Petra’s Log Buch Teil 1

Von Kiel über Bergen (Norwegen) nach Geiranger

„Wenn Einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen“, sagt man ja landläufig. Bei meinen ersten längeren Reisen habe ich mich vor vielen Jahren an Reisetagebüchern versucht. Zumeist habe ich es dann nicht durchgehalten, kam mit dem Schreiben bei der Vielzahl an Eindrücken oft einfach nicht hinterher und habe es dann, wenn auch mit Inbrunst in den ersten Reisetagen begonnen, doch wieder aufgegeben. Diesmal soll es anders sein. Diesmal will ich durchhalten. Ganz bin ich während der Reise nicht fertig geworden, doch jetzt zu Hause, wo das Wäsche waschen, das Bügeln, das Unkrautzupfen und die ersten Arbeitstage mich wieder haben, nutze ich das Niederschreiben um Erlebtes zu verarbeiten, beschwöre die schönsten die Bilder noch einmal herauf, lese die Kapitel meinem Mann vor, bin erstaunt was ihm an Kleinigkeiten ergänzend zu mir noch im Kopf geblieben ist. 

Im Winter in die Sonne fahren, dem schlechten Wetter Ade sagen, das klingt verlockend. Erzählt man aber, man packe für eine Reise Ende Juni Mütze, Schal, Handschuhe, lange Unterhose und Winterstiefel ein, erntet man auch schon mal ungläubige oder mitleidige Blicke. Fragen wie „was suchen Sie denn da?“ hat man mir gestellt und trotzdem wollte ich genau da hin.

Faszination Nordland, was es damit auf sich hat kann ich auch nicht genau bestimmen. Kargheit, taghelle Nächte, eisige Kälte, den Nordpol in greifbarer Nähe, vielleicht Wale, Eisbären oder gar Eisberge sehen, Fjordlandschaften, knuffige Hafenstädtchen und nicht zu Vergessen immer wieder auch das Meer als Hauptdarsteller. Das zumindest zog mich an. Je näher dann der Abreisetag kam, desto intensiver betete ich für gutes Wettter. Vieles wollte ich kennenlernen, nicht aber ein „Island-Tief“ aus stürmischer Nähe. Schließlich ging es diesmal nicht nur in die Ost-und Nordsee. Nein, das Polarmeer, die Barentsee und der Nord-Atlantik wollten gequert werden und ich war mir nicht sicher, wie weit es im Extremfall bei mir Landei mit der Seefestigkeit aussah. 

28.06.2017 Mittwoch

Kiel – Einschiffung

Die A7 der Zunkunft wurde uns auf den Autobahnschildern von Hamburg bis Kiel versprochen. Das war mir nach den ersten dreißig Minuten Stau stehen schon so was von egal! Liebe Stadt Kiel, bitte verzeih mir, das mir Motivation und Energie nach über 40km Stau vor deinen Toren gefehlt haben um dich noch zu entdecken. Ich wollte endlich angekommen sein und nur noch an Bord. Das ist ja das schöne an einer Seereise. Hat man erst den Check-In hinter sich gelassen, beginnt der Urlaub mit dem ersten Schritt auf’s Schiff. Dann am Heck stehen und bei ruhiger See dem Strudel zuschauen, den die Schiffsschraube aufwirbelt, hinter uns am Horizont werden Häuser und Küste kleiner – einfach alles hinter sich lassen! Gedanklich bin ich schon jetzt ganz weit weg von meinem Alltag. Auch in Kilometern wird es eine weite Reise. Insgesamt werden es am Ende 4.989nm (nautische Meilen) sein, die wir mit dem Schiff zurücklegen. Das sind knapp 10.000km, eine nautische Seemeile entspricht ca. 1,8km. Wenn wir dann die An-und Abreise mit dem PKW mitrechnen rubbeln wir 11.600km in diesen Ferien ab. 

29.06.2017 Donnerstag

1. Seetag – von Kiel nach Bergen in 597nm

Die erste Etappe! Achtzehn Reisetage liegen zum Aufbrauchen vor uns und von mir fällt endlich die Anspannung ab. In meinem Hinterkopf steckt in den letzten Tagen vor Urlaubsantritt immer die Furcht nicht rechtzeitig anzukommen, oder dass am Ende irgendetwas die Reise doch noch verhindern könnte. Da bringt mich jeder Husten, jeder Stau auf der Autobahn aus dem Gleichgewicht. Mit straff gespannten Haarspitzen und schwitzigen Händen sitze ich dann im Auto und bin froh das wenigstens mein Mann einen gelassenen Eindruck macht und es mit mir Nervenbündel aushält.

Das erste Aufwachen an Bord nach einer sanft in den Schlaf geschaukelten Nacht, der erste Seetag und jetzt das erste Frühstück ohne Zeitdruck. Wie ich das genieße! Frisch gebackenes Brot aus der bordeigenen Bäckerei, der Duft alleine ist schon wie Urlaub. Dann dieses eine Brot auf das wir uns schon seit Wochen freuen, davon könnte ich mich die ganze Reise über ernähren. Könnte, wenn es nicht so viele andere Leckereien geben würde, die noch probiert werden wollen. Wohlweislich habe ich mir zwei Hosen je eine Nummer größer gekauft und mitgenommen. Kalorien werden erst wieder zu Hause gezählt! Das Wetter ist durchwachsen und war schon beim Ablegen in Kiel kühl und es hat leicht geregnet. Es scheint als seien die mitgebrachte Allwetterkleidung, sowie Schal, Handschuhe und Mütze eine gute Idee gewesen. Mal schauen!

30.06.2017 Freitag

Bergen

Und schon wieder ein erstes Mal. Der erste Landgang der Reise. In Bergen, der regenreichsten Stadt Norwegens. So geht jedenfalls die Rede. Auf dem Weg hierher, habe ich noch zu meinem Mann gesagt, diesmal werden wir wohl einen anderen Eindruck von Bergen gewinnen als den, den wir vor vier Jahren hatten. Damals war der Himmeln knallblau gewesen und nach Frühnebel kletterte das Thermometer auf vierundzwanzig Grad. Als der Kapitän dann am Vorabend dieses Landgangs ankündigte es seien Sonnenschein und über zwanzig Grad zu erwarten, konnten wir unser Glück kaum fassen. So meinte es der Wettergott dann tatsächlich auch gut mit uns und wir hatten Traumwetter für unseren selbst organisierten Stadtspaziergang. Diesmal haben wir keinen Streß, müssen nicht vor allen anderen zügig zur Floibahn hasten um auf den Hausberg mit dieser steilen Zahnradbahn zu kommen. Die Aussicht von dort oben auf die Stadt und den Fjord ist toll, kann uns aber heute nicht locken. Gemütlich bummeln wir von unserem Liegeplatz durch die Fußgängerzone vorbei am Theaterviertel und an zahlreichen Brunnen durch die die Kinder mit nackten Füßen flitzten, als wären wir irgendwo am Mittelmeer. Eine entspannte Stimmung liegt über der Stadt, alle Einwohner und Touristen genießen die Sonne. Der Kapitän muss sich verfahren haben, das hier kann doch nicht Norwegen sein? Oh doch, kein Zweifel möglich, die Möwen die über dem Fischmarkt kreisen, künden von Lachs, Königskrabben und Stockfisch. Jetzt eine Pause und die Atmosphäre tief einsaugen. Tatsächlich ist direkt an der Mole eine Bank frei und es legt ein kleines Segelschiff an, auf das gut gelaunt junge Leute steigen. Hier in Norwegen ist die Lebensqualität eine hohe, das glaube ich auf’s Wort. Dafür nehmen die Norweger auch hohe Lebenshaltungskosten in Kauf, die sie bequem und ohne Gebühren mit der Plastikkarte zahlen. Sogar das Bargeld komplett abschaffen wollen sie mittelfristig. Wirklich „kleine“ Preise gibt es hier aber auch offenbar nicht. Eben sind wir an einer Eisdiele vorbeigekommen, wo mein Mann den Preis für eine Kugel umgerechnet mit zwei Euro sechzig ausgemacht hat. In norwegischen Kronen sehen die Preise dann gleich doppelt erschreckend aus, gar nicht mehr gewöhnt bin ich es in meinem Portemonnaie in fremdem Geld zu wühlen, Scheine und Münzen mehrfach in der Hand zu drehen, so sehr bin ich mittlerweile an die Währungsallzweck-Waffe Euro gewöhnt. Von unserem Platz am Hafen haben wir einen schönen Blick auf die Altstadt Brüggen mit ihren bunten Holzhäusern und engen verwinkelten Gassen, auch sie haben wir zu Fuß erkundet. Das geht mit Einlesen auch ohne Führer wunderbar. Zurück auf dem Schiff drehe ich eine Runde im Pool zur Entspannung. Lasse mir anschießend die Sonne auf unserem Balkon auf den Bauch scheinen und der Gedanke an Handschuhe und Mütze ist gaaanz weit weg …

01.07.2017 Samstag

von Bergen nach Geiranger ein Katzensprung mit nur 210nm

Mein Wecker klingelt um 5:30h und ruck zuck bin ich raus aus den Federn. Ich habe heute früh einen Termin mit einem UNESCO Weltnaturerbe, dem Fjord der Fjorde – dem Geiranger. In dem norwegischen Wort Geiranger steckt das Word Fjord schon drin, habe ich gestern von unserer Bordlektorin gelernt, es reicht also der Geiranger zu sagen. Wie auch immer, obwohl ich schon einmal hier gewesen bin, möchte ich auf keinen Fall die Einfahrt in den Fjord versäumen, auch dann nicht, wenn wir heute am Abend auf dem gleichen Weg wieder zurück fahren. In diesen frühen Morgenstunden scheinen die knapp zweitausendfünfhundert Passagiere schon alle auf den Beinen und auf den verschiedenen Außendecks bis hin zum Schornstein verteilt zu sein. Es herrscht teils verschlafene, teils erwartungsvolle Stille. Auch das gehört im Geiranger dazu, diese Ehrfurcht, die einen erfaßt, wenn man zwischen diesen steilen Wänden hindurch gleitet und links und rechts auf Wasserfälle schaut, in die die Morgensonne Regenbogen zeichnet. Es ist noch kalt so früh am morgen, spiegelglatt ist das Wasser und nur unser Schiff kräuselt es leicht, sanfte runde Wellen laufen zu den steil aufragenden Ufern hin aus. Dünne Nebelschwaden überziehen einige Felsvorsprünge, als habe sich der Fjord für uns ein Seidentuch umgelegt. Etwa vierzig Minuten gleiten wir durch diese beeindruckende Szenerie. Dann wartet erst mal ein Frühstück, bevor wir unseren Tagesausflug starten. Kaum geankert erwartet mich dann die nächste Premiere, der Gang über einen „Seewalk“. Heute wird hier im Fjord nicht mit kleinen Beibooten getendert, denn am Anleger direkt ankern geht hier nicht. Wir verlassen über eine rund 300 Meter lange schwimmende Brücke im Zick Zack verlegt das Schiff und können so über das glasklare, spiegelglatte Fjordwasser spazieren. 

Auf uns wartet der Dalsnibba, ein Berg am Fjordende mit einem Hochplateau. Dort auf rund 1500 Metern soll noch Schnee liegen. Im Sommer ist es hier normal im Tal im T-Shirt zu starten und auf dem Berg nach einer Steppjacke zu dürsten. Als wir bei etwa 1000 Metern die Baumgrenze erreichen, haben wir schon spektakuläre Ein-und Ausblicke auf den Fjord und unser Schiff erhaschen können. Zahlreiche kristallklare Bäche springen über die Felsen, zu Beginn des Anstiegs sind die Wiesen beinahe grüner als im Allgäu. Für mich aber ist der Stopp für eine Kaffeepause auf dieser Tour ganz klar das Highlight. Nein, nicht wegen der putzigen Vintage-Blech-Kaffeekanne aus der ausgeschenkt wird damit wir uns die Hände wärmen können oder wegen des norwegischen Kaffeegebäcks. Nein, die Bergstation liegt an einem riesigen tiefen Gletschersee, der aufgetaut stahlblau und dort wo er noch zugefroren ist, eisglitzernd in der Morgensonne liegt. Ich gerate in einen Fotorrausch und drohe meine SD Karte zu sprengen … 

Nach der Rückkehr im Fjordzentrum lernen wir, wie einsam das Leben und wie beschwerlich das Bewirtschaften der kleinen Bauernhöfe ist, die hier hoch oben auf den Fjordfelsen liegen. Alles muß mit dem Schiff heran geschafft und dann zum Teil mit der Hilfe von Nutztieren hinauf getragen werden. Felsstürze, und Lawinen im Winter, das Postschiff als einzige Unterbrechung in dieser Abgeschiedenheit. Ein hartes Los, aber eine langjährige Tradition, für deren Erhalt sich die norwegische Königsfamilie persönlich einsetzt, auch den Wiederaufbau dieser alten Bauernhöfe unterstützt. Die gekrönten Häupter haben hier sogar ihre Silberhochzeit gefeiert. Wie herrlich bodenständig, naturverbunden und unverstellt diese Norweger doch sind!

Wir erklimmen noch eine letzte Serpentinenstraße, die zu einem weiteren Aussichtspunkt führt, die Adlerkehren. Hier herrscht dann so richtig Halligalli, wie auch schon unten im kleinen Örtchen Geiranger in der kurzen Sommersaison. Die Adlerkehren ist eine Kurve die Einblick auf den unteren Teil des Fjords mit dem Wasserfall die „sieben Schwestern“ gewährt und ist sehr begehrt. Die Fälle führen nur mit allen sieben Kaskaden Wasser, solange die Schneefelder auf den umliegenden Bergkappen noch nicht ganz abgeschmolzen sind. Dann so sagt man, sind alle sieben Schwestern zu Hause. Hier an der Adlerkehren kommt man kaum über die Straße, so voll ist es hier und es macht deutlich, dass dies ein Hotspot ist, der bei Touristen aus aller Herren Länder hoch im Kurs steht. Also, früh aufstehen lohnt hier und los legen bevor die Tagestouristen wach sind.

Das haben wir uns aber mal so richtig gut ausgedacht! Wir sitzen gegen 19 Uhr gemütlich im Restaurant auf Deck 12, vor einem leckeren, selbst zusammengestellten Käseteller und zwei Gläsern Rotwein und bestaunen die Fjordausfahrt. Es ist uns gelungen auf steuerbord (wichtig wegen der Aussicht auf die „sieben Schwestern“!) einen Fensterplatz zu ergattern, so genießen wir einen Panoramablick durch bodentiefe Fenster, diesmal auf Augenhöhe mit den Fällen, eine ganz neue Perspektive. Doch was ist das? Damit war jetzt aber wirklich nicht zu rechnen, muß doch unser Kapitän jedes Manöver sowohl mit der Reederei als auch mit dem Lotsen, der bei jeder Fjordfahrt an Bord ist abstimmen. Die Maschine stoppt – und unser riesiges Schiff dreht sich, mitten im Fjord zwischen den beiden schönsten Wasserfällen den „sieben Schwestern“ auf steuerbord und dem „Freier“ auf backbord, einmal um die eigene Achse. Man meint die Felswände mit den Händen berühren zu können. Unfassbar! 

In Hellesylt dem nächsten Ort nahe der Einfahrt in den Geiranger, sammeln wir dann noch ein paar Ausflügler ein, nachdem unser Schiff an einem schwimmenden Polter festgemacht hat, der aussieht wie ein riesiger Badewannenstöpsel. Wir dürfen so noch einen weiteren Wasserfall bestaunen, der mich an die Rheinfälle bei Schaffhausen erinnert. Ohrenbetäubend stürzt das Wasser über die Mitte des kleinen Örtchens in den Fjord. Im kleinen Boot des Hafenteams, das den „Stöpsel“ umrundet, sitzt vorwitzig ein Hund als Steuermann im Bug und kontrolliert ob alle Leinen auch schön festgezurrt sind. Putzig! Von unserem Logenplatz aus luftiger Höhe können wir das und auch das Ablegemanöver bestens beobachten. Als dann bei der Abfahrt das Schiffshorn ertönt ist das einfach nur großes Kino!

Zahlreiche Möwen begleiten neugierig das Schiff auf seinem Weg aus dem Fjord zurück ins Meer. Morgen werden wir wieder auf See sein, und auch übermorgen bis 18 Uhr, auf unserem Weg nach Honnigsvag, am Nordkap.

Fortsetzung folgt …

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3 Kommentare zu „Petra’s Log Buch Teil 1“

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