Makarionissi (Vea Kaiser)

Samstag, 24.06.2017

Es geht uns gut in Deutschland. Viele wandern zu uns aus, oder haben sich aus anderen Gründen unser Land zum Leben ausgesucht. Um so erstaunlicher ist da doch diese Zahl: 140.000 Deutsche wandern pro Jahr ebenfalls aus. Das Magazin Wirtschaftswoche hat auch erhoben, das wir weltweit auf Platz 5 kommen, bringt man die Länder, aus denen am meisten Einwohner auswandern einmal in eine Rangliste. Auf den Plätzen vor uns rangieren Mexico, Großbritanien, China und Indien. Zahlreiche Fernsehsendungen beschäftigen sich mit Einzelschicksalen von Deutschen, die versuchen im Alltag im Ausland Fuß zu fassen. Viele davon arbeiten am Ende deutlich mehr und haben weniger in der Tasche. Aus der Traum vom Urlaub im Alltag. Sprachbarrieren und bürokratische Hürden erschweren Jobsuche und das Schließen von neuen Freundschaften. Eine Auswanderergeschichte von Italien nach Deutschland habe ich den letzten Wochen schon vorgestellt, Bella Germania von Daniel Speck. Diese hier ist unbedingter Lesestoff für alle „Bella Germania-Fans“ und sie hat absolut nichts mit Makkaronis zu tun, versprochen:

Makarionissi – oder die Insel der Seeligen (Vea Kaiser)
1956, Varitsi, ein kleines Bergdorf irgendwo an der Grenze zwischen Griechenland und Albanien. Von außen betrachtet war hier die Welt noch in Ordnung. Abgeschottet zwischen kahlen Hügeln lag es und es schien, als habe die Zeit diesen Ort vergessen. Großmutter Yiayia Maria führte hier unangefochten das Familien-Regiment, stiftete Ehen und sorgte so für den Fortbestand etlicher Familien im Ort, nicht nur für den der eigenen.

Seit Monaten plagte sie jetzt schon diese eine Sorge. Für ihren geliebten Enkel Lefti war einfach keine junge Frau mehr übrig im Dorf. Wie konnte sie jetzt verhindern, das er am Ende nicht würde leer ausgehen müssen, dass er nicht würde fortgehen müssen um eine Frau zu finden? Fort aus Varitsi, fort von der Familie … Gestern Nacht dann, hatte sie diesen Traum gehabt und endlich auch eine Idee. Diese Idee war im Grunde einfach, wenn auch nicht ohne Risiko. Sie musste eine ihrer Töchter dazu bringen noch einmal schwanger zu werden! Gut, das beste Alter dafür hatten sie schon hinter sich, aber wo ein Wille, da ein Weg. Und tatsächlich gelang es der Yiayia ihre Tochter Pagona und dann gelang es Pagona, mit List und Alkohol ihren Mann Spiro gefügig zu machen. Wollte er doch partout in diesen schwierigen Zeiten keine Kinder mehr in die Welt setzen …

Die Schwangerschaft verlief erfolgreich, das gewünschte Geschlecht kam am Ende auch dabei heraus und man nannte die kleine –  Eleni.

Ein bischen plagte die Yiayia Maria ja das schlechte Gewissen, das Eleni ausschließlich deshalb in die Welt gesetzt worden war um Lefti zu heiraten, und sie sorgte sich um deren Glück. Der Kaffeesatz würde zeigen, ob sie sich wirklich Kummer machen musste. Nach dem Blick auf den Grund der Tasse war sie dann beruhigt. Alles würde gut werden …

Eleni! Als Mädchen lieber Heldin als Prinzessin. Ständig in eine Prügelei verwickelt. Wild und rebellisch, kaum zu bändigen. Auf der strengen Mädchenschule, dort hätte sie eigentlich das Kochen lernen sollen, hatte sie es immerhin drei Jahre ausgehalten, dann war sie erst raus geflogen. Bücher, die hatte sie schon immer geliebt. Als junge Frau wurde ihre Lektüre dann zunehmend politischer und sie schloß sich dann auch noch, während der griechischen Militärdiktatur, einer kommunistischen Oppositionsgruppe an. Gefängnis, na wenn schon! Heiraten, das war eindeutig und unzweifelhaft nichts für sie! Sie war schließlich eine Heldin und Heldinnen brauchten keinen Mann …

Lefti! Er war das genaue Gegenteil von Eleni. Sanft war er und er sehnte sich nach einem ruhigen, einem friedlichen Leben. Politik, das war etwas für die anderen. Die Courage von Eleni bewunderte er schon, aber ihr Wagemut ging ihm deutlich zu weit. Kochen lernen? Das klang nicht nach der schlechtesten Alternative, fand er. Da war für ihn nicht weibisch, sondern einfach nur herrlich!

Warum Eleni und Lefti trotz aller Unterschiedlichkeit dann doch geheiratet haben, das wußte vermutlich nur Yiayia Marias Kaffeesatz. Beide wanderten nach der Heirat und heftigen Turbulenzen, nach Deutschland aus und landeten in Hildesheim. Lefti fand Arbeit, Eleni fand Otto. Einen Hippie und Schlagersänger, unangepaßt, aufsässig, unabhängig. Er schien ihrem Wesen soviel besser zu entsprechen, als Lefti es tat. Vielleicht war am Ende dieses Deutschland doch nicht so schlecht …

Konnte man sich in die deutsche Sprache verlieben? War sie gar erotisch? Mann bzw. Lefti konnte! Gut, das Fräuleinwunder Traudi Haselbacher, seine Sprachlehrerin trug daran eine gewisse Mitschuld. Traudi war aus St. Pölten und mit Abstand die schönste Frau die Lefti je gesehen hatte. Wenn sie das „R“ rollte, war es um ihn geschehen und sie, sie hatte offenbar ebenfalls eine Schwäche für den südländischen Fremden …

Vielleicht hatte die Yiayia ja doch nicht richtig in den Kaffeesatz geschaut, wer konnte das jetzt noch sagen, die Ehe von Eleni und Lefti jedenfalls wurde geschieden. Wie Eleni dann nach Amerika kam und Lefti in St. Pölten landete, stand auf einem anderen Ast der weit verzweigten Familien-Geschichte …

Vea Kaiser wurde 1988 in St. Pölten geboren. Sie hat in Wien Altgriechisch studiert. Makarionissi erschien 2015 und ist ihr zweiter Roman. Ihr Debütroman „Blasmusikpop“ war aus dem Stand ein Erfolgt. Hier verlegt sie die Handlung zum Teil auf eine fiktive griechische Insel und verwebt ihr Familienepos dabei mit der griechischen Sagenwelt. Wer sich dort auskennt, wird immer wieder Paralellen entdecken.

Erzählen kann sie, die Vea Kaiser! Sie trifft immer den richtigen Ton, ist feinsinnig. Ihr Roman ist voll von Wendungen, komplex und verzweigt, trotzdem wird er nie unübersichtlich oder wirkt überladen. Ihre Figuren sind herzlich, nicht schnulzig und auch ihre Nebenrollen sind liebevoll besetzt. Wenn es traurig wird, sorgt ihr feiner Humor für eine Leichtigkeit die man nicht oft findet.

Blut ist dicker als Wasser, es geht um Familie, um Einmischung, Loslassen, Durchhalten, Aushalten. Was in dieser Geschichte geschieht, gibt uns ein Beispiel dafür, was passieren kann, wenn wir nicht lernen aus unseren Fehlern zu lernen …

Burghardt Klaußner, 1949 in Berlin geboren. Vielen bekannt als Bühnen- und Theater-Schauspieler. Er unterstreicht in dieser Hörbuchfassung wunderbar den humorigen Grundton der Autorin. Ich höre ihm so gerne zu, diesmal viel zu kurze zehn Stunden lang! Hoffentlich gibt es bald wieder etwas neu eingelesenes von ihm zu entdecken.

Ein echtes Wohlfühlbuch, Wohfühlhörbuch, mit leichter Feder, entspannt erzählt – genau passend zum Sommer! Punktabzug gibt es bei mir nur für das Cover. Wegen ihm hätte ich die Geschichte selbst nie ausgesucht. Zum Glück gab es für mich die Empfehlung einer Bücherfreundin, Danke Betti, das Du mich auf diese Reise geschickt hast 😉!

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