Gehe hin, stelle einen Wächter (Harper Lee)

Sonntag, 26.03.2017
Erinnert Ihr euch noch an den Film „Grüne Tomaten“?

Idgie Threadgood betreibt mit ihrer Freundin Ruth das „Whistle Stop Cafe“ im kleinen Örtchen Whistle Stop/Alabama. Selbstbewußt, rebellisch und stark setzt sie sich dafür ein Schwarze in ihrem Cafe gleichberechtigt bedienen zu dürfen. Sie setzt sich ein für ihre Freundin Ruth, die vor ihrem gewalttätigen Ehemann geflohen ist. Seine Leiche verschwunden, im Barbecue „verwertet“ und im Cafe serviert, nimmt sie im Mordprozeß vorsätzlich die Schuld auf sich, weiß sie doch, das die Angeklagte, ihre Köchin Sipsey, keine Chance hätte. Schwarze Frau tötet weißen Mann …

In dieser Geschichte habe ich eine ähnlich rebellische und liebenswerte Heldin wiedergetroffen:

Gehe hin, stelle einen Wächter (Harper Lee)

Mitte der 1950er Jahre, Maycomb/Alabama, verschlafen, südstaatlich schwül. Jean-Louise Finch, genannt Scout, ist auf dem Heimweg von New York nach Maycomb, in ihre Heimatstadt, wie in jedem Sommer seit numehr fünf Jahren, um ihren Vater Atticus zu besuchen und Henry, den sie heiraten könnte, wenn Sie denn wollen würde …

Rückblende: Fast fünfzehn ist Jean-Louise, das wäre dann jetzt ihr erster Ball. Drei Tage lang ist sie allein damit beschäftigt was sie anziehen soll. Als sie sich endlich für DAS Kleid entschieden hat und es anprobiert, sieht sie irgendwie doof aus (findet sie). Abhilfe schafft sie dann, mit einem künstlichen Busen, der in der Eile aber nicht mehr festgenäht werden kann. Wir ahnen es schon, obwohl sie allzu hitzige Tänze vermeidet, rutscht ihr mitten im Geschehen der rechte Busen unter die Achsel. Ihr Tanzpartner Henry, schon in der zwölften Klasse, reagiert geistesgegenwärtig, bevor Scout es selbst bemerkt und bugsiert sie eng an sich gedrückt vor die Tür. Als ihr die Peinlichkeit der Situation bewußt wird, will sie nur noch eins – nach Hause, sofort!  Henry sieht das allerdings völlig anders, greift beherzt in ihr Dekollté fördert den künstlichen Busen zutage und schleudert ihn in die Dunkelheit. Ein folgenschwerer Vorfall, wie sich am nächsten Morgen zeigen soll …

Mitte 1950. Es ist der erste Abend nach Jean-Louises Heimkehr, ein Sonntag. Mit Henry ausgehen wäre schön – aber er und ihr Vater haben andere Pläne, sie wollen ins Gericht? Irritiert schleicht Scout ihnen heimlich nach. Wie bitter sollte Sie das noch bereuen, denn an diesem Abend, verborgen auf dem Balkon des Gerichtssaales, in dem sie ihrem Vater, dem erfolgreichen Anwalt, so oft schon bei seinen leidenschaftlichen Playdoyers gefolgt ist, gerät ihre wohlgeordnete Welt aus den Fugen. Ihr Vater war bis heute die moralische Instanz in ihrem Leben, er war das Sinnbild von Integrität für sie. Was sie jetzt sieht, kann und will sie nicht glauben. Ihr Vater im Bürgerrat der Gemeinde? Beisitzer wenn es um rassistische Hassparolen geht? War nicht er es, der damals (sie war erst sieben) als erster weißer Anwalt für einen Jungen Schwarzen, der wegen Vergewaltigung eines weißen Mädchens angeklagt wurde einen Freispruch erwirkt hat? Niemand wollte diesen Fall annehmen, seinem Ruf würde es schaden, das alles hatte Atticus nicht interessiert. Wie konnte Sie sich nur so in ihm getäuscht haben? Neben ihrem Vater im Bürgerrat – Henry. Doppelter Verrat! Jean-Louise ist speiübel, taub vor Enttäuschung und Entsetzen taumelt sie aus dem Gericht, übergibt sich in die Büsche und wankt nach Hause. Wie kann Sie ihrem Vater und Henry noch in die Augen sehen? Wie konnte Sie IHRE Augen nur so fest verschließen vor dem, was hier vor so offensichtlich vor sich geht? 

… Der Schlag kommt unvermittelt und ist heftig! Jean-Louise schaut ihrem Onkel erschrocken ins Gesicht, tastet dann nach ihrer blutig aufgesprungenen Lippe. Was hat sie getan? Der Streit mit Henry, ihrem Vater – Worte wie Messerstiche, nein eher wie Schwerthiebe …

Harper Lee, geboren 1926 in Monroeville/Alabama, verstorben im Februar 2016, hat mit „Wer die Nachtigall stört“ Amerikas Nationalroman geschrieben, Lee wurde vielfach ausgezeichnet, erhielt den Pulitzer Preis. Oscarreif verfilmt mit Gregory Peck in der Rolle des Atticus Finch. 

Das Manuskript von „Gehe hin, stelle einen Wächter“ galt als verschollen, bis es 2014 von einer Freundin der Autorin entdeckt und 2015 veröffentlicht wurde. Obwohl vor der „Nachtigall“ geschrieben, liegt die Handlung des „Wächters“ zeitlich danach. Jean-Louise ist jetzt Anfang zwanzig, eine junge Frau, in der Nachtigall war sie sieben Jahre alt. 

Harper Lee, die Tochter eines Anwalts, hat selbst Jura studiert, ihr Studium aber abgebrochen und sie war die Nachbarin von Truman Capote in Monroeville. Mit dem Freund aus Jugendtagen, er für alle Augen schwul, sie burschikos, dafür bekannt Männerkleidung zu tragen und schachtelweise Zigaretten zu rauchen, verband sie der Wunsch Schriftsteller zu werden. Die Figur der Scout Finch ist ihr vielleicht genau deshalb so glaubwürdig und lebensecht gelungen. Lees Roman ist vielmehr als nur ein Aufruf zu Toleranz und gegen Rassismus. Sie schreibt von elterlicher Prägung, unausgesprochenen Wahrheiten, und ist mit dieser Geschichte heute auf traurige Weise genauso aktuell wie in den fünfziger Jahren. Humorvoll, die Dialoge spritzig, serviert sie diese aufrüttelnde Handlung.

Nina Hoss liest die Hörbuchfassung. Sensibel für die Stimmungen der Romanheldin, mal südstaatlich relaxt, mal streitlustig. Ihre angenehme Stimme und Tonalität werde ich für immer im Ohr haben, wenn ich an Scout Finch zurückdenke – und das werde ich!

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