Selfies ( Jussi Adler-Olsen)

Sonntag, 18.06.2016

Ein Wiedersehen mit alten Bekannten ist was ganz besonderes. Ist es planbar, so freut man sich schon Wochen vorher. Fragt sich, wie werden sich die anderen verändert haben, man packt schon mal gedanklich gemeinsame Erlebnisse und Erinnerungen aus und poliert sie auf. Trifft man sich zufällig und unverhofft, Überraschung pur! So haben wir auf einer Dorfkirmes vor Jahren einen Bekannten aus unserer Jugendclique wiedergetroffen. Das Haar war bei ihm schon deutlich lichter geworden, aber sein Humor von damals, der war noch da. Trotz zahlreicher Schicksalsschläge hatte er ihn sich bewahrt und wir haben gelacht und gealbert, als wären wir wieder Achtzehn. Ein toller Abend. Wenn wir Reisebekanntschaften auffrischen, kommt in meinem Kopf sofort der Urlaub zurück.

Mit den Charakteren aus meinen Lieblingsgeschichten geht es mir genauso. Es ist wie ein Wiedersehen mit alten Freunden. Deshalb lese ich auch schon mal die ein oder andere Serie. Bei Carl Moerk, Assad und Rose geht es mir zum Beispiel so. Hier habe ich, ich gestehe es ein, den fünften und sechsten Band geschwänzt. Als ich Band 7 dann unter den Hörbuch-Neuerscheinungen sah, packte mich dann aber doch sowas wie Heimweh?!. Was war wohl aus Ihnen geworden? Was hatte ich verpaßt? 

Selfies  (Jussi Adler-Olsen)

Dorit wußte genau, dass Sie Opas Geheimzimmer nicht betreten durfte. Heute, an dem Tag als ihr Vater für immer ging, und als ihre Mama sich so furchtbar laut mit Oma gestritten hatte, das ihr schon Ohren weh taten, wußte sie nicht wgohin mit sich. Die Tür war offen, wie eine Einladung, also trat sie ein. Zunächst sah sie ihren Opa gar nicht, nur eine kleine Rauchsäule die sich zwischen den Regalen empor kringelte. Auf seinem Sessel entdeckte sie ihn dann, eine Zigarette rauchend und Fotos auf dem Tisch sortierend. Neugierig war sie näher getreten. Die Fotos an der Wand zogen sie wie magisch an, sie zeigten Menschen die an Stricken baumelten, Männer die im Schmutz knieten und denen eine Waffe in den Nacken gehalten wurde. Auf allen Fotos stand ihr Großvater daneben, sie versteht nicht … Er war ein fleißiger, braver Soldat gewesen, in diesem Weltkrieg, so hatte er es ihr erklärt und er habe sich nur verteidigt und weg jetzt von diesem Bildern, sie könne sie erst verstehen wenn sie älter sei. Wie eine dunkle Gewitterwolke, stand plötzlich drohend ihre Großmutter in der Tür und jagte sie mit der ihr eigenen Strenge laut schimpfend hinaus …

Denise, wie Dorit sich jetzt nannte, lernte Jasmine und Michelle auf dem Sozialamt im Wartebereich kennen. Die drei hatten sich sofort als Seelenverwandte erkannt, sie waren halt echte „Fashion-Victims“ und was ihnen im Leben wichtig war, das sah man auf einen Blick: Arbeiten war es jedenfalls nicht und die Jobs, die man ihnen hier vermitteln wollte, fanden alle drei gleichermaßen unmöglich bis abstoßend. Wie sollte man es denn als Wäscherin, oder in dem man im Altenheim Leuten den Hintern abwischte zu Reichtum bringen? Das war es was sie suchten, den Durchbruch in einer Casting Show zum Beispiel oder diesen einen finden, diesen einen reichen Mann der ihnen alles ermöglichte was sie sich wünschten. Dafür hatten sie schließlich so einiges zu bieten und prüde waren sie bestimmt nicht. Sie waren nur hier um sich über Wasser zu halten bis ihnen genau das gelang. Wenn nur diese blöde Kuh von einer Sozialamtsangestellten, diese Frau Svensen, das nur endlich mal kapieren wollte. Seit Jahren terrorisierte sie sie mit immer neuen Jobangeboten und Drohungen die Zahlungen einzustellen …

Konnte man als Angestellte im Sozialamt, quasi als Quereinsteiger, zum Autoknacker werden? Dank Internet war das möglich, es gab zahlreiche Tipps zu unterschiedlichen Methoden und ganze Einkaufslisten das notwendige Equipment betreffend. So kam es, das Enneline zu üben begann, in wenig frequentierten Seitenstraßen. Zwischen Theorie und Praxis gab es dann aber doch einen Unterschied und nach dem dritten vergeblichen Einbruchversuch, musste sie sich eingestehen, dass es ihr irgendwie an Fingerfertigkeit mangelte. Aufgeben, war jedoch keine Option, sie mußte es schaffen. Eine bessere Waffe, als ein geklautes Auto, für den perfekten Mord an diesen Schmarotzer-Schlampen konnte sie sich nicht vorstellen und schließlich war es soweit, es gelang und sie fühlte sich gut vorbereitet …

Was war denn jetzt wieder los? Erst versuchte offenbar jemand die Aufklärungsquote des Sonderderznats Q zu manipulieren, dann wollte man sie tatsächlich wegen der vermeintlich schlechten Zahlen weg rationalisieren? Das würde er so nicht hinnehmen, angefeuert von Assad nimmt Carl den Kampf auf. Hier war ein Fälscher am Werk, ganz klar. Und warum sitzt jetzt dann auch noch der Produzent der beliebtesten dänischen Fernsehserie „Station 3“ bei seinem Chef und will ausgerechnet die Arbeit seines Derzernats volle drei Tage lang mit einem kleinen knackigen Kamerateam begleiten? Wie, sein Chef hat schon zugesagt?!! Carl faßte es nicht, die Sendung war ein einziger Schwachsinn, sie beschäftigte sich weniger mit der echten Polizeiarbeit als mit dem sozialen Hintergrund der Täter, mit der ewig gleichen Aussage, der gleichen Rechtfertigung „schwere Kindheit“. Eines stand fest, für Carl würde es nicht einfach werden, sein schlecht gelauntes Gesicht aus den Kamerablickwinkeln herauszuhalten … 

Rose hatte wieder mal einen ihrer Blackouts. Vorhin hatte sie sich noch bevor sie das Haus verließ, das Parfüm ihrer Schwester Vicky aufgetragen und war in deren Haut geschlüpft. Das hatte sie schon immer gekonnt, mit dem Duft einer anderen, ihr vertrauten Person, deren Identität überstreifen, wie eine zweite Haut. Sie war zum Friseur gegangen, ihre Haare waren jetzt ultrakurz. Jetzt fand sie sich zu Hause in ihrem Wohnzimmer wieder, die Hose voll gepinkelt, die teure Bluse hing in Fetzen an ihr herab. Eine namenlose Angst hatte sich in ihr breit gemacht. Diesmal war es schlimmer als sonst, diesmal schien die Dunkelheit in ihr komplett die Oberhand zu gewinnen. Wurde sie wirklich und unumkehrbar verrückt? Auf allen Flächen in ihrer Wohnung waren Gesichter zu erkennen die sie unverwandt anstarrten und wisperten und flüsterten. Sie war aufgestanden, hatte fieberhaft nach ihren Markern gesucht und dann zu schreiben begonnen. Auf die Wände, Schränke, Kacheln, Türen, auf die Innenseite des Kühlschranks bis sie alle Flächen bedeckt hatte mit dem immer gleichen Satz „DU SOLLST NICHT HIER SEIN“ …

Es war kein Zweifel mehr möglich. Wie sie so da saß, auf dem eiskalten Badezimmerboden, an Händen und Füßen gefesselt. In dem Klebeband, das ihren Mund verschloß nur ein kleines Loch, aus dem ihr Atem stoßweise entwich, seit gestern hatte sie in Händen, Armen, Beinen und Füßen bereits kein Gefühlt mehr. Mit einem Strohhalm wurde sie mit lebenswichtiger Flüssigkeit versorgt, wann immer ihre Peiniger daran dachten, das war nicht oft gewesen und die Abstände zwischen den Wassergaben wurden jetzt immer länger – es war klar, sie würden sie hier sterben lassen …

Jussi Adler-Olsen, geboren am 2. August 1950, studierte Medizin, Soziologie, Politische Geschichte und Filmwissenschaft. Musiker ist er auch, spielt in seiner Freizeit seine eigene Musik und er ist der Sohn eines Psychiaters, verbrachte als Kind viel Zeit in der Nervenheilanstalt in der sein Vater gearbeitet hat. Davon hat er sehr anschaulich vor ein paar Jahren in einer Lesung zu seinem „Alphabethaus“ erzählt und es ist kein Wunder warum er sich so gut in die menschliche Psyche hinein versetzen kann. Mit seiner Reihe um den querköpfigen Ermittler Carl Moerk hat er sich auch in Deutschland auf den Bestenlisten ganz nach oben geschrieben. Er hat in der Serie seinem Carl, dem unbequemen Eigenbrötler, kurzerhand ein eigenes Derzernat gegeben, eigentlich aber um ihn kalt zu stellen. Es unterstützen ihn eine Assistentin (Rose) und eine syrische „Putzfrau“ (Assad). Bald schon putzt Assad nicht nur, er mausert sich zu einem vollwertigen Assistenten mit geheimnisvollem Background. Die drei Helden haben mittlerweile Verstärkung bekommen. Gordon hat sich sehr gut integriert und ergänzt das Team mit seiner pragmatischen Art volltrefflich. 

Die Fälle aus Band 7 bilden ein zu Beginn schwer entwirrbares Knäuel und diesmal läßt sich Olsen Zeit. Er verzichtet auf einen „zähnefletschenden“ Prolog und entwickelt seine Geschichte weniger blutig, dafür mehr psychologisch, wie gewohnt mit mehreren Handlungssträngen. Rose ist am Boden, völlig abgestürzt und meine „alten Freunde“ Carl und Assad scheint dies wie ein schweres Gewicht niederzudrücken. Das humorvolle dialogische Bälle werfen, wie in anderen Fällen, ist weniger geworden. Jeder kämpft mit seinen Dämonen, beide versuchen sie Rose zu helfen und sind sichtlich betroffen, wie sehr sie den Zustand der Kollegin unterschätzt, ja gar negiert haben. Das Aufschrecken von alten Schatten in ihren „cold cases“ hat Spuren hinterlassen, bei ihnen allen. Erstaunlich wie gut Olsen das transportiert. Einige der Szenen haben mich an seinen ersten Fall Erbarmen erinnert, klaustrophisch und bedrückend.

Unfassbar auch, was man im Internet so alles finden kann. Die ausführliche Anleitung zum Autoklau ist da noch vergleichsweise harmlos. Was nehmen, wenn man für eine Schußwaffe gerade keinen passenden Schalldämpfer zur Hand hatte. Da tut es doch auch ein Ölfilter …

Der Fall, oder die Fälle starten für mich etwas schwerfällig, das ist aber am Ende leicht zu verzeihen, denn wie Olsen die Kurve und mich dann doch wieder kriegt, ist spannende und gute Unterhaltung vom dänischen Thriller-Meister. Auf Zehenspitzen schleichend, spitzt sich die Gesichte zu, hat romanhafte  Züge. Antisemitismus, ein Toter in einem Stahlwerk, ein Selbstmordversuch, mehrere Todesfälle nach Fahrerflucht, da kommt schon was zusammen. Das Drama um meine alte Freundin „Rose“ und wie ihre Kollegen füreinander kämpfen hat mir dabei am besten gefallen …

Wolfram Koch, mittlerweile Olsens Stamm-Sprecher, ich kenne ihn schon von den Hörbüchern der Keplers mit Kommissar Jona Linna, legt hier eine Coolness im Vortrag hin die mir sehr gut gefällt. Bisher hatte ich 4 Bände der Reihe gelesen und ich war gespannt wie es sich anfühlt sie jetzt zu hören. Ich muß sagen, daran kann ich mich gut gewöhnen. Er kennt seine Figuren mir scheint lange und gut und er mag sie offenbar. Selbst die „Tussen“ bringt Koch glaubhaft rüber, nicht gickelig, aber man merkt genau, die sind nicht die hellsten Kerzen auf der Torte 😉

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