder Höhe zu erhaschen. Jede Perspektive hat ihren eigenen Reitz und da, endlich – Eisberg voraus! Wie eine Riesen-Schildkröte sieht er aus. Der Wahnsinn, meine SD-Karte glüht wieder …

Für mich steht längst fest – ich will wieder kommen, dieses Eiland ist grandios, vielleicht beim nächsten Mal wirklich einen Eisbären sehen, oder zum Beginn des Winters herkommen auf dem Jagd nach dem Polarlicht! Balken im Wasser hin oder her 😉 …

Wir sehen uns, wenn Ihr mögt – unsere Reise geht dann weiter nach Island!

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Veröffentlicht in Reise

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