Wassermusik (T.C. Boyle)

Sonntag, 21.05.2017

Was ist das nur mit diesem Afrika? Das Wort allein beschwört sofort Bilder herauf. Ich sehe große Tierherden, scheue Giraffen, weite Ebenen, Nomaden, Karawanen, die Sahara vor mir. Uralte Kulturen, die Wiege der Menschheit und auch gewaltige Ströme, den Nil, die Viktoriafälle tosend und gewaltig. Eben wo ich das schreibe fällt mir auf, das gleich vier meiner Lieblingsfilme in Afrika spielen: „Hatari“, „Der Geist und die Dunkelheit“, „Schnee am Kilimandscharo“ und na klar, „Jenseits von Afrika“. Und schon wieder – Bilder, Bilder, Bilder in meinem Kopf und dieses leise trommeln … 

Dann dieser große Autorenname T.C. Boyle. Er stand schon etwas länger auf meiner Wunschliste. Nur welchen seinen Romane für den Start wählen? Sein neuester „Die Terranauten“ war so kontrovers besprochen worden, paßt der zu mir? Die Wassermusik gilt als sein erster Erfolgsroman, warum also nicht von vorne beginnen um ihn kennenzulernen? Als ich dann die ungekürzte Hörbuchfassung von 2015 entdeckte, war es bei den ersten Silben schon um mich geschehen. Schwupps, wurde ich von Stefan Kaminski förmlich eingesaugt und ehe ich mich versah war ich mitten drin gelandet in diesem großen Abenteuer – der Entdeckung und Vermessung des Nigers:

Wassermusik (T.C. Boyle)

1794 Afrika. Die weiße Haut des Schotten Mungo Park musste geleuchtet haben wie der Mond in einer sternenlosen Nacht, inmitten all dieser dunkelhäutigen Mauren. Seine hellen Augen konnten nur eines bedeuten: Er hatte den bösen Blick. Schnell war man sich einig, wie man mit diesem Ungläubigen verfahren wollte, diese Augen mussten verschwinden. Eigens für dieses Vorhaben hatte man einen Helm mit kleinen Platten zur Hand an denen auf Augenhöhe zwei Schraubzwingen saßen …

Mungo verstand zum Glück kein Wort Arabisch, sonst hätte ihn sicher angesichts dieser Aussicht das Grausen gepackt. Die Aufregung verstand er beim Besten Willen nicht und warum setzte man ihn hier, mitten in der Wüste fest? Er war doch ganz und gar in friedlicher Absicht gekommen. Entsandt von der britischen Gesellschaft für die Entdeckung Afrikas und zwar nur zur Vermessung und Kartografierung des Nigers. Das hatte bislang zwar noch keiner geschafft, sei aber nicht weiter schwer, er müsse nur das maurische Emirat Damar meiden. 

Der Niger verlief durch die große Wüste, war elend lang und die Bewohner an seinen Ufern offenbar nicht immer friedfertig. Diejenigen Entdecker, die daran nicht gescheitert waren, hatte das Fieber, eine andere noch namenlose Krankheit oder ein tollwütiger Emir dahin gerafft. Mungo Park, ruheloser Schotte, 25 Jahre jung, wollte es trotzdem versuchen. Gemeinsam mit seinem Übersetzer Johnson und einem Esel und einem ausgemergelten Pferd war er voller Abenteuerlust und Tatendrang aufgebrochen. Alles war auch soweit gut verlaufen, bis auf die Umleitung, die er eigentlich um das Emirat Damar und seinen Herrscher hätte nehmen sollen …

Was für ein Aufruhr!? Wie auf ein geheimnisvolles Stichwort, das er nicht kannte, ist Panik ausgebrochen kaum haben sie das kleine Dorf erreicht. Als Mungo dann den Sand zwischen seinen Zähnen spürte und der Sturm ihn zu Boden warf war es beinahe schon zu spät. Seinen ersten Sandsturm überlebte der arglose Entdecker nur, weil Johnson wieder einmal ein Auge auf ihn hatte. Er war es, der ihn wegschleifte und der beide in diesem Kellerverschlag in Sicherheit brachte. In Sicherheit? Als er dort zu sich kommt und seine Augen sich allmählich an die Dunkelheit gewöhnt hatten, war er sich gar nicht mehr so sicher …

Auf die Flußanreihner mußte dieser Mann wie eine Erscheinung gewirkt haben. Seine Haut schneeweiß. Mit Kaftan, Samtjacke und Zylinder brach er durch die Menge am Ufer und stürzte sich in die schlammigen Fluten, Jubelschreie ausstoßend in einer Sprache, die sie noch nie gehört hatten. Endlich war er am Ziel, endlich hatte er ihn gefunden – den Niger. Acht Monate Entbehrungen, Gefangenschaft und Durst, acht Monate ohne jegliche Nachricht, ohne ein Lebenszeichen in die Heimat, sicher hatten sie ihn schon aufgegeben … 

(Textzitat🙂 „Die Flüsse sind schwanger und gebären Sturzbäche. Regen der wie eine Glasscheibe fällt und am Boden in Splitter und Scherben zerspringt. Monsumstürme toben, die Sümpfe werden bodenlos und die Frösche denken, sie seien dazu bestimmt das Erdreich zu besitzen“. Mungo und Johnson waren auf dem Floß stromabwärts beinahe abgesoffen. Was überleben heißt hatte er erst hier in Afrika gelernt. Oh, wie er das entdecken satt hatte …

Haltet Euch fest, es geht noch weiter und selbst das ist nur ein Bruchteil von Mungos Erlebnissen:

1797 London. Ned Rise hatte eine schwere Kindheit. Als sein Ziehvater ihn das erste mal zum Betteln auf die Straße schickte und Abends verhaute, weil er nichts eingenommen hatte, war das erst der Anfang seines Leidensweges. Um den Ertrag zu verbessern, schien es seinem Vater eine gute Idee ihm die ersten Fingerglieder abzuhaken, da würde man sicher Mitleid mit dem Kleinen haben. Als das Messer auf Neds Hand niederfährt ist sein Schicksal besiegelt, was sollte jetzt noch anderes aus ihm werden als ein Gauner? Wie sonst hätte er, vestümmelt an Körper und Seele, es auch im georgianischen London zu etwas bringen sollen? Wer nicht verhungern wollte, konnte sich bestenfalls in den Dienst eines dieser reichen Pinsel stellen. Ja My Lord, Bitte My Lord, Gerne My Lord – das war nichts für Ned. Er wollte selbst reich sein, eines Tages vielleicht auch verschwinden können von hier. Die Idee mit dem Verkauf des falschen Kaviars war nicht seine schlechteste und die Einnahmen beträchtlich! Das er dann doch aufflog und man ihm den Prozeß machte, hatte wohl am Ende mit seiner Gier zutun und es sah nicht gut aus, wenn er ehrlich mit sich war. Sein Mitinsasse höhnte schon seit Tagen – er werde baumeln, baumeln, baumeln …

1795 Afrika. Soviel hatte Mungo erduldet, überstanden, überlebt, sollte es wirklich ein Vierbeiner sein, der ihn in die Knie zwang? Das Krokodil lag träge aber durchaus wachsam verborgen im Schlamm am Rande der kleinen Nigerinsel. Es war hungrig und es war sich sicher, die Menschlein die sich hier schutzsuchend vor den Fluten zusammengedrängten, würden früher oder später Durst haben und Wasser brauchen. Dieser eine da, der mit der hellen Haut, er schien ihm ein besonderer Leckerbissen zu sein. Das es dann Johnson war, der bis an die Knie ins Wasser watete und den das Krokodil aussuchte, konnte auch Mungo nicht mehr ändern. Als er schreiend und mit erhobenem Messer seinem Dolmetscher und Freund zur Hilfe kommen wollte, hatte ihn das Reptil schon am Fuß gepackt und in tieferes Wasser gezogen …

Ein Brief brauchte in diesen Zeiten bisweilen fünf Monate oder länger bis er England erreichte. Wie viele Jahre, wie viele Gerüchte lang wartete man als Ehefrau auf einen Helden? Wie lange, bevor man die Hoffnung endgültig aufgab?

T.C. Boyle lebt in Kalifornieren und wird mittlerweile als Kultautor gehandelt. Es geht die Rede, er habe dem historischen Roman in Amerika zu neuem Ansehen verholfen. Die historischen Fakten, die vielen seiner Romane zu Grunde liegen, sind stets fundiert recherchiert. Er strickt um sie herum mal realisitsche, mal absurde Geschichten, aber immer mit viel Liebe zum Detail. Wassermusik erschien in Amerika bereits 1982.

Alter Verwalter, was für ein Erzähler, was für ein Erzählstil! Was für eine Übersetzung! Bislang wußte ich gar nicht, dass man auch Wimmelbücher hören kann 😉 ! Szenen so bildhaft und detailreich, das man gar nicht weiß wo man zuerst hinhören soll, so viel gibt es zu entdecken. Mit Wucht beschreibt er, mal drastisch, mal gefühlvoll, mal eindringlich bleibt daber immer authentisch. Und ein ganz eigener Humor, bisweilen auch ein derber, wohnt in seinem Roman. 

Ob Mungo Park, der leibhaftige Entdecker tatsächlich so tickte, egal! Ob es Ned Rise wirklich gab – so what? … Boyle stellt im Vorwort auch klar, dass es ihm hier nicht wichtig war, alles immer auch historisch korrekt wiederzugeben. Und doch, man spürt die Fakten genau, sie geben seiner Geschichte den ganz besonderen Touch, sie hat Fleisch an den Knochen … All diese Entdecker, ihr Leid, ihre Qualen, die Unbill die sie auf sich genommen haben. Was hat sie nur motiviert und angetrieben? 

Das georgianische Zeitalter war wahrlich düster, da erzählt er uns nichts neues. Bei ihm aber riecht und spürt man den Dreck in Londons Gassen. Und immer wieder Afrika! Man schüttelt sich quasi den Sand aus den Ohren, wringt seine Kleidung aus, schwitzt, fiebert, spürt Hunger und Durst. Und dann diese herrlich schrägen Figuren die seine Geschichte bevölkern, zahlreich und bunt. Wütende Flusspferde, Krokodile, wilde Eingeborene, dickköpfige Entdecker, Snobs, Huren, Klatschweiber und Ehefrauen. Liebe, Freundschaft, Abenteuer, Verrat, Rache, Leid, Krieg, Tod und Verderben all das in einer einzigen Geschichte. Und wo man da überall rum kommt, der Sahel, London, die schottischen Highlands. 

Ob Hexe, Kanibale, Freund oder Feind – er kann sie alle: Stefan Kaminski! Aus dem Stand bin ich sein Fan geworden. Ich will ihn gar nicht vergleichen, denn diese seine Darbietung ist einzigartig. Er war es, wegen ihm habe ich mich für diese Fassung der Geschichte entschieden – für das Hörbuch und er hat bis zur letzten Silbe sein Versprechen gehalten. Er ließ mich über 21 Stunden lang an dieser Geschichte kleben wie eine Klette, staunend, lachend, kopfschüttelnd, atemlos. Für mich ist sein Vortrag der Beweis dafür wie intensiv sich Sprecher und Geschichte gegenseitig befruchten können … 

Das war sicher nicht mein letzter Kaminski und auch nicht mein letzter Boyle! Oh Mann, ich bin echt hinüber 😉💖

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