Der Opiummörder (David Morrell)

Samstag, 05.08.2017

Nebel – was für eine besondere Naturerscheinung. Im Frühling und im Herbst zaubert er beinahe romantische Stimmungen. Je näher der Winter kommt und auch an verregneten Tagen wechseln die Nebelbilder schnell zu melancholisch, oder gar düster und geheimnisvoll. Wer selbst schon versucht hat, im dichten Nebel sein Fahrzeug auf der Straße zu halten, weiß wie schwierig und anstrengend es ist, in einer milchig weißen Suppe zu navigieren. Nebel, ein besonderer Stoff – der gerne in Büchern, Gedichten und Filmen als Stilelement verwendet wird. Kein Wunder, dass er auch in diesem Roman für die richtige Stimmung sorgt …

Der Opiummörder (David Morrell)

1829, London, rund drei Millionen Einwohner, ein Moloch ohne Abwassersystem, mit Straßen voll von Exkremten, mit rußschwangerer Luft und vollgepackt mit unzähligen Einwandern. Viele davon ohne Arbeit. Der Opiumhandel blühte.

Wie so oft hing ein dichter Nebel über der Stadt. Man heizte mit Kohle und unzählige Schornsteine spieen Asche aus, die stetig auf Dächer, Mauerkronen, Gehwege und Straßen rieselte. Asche, die sich mit dem aufziehenden Nebel zu einer undurchsichtigen Masse vermischte. Laternen spendeten nur diffuses Licht, beleuchteten spärlich die Müllberge mit ihren Ratten, wieder war eine neue Cholera-Welle durch die Stadt gezogen. Hinter den Häusern wurden Schweine und Kühe gehalten. Besonders die Schweine waren begehrt und leisteten gute Dienste. Konnte man doch nicht nur ihr Fleisch verwerten, sie fraßen ja auch die Abfälle, die sonst nur wieder auf der Straße gelandet wären.

Oh, nein! Constable Becker würde keinen Zentimeter weichen! Dies hier war sein Tatort und die Fußabdrücke, die sich im weichen Morast abzeichneten würde er notfalls mit seinem Leben verteidigen. Verteidigen gegen diese beiden, gegen ihn anrennenden Schweine. Detective Inspektor Ryan hatte ihm beigebracht wie wichtig solche Spuren für die Aufklärung eines Verbrechens sein konnten – und für die Aufklärung eben jener Greueltat, wegen der sie beide hergerufen worden waren, würde er alles tun. Gleich fünf Leichen hatten Sie in dem kleinen Laden vorgefunden, auf’s Übelste zugerichtet. Während ihrer Arbeit in Londons Straßen hatten die beiden Polizisten schon viel gesehen, das hier übertraf an Grausamkeit und Brutalität jedoch bei weitem alles bisherige. Der Constable zog seinen Knüppel, erbittert kämpfte er gegen die beiden angreifenden Schweine. Sie verbissen sich in seine Beinen, zogen ihn am Ärmel und er fiel, fiel in den Dreck. In diesen undefinierbaren stinkenden Dreck und alles voran er denken konnte, als er eine Körperdrehung vollführte war – nicht auf die Abdrücke fallen! Nur nicht auf die Abdrücke …

Das sah nach großem Kino aus! Die Meute, die sich vor dem Laden versammelt hatte, reckte die Hälse und drängelte, wollte unbedingt in den Laden. Jeder wollte sehen was hier passiert war. Grauenvolle Schreie hatte man gehört. Zahlreiche Polizisten waren jetzt vor Ort. Es hatte einen Mord gegeben wurde gemunkelt. Einen? Nein, alle seien tot. Alle, der Ladenbesitzer, seine Frau, das Hausmädchen, die siebenjährige Tochter und – das Baby!

Der schwer verletzte Mann hatte sich mit letzter Kraft auf die Mitte der Straßenkreuzung geschleppt. Die Menge die ihm folgte vervielfachte sich rasch. Die unwirkliche Szenerie wurde beleuchtet von den Laternen zahlreicher Polizisten, die den Mann umstellten. So viele Jahre, so viele Tote, so viel Schuld. Endlich, standen seine Häscher still, die Zeit stand still …

David Morell – geboren 1943 hat bereits 28 Spannungs-Romane veröffentlicht. Sein Roman „First Blood“ war die Vorlage für einen Hollywood-Blockbuster . Er erschuf die Figur des „John Rambo“, die Sylvester Stallone berühmt machte. „Der Opium-Mörder“ erschein am 01.12.2015 in der deutschen Taschenbuchausgabe und hat mit „Rambo“ allerdings nicht viel gemein, sieht man einmal von ein paar aktiongeladenden Szenen ab.

Morell zeichnet ein mehr als stimmungsvolles Bild des viktorianischen Englands. Er erschafft eine schummrige, ja düster, schaurige Atmossphäre mit Figuren denen man alles zutraut. Zugezogene Vorhänge werden zum Sinnbild für die Sittsamkeit, die Zugeknöpftheit der damaligen Lebensweise. Als Ermittler setzt er auch schon mal ein Heer von Huren und Bettlern ein, die von einem opiumsüchtigen Schriftsteller geführt werden.

Glaubwürdig, spannend, ein Sittengemälde prall voll mit historischen Fakten über Medizin, Drogistik, Kriminalistik und Geschichte, die Morell perfekt einsprenkelt. Er erzählt von der Gründung der Polizei als Behörde, von Madame Tussaud’s Wachsfiguren-Kabinett, den Machenschaften der britischen Ost-Indien-Kompanie, den Opiumkriegen, dem nahezu sorglose Umgang mit Laudanum, einem Opiumderivat als Allheilmittel. So wird der Thriller zum Historienroman und der Krimi zum Lehrbuch. Einzig für die ganz zart besaiteten sind die doch recht drastisch geschilderten Mordsequenzen vielleicht nicht geeignet. 

Meine Lieblingsfigur ist Emily, die Tochter des Roman-Autor Thomas De Quincey. Sie ist ein echter Freigeist in Hosen. Sieht es nicht ein, täglich Reifrock, Korsett und damit über siebenundreißig Pfund Kleidergewicht zu tragen. Unerschrocken, kämpferisch, abgeklärt und mit dem Herz am rechten Fleck, zeigt sie so manches Mal dem starken Geschlecht wo es lang geht 😉

HörbuchFassung: Erich Räuker – ist ein Profi, keine Frage. Er liest gekonnt, lebhaft, fesselnd – bei jedem Handgemenge habe ich den Kopf eingezogen. Für den richtigen Grusel hat er gesorgt, wenn ich mit den Ermittlern allein auf Londons Straßen unterwegs war. Häufig leiht er seine Stimme auch Hollywoodgrößen. Rätselte ich zu Beginn erst noch vorher ich seine angenehmene, sonore Stimmes kenne, fiel es mir alsbald wie wie Schuppen von den Ohren. Er synchronisiert die Figur des Saul Berensen, in einer meiner Lieblingsserien: Homeland. Sehr gerne mehr von Ihnen, Herr Räuker!

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2 Kommentare zu „Der Opiummörder (David Morrell)“

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