Der Freund der Toten (Jess Kidd)

Sonntag, 30.07.2017

Für phantastische Geschichten hatte ich immer schon etwas übrig. So sind meine Lieblings-Romane häufig von Figuren bevölkert, die besondere Talente, ein Gespür für das Übersinnliche oder auch einfach nur einen „Hau weg“ haben. Den britischen Humor mag ich auch, trocken, schwarz und bissig darf es gerne sein. Wenn sich einige oder gar alle diese Zutaten zwischen zwei Buchdeckeln finden lassen, dann habe ich dieses Teil automatisch auf dem Kieker.  Wenn dann auch noch, wie hier geschehen, beim Reinschnuppern in eine Leseprobe der Prolog bei mir einschlägt wie eine Bombe, hänge ich am sprichwörtlichen Haken. Dieser Romanauftakt hat bei mir den Mund offen stehen lassen. Was hier geschieht könnte grausamer nicht sein. Wie es beschrieben wird könnte schöner nicht sein … Geht so was, oh ja … (und keine Sorge – ich schweige bei den nachfolgenden Sätzen über den Prolog wie ein Grab!)

Der Freund der Toten (Jess Kidd)

Textzitat: „Worte können fliegen. Sie sausen durch Fenster, über Zäune, zwischen Barhockern hindurch und durch Gärten. Sie bewegen sich schnell von Mund zu Ohr, von Ohr zu Mund. Und unterwegs gewinnen Sie an Tempo und Gewicht und Substanz und Schwerkraft. Bis sie mit einem satten Geräusch landen, Wurzeln schlagen und so schnell wachsen wie besonders unzähmbare Bohnenranken.“

Irland, Mulderigg, April 1976
Mahony, hatte eine Gabe, oder auf ihm lastete ein Fluch, wie auch immer, die Wahrheit lag wohl irgendwo dazwischen. Denn Mahony konnte die Toten sehen und die Toten konnten ihn sehen … Es war ihm eine Zeit lang gut gelungen, das bzw. sie zu ignorieren. Wann es wieder angefangen hatte? Gestern vielleicht, oder letzte Woche, letzten Monat – egal, das kleine Mädchen hier, das ihn eben zum Versteck spielen aufgefordert hatte, es war ohne Frage tot – sein Hinterkopf war eigentlich gar nicht mehr vorhanden. Es war hüpfend vor ihm in den Wald gelaufen und hatte ihm dadurch eine ungeschönte Sicht auf seine Todesursache geliefert. Der Wald nahe bei Mulderigg war dunkel und dicht. Alles was nicht pflanzlich war, war hier ganz klar ein Eindringling. Was wollte das kleine Mädchen hier? Schneller als er sich umdrehen konnte, war Mahony ihr tiefer, immer tiefer in den Wald gefolgt …

Shauna, war erst Anfang zwanzig und sie führte das einzige Gästehaus des Ortes allein, seit ihre Mutter sich mit einem Gast abgesetzt hatte. Muderigg war nicht gerade ein Hotspot. Zum Glück für Shauna gab es einen zahlenden Dauergast, der auch für die notwendigen Reparaturen aufkam. Doch dieser bzw. diese, eine alterende Lady und ehemalige Schauspielerin, entwickelte sich mehr und mehr zu einer echten Landplage und – sie schien diesen Hippie Mahony ziemlich schnell fest in ihr kleines, schrumpliges, schwarzes Herz geschlossen zu haben …

Konnte eine tote Katze der Vorbote drohenden Unheils sein? Mrs Cauley jedenfalls war überzeugt davon. Schließlich steckte der Kopf der Katze in einem Weidenkorb mit Naschwerk, die Zunge blau verfärbt und geschwollen, das Tierchen mausetot. Das Gift mußte sehr schnell gewirkt haben und war an mit Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht für die Katze, sondern für Mahony, den Störenfried bestimmt. Die gestrige Befragung der acht Dorfbewohner im Rahmen des Castings der alljährlichen Theatervorführung hatte also gewirkt. Sie hatten wachgerüttelt, aufgescheucht, waren aber bei Licht betrachtet nicht wirklich schlauer geworden. Die Aussagen der acht Dorfbewohner, zum Verschwinden von Orla Sweeny befragt, könnten widersprüchlicher nicht sein. Jeder der Befragten wollte sie zuletzt an einem anderen Ort gesehen haben. Was aber selbst die umtriebige Orla, Mahonys Mutter, nicht ohne einen Klon hingebracht hätte …

TextzitatDer Beichtstuhl in der Kirche St. Patrick hatte Geschichten von Leid und Niedertracht schon immer gierig aufgesaugt. Er weidete sich an Scham und Reue mit stiller, hölzerner Hingabe. Sein satter Glanz war nicht allein Holzpolitur und Altjungfernspucke, sondern auch vergoldetes Schuldgefühl, im Laufe der Jahre zu einem heiligen Schimmer gewienert.“

Das Wohnzimmer des Gemeindepfarrers hatte sich über Nacht in ein Feuchtbiotop verwandelt. Es roch modrig, zahlreiche Frösche, Molche und andere Sumpfbewohner hatten sich schon zwischen den Sitzkissen, in den Sofaritzen und unter den morastigen Teppichen eingerichtet. Und, wie war das nur möglich, eine Quelle entsprang munter vor dem Kamin. Standhaft harrte der Pfarrer in seinem Kaminzimmer aus, empfing seine erschrockenen Besucher fortan mit Gummistiefeln und Regenschirm. Mit Gottes Wegen, wie unergründlich sie auch immer waren, hatte dies hier nichts zu tun. Das hier war ein paranormales Desaster und er hatte da so eine unbestimmte Ahnung wer dahinter steckte …

Jess Kidd wurde 1973 in London geboren, einen Teil ihrer Kindheit hat sie in Westirland verlebt. „Der Freund der Toten“ ist kein klassischer Schauerroman, und doch ist er bisweilen für einen Schauer gut. Frau Kidd mixt munter mehrere Genres, man findet Krimi- bzw. Ermittlerelemente und Mysterybestandteil neben einer klassischen Romanerzählung. Sie würzt ihre Geschichte kräftig mit Magie und einer guten Prise Humor. Diese Mischung macht den Roman für mich zu einem echten Fundstück.

Richtig gut gefallen haben mir ihre Figuren. Die patente Schreckschraube Mrs C. und der lässige, feinfühlige Mahony sind ein tolles Gespann. Zwischen den beiden fliegen die Bälle, das macht richtig Laune! Bis in die Nebenrollen besetzt Jess Kidd mal putzige, mal finstere, mal übellaunige Gestalten. Das verleiht ihrer Geschichte zusätzlichen Charme. Meine Lieblingsszene bleibt ein paranormaler Sturm. Noch nie hatte ich von Kaminen gelesen, die Asche in die Zimmer spuckten. Wie Shauna und die stoische Mrs Cauley dem trotzen, Klasse!

Einen leichten Abzug in der B-Note vergebe ich für Übersetzung und Lektorat. Vielleicht lag das an der E-Book Version? Jess Kidd hat zum einen Sätze und Szenen modeliert die Hängen bleiben und die man auch noch einmal liest, dann wieder fehlt ein Wort im Satz oder der Fall ist nicht richtig. Es schadet dem Gesamteindruck jedoch nicht, hindert mich persönlich aber daran ein „hervorragend“ zu vergeben. Dafür verdient der Roman das Prädikat „besonders“.

Jess Kidd arbeitet an einem zweiten Roman, diesen Veröffentlichungstermin werde ich auf jeden Fall auf meinem Bücher-Radar behalten. Mahony und Mrs C. wieder zu treffen würde mir auf jeden Fall Spaß machen …

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