Kleine Zeitreise durch mein Bücherregal

„And the winner is …“ Wie ein Mitglied der Oscar Jury fühlte ich mich, als ich mein Bücherregal durchgekämmt habe, um die zehn Bücher deutschsprachiger Autoren, die mich in meinem Leseleben bislang am nachhaltigsten beeindruckt haben auszusuchen. 

Nein, auf die Idee eine solche Schnitzeljagd zu veranstalten bin ich nicht selbst gekommen. Ich bin dem Aufruf der „Bookaholics Deutschland“ gefolgt und freue mich riesig als Gruppen-Neuling bei dieser Aktion dabei sein zu dürfen!

Es herrschte ein wahres Schubsen und Drängeln, es wurde bewertet, abgewogen und diskutiert. Manche Protagonisten können da wirklich sehr überzeugend argumentieren 😉… Bei einigen Titeln ist es mir ganz leicht gefallen, sie auf meine Top Ten Liste zu nehmen, im Gegenteil, es stand nie in Frage. Andere habe ich schweren Herzens zurück gelassen, sie mussten ihren Platz auf der Liste dann doch am Ende an einen anderen abgeben. Ich entschuldige mich ausdrücklich und exemplarisch bei Sophie Scholl (Die weiße Rose), Hans Bemmann (Stein und Flöte) und bei Ralf Isau (Der silberne Sinn). Meine Auflistung ist also kein Ranking, sondern vielmehr eine kleine Zeitreise durch mein „Leseerleben“ geworden.

„And the Oscar goes to …“ 

„Einsteigen und Türen schließen, der Lummerland-Express fährt in Kürze ab!“

(10) Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer

Meine erste Bücherliebe ist klein, schwarz und hat einen Knopf am Hosenboden. Michael Ende berühmt und bekannt für seine unendliche Geschichte. Bei mir sind aber irgendwie seine Geschichten um Jim Knopf mehr hängengeblieben. Geliebt habe ich auch die Inszenzierung der Augsburger Puppenkiste. So sehr, dass ich mir im Urlaub vor ein paar Jahren in Augsburg „in der Kiste“ sogar eine Jim-Knopf-Marionette gekauft habe. Sie hängt jetzt an meinem Bücherregal und es ist nicht zu leugnen, Jim Knopf hat definitiv meine Leidenschaft für Abenteuergeschichten geweckt! Und darum geht es: Jim landet als Baby per Paketzustellung auf Lummerland. Eigentlich ein Versehen, die Adresse war nicht eindeutig und klar auf dem Paket. Frau Waas die Herrin des Krämerladens nimmt ihn auf und zieht ihn groß. Als Junge neugierig, reißt er sich immer wieder die Hose am Hinterteil auf. Seine erfinderische Ziehmutter säumt kurzerhand das Loch und näht ihm einen Knopf dran. Markenzeichen und gleichzeitig Nachname sind geboren …

Aus meiner Schulzeit 1982: 

(9) Die verlorene Ehre der Katharina Blum (Heinrich Böll)

Diese Geschichte hat meinen Blick auf die Freiheit der Presse für immer verändert. Heute noch, wenn ich an der Schlagzeile einer Bild-Zeitung vorbei gehe, denke ich automatisch an K. Blum. Pflichtlektüre damals in meiner Schule, die komplette Oberstufe ging sogar damals ins Kino um sich die Verfilmung anzuschauen. Beängstigend sich zu erlesen, wie schnell und nachhaltig eine Schlagzeile ein Menschenleben zerstören kann. Bedenkt man die vielfältigen Möglichkeiten der heutigen medialen Welt, Fake-News & Co., finde ich diese Geschichte darf gerne wieder in den Schulen gelesen werden. Und darum geht es: Katharina Blum lernt 1974 zu RAF Zeiten auf einer Feier einen Mann namens Götten kennen und verbringt die Nacht mit ihm. Was sie nicht weiß, Götten steht im Verdacht einen Banküberfall und einen Mord begangen zu haben und wird von der Polizei überwacht. Man will seine Kontaktpersonen ermitteln. Als die Beamten am Morgen nach dieser Nacht die Wohnung der Blum stürmen, ist dies der Beginn ihres eigenen Albtraums. Die Berichterstattung speziell eines Boulevard Blattes im Roman nur „Die Zeitung“ genannt treibt sie soweit, dass sie am Ende den verantwortlichen Reporter erschießt.

Ende der Achtziger:

(8) Das Parfüm (Patrick Süsskind)

Die Geschichte eines Mörders – oh ja! Wenn mir ein Thriller im Gedächtnis geblieben ist, dann dieser hier. Diese düstere Stimmung, diese Authentizität. Lange war ich der Meinung der Mörder im Roman sei eben so real wie „Jack the Ripper“. Fast nebenbei lernt man eine ganze Menge über Parfüm, Herstellungsverfahren und ja, für einen guten Duft habe ich eine Schwäche. Ein Laster muß man ja haben, schließlich rauche ich nicht ;-). Also, kurz gesagt auf meiner eigenen Longlist der gelesenen Spannungstitel belegt dieser hier noch immer einen der Spitzenplätze. Worum geht es? Jean-Baptiste Grenouille, ein Mensch ohne Eigengeruch und mit einer ganz besonderen Gabe, einem extrem gut ausgebildeten Geruchssinn, ist besessen von der Idee ein ganz besonderes Parfüm zu erschaffen. Nach einer Gerber Lehre beginnt er erneut eine Ausbildung, geht von Paris nach Grasse, ins Mekka der Parfümeure, um dort alles über Düfte deren Zusammensetzung und über Destillationsverfahren zu lernen. Für seinen Duft geht er dann noch einen Schritt weiter, sein erster Mord geschieht dabei fast aus Versehen …

Irgendwann in den Neunzigern:

(7) Der Nachtzug nach Lissabon (Pascal Mercier)

Dieser Roman steht für mich immer noch für den Willen zur Veränderung, für den Mut alles über Bord zu werfen und von vorne zu beginnen. Wen überfällt nicht ab und an dieser Wunsch? Als ich dieses Buch damals gelesen habe, hatte ich gerade nochmal eine Ausbildung angefangen, und auch beruflich einen Neustart gewagt. Bin in den Nachtzug gestiegen und Hals über Kopf mit dem Lehrer Raimund Gregorius aufgebrochen nach Lissabon. Ihn hatte das Gefühl aufgeschreckt, wie schnell doch seine Lebenszeit verrinnt und ein alter Roman eines portugiesischen Autors, den er unlängst in einem Antiquariat entdeckt hat, riefen ihn zu einer Spurensuche. Was eine schöne und geheimnisvolle Portugiesin und eine zerbrochene Brille im weiteren Verlauf der Geschichte mit ihm anrichten, lest ihr am Besten selbst … Seufz, sehr schön ..

2013

(6) Hannes (Rita Falk)

Wie schwer es fallen kann jemanden los zu lassen und wie unvermeidlich es doch oft ist. Wie damit umgehen, wie schafft man es dann doch das Licht am Ende eines Tunnels zu sehen? Falk hat eine meiner Lieblings-Regional-Krimi-Reihen geschrieben. Die Franz-Eberhofer-Krimis. Das sie auch ganz anders kann hat sie mir mit diesem Roman mehr als bewiesen. Ich liebe ihre Sprache, sie kann in Hochdeutsch so schreiben, das man es im Kopf bayrisch hört. Wie das geht, keine Ahnung, aber es funktioniert wunderbar. Lebensklug, warmherzig, bittersüß – für mich ein echtes „Must-Read“ ist ihr „Hannes“. 

Und darum geht es: Hannes und Uli – zwei Freunde wie Pech und Schwefel seit Kindertagen und ein Motorrad-Ausflug zuviel. Uli kann seinen Freund nachdem fatalen Sturz nur noch blutend aus dem Rinnstein auflesen. Hannes hat das Bewußtsein verloren. Uli, der es gewohnt ist, jede auch noch so belanglose Kleinigkeit mit seinem Freund zu teilen fängt an ihm Briefe zu schreiben, damit er, wenn Uli denn aus dem Koma wieder aufwacht, auch ja nix vergessen hat. Und Uli hat viel zu erzählen, die Erlebnisse am Krankenbett, mit Freunden die diese Vokabel nicht verdienen, sein neuer Job und seine Sorgen um Hannes … Ok, vielleicht bin ich auch ein bischen nah am Wasser gebaut, aber keine Geschichte hat mich mehr Tränen gekostet als diese hier, für mich kommt sie mitten aus dem Herzen.

2016

(5) Ein ganzes Leben (Robert Seethaler)

Sich selbst genug sein, in sich zu ruhen und bedingungslos lieben zu können. Was mich hier mit Abstand am meisten beeindruckt hat, ist wie man auf so wenigen Buchseiten soviel unterbringen kann. Mir fällt es immer schwer mich kurz zu fassen, deshalb habe ich hiervor einen großen Respekt. Die Hauptfigur im Roman Andreas Egger, seine Ergebenheit Umständen gegenüber, die er nicht verändern kann. Seine Genügsamkeit und Zufriedenheit mit der Einfachheit seines Lebens. Die Geschichte ist pur und, ach ich weiß nicht – Hut ab davor!
2017

(4) Winters Garten (Valerie Fritsch)

Dieses Buch ist meine Schokolade. Wie dunkle, herb süße Pralines zerschmelzen die kleinen Satzkunstwerke auf der Zunge. An nur einem einzigen Satz bin ich hängen geblieben und er hat sofort einen Nerv bei mir getroffen. Sicher kein Buch für nebenbei und zwischendurch. Einlassen muss man sich und dann Satz für Satz genießen. Wie bei einer guten Tafel Schokolade, die man auch stückchenweise ißt. Langsam Kapitel für Kapitel, die letzte Seite muß ja noch schnell genug umgeblättert werden. Dieser kleine, feine Roman hat einen wahren Erinnerungs-Sturm in mir ausgelöst. Gelesen habe ich ihn einige Wochen nachdem mein Vater gestorben war und ich bin dankbar für diese wunderbare Leseerfahrung. Beweist das doch einmal mehr, wie tief Geschichten gehen können. 

Valerie Fritsch erzählt vom Garten der Winters und hat in mir damit den Garten meiner Großeltern wieder herauf beschworen. Sie erzählt von Vergänglichkeit und Tod als Teil des Lebens. Von Kindheit und Entfremdung und von einer großen Liebe. Eine leicht surreal anmutende Geschichte, die idyllisch beginnt und in eine Weltuntergangs-Stimmung mündet.

(3) Der Schnee, das Feuer, die Schuld und der Tod (Gerhard Jäger)

Schubladendenken. Wie schnell man doch mit einem Urteil über einen anderen bei der Hand ist. Erschreckend in der Konsequenz für den anderen und auch für sich selbst. Gepaart wird diese Erkenntnis hier im Roman mit einer der schlimmsten Naturkatastrophen im Alpenraum. Diese Geschichte hat mich buchstäblich mitgerissen wie eine Lawine. Ihrem Sog konnte ich mich bis zur letzten Seite nicht entziehen. Ein Roman ohne Längen, grausam und schön zugleich.

Er erzählt die Geschichte eines jungen Roman Autors, der sich in einem einsamen Alpendorf unter die Bewohner mischt um über deren Leben und über ein Geheimnis das alle verbindet zu schreiben. Vor vielen Jahren wurde eine junge Frau hier als Hexe geächtet und man ließ sie bei lebendigem Leib in ihrem Haus verbrennen. Eine Wand aus Schweigen erwartet unseren Autor und er geht eine Verbindung ein, die schicksalhafter nicht sein könnte …

(2) Das geheime Leben der Bäume (Peter Wohlleben)

Als Kind wollte ich Försterin werden. Ich war halt eher keine Elfe von Gestalt und Ballerina wäre ohnehin nicht in Frage gekommen, nein – angesteckt mit dem Waldvirus hat mich mein Opa Wilhelm. Da bin ich mir heute, vierzig Jahre später sicher. Er war Waldarbeiter, so nannte man das damals und hat mich immer mit in den Wald genommen, zum Beeren sammeln, Pilze bestimmen oder einfach nur so.

Peter Wohleben hat mir in seinem Sachbuch im wahrsten Sinne des Wortes die Welt neu erklärt, nämlich die Welt der Bäume. Vom „Wood-Wide-Web“ habe ich hier zum ersten Mal gehört, im Wald habe ich mich immer schon besonders geerdet gefühlt, warum habe ich aber erst jetzt verstanden. Was hier im Waldboden los ist, ist absolut faszinierend. Kaum vorstellbar, das eine Buche im Laufe ihres Lebens Millionen Früchte hervorbringt, aber davon nur ein einziges Bäumchen überlebt. Bäume haben kein Gedächtnis, oh doch. Bäume haben schließlich kein Gehirn, aber ja! Wer jetzt denkt, Wohlleben sei Esoteriker, weit gefehlt. Er ist Förster und zwar in der Eifel, in einer kleinen Gemeinde. Er war lange Zeit Staatsbeamter im Forst, hat dann aber gekündigt um sein Ding zu machen, weil er mit der erwerbsmäßigen Holzwirtschaft so nicht mehr einverstanden war. Heute erklärt er live in seinem „Wald“ wie es funktioniert. Dieses Buch hat mich und meine Sicht auf Bäume grundlegend verändert. Absolut und uneingeschränkt.

Juni 2017

(1) So, und jetzt kommst du (Arno Frank)

Langsam rollt er aus, der Lummerland Express und wir sind in unserer Ziel-Zeitzone angekommen … Dieser Leseeindruck ist bei mir noch ganz frisch und eigentlich stand ein anderer Titel ursprünglich an dieser Stelle. Dann aber hat dieser hier buchstäblich den Blinker gesetzt und ist auf die Überholspur ausgeschert. Am Pfingstmontag war es, da habe ich die letzte Seite dieses Romans umgeblättert und mußte mich erst mal sammeln. Wenn ich jetzt beschreiben soll, was mich daran am meisten beeindruckt hat, kann ich das erstmal garnicht. Diese Geschichte hat mich mit voller Wucht getroffen! Eigentlich mag ich keine Ich-Erzähler, und ich mag keine Road-Mowies.  Das hier ist beides und es hat mir gefallen! Das ist für mich Leseerlebnis pur! Darum geht es: Arno Frank erzählt die Geschichte seiner Kindheit, als Sohn eines Hochstaplers. Beeindruckend wie er erzählt ohne zu bewerten, sprachlich hervorragend, mit einer Sachlichkeit, die dadurch verstärkt wird, das es die Augen eines Kindes sind, durch die wir die Ereignisse sehen, seine Augen als Junge. Dabei ist er nie nüchtern, sondern sehr berührend. Die Balance zwischen Tragik und Komik ist unglaublich, da blinzelt man wirklich lachend die Tränen weg … Die Geschichte einer Familie, seiner Familie auf der Flucht quer durch Europa, von Kaiserslautern über Südfrankreich, Lissabon, Paris und München. Unfassbar, unfassbar gut … 

So, und was kommt jetzt? Ich hasse Abschiede auf Bahnsteigen, daher machen wir es besser kurz, bevor ich das Heulen kriege. Danke, dass Ihr dabei wahrt auf meiner kleinen Zeitreise, vielleicht habt Ihr alte Bekannte getroffen, vielleicht konntet Ihr neue Freunde finden und wer weiß, wo wir uns wiedersehen … 😉

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2 Kommentare zu „Kleine Zeitreise durch mein Bücherregal“

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