Der Schnee, das Feuer, die Schuld und der Tod (Gerhard Jäger)

Sonntag, 09.04.2017

So schnell geht das und schon hat man einen neuen Kollegen, Nachbarn oder den Postboten in eine Schublade gesteckt. Es gibt keine zweite Chance für den ersten Eindruck, sagt man doch auch. 

Der ist aber arrogant, die ist vielleicht nett und er so hilfsbereit. Einmal einsortiert, kommt die oder derjenige aus ihrer/seiner Schublade auch nicht mehr so schnell raus. Ist die Schublade eine „gute“ sind wir bereit vieles zu verzeihen, bevor wir um- oder aussortieren. Ist die Schublade eine „schlechte“ wird es auch schon mal eng. In der gar nicht mal so fernen Vergangenheit wurde es vor allem für heilkundige Frauen schon mal richtig eng. Konnte man sich deren Erfolg nicht erklären, waren sie meist aus Sicht der anderen mit dem Teufel im Bunde und war die Schublade „Hexe“ erst mal geöffnet, nahm dies für die betroffenen Frauen oft ein tödliches Ende …

Herbst, 1950. Max Schreiber, 25 Jahre alt, ist geflohen in die Berge um zu schreiben. Geflohen vor seinem alten Leben in Wien, wo ihm seine Freundin unlängst eröffnet hat, dass sie lieber mit einem Gärtner lebt, als mit ihm dem studierten Historiker. Max trifft das wie ein Schlag, gut seine Leidenschaft für die Hexenverfolgung hat sie immer belächelt, aber Trennung? Was hat dieser Gärtner ihr schon zu bieten, er dagegen, als Studierter … 

Hier wird er Ruhe finden, die Ruhe die er braucht um diese Geschichte aufzuschreiben, diese eine Geschichte. Direkt am Ort des Geschehens will er recherchieren, mit denen sprechen die sich noch erinnern. Gibt es vielleicht sogar noch lebende Nachfahren unter den Dorfbewohnern? 

Lange bevor der Bus die Bergstraße herauf rumpelt und ihn an der einzigen Haltestelle im Dorf auspuckt, hat es in dem kleinen Örtchen die Runde gemacht, tuschelt man hinter vor gehaltener Hand. Er kommt um in der Vergangenheit zu wühlen, um die Katharina geht es, um die Schwarzmann. Warum kann er sie nicht ruhen lassen, sie und die Vergangenheit? Was haben sie schließlich heute noch damit zu schaffen? Fast ein Jahrhundert ist es her …

Wie eine Wand schlägt Max Schreiber das Mißtrauen entgegen, als er in dem kleinen Bergdorf in so malerischer Kulisse Quartier bezieht. Ruhe wollte er hier finden, Abstand gewinnen, stattdessen trifft er auf eisiges Schweigen, Ablehnung und ja, teils offene Feindseligkeit. Endlose Spaziergänge unternimmt er, unerfahren mit den Unbillen, die die Berge und das Wetter hier oft mit sich bringen. Bis an den Rand sein Kraft, körperlich und geistig führen ihn dieses Dorf und seine Bewohner. 

05. Januar 1856. In dieser Nacht, als der Hof von Katharina Schwarzmann brennt sind alle im Dorf auf den Beinen. Aufgereiht stehen sie vor davor, mit Schaufeln und Harken in den Händen. Als endlich eine Frau aus den Flammen über den Türrahmen ins Freie tritt, stehen die Männer drei oder vier Meter vor ihr, einer hält eine Mistgabel in den Händen. Katharina wird klar, diese Männer sind nicht zum Helfen gekommen! Sie weicht zurück, zurück in das brennende Haus, bis sie selbst brennt. Wie eine Fackel. Die Hex!

Dieses Grollen kommt nicht aus der Tiefe, aber es ist nicht minder bedrohlich. Dicht zusammengedrängt in der kleinen Dorfkirche hält man gemeinsam den Atem an, harrt aus über Tage, betet. Seit Wochen hat es geschneit. Die Alten im Dorf sagen so viel Schnee hat es noch nie gegeben. Schon längst sind alle vom Schaufeln entkräftet, liegen die Schneewände am Rand der Hauptstraße über mannshoch, zu den meisten Hauseingängen ist nur noch ein schmaler Pfad frei, die Straße ins Unterdorf längt unpassierbar. Abgeschnitten von der Außenwelt harren sie aus, in ständiger Furcht vor ihr. Der Lantobel-Lawine. Jährlich geht sie ab, bahnt sich ihren zerstörrerischen Weg ins Tal. Doch in diesem Winter, im Jänner 1951 wird es nicht nur eine Lawine sein. Dreißig Abgänge zählt man im Nachgang in der Dorfumgebung, sieben davon treffen das Dorf …

Gerhard Jäger, geboren 1966 in Dornbirn. Veröffentlicht mit „Der Schnee …“ seinen ersten Roman. Was für eine Geschichte! Auf keinen Fall will ich mehr verraten! Ich habe ihn heute früh zu Ende gelesen und sitze jetzt hier und bin mich am Sortieren. Vom ersten Satz an steckte ich mittendrin, feinfühlig und schicksalhaft verbindet Jäger zwei Zeitebenen.

Sprachlich außergewöhnlich, fast wie Mantras wiederholt er Satzteile, schafft so eine Eindringlichkeit die mich tief beeindruckt hat. Von Beginn an, war ich seiner Hauptfigur ganz nah, fassungslos habe ich mit ihr gelitten und gehofft. Den Aufbau des Romans, Wendungen und Auflösung finde ich meisterhaft. Erst habe ich mich über den langen Buchtitel gewundert,  jetzt zum Ende hin ist er klar, als die logische Konsequenz …

Wer wie ich nicht in und mit den Bergen lebt, hört zwar mal von abgehenden Lawinen im Wetterbericht, davon körperlich bedroht zu sein, um sein Leben zu fürchten, davon macht man sich aber keinen Begriff. 

Online habe ich einen Artikel des Spiegels vom 07.02.1951 gefunden. Eine außergewöhnliche Wetterlage hatte bereits im November 1950 zu unglaublichen Schneemengen in den Alpen geführt. Die Anzahl der Schadlawinen, die dann im Januar abgingen, war so hoch wie sie in den 2000jährigen Wetteraufzeichnungen bislang nicht verzeichnet wurde. Auf schweizer Seite gab es die größten Schäden, starben die meisten Menschen. Von einem Einzelschicksal, dem des Bauern Wimpissinger mit seiner Familie, wohnhaft auf der Nauz-Alp in einem Bergdorf auf 1.400m Höhe, ist in dem Artikel die Rede. Ein Schicksal, das auch Jäger in seinem Roman nachgezeichnet hat und das ihn noch authentischer macht.

Die Atmosphäre in dem kleinen Bergdorf beschwört Jäger so anschaulich herauf, dass auch mir die Nasenhaare gefroren sind und die Nackenhaare aufrecht standen … Er nimmt uns mit in eine Welt, die wie aus der Zeit gefallen scheint. Hier glaubt man noch an den bösen Blick, an Vorsehung. Er verwebt den Lawinenwinter 1951 in seiner Dramatik mit dem Schicksal von Max Schreiber und mit einem Mordfall so geschickt, dass ein ganz besonderer Spannungsbogen entsteht. 

Was für ein großartiger Roman! Wie soll ich jetzt bloß die nächsten Tage ohne Max Schreiber bestreiten? So sehr hatte ich mich daran gewöhnt mit ihm in den Bergen unterwegs zu sein …

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