Nachtzug nach Lissabon (Pascal Mercier)

Sonntag, 04.06.2017

„Einmal verrückt sein und aus allen Zwängen fliehen …“. Gerade eben bin ich wieder einmal heftig im Termindruck und echt urlaubsreif. Wenn mir keine Zeit zum Luftholen bleibt, schießt mir häufig dieser Liedtext von Udo Jürgens in den Kopf. Das wär’s jetzt, einfach raus und weg. Alles hinter sich lassen, neu anfangen …
Als wenn das so einfach wär, aus seinem eigenen „Verhaltensgefängnis“ kann man nicht so leicht ausbrechen und  „ohne Moos, ist auch nix los“ … Ganz klar zuviele Bedenken … 
Vielleicht muss es ja aber gar kein so radikaler Schnitt sein? Warum nicht im Kleinen anfangen? Da fällt mir prombt eine weitere Liedtextzeile ein, diesmal von Xavier Naidoo, sie lautet  „Ich schreib Dir Zeilen aus Gold … weil Du dich nicht auseinander setzt, mit dem was DU willst“.  Jep, wie oft lassen wir uns eigentlich fremdsteuern? Jemand drückt das sprichwörtliche Knöpfchen und wir funktionieren und reagieren genauso wie der andere es will. Wie oft ist mir das schon passiert … 

Von radikalen Brüchen, vom Mut zur Veränderung, davon das Leben in die eigene Hand zu nehmen und von der Liebe zum geschriebenen Wort, handelt auch der Roman, den ich immer mal wieder zur Hand nehme, wenn es mir zu bunt wird. Er bringt mich dann an ein Ziel, das zudem noch ganz weit oben auf meiner Reisewunschliste steht:

Nachtzug nach Lissabon (Pascal Mercier)

War es nicht meist genau so? Tage an denen sich das Leben radikal veränderte, begannen wie jeder andere auch. Harmlos und mit der üblichen Routine. Auch bei Raimund Gregorius war das so. Gregorius war Lehrer am Gymnasium in Bern, verläßlich und präzise wie ein Schweizer Uhrwerk. Seine Schüler nannten ihn Mundus. Er war Altphilologe und unterrichtete Griechisch, Latein, Hebräisch, das ohne Fehl und Tadel.

Täglich um Viertel vor acht passierte er die Brücke, die vom Stadtkern zum Gymnasium führte. Heute war es stürmisch und es regnete heftig. Der Wind hatte ihm den Schirm schon umgedreht und er war im Nu tropfnaß. Die junge Frau, die mitten auf der Brücke ans Geländer gelehnt stand und sich schon so soweit aus den Schuhen gedrückt hatte, das es aussah als wollte sie über ebensolches steigen, ließ Gregorius plötzlich schneller gehen. Im Laufen rutschte seine Aktentaschen und schlug auf, ihr Inhalt verteilte sich am Boden. Sie würde doch nicht ewas springen wollen?

Dieses Aufeinandertreffen, diese namenlose Portugiesin hatte etwas tief in ihm aufgerührt. Ihre leise Wut und Verzweiflung … Er selbst war jetzt siebenundfünfzig und er hatte auch nicht das Gefühl, dass er auf seinem Lebensschiff wirklich der Kapitän war und selbst das Steuerrad in der Hand hielt. Ziellos wanderte er nach dieser Begegnung umher, kehrte ein um einen Kaffee zu trinken. Ließ ihn kalt werden, stand auf und ging wieder. Draußen fiel sein Blick auf die spanische Buchhandlung gegenüber. Hier war er lange nicht gewesen. Als er eintrat umfing in sofort ein vertrauter Geruch, der Staub alter Bücher und Leder, das Leder kostbarer Einbände. Eine junge Frau war mit ihm Raum und bevor sie ging, legte sie beinahe zärtlich ein Buch beiseite. Diese Geste weckte seine Neugier und er nahm das gleiche Buch ebenfalls zur Hand. Der alte Buchhändler war unbemerkt hinter ihn getreten und das Schicksal begann die Seiten seiner Geschichte neu zu schreiben … 

Gregorius hörte den Titel des Buches aus dem Mund des Buchhändlers und als dieser begann leise daraus vorzulesen, war es ihm so vorgekommen, als seien diese Sätze nur für ihn geschrieben worden. Der Buchhändler machte ihm diesen Schatz zum Geschenk, nicht ahnend, dass es der Grund und der Anlaß für den Lehrer sein würde, sein altes Leben abzustreifen wie eine zu groß gewordene Jacke. 

Er hatte es tatsächlich getan! Er saß im Zug, im Nachtzug und war auf dem Weg nach Lissabon. Mitten im Unterricht war er gegangen, er der berechenbare, war unberechenbar gewesen! Die Briefe, die er an seinen Chef den Rektor und an seinen Kollegen geschrieben hatte, würden seinen Abschied erklären, oder vielleicht auch nicht. Er aber war sich sicher, so sicher wie nie vorher, er musste diesen Autor finden, diesen „Goldschmied der Worte“. Er konnte nicht diese Sätze gelesen haben und einfach so weiter machen wie zuvor. Ein bischen ängstlich war er schon, irgendwie, aber es gab kein zurück, nicht jetzt wo er soweit gekommen war, das hier, das war sein Abenteuer …

Peter Bieri wurde 1944 in Bern geboren. Unter dem Pseudonym Pascal Mercier schrieb er seinen Erfolgsroman Nachtzug nach Lissabon, der 2004 erschien und 2013 verfilmt wurde. Er ist Schriftsteller und Philosoph.

Mein Eindruck, damals wie heute – man hält eine komplett zeitlose Geschichte in der Hand. In den Roman eingebettet ist in Auzügen ein zweiter, nämlich der des portugisieschen Autors, der unseren Helden so sehr begeistert, dass dieser für eine Spurensuche alles buchstäblich stehen und liegen läßt. Gregorius unternimmt eine Reise die nicht nur in Kilometern gemessen eine weite ist, er taucht auch tief ein in sein Innerstes. Dabei wird ihm der Autor dem er folgt zum Wegweiser. Der Roman ist wunderbar abenteuerlich, spannend und auch eine Reise in die politische Geschichte Portugals. Er erzählt von Bindungen und Freundschaften, von notwendigen und schmerzhaften Veränderungen. Intelligent, mit einem Tiefgang der mich sehr berührt hat und ich wiederhole mich, damals wie heute. „Einmal verrückt sein und aus allen Zwängen fliehen …“

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1 Kommentar zu „Nachtzug nach Lissabon (Pascal Mercier)“

  1. Eine Bewegende Story! Wahrscheinlich aktuell nicht ganz nach meinem Geschmack, aber literarisch bestimmt sehr gut umgesetzt. Der Titel ist mir wohl bekannt, aber das Buch habe ich noch nie gelesen, muss ich gestehen. Du hast das sehr schön in der Rezension beschrieben. lg Nadine von Nannis Welt

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