So, und jetzt kommst du (Arno Frank)

Samstag, 10.06.2017

Die Welt nochmal durch Kinderaugen sehen! Jeden Tag gibt es Neues zu entdecken, zu erfühlen, neue Helden, neue Freunde kennenzulernen. Sich einfach mal nix bei irgendwas denken, nur erleben. In eine Pfütze springen, ohne sich zu fragen wie später die Flecken wieder raus gehen. Arglos zu sein und vorbehaltlos Vertrauen verfassen, wie ging das nochmal?

Und wer hat eigentlich behauptet, dass nur die großen Figuren der Weltgeschichte spannendes zu erzählen haben? Sind es nicht vielmehr die Geschichten der Nebenfiguren, von denen wir zumeist gar nichts hören oder erfahren, die mindestens ebenso faszinierend sein können?

So, und jetzt kommt du (Arno Frank)

Dieser Abend im Keller, als er seinem Vater hinterher geschlichen war, dieser Abend an dem er seinen Daumen verlor. Neugierig war er gewesen, wie meist, neugierig auf das was sein Vater tat, wenn es vor seinen Augen verborgen war. Schließlich war er erst sechs Jahre alt, da durfte man neugierig sein! Diesmal saß sein Vater auf dem aufgebockten Fahrrad und strampelte wie wild. Komisch so eilig zu strampeln, wenn man dabei nicht von der Stelle kam. Er kauerte im Schatten hinter dem Hinterrad, von seinem Vater unbemerkt und bewunderte das Glitzern der Speichen. Sirrend und unglaublich schnell drehten sie sich. Wie es sich wohl anfühlte sie anzufassen? Wenn er sich nur ein wenig vorbeugte, konnte er sie locker erreichen …

Seine kleine Schwester Jeany hatte eindeutig eine Macke! Ständig stopfte sie Essensreste, Erde und was sonst noch, das wollte er gar nicht wissen, in Gläser schraubte sie zu und ließ vergammeln was vergammeln wollte. Sie hatte eine Heidenfreude dabei zu beobachten, wie diese grünen Fäden darauf wuchsen. Waren sie nicht wunderschön? Gerade eben hatte er unter seinem Bett wieder einen Teller mit altem Hundefutter gefunden. Eklig. So! Er rufe jetzt die Polizei, hatte er ihr erbost gedroht. Das diese fast schon im gleichen Atemzug dann tatsächlich in der Einfahrt stand, konnte doch unmöglich mit den Essen-Experimenten seiner Schwester zu tun haben, obwohl sie das tatsächlich zu glauben schien …

So war die Flucht in dieser Nacht dann eigentlich keine Flucht für ihn, sondern vielmehr die Einlösung eines längst überfälligen Versprechens. Was hatte sein Vater schon vor Monaten immer wieder gesagt? Sie würden bald aufbrechen in ein neues Leben, in ein besseres und endlich würden sie genug Geld haben. Die Ankunft in Südfrankreich und die ersten Wochen fühlten sich dann auch an, wie immerwährende Ferien. Der Papa mietete eine Villa mit Pool! Jeany und Arno wurden in eine teuere Privatschule eingeschult. Jeany fand praktisch sofort eine neue beste Freundin, Susan, eine stinkreiche kleine Engländerin, mit eigenem Pferd und allem drum und dran. Arno, jetzt dreizehn, tat sich schwer neue Freundschaften zu schließen, er bekam zum Ausgleich ein Moped und knatterte mit wehenden Haaren und einem unbändigen Gefühl von Freiheit im Bauch täglich damit zur Schule. Die Mutter verfiel in einen regelrechten Kaufrausch und stopfte das neue Haus mit allerhand Nippes voll. Zwei Hunde gab es auch neu und einen blauen Renault Alpine, einen Sportflitzer für den Papa, mehrmals die Woche Essen im Restaurant am Hafen. Die Kinder wurden für den Segelschein angemeldet. Was für ein Leben! Es ging ihnen super!

Als Oma anrief, war er zuerst am Telefon. Er freute sich riesig, genauso wie sie. Seine Mutter aber verhielt sich irgendwie komisch, sie riss ihm den Hörer aus der Hand und reagierte einsilbig und unwillig auf die Fragen der Oma. Frank kamen erstmals Zweifel, besonders als die Mutter das Wort „Bullerei“ benutzte, dass der überstürzte Aufbruch aus der alten Heimat vielleicht doch nicht ganz in Ordnung ging. Jeany rätselte mittlerweile ja auch, wann denn wohl das Geld alle sei und als dann Werner aus Deutschland noch überraschend zu Besuch kam und so ganz nebenbei fragte: „Was weißt Du eigentlich über deinen Vater?“, da begann auch an seinem Heldenstandbild „Papa“ der Putz zu bröckeln …

Nizza, Cannes, Monte Carlo. Teure Yachten tanzten schaukelnd auf den Wellen, blitzsaubere Decks spiegelten sich in der Sonne. Die Welt der Reichen und der Schönen – und ihnen hatte man eine Tür aufgestoßen, einen Spalt breit stand sie offen und sie wollten nicht nur einen Blick hineinwerfen, sondern eintreten und bleiben. Sein Vater saß neben ihm auf dem Fahrersitz des blitzblauen Renault Alpine und ließ ihn durch die Kurven triften auf dem Weg hinauf nach Grasse. Sein dunkler Anzug lag gefaltet auf der Rückbank, an seinem Handgelenk funkelte die goldene Uhr. Er riskierte einen Seitenblick, wie fokusiert er war, wie selbstsicher. Er konnte ihn sich gut vorstellen, wie er wirken musste wenn er nachts in den Casinos an den Spieltischen das Glück jagte. Es ging Ihnen gut hier, sehr gut und langsam begannen die Grenzen zu verschwimmen, die Grenzen zwischen gut und schlecht, zwischen richtig und falsch, zwischen Helden, Tätern und Opfern, alles schien so einfach – was zugelassen wurde war legitimiert und jeden Tag stand ein Dummer auf …

Diesmal war es eine Flucht gewesen und es hatte sich auch genauso angefühlt. Alles hatte mit diesem Polizisten angefangen und damit, dass sein Vater sich im Wandschrank versteckt und sein Mutter den Polizisten irgendwie abgewimmelt hatte. Papa war anschließend aus dem Schrank getreten, hatte sich still auf’s Sofa gesetzt und zu weinen begonnen. Er hatte seinen Papa noch nie weinen sehen und was war eigentlich dieses Interpol …

Textzitat:“ Solange der Ford Escort aber fährt, existieren wir in einem verzauberten Reich, wo alles reine Richtung und Erwartung ist. Dort sind wir alle beisammen in einer bergenden Glocke aus Blech, zwischen allen Orten. Und alles wird besser, weil es schlechter nicht werden kann. Wird es dann aber doch …“

Portugal: Kaum etwas hatten sie mitnehmen können, jetzt stand die ganze Familie um eine Regentonne und putzte Zähne. Die Nacht in dem Rohbau war naß und zugig gewesen. Alle hatten Hunger, der kleine Fabian quengelte lautstark. Die Hunde hatten schon seit Tagen nichts mehr gefressen, was schleppten sie denn jetzt an? Etwas weißes, stinkendes hatten sie fast triumphierend vor sich her getragen. Als sie es auseinander rissen und ihnen die Scheiße wortwörtlich um die Ohren flog, realisierten alle, dass es Fabians Windeln waren, die sie gierig verschlangen …

Arno Frank, geboren 1971 in Kaiserslautern, ist Publizist und freier Journalist, arbeitet für die taz. Mit diesem Roman hat er sich seine Lebensgeschichte und die seiner Familie von der Seele geschrieben und schreiben kann er! Brilliant balanciert er zwischen Tragik und Komik. Hier noch eine Kostprobe:

Textzitat: „Aus der Gegenrichtung führt der Fluss Nebel, eine flugunfähige Wolkenbank. Als unendlich weiches Hochwasser verschluckt dieser Nebel ganze Stadtviertel, bis nur noch die Spitzen der Hügel inselgleich über das Gewölk herausragen. Tief und lang rollen mit ozeanischer Überfülle die Seufzer der Schiffshörner über das Wasser und laufen klagend aus zwischen den feuchten Mauern der Stadt.“

Frank eröffnet den Roman mit einem Paukenschlag und entwickelt dann entspannt, fast behutsam Figuren und Geschichte. Eine Geschichte von Werten, von Entwurzelung nicht Freiheit, von Vertrauen, Verlust. Dann plötzlich rast er mit uns los, spielt dabei geschickt mit unseren Vorahnungen und treibt uns so weiter voran, Kilometer um Kilometer, Seite umd Seite. Ich will gar nicht wissen, wieviel von dieser Geschichte Fiktion, wieviel dichterische Freiheit und wieviel Wahrheit ist, sie reißt an meinem Herzen bis es wund ist, so grausam, so schön ist sie. Welche Gefühle da in mir streiten weiß ich bisweilen auch nicht, ich hab ständig Gänsehaut und laufe schon blau an, weil ich wieder mal die Luft angehalten habe – das kann doch jetzt nicht wahr sein …

Sollten Eltern nicht Halt, Richtung, Führung und Werte geben, moralisches Verhalten lehren? Wie entwickelt sich denn eigentlich Moral? Kinder handeln zunächst nur um Bestrafung zu vermeiden. Dann lernen sie Kompromisse einzugehen, zu ihrem eigenen Vorteil. Als Jugendliche orientieren sie sich dann oft an den Werten und Normen von „Kumpels“ und der Clique, man lernt von den anderen. Als Erwachsene beginnen sie geltende Regeln und Gesetze der Gesellschaft zu hinterfragen. Bisweilen mit dem Ergebnis moralisch ist, was mir gut tut und danach handle ich. Wenn der Staat, oder die Gesellschaft bestimmen was Eigentum, was Besitz ist, so ist das deren Problem, nicht das Meine. Vater Frank scheint genau das verinnerlicht zu haben.

Sein Satz „So, und jetzt kommst Du“, den ich als ich den Titel las, als Aufforderung verstanden hatte, ist gar keine. Der Vater beendet mit diesem Satz häufig die Schilderungen seiner Großtaten und Ideen und gibt mit diesem Satzfetzen seinem Sohn dann zu verstehen, das er da erst mal hinkommen muss, das das ja wohl nicht zu toppen ist …

Ich bin heilfroh für Arno Frank, dass er gut durch diese Kindheit durchgekommen ist und einen festen Stand in seinem Leben gefunden hat. Sehr mutig diese Geschichte so ungeschönt nieder zu schreiben und zu veröffentlichen. Wie ihm das gelungen ist, zu keiner Zeit gefühlsduselig, ja fast als sachlicher,  immer präziser Beobachter in der eigenen Vergangenheit unterwegs zu sein – alle Achtung! Das Cover ist wunderbar klar und so real wie die Geschichte selbst. Tolle Verpackung für ein unglaubliches Thema.

So, und was kommt jetzt? Die letzte Seite ist umgeblättert und ich muß mich jetzt erstmal sammeln. Schnell ist mir klar, das ist eines dieser Bücher, eines nachdem es schwer ist, dem nächsten eine Chance zu geben. Ich werde wohl ein paar Tage Abstand brauchen – fast platt klingt es da, zu sagen – das Leben schreibt die besten Geschichten … Danke, Arno Frank!

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1 Kommentar zu „So, und jetzt kommst du (Arno Frank)“

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