Petra’s Log Buch Teil 2 (von 6)

von Geiranger nach Honningsvag (Nordkap) in 869nm

02.07.2017 Sonntag, zweiter Seetag

An jedem Seetag meldet sich um 9:45h pünktlich unser Kapitän zu Wort. Aktuelles zum Wetter, dem nächsten Hafen, Land und Leuten weiß er zu vermelden. Wenn ich ehrlich bin, am meisten lauere ich immer auf seine Infos zu Wind und Wellen, bin ich doch immer noch ein bischen in Sorge, ob ich das alles auch gut vertrage. Heute werden wir den Polarkreis überqueren, gegen fünfzehn Uhr wird es soweit sein. Scherzhaft meint der Kapitän, da es hier auf dem Wasser nicht zu erkennen sei, würde er für alle die an der Polartaufe nicht teilnehmen mögen, die Hupe drücken. Gut zu wissen, um das Event wollte ich mich doch drücken. Mit zahlreichen anderen einen Fisch küssen und grünes Glibberzeug trinken, das ist irgendwie nix für mich. So genieße ich dann, völlig entspannt auf unserem Kabinenbalkon, windgeschützt und eingekuschelt die Polarkreis-Überquerung – und ich hätte schwören können, nach dem Ertönen der Schiffshupe habe ich einen deutlichen „Hubbel“ gespürt. 😉

Zum Glück waren wir dann doch noch an Deck, wahrscheinlich hat uns die Schadenfreude getrieben, die Polartäuflinge verschmiert und verekelt zu bestaunen. Stattdessen stolpern wir über ein riesiges Dessertbuffet mit frischen schokolierten Früchten und mit allem was das Schokoladen-Herz begehrt. Jetzt erstmal Teller voll und genießen! 

Ab heute wird es also nicht mehr dunkel. Unser Kapitän hat den nächsten Sonnenuntergang erst wieder für in einer Woche, am 09.07.2017 angekündigt. Dann werden wir auf Island sein. Das Reich der Mitternachtssonne ist erreicht, wie es wohl sein wird, um Mitternacht die Sonne noch knapp über dem Horizont zu sehen? Ich bin gespannt, für mich eine Premiere, die ich mit Gänsehaut erwarte.

03.07.2017 Montag, Honningsvag

Die Fahrt entlang der nord-norwegischen Küste rauf zum Nordkap ist bei bester Sicht spektakulär! Hinter den Panoramscheiben spürt man die kühlen und windigen zwölf Grad ja nicht und man könnte meinen, man schwebe an den hawaiianischen Inseln vorbei. 

Als wir gegen siebzehn Uhr Honningsvag erreichen, bin ich schon ganz hibbelig. Wir haben einen Transfer zum Nordkap gebucht und wollen mit einer der ersten Touren rauf. Das kleine Örtchen Honningsvag, mit seinen bunten Häuschen, lebt vom Fischfang und klar, vom Nordkap. Einst wurde behauptet der Nordkap-Felsen sei der nördlichste Punkt Europas und hier wollte jeder Nordland-Reisende dann auch einmal gewesen sein. Korrekterweise ist das Nordkap der nördlichte auf dem Landweg erreichbare Punkt Europas. Ein benachbartes Kap, die Felsspitze Knivskjelodden, liegt noch etwas weiter nördlich ist aber nur mit dem Boot erreichbar. Wir befinden uns jetzt in der norwegische Provinz Finnmark, auf der Insel Margeroya, was übersetzt soviel wie „die magere Insel“ heißt. Auf den ersten Blick mutet die Vegetation hier wirklich mager an, beim zweiten Blick entdeckt man auf den Felsen dann aber eine Farbigkeit, die von einer bestimmten Flechtenart herrührt. Wegen dieser Flechte hat Mageroya im Sommer nicht nur zahlreiche zweibeinige Besucher, sondern vor allem auch eine Vielzahl an vierbeinigen Gästen. Die Sami bringen hier ihre großen Rentierherden her und zwar per Fähre vom Festland. Haben sich die Tiere dann über den Sommer „vollgefressen“ sind sie stark genug um für den Winter die Strecke von zwei Kilometern zurück zum Festland zu schwimmen! Das muss ein Mordsspektakel sein. Ob wir wohl Rentiere sehen werden?

Der Weg hinauf zum Kap führt über eine schmale, mittlerweile zwar asphaltierte, aber immer noch holprige Straße und durch zahlreiche Kurven. Diese Kehren sind es, die immer wieder einzigartige Blicke in die Weite erlauben, man wähnt sich kaum hat man die Ortsgrenze verlassen in einer Mondlandschaft.

Auf dem Nordkap-Plateau angekommen, empfängt uns ein recht kaltes Lüftchen. Meine Finger sind schon nach den ersten Fotos eiskalt. Da mache ich doch erst mal Pause und schaue mich in Ruhe um. Hier oben steht eines der häufigsten Fotomotive Norwegens, ein Globus aus Metall, er soll eben jenen nördlichsten Punkt markieren und er ist umschwärmt wie ein Bienenstock. Ich hatte ihn mir irgendwie größer, höher vorgestellt und bin etwas verblüfft was ein Foto doch für Erwartungen wecken kann. Cool finde ich es hier aber dann doch, denn allein die Touristen in all ihren schrägen Posen zu beobachten, im Versuch diesen Globus auf den Schultern, den Händen oder sonst wo zu tragen ist irre. Noch ein Schritt weiter und der Abgrund ruft … Etwas abseits dieses Trubels kann man sich hier in Ruhe auf die beeindruckende Küste und die raue Schönheit des Plateaus konzentrieren und natürlich auf die Sonne! Heute Abend ein Traum in Pastell …

Das nördlichte Postamt! Das hatte ich mir auch anders vorgestellt, mehr wie ein Postamt halt. Gesehen hatte ich irgendwo mal ein rotes Holzhäuschen mit Schalter und Mensch. Jetzt gibt es leider nur noch einen roten Briefkasten in einer Ecke der riesigen Nordkaphalle. Ein bischen ist die Halle wie ein norwegisches Disneyland, mit Cineplex, ausgestopften Seevögeln, tief unten eine kleine Kapelle in der man auch heiraten kann, eine Eisgrotte mit Light-Show, Restaurant, Kaffee. Auf dem Weg in die Tiefe eine Ausstellung über die Geschichte des Kaps. Das ist mir ein bischen too much und nicht mehr wirklich romantisch. Ich kann es dann aber, wie viele andere auch, trotzdem nicht lassen und schreibe meinem Mann eine Postkarte. Mal sehen ob sie ankommt …

Auf dem Rückweg, begegnet uns eine größere Gruppe Radfahrer. Respekt, sich diesen tour-de-france-reifen Anstieg anzutun und das bei den Temperaturen. Urlaub sieht halt für jeden anders aus. Da! Da war ich doch tatsächlich mal einen Moment abgelenkt, als unsere norwegische Busfahrerin bremst, diese Vierbeiner haben hier immer Vorfahrt: Rentiere, sogar mit Jungtieren! So ein Glück aber auch, quasi auf dem Heimweg. Jetzt da bin ich sicher, kann der Nikolaus auch nicht mehr weit sein 😉.

Zurück im Hafenstädtchen Honningsvag herrscht zu später Stunde tatsächlich ein seltsam ungewohntes Zwielicht in dem die schwach glimmenden Straßenlaternen irgendwie deplatziert wirken. Wir unternehmen noch einen Spaziergang in die Stadt, finden sogar die Eisbar, die hier ein spanisches! Ehepaar betreibt. Wäre mir nicht eh schon so kalt und müßte man nicht in Schutzkleidung um bei dort drin bei – 5 Grad nicht festzufrieren, hätte ich mich vielleicht locken lassen. 

Zwei überlebensgroße Trolle bewachen den Hafen-Eingang und flankieren ein Hunde-Denkmal. Dieser treue Kerl stammte aus Honningsvag, Bamse mit Namen und ein Bernhardiner von Herkunft, war zu Zeiten des zweiten Weltkriegs offizieller Teil einer Schiffs-Crew der alliierten Streitkräfte. Ihm wurde sogar in Schottland ein Staatsbegräbnis zu Teil, achthundert Menschen haben ihn zu Grabe getragen. Bamse war für seine Fürsorge um seine Crew bekannt, mit Matrosen-Mütze und Dauer-Busfahrkarte um den Hals, nutzte er die öffentlichen Verkehrsmittel um des nächtens seine Seemanns-Kollegen aus den Hafenkneipen einzusammeln. 

Was für eine Geschichte, was für ein Tag! Zu Hause wäre ich längst müde, hier hält uns bei dieser Helligkeit eine seltsame Engerie vom Schlafen ab. Plötzlich scheint es gar nicht mehr abwegig, was ich gestern noch belächelt habe, dass die Norweger nämlich des nächtens um eins auch schonmal noch den Rasen mähen.

Morgen früh um 4:00 Uhr werden wir in Honningsvag ablegen und wieder in See stechen in Richtung Svaldbar. Die Barentsee wartet!

Wir sehen uns, ich berichte kommende Woche aus dem arktischen Spitzbergen …

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Veröffentlicht in Reise

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