Der Kreis der Rabenvögel (Kate Mosse)

Samstag, 18.03.2017

Es muß jetzt mehr als dreißig Jahre her sein, als mein Vater einen Raben mit nach Hause brachte. Er war wohl aus dem Nest gefallen, und verschleppt worden, vielleicht von einer Katze … Er war noch nackt, blind und fiebte ganz erbärmlich vor Hunger. Mein Vater züchtete damals Vögel für den Zoohandel, zahlreiche Volieren mit Kanarienvögeln, Wellensittichen und Exoten waren im Keller und ums Haus verteilt. Know How und Ausstattung waren also vorhanden, so zog Jakob also bei uns ein und wir zogen ihn mit der Hand auf. Bald schon hüpfte er neben mir her über die Wiese am Haus und als er flügge wurde, saß er meist auf dem Küchenfensterbrett meiner Großmutter im Erdgeschoß, mit schief gelegtem Kopf und krächzte zur Begrüßung, wenn ich aus der Schule nach Hause kam.

In seinem ersten Sommer entdeckte Jakob seine Leidenschaft für die nackten, rot lackierten Fußnägel meiner Freundin und für den Fensterkitt im Fachwerkhauses unserer Nachbarn, den er fein säuberlich rauspickte. Jetzt also war die Zeit gekommen, Jakob wieder in die Freiheit zu entlassen. Wir brachten ihn dorthin zurück, wo mein Vater ihn als Junges gefunden hatte. Dort lebte auch tatsächlich eine Gruppe Raben. Noch Jahre danach, wenn ich ein Krächzen hörte, ich einen Raben mit schief gelegtem Kopf sah, ging ich auf ihn zu und flüsterte fragend „Jakob?“.  Leider habe ich ihn nie mehr wiedergesehen, und lange Zeit habe ich nicht mehr an ihn gedacht, bis ich dieses Buch-Cover sah:

Der Kreis der Rabenvögel (Kate Mosse)

1912, Fishbourne, im Marschland bei Sussex.

Blut, Haut, Knochen …

Mittwoch, 24.April, Mitternacht. Auf dem Friedhof der Kirche St. Peter & St. Marie versammeln sich schweigend einige Männer. Abwartend, beobachtend, starren Sie in die Dunkelheit. Gemäß eines Glaubens, der bereits im Jahre 1813 verbrieft wurde, soll man in der Nacht vor dem Tag des heiligen Markus zur vollen Stunde sehen können, wie die  Geister derer, denen bestimmt ist im kommenden Jahr zu sterben in die Kirche einziehen. In den meisten Teilen von Sussex ist dieser Aberglauben längst ausgestorben, aber nicht hier im Schatten der alten Salzmühle bei Fishbourne. Connie die Tochter des Tierpräparators Gifford ist ihrem Vater im strömenden Regen durch die Marsch bis zur Kirche gefolgt. Ihr Vater ist ein gebrochener Mann, längst dem Alkohol verfallen, meidet er nahezu jeglichen Kontakt. Doch mit diesen Männer, die sich tropfnaß vor der Kirche versammelt haben, scheint ihn etwas zu verbinden, etwas unausgesprochenes, düsteres und wer ist diese Frau die im Verborgenen die Szenerie beobachtet. Connie hat sie hier im Dorf noch nie gesehen …

Connie hat wieder einen Anfall. Nach ihrem Unfall vor zehn Jahren, sind ihre diese „petit mals“, Epilepie-Anfälle, bis heute geblieben. Mit zwölf war sie so schwer auf der Treppe gestürzt, dass sie sich an die Zeit vor dem Sturz nicht mehr erinnern kann. Die „verschwundenen Tage“ nennen sie und ihr Vater diese Zeit, zwölf verlorene Jahre. Ihre Mutter hat Connie nie kennengelernt, früh ist sie gestorben und ihr Vater war allein mit ihr zurückgeblieben.

Blut, Haut, Knochen – damit kennt Connie sich bestens aus. Hat sie ihren Vater doch schon früh in seiner Werkstatt beobachtet und von ihm gelernt. Berühmt war er, gefragt als Tierpräparator, sogar ein kleines Museum hat er geführt. Alles dahin, nach einem verlorenen Rechtsstreit, den hohen Arztrechnungen für Connie. In die Einsamkeit ist er mit ihr gezogen, als sie wieder bei sich war. Über die Vergangenheit spricht er nicht nur nicht, er verweigert sich geradezu. Mehr schlecht als recht hält sie der Beruf des Vaters, der früher einmal seine Berufung war, jetzt noch über Wasser. Nie verwunden scheint er es zu haben, sein Museum aufgegeben zu müssen. Alkohlabhängig und verbittert, oft nicht mehr in der Lage sein Tagwerk zu verrichten, hat Connie die kleine Werkstatt übernommen …

Dohle, Elster, Rabe, Krähe …

Marie, das Hausmädchen der Giffords schreit gellend. Die Wäsche, die sie aufhängen wollte liegt rings um sie herum im Dreck verteilt. Connie Gifford kriegt nur mit Mühe aus ihr heraus, was sie so erschreckt hat. Dort im Priel, der nah beim Haus der Giffords vorbei führt liegt eine Frauenleiche und Connies Vater ist wie vom Erdboden verschluckt …

Kate Mosse, britische Erfolgs-Autorin, wohnt in Sussex und arbeitet auch als Fernsehmoderatorin für die BBC, wo sie eine regelmäßige Büchersendung hat. Mit dem „Kreis der Rabenvögel“ hat sie eine Mischung aus düsterem Krimi und historischem Roman erschaffen. Bisweilen braucht man einen starken Magen, so forensisch und lehrbuchgenau schildert sie,  die Praktiken der Taxidermie (Tierpräparation). Mir war bis dato nicht bewußt, wie geachtet und wie weit verbereitet dieses Handwerk um neunzehnhundert in England war. Schenkte man sich doch zur Silberhochzeit auch schon mal eine ausgestopfte Eule, oder zum bestandenen Examen einen Falken. Mit schaurig schönen Gedichten ergänzt Mosse die Handlung. Mein Kopfkino war diesmal in schwarzweiß, wie in einem alten Edgar Wallace Film, auch Miss Marple hätte sich hier wohl gefühlt. Die Stimmung in und um Blackthorne House ist mal nebelverhangen, mal whiskeyschwanger aber immer atmosphärisch dicht. Man wird als Leser entführt ins viktorianische England und verführt zum mit ermitteln. Das Finale – furios, Sturm und ertrinkendes Land! Ein wunderschön gestaltetes Cover umfaßt diesen Roman und die Geschichte hält was es verspricht!

Die Hörbuch-Fassung wird fesselnd vorgelesen von Tanja Geke, einer erfahrenen Hörbuchsprecherin. Sie haucht der Handlung mit Wispern und Flüstern Leben ein und jagte mir so manch einen Schauder über den Rücken …

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